Jüdisches Erbe in Wien: Der Friedhof in der Rossau
Source: https://www.onb.ac.at/mehr/blogs/detail/juedisches-erbe-in-wien-der-friedhof-in-der-rossau
Archived: 2026-04-23 17:19
Jüdisches Erbe in Wien: Der Friedhof in der Rossau
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Jüdisches Erbe in Wien: Der Friedhof in der Rossau
Forschung
22.04.2026
Das besondere Objekt,
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Das Aquarell einer*s unbekannten Künstlerin*s führt zu einem zentralen Erinnerungsort, an dem fast 500 Jahre jüdischer Geschichte Wiens präsent sind.
Autor: Nikolaus Schobesberger
Im Bestand der topographischen Ansichten der Kartensammlung der Österreichischen Nationalbibliothek (ÖNB) befindet sich ein schönes Aquarell aus dem 19. Jahrhundert, das den israelitischen Friedhof in der Rossau sowie das jüdische Versorgungshaus in der Seegasse darstellt. Das Blatt ist weder datiert noch signiert, über seine Entstehung und auch über seinen Weg in unsere Sammlung lässt sich nur spekulieren.
Der Friedhof erscheint verwachsen und verwildert. Zahlreiche Grabsteine stehen schief oder sind bereits umgefallen. Auch das im Hintergrund dargestellte Versorgungshaus scheint seine Blütezeit hinter sich zu haben: Die Fassade ist verschmutzt, die Fensterläden sind geschlossen. Im Vordergrund ist eine einzelne Person zu erkennen, die anhand ihrer Kleidung als jüdischer Mann identifiziert werden kann. Er trägt einen weiten, nachtblauen Mantel mit Gebetsgürtel (Gartel) sowie einen Schtreimel, den pelzbesetzten Hut chassidischer Juden. Seine zum Gebet erhobenen Hände wirken beinahe klagend.
Abb. 1: Wien IX., Seegasse, Detail, ÖNB Vues III 38042 KAR MAG
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Mit seinem naturalistischen Aquarell führt uns der*die unbekannte*r Künstler*in in eine ebenso stille wie mystische Szene. Fast wie in einem Vanitasgemälde wird der fortschreitende Verfall des vom Menschen Geschaffenen durch die Natur vor Augen geführt. Zugleich eröffnet sich eine intime Momentaufnahme der Andacht. Der dargestellte Zustand von Friedhof und Versorgungshaus legt eine Entstehungszeit um die Mitte des 19. Jahrhunderts nahe.
Es erscheint beinahe wie ein Wunder, dass dieser Ort bis heute erhalten geblieben ist. Er liegt verborgen im Innenhof eines Pensionistenwohnheims, mitten im 9. Wiener Gemeindebezirk. Der Friedhof ist ein Ort außergewöhnlicher historischer Dichte: die älteste noch erhaltene israelitische Begräbnisstätte Wiens und ein zentraler Erinnerungsort jüdischer Geschichte.
Abb. 2: Der Jüdische Friedhof in der Seegasse um 1906 (Wien Museum 180813)
Errichtung und frühe Nutzung
Der erste nachweisbare jüdische Friedhof Wiens befand sich vor dem Kärntnertor und bestand von 1244 bis 1421. Mit der Vertreibung der Jüdinnen und Juden im Spätmittelalter ging dieser Begräbnisort verloren. Erst im 16. Jahrhundert konnte mit dem Friedhof in der Seegasse in der Rossau erneut eine jüdische Begräbnisstätte eingerichtet werden. Gesichert war der Friedhof seit 1582 in Verwendung. Dies lässt sich mit dem ältesten erhaltenen Grabstein von Ester, Tochter des Akiba, belegen.
1
Es ist davon auszugehen, dass der Friedhof bereits Jahrzehnte davor in Verwendung war, die ursprüngliche Datierung mit 1517 ist jedoch in der neueren Forschung widerlegt. Wahrscheinlich ist eine Nutzung ab den 1540er Jahren. Bis 1783 diente der Friedhof in der Rossau als Hauptbegräbnisstätte der jüdischen Gemeinde Wiens.
Im Judentum gelten Friedhöfe als „Haus der Ewigkeit“. Sie dürfen weder verlegt noch zerstört werden.
2
Diese religiöse Vorstellung verlieh dem Friedhof in der Seegasse eine besondere Bedeutung und sollte maßgeblich dazu beitragen, dass er – im Gegensatz zu vielen anderen historischen Orten jüdischen Lebens – bis heute erhalten blieb.
Die Existenz des Friedhofs ist untrennbar mit den politischen und religiösen Spannungen der Gegenreformationszeit verbunden. Bereits 1624/25 waren die Wiener Jüdinnen und Juden durch ein Dekret Kaiser Ferdinands II. aus der Stadt verbannt und im neu errichteten Ghetto im „Unteren Werd“, einem Teil der heutigen Leopoldstadt, angesiedelt worden. Trotz dieser räumlichen Einschränkung bestätigte Kaiser Leopold I. 1659 die Privilegien der Wiener Jüdinnen und Juden und gestattete ihnen 1663 sogar, bei Türkengefahr innerhalb der Stadt Zuflucht zu suchen.
Abb. 3: Der Untere Werd, Detail aus der Stadtansicht Wiens von Alten Allen um 1680, ÖNB Vues IV 78006 Rolle KAR MAG
Die Zweite Wiener Gesera 1669/1670
Ende der 1660er Jahre änderte sich die Situation für die Wiener Jüdinnen und Juden dramatisch.
3
Die antisemitische Stimmung in der Wiener Bürgerschaft hatte sich zugespitzt. 1665 wurde eine zerstückelte Frauenleiche in der Judenstadt gefunden und der Mord den Jüdinnen und Juden angelastet. Zudem wurden sie verdächtigt, mit den Osmanen im Bund zu stehen. Zusätzlich hatte sich die Stimmung am Kaiserhof gedreht. Kaiser Leopold I. hatte 1666 seine Nichte und Cousine, die 15-jährige spanische Infantin Margarita Theresa geheiratet. Sie war in Spanien von einer streng katholischen Frömmigkeit geprägt worden und machte die jüdische Bevölkerung Wiens für persönliche und politische Schicksalsschläge verantwortlich, darunter den Tod ihres erstgeborenen Sohnes Ferdinand Wenzel im Jänner 1668 sowie den Brand des neu erbauten Leopoldinischen Traktes der Hofburg im Februar desselben Jahres.
4
Nach Aussage von Esaias Pufendorf, dem schwedischen Residenten am Hof, glaubte die Kaiserin, dass sie keinen Thronfolger gebären könnte, solange Jüdinnen und Juden in der Stadt lebten.
5
Abb. 4: Kaiser Leopold I. und Infantin Margarita Theresa von Spanien in Theaterkostümen, Jan Thomas van Ieperen,1667, KHM
Unterstützt wurde sie von einflussreichen kirchlichen Akteuren wie dem Bischof von Neutra, Leopold Karl von Kollonitsch, dem Kapuziner Emerich Sinelli sowie dem Beichtvater des Kaisers, dem Jesuiten Philipp Müller. Unter diesem Einfluss erließ Kaiser Leopold I. am 19. Juni 1669 in der Geheimen Konferenz die Ausweisung aller Jüdinnen und Juden aus Österreich unter der Enns. Ein kaiserliches Patent vom 2. August 1669 setzte eine Frist zur Räumung der Häuser, die schließlich bis zum 26. Juli 1670 verlängert wurde.
6
Mehr als 1.600 Menschen mussten Wien verlassen. In Anlehnung an die Erste Wiener Gesera von 1421 wird die Ausweisung der Wiener Jüdinnen und Juden als Zweite Wiener Gesera bezeichnet. Berichte über Pogrome wie im Spätmittelalter fehlen zwar, doch die Vertreibung bedeutete für viele den Verlust von Besitz, Existenzgrundlage und Heimat. Nur wenige reiche und einflussreiche Familien blieben vorübergehend zurück und versuchten erfolglos, mit Bittschriften und Interventionen den Entschluss rückgängig zu machen.
Abb. 5: „Jüdische neue Zeitung vom Marsch aus Wien und anderen Orten…“ Flugblatt zur Vertreibung der Wiener Juden 1670 (Wien Museum 199198)
Der Friedhof „auf ewige Zeiten“
Vor ihrem endgültigen Abzug gelang es der jüdischen Gemeinde, den Wiener Magistrat zu überreden, zumindest den Friedhof in der Seegasse unter städtischen Schutz zu stellen. Dafür verlangte die Stadt 4.000 Gulden, die von den wohlhabenden Brüdern Isaak, Israel und Enoch Fränkel aufgebracht wurden. Dieses Anliegen war auch persönlicher Natur: Ihr Vater Jakob Koppel Fränkel, ein bedeutender jüdischer Kaufmann, war am 17. April 1670 verstorben und als einer der letzten Personen auf dem Friedhof bestattet worden. Mit der Zahlung wurde der Friedhof „auf ewige Zeiten“ für unantastbar erklärt – ein Vertrag, der bis heute rechtliche und symbolische Gültigkeit besitzt.
Die Vertreibung der Wiener Jüdinnen und Juden führte zum Verschwinden des sichtbaren jüdischen Lebens in Wien. Die erst 1650 gestiftete Neue Synagoge im Unteren Werd wurde 1670 abgebrochen und an ihrer Stelle die Leopoldskirche errichtet, die 1671 feierlich geweiht wurde. Ebenso wurde der ehemals jüdischen Vorstadt der Name „Leopoldstadt“ gegeben, zur Ehre Kaiser Leopolds I. und des Landes- und Namenspatrons.
7
Der Friedhof in der Seegasse blieb als einziges materielles Zeugnis jüdischer Wiener Geschichte zurück.
Die „Wiener Hofjuden“
Die Vertreibung der jüdischen Gemeinden führte zu schweren wirtschaftlichen Verwerfungen in Wien und bei den Niederösterreichischen Landständen. Durch den Wegfall der Judensteuer, von Mautgeldern und Teilen der Fleischsteuer kam es zu deutlichen Einnahmenausfällen. Die Stände, die zuvor die Vertreibung begrüßt hatten, bemühten sich um Ausnahmeregelungen, um zumindest jüdisches Geschäftsleben wieder zu ermöglichen. So wurde etwa schon 1673 ausländischen Jüdinnen und Juden der Zugang zu Jahrmärkten in Niederösterreich gewährt.
Vor allem durch den Einfluss der kaiserlichen Hofbankiers und Hoffaktoren Samuel Oppenheimer und Samson Wertheimer, die eine wichtige Rolle in der Finanzierung der Türkenkriege und des Spanischen Erbfolgekriegs spielten, wurde die Ansiedelung von Jüdinnen und Juden in Wien wieder ermöglicht.
8
Abb. 6: Samuel Oppenheimer, ÖNB, 112141/01 POR MAG und Samson Wertheimer, Österreichisches Jüdisches Museum
1696 erwarb Samuel Oppenheimer das Friedhofsareal und ließ die während der Zweiten Türkenbelagerung (1683) zerstörte hölzerne Einfriedung durch eine steinerne Mauer ersetzen. Unweit des Friedhofs ließ Oppenheimer 1698 das erste Jüdische Spital errichten.
Samuel Oppenheimer, der „Fugger seiner Zeit“, war zu seinem Lebensende der größte Gläubiger der österreichischen Monarchie. Die Schulden des Staats bei ihm beliefen sich auf rund sechs Millionen Gulden. Nach seinem Tod entledigte sich das Kaiserhaus der Schulden, indem es den Konkurs über Oppenheimers Nachlass verfügte. Dies löste wiederum eine schwere Finanzkrise an der Frankfurter Börse aus. Nach dem Tode Oppenheimers wurde Samson Wertheimer der alleinige Kreditgeber der österreichischen Regierung und zum kaiserlichen Hoffaktor ernannt.
Die Gräber dieser beiden einflussreichen „Hofjuden“ finden sich auch heute noch auf dem Friedhof in der Seegasse.
Josephinische Reformen
Als Hygienemaßnahme erließ Kaiser Joseph II. am 31. Dezember 1783 das Patent zur Schließung aller Friedhöfe innerhalb der Vorstädte. Damit wurden Begräbnisse innerhalb des Linienwalls verboten. Für die jüdische Gemeinde wurde ein neuer Friedhof außerhalb der Stadtmauern in Währing angelegt. Während zahlreiche christliche Friedhöfe aufgelassen und verbaut wurden, blieb der Friedhof in der Seegasse jedoch aufgrund der jüdischen Religionsgesetze unangetastet. Nur ein Jahr später, 1784, zerstörte ein großes Donauhochwasser Teile der Friedhofsanlage und beschädigte das Spital. Der Friedhof in der Rossau wurde danach weitgehend der Natur überlassen, ein Zustand, den auch das Aquarell wiedergibt.
Abb. 7: Der Friedhof in der Rossau („Juden Kirch-Hoff“) auf dem Stadtplan von Daniel Huber 1781, ÖNB, AB. 7 A 3, KAR MAG
1793 kaufte die jüdische Gemeinde den Friedhof von den Oppenheimerschen Erben zurück und ließ auch das danebenliegende Versorgungshaus umbauen. 1844 stiftete Siegmund Edler von Wertheimstein ein Siechenhaus, das neben dem Spital errichtet wurde. In den 1840er Jahren war die durchschnittliche Belegszahl im Spital bei 500–700 Kranken pro Jahr, bei einer Kapazität von 40 Betten.
Abb. 8: Das alte Oppenheimerspital in der Seegasse vor 1888, Quelle: Mandelbaumverlag
Durch das stetige Wachstum der jüdischen Gemeinde, insbesondere infolge des Zuzugs aus Osteuropa, wurde das Spital bald zu klein, so dass 1870 durch Stiftung von Anselm Freiherr von Rothschild ein neues Spital am Währinger Gürtel errichtet wurde. Es wurde 1872 eröffnet und sollte eine der modernsten Krankenanstalten in Wien sein.
An der Stelle des Oppenheimer-Spitals in der Seegasse ließ die israelitische Kultusgemeinde 1888 anlässlich des 40-jährigen Regierungsjubiläums von Kaiser Franz Joseph I. ein vierstöckiges Altersversorgungsheim erbauen, das zwischen 1898 und 1935 mehrmals erweitert wurde.
Mitte des 19. Jahrhunderts begann die wissenschaftliche Erforschung des Friedhofs. Ludwig August Frankl, Arzt, Journalist, Schriftsteller und späterer Ehrenbürger von Wien, erarbeitete in seiner Funktion als Sekretär der Israelitischen Kultusgemeinde ein Verzeichnis der Gräber und transkribierte sämtliche vorhandene Inschriften.
Abb. 9: Ludwig August Frankl (um 1840), ÖNB, 9728/02 POR MAG
Anfang des 20. Jahrhunderts erforschte der Bibliothekar der Israelitischen Kultusgemeinde Bernhard Wachstein die Gräber am Friedhof. Er beschrieb und katalogisierte über tausend vorhandene Grabsteine und Fragmente, von denen noch 931 Steine vorhanden waren und zeichnete auch einen Lageplan der Gräber.
Abb. 10: Friedhof in der Rossau um 1904 (Wien Museum 29257/4)
Zerstörung im 20. Jahrhundert und Wiederherstellung
Die größte Zäsur für den Friedhof erfolgte in der NS-Zeit. In der Ratsherrensitzung vom 8. Jänner 1941 wurde die Auflösung aller jüdischen Friedhöfe Wiens beschlossen. Auch der Friedhof in der Seegasse sollte geschliffen und überbaut werden. Dies führte zur Schändung der Grabstätten durch Exhumierungen und Entwendungen von Grabsteinen. Zwischen 1943 und 1944 wurden zahlreiche Grabsteine zerstört. Durch Einsatz jüdischer Gemeindemitglieder konnten einige Grabsteine und Gebeine gerettet und beim fünften Tor (dem heute vierten Tor) am Zentralfriedhof versteckt werden.
In den 1980er Jahren wurden 280 dieser Steine am Zentralfriedhof wiederentdeckt.
9
Mithilfe der von Bernhard Wachstein erstellten Bestandspläne wurden sie an ihrem ursprünglichen Ort aufgestellt. Am 4. September 1984 wurde der Friedhof neu geweiht. Die Restaurierungen erfolgen seit 2008 in Zusammenarbeit zwischen der Israelitischen Kultusgemeinde Wien, dem Bundesdenkmalamt und der Stadt Wien.
Im Zuge von Restaurierungsarbeiten im Jahr 2013 wurden 20 historische Grabsteine sowie zahlreiche Fragmente entdeckt. Es wird angenommen, dass Mitglieder der jüdischen Gemeinde die Steine im Jahr 1943 vergruben, um sie vor der Zerstörung zu retten. Die Entdeckung von vergrabenen, übereinandergeschichteten und jeweils sorgfältig durch Erdschichten voneinander getrennten Steinen deutet darauf hin, dass sich noch weitere verborgene Grabsteine im Boden befinden könnten.
10
Heute umfasst der jüdische Friedhof in der Seegasse rund 2.000 Quadratmeter. Er ist über das 1978 anstelle des Altersversorgungsheim errichtete Pensionistenheim nach Voranmeldung zugänglich. Als stiller Erinnerungsort ist der Friedhof ein Denkmal der jüdischen Geschichte Wiens und zugleich ein Symbol für Beständigkeit über Jahrhunderte hinweg.
Über den Autor: MMag. Nikolaus Schobesberger, MA ist Direktor der Kartensammlung und des Globenmuseums der Österreichischen Nationalbibliothek.
Fußnoten
1
Traude Veran, Das steinerne Archiv. Der alte Judenfriedhof in der Rossau. (Wien 2002), S. 36
2
Zur Bedeutung der Friedhöfe im Judentum vgl. Veran, S. 14–23
3
Zur Vertreibung der Wiener Juden: Eveline Brugger et al., Geschichte der Juden in Österreich. In: Herwig Wolfram (Hrsg.): Österreichische Geschichte, Themenband. (Wien 2006), S. 330–337
4
Veran, S. 96
5
Brugger, S. 330
6
WStLA, Hauptarchiv – Akten, A1/1.38/1670 (
https://wais.wien.gv.at/document/a7d13b6b-8fd3-4d44-bdec-278a034885df
) (abgerufen am 30.3.2026)
7
Eine Beschreibung der Weihe der Kirche von St. Leopold findet sich in Mathias Fuhrmann, Historische Beschreibung Und kurz gefaste Nachricht Von der Römisch. Kaiserl. und Königlichen Residenz-Stadt Wien (…) Theil 2, Bd. 2 (Wien 1767)
8
Zu Samuel Oppenheimer und Samson Wertheimer vgl. Tietze, S. 74–90 und Brugger et al, S. 341–346
9
Zur Neuerrichtung des Friedhofs vgl. Veran, S. 158–167
10
Wien Geschichte Wiki:
https://www.geschichtewiki.wien.gv.at/Seegasse
(abgerufen 30.3.2026)
Literatur
Eveline Brugger et al., Geschichte der Juden in Österreich. In: Herwig Wolfram (Hrsg.): Österreichische Geschichte, Themenband. (Wien 2006)
Ludwig August Frankl, Zur Geschichte der Juden in Wien. Der alte Freithof. Der Tempelhof. (Wien 1853)
Ludwig August Frankl, Inschriften des alten jüdischen Friedhofes in Wien. Beitrag zur Alterthumskunde Österreichs. (Wien 1855)
Hugo Gold, Geschichte der Juden in Wien. (Tel Aviv 1966)
David Kaufmann, Die letzte Vertreibung der Juden aus Wien und Niederösterreich, ihre Vorgeschichte 1625-1670 und ihre Opfer. (Wien 1889)
Hans Tietze, Die Juden Wiens (Wien 1933, Nachdruck 2007)
Traude Veran, Das steinerne Archiv. Der alte Judenfriedhof in der Rossau. (Wien 2002)
Bernhard Wachstein, Die Inschriften des alten Judenfriedhofes in Wien. Band 1 (1540?-1670). (Wien 1912)
Bernhard Wachstein, Die Inschriften des alten Judenfriedhofes in Wien. Band 2 (1696-1783). (Wien 1917)
Thomas Winkelbauer, Ständefreiheit und Fürstenmacht. In: Herwig Wolfram (Hrsg.): Österreichische Geschichte. Band 6/2, S. 202–203
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Das Aquarell einer*s unbekannten Künstlerin*s führt zu einem zentralen Erinnerungsort, an dem fast 500 Jahre jüdischer Geschichte Wiens präsent sind.
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Der Friedhof erscheint verwachsen und verwildert. Zahlreiche Grabsteine stehen schief oder sind bereits umgefallen. Auch das im Hintergrund dargestellte Versorgungshaus scheint seine Blütezeit hinter sich zu haben: Die Fassade ist verschmutzt, die Fensterläden sind geschlossen. Im Vordergrund ist eine einzelne Person zu erkennen, die anhand ihrer Kleidung als jüdischer Mann identifiziert werden kann. Er trägt einen weiten, nachtblauen Mantel mit Gebetsgürtel (Gartel) sowie einen Schtreimel, den pelzbesetzten Hut chassidischer Juden. Seine zum Gebet erhobenen Hände wirken beinahe klagend.
Abb. 1: Wien IX., Seegasse, Detail, ÖNB Vues III 38042 KAR MAG
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Mit seinem naturalistischen Aquarell führt uns der*die unbekannte*r Künstler*in in eine ebenso stille wie mystische Szene. Fast wie in einem Vanitasgemälde wird der fortschreitende Verfall des vom Menschen Geschaffenen durch die Natur vor Augen geführt. Zugleich eröffnet sich eine intime Momentaufnahme der Andacht. Der dargestellte Zustand von Friedhof und Versorgungshaus legt eine Entstehungszeit um die Mitte des 19. Jahrhunderts nahe.
Es erscheint beinahe wie ein Wunder, dass dieser Ort bis heute erhalten geblieben ist. Er liegt verborgen im Innenhof eines Pensionistenwohnheims, mitten im 9. Wiener Gemeindebezirk. Der Friedhof ist ein Ort außergewöhnlicher historischer Dichte: die älteste noch erhaltene israelitische Begräbnisstätte Wiens und ein zentraler Erinnerungsort jüdischer Geschichte.
Abb. 2: Der Jüdische Friedhof in der Seegasse um 1906 (Wien Museum 180813)
Errichtung und frühe Nutzung
Der erste nachweisbare jüdische Friedhof Wiens befand sich vor dem Kärntnertor und bestand von 1244 bis 1421. Mit der Vertreibung der Jüdinnen und Juden im Spätmittelalter ging dieser Begräbnisort verloren. Erst im 16. Jahrhundert konnte mit dem Friedhof in der Seegasse in der Rossau erneut eine jüdische Begräbnisstätte eingerichtet werden. Gesichert war der Friedhof seit 1582 in Verwendung. Dies lässt sich mit dem ältesten erhaltenen Grabstein von Ester, Tochter des Akiba, belegen.
1
Es ist davon auszugehen, dass der Friedhof bereits Jahrzehnte davor in Verwendung war, die ursprüngliche Datierung mit 1517 ist jedoch in der neueren Forschung widerlegt. Wahrscheinlich ist eine Nutzung ab den 1540er Jahren. Bis 1783 diente der Friedhof in der Rossau als Hauptbegräbnisstätte der jüdischen Gemeinde Wiens.
Im Judentum gelten Friedhöfe als „Haus der Ewigkeit“. Sie dürfen weder verlegt noch zerstört werden.
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Diese religiöse Vorstellung verlieh dem Friedhof in der Seegasse eine besondere Bedeutung und sollte maßgeblich dazu beitragen, dass er – im Gegensatz zu vielen anderen historischen Orten jüdischen Lebens – bis heute erhalten blieb.
Die Existenz des Friedhofs ist untrennbar mit den politischen und religiösen Spannungen der Gegenreformationszeit verbunden. Bereits 1624/25 waren die Wiener Jüdinnen und Juden durch ein Dekret Kaiser Ferdinands II. aus der Stadt verbannt und im neu errichteten Ghetto im „Unteren Werd“, einem Teil der heutigen Leopoldstadt, angesiedelt worden. Trotz dieser räumlichen Einschränkung bestätigte Kaiser Leopold I. 1659 die Privilegien der Wiener Jüdinnen und Juden und gestattete ihnen 1663 sogar, bei Türkengefahr innerhalb der Stadt Zuflucht zu suchen.
Abb. 3: Der Untere Werd, Detail aus der Stadtansicht Wiens von Alten Allen um 1680, ÖNB Vues IV 78006 Rolle KAR MAG
Die Zweite Wiener Gesera 1669/1670
Ende der 1660er Jahre änderte sich die Situation für die Wiener Jüdinnen und Juden dramatisch.
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Die antisemitische Stimmung in der Wiener Bürgerschaft hatte sich zugespitzt. 1665 wurde eine zerstückelte Frauenleiche in der Judenstadt gefunden und der Mord den Jüdinnen und Juden angelastet. Zudem wurden sie verdächtigt, mit den Osmanen im Bund zu stehen. Zusätzlich hatte sich die Stimmung am Kaiserhof gedreht. Kaiser Leopold I. hatte 1666 seine Nichte und Cousine, die 15-jährige spanische Infantin Margarita Theresa geheiratet. Sie war in Spanien von einer streng katholischen Frömmigkeit geprägt worden und machte die jüdische Bevölkerung Wiens für persönliche und politische Schicksalsschläge verantwortlich, darunter den Tod ihres erstgeborenen Sohnes Ferdinand Wenzel im Jänner 1668 sowie den Brand des neu erbauten Leopoldinischen Traktes der Hofburg im Februar desselben Jahres.
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Nach Aussage von Esaias Pufendorf, dem schwedischen Residenten am Hof, glaubte die Kaiserin, dass sie keinen Thronfolger gebären könnte, solange Jüdinnen und Juden in der Stadt lebten.
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Abb. 4: Kaiser Leopold I. und Infantin Margarita Theresa von Spanien in Theaterkostümen, Jan Thomas van Ieperen,1667, KHM
Unterstützt wurde sie von einflussreichen kirchlichen Akteuren wie dem Bischof von Neutra, Leopold Karl von Kollonitsch, dem Kapuziner Emerich Sinelli sowie dem Beichtvater des Kaisers, dem Jesuiten Philipp Müller. Unter diesem Einfluss erließ Kaiser Leopold I. am 19. Juni 1669 in der Geheimen Konferenz die Ausweisung aller Jüdinnen und Juden aus Österreich unter der Enns. Ein kaiserliches Patent vom 2. August 1669 setzte eine Frist zur Räumung der Häuser, die schließlich bis zum 26. Juli 1670 verlängert wurde.
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Mehr als 1.600 Menschen mussten Wien verlassen. In Anlehnung an die Erste Wiener Gesera von 1421 wird die Ausweisung der Wiener Jüdinnen und Juden als Zweite Wiener Gesera bezeichnet. Berichte über Pogrome wie im Spätmittelalter fehlen zwar, doch die Vertreibung bedeutete für viele den Verlust von Besitz, Existenzgrundlage und Heimat. Nur wenige reiche und einflussreiche Familien blieben vorübergehend zurück und versuchten erfolglos, mit Bittschriften und Interventionen den Entschluss rückgängig zu machen.
Abb. 5: „Jüdische neue Zeitung vom Marsch aus Wien und anderen Orten…“ Flugblatt zur Vertreibung der Wiener Juden 1670 (Wien Museum 199198)
Der Friedhof „auf ewige Zeiten“
Vor ihrem endgültigen Abzug gelang es der jüdischen Gemeinde, den Wiener Magistrat zu überreden, zumindest den Friedhof in der Seegasse unter städtischen Schutz zu stellen. Dafür verlangte die Stadt 4.000 Gulden, die von den wohlhabenden Brüdern Isaak, Israel und Enoch Fränkel aufgebracht wurden. Dieses Anliegen war auch persönlicher Natur: Ihr Vater Jakob Koppel Fränkel, ein bedeutender jüdischer Kaufmann, war am 17. April 1670 verstorben und als einer der letzten Personen auf dem Friedhof bestattet worden. Mit der Zahlung wurde der Friedhof „auf ewige Zeiten“ für unantastbar erklärt – ein Vertrag, der bis heute rechtliche und symbolische Gültigkeit besitzt.
Die Vertreibung der Wiener Jüdinnen und Juden führte zum Verschwinden des sichtbaren jüdischen Lebens in Wien. Die erst 1650 gestiftete Neue Synagoge im Unteren Werd wurde 1670 abgebrochen und an ihrer Stelle die Leopoldskirche errichtet, die 1671 feierlich geweiht wurde. Ebenso wurde der ehemals jüdischen Vorstadt der Name „Leopoldstadt“ gegeben, zur Ehre Kaiser Leopolds I. und des Landes- und Namenspatrons.
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Der Friedhof in der Seegasse blieb als einziges materielles Zeugnis jüdischer Wiener Geschichte zurück.
Die „Wiener Hofjuden“
Die Vertreibung der jüdischen Gemeinden führte zu schweren wirtschaftlichen Verwerfungen in Wien und bei den Niederösterreichischen Landständen. Durch den Wegfall der Judensteuer, von Mautgeldern und Teilen der Fleischsteuer kam es zu deutlichen Einnahmenausfällen. Die Stände, die zuvor die Vertreibung begrüßt hatten, bemühten sich um Ausnahmeregelungen, um zumindest jüdisches Geschäftsleben wieder zu ermöglichen. So wurde etwa schon 1673 ausländischen Jüdinnen und Juden der Zugang zu Jahrmärkten in Niederösterreich gewährt.
Vor allem durch den Einfluss der kaiserlichen Hofbankiers und Hoffaktoren Samuel Oppenheimer und Samson Wertheimer, die eine wichtige Rolle in der Finanzierung der Türkenkriege und des Spanischen Erbfolgekriegs spielten, wurde die Ansiedelung von Jüdinnen und Juden in Wien wieder ermöglicht.
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Abb. 6: Samuel Oppenheimer, ÖNB, 112141/01 POR MAG und Samson Wertheimer, Österreichisches Jüdisches Museum
1696 erwarb Samuel Oppenheimer das Friedhofsareal und ließ die während der Zweiten Türkenbelagerung (1683) zerstörte hölzerne Einfriedung durch eine steinerne Mauer ersetzen. Unweit des Friedhofs ließ Oppenheimer 1698 das erste Jüdische Spital errichten.
Samuel Oppenheimer, der „Fugger seiner Zeit“, war zu seinem Lebensende der größte Gläubiger der österreichischen Monarchie. Die Schulden des Staats bei ihm beliefen sich auf rund sechs Millionen Gulden. Nach seinem Tod entledigte sich das Kaiserhaus der Schulden, indem es den Konkurs über Oppenheimers Nachlass verfügte. Dies löste wiederum eine schwere Finanzkrise an der Frankfurter Börse aus. Nach dem Tode Oppenheimers wurde Samson Wertheimer der alleinige Kreditgeber der österreichischen Regierung und zum kaiserlichen Hoffaktor ernannt.
Die Gräber dieser beiden einflussreichen „Hofjuden“ finden sich auch heute noch auf dem Friedhof in der Seegasse.
Josephinische Reformen
Als Hygienemaßnahme erließ Kaiser Joseph II. am 31. Dezember 1783 das Patent zur Schließung aller Friedhöfe innerhalb der Vorstädte. Damit wurden Begräbnisse innerhalb des Linienwalls verboten. Für die jüdische Gemeinde wurde ein neuer Friedhof außerhalb der Stadtmauern in Währing angelegt. Während zahlreiche christliche Friedhöfe aufgelassen und verbaut wurden, blieb der Friedhof in der Seegasse jedoch aufgrund der jüdischen Religionsgesetze unangetastet. Nur ein Jahr später, 1784, zerstörte ein großes Donauhochwasser Teile der Friedhofsanlage und beschädigte das Spital. Der Friedhof in der Rossau wurde danach weitgehend der Natur überlassen, ein Zustand, den auch das Aquarell wiedergibt.
Abb. 7: Der Friedhof in der Rossau („Juden Kirch-Hoff“) auf dem Stadtplan von Daniel Huber 1781, ÖNB, AB. 7 A 3, KAR MAG
1793 kaufte die jüdische Gemeinde den Friedhof von den Oppenheimerschen Erben zurück und ließ auch das danebenliegende Versorgungshaus umbauen. 1844 stiftete Siegmund Edler von Wertheimstein ein Siechenhaus, das neben dem Spital errichtet wurde. In den 1840er Jahren war die durchschnittliche Belegszahl im Spital bei 500–700 Kranken pro Jahr, bei einer Kapazität von 40 Betten.
Abb. 8: Das alte Oppenheimerspital in der Seegasse vor 1888, Quelle: Mandelbaumverlag
Durch das stetige Wachstum der jüdischen Gemeinde, insbesondere infolge des Zuzugs aus Osteuropa, wurde das Spital bald zu klein, so dass 1870 durch Stiftung von Anselm Freiherr von Rothschild ein neues Spital am Währinger Gürtel errichtet wurde. Es wurde 1872 eröffnet und sollte eine der modernsten Krankenanstalten in Wien sein.
An der Stelle des Oppenheimer-Spitals in der Seegasse ließ die israelitische Kultusgemeinde 1888 anlässlich des 40-jährigen Regierungsjubiläums von Kaiser Franz Joseph I. ein vierstöckiges Altersversorgungsheim erbauen, das zwischen 1898 und 1935 mehrmals erweitert wurde.
Mitte des 19. Jahrhunderts begann die wissenschaftliche Erforschung des Friedhofs. Ludwig August Frankl, Arzt, Journalist, Schriftsteller und späterer Ehrenbürger von Wien, erarbeitete in seiner Funktion als Sekretär der Israelitischen Kultusgemeinde ein Verzeichnis der Gräber und transkribierte sämtliche vorhandene Inschriften.
Abb. 9: Ludwig August Frankl (um 1840), ÖNB, 9728/02 POR MAG
Anfang des 20. Jahrhunderts erforschte der Bibliothekar der Israelitischen Kultusgemeinde Bernhard Wachstein die Gräber am Friedhof. Er beschrieb und katalogisierte über tausend vorhandene Grabsteine und Fragmente, von denen noch 931 Steine vorhanden waren und zeichnete auch einen Lageplan der Gräber.
Abb. 10: Friedhof in der Rossau um 1904 (Wien Museum 29257/4)
Zerstörung im 20. Jahrhundert und Wiederherstellung
Die größte Zäsur für den Friedhof erfolgte in der NS-Zeit. In der Ratsherrensitzung vom 8. Jänner 1941 wurde die Auflösung aller jüdischen Friedhöfe Wiens beschlossen. Auch der Friedhof in der Seegasse sollte geschliffen und überbaut werden. Dies führte zur Schändung der Grabstätten durch Exhumierungen und Entwendungen von Grabsteinen. Zwischen 1943 und 1944 wurden zahlreiche Grabsteine zerstört. Durch Einsatz jüdischer Gemeindemitglieder konnten einige Grabsteine und Gebeine gerettet und beim fünften Tor (dem heute vierten Tor) am Zentralfriedhof versteckt werden.
In den 1980er Jahren wurden 280 dieser Steine am Zentralfriedhof wiederentdeckt.
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Mithilfe der von Bernhard Wachstein erstellten Bestandspläne wurden sie an ihrem ursprünglichen Ort aufgestellt. Am 4. September 1984 wurde der Friedhof neu geweiht. Die Restaurierungen erfolgen seit 2008 in Zusammenarbeit zwischen der Israelitischen Kultusgemeinde Wien, dem Bundesdenkmalamt und der Stadt Wien.
Im Zuge von Restaurierungsarbeiten im Jahr 2013 wurden 20 historische Grabsteine sowie zahlreiche Fragmente entdeckt. Es wird angenommen, dass Mitglieder der jüdischen Gemeinde die Steine im Jahr 1943 vergruben, um sie vor der Zerstörung zu retten. Die Entdeckung von vergrabenen, übereinandergeschichteten und jeweils sorgfältig durch Erdschichten voneinander getrennten Steinen deutet darauf hin, dass sich noch weitere verborgene Grabsteine im Boden befinden könnten.
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Heute umfasst der jüdische Friedhof in der Seegasse rund 2.000 Quadratmeter. Er ist über das 1978 anstelle des Altersversorgungsheim errichtete Pensionistenheim nach Voranmeldung zugänglich. Als stiller Erinnerungsort ist der Friedhof ein Denkmal der jüdischen Geschichte Wiens und zugleich ein Symbol für Beständigkeit über Jahrhunderte hinweg.
Über den Autor: MMag. Nikolaus Schobesberger, MA ist Direktor der Kartensammlung und des Globenmuseums der Österreichischen Nationalbibliothek.
Fußnoten
1
Traude Veran, Das steinerne Archiv. Der alte Judenfriedhof in der Rossau. (Wien 2002), S. 36
2
Zur Bedeutung der Friedhöfe im Judentum vgl. Veran, S. 14–23
3
Zur Vertreibung der Wiener Juden: Eveline Brugger et al., Geschichte der Juden in Österreich. In: Herwig Wolfram (Hrsg.): Österreichische Geschichte, Themenband. (Wien 2006), S. 330–337
4
Veran, S. 96
5
Brugger, S. 330
6
WStLA, Hauptarchiv – Akten, A1/1.38/1670 (
https://wais.wien.gv.at/document/a7d13b6b-8fd3-4d44-bdec-278a034885df
) (abgerufen am 30.3.2026)
7
Eine Beschreibung der Weihe der Kirche von St. Leopold findet sich in Mathias Fuhrmann, Historische Beschreibung Und kurz gefaste Nachricht Von der Römisch. Kaiserl. und Königlichen Residenz-Stadt Wien (…) Theil 2, Bd. 2 (Wien 1767)
8
Zu Samuel Oppenheimer und Samson Wertheimer vgl. Tietze, S. 74–90 und Brugger et al, S. 341–346
9
Zur Neuerrichtung des Friedhofs vgl. Veran, S. 158–167
10
Wien Geschichte Wiki:
https://www.geschichtewiki.wien.gv.at/Seegasse
(abgerufen 30.3.2026)
Literatur
Eveline Brugger et al., Geschichte der Juden in Österreich. In: Herwig Wolfram (Hrsg.): Österreichische Geschichte, Themenband. (Wien 2006)
Ludwig August Frankl, Zur Geschichte der Juden in Wien. Der alte Freithof. Der Tempelhof. (Wien 1853)
Ludwig August Frankl, Inschriften des alten jüdischen Friedhofes in Wien. Beitrag zur Alterthumskunde Österreichs. (Wien 1855)
Hugo Gold, Geschichte der Juden in Wien. (Tel Aviv 1966)
David Kaufmann, Die letzte Vertreibung der Juden aus Wien und Niederösterreich, ihre Vorgeschichte 1625-1670 und ihre Opfer. (Wien 1889)
Hans Tietze, Die Juden Wiens (Wien 1933, Nachdruck 2007)
Traude Veran, Das steinerne Archiv. Der alte Judenfriedhof in der Rossau. (Wien 2002)
Bernhard Wachstein, Die Inschriften des alten Judenfriedhofes in Wien. Band 1 (1540?-1670). (Wien 1912)
Bernhard Wachstein, Die Inschriften des alten Judenfriedhofes in Wien. Band 2 (1696-1783). (Wien 1917)
Thomas Winkelbauer, Ständefreiheit und Fürstenmacht. In: Herwig Wolfram (Hrsg.): Österreichische Geschichte. Band 6/2, S. 202–203
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