Die Heimath in der neuen Welt/Zweiter Band/Achtzehnter Brief – Wikisource
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Die Heimath in der neuen Welt/Zweiter Band
Siebzehnter Brief
Die Heimath in der neuen Welt.
Zweiter Band
von
Fredrika Bremer
Neunzehnter Brief
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Textdaten
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Autor:
Fredrika Bremer
Illustrator:
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Titel:
Die Heimath in der neuen Welt,
Zweiter Band
Untertitel:
Achtzehnter Brief
aus:
Vorlage:none
Herausgeber:
Auflage:
Entstehungsdatum:
1854
Erscheinungsdatum:
Vorlage:none
Verlag:
Franckh
Drucker:
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Erscheinungsort:
Stuttgart
Übersetzer:
Gottlob Fink
Originaltitel:
Hemmen i den nya verlden. Andra delen.
Originalsubtitel:
Adertonde brefvet
Originalherkunft:
Schweden
Quelle:
Scans auf Commons
Kurzbeschreibung:
Erinnerungen über Reisen in den USA und Cuba
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Achtzehnter Brie
f.
Philadelphia (Pennsylvanien), den 23. Juni 1850.
Endlich, meine liebe Agathe, habe ich einen Augenblick
Ruhe und kann mit Dir plaudern; aber es ist
mir schwer geworden, in der freundschaftlichen Stadt
der „Freunde“ diese Ruhe zu finden.
Charleston verließ ich am 15. dieses, auch hier,
wie an andern Orten, mit Geschenken, sowie mit
unendlich vieler Güte und Freundlichkeit überhäuft. Aber
ach, wie wurde ich nicht in den letzten Tagen in der
Stadt herumgejagt, wie müde machte mich nicht die
Arbeit eines unaufhörlichen Gesellschaftslebens! Den
letzten Abend in Carolina brachte ich damit zu, daß ich
in Gesellschaft eines lebhaften kleinen Astronomen, Mr.
Gibbs (er ist der Bruder des gefälligen Naturforschers
in Columbia), von der heimischen Piazza aus den
Sternenhimmel betrachtete. Die drei großen
Constellationen, der Scorpion mit seinem feuerrothen Herzen
(Antares), der Schütze und der Steinbock sammt der
südlichen Krone (unbedeutend) standen klar am südlichen
Himmel, und das Zodiakallicht warf seinen weißen
Schein zur Milchstraße hinauf. Wir richteten das Teleskop
auf ein Nebelbild in derselben und dann auf
denjenigen Theil der Milchstraße, wo unsere Erde sich
befindet, verloren in der Unermeßlichkeit des Universums
wie ein Infusionsthierchen im Meer. Aber ich
kann jetzt dieses Verhältniß sehen, ohne daß es mich
niederdrückt und unruhige Gedanken in mir hervorruft.
Oersteds Schrift „über die Vernunfteinheit im ganzen
Universum,“ und die Gründe, auf welche er baut,
haben mir das Gefühl der Heimathlichkeit in diesem
Universum gegeben und mich zur Weltbürgerin gemacht.
Das ganze Universum ist mir jetzt nur des Menschen
eigene Welt und Heimath. Die Nacht war sehr finster,
aber die Sterne um so klarer, obschon sie nicht wie bei
uns leuchten und auch nicht so groß scheinen. Die Luft war
voll von Wohlgerüchen und so ruhig, daß man die
Ruderschläge und Gesänge auf den Booten der Neger
vom Fluß her hörte. Erst um halb ein Uhr begab
ich mich zur Ruhe. Tags darauf nahm ich Abschied
von meiner guten und geliebten Heimath im südlichen
Carolina. Meine gute Mrs. Howland verpflegte mich
schwesterlich-mütterlich bis zum letzten Augenblick. Mein
Armkörbchen wurde mit schönen Früchten, Apfelsinen
und Bananas gefüllt, welche sie von ihrer Obsthändlerin
zum Geschenk erhalten hatte, einer hübschen
Mulattin, die ihr Kopftüchlein immer auf eine ausnehmend
pittoreske Art knüpfte, und deren Porträt ich in mein
Album gezeichnet habe; und der alte Romeo
beschenkte mich mit Blumen. Nachmittag halb 4 Uhr
begab ich mich an Bord des Dampfschiffes „Meeradler.“
Die Compagnie in Philadelphia und Charleston
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welcher das Schiff gehört, schenkte mir ein Freibillet bis
nach Philadelphia, ein Geschenk von 20 Dollars, das
man nicht auf eine artigere Weise hätte anbringen
können.
Am ersten Tag, den ich an Bord zubrachte, war
die Hitze kochend. Luft und Meer waren still, gleich
als wäre der Wind gestorben. Und nun begriff ich,
daß man vor Hitze sterben kann. Eine Menge Spanier
aus Kuba, die sich an Bord befanden, gewährten mir
einen kurzweiligen Anblick durch ihre eigenthümliche
Physiognomie und ihr Wesen, das dem der Amerikaner
so gänzlich ungleich ist. Die Lebhaftigteit der Geberden, die stark accentuirte, melodische Sprache, die
Eigenthümlichkeit der Gesichtszüge scheinen auf einen
bedeutenderen Volksstamm, als der angelsächsische ist,
hinzudeuten, und gleichwohl verhält es sich nicht so,
wenigstens nicht in der gegenwärtigen Zeit. Die
Spanier, besonders in dieser Hemisphäre sollen in Bezug
auf menschliche und wissenschaftliche Bildung weit unter
den Amerikanern stehen. Man sagte, ein Theil dieser
Spanier entfliehe aus Furcht vor der Untersuchung,
welche der mißlungene Raubzug des Generals Lopez
gegen Kuba jetzt auf der Insel veranlasse; andere reisten
nach New-York, um Aerzte zu befragen, oder dem
tropischen Sommer zu entfliehen; ein junges Paar aus
vornehmer Familie, nahe Verwandte, fuhr hin, um sich
trauen zu lassen, da, wie man sagt, das spanische
Gesetz einer Verbindung zwischen nahen Anverwandten
Hindernisse in den Weg legt, und das mit Recht, weil
ihre Kinder oder Kindeskinder oft blödsinnig oder auf
die eine oder andere Art verunglückte Wesen sein sollen.
Der junge Bräutigam war recht hübsch, sah aber
spanisch hochmüthig und launisch aus. Die Braut und
ihre Schwester waren jung und schön, aber etwas zu
rund. Ein alter „Conte“ pustete in sichtbarer
Brustwassersucht und wurde von einem Neger mit der größten
Zärtlichkeit verpflegt. Kleine Kinder fielen mir
ganz besonders auf durch ihr lebhaftes Geberdenspiel
und Geplauder. Die Meerfahrt war ruhig und im
Ganzen angenehm. Ein gefälliger junger Mr. Linton,
aus der Stadt der Freunde, sorgte für mich mit ritterlicher
Artigkeit. Das Meer sandte uns Schaaren von
fliegenden Fischen als Schauspiel auf der Fahrt, und
Pelikane mit ungeheuern Schnäbeln schwangen sich, auf
Raub lauernd, über die Wogen; ein großer Wallfisch,
gleich uns auf der Reise durchs Meer begriffen, ließ
uns verschiedene schöne Wasserkünste sehen. Die Fahrt
den Delaware hinauf, am Dienstag Morgen, war trotz
des nebligen Wetters unendlich angenehm. Aber der
Nebel hob von Zeit zu Zeit wieder seine schweren
Draperien, und ließ dann hellgrüne Ufer von idealischer
Schönheit sehen, mit Hügeln, schönen Bäumen,
Landhäusern, waidenden Thieren, und einen ganz andern
Charakter der Natur, als ich bis jetzt im Süden
gefunden hatte. Bei Philadelphia kam der artige
Professor Hart mir entgegen und holte mich in seine
Wohnung ab. Und da bin ich die ganze Zeit über gewesen,
und da bin ich auch jetzt an Seele und Leib in
Anspruch genommen von dem Staats- und Gesellschaftsleben,
sowie von vielem Interessanten, mitunter aber
auch recht Mühsamen.
Die Quäcker — die „Freunde,“ wie sie hier
gewöhnlich genannt werden, sind ausnehmend freundlich
gegen mich, nehmen mich bei der Hand, nennen mich
Friederike und Du, und führen mich in schönen Wagen
umher, um alles Merkwürdige und Hübsche, sowohl in
als außer der Stadt zu sehen. Und welch große und
gute Anstalten sind nicht hier für das allgemeine Beste
vorhanden! Das Herz erweitert sich, wenn man
sie betrachtet und den Geist sieht, in welchem sie gehalten
werden. Man muß hier nothwendig sehr staunen
über den Contrast zwischen dem Sklavenstaate und
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dem
freien Staat, zwischen dem Staat, dessen Princip
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die
Selbstsucht, und dem Staat, dessen Princip die
Menschenliebe ist, zwischen dem Staat, wo die Arbeit
Sklaverei, und dem Staat, wo die Arbeit frei und eine
Ehre der Freien ist. Und hier, wo man weiße Weiber
vor ihren Hausthüren fegen sieht, wie ist nicht
Alles so wohlgehalten, so zierlich und blühend, sowohl
in der Stadt, als auf dem Land! Und diese öffentlichen
Anstalten, diese Blumen der Menschenliebe — —
ach! die Prachtgärten der Natur and das Paradies
sind duftlos gegen
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sie, stehen hinter diesen Wohnungen,
diesen Asylen für die Kindheit, für unglückliche und
alte Leute eben so weit zurück, wie der Vorhof hinter
dem Allerheiligsten.
Ich konnte nicht umhin, ich mußte Freudenthränen
weinen, als ich dieser Tage in dem großen Philadelphia
daß Narren-Asyl besuchte, so gros und so edel erschien
mir hier das Menschenherz, dessen Wirken und Sorgen
sich in Allem verräth.
Die Anstalt liegt in einem großen schönen Park,
mit schattigen Gängen, Lauben und Gärten. Der ganze
Park ist von einer Mauer umgeben, die jedoch so tief unter
den Hügeln liegt, daß sie vom Park oder vom Hause aus
nicht gesehen wird, und die armen Gefangenen sich
vollkommen frei glauben können. Es ist hier auch
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ein
schönes Museum mit ausgestopften Vögeln und andern
Thieren, Schnecken- und Mineralien-Sammlungen, wo
die Geisteskranken sich zerstreuen und Belehrung holen
können. Denn Arbeit und Zerstreuung sind die
hauptsächlichsten Mittel, wodurch man hier auf die Besserung
des Zustandes dieser Unglücklichen wirkt. Deßhalb werden
zwei bis dreimal in der Woche in einem großen
Saal, wo die Geisteskranken auf Bänken sitzen,
Vorlesungen über verschiedene Gegenstände gehalten. Sie
versammeln sich oft auch zu gemeinschaftlichen
Vergnügungen, als Concerten, Bällen u. s. w. Mehrere
Arten von Spielen, wie z. B. Billard, Fortuna und
andere finden sich ebenfalls im Hause vor. Ueberall hörte
ich Musik. Die Musik ist für die Narren ein besonders
wirksames Heilmittel. Manche spielten ausgezeichnet
gut Klavier. Man zeigte mir ein älteres
Frauenzimmer, das im Zustand vollkommenen Wahnsinns hieher
gebracht worden war. Man gab ihr ein Klavier
und veranlaßte sie, ein einfaches Stückchen zu spielen,
daß sie in ihrer Kindheit gespielt hatte. Allmälig war
die Erinnerung an mehrere Stücke in ihr erwacht, bis
ihre ganze Kindheitsmusik für sie neues Leben gewann,
und mit ihr, wie es schien, auch die Welt ihrer
Kindheit. Sie spielte mir vor und ging mit sichtbarem
Vergnügen
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von einem kleinen Stück auf das andere
über, und dabei wurde ihr Gesicht so lieblich und
unschuldig heiter, wie das eines glücklichen Kindes. Sie
wird vermuthlich nie wieder vollkommen gesund und
stark an Seelenkräften werden; aber sie lebt jetzt ein
glückliches, harmloses Leben in der Musik aus ihren
Kinderjahren.
Mehrere Frauenzimmer, besonders die jüngeren
beschäftigten sich damit, künstliche Blumen zu machen, und
schenkten mir ihrer verschiedene, die sehr gut gearbeitet
waren. Die Männer beschäftigen sich viel mit
Landarbeit und Gartenbau. Eine Bruderstochter des großen
Washington war hier, eine schöne alte Dame, deren
Gesichtszüge merkwürdig dem Präsidenten gleichen, und
die eine würdevolle, vornehme Art zu sein hat. Sie
war sehr blaß, und man sagte, sie sei mehr schwach
als eigentlich gemüthskrank. Die Menge schöner, lebendiger
Blumen, zumal Rosen, war außerordentlich,
und auch die unheilbaren
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Kranken finden sich, wenn sie
einen Augenblick zum Verstand kommen, von Rosen
umgeben. Während mein Begleiter, ein gefälliger und
humoristischer Quäcker, einer der Direktoren der
Anstalt, mit großer Aufmerksamkeit und sichtbarer Theilnahme
den Mittheilungen einer alten Frau über ihre
wichtigen Geschäfte in Jerusalem lauschte, flüsterte eine
andere mir ironisch zu: — „Ein prächtiger Ort das
hier, nicht wahr? just ein Paradies, finden Sie nicht
auch?“ — Dann fügte sie scheu und leise hinzu: „Es
ist eine Hölle! ich versichere Sie! Hier geschehen
entsetzliche Dinge!“ Ach, die armen Unglücklichen können
wohl nicht immer blos mit Musik und Blumendüften
behandelt werden, und man muß manchmal zu
Zwangsmitteln greifen. Genug, daß die erstgenannten
Mittel überwiegend sind — die vielen Geisteskranken,
die hier geheilt werden, zeugen davon — und daß die
letzteren so wenig und so gelind als möglich angewendet
werden. Ein junger Militär von gutem Aussehen
sagte zu mir : „Ach, ich sehe, daß Sie gekommen sind,
mich zu befreien, und wir werden Arm in Arm zusammen
aus diesem Gefängniß gehen.“ — Er fügte hinzu:
„Sagen Sie mir, wenn Sie eine Schwester
hätten, die Sie über Alles in der Welt liebten, und man
Sie
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eingesperrt hielte, damit Sie nicht zu ihr kommen
könnten, wie würde Ihnen das gefallen?“ — Ich
antwortete, wenn ich unwohl wäre und müßte eine Zeitlang
meine Gesundheit pflegen, so würde ich mich in
Geduld darein ergeben. — „Ja, aber ich bin gesund,“
sagte er, „ich bin ein Bischen unwohl gewesen, der
Kopf ein wenig angegriffen, wie sie sagen, aber ich
bin jetzt wieder ganz gut, und diese Menschen da sind
sicherlich verrückt, weil sie das nicht sehen können,
sondern eigensinnig darauf beharren mich hier zu behalten.“
Diese Aehnlichkeit haben die Narren gewöhnlich
mit klugen Leuten, daß sie sich immer für klüger halten
als alle andere. Mein junger Oberst war offenbar noch
immer ein angegriffener Kopf und begleitete uns unter
warmen Ausdrücken zu Gunsten der Damen.
Das Collegium Girard ist eine große Schule, um
mittellose Knaben zu geschickten Handwerkern aller Art
heranzubilden. Ein in Amerika naturalisirter
Franzose, Namens Girard, bestimmte sein ganzes großes
Vermögen zur Einrichtung dieser Schule. Das noch
nicht ganz ausgebaute Haus von weißem Marmor,
eine Nachbildung des griechischen Minervatempels, hat
ungeheure Summen gekostet, und Mancher mißbilligt
die Verschwendung derselben an das äußere Prachtwerk,
wodurch das wesentliche gute Werk in den Hintergrund
gedrängt wird. Nur ungefähr hundert Knaben befanden
sich noch in der Anstalt. Die Vorliebe der Amerikaner
für die Tempelgestalt in ihren Bauten ist auffallend.
Ich für meinen Theil habe nichts dagegen, wenn
auch die Anwendung von Kolonnaden und andern
Zierrathen hier zuweilen im Verhältniß zur Idee des
Gebäudes, besonders bei einzelnen Häusern, übertrieben
wird; denn das beweist doch, daß das Volksbewußtsein
weit über dem Stadium steht, wo die Wohnung blos
eine Unterkunft für den Körper ohne weiteren Sinn
ist. Es will, daß die Wohnung des Menschen auch
symbolisch von seiner Seele und seinem Emporstreben
zeugen soll. Und sieht man ein recht großes und prächtiges
Gebäude, gleich einem griechischen Tempel oder
einem Pantheon, oder einem gothischen Schloß, so kann
man gewiß sein, daß das keine Privatwohnung,
sondern ein öffentliches Institut ist, entweder eine Akademie,
oder eine Schule, oder ein Kapitol, oder — ein
Hotel.
Herr Girard hat in seinem Testament ansdrücklich
verordnet, daß in seinem Institut der Jugend kein
Religionsunterricht ertheilt werden dürfe, und unter
den Lehrern oder Direktoren der Anstalt befindet sich
kein Religionslehrer. Aber so klar ist dieses Volkes
Blick über das Verhältniß der Religionslehre zum
Menschen und zur Gesellschaft, und so stark seine
Anhänglichkeit daran, daß es immer einen Ausweg findet,
um dergleichen Verbote zu umgehen. Und, obschon man
hier die Anordnung des Erblassers in Betreff der
Anschließung des Religionslehrers und des
Religionsunterrichts befolgt, so wird doch jeden Morgen im
Girard College, wie in andern amerikanischen Schulen
ein Kapitel aus dem neuen Testament der versammelten
Schuljugend vorgelesen, bevor sie an die Arbeit des
Tages geht. Herr Girards Bildsäule in weißem Marmor
steht in einer der prächtigen Gallerien des
Schultempels. Sie ist eine vortreffliche Arbeit als treues
Bild eines einfachen bürgerlichen Mannes in bürgerlicher
Kleidung. Eine höchst prosaische Figur ohne alle
Idealisirung dargestellt, und angenehm anzuschauen
durch ihre kraftvolle Wirksamkeit, obschon sie sonst
beinahe als etwas nicht hieher gehöriges in dem schönen
Tempel steht. Denn Adel und Schwung werden in dieser
Gestalt gänzlich vermißt.
Ich muß Dir auch vom Zuchthaus in Philadelphia
erzählen. In der Mitte der großen Rotunde,
zu welcher die großen Gänge mit den Gefängnißzellen
führen, wie Radien zu einem gemeinschaftlichen
Mittelpunkt, saß in seinem Lehnstuhl bequem und behaglich
in hellgelbem Rock, mit großen Knöpfen und
breitkrämpigem Hut, Mr.
Scattergood
, einer großen
Spinne gleich, welche die in ihrem Gewebe gefangenen
Fliegen beobachtet. Aber nein, dieses Gleichniß paßt
nicht gut auf die Sache und den Mann, einen freundlichen
alten Herrn von ganz klugem und humanem,
humoristischem Aussehen. Einen angenehmeren Wächter
könnte man sich wirklich nicht denken. Er begleitete
uns in die Gefängnißzellen. Die Gefangenen
leben hier ganz allein ohne Gemeinschaft mit ihren
Mitgefangenen ; aber sie dürfen arbeiten und lesen. Die
Bibliothek war bedeutend und enthielt außer religiösen
Büchern naturwissenschaftliche Schriften und
Reisebeschreibungen, wie auch schönwissenschaftliche, gut
ausgewählte Werke. Nicht mit filziger Hand werden die
Samen edlerer Bildung für die Kinder des Gefängnisses
ausgestreut, für diejenigen, „die im Finstern
sitzen.“ Der Geist der neuen Welt ist nicht ängstlich
oder knigerig und er fürchtet nicht zu viel zu thun, wenn
er Gutes thun will. Er sieht blos darauf, daß er
die rechte Art wählt, und er geht dann mit reichem
Herzen und reicher Hand zu Werk. Ich habe oft
gedacht, daß schöne Erzählungen, Züge aus dem menschlichen
Leben, gute Biographieen, insbesondere von
Verirrten, die sich gebessert haben, von Gefangenen,
die freie und tugendhafte Mitglieder der Gesellschaft
geworden, nützlicher auf die Gemüthsstimmung und
Herzen der Gefangenen wirken würden, als Predigten
und Religionsbücher, natürlich immer die Bücher des
neuen Testaments ausgenommen; und ich habe deßhalb
sehr gewünscht, selbst etwas in dieser Richtung zu
thun. Hier wurde mein Glaube bestärkt durch das,
was Freund Scattergood mir sagte. Neulich hatte er
einen Gefangenen besucht, der wegen seiner harten,
halsstarrigen Gemüthsart bekannt war und dieselbe in
einer schon mehr als ein Jahr dauernden Gefangenschaft
immer bewiesen hatte; aber diesen Morgen hatte
er ganz verändert, ganz mild und beinahe weich
geschienen. „Wie ist es heute?“ fragte der Quäcker,
„Sie sind sich selbst gar nicht gleich. Was ist los?“
Hm, — ich weiß nicht, wie es kommt,“ antwortete
der Gefangene, aber dieses Buch da …“ und er
zeigte halb ärgerlich auf ein Büchlein mit dem Titel
„Die kleine Johanna“ … „hat mich ganz wunderlich
gestimmt. Schon manche Jahre habe ich keine
Thränen vergossen, aber diese Geschichte da! und er
wandte sich ab, verdrießlich darüber, daß die dummen
Thränen wieder seine Augen verfinstern wollten bei
dem Gedanken an diese Geschichte da. So hatte die
Erzählung von dem schönen Leben eines Kindes das
harte Sünderherz mürbe gemacht. Der Mann hatte
nämlich einen Mord begangen.
Ein junger Gefangener, der jetzt bereits zwei
Jahre im Kerker gesessen, hatte bei seiner Ankunft
weder lesen noch schreiben können und nicht die mindeste
Religionskenntniß gehabt. Jetzt schrieb er eine
vortreffliche Hand und das Lesen war sein größtes
Vergnügen. Er sollte jetzt bald das Gefängniß
verlassen, und zwar verließ er es als ein kenntnißreicher
und besserer Mensch, als er bei seiner Ankunft gewesen
war. Seine Gesichtsbildung deutete eine rohe Natur
an, aber er hatte jetzt einen sehr guten Ausdruck und
seine Stimme und Worte verkündeten die Verwandlung
der Natur. Ein anderer Gefangener hatte mit
artistischem Sinn seine Zelle ausgemalt und eine Laube
in den Gang gepflanzt, wo er einmal des Tages
frische Luft schöpfen durfte.
Alle Gefangene erhalten einmal des Tags diese
Erquickung in einem Gang, der strahlenartig von dem
Gefängniß ausgeht und von den andern Gängen durch
eine hohe Mauer abgesondert ist. Der da sich
ergehende Gefangene sieht blos die Erde und den Himmel.
Freund Scattergoods Anblick war offenbar eine frohe
Erscheinung für alle Gefangene. Sie sahen in dem
Freund
ganz deutlich ihren Freund und sein gut gelauntes
kluges Aussehen versetzte sie auch in gute Laune. Ein
junges Frauenzimmer, welches das Gefängniß bald
verlassen sollte, erklärte, sie gehe ungern, weil sie
Mr. Scattergood nicht mehr zu sehen bekommen
werde.
In den Zellen der weiblichen Gefangenen (unter
ihnen waren ein Paar Negerinnen) sah ich frische
Blumen in Gläsern. Ihre Schließerin hatte sie ihnen
gegeben. Alle lobten das Weib. Ich verließ dieses
Gefängniß weit erbauter, als ich manchmal aus der
Kirche ging.
Freund Scattergood sagte mir, die Zahl der
Gefangenen habe sich seit Anlegung des Gefängnisses
nicht vermehrt, sondern erhalte sich ungefähr gleich,
was sehr erfreulich ist, da die Bevölkerung der Stadt
in dieser Zeit bedeutend zugenommen hat und mit
jedem Jahr zunimmt. Minder erfreulich und
verheißungsreich für die Macht des Systems ist die
Thatsache, daß nicht selten dieselben Gefangenen wegen
derselben Art von Verbrechen wiederkehren. Aber dieß
ist natürlich, Fehler, die so viele Jahre zur Gewohnheit
geworden sind, lassen sich nicht leicht ablegen;
alte Verbrecher lassen sich nicht leicht bessern. Auch ist
die Hoffnung der neuen Welt nicht in den Gefängnissen
zu suchen, sondern in den Schulen und mehr noch
in den Häusern, wenn alle Häuser das sind, was sie
sein sollen und was bereits mehrere sind. Zwei
houses of refuge
,“ Asyle für verwahrloste Knaben
scheinen mir glücklich angelegte und gut verwaltete
Anstalten zu sein. Die Knaben hier, sowie die in der
großen Anstalt in Westboro (Massachusetts) für dieselben
Zwecke (ich besuchte sie verwichenen Herbst auf
meiner Reise mit Springs) werden nach demselben
System behandelt. Sie werden nur wenige Monate
in diesen Anstalten behalten, bekommen einen gewissen
Unterricht und etwas Disciplin, dann werden sie in
guten Häusern auf dem Lande untergebracht, mehr
westlich, was für alle arbeitsfähige Wesen ein guter
Platz ist.
Das Matrosenhaus, eine von Privatpersonen
errichtete Anstalt, um den Seeleuten von allen Nationen
während ihres Aufenthalts in der Stadt für billigen
Preis eine gute Wohnung zu besorgen, besuchte ich
mit Mrs. Hale, — der Verfasserin Mirjams — einer
Dame, die eine prächtige Denkerstirn und ein offenes
gemüthliches Wesen hat. (Sie beschäftigt sich jetzt mit der
Herausgabe eines Buchs über die Stellung der Frauen
in der Gesellschaft; sie ist jedoch nach meinem
Dafürhalten in der Tendenz etwas zu freisinnig.)
Unter den öffentlichen Anstalten, die ich besucht
habe, erbaute mich am wenigsten das große Armenhaus
von Philadelphia, ein ungeheures Institut von
ungefähr dreitausend Personen, das der Stadt
unerschwengliche Summen kostet und seinem Zweck unmöglich
gut entsprechen kann. Alles muß hier zu fabrikmäßig
getrieben werden, das Individuum verliert sich in der
Masse und kommt nicht zu seiner gebührenden
Schätzung. Der Faule bekommt ebensoviel wie der Lahme
und Blinde, und der letztere kann die besondere Pflege,
deren er bedarf, nicht erhalten. So kam es wenigstens
mir vor. Auch schien der pflegende Geist hier
nicht so edelmüthig und sorgsam, wie bei den andern
Anstalten, und ich vermißte Ruheplätze unter dem freien
Himmel mit Bäumen und grünen Feldern und Blumen
für die Alten. Der kleine Hof mit einigen Bäumen
war gar zu unbedeutend. Im Uebrigen zeichnet
sich diese Anstalt durch die Ordnung und Reinlichkeit
aus, die sich in allen öffentlichen Anstalten der neuen Welt
verräth. Große, helle Säle und rundum in ihren
Mauern kleine finstre Zimmer, als Nischen der Zellen
angebracht, worin die Alten ihre Schlafstätten haben,
und somit jeder sein eigenes Stübchen besitzt, mit offener
Thüre zu dem gemeinschaftlichen Saal, wo ein
eiserner Ofen Wärme für Alle verbreitet — so schien
mir die herrschende Anordnung der Zimmer für die
Bewohner zu sein. Und dies ist wahrhaftig gut, da
die Alten auf solche Art, so oft sie wollen, allein
sein und ebenso, wenn sie wünschen, Gesellschaft und
Bücher in einem hellen, warmen Saale mit Tischen
und Stühlen oder Bänken genießen können.
Ich habe noch von mehreren guten Einrichtungen
hier in der Stadt sprechen gehört und hoffe sie noch
besuchen zu können. Ueberal sind die Quäcker als
Gründer oder Direktoren dabei, und in Allem bemerkt
man den Geist der Menschenliebe, der Pennsylvaniens
ersten Gesetzgeber, den Gründer Philadelphias,
William Penn
, belebte; und je mehr ich von den
Quäckern sehe, um so besser gefallen sie mir. Die
Männer haben etwas Kluges und Humoristisches,
etwas Sicheres und trocken-Spaßhaftes, was im höchsten
Grad anspricht, und sie erzählen gerne gute
Geschichten, gewöhnlich zur nähern Beleuchtung des
Friedensprincips, und um zu zeigen, wie gut dasselbe und
menschliche Klugheit zusammengehn, und wie siegreich
sie aus dem Kampf mit der Welt hervorschreiten.
Christliche Liebe zeigt sich bei ihnen mit einiger
unschuldigen weltlichen Schlauheit vermischt, und das
stille Wesen hat viel feines Salz auf seinem Grunde.
Die Weiber gefallen mir besonders wegen des
Stillen,
Fertigen
in ihrem innern und äußern Wesen,
wie ich bereits bemerkt habe; ihr Ausdruck ist verständig,
man hört keine unverständige Fragen und
bekommt unter ihnen manche bedeutende Gesichter mit
schönen Augen, reinen Zügen und klarer Farbe zu
sehen.
Das Interesse der Quäckerinnen für vaterländische
Angelegenheiten, besonders wenn sie die menschlichen
Fragen betreffen, ist ebenfalls ein Zug, der sie vor
der Masse der Frauenzimmer auszeichnet. Die Quäcker
sind zu allen Zeiten die besten Freunde der Negersclaven
gewesen, und die aus den Sclavenstaaten entflohenen
Sclaven haben gegenwärtig ihre mächtigsten
Beschützer und Fürsprecher unter den Freunden.
Mehrere Quäckerinnen zeichneten sich durch Rednertalent
aus und sind in öffentlichen Versammlungen oft
aufgetreten, irgend eine Sache der Humanität kräftig
verfechtend. Im gegenwärtigen Zeitpunkt führen sie die
Sache der Antisclaverei, und eine berühmte Rednerin
derselben,
Lucretie Mott
, war dieser Tage unter
meinen Gästen. Sie ist ein schönes Weibchen von
etlichen und fünfzig Jahren, mit feinen Zügen, prächtigen
Augen und einem sehr klaren, stillen, aber
bestimmten Wesen — kristallartig möchte ich sagen.
Den 25. Juni.
Gestern am Johannistag besuchte ich die alte
schwedische Kirche dahier. Denn Schweden waren die
ersten Ansiedler am Delaware-Strom, vom Trentonfall
bis zum Meer, und von ihnen kaufte William Penn
den Boden, wo Philadelphia jetzt steht. Unser großer
Gustav Adolph war es, der nebst Oxenstierna den
Plan zu einer schwedischen Kolonie in der neuen Welt
entwarf, und der König verbürgte sich selbst mit einer
Summe von 400,000 Reichsthalern aus der königl.
Schatzkammer für die Förderung derselben. Personen
aus allen Ständen wurden zur Theilnahme an dem
Unternehmen eingeladen. Die Kolonie sollte von freier
Arbeit leben. „Sclaven, sagte man, kosten viel und
arbeiten mit Widerwillen. Das schwedische Volk ist
arbeitsam und verständig, und wir werden sicherlich
durch ein freies Volk mit Weib und Kindern mehr
gewinnen.“ Die Schweden erblickten in der neuen Welt
ein neues Paradies, und glaubten, die zukünftige
Kolonie könnte ein sicheres Asyl für Weiber und Töchter
Derjenigen werden, welche durch Religionsverfolgung
oder Krieg landflüchtig geworden, ein Segen für
Einzelne und für die ganze protestantische Welt. „Sie
dürfte der ganzen unterdrückten Christenheit nützlich
werden können," sagte der große König, der in seinen
Plänen für Schwedens Ehre immer das Wohl der
Menschheit mit im Auge hatte.
Unter Oxenstierna's Leitung wurde dieser Plan
nach dem Tod des Königs ausgeführt. Dem südlichen
Ufer des Delaware entlang wurde Land aufgekauft und
mit schwedischen Auswanderern bevölkert. Die Kolonie
nannte sich Neuschweden, und genoß einige Zeit ein
blühendes Leben und steigendes Ansehen, trieb Ackerbau
und andere friedliche Gewerbe und baute zur Vertheidigung
gegen die Holländer, welche die nördlichen
Ufer des Delaware inne hatten, die Festung
Christiana
Die Seelenzahl der Schweden belief sich indeß nicht
höher als auf 700 Köpfe, und als Streitigkeiten mit
der mächtigeren Kolonie Neu-Niederland entstanden
und der schwedische Gouverneur Rising die holländische
Festung Casimir angriff, da rãchten sich die Holländer,
überrumpelten die schwedische Kolonie mit Uebermacht,
und so mußte sie untertauchen. Der Name der
schwedischen Waffen hatte auf der andern Seite des Oceans
aufgehört Achtung einzuflößen; die Schweden blieben
trotz ihrer Protestation unter fremder Gewalt. Das
Verhältniß zum Mutterland hörte völlig auf. Und
nachdem der zuletzt ausgewanderte schwedische Geistliche
Collin vor einigen Jahren in hohem Alter gestorben,
wird die sogenannte schwedische Gemeinde und Kirche
von einem amerikanischen Priester versehen. Mr. Clay,
der gegenwärtige Geistliche, hatte mir zu lieb in seinem
Haus alle Abkömmlinge der ersten schwedischen Ansiedler,
von denen er wußte, versammelt. Es war eine
Versammlung von 50 bis 60 Personen und ich schüttelte
vielen recht angenehmen Leuten, die aber außer
den Familiennamen, von denen ich manche wieder
erkannte, durchaus nichts Schwedisches hatten, die Hände.
Aber Erinnerungen an ihre Hieherkunft hatten sie nicht,
und Sprache, Aussehen, Alles war vollkommen mit
dem jetzt herrschenden angelsächsischen Volksstamm
verschmolzen. Nur der Glöckner der Kirche hatte etwas
recht schwedisch Glöcknerartiges in seinem Aussehen und
hieß
Jochum
Die Kirche, ein schönes und solides kleines
Gebäude aus Ziegelsteinen, war blos in ihrem Aeußern
alt. Inwendig war sie neu und recht zierlich. Ein
großes Buch lag aufgeschlagen auf einer Art höherem
Notenpult mitten in der Kirche, und man las darin in
großen, aber durch die Reparatur etwas verdorbenen,
Buchstaben folgende Worte: „Leute, die im dunkeln
Lande wohnen, haben ein großes Licht gesehen!“
Diese Inschrift nebst der alten Kirche und
Familiennamen, die ich auch auf den Grabsteinen des Kirchhofs
las, war Alles, was auf der Ostküste der neuen
Welt von Neuschweden übrig blieb. Doch nein, nicht
Alles. Eine friedliche, edle Erinnerung davon besteht
noch und lebt in den Blättern der Geschichte fort als
eine Episode von idealischer Reinheit und Frische. Die
Pilger Neuenglands hatten ihre Erde durch Grausamkeit
gegen die Indianer mit Blut befleckt. Die
schwedischen Pilger waren in der Behandlung dieser Leute
so gerecht und klug, daß in der ganzen Zeit, so lang
die schwedische Herrschaft auf dieser Küste währte, nicht
ein Tropfen Indianerblut von ihnen vergossen wurde,
daher die Indianer sie auch liebten und „unser eigenes
Volk“ nannten. „Die Schweden sind ein gottesfürchtiges
Volk,“ sagt der Chronikschreiber jener Zeit; „sie
sind arbeitsam, begnügsam und den Bräuchen und Sitten
des Mutterlandes sehr ergeben. Sie leben von
Ackerbau und Viehzucht; die Weiber sind sittsam, sie
spinnen und weben, verwalten das Haus und erziehen
ihre Kinder gut.“ William Penn, in einem Brief an
die Londoner Handelsleute, vom 6. Aug. 1683, schreibt
folgendermaßen von ihnen:
Schweden und Finnen bebauen die Gegenden am
Delaware-Fluß, wo das Wasser hoch steigt. Sie sind
ein einfaches, kräftiges und arbeitsames Volk, scheinen
aber in Kultur und Pflanzung nicht weit voranzukommen.
Es scheint ihnen mehr daran zu liegen genug
zu haben, als Ueberfluß zu bekommen oder Handel zu
treiben. Ich muß ihren Gehorsam gegen die Obrigkeit
und ihr herzliches Verhalten zu den Engländern
rühmen. Sie arten von der alten Freundschaft zwischen
den beiden Königreichen nicht ab. Da sie ein körperlich
kräftiges und gesundes Volk sind, so haben sie
schöne Kinder. Es ist selten eine Haushaltung ohne
3 bis 4 Jungen und ebenso viele Mädchen zu sehen;
einige haben 6, 7 und 8 Söhne. Und ich muß ihnen
die Gerechtigkeit widerfahren lassen zu sagen, daß ich
wenige junge Männer nüchterner und fleißiger sehe.“
So sprechen die ältesten Zeugnisse von der alten
schwedischen Kolonie. Sie sind in den Geschichtsbüchern
zu lesen und die alte schwedische Kirche steht
noch. Eine neue schwedische Kirche erhebt sich jetzt
westlich im Missisippithal. Ich hätte große Lust sie
zu sehen!
Gestern besuchte ich auch Franklins Grab und
flocht Klee und andere Wiesenblumen zu einem Kranz
auf dasselbe. Franklin gehört zur Gruppe glücklicher
Männer, welche die Helden des Friedenslebens und die
stillen Wohlthäter des Menschengeschlechts sind. Er
war der dritte Mann in dem großen Triumvirat (Fox,
Penn, Franklin), das in der neuen Welt die Herrschaft
des Friedensprincips gründete, und der erste Mann im
Kampf der Presse für die Gedankenfreiheit des Volks
und für die Selbstständigkeit Amerika's.
Franklin mit seinem stillen Wesen, seinen einfachen
Sitten, seinem freien Forscherblick, den er stets auf die
einfachsten und allgemeinsten Gesetze aller Dinge und
Wesen gerichtet hielt, Franklin, „der mit dem Donner
wie mit einem Bruder spielte, und ohne Geräusch und
Getöse den Blitz aus der Wolke herabnahm,“ Franklin
mit seiner praktischen Lebensphilosophie (die indeß
mehr in die Breite, als in die Tiefe ging), mit seiner
großen Arbeitsamkeit und seinem gemüthlichen Humor,
erscheint mir als ein vortrefflicher Vertreter des
eigenthümlichen Charakters der Neuengländer in seiner
Annäherung an den Charakter der Quäcker.
Aber ich muß Dir noch etwas mehr von dieser
Sekte sagen, welche nicht blos Pennsylvanien und Philadelphia
geschaffen und dem Staat, sowie der Stadt
ihren eigenthümlichen Charakter gegeben, sondern auch
auf das geistige Leben und das Volk Englands und
Neuenglands einen durchgreifenden Einfluß ausgeübt hat.
In Schweden kennen wir die Quäcker blos als ein
wunderliches Völkchen, das zu allen Menschen Du
sagt, vor allen Menschen mit dem Hut auf dem Kopfe
erscheint, und breite Hutkrempen hat. Wir kennen sie
blos durch ihre äußern kleinen Eigenthümlichkeiten.
Hier habe ich ihre innere Bedeutung für die ganze
Menschheit verstehen gelernt.
Es sind ungefähr 200 Jahre, seit Georg Fox in
England geboren wurde. Sein Vater, genannt „Christoph
der Rechtschaffene“ war ein Weber in Leicestershire,
die Mutter stammte aus dem Häuslein der
Märtyrer. Der Knabe zeichnete sich früh durch tiefes
religiöses Gefühl und eine unbeugsame, aber aufrichtige
Sinnesart aus. Er wurde einem Schuhmacher in
Nottingham, der auch Landbebauer war, in Dienst
gegeben. Dieser gebrauchte den Knaben, um seine Schafe
zu hüten. Dabei beschäftigte er sich mit Bibellesen,
Beten und Fasten. Seine junge Seele dürstete nach
Vollkommenheit und wurde von einer dunkeln Sehnsucht
nach dem höchsten Gut, nach Licht in dem unveränderlichen
wahren Licht aufgeregt. Seine Jugend fiel in
eine stürmische Periode Englands, wo Kirche und
Staat gleich sehr von feindlichen Parteien erschüttert
wurden, die Religionssecten aber sich untereinander
zersplitterten und befehdeten. Der Jüngling, der nach
der unumstößlichen Gewißheit, nach einem tragfähigen
Grunde, nach einer Klarheit, welche ihn und Alle zur
Wahrheit führen könnte, nach dem höchsten Gut
verlangte, hörte um sich her nur Meinungsstreitigkeiten
und Kämpfe. Sie verdüsterten seine Seele noch mehr.
Von unaussprechlicher Angst getrieben, verließ er sein
Handwerk und seine Heerde, und vertiefte sich, nach einer
Offenbarung Gottes verlangend, in die Einsamkeit der
Wälder. Er ging zu vielen Priestern, um Trost zu
erhalten, aber er erhielt keinen Trost von ihnen. Er
ging nach London, um Licht zu suchen; aber bei den
streitenden Secten, bei den großen Professoren fand er
blos Finsterniß. Er kehrte aufs Land zurück, wo
Einige ihm riethen sich zu verheirathen, Andere in
Cromwell's Armee zu treten. Aber sein friedloser Geist
trieb ihn zur Einsamkeit und auf die Felder hinaus,
wo er manche Nacht in einer Seelenangst, „die zu
groß war, um beschrieben werden zu können,“
umherirrte. Gleichwohl drang von Zeit zu Zeit ein Strahl
himmlischer Freude in seine Seele, und „da war ihm,
als ruhe er friedlich in Abraham's Schooß.“
Er war in der englischen Staatskirche erzogen
worden. Aber er hatte jetzt gesehen, daß man in Oxford
oder Cambridge herangebildet und gleichwohl unfähig
sein konnte, die Räthsel des Daseins zu lösen. Er
dachte auch daran, daß Gott nicht in Tempeln wohne,
die aus Stein gebaut sind, sondern in dem Herzen der
Lebendigen. Von der Staatskirche ging er zu den
Dissenters über. Aber bei ihnen fand er die
„unveränderliche Wahrheit“, den unerschütterlichen Grund für
die sittliche Ueberzeugung, die er suchte, auch nicht.
Er gab die Kirchensecten auf und suchte die Wahrheit
über ihnen, und „obschon von Stürmen erschüttert,
glaubte sein Herz an eine Macht über den
Stürmen,“ einen festen Ankergrund des Geistes. Eines
Morgens faß Fox in stillem Nachdenken beim Feuer,
in seine eigene Seele blickend. Eine Wolke ging
darüber und er meinte eine Stimme zu hören, die da
sagte: „Alle Dinge kommen von der Natur.“ Und eine
pantheistische Vision verdüsterte und bedrückte seine
Seele. Aber als er fortfuhr nachzudenken, da erhob
sich in der Tiefe seines Geistes eine andere Stimme,
welche sagte: „Es gibt einen lebendigen Gott!“ Auf
einmal ward es hell in seinem Innern; alle Wolken,
alle Zweifel flohen, er fühlte sich durchstrahlt,
emporgehoben von einer unendlichen Gewißheit und einer
unaussprechlichen Freude.
Und das Licht und die Gewißheit, welche seine
Seele beleuchtet hatten, welche durch seine eigene innere
Erfahrung darin aufgegangen waren, sprachen also:
”Es findet sich bei allen Menschen ein inneres
Licht, das die Offenbarung Gottes im Menschen ist,
eine innere Stimme, welche von der Wahrheit zeugt
und Gottes Stimme ist und sie in alle Wahrheit leitet.
Um Wahrheit zu finden, braucht sich der Mensch blos
aufmerksam zu diesem innern Lichte zu wenden, auf
diese innere Stimme zu hören.“
Das innere Licht
!“ Die innere Stimme
gebot ihm hinauszugehen und diese Botschaft dem
Menschengeschlecht zu verkünden. Sie gebot ihm auch in
die Kirche zu gehen und mitten unter dem Gottesdienst
den Priestern entgegenzurufen: „Die Schrift ist nicht
die Richtschnur, sondern der Geist, welcher in der Schrift
ist.“ Sie gebot ihm gegen die „heuchlerischen Diener
der Religion“ als gegen Wölfe in Schafskleidern
aufzutreten.
Ich will Dir nicht von den Verfolgungen gegen
den Mann erzählen, der sich wider alten Glauben und
alte Sitten auflehnte, von den Steinen, die nach dem
Mann geschleudert wurden, der mit des Geistes Kraft
die Steinmauer der Kirche erbeben machte, obschon
nichts interessanter wäre, als diesem göttlich Besessenen
zu folgen, ihn aus Mißhandlungen, Gefangenschaft,
Todesgefahr immer mit dem gleichen Muth, immer
noch stärker, bestimmter und mit brennenderem Eifer
hervorgehen zu sehen, die Schaar seiner Anhänger
zunehmen zu sehen, trunken von den Fluthen des innern
Lichtes, während ein Theil der Diener der Staatskirche
sich fürchtet und bebt, wenn es heißt: „Der Mann in
den Lederhosen ist gekommen!“ Und nichts ist von
höherem Interesse als diese ungelehrten Anhänger der
Offenbarung des inneren Lichtes, der innern Stimme
in Kraft „dieser göttlichen Saat, die in jeder menschlichen
Seele lebt“ auftreten und die Orakel des innern
Lebens aussprechen zu sehen. Taglöhner und
Dienstmädchen werden Prediger und senden Stimmen aus
in alle Welt, den Pabst und den Sultan, Puritaner
und Kavaliere, Neger und Hindus auffordernd, dem
höchsten Urtheil der innern Stimme zu lauschen.
Das Licht, welches die Höchsten unter den Heiden,
ein Sokrates und Seneka, als der äußerste Grund der
moralischen Selbstbestimmung, als der klarste
Lebensbrunnen des Heidenthums beleuchtet hatte, war durch
den Schäfer George Fox zum Durchbruch bei dem Volk
gekommen und dessen Eigenthum geworden. Auch der
Geringste wurde seiner theilhaftig, denn die Lehre
sagte: setze dich nieder, wer du sein magst, setze dich
nieder an deinem eigenen Herd und lies die göttliche
Inschrift in deinem Herzen. „Einige suchen die Wahrheit
in Büchern, andere bei gelehrten Männern. Aber
was sie suchen ist in ihnen selbst. Denn der Mensch
ist ein Abriß der ganzen Welt, und um ihn zu verstehen,
brauchen wir blos uns selbst recht zu lesen.“
Das Hervorbrechen dieser Lehre zu einer Zeit, wo
die alte Gewalt wankte und alte Orakel blos unklare
Antworten gaben, erklärt den bis an hochmüthige
Trunkenheit grenzenden Enthusiasmus, womit mehrere
Anhänger von Georg Fox seine Lehre auszubreiten suchten.
Sie betrachteten sich als Stifter einer Weltreligion
und gingen aus, die „Unfehlbarkeit des innern
Lichtes zu predigen“, in Rom und Jerusalem, in
Amerika und Egypten, in China und Japan.
Von seinem innern Licht geleitet, ging Fox zu
immer weitern Bestimmungen. Die innere Stimme, die
ihm geboten hatte den Geist über die Schrift zu setzen,
gebot ihm zu allen Menschen Du zu sagen,
gebot ihm vor keinem Menschen den Hut abzunehmen,
gebot ihm jeden Eid zu verweigern, und gebot ihm
keine äußere Regierungsform gut zu heißen, die nicht
von der innern Stimme geboten wurde. Dagegen
gebot sie ihm alle Menschen mit den Armen der Bruderliebe
zu empfangen und selbst die Thiere gütig zu
behandeln. Er reiste in die neue Welt und sagte zu dem
Indianer: Du bist mein Bruder. Ueberall goß er mit
seiner Lehre die innere Schönheit seiner eigenen Seele
und ihre Liebe für das ewig Gute und Wahre aus,
und überall fand er zahlreiche Begleiter auf einem
Weg, welcher so klar und so leicht schien. Denn Georg
Fox lehrte, daß die Menschenseele von Natur gut und
ein reines Kind Gottes sei.
William Penn, ein junger Mann von ausgezeichneten
Gaben, schönem Aeußern und reicher Familie,
wurde einer der eifrigsten Schüler Foxens. Auch er
mußte für seine Lehre Verfolgung und Gefangenschaft
leiden und wurde dadurch gestärkt ihr kräftigster
Apostel zu werden.
Die Waffen der Verfolgung und des Spottes
waren lange Zeit gegen die zunehmende Quäckerschaar
gerichtet worden, und auch bessere Beweismittel wurden
ihnen entgegengesetzt. Man warf ihnen die Selbsttäuschung
der Eigenliebe vor, und sagte: „Wie kann ich
wissen, ob ich nicht die Eingebungen meines selbstsüchtigen
Geistes für Eingebungen vom Geist Gottes nehme?“
Penn antwortete: „Durch denselben Geist. Der
Geist zeugt mit unserem Geist.“
„Die Bibel war die Regel und Richtschnur der
Protestanten. Hatten die Quäcker einen besseren
Führer?“
Der Quäcker antwortete, daß die Wahrheit eine
einige sei. Gottes Wort in der Offenbarung kann
nicht im Widerspruch stehen mit Gottes Stimme im
Gewissen. Aber der Geist ist der Richter. Und der
Geist wohnt in des Menschen Geist. Der Buchstabe
ist nicht der Geist. Die Bibel ist nicht die Religion,
sondern die Geschichte der Religion. Die Schrift ist
eine „Darstellung der Quellen, aber nicht die Quelle
selbst.“ Gottes Licht in unserem Geist zeugt von Gottes
Wahrheit in der Schrift und im Christenthum.
Der christliche Quäcker berief sich auf seine
Gemeinschaft mit allen Kindern des Lichtes in allen
Zeitaltern und nahm die Offenbarung des christlichen
Lichtes blos an, weil sie durch das innere Licht in seiner
Seele bekräftigt wurde. Sein Glaube gründete sich
auf das Zeugniß des universalen Gewissens. Dieses
half ihm in allen Streitfragen. Wenn man ihm die
Lehre von der Prādestination, die Frage über Freiheit
und Nothwendigkeit vorhielt, so legte der Quäcker die
Hand auf seine Brust. Die innere Stimme darin
zeugte von der Freiheit und Verantwortlichkeit des
Willens. Er sagte ferner:
„Alle Menschen sind gleich, weil das innere Licht
in Allen leuchtet, und alle Regierung ist verwerflich,
wenn sie sich nicht auf die Gesetze der universalen
Vernunft gründet. Es gibt keinen Unterschied zwischen
Priestern und Laien, zwischen Mann und Weib. Das
innere Licht beleuchtet Alle und kennt keinen Unterschied
von Klassen oder Geschlechtern.“
Aber ich darf mit meinen Auszügen aus der Lehre
der Quäker nicht zu weit gehen; ich muß zur Entstehung
des Quäckerstaats übergehen. Je mehr die Secte
in ihrer Protestation gegen Kirche und Staat zunahm,
um so stärker wurde die Verfolgung und der Haß gegen
sie, und Tausende von ihren Bekennern starben in den
Gefängnissen vor Kälte und Mißhandlung.
Unter diesen Umständen warf das bedrückte Volk
seine Blicke auf die neue Welt, um allda eine
Freistätte zu suchen. Fox war zurückgekehrt von seiner
Missionsreise durch die östlichen Staaten Nordamerika’s
von Rhode-Island bis nach Carolina, wo er den
Samen seiner Lehre in Tausende von offenen Seelen
ausgestreut hatte. Mehrere Quäckerfamilien in
England vereinigten sich, um sich und ihren Freunden ein
Asyl auf der andern Seite des Oceans zu bereiten, in
dem Land, das Georg Fox eine Heimath gegeben
hatte; sie kauften Land an den Ufern des Delaware
und reisten mit einer großen Schaar von
Glaubensverwandten fort, um allda einen Staat zu gründen,
dessen einziges Gesetz und einzige Regel das innerste
Gesetz des Herzens, beleuchtet von dem innern Licht,
sein sollte. An sie schloß sich bald William Penn, und
übernahm die Leitung der Colonie als ihr natürliches
Oberhaupt und ihr Regent.
In ihrer bürgerlich politischen Organisation schloß
sich die Gesellschaft der Freunde an die der puritanischen
Colonie, mit dem Bemerken, die Concessionen derselben
seien von der Art, daß die Freunde sie billigen
können; „denn,“ sagten sie, „auch wir wollen die Macht
in das Volk legen.“
Aber die Quäcker gingen in ihrer Auffassung und
Anwendung dieses Princips weiter als die Pilger.
Die Puritaner hatten in religiöser Beziehung die
Schrift zu ihrer Richtschnur genommen. Die Freunde
machten den Geist zum Richter über das, was man
an der Schrift glauben und befolgen müsse. Die
Puritaner hatten der Gemeinde das Recht verliehen, selbst
aus ihrem eigenen Schoos die Priester zu wählen; die
Freunde wollten überhaupt keine Priester haben. Jeder
Mensch (Mann oder Weib) war Priester und hatte das
Recht Andern zu predigen, wenn der Geist ihn anregte
und die innere Stimme ihn ermahnte eine Wahrheit
auszusprechen. Denn das innere Licht war beständig
bei Allen.
Die Puritaner hatten jedem Manne in der
Gesellschaft Stimmrecht verliehen und ließen Gesetze und
Urtheile von der Stimmenmehrheit abhängen. Die
Freunde, welche an die Macht des inneren Lichtes und
an sein schließlich harmonirendes Zeugniß bei allen
Menschen glaubten, ließen in ihren Rathsversammlungen
die Fragen immer wieder von Neuem zur
Verhandlung kommen, bis eine freiwillige Uebereinkunft
sich ergab.
Die Puritaner hatten ihre Kirchen ohne alle
Zierrathen und Bilder gebaut.
Die Freunde bauten keine Kirchen. Sie trafen
sich in Sälen oder Häusern, welche Versammlungslokale
genannt wurden. Sie saßen da still den
Offenbarungen der innern Stimme lauschend, beisammen
und sprachen blos, wenn diese sie ermahnte etwas
zu sagen.
Die Puritaner betrachteten das Weib als die
Hälfte des Mannes und als seine Gefährtin im Hause,
sowie auf dem Weg des Privatlebens.
Die Freunde betrachteten das Weib als die
Gehülfin des Mannes im Allgemeinen, wie auch in den
Angelegenheiten des Privatlebens, und sie erkannten ihr
das Recht zu, sowohl in Staats- als in Kirchensachen
zu sprechen. Die Rathsversammlungen der Weiber
galten bei der Entscheidung der Fragen soviel wie die
der Männer, und den Eingebungen des Weibes lauschte
man mit Ehrfurcht, wenn sie auf den Ruf des Geistes
in den Versammlungssälen der Freunde auftrat.
Die Puritaner hatten den Trauungsact vereinfacht.
Die Freunde verwarfen alle Trauung, bei welcher eine
äußere Macht mitwirkte. Wenn Mann und Weib vor
der Gemeinde erklärten, daß sie als Ehegatten
zusammenleben wollten, so genügte dieß, um eine Ehe zu
stiften. Die innere Stimme genügte, um den Bund
zu heiligen und ihn stark zu machen, das innere Licht
allein konnte den Weg dazu zeigen und das Herz rein
machen.
So rein, so hoch waren die Grundsätze bei diesem
Völkchen, das nach der neuen Welt hinüberfuhr, um
allda, wie William Penn sich ausdrückte, „das heilige
Experiment“ zu unternehmen, eine Staatsgesellschaft
zu stiften, die gänzlich auf das Innigste und Geistigste
im Menschenleben gegründet ware. So begann die
Kolonie, die sich unter William Penn’s Leitung zum
blühendsten Wohlstand emporschwang und den Namen
Pennsylvanien annahm. Penn wollte in ihr eine „freie
Kolonie für das ganze Menschengeschlecht“ gründen.
Der Ruf von dem „heiligen Experiment“ erscholl
weit und breit. Söhne des Waldes, Häuptlinge der
Indianerstämme kamen, um mit dem „Quäcker König“
zu unterhandeln. Penn trat unter freiem Himmel in
der Tiefe des durch Novemberfröste entlaubten Waldes
mit ihnen zusammen und brachte ihnen dieselbe
Botschaft vom Adel des Menschen, sowie von der Wahrheit
und Einheit des inneren Lichtes bei allen
Menschen, welche Fox bereits Cromwell und Marie Fisher
dem Beherrscher der Muselmänner überbracht hatte.
Engländer und Indianer sollten dasselbe moralische
Gesetz verehren, und jeden Streit untereinander durch
ein Friedensgericht ausmachen, zu welchem die beiden
Nationen die gleiche Anzahl Mitglieder stellten.
„Wir begegnen uns,“ sagte Penn, „auf der breiten
Heerstraße des guten Glaubens und guten Willens;
Keiner soll den Andern zu übervortheilen suchen,
sondern Alles soll in Ehrlichkeit und Liebe abgemacht
werden. Wir sind Alle
Ein
Fleisch und Blut.“
Die Indianer wurden durch diese edeln Worte
gerührt. „Wir wollen“ sagten sie, „mit William Penn
und seinen Kindern in Liebe leben, so lange Sonne
und Mond sein werden.“
Und die Sonne, der Wald und der Strom
bezeugten den Bund des Friedens und der Freundschaft,
der auf solche Art am Strand des Delaware geschlossen
wurde; „den ersten Bund,“ fügt ein Geschichtschreiber
hinzu, „der durch keinen Eidschwur bekräftigt und
niemals gebrochen wurde.“
Die Quäcker sagten: „Wir thun ein besseres Werk,
als wenn wir mit den stolzen spanischen Helden die
Gruben von Potosi gewonnen hätten. Wir lehren die
armen verfinsterten Seelen um uns her ihre
„Menschenrechte.“
Auf einem zwischen den Flüssen Schuykill und
Delaware gelegenen, den Schweden abgekauften, mit
„krystallklaren Quellen und gesunder Luft gesegneten“
Stück Land legte Penn die Stadt Philadelphia an,
„ein Asyl für die Verfolgten, eine Wohnung der
Freiheit, eine Heimath für die ganze Menschheit“. „Hier,“
sagten die Freunde, „wollen wir Gott nach seinem
reinen Gesetz und Licht verehren; hier wollen wir ein
unschuldvolles Leben auf einer jungfräulichen elysäischen
Erde führen.“ Die Quäcker schlossen einen festen Bund
mit der schwedischen Kolonie und Schweden hatten
Sitz und Stimme in W. Penn’s Rathsversammlung.
Philadelphia sollte später der Geburtsort der
Selbstständigkeit Amerika’s und desjenigen Actes
werden, welcher dieselbe vor der ganzen Welt erklärte und
all die verschiedenen Staaten der Union im Namen der
höheren Menschlichkeit vereinigte; daran dachten die
Freunde damals nicht.
Dieß, mein Herzchen, habe ich theils aus Büchern,
theils aus mir selbst, oder aus meinen eigenen
Beobachtungen und Gedanken für Dich aufgezeichnet.
Denn diese Episode in der Geschichte der Menschheit
spricht mich in hohem Grade an und ich sehe die Spuren
ihres Lebens noch ganz frisch um mich her.
Betrachte ich das Quäckerwesen an und für sich,
so ist es mir klar, daß es dieselbe Lehre ist, für welche
Socrates starb, Luther lebte und der große Gustav
Adolph kämpfte, siegte und den Heldentod starb, —
das Recht der Gedankenfreiheit im Glauben an Gottes
Licht und Stimme in der Menschenseele. Daß
dieses Princip in Georg Fox aus dem Volksherzen
selbst auftaucht und sich zum Princip für das Volk, die
Kirche und den Staat macht, das ist das Eigenthümliche
an der Quäckerei und der volle Durchbruch des
Princips im Staatsleben. Neu ist es nicht und auch
nicht ausreichend in der Einseitigkeit, womit die
Quäcker es auffaßten.
Wie? wenn das innere Licht einen finstern Willen
in der Menschenseele beleuchtet? wenn die innere Stimme
auf den Widerstand eines gemeinen oder bösen Triebes
im Herzen stößt? Die Quäcker haben die alte Sage,
daß sich in jedem Menschenherzen ein Tropfen schwarzen
Blutes vorfinde, vergessen oder nicht beherzigt.
Und um das Herz rein zu machen, dazu hilft das Licht
oder die mahnende Stimme nicht, sondern nur ein
anderer Tropfen Bluts von göttlicher Kraft und
Reinheit. Die Quäcker können in den Mysterien des
Quäckerlebens Beweise genug für das Dasein des schwarzen
Tropfens selbst bei den Kindern des
inneren Lichtes
finden, vielleicht keine blutigen Beweise, keine
brennenden Scheiterhaufen; aber düstere Geschichten
von zähen, trüben, lichtscheuen, bittern Fehden unter
„Freunden“, von heimlicher Bedrückung, von
heimlichen langen
WS 9
Quälereien, unversöhnlichem Groll und
all diesen grauen Teufeln, die mich überall, wo ich sie
das Gesellschaftsleben verbittern sehe, an die alte
nordische Hölle mit ihren zähen giftigen Strömen,
ihren beinlosen Kobolden, ihren regenvollen Wolken,
ihren giftträufelnden Schlangen u. s. w.
erinnern. Aber die Quäckerei sah bei ihrer Entstehung
dieses nicht und vielleicht hatte sie es nicht. Der
Enthusiasmus für eine schöne Idee verwandelt die
Seele in einen Frühlingsmorgen mit klarem Himmel
und reinster Luft voll von Vogelgesang und
Blumendüften. Die Wolken kommen später an den Tag. Die
Quäckerei in ihrer ersten Morgenfrische war selbst eine
reine ungetrübte Fluth aus reinen Quellen und taufte
die Welt neu mit den reinigenden Wassern der Wahrheit
zum Glauben an die Stimme und Macht der
Wahrheit. Dieß war, dieß ist ihr gutes Werk in der
Menschheit. Und ihr Weckerruf hat Millionen Seelen
mit reinigender Kraft durchdrungen. Waldo Emerson
ist im Glauben an die Macht des inneren Lichtes und
der Wahrheit ein Quäcker.
Daß die Quäcker glaubten, der Mensch habe in
seinem eigenen inneren Lichte an seiner eigenen Kraft
genug, um die Vollkommenheit zu erreichen, das war
ihr Irrthum und ist es noch heute. Darum machen sie
zu wenig aus dem Gebet, zu wenig aus dem Nachtmahl,
zu wenig aus den Mitteln, welche der allgütige
Vater seinen Kindern gegeben hat, um sie mit sich
und sich mit ihnen in Verbindung setzen, um ihnen sein
Leben mittheilen zu können, Mittel, die man deßhalb
mit großem Recht Gnadenmittel genannt hat. Darum
fehlt es ihnen auch an der Zuversicht und Freiheit,
womit ein Kind Gottes sich im ganzen Kreis seiner
Schöpfungen bewegt und Nichts als unrein und schädlich
betrachtet, wenn es nur mit reinem und dankbarem
Gemüthe genossen wird. Sie sehen mit mißtrauischen
Blicken auf alle freie Schönheit und Kunst, und sie
haben eine gewisse Scheu vor offener Freude; ja, sie
beargwöhnen selbst die Schönheit der Natur, und es
fehlt ihnen an dem universellen Sinn, der den
Scandinaviern angehört (obschon er sich zuweilen ein
Bischen mit ihnen verläuft), und der Deinen etwas
excentrischen Bekannten L——g. zu dem Ausspruch veranlaßte:
„Man solle in Gott essen, man solle in Gott spielen
und singen, ja man solle in Gott
tanzen!!
WS 10
Aber Friede mit dem Quäckerthum! Es hat seine
Sendung vollendet und die Fackel des Lichts eine Zeitlang
den Menschen vorgetragen auf ihrem Weg „aus
dem Dunkel durch die Schatten zum Licht.“ Es hat
seine Zeit gehabt. Diese ist in Bezug auf die frühere
Macht der Secte vorüber. Aber ihr Einfluß lebt in
der neuen Welt noch fort und macht sich geltend,
besonders als Princip strenger Rechtlichkeit und allgemeiner
Menschenliebe, und auch mit diesem dürfte er sich
bei den Völkern der neuen Welt noch eine neue Bahn
brechen.
Die Lehre des inneren Lichtes stirbt nicht, sondern
sie dringt zur Vereinigung mit einem anderen höheren
Lichte.
Sie hat besonders in ihrer bürgerlichen
Gleichstellung der Männer und Weiber einen reichen Samen,
der in einem größern Kreise Keime treiben muß. Wie
ungefährlich diese Gleichheit ist und wie wenig äußere
Veränderungen sie im Staat hervorruft, hat der
Quäckerstaat factisch bewiesen. Mann und Weib haben
da gleiche Rechte und üben sie auf die gleiche Art aus.
Aber sie sind da ihren Naturen gleich geblieben. Das
Weib hat sich mehr dem Hauswesen zugethan, der
Mann hat sich mehr mit den Angelegenheiten der
Gesellschaft beschäftigt. Die Weiber sind gleich weiblich
geblieben, aber dabei in Bezug auf Charakter
bedeutender geworden. Das Verhältniß zwischen den
Geschlechtern zeigt sich in dem Besten was es hatte
unverändert, aber in Bezug auf seine schlimmeren
Partieen besser und höher. Das heilige Experiment zeigt
sich hierin als vollkommen geglückt und mußte ein noch
großartigeres Experiment veranlassen.
Die gegenwärtige jüngere Quäckergeneration schließt
sich in Dichtkunst und Musik immer mehr an die Welt
an, und beginnt ihrer alten blauen und blaßgelben
Tracht durch die eine und andere hellere Farbe einige
Heiterkeit zu geben. Die Veränderung in den
Gemüthern ist vorbereitet. Die Welt ist durch die Reinheit
der Quäcker geläutert worden. Die unschuldige Freude
und Schönheit der Welt beginnt sich zu ihnen Bahn
zu brechen. Ein junges Mädchen von einer Quäckerfamilie
unter meinen hiesigen Bekannten trug hellrothe
Bänder und eine schönere Hutform als die bei der
Secte gebräuchliche, und ihre Mutter machte ihr
Vorwürfe, daß sie mehr daran denke den Menschen zu
gefallen als Gott. „Ach Mutter,“ antwortete sie, „Er
hat die Blumen und den Regenbogen gemacht!“
Die Beschränktheit der Quäckersecte ist gebrochen.
Und gleichwohl ist sie so eigenthümlich und so schön
in ihren einfachen milden äußern Formen, daß ich
bange um sie bin und sie um Vieles nicht vermissen
möchte. Mir gefällt ihr Du, ihre Versammlungen, ihre
Tracht, besonders die Tracht der Weiber in ihrer
thauartig keuschen Reinheit und Feinheit. Und unter dieser
Tracht wandelt noch manche edle Seele im Schein des
inneren Lichtes, verklärt von der christlichen Offenbarung,
für sich und Andere daraus Orakel schöpfend, welche
das zerstreute Auge und Ohr der Welt nicht
wahrnimmt. Und Dichter wie Whittier, Rednerinnen wie
Lukretia Mott beweisen, daß der Geist mit seinen
reichen Gaben noch immer über der Gemeinde der Freunde
ruht.
In neuerer Zeit haben sich die Quäcker in den
Vereinigten Staaten in zwei Secten zersplittert und sich
just nicht mit den freundlichsten Gefühlen in verschiedene
Gesellschaften abgesondert. Die sogenannten Hicksiten
haben sich von den Orthodoxen getrennt. Die Letzteren
schließen sich wie früher so ziemlich an das
Glaubensbekenntniß der Trinitarier an, die ersteren nähern sich mehr dem unitarischen.
Den 27. Juli.
Gestern wohnte ich einem Meeting der orthodoxen
Quäcker an. In einem großen hellen Saal ohne
Verzierungen waren etwa 200 Personen versammelt,
die Männer auf der einen, die Frauenzimmer auf der
andern Seite, und unter diesen eine Menge Kinder;
da saß jetzt Alles auf Bänken und sah schweigend
gerade vor sich hin; ich dagegen sah mich in aller Stille
genau ringsum. Es war ein sehr heißer Tag und
die Schweigsamkeit und Unbeweglichkeit in der
Versammlung war mir drückend, und ich dachte beständig:
„Wird nicht der Geist irgend Jemand in der Versammlung
rühren?“ Aber nein, der Geist rührte Niemand.
Ein alter Herr hustete und ich nießte, und das Laub
auf den Bäumen bewegte sich matt vor den Fenstern.
Dieß war die einzige Bewegung, die ich vernahm. Die
Weiber, als sie so dasaßen mit ihren grauen Hüten,
sämmtlich von Einer Farbe und Form, umgekehrten
Nachen mit flachen Böden gleich, gefielen mir weniger
als gewöhnlich. Aber in manchem Gesicht bemerkte ich
dennoch Augen und einen Ausdruck, der sichtlich vom
tiefen Eindringen des Geistes zeugte, obschon ich in
dieser Tiefe Licht vermißte. Und die Kinder, die armen
kleinen Kinder, die gezwungen waren, still und wach
dazusitzen, ohne Beschäftigung und ohne Gegenstand
für ihre kindliche Aufmerksamkeit, was konnten sie anders
denken als: „Ach, wie ist das so langweilig! möchte es
doch bald aufhören!“ So dachte auch ich, die ich mich
nicht gut in einen Gegenstand hineindenken oder vertiefen
kann, außer wenn ich gehe. So saßen wir gewiß eine
Stunde lang still in der Hitze da, bis endlich auf der
Emporkirche zwei der Aeltesten sich erhoben und einander
die Hand reichten, was das Signal zum allgemeinen
Aufbruch war. Und ich war glücklich, ins Freie
hinaus zu kommen. Am Sonntag werde ich die
Versammlung der unitarischen
WS 11
Quäcker besuchen. Will
sehen, ob der Geist da lebendiger ist. Hier war er
vielleicht tief, aber er blieb in der Tiefe und kam nicht
ans Tageslicht hervor. Als Disciplin können diese
stillen Versammlungen jedenfalls vortrefflich sein. Der
undisciplinirten Versammlungen, wo ohne bestimmtes
Ziel und Resultat hin und her geschwatzt wird, gibt es
genug in der Welt.
Sonntag, den 30. Juli.
Ja, richtig, der Geist war lebendig in der
Versammlung der unitarischen
WS 12
Quäcker. Er rührte zuerst
einen Mann, dann ein Weib, und ich hörte den Geist
aus dem eigentlichen Mittelpunkt des Quäckerbekenntnisses
sprechen. Der Mann, dessen Namen mir jetzt
entfallen ist, ein älterer Herr von lebensvollem und
ernstem Aussehen, ermahnte festzuhalten an der
Ehrlichkeit und Reinheit des Willens und der Ueberzeugung.
Von ihrem reinen Licht gehe Licht aus über
das ganze Leben und seine Handlungen. Die Rede
war gut, lebhaft, klar und wahr. Aber ich dachte an
die Worte: „Der Mensch wird wiedergeboren durch
Wasser und Geist.“ Hier war das Wasser aber weiter
Nichts. Es war die menschliche Reinigung. Vom Geist
des Himmels, von dem inspirirenden Leben der Liebe war
nicht die Rede. Nachdem der Redner sich gesetzt und
Alle schweigend eine Weile dagesessen hatten, erhob sich
in ihrer Bank eine kleine hübsche Frau mit reinen
Zügen und klaren schönen Augen. Es war Lucretia Mott.
Mit nicht starker, aber sehr klarer Stimme, mit einer
Deutlichkeit der Aussprache, die kein Wort verloren gehen
ließ, sprach sie gewiß eine Stunde lang ohne
Unterbrechung, ohne Wiederholung, ohne daß ich einen
andern Wunsch hegte, als daß sie fortfahren möchte. So
klar und kräftig war ihre Darstellung des quäckerischen
Nichtconformitätsprincips, so logisch und vortrefflich
die Anwendung desselben auf die Fragen des practischen
Lebens in gegenwärtiger Zeit: Streitfragen, welche
nach der Rednerin den Frieden, die Sklaverei und die
bürgerlichen Rechte des Weibes betrafen. Mit dem
größten Vergnügen hörte ich diesen trefflichen Vortrag,
der von dem inneren Leben der Rednerin, von
einem frischen, obschon gebundenen Feuer durchgeistet
war. Da war Talent, Kraft, Klarheit, Licht. Gleichwohl
fehlte die Wärme der Inspiration und die Kraft
des ewigen Lebens. Das Licht war ein Winterlicht. Ich
bin inzwischen froh, daß ich eine in ihrer Art vollkommene
Rednerin gehört habe. Der Saal war ganz voll
und man hörte sie mit sichtlicher Bewunderung an. Ich
habe von ein paar jungen Frauenzimmern erzählen
gehört, die in diesen Versammlungen zuweilen sprechen
sollen. Aber ich bekam sie nicht zu hören. Diese
Versammlung schloß wie die erste damit, daß zwei Aelteste
aufstanden und einander die Hände reichten.
Montag.
Heute habe ich zum ersten mal vollständig die
amerikanische
Unabhängigkeitserklärung
gelesen,
von welcher die Welt so viel gehört hat, und ich
und Du ebenfalls. Und ich las sie in demselben Saale,
wo sie unterzeichnet wurde, und Du mußt sie hören,
d. h. ihren ersten Grundsatz, denn auf diesem beruhen
die Freiheiten und Menschenrechte in der neuen Welt.
Er sagt: „Wenn es im Verlauf menschlicher
Ereignisse für ein Volk nothwendig wird, die politischen
Bande aufzulösen, die es mit einem andern vereinigt
hatten, und unter den Mächten der Erde den besonderen
unabhängigen Standpunkt einzunehmen, zu welchem
die Natur und die Gesetze des Herrn der Natur es
berechtigen, so erfordert eine geziemende Achtung vor
dem Urtheil des Menschengeschlechtes, daß es die
Ursachen erklärt, die es zu dieser Handlung veranlassen.“
„Wir betrachten folgende Wahrheiten als
selbstverständlich: daß alle Menschen
gleich geschaffen
sind;
daß sie von ihrem Schöpfer mit gewissen
unveräußerlichen Rechten
begabt sind, daß unter diese
Leben, Freiheit
und
Streben nach
Glück
gehören; daß, um diese Rechte sicher zu stellen,
unter den Menschen Regierungen festgestellt sind, die
ihre rechtmäßige Gewalt aus der Einwilligung der
Regierten schöpfen, und wenn irgend eine Regierungsform
für diese Zwecke störend wird, so ist das Volk berechtigt,
sie abzuschütteln und eine neue Regierung
einzusetzen, deren Gewalt es in derjenigen Form begründet
und organisirt, die ihm die dienlichste scheint, um seine
Sicherheit und Wohlfarth zu fördern.“
Hierauf werden in verschiedenen Punkten alle
Beschwerden aufgezählt, welche die amerikanischen Colonien
gegen die englische Regierung haben und
wodurch sie sich veranlaßt sehen, ihre Regierung in die
eigenen Hände zu nehmen. Die Colonien, die sich auf
solche Art zu einem Staatenbund vereinigten, waren
dreizehn an der Zahl. Jefferson war (wie ich gehört
habe, mit Hülfe von Thomas Payne) der Verfasser der
Schrift, und man merkt ihr auch den Naturverehrer
an, aber in dem Werk des Naturverehrers merkt man
auch die Leitung einer höheren Vorsehung. Am 4. Juli
1776 wurde die Erklärung im amerikanischen Congreß
zur Abstimmung gebracht und angenommen. Sie
entstand in der Morgenstunde einer neuen Zeit; in einer
Zeit großer Gedanken und großer Kämpfe wurde sie
der Welt verkündet. Mitten im brennenden Krieg mit
England und als man über den Ausgang desselben
noch nicht gewiß sein konnte, wurde sie verfaßt und
unterzeichnet. Am Tag vor einer entscheidenden Schlacht
wurde sie der republikanischen Armee vorgelesen. So
wollte es ihr großer Anführer, General Washington.
In dem Saal, wo sie von den Häuptern der
Revolution unterzeichnet wurde, hat man Alles so gelassen,
wie es an jenem Tage war, und der grüne Tisch steht
noch da, um welchen die Mitglieder der Regierung
saßen und auf welchem die Erklärung der Freiheit
unterzeichnet wurde.
Man hat mir von einem lustigen Ausdruck erzählt,
den Franklin bei dieser Gelegenheit gebrauchte. Als
das Document unterzeichnet werden sollte, schienen einige
der Anwesenden unschlüssig zu sein und sich zurückziehen
zu wollen. Da sagte eine Stimme: „Meine Herrn,
laßt uns jetzt alle zusammenhängen.“ „Ja,“ versetzte
Franklin in seiner stillen Weise, „sonst werden wir
alle vereinzelt hängen! Man lachte und unterzeichnete
schnell.
Diese prächtige Erklärung der unveräußerlichen
menschlichen Freiheit und Rechte widerstreitet noch vielen
Dingen hier zu Lande — wie lange?
Jetzt muß ich Dir etwas von meinen hiesigen
Bekannten und Freunden erzählen. Zuerst von meinen
Wirthsleuten, in deren guter Wohnung ich wie ein
Mitglied der Familie lebe. Professor Hart und seine
Frau sind stille, blasse und gottesfürchtige Menschen,
sehr freundlich und für mich im Umgang höchst ansprechend.
Sie beide und ihr zehnjähriger artiger Junge
Morgan machen die ganze Haushaltung aus. Hart ist
ein interessanter und liebenswürdiger Mann. Ein milderes
und sanfteres Wesen, verbunden mit großer
Arbeitskraft und energischem Willen, wäre schwer zu finden.
Dazu kommt ein feiner Humor und ein milder, aber
eigenthümlich durchdringender Blick. Er besitzt ein
ungewöhnliches Organisationstalent in Allem, was er
unternimmt, und ist ausgezeichnet als Lehrer und
Vorstand einer höheren Schule in Philadelphia, die 500
Jungen zählt. Er ist auch Redacteur eines sehr
gelesenen literarischen Magazins (Sartaines Magazine),
und findet noch zu manchen andern Dingen Zeit, weil
er jede Stunde genau in Acht nimmt und Alles zu
der Stunde thut, wo es gethan werden soll. Darum
bringt er vieles zu Stande und scheint niemals in
Eile oder sehr geschäftig zu sein. Morgens geht er
gewöhnlich auf den Markt und kauft das Nöthige für die
Haushaltung; eine hübsche Magd begleitet ihn um
seine Aufkäufe heimzutragen. Neulich ging ich einmal
mit ihm um den durch seinen Reichthum berühmten
Markt von Philadelphia zu sehen. Und während wir
durch das Volksgewimmel in dem bedeckten Gange
wandelten, wo die Buden mit allen Bedürfnissen und Leckerbissen
des Tisches sich befinden (die Fleischbuden,
die Fischbuden, die Gemüsebuden, die Obstbuden nehmen
jede ihre besondere Abtheilung in dem langen
Brettergange ein, der in einer breiten Straße steht),
sah ich meinen Begleiter von Zeit zu Zeit etwas auf
ein Papierchen zeichnen, das er in der Hand hielt. Ich
dachte, er schreibe die Preise der Waaren auf, die er
eingekauft habe, und so war es auch. Aber dabei war
auch eine Note für mich, die meine Pläne und
Unternehmungen für den Tag enthielt, was ich sehen und
besuchen sollte, sowie noch viele andere Dinge, worüber
er mir gewöhnlich jeden Morgen eine Uebersicht gibt.
Heute sagte er zu einer Fleischhändlerin: „Heute, meine
gute Frau, erbitte ich mir von Ihnen ein Paar recht fette
Hühner, denn ich will dieses kleine Frauenzimmer da
a little woman here
) tractiren.“ Und die freundliche
Frau nickte, suchte ein Paar prächtige Hühner aus und
verehrte mir einen großen Blumenstrauß. Ich mußte
den Markt wegen seines Reichthums bewundern. Trotz
der Menge der Eßwaaren und der Hitze verspürte man
durchaus Nichts von einer bösen Luft. Um halb 9 Uhr
frühstücken wir in aller Ruhe und Gemüthlichkeit mit
einander, und um 9 geht Hart zu seinen 500 Jungen,
denen er mit großer Liebe zugethan scheint. Abends
nach 10 beschäftigt er sich mit der Redaction und
Correctur von Artikeln für das Magazin und arbeitet bis
um Mitternacht. Zeit für seine Familie und jetzt für
mich und das Gesellschaftsleben findet er gleichwohl.
Ich bewundere wirklich die stille Arbeitskraft und die
Kunst für Alles Zeit zu finden, die dieser Mann besitzt.
Zu meinen angenehmsten Bekanntschaften hier
gehört die Familie des dänischen Geschäftsträgers Bille.
Die Töchter des Hauses sind außerordentlich anmuthige,
seelenvolle, lebhafte junge Mädchen. Es macht mir so
viel Vergnügen mit ihnen die Sprache meiner Heimath
reden und von Dänemark und guten Freunden allda plaudern
zu können. Oehlenschlägers Tod war für mich eine
überraschende Nachricht. Er sah so gesund und
lebenskräftig aus, als ich vor einem Jahr auf seinem Landsitz
bei ihm war, und er war damals liebenswürdiger
als je gegen mich, brachte auch einen Toast auf das
Glück meiner Reise in die neue Welt, wozu ich mich
kaum erst entschlossen hatte, aus. Eines der Fräulein
Bille las das Stück vor, daß er sich als Todesvorbereitung
hatte vorlesen lassen, nämlich einen von
Oehlenschläger selbst geschriebenen Monolog von Socrates in
der Todesstunde. Er war in reinem stoischem Geist
abgefaßt. Aber wie wunderlich sich in solcher Stunde
seine eigenen Verse vorlesen zu lassen! Besser dachte
unser Erzbischof Wallin, der, als man an seinem
Todtenbett einen seiner eigenen schönen Psalmen vorzulesen
anfing, den Leser unterbrach mit den Worten :
„Ach nein, nein, das jetzt nicht!“ Und er fand erst
dann Ruhe, als man ihm aus dem Evangelium
Johannis vorlas. Aber ich wollte von meinen Bekannten
hier sprechen.
Zu meinen guten Freunden zähle ich auch ein
Quäckerpaar, aber von der etwas verweltlichten Quäckersorte,
Mr. und Mrs. Elisa Townsend, angenehme
und vermögliche Leute, die mir viel Güte erzeugen und
mich in ihrem Wagen oft außer und innerhalb der
Stadt spazieren führen. Mr. Townsends elterliches
Hauß, eine strenge Quäckerfamilie, interessirt mich
besonders durch ein junges Mädchen, das mir vorher
ein recht liebenswürdiges Briefchen geschrieben. Ich
wußte, daß sie in Folge einer Rückenmarkskrankheit
sehr schwach und seit mehreren Jahren bettlägerig war.
Als ich in ihr Zimmer geführt wurde, sah ich auf
einem Bett in weißem Kleid mit breiten plastischen
Falten ein Wesen liegen — ich sage Dir, ich habe
nie etwas so engelähnliches gesehen. Aus dem schönen
engelreinen Gesicht strahlte ein großes Augenpaar mit
wahrhaft überirdischer Klarheit. Sie machte keine
Bewegung, um den Kopf zu erheben, als ich mich über
sie hinbeugte, aber sie schlang still ihre Arme un meinen
Hals. Das Gesicht des einnehmenden Mädchens
— sie heißt Marie — trug keine Spur der Kränklichkeit
und Nervenschwäche, deren Raub sie ist, und die
sie mit wahrer Lammsgeduld erträgt. Auch wird ihr
geistiges Leben dadurch nicht gehemmt. Gott hat ihrem
Geist Schwingen gegeben, und das körperlich gebundene
Mädchen hat von ihrem Krankenbett aus
sinnreiche Lehren in die Welt hinausgesandt, wozu sie durch
ihre Beobachtungen des Sinnreichen im Leben der
Naturwelt befähigt wurde.
Ihr Büchlein für die Kinder und Jugend „Leben
in der Insektenwelt“ ist mir ein willkommenes Geschenk,
auch darum, weil es mir ein junges Mädchen zeigt, welches
sich demjenigen Zweig der Naturwissenschaften widmet,
wozu ich oft, aber meines Wissens ohne Erfolg, junge
Frauenzimmer aufgefordert habe, nämlich dem
Biographischen in Bezug auf Thiere und Pflanzen. Der
Detailsinn, der Blick für die kleine Welt, welcher den
Frauenzimmern eigen ist, nebst dem poetischen Sinn, der an
das Geistige, das Universelle anknüpft und in Allem
ein Symbol, eine gedankenreiche Bedeutung entdecken
kann, sind Naturgaben, die eigentlich diesen Theil der
Wissenschaft gewidmet zu sein scheinen und ihn bereichern
müssen, während ihre Anwendung die forschende
Seele in ihrem täglichen Leben reicher macht. Marie
Townsend hat ihren Gegenstand in dieser poetischen
und biographischen Richtung behandelt und in ihrer
Arbeit die Geschichte der Metamorphosen der Insekten
gegeben. Das Büchlein ist mit Kupferstichen geschmückt,
worin man verschiedene Insektenarten in verschiedenen
Stadien ihres Lebens sieht, besonders in demjenigen,
wo sie ihre Puppen sprengen und ihre Schwingen in dem
freien Raum entwickeln.
Kein Wunder, wenn dieser schöne Menschengeist,
der hart in seine irdische Puppe gefesselt ist, für diesen
Augenblick der Verwandlung eine ausnehmende
Vorliebe empfunden hat. Marie Townsend und eine
jüngere Schwester, die ebenfalls wohlbegabt, aber auch
kränklich (doch nicht wie Marie) und durch die innigste
Liebe mit ihr vereinigt ist, beschäftigen sich jetzt mit
Abfassung einer Reimchronik von Englands Geschichte
als Gedächtnißaufgabe für Kinder. Und so umschließt
dieses gemüthliche Quäckerhaus ein reiches poetisches
Leben und in diesem ein Wesen, das beinahe bereits
ein Engel ist und nur noch auf seine Verwandlung
wartet, um es vollständig zu werden.
Die Eltern sind ein klassisches altes Quäckerpaar.
Der Greis läßt sein vornehmsten Geschäft und seine
größte Freude darin bestehen, daß er seine Töchter
pflegt.
Bei Lucretia Mott bin ich zu einem Mittagsmahle
gewesen, wobei sie alle ihre Kinder und Kindeskinder,
eine schöne blühende Schaar, um sich versammelt hatte.
Sie interessirt mich ohne mich anzuziehen. Ihr Mann
Mr. Mott ist ein kräftiger alter Herr, der seinen Platz
wohl zu vertheidigen scheint, aber vor dem Publikum
durch die Glorie seiner Frau verdunkelt wird. Man
behauptet, er sei damit wohl zufrieden. Und dieß
gereicht ihm zur Ehre.
Neulich wurde bei einer öffentlichen Vorlesung, die
ein ausgezeichneter Literat Mr. Dana über Shakesspeare
hielt, Desdemona als Ideal der Weiblichkeit für alle
Zeiten, das kein höheres über sich habe, dargestellt.
Nach der Vorlesung erhob sich Lucretia Mott und sagte:
„Freund Dana! ich halte dafür, daß Du in Deiner
Darstellung dessen, was das Weib sein soll, Unrecht
hast, und ich will es zu beweisen suchen.“ Sie ersuchte
also die Versammlung an einem gewissen Tag in diesem
Zimmer zusammenzukommen. Die Versammlung
ermangelte nicht, sich einzustellen, und Lucretia hielt einen
trefflichen Vortrag, durchdrungen von der Liebe zur
Wahrheit und Ehrlichkeit, welche der Liebesgrund der
Quäckersecte ist. Lucretia ist eine prächtige Frau und
Rednerin, und würde noch prächtiger sein, wenn sie
auch ein wenig auf die Reden und Gedanken Anderer
hörte, besonders in der Sklavenfrage; aber das thut
sie nicht.
Unter den Personen, die mir hier ihre Wohnung
angeboten haben, befindet sich die Frau des brittischen
Consuls, Mrs. S. Peter. Ich besuchte sie um ihr zu
danken, und fand eine warmherzige lebhafte Dame, die
sich mit ganz besonderem Eifer die Entwicklung ihres
Geschlechts zu einem unabhängigeren sowohl leiblichen
als geistigen Leben angelegen sein läßt. Sie hatte in
ihrem Hause eine Zeichnungsschule für arme junge
Mädchen eingerichtet, wo sie zeichnen, Muster anfertigen,
Holzschnitte machen und dergl. Dinge lernen,
und sie zeigte mir verschiedene schöne Arbeiten dieser
Kinder. Andere gute Anstalten für Frauenzimmer
hatte sie ebenfalls zu Stande zu bringen gesucht. Aber
sie war verdrießlich über die Theilnahmslosigkeit,
worauf sie besonders von Seiten der Frauenzimmer stieß.
Sie sagte: „Diese Damen wollen ihrem Geschlecht nicht
zur Seite stehen.“ Sie meinte, so wie die Welt jetzt
stehe, könnte man allen neugebornen Mädchen keinen
größeren Dienst erweisen, als wenn man sie ins Wasser
werfe. Ich lächelte über diesen sonderbaren Liebesbeweis,
konnte aber der warmherzigen Frau nicht so ganz
Unrecht geben; nämlich wenn die Welt in diesem
Punkte nicht gerechter und aufgeklärter werden sollte
als sie es jetzt ist. Aber in Amerika scheint man mir
wenig Ursache zu haben, daran zu zweifeln, und folglich
ganz und gar keinen Grund, kleine Mädchen zu
ertränken.
Ich habe hier blos Abends Besuche angenommen,
aber eine ganze Menge Leute gesehen, von denen mich
Mehrere interessirten. Gestern schenkten mir einige
anmuthsvolle junge Mädchen einen frisch ausgeschlagenen
Riesencactus von der Art, wie er blos alle 30 Jahre
blüht. Man kann sich keine herrlichere Schöpfung des
Sonnenlichtes denken. Die Sonne hat in dieser Blume
sich selbst abspiegeln wollen.
Hier erhielt ich Deinen Maibrief, meine Agatha.
Schön, daß Ihr endlich ein bischen Frühlingswetter in
Stockholm habt und daß ihr beide, Mama und Du,
gesund seid. Als Du davon sagtest, ob wir wohl in
Marstrand zusammentreffen würden, wandelte mich just
eine kleine Versuchung an einzupacken und auf und
davon zu geben. Aber es wäre eine Thorheit von mir,
mein liebes Herzchen, jetzt nach halbverrichteter Arbeit,
nachdem ich so viel gesagt, aber auch so viel gelitten,
um sie ausführen zu können, nach Haus reisen zu
wollen. Ich fühle, daß mein Leben und meine
Erfahrungen von so großer Wichtigkeit für mich sind, und
ich meine so deutlich die Hand einer leitenden
Vorsehung in dieser meiner Reise zu erblicken, daß ich es
zu beklagen und zu bereuen hätte, wenn ich sie ohne
unbedingte Nothwendigkeit unterbrechen oder abkürzen
sollte. Ich muß sehr wünschen, daß ich noch einen
Winter auf dieser Seite des Oceans bleiben kann. Im
nächsten Juli könnte ich dann nach Hause kommen, und
dann wollen wir zusammen fortfahren und die
Maistange in Marstrand aufrichten.
Trotz der starken Hitze, die jetzt herrscht, fühle ich
mich immer mehr acclimatisirt und kann mich weit besser
als bisher über das besinnen und klar machen, was ich
hier zu Lande sehe und erfahre.
Du fragst über die Stellung der Frauenzimmer
im Schulwesen. Ja, darüber hätte ich Dir viel zu
sagen und habe Dir auch schon Einiges gesagt. Denn
ihre Stellung hier ist unzweifelhaft eine der schönsten
Seiten der neuen Welt. Man sieht immer allgemeiner
ein, daß die Frauenzimmer die besten Lehrerinnen der
Kindheit und Jugend sind, und sie werden in großen
und kleinen Schulen, auch für Knaben bis ins
dreizehnte oder vierzehnte Jahr, zuweilen auch noch länger
als solche verwendet. Ich habe mit jungen
Frauenzimmern gesprochen, welche Lehrerinnen von siebzehn-
bis achtzehnjährigen Jünglingen waren, und sie sagten,
sie haben von ihnen nie etwas Anderes als Aufmerksamkeit
und Achtung erfahren. Es ist wahr, daß diese
jungen Mädchen in ihrem ganzen Wesen ausgezeichnet
edel und ladygleich sind. Die Lehrerinnen sind bei
Weitem nicht so gut belohnt, wie die Lehrer. Aber
man sieht die Ungerechtigkeit dieses Verhältnisses ein,
da die Gesundheit der Weiber durch diese beharrliche
Arbeit mehr leidet, als die der Männer, so daß sie
nicht so lang dabei auszuharren vermögen. Man hofft
auch dieser unbilligen Theilung abhelfen zu können,
sobald die Frauenzimmer mehr Mittel finden, sich etwas
zu verdienen. Und solche Mittel und Wege beginnen
sich immer mehr zu eröffnen. Eine ausgezeichnete junge
Dame hier in der Stadt hat in dieser Beziehung als
Aerztin Bahn für ihr Geschlecht gebrochen, sie hat sich
im Kampf mit unendlichen Schwierigkeiten und
Vorurtheilen (auch hier in diesem freien Lande!) so
entschlossen gezeigt und durch ihr Talent einen so glänzenden
Sieg davon getragen, daß man jetzt im Begriff
steht, ein medicinisches Collegium für Frauenzimmer
zu bilden, wo sie studiren und doctoriren können.
Das freut mich unendlich. Wie nützlich werden
nicht diese Aerztinnen für ihr eigenes Geschlecht und
für die Pflege der Kinder werden, namentlich bei ihren
vielen besondern Krankheiten, für deren Behandlung
die Frauenzimmer ein besonderes Talent zu haben
scheinen!
Was industrielle Geschäfte betrifft, so glaube ich,
daß die Erziehung der Frauenzimmer auch hier
bedeutend vernachlässigt wird. Sie sollten weit
allgemeiner, als es bis jetzt der Fall ist, in der Buchführung
unterrichtet werden. In Frankreich sind die
Frauenzimmer in dieser Beziehung viel weiter gekommen
als hier. Und hier, wo zwei Drittel der
Bevölkerung Handel treiben, wäre es von großer Wichtigkeit,
wenn die Frauenzimmer das Rechnungswesen besorgen
könnten. Gegenwärtig besteht ihr vornehmstes Amt
außer dem Hause im Unterricht der Jugend. Ich sah
dieser Tage ein Mädchen von etwa zwanzig Jahren
einer Klasse von Jünglingen, unter denen sich Einige
von mehr als zwanzig befanden, Declamationsunterricht
ertheilen. Sie besaß ein ausgezeichnetes Talent für diese
Kunst, und die Jünglinge nahmen ihre Berichtigungen
wie gute Kinder hin. Sie hatten aus freiem Antrieb
diese Klasse gebildet, um von ihr zu lernen.
Jetzt werde ich bald die freundliche Stadt der
Freunde verlassen, um nach Washington zu fahren, wo
der Congreß gegenwärtig beisammen ist und der
brennende Kampf wegen Californiens und der Sklaverei
bereits begonnen hat.
Philadelphia kennst Du aus Reisebeschreibungen
für seine Regelmäßigkeit und Ordnung. Es hat darin
den Quäckercharakter, und ist eine stille Stadt im
Vergleich mit New-York; es besitzt keine Paläste und
ausgezeichnete Gebäude, ist aber im Allgemeinen gut
gebaut und hat schöne breite Straßen, die mit Bäumen
bepflanzt sind, und hinter diesen breite Seitengänge
und eine Menge prächtige Privathäuser mit marmornen
Treppen und Thoren, besonders in den fashionablen
Straßen. In jedem der Stadtviertel ist ein großer
grüner Markt, mit Bäumen bepflanzt wie ein Park,
und es ist recht gemüthlich, da herum zu spazieren und
zu sitzen. Unter dieser Oberfläche von Ordnung,
Reinlichkeit und Regelmäßigkeit soll sich indeß eine bedeutende
Dosis Unregelmäßigkeit befinden, und unter den minder
civilisirten Theilen der Bevölkerung, wie auch unter
den gröbern Arbeitern und den freien Negern, meist
geflüchteten Sclaven, die zum Theil sehr unordentlich
leben, kommen nicht selten Streitigkeiten und Schlägereien
vor. Ein Theil der männlichen Jugend in der
Quäckerstadt scheint gewisse gährende Getränke in
Flaschen, welche den Kork in die Höhe treiben oder
die Buteille zerspringen, wenn es ihnen darin zu enge
wird, sehr zu lieben. Ich sage davon blos das, was
man mir erzählt hat, und ich finde es natürlich.
Hätte man meinen Geist in eine strenge Quäkerform
eingesperrt, so wäre ich entweder eine heilige Therese
oder verrückt geworden, oder — ich wage gar nicht zu
sagen, was.
Mit der Liebenswürdigen Familie Bille habe ich
den schönen Kirchhof Philadelphias, genannt Lorbeerhügel,
am Ufer des
Schuykill
besucht, (letzteren Namen
will man hier aus der scandinavischen Zeit und dem
dänischen „skjulte Kilder", verborgene Quellen,
ableiten), und mit Townsends habe ich einige der
schöneren Umgebungen der Stadt gesehen, worunter auch
die pittoresken Felsenufer des Schuykill. Das Land ist
überall sehr fruchtbar. Man sieht indianisches Korn
(Mais) und Waizenäcker nebst schönen Wiesen. Alles zeugt
von Kultur und Fleiß. Kastanien, Wallnußbäume,
Eschen, mehrere Eichenarten, Ulmen, Ahorne und Linden
sind die gewöhnlichen Baumgattungen. Man sieht
auch häufig die kleine schöne Virginiafichte, ein
pyramidenförmiges, dunkles, dichtnadliges Bäumchen, nebst
vielen schönen Buscharten. Ganze Parke von
Obstbäumen, meist Pfirsichbäumen, schmücken die Felder.
Das Land um Philadelphia ist hübsch. Eine schöne
Abwechslung von Höhen und Thälern, eine idylische
Natur. Die Bäume sind groß und laubreich. Aber es
kommen hier keine Bäume auf, die sich mit der Magnolia
und der Lebenseiche des Südens vergleichen ließen.
Die Tulpenblume habe ich auch hier gesehen.
Pennsylvanien wird der Staatenschlüssel genannt
wie ich glaube, schon von alten Zeiten her, wegen seiner
centralen Lage unter den ersten Unionsstaaten. In
Bezug auf Bevölkerung und Wohlstand gilt Pennsylvanien
für den zweiten Staat in der Union. Es hat
in der Erde ungeheure Kohlenlager und in den inneren
Theilen des Landes große Naturschönheiten. Der
Susquehannafluß
und das Wyomingthal sind durch
ihre romantische Schönheit berühmt. In Bezug auf
Größe und Bevölkerung kommt Philadelphia zunächst
nach New-York. New-York hat 700,000 Einwohner,
Philadelphia ungefähr 300,000, und die Unordnungen
in der Stadt dürften wohl großentheils von der stark
zunehmenden Volksmenge herrühren, mit welcher das
Erziehungswesen bisher nicht gleichen Schritt halten
konnte. Aber nach dem Beispiel des Pilgerstaates in
neuerer Zeit hat auch der Quäckerstaat sich bedeutend
angestrengt, sein Schulsystem gleich dem von
Massachusetts organisirt, und schmeichelt sich sogar, wie ich
höre, es zu übertreffen. Ob mit Recht, weiß ich nicht.
Und jetzt lebe wohl, Philadelphia!
Bergfalk ist nach Schweden zurückgereist; am
26. Juni sollte er von Boston aus an Bord gehen.
Er ist in Philadelphia tödtlich an einer Lungenentzündung
erkrankt, aber durch homöopathische Behandlung
gerettet worden. Während seiner Krankheit und
Reconvalescenz hat er Einiges von dem überfließenden
Herzen dieses Volkes erfahren, welches für den Leidenden
Alles thut und keine Grenze seines Wohlwollens
kennt. Und das freut mich sehr. Bergfalk hat in
Amerika wie ein guter Schwede gelebt; unaufhörlich
arbeitend und forschend im Gesetzeswesen und in
Gesetzesfragen, stets sich besinnend: „Was kann für Schweden
gut und anwendbar sein?“ Nach Anderem hat er
wenig gefragt. Er sehnte sich ungemein nach Hause
zurück. Es thut mir leid, daß ich vor seiner Abreise
nichts mehr für ihn thun konnte, und daß Fremde an
seinem Krankenlager saßen, und nicht seine
Landsmännin. Sein Brief sagt mir, daß er in diesen
Fremden liebevolle Brüder und Schwestern gefunden habe.
Washington, Columbia, 1. Juli.
Ich empfand einen kleinen Freudeschauer, als ich
vorgestern Abend vom Capitol der Vereinigten Staaten
herab das herrliche Panorama des vom Potomak
durchschnittenen und von goldenen Abendwolken beglänzten
Landes überschaute. Es war ein prächtiger Anblick.
Diese Lage des Capitols, seine Umgebung und die
Aussicht, die es darbietet, gehören wahrlich zum Schönsten, was man sehen kann. Und der Volksvertreter, welcher hier für Land und Volk sprechen soll, muß nothwendig begeistert werden von dem Anblick, den er von hier aus über das Land hat; er muß Freude und Stolz
empfinden, daß dieß sein Land ist und daß er für das
Wohl desselben wirken kann. Ich war diesen Abend
in Gesellschaft mit Miß Lynch, der anmutsvollen jungen
Dichterin, die jetzt in Washington ist, um für ihre Mutter, die Wittwe eines Marineoffiziers ist, eine Pension vom Congresse auszuwirken, sowie mit dem amerikanischen
Consul in Canada, einem angenehmen jungen Mann
Namens Andrews.
Tags darauf besuchte ich mit ihr und
Dr.
Hebbe,
einem seit mehreren Jahren in Amerika ansäßigen
Schweden, den Senat und das Repräsentantenhaus.
Der Tag war schön, die Fahne der Vereinigten Staaten
mit ihren 33 Sternen (ein Stern für jeden Staat
in der Union) wehte vom Capitol herab, wie dieß
während der Sitzung des Congresses gebräuchlich ist.
Es sah recht festlich aus. Der Senat, der in einer
großen, durch hohe Fenster, sämmtlich auf dem einen
Halbtheil des Saales beleuchteten Rotunde sitzt, macht
einen guten und klaren Eindruck. Die Senatoren sind
meistens schöne Gestalten mit theilweise eigentümlichen
Physiognomien, und die Haltung des ganzen Collegiums
ist ruhig und würdig, was inzwischen nicht verhindert,
daß manchmal ziemlich störende und des Senats unwürdige
Scenen hier vorkommen. Auch während dieser
Session kam es einmal zu einem wilden und komischen
Auftritt zwischen Mr. Benton, Senator von Missouri,
und Mr. Foote, Senator von Mississipi; der Erstere,
ein kräftiger Mann mit etwas raubvogelartigem
Ausdruck und Schnabel in seinem Gesicht, ging dem Letzteren
mit einer Haltung und einem Geberdenspiel entgegen,
wodurch sich dieser, ein kleiner Mann von
nervöser Lebhaftigkeit, veranlaßt sah, eine Pistole
herauszuziehen und Benton auf die Brust zu setzen. Als
aber der Senator von Alabama ganz ruhig sagte:
„Geben Sie dieses Instrument her!“ und kaltblütig
Foote entwaffnete, da zeigte es sich, daß die Pistole
nicht geladen war. Habicht und Taube waren jetzt
beide auf ihren Plätzen im Senat, und der Streit
schien beigelegt zu sein, aber ich würde dem Habicht
nicht trauen.
Die beiden großen Staatsmänner Clay und Webster
waren im Senat, sprachen aber nicht. Clays Aueßeres
habe ich Dir bereits beschrieben.
Daniel Webster
hat
eine merkwürdige Aehnlichkeit mit unserem verstorbenen
Erzbischof
Wallin
, besonders durch seine großen tiefen
Augen und die mächtige prächtig gewölbte Stirn; aber
Webster ist ein schönerer Mann und sieht massiver aus.
Sein Kopf ist wahrhaft magnifik. Webster ist Senator
für Massachusetts, Clay für Kentucky. Im Verhältniß
zu den großen Streitfragen zwischen dem Norden
und Süden hier zu Lande scheint Webster den
gemäßigten Norden und Clay den gemäßigten Süden
zu repräsentiren. Der Senat ist im Saale in zwei
Abtheilungen getheilt. Jeder Senator hat einen kleinen
Schreibpult vor sich, worauf er Papiere oder Bücher
hat. Der Vicepräsident, welcher der Sprecher ist und
auf einer von dem amerikanischen Adler überschwebten
Erhöhung vor beiden Parteien sitzt, ist eine schöne,
kraftvolle Gestalt von mannhaftem und offenem
Aussehen. Auf der Zuhörergallerie, die über den Köpfen
der Senatoren rund um den Saal geht, ist die vorderste
Reihe für Damen bestimmt. (Amerikanische
Galanterie!) Man hört also von da aus ganz gut, was
im Senat gesprochen wird.
Das Repräsentantenhaus macht einen weniger
vortheilhaften Eindruck. Der Saal ist weit größer und
minder gut beleuchtet, als der des Senats. Auch ist
die Mitgliederzahl weit größer, und sie spricht, bewegt
und benimmt sich mit ungleich weniger Würde. Das
Ganze machte einen chaotischen Eindruck auf mich. Und
von der Zuhörergallerie herab konnte ich nicht ein
einiges klares Wort hören. Der Ton kommt nicht
rein dahin und die Mitglieder sprachen mit überstürzender
Hast. Mit vielen Senatoren sowohl als Repräsentanten
wechselte ich einen Händedruck. Sie waren
ausnehmend höflich und munter.
Nachmittags führte Mr.
Hale
, Senator von
New-Hampshire, Miß Lynch und mich nach dem Weißen
Haus, der Wohnung des Präsidenten, nahe bei der
Stadt, wo im Park jeden Samstag Abend Militärmusik
ist und das Volk in aller Freiheit lustwandelt.
Der Präsident (General
Taylor
) befand sich unter der
Menge; ich wurde ihm vorgestellt, und wir drückten
einander die Hände. Er hat ein gutes, angenehmes
Aussehen und Wesen und war einfach, beinahe
nachlässig gekleidet. Er soll sich durch keine großen
Talente als Staatsmann auszeichnen, wird aber allgemein
verehrt wegen seines reinen fleckenlosen Charakters,
sowie wegen seiner Fähigkeiten und seiner Menschlichkeit
als Feldherr. Der mexikanische Krieg hat ihn zum
Präsidenten gemacht. Seine ganze Erscheinung kam
mir mehr bürgerlich als militärisch vor. Vicepräsident
Fillmore
, mit dem ich an diesem Abend auch bekannt
wurde, sieht mehr wie ein Präsident aus, als Taylor.
Die Wohnung des Präsidenten ist ein schönes pallastartiges
Haus (aber von zu einfachem Styl, um Pallast
genannt werden zu können) in der Nähe des
Potomakflusses. Lage und Aussichten sind schön. Die Musik
spielte „das sternbesäte Banner“ und andere vaterländische
Stücke. Drei- bis vierhundert Personen, Herren,
Frauenzimmer und Kinder, lustwandelten im Grünen;
der Abend war schön, die ganze Scene heiter und
munter, sie zeugte von ächt republikanischem Geist.
Ich labte mich daran, indem ich bald mit dem einen,
bald mit dem andern Congreßmitglied Arm in Arm
umherspazierte und nach rechts und links Händedrücke
wechselte. Da man weiß, daß ich kleine Kinder liebe,
führten mehrere Mütter und Väter ihre Kinder vor,
um mir die Händchen zu reichen. Dieß freute mich.
Der Präsident sah ebenfalls seine Lust an den Kindern,
die sorglos umhersprangen oder im Grase saßen. Er
schien mir ein Mann zwischen 50 und 60 Jahren zu sein;
man sagt aber, er sei seiner Stellung und der gegenwärtigen
Streitigkeiten in der Union herzlich müde und sehr
darüber bekümmert. Hier schien er eine Ruhestunde
zu genießen und stand in patriarchalischer Einfachheit
und Freundlichkeit unter der Menge da.
Später.
Ich komme soeben vom Capitol heim, wo ich den
Morgen zugebracht habe, wo man aber mehr mit den
Senatoren Arm in Arm umherspaziert und plaudert,
als man den Rednern im Senat zuhört. Das Letztere
ist es jedoch, was ich wollte. Der Eintritt Californiens
in die Union mit oder ohne Sklaverei ist die
große Streitfrage des Tages, welche den Norden und
Süden in feindliche Parteien spaltet. Niemand weiß,
wie der Kampf endigen wird, und der Präsident soll
neulich gesagt haben: „Es sieht allerwärts trübe aus.“
Der Staatsmann Henry Clay, der einen Vergleich zu
Stande zu bringen sucht und lange dafür gearbeitet,
hat in den letzteren Zeiten (man sagt, in Folge seines
despotischen und übermütigen Benehmens) den Senat
gegen sich bekommen, und der Widerstand, den er bei
seinen Herrn Collegen trifft, macht ihm manche
verdrießliche Stunde. Er beklagte sich heute bitter darüber,
als ich vor der Sitzung nebst Anna Lynch, ihn
auf seinem Zimmer besuchte. (Er war gestern bei mir
gewesen, so lange ich im Weißen Haus war.)
Sodann fragte er mich über
König Oskar
, seinen
Charakter, seine Stellung zum Volke u.s.w. Ich bekomme
so viele bedeutungslose und triviale Fragen zu hören,
daß es mich wahrhaft erfrischt, wenn ich manchmal auch
andere, in denen ein Ernst und ein Gedanke ist, und
die mit ernster Absicht an mich, gestellt werden, zu
beantworten habe. Und ich freute mich, Clay sagen zu
können, daß wir in König Oskar einen guten, klugen
und gerechten Monarchen besitzen, den wir lieben. In
Allem, was Clay von Schweden und der schwedischen
Staatsverfassung wußte, erkannte ich den Blick des
Genies, das weniger Kenntnisse bedarf, um Vieles
einzusehen und zu verstehen. Just als wir an diesem
Capitel waren, führte der Bediente einen wunderlichen
kleinen Mann mit einem Stocke in der Hand ein, der
wie ein Knittel und zugleich wie ein Zauberstab aussah
— irgend ein Ungeheuer aus dem großen Westen,
dachte ich. Notabene, wir saßen bei offenen Thüren
da. „Ist dieß Henry Clay“ sagte der kleine Mann,
indem er sich und seinen Knittel gerade vor dem großen
Staatsmann aufpflanzte. „Ja, mein Herr! dieß ist
mein Name,“ antwortete Clay ungeduldig. „Setzen
Sie sich. Was wollen Sie von mir?“ — Der kleine
Mann setzte sich ganz ungenirt in einen Lehnstuhl, und
ich erhob mich, indem ich etwas von meiner Befürchtung
äußerte, Clay's Zeit zu sehr in Anspruch zu
nehmen. „O nein, nein!“ versetzte er galant.
„Damengesellschaft ist immer so erfrischend für mich. Aber
diese Bursche da, ich hasse sie!“ Und er machte gegen
den kleinen Mann eine Geberde, die ihn hätte aus dem
Zimmer treiben mussen, wenn er ihre Bedeutung recht
verstanden hätte. Aber er saß wie eingewurzelt mit
seinem Knittel da und schien fest entschlossen, sich nicht
stören zu lassen. Ich mußte also den müden Staatsmann
dem Kobold überlassen. Clay, der in hohem
Grad populär ist, läßt Jedermann vor und soll sehr
überlaufen werden von Personen, die seine Zeit und
seine Dienstfertigkeit in Anspruch nehmen. Gegenwärtig
soll er reizbarer und ungeduldiger sein, als man ihn
je zuvor gesehen hat. Der Widerstand, auf den er
stößt, ist wohl die Ursache davon. Welch ein Leben!
Und doch ist es das, wornach die Männer streben.
Mit dem Senator von Georgia, Richter Berrian,
einem geistreichen und scharfsinnigen Mann, dem
schlimmsten Sklaverei-Vertheidiger, aber, wie ich
glaube, von der Patriarchanart, besah ich heute die
Bibliothek auf dem Capitol, einem großen schönen
Saal mit herrlicher Aussicht und einem Versammlungszimmer
während der Session, wenn man von den
Staatsgeschäften ausruhen, mit Bekannten sprechen
will u. s. w. Hier kann man alle Tage in einer
Fensternische vor einem mit Papier und Büchern
bedeckten Tische eine Dame vom Anfang des mittleren
Alters, von eleganter Gestalt, feinem Gesicht und
einnehmendem Ausdruck sehen. Sie scheint immer
beschäftigt zu sein und mit mehreren bedeutenden Männern
des Congresses in Rapport zu stehen. Sie wünscht
auch etwas von dem Congress und sitzt da, um ihr
Anliegen zu überwachen. Was begehrt sie, was will
sie? Sie will zehn Millionen Dollars (von Land im
Westen) als Grundstock zu einer jährlichen Austheilung
für Irrenanstalten und Armenhäuser in allen Staaten
der Union. Es ist Miß
Dorothea Dix
, die seit zehn
bis zwölf Jahren die meisten Staaten durchgereist,
Narrenhäuser und andere Asyle für Unglückliche besucht
und bedeutend zu ihrer Verbesserung, namentlich zur
bessern Pflege und Behandlung der Wahnsinnigen
beigetragen hat. Durch ihren Einfluß und die vortrefflichen
Denkschriften, welche sie verfaßt und an die Regierungen
der verschiedenen Staaten eingeschickt hat, sind
mehrere Irrenanstalten an Orten, wo solche mangelten
und die Unglücklichen der Privatwillkür oder der
elendesten Vernachlässigung ausgesetzt waren, eingerichtet
worden. Die einflußreiche Thätigkeit dieser Dame ist
einer der schönsten Züge im bürgerlichen Leben des
Weibes in der neuen Welt. Ich werde Dir später
einmal, aber mündlich, mehr von ihr erzählen.
Den 2. Juli
Ich komme eben heim vom Capitol, wo ich das
Vergnügen hatte, Clay und Webster nebst mehreren der
angesehensten Senatoren sprechen zu hören. Clay spricht
lebhaft und mit starkem Nachdruck. Seine Stimme,
deren Schönheit ich oft preisen hörte, frappirte mich
gleichwohl nicht, und ich meine, er stoße sie oft zu
heftig aus, so daß die Worte durch den beinahe bellenden
Klang der Stimme übertönt werden. Webster
spricht mit großer Ruhe in Ton und Wesen, aber in
seiner ganzen Art und Weise liegt viel intensive Kraft.
Er hat mit dem Erzbischof Wallin als Redner auch
das gemein, daß er seine Stimme senkt und leiser
spricht, je größeren Eindruck er machen will.
Dieß ist das Gegentheil von dem sonstigen Brauch
amerikanischer Redner, aber es ist von großer Wirkung.
Andere Redner interessirten mich gleichfalls, aber ich
konnte kaum etwas mit Ruhe anhören, weil mir
fortwährend Congreßmitglieder vorgestellt wurden, mit
denen ich sprechen mußte. Sie sind außerordentlich
höflich. Später jedoch werde ich mein Ohr den
Geschäften leihen und die leichte Conversation Anna Lynch
überlassen, welche eine Meisterin darin ist, während ich
nur eine Pfuscherin bin. Vom Capitol fuhren wir
zum Präsidenten, der seinen Empfangtag hatte. Wir
kamen spät, so daß wir allein bei dem alten Herrn
waren, der heiter und freundlich war und uns von den
südlichen Indianern allerlei Dinge erzählte, welche Miß
Lynchs und meine etwas allzu romantische Vorstellungen
von ihnen bedeutend abkühlten. Hinter seiner galanten
Freundlichkeit glaubte ich eine Wolke geheimen
Kummers zu erblicken, die er verbergen wollte. Seine
Tochter, die Oberstin Blix, war in ihrem weißen Kleid
unendlich anmuthig und schön. Sie ist ein stilles und
äußerst gebildetes Wesen.
Gestern war ich über Mittag bei Professor Henry,
einem ber berühmtesten Chemiker hier zu Lande. Ich
fand in ihm einen großen Bewunderer von Berzelius
und Oersted, wie auch einen außerordentlich
liebenswürdigen Mann. Vicepräsident Fillmore kam gegen
Abend. Er ist ein vollkommener Gentleman und
äußerst angenehm in der Conversation.
Den 3. Juli.
Gestern Abend war ich mit Daniel Webster und
verschiedenen andern Personen bei Mr. und Mrs.
Sexton, den Eltern der Mrs. Schröder, einem schönen
älteren Pärchen. Webster hat eine ungesunde, blaßgelbe
Gesichtsfarbe, er geht viel allein, ist schweigsam,
und sieht bedrückt und zerstreut aus. Seine schöne,
freundliche Frau placirte ihn neben mich, da sie mir
das Vergnügen gewähren wollte, mit ihm zu sprechen.
Er hat merkwürdige Augen; wenn sie sich gegen Einen
kehren, meint man in Katakomben voll alter Weißheit
zu sehen. Es kommt jedoch im Alltagsgespräch und
Gesellschaftsleben nich viel davon zum Vorschein, und
das Tiefe liegt tief genug darinnen in diesem prächtig
geformten Kopfe. Der Mann scheint vollkommen einfach
und
sans façon
zu sein — eine sehr bestimmte
Natur, die sich gibt, wie sie ist. Aber nach meinem
Dafürhalten gehört er zu denjenigen, deren Kräfte erst
im großen Augenblick recht eigentlich erwachen.
An der Table d'hote heute erzählte Anna Lynch,
Jemand habe von Daniel Webster gesagt, kein Mensch
sei so weise, als Webster aussehe. Richter Berrian fiel
sogleich ein: „Nicht einmal Webster selbst!“ worauf
wir Alle beifällig lachten. Anna Lynch und ich sitzen
an einer Ecke der Wirthstafel, wo Clay zwischen uns
sitzt, und auf beiden Seiten verschiedene Südländer,
so daß ich durch meine liebe Freundin mitten in die
Sklavereipartei gekommen bin. Doch kann Henry Clay
nicht zu ihr gerechnet werden. Ich wohne im Nationalhotel,
ziehe aber bald in ein Privathaus, wohin ich
schon lange eingeladen bin. Hier im Hotel ist es ein
unaufhörliches Gesellschaftsleben und eine schreckliche
Hitze. Aber man bekommt da allerlei interessante Leute
zu sehen und zu hören. Von dem californischen
Senator, einer prächtigen Riesengestalt, die großartig für
die Bewohner des großen Westens zeugt, habe ich eine
Brustnadel von californischem Golde erhalten, deren
Knopf ein californisches Goldklümpchen in seinem
natürlichen Zustande ist, worin man — mit einiger
Beihilfe der Phantasie — einen Adler erblickt, der im
Begriff steht, sich zu erheben und aus seinem Neste zu
fliegen.
Und jetzt, mein Herzchen, muß ich diesen langen
Brief schließen. Ich werde wohl etwa vierzehn Tage
in Washington bleiben; hierauf begebe ich mich an den
Meerestrand, um ein paar Wochen zu baden und
Stärkung zu suchen, bevor ich weiter reise. Statt mich
jetzt westwärts zu wenden, was bei der starken Sonnenhitze
gefährlich und mühsam wäre, gedenke ich mich
nordwärts nach Maine und New-Hampshire zu ziehen
(vielleicht besuche ich auch Canada, wozu der junge
Mr. Andrews mir sehr räth); von da fahre ich westlich
über die großen Binnenseen nach Chicago, und
hierauf in die skandinavischen Niederlassungen noch
weiter im Westen. Denn diese will ich endlich einmal
besuchen. In der schwedischen Bauernkolonie am
Mississippi sind neulich unruhige Auftritte vorgefallen, und
Erich Janson (der Prophet) ist von einem Schweden
Namens Rooth erschossen worden. Er soll sein
Ansehen unter den Seinigen fortwährend behauptet, rings
um die Kolonie aber in schlechtem Ruf gestanden
haben.
Morgen, den 4. Juli, gedenken Miß Lynch und ich
nach Mount Vernon, dem ehemaligen Landsitze und
späteren Begräbnißplatz Washingtons, zu fahren, um
da in aller Stille den großen Tag der Vereinigten
Staaten zu feiern, den Tag der Unabhängigkeitserklärung,
der im ganzen Land, in allen Staaten und
Städten mit Reden, Kanonendonner und Toasten
begangen wird. Meine kleine Freundin Miß Lynch lebt
hier wie in ihrer eigentlichen Lebenslust, und ohne die
geringste Koketterie zieht sie durch ihr frisches Leben
und ihren heitern Witz immer einen Kreis von
Personen, meistens Herren, um sich. Diesen sagt sie manche
etwas gepfefferte Wahrheit, aber in einer so lustigen
Art, daß sie ihnen besser gefällt als Schmeicheleien.
Sie besitzt eine ausnehmende Leichtigkeit für Wortspiele
und witzige Einfälle, die immer eine ermunternde
Wirkung hervorbringen und in der zuweilen schweren
oder gewitterschwangeren politischen Atmosphäre frische
Luft schaffen. Eines Tags, als Clay gegen diejenigen
loszog, die ihm bei seinem Vergleichsvorschlag egoistische
Absichten, Pläne auf den Präsidentenstuhl u. s. w.
unterschieben, und als er betheuernd hinzufügte: „Es
liegt in keines Mannes Gewalt (
in the power of
Mankind
), mir eine Belohnung zu bieten, die mir
verlockend erscheinen könnte,“ da fragte Anna Lynch, ob
er behaupten wolle, es liege auch in keiner Frau
Gewalt
(in the power of Womankind)
Clay lächelte
und sagte, darüber müsste er sich noch besinnen. Und
mit seiner übeln Laune war es vorüber.
Lebe wohl, mein Kindchen! Ich küsse Dich und
Mama. Das nächste Mal will ich Dir mehr von dem
Kongreß und den Kongreßherren erzählen.
Leider lässt sich dieses hübsche Wortspiel in der
Uebersetzung nur sehr abgeschwächt, dem Sinne nach
wiedergeben. A. d. Ueb.
Anmerkungen (Wikisource)
Vorlage
: Carleston
Vorlage
: nnd
Vorlage
: Priucip
Vorlage
: gegeu
Vorlage
: anch
Vorlage
: Verguügen
Vorlage
: unheilbareu
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: sie
Vorlage:
laugen
Anführungszeichen ergänzt
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trinitarischen
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Siebzehnter Brief
Die Heimath in der neuen Welt.
Zweiter Band
von
Fredrika Bremer
Neunzehnter Brief
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