Ein typisches indogermanisches Wort hat einen Aufbau, der in der traditionellen Beschreibung in „Wurzel“, „Suffix“ und „Endung“ zerlegt wird; Wurzel und Suffix gemeinsam heißen Stamm (der traditionell hier verwendete Begriff des Suffixes steht also in einem engeren Sinn als sonst nur für Derivations-Suffixe). „Endungen“ sind mit anderen Worten also Flexionsaffixe, und dementsprechend nur bei flektierbaren Wortarten wie zum Beispiel Substantiven, Verben oder Adjektiven einschlägig.
Eine vergleichbare Bildung im Deutschen ist zum Beispiel in les-bar-e (Texte) zu finden: Die Wurzel „les“, die auch in Lesung, Lese, lesen, leserlich vorkommt, das Suffix „-bar-“, das dem Verbstamm nachfolgt und die Möglichkeit zur Ausführung der jeweiligen Handlung bezeichnet, sowie die Endung „-e“, die hier für den Nominativ Plural steht.
- In der Wurzel ist der lexikalische Bedeutungsgehalt kodiert; sie ist aber nicht auf eine Wortart festgelegt. Wurzeln sind fast immer einsilbig und besitzen in aller Regel den Aufbau Plosiv / Resonant / Frikativ – (± Resonant) – Vokal – (± Resonant) – Plosiv / Resonant / Frikativ. Die „±-Resonanten“ dürfen dabei wegfallen. Bei einer kleineren Anzahl rekonstruierter Wurzeln wird vielleicht Lautsymbolik erkennbar, also die Nachahmung der Handlung mit einer Lautgeste, wie *kap oder *pak̑ ‚ergreifen, schnappen‘, *ses 'schlafen‚ oder *h₁eh₁ ‘hauchen'.
Beispiele für rekonstruierte Wurzeln: *h₁es ‚sein, existieren‘; *ped verbal ‚treten‘, nominal ‚Fuß‘; *gʷem neben *gʷeh₂ ‚einen Schritt tun, kommen‘; *dʰeh₁ 'stellen, setzen, legen‚; *steh₂ ‘sich stellen', *deh₃ ‚geben‘, *bʰer ‚bringen‘, tragen‘ *pekʷ ‚kochen‘, *p(y)eh₃ ‚trinken‘, *melh₂ ‚mahlen‘, *yewg ‚anschirren‘, wekʷ ‚sprechen‘, *mlewh₂ ‚sprechen‘, *bʰeh₂ ‚sprechen‘, *leyp ‚kleben‘ oder *dʰwer 'Tür‚ u. v. a. m. Vereinzelt bestehen Anlaut oder Auslaut auch aus Konsonanten-Kombinationen ohne Resonant, z. B. *h₂ster ‘Stern' oder *sweh₂d ‚süß‘.
- Manchmal sind Wurzelerweiterungen erkennbar, denen auch eine ungefähre Bedeutung zugeschrieben werden kann. Beispiele: *-lo- Verkleinerung (vgl. lateinisch -(u)lu-s, -(u)lu-m), *-ko-, *-iko-, *-isko-: Herkunft, Material (lat. bellum „Krieg“, bellicus „kriegerisch“), althochdeutsch diut-isc zum Volk gehörig (hieraus das heutige Wort Deutsch).
Vorsilben (Präfixe) kamen zunächst nur vereinzelt vor. Ein wichtiges Beispiel ist die Verneinungsvorsilbe *n̥- (siehe Alpha privativum). Ferner gibt es das Augment, ein vorangestelltes *h₁é-, das in Verben die Vergangenheit bezeichnet. Es ist allerdings nur im Griechischen, Armenischen und Indoiranischen belegt.
Reduplikation, nämlich die Verdopplung des Anlautes einer Wortwurzel, kann in einem abstrakten Sinn ebenfalls als Präfix eingeordnet werden. Beispiele sind im Lateinischen: Präsens po-sc-ō ‚ich fordere‘, Wurzel po- (im Lat. in dieser Lautumgebung aus *pr̥k̑-), dazu Perfekt po-po-sc-ī, im Griechischen δί-δω-μι dídōmi ‚ich gebe‘. Die Reduplikation kommt in der Konjugation oft zur Kennzeichnung des Perfekts, aber auch des Präsens vor.
In späteren Sprachstufen kamen Vorsilben durch Komposition mit Präpositionen und Adverbien vermehrt auf; sie blieben meist auch in den Folgesprachen klar vom Wortstamm abgegrenzt, während die Suffixe meist bis zur Unkenntlichkeit mit dem Wortstamm oder der Wortendung verschmolzen sind.
Wurzel, Suffix und Endung des indogermanischen Wortes waren der Ablautbildung unterworfen. Das Ablautsystem unterschied fünf Stufen: Die vokallose Nullstufe, die Vollstufen auf *-e- und *-o- und die Dehnstufen auf *-ē- und *-ō-.
| Quantitativer Ablaut | ||||
|---|---|---|---|---|
| Dehnstufe | Vollstufe | Nullstufe | ||
| Qualitativer Ablaut |
e-Stufe | ē | e | Ø |
| o-Stufe | ō | o | ||
Andere Vokale entstanden durch sekundäre Bildungen in Verbindung mit diesen fünf Vokalen und Laryngalen, sowie vor allem aus den „Halbvokalen“ *y und *w, die in der Nullstufe zu *i und *u werden. Auch *m, *n, *l und *r und die Laryngale wurden in der Nullstufe zu den silbischen Lauten mit vokalischer Rolle gelängt. Einige elementare *a (z. B. in den Wurzeln *albʰ ‚weiß‘, *kan ‚singen‘, *(h₁)yag̑- ‚verehren‘, *bʰag ‚zuteilen‘, *magʰ 'vermögen‚ oder *gʰayd ‚Ziege‘), ebenso elementare -o-Wurzeln wie *pot ‚mächtig‘, *gʰos 'essen‚ oder *gʷow ‘Rind', dazu vielleicht elementares *ū in *mūs ‚Maus‘, sind bekannt. Andere Grundvokale als *e im Ablaut mit *o sind aber eher selten. Der Wurzel *swād ‚süß‘ liegt sicher *sweh₂d voraus, wie das Tocharische zeigt, wo das Adjektiv in der Nullstufe *suh₂d-ró- vorliegt (*-uh₂- urtocharisch > *-wa-), also lautgesetzlich (*d schwindet vor Konsonant) urtoch. *swarë > toch. B swāre ‚süß‘; die Wurzel *swād ist also kein Beispiel für einen Grundvokal *ā.
Der Ablaut war ein wichtiges Element der Wortbildung (griech. λέγω légō ‚ich spreche‘, λόγος lógos ‚Wort‘), aber auch der Flexion, wo er neben Akzentposition und Endung zur Unterscheidung von zum Beispiel Person, Aspekt, Kasus diente.
Bei wenigen sind alle Ablautstufen belegt; ein solches Beispiel liefert das Verwandtschaftssuffix *-(h₁)ter- im griechischen Wort für „Vater“:
| Quantitativer Ablaut | ||||
|---|---|---|---|---|
| Dehnstufe | Vollstufe | Nullstufe | ||
| Qualitativer Ablaut |
e-Stufe | πατήρ patḗr Nom. Sg. | πατέρα patéra Akk. Sg. | πατρός patrós Gen Sg. |
| o-Stufe | εὐπάτωρ eupátōr gut als Vater, (Beiname des Mithridates VI.) | εὐπάτορα eupátora dass. im Akk. | ||
Zwischen Konsonanten und im Anlaut vor Konsonant werden Resonanten und Laryngale in der Nullstufe silbisch, also y > i, w > u, m > m̥, n > n̥, l > l̥, und r > r̥, ein Laryngal wird zu einem Schwa, in der Regel notiert als *ə.
Die Nullstufe ergibt sich häufig bei Diphthongen:
- *trey- ‚drei‘: *tri-tó-s 'der dritte‚
- *k̑weyd- ‘weiß': *k̑wid-ó-s niederländ. niederdt. ‚witt‘
- *g̑ʰew- 'gießen‚: *g̑ʰu-tó-m ‘Gott' (Bedeutung übertragen aus Trankopfer oder Libation)
- *dewk- ‚ziehen‘ : *dúk-s lat. dux ‚Feldherr‘ (Wurzelnomen); *duk-ó-no- (oder *-o-nó-) gezogen
Bei sogenannter ‚Vollstufe II‘ ergibt sich derselbe Effekt:
- *(h₁)yag̑- 'verehren': *(h₁)ig̑-tó- ved. iṣṭá- ‚verehrt‘
- *swep- 'schlafen': *sup-nó-s griech. ὕπνος hýpnos ‚Schlaf‘; hethit. šupp(tt)a(ri) ‚er schläft‘ *sup-ó.
Nicht als Diphthonge bezeichnet werden *em, *en, *el und *er trotz ihres strukturell gleichen Verhaltens:
- *meg̑h₂- 'groß': *m̥g̑h₂-éh₂-m griech. ἄγᾱν ágān ‚sehr‘
- *nés 'wir‚: *ń̥s ‘uns'; ebenso *wés ‚ihr‘: *ús 'euch‚ (Wurzelnomina; dt. ‘euch' zusammengesetzt aus *us + wés + ge)
- *g̑ʰel- ‚gelb‘: *g̑ʰl̥-tó-m 'Gold‚ (Substantivierung durch Akzentverschiebung auf *-l̥- )
- *wert- ‘wenden': *wr̥t-ó-no- (oder *-o-nó-) ge-worden (dt. -d- statt -t- nach dem Präsensstamm)
In den Folgesprachen gab es unterschiedliche Entwicklungen. Im Griechischen findet man alle Stufen vor, im Vedischen sind *e und *o zu a zusammengefallen, so dass nur noch drei quantitative Stufen übrig blieben (in der Sanskritgrammatik als Grundstufe, guṇa und vṛddhi bekannt), die aber noch zahlreicher auftreten als im Griechischen. In den germanischen Sprachen hat sich der Ablaut in den Verben zu der bekannten bunten Vokalvielfalt mit zahlreichen und vor allem im Deutschen immer zahlreicher werdenden Ablautmustern (39 im Neuhochdeutschen[15]) entwickelt.
Nach Rix (1976, S. 33f.) liegt der Ursprung des Ablautes in phonetischen Effekten, die phonologisiert und morphologisiert wurden. Danach folgt die Paradigmenbildung der anerkannten Grundregel *-é- unter Akzent, ‚Null‘ unter Nichtakzent, *-o- wenn *-é- sekundär unter Nichtakzent (vgl. oben Akk. Sg. eupátora ‚gut als Vater, einen guten Vater habend‘). Der Schwierigkeit, dass deshalb der „schwache“ Teilstamm durch die Häufung der Nullstufen schwer aussprechbar wird, begegnet die Sprache dadurch, dass sie teilweise anlautende Konsonanten ganz weglässt (vedisch turī́ya- ‚der vierte‘ ohne anlautendes *kʷ-), sekundäre Sprossvokale bildet (*-e- in glbd. griech. τέταρτος tétartos, *-a- in glbd. lat. quārtus) oder zu den Mitteln þorn oder -n-Infix greift. Zu solchen sekundär zum Zwecke der Ausspracheerleichterung neugestalteten „schwachen“ Teilstämmen können dann – um ein phonologisch und morphologisch stimmiges Paradigma zu erzielen, vgl. oben phonologisiert und morphologisiert – „starke“ Teilstämme wieder neu hinzugebildet werden, die jetzt – allerdings nur scheinbar – der anerkannten Grundregel widersprechen. So wird z. B. der „schwache“ Teilstamm des Wortes ‚Fuß‘, im Gen. Sg. *pd-és, ausspracheerleichtert durch *péd-os und *pod-és, mit neuen „starken“ Teilstämmen (Nom. und Akk. Sg.) *pḗd-s / *péd-m̥ (so lat.; vedisch auch im Akk. Sg. *pḗd-m̥) bzw. (Nom. und Akk. Sg.) *pṓd-s / *pód-m̥ (so griech. und german.) zu einem jeweils lautlich in sich stimmigen Paradigma ergänzt. Die parallele Entwicklung im Verbalparadigma, z. B. bei der Wurzel *h₁ed 'essen', bestätigt diese phonologisch-morphologische Entstehungshypothese: *h₁d- in Zahn (*h₁d-ónt-), *h₁ḗd-ti / h₁éd-(o)nti letztlich in Lateinisch ēst und edunt, *h₁ṓd-mi / h₁od-(é)nti in Armenisch owtem ‚ich esse‘ und im deutschen Kausativum ich ätze *h₁od-é-ye-.
Ähnlich ist es im Deutschen (und in geringerem Maß im Englischen) mit dem vom Ablaut unabhängigen Effekt des Umlautes geschehen (man – men, Mann – Männer, ich laufe, du läufst), der aus einem Vokalharmonieeffekt entstanden ist und später zur Unterscheidung grammatikalischer Formen diente.
Ein häufiges Suffix, aber ohne fassbare Bedeutung, ist der sogenannte Themavokal *-e-/*-o-. Tritt er zwischen Stamm und Endung, nennt man die entsprechenden Flexionsparadigmen „thematisch“, anderenfalls „athematisch“. Die athematischen Flexionen sind vor allem wegen der lautlichen Effekte zwischen Stamm und Endung komplizierter als die thematischen. Im Laufe der Zeit gingen in den Folgesprachen immer mehr Verben von den athematischen in die thematischen Klassen über. Beim Substantiv ist die thematische Klasse im Lateinischen und Griechischen die o-Deklination. Die athematischen Verben im Griechischen sind die „Verba auf -μι (-mi)“ (zum Beispiel: δίδω-μι dídō-mi ‚ich gebe‘ < *dé-doh₃-mi), im Lateinischen einige wenige unregelmäßigen Verben wie esse ‚sein‘, velle ‚wollen‘ oder īre ‚gehen‘. Die sogenannte „konsonantische“ oder „3. Konjugation“ des Lateinischen (z. B. dīcere ‚sagen‘ *déyk̑-o-) ist nicht etwa athematisch, sondern eine kurzvokalische e-Konjugation im Unterschied zur langvokalischen ē-Konjugation (z. B. monēre ‚mahnen‘ *mon-é-yo-; vgl. im folgenden Text), und die direkte Fortsetzung der indogermanischen thematischen Konjugation.
Nach dem synchronen Rekonstruktionsbefund hält sich der Themavokal *-e-/*-o- nicht an die Ablautregeln und ist auch gegen Schwund in unbetonter Silbe immun. Dem Vorschlag Rasmussens,[16] der Themavokal *-o- trete immer dann auf, wenn die darauffolgenden Laute stimmhaft seien, zum Beispiel *bʰér-e-si ‚du trägst‘, *bʰér-e-ti ‚er trägt‘, aber *bʰér-o-mes ‚wir tragen‘ und *bʰér-o-nti ‚sie tragen‘, stehen zu viele gegenteilige Fälle der Realisierung des Themavokals entgegen, z. B. der Nom. Sg. der thematischen Stämme auf *-o-s (nicht *-o-z) oder der pronominale Genitiv etwa lat. cuius aus *kʷó-syo (nicht *kʷó-zyo). Der Wechsel zwischen *e und *o kann tatsächlich nicht unmittelbar auf Ablaut zurückgeführt werden. Rix (1976) erwägt allerdings zu Recht eine Herleitung des Themavokals im Nomen aus der athematischen Endung des Gen. Sg. *-és (interpretiert als *-é-s und auf die übrigen paradigmatischen Formen übertragen) und im Verbum aus der athematischen Endung der 3. Person Plural *-énti (in gleicher Weise interpretiert als *-é-nti und auf die übrigen paradigmatischen Formen übertragen). Akrostatische und proterokinetische Flexionstypen (zu den Termini vgl. unten 6.4.4.2 Akzent- und Ablautklassen) erzeugten regelhaft die ablautmäßig korrekten Endungen Gen. Sg. *-os und 3. Pl. *-onti, interpretiert als Themavokalvarianten *-o-s und *-o-nti. Beide Varianten wurden dann entsprechend dem rekonstruktionellen Befund im Paradigma verteilt.
Die langvokalischen Konjugationsklassen im Lateinischen haben unterschiedliche Ursprünge. Die lat. ē-Konjugation („2. Konjugation“) besteht aus Wurzelverben (z. B. -plēre ‚füllen‘, nēre ‚spinnen‘), Kausativ-Iterativa auf *-é-ye- (z. B. monēre ‚mahnen‘ *mon-é-ye-, vgl. altindisch mānáyati, oder docēre ‚lehren‘), Stativverben auf *-éh₁-ye- (z. B. sedēre ‚sitzen‘, vidēre ‚sehen‘), Denominativa auf *-é-ye- / *-e-ye- (z. B. fatērī ‚bekennen‘, salvēre ‚gesund sein‘), und Denominativa auf *-és-ye- (z. B. decēre ‚sich ziemen‘ zu decus ‚Zierde‘ oder augēre ‚vermehren‘ zu *h₂éwg-os in lat. augus-tus ‚erhaben‘ und altindisch óyas ‚Kraft‘).
Auch einige Verben der ā-Konjugation („1. Konjugation“) haben ihren Ursprung in Kausativ-Iterativ-Bildungen, wobei (wurzelauslautend) *h₂ folgendes *e zu *a umfärbt, z. B. tonāre ‚donnern‘ *tonh₂-á-ye- < *tonh₂-é-ye- oder domāre ‚zähmen‘ *domh₂-á-ye- < *domh₂-é-ye-. Daneben gibt es ererbte Faktitiva von Adjektiven auf *-éh₂-(ye-) / *-eh₂-(ye-), z. B. novāre ‚erneuern‘ oder aequāre ‚gleichmachen‘. Die Hauptquelle der ā-Konjugation, deren Muster für die Entwicklung der regulären Paradigmata der ā-Konjugation ausschlaggebend war, sind Denominativa auf *-éh₂-ye- / *-eh₂-ye-, die von den Bildungen der Kollektiva ableitbar sind. Auch in der ā-Konjugation gibt es Wurzelverben wie nāre ‚schwimmen‘, flāre ‚blasen‘ oder fārī ‚sprechen‘.
Die Verbalsuffixe *-yé-/-yó- bzw. *-ye-/-yo-, die im Altindischen die 4. Verbalklasse bilden und die auch in anderen indogermanischen Sprachen weit verbreitet sind, führen zur Ausbildung der ī-Konjugation („4. Konjugation“), allerdings nur nach „schwerer“ Silbe (audīre ‚hören‘); nach „leichter“ Silbe werden die entsprechenden Verben in die „3. Konjugation“ eingegliedert (capere ‚ergreifen‘). Zur ī-Konjugation gehören auch Weiterbildungen mit spezieller Semantik, z. B. das Suffix -urīre, das immer die Beabsichtigung einer Handlung ausdrückt: ēsurīre „essen wollen“ d. h. „jemandem ähneln, der isst“ (zu edō ‚essen‘). Diese Muster wurden im Laufe der Entwicklung des Lateinischen verallgemeinert.
Substantive wurden nach Numerus und Kasus flektiert und nach Genus klassifiziert.
Es gab drei Numeri: Singular, Dual und Plural. Der Dual bezeichnet dabei eine Zweizahl von Objekten. Es wird (vor allem wegen der Abwesenheit des Dual im Hethitischen) angenommen,[17] dass der Dual in früheren Sprachstadien noch nicht vorhanden war und dann über die Bezeichnung natürlicher Paare (zum Beispiel paariger Körperteile) und der an den zwei Personen ich und du orientierten Dialogsituation entstand. In den Folgesprachen ist der Dual fast überall ausgestorben; am längsten hat er sich naheliegenderweise in der Flexion von Wörtern wie „zwei“ oder „beide“ gehalten. Im Vedischen sieht man den Dual als Numerus zur generellen Bezeichnung der Zweizahl, im Griechischen wurde er nur für natürliche Paare verwendet. Auch die altgermanischen Sprachen wie das Gotische, Altnordische oder Althochdeutsche erhalten den Dual noch restehaft. Im Gotischen ist er dabei sogar – wenn auch eingeschränkt – noch in der Verbalflexion vorhanden.[18] Die altnordischen Personalpronomina Nominativ vit, Genitiv okkar, Dativ / Akkusativ okkr „wir beide“ und N. þit, G. ykkar, D. / A. ykkr „ihr beide“[19] haben entsprechende Pendants u. a. im westsächsischen Dialekt des Altenglischen (wit – uncer – unc – unc; ȝit – incer – inc – inc)[20] und auch Gotischen (wit – *ugkara[21] – ugkis – ugkis; *jut[21] – igqara – igqis – igqis).[22][23] Im Althochdeutschen ist hingegen nur der Genitiv der ersten Person, unkēr, ein einziges Mal belegt.[24] Formal lebt aber die Formenreihe der 2. Person Dual in einigen deutschen Mundarten (Bairisch und Südwestfälisch), allerdings in pluralischer Bedeutung, weiter[25] (Beispiel: bair. ees – enker – enk – enk). Auch das Isländische hat die Dual-Formenreihe erhalten. Allerdings kam es auch hier zur Umdeutung hin zu Pluralpronomina.
Es wird für die frühe indogermanische Ursprache ein weiterer Numerus zur Bezeichnung von Kollektiven angenommen, also zur Bezeichnung einer Vielheit von Objekten als eine Einheit (etwa „Menschheit“ im Unterschied zu „Menschen“). Als Relikt finden sich im Lateinischen die beiden Pluralformen locī (z. B. ‚Stellen in Büchern‘) und loca (‚Gegend‘) von locus (‚Ort‘), oder im Griechischen κύκλοι kýkloi (‚einzelne Räder‘) und κύκλα kýkla (‚Räderwerk, Satz Räder‘) von κύκλος kýklos (‚Rad‘), wobei loca und κύκλα kýkla jeweils den Kollektiv bezeichnen[Anmerkung 4].
Ausgehend von den acht Kasus des Vedischen, nimmt man auch acht Kasus für das Urindogermanische an. Diese sind der Nominativ (Subjekt des Satzes), der Vokativ (angeredete oder angerufene Person), der Akkusativ (direktes Objekt des Satzes, Ziel der Bewegung), der Instrumental (Mittel, Werkzeug), der Dativ (indirektes Objekt, Nutznießer), der Ablativ (Ausgangsort der Bewegung, Grund), der Genitiv (nominales Attribut, Zugehörigkeit, Bereich), und der Lokativ (Ort des Gegenstandes, Angabe der Zeit). Ein eventueller neunter Kasus, der Direktiv oder Allativ (Ziel der Bewegung), wird angesichts einiger Spuren im Althethitischen diskutiert.
In den Folgesprachen ist die Anzahl der Kasus zurückgegangen. So fielen zum Beispiel im Lateinischen der Instrumental, der Lokativ (bis auf vereinzelte Spuren) und der Ablativ zu einem einzigen Kasus „Ablativ“ zusammen. Im Slawischen findet man noch sieben Fälle, hier ist der Ablativ mit dem Genitiv verschmolzen.
Einen Sonderfall bilden die beiden tocharischen Sprachen, bei denen die Anzahl der Fälle sogar zugenommen hat. Allerdings gehen nur vier der Fälle auf das Indogermanische zurück; die anderen sind Innovationen, die von agglutinierenden Nachbarsprachen ausgelöst wurden.[27]
Im Indogermanischen gab es drei Genera, Maskulinum, Femininum und Neutrum. Aufgrund des hethitischen Befundes nimmt man an, dass in der Frühphase die Einteilung in Maskulina und Feminina nicht existierte.[28] Stattdessen gab es Animata und Inanimata, also belebte Subjekte und unbelebte Objekte. Aus den Inanimata wurden die Neutra, während sich die Einteilung zunächst der Animata in Maskulina und Feminina vermutlich in Verbindung mit einer Einteilung in männliches und weibliches Geschlecht mit der Zeit bildete.
Die Inanimata (Neutra) konnten nicht Subjekt eines Satzes sein, folglich gab es für sie keinen Nominativ. Dies ist noch in den Folgesprachen bei den Neutra zu beobachten, wo der Akkusativ (bzw. im Hethitischen ein auf den Instrumental zurückgehender Kasus) die Rolle des Nominativs übernimmt.
Es wird angenommen, dass Inanimata nur den Kollektivplural hatten. Eine Spur hiervon wäre das Phänomen des Griechischen, dass bei einem Subjekt im Neutrum Plural das Verb im Singular steht.[Anmerkung 5]
Die folgende Tabelle zeigt rekonstruierte Endungsschemata einschließlich der charakteristischen Suffixe.
| Singular | |||||||||
|---|---|---|---|---|---|---|---|---|---|
| Thematisch | Athematisch | ||||||||
| o-Stämme | Kons. | eh₂-Stämme | i-Stämme | u-Stämme | |||||
| m (f) | n | m/f | n | f | m/f | n | m/f | n | |
| Nominativ | -o-s | -o-m | -s, -ø | -ø | -eh₂-ø | -i-s | -ø | -u-s | -ø |
| Vokativ | -e-ø | -ø | -eh₂-ø | -ey-ø | -ew-ø | ||||
| Akkusativ | -o-m | -m̥ | -eh₂-m | -i-m | -u-m | ||||
| Instrumental | -o-h₁, -e-h₁ | -(e)h₁ | -eh₂-eh₁ | -i-h₁ | -u-h₁ | ||||
| Dativ | -ōy (< -o-ey) | -ey | -eh₂-ey | -ey-ey | -ew-ey | ||||
| Ablativ | -ōt | -s, -es, -os | -eh₂-es, -eh₂-os | -oy-s | -ow-s | ||||
| Genitiv | -o-s(y)o | ||||||||
| Lokativ | -o-y, -e-y | -i, -ø | -eh₂-i | -ēy-ø | -ēw-ø | ||||
| Plural | |||||||||
| Thematisch | Athematisch | ||||||||
| o-Stämme | Kons. | eh₂-Stämme | i-Stämme | u-Stämme | |||||
| m (f) | n | m/f | n | f | m/f | n | m/f | n | |
| Nominativ | -ōs (< -o-es) | -e-h₂ | -es | -h̥₂ | -eh₂-es | -ey-es | -i-h₂ | -ew-es | -u-h₂ |
| Vokativ | |||||||||
| Akkusativ | -o-ms | -m̥s | -eh₂-ms | -i-ms | -u-ms | ||||
| Instrumental | -ō-ys, -o-mis | -bʰis, -mis | -eh₂-bʰis, -eh₂-mis | -i-bʰis, -i-mis | -u-bʰis, -u-mis | ||||
| Dativ | -o-bʰos, -o-mos | -bʰos, -mos | -eh₂-bʰos, -eh₂-mos | -i-bʰos, -i-mos | -u-bʰos, -u-mos | ||||
| Ablativ | |||||||||
| Genitiv | -ōm (< o-om) | -om | -eh₂-om | -y-om | -w-om | ||||
| Lokativ | -oysu | -su | -eh₂-su | -i-su | -u-su | ||||
Über den Dual kann kaum eine Aussage gemacht werden, außer dass die Endung im Nominativ/Vokativ/Akkusativ *-h₁ oder *-e gewesen sein dürfte.
Die *-i- und *-u-Stämme verhalten sich wie andere athematische[29] Substantive auch und bilden noch keine eigentlichen eigenen Deklinationsklassen. In vielen Folgesprachen haben sie allerdings durch Lautverschmelzungen und Analogiebildungen ein Eigenleben entwickelt.
Bei der thematischen (*-o-)Deklination haben sich die Endungssätze über die Zeit hin mehr und mehr von den athematischen Endungen entfernt. Auffällig ist das Genitiv-ī im Lateinischen und Keltischen, das zu der (heute verworfenen) Annahme einer italo-keltischen Untergruppe der Indogermanischen Sprachen geführt hat.
Die (athematischen) *-eh₂-Feminina sind der Ursprung der ā-Deklinationen der verschiedenen Folgesprachen (im Vedischen ist die thematische *o-Deklination zu der hiermit nicht zu verwechselnden a-Deklination geworden, die Feminina enden auf langem ā). Da diese Stämme oft die weiblichen Versionen männlicher Wörter der *o-Stämme bilden, kam es zu Angleichungen der Endungsschemata in den Folgesprachen. Eine Variante der *-eh₂-Feminina sind die *-yeh₂-Feminina, die zu der großen Gruppe der -ī́-Feminina (z. B. devī́ ‚Göttin‘) im Vedischen geführt hat.
Die lateinischen maskulinen Berufsbezeichnungen auf -a (poēta ‚Dichter‘, agricola ‚Bauer‘, nauta ‚Matrose‘, scrība ‚Schreiber‘) folgen durchweg dem Deklinationsschema der ā-Deklination, ebenso viele männliche Personennamen (z. B. Sulla, Cinna, Catilīna oder Caligula). Im Griechischen jedoch erhalten solche Berufsbezeichnungen und Personennamen im Nom. Sg. zusätzlich ein -s und übernehmen im Gen. Sg. die Endung -ou aus der -o-Deklination, z. B. οἰκέτης oikétēs ‚Diener‘, πολίτης polítēs ‚Bürger‘, δικαστής dikastḗs ‚Richter‘ bzw. Αἰνείᾱς Aineíās, Λεωνίδᾱς Leōnídās oder Ἀτρείδης Atreídēs.
Zusätzlich zu den Endungen werden die Kasus der athematischen Substantive durch die Position des Akzents und die Ablautstufe der Elemente Wurzel, Suffix und Endung markiert. Dieses ältere System ist im Vedischen und im Griechischen noch deutlich, im Lateinischen noch ansatzweise im Unterschied zwischen Nominativstamm und dem Stamm der anderen Kasus in der konsonantischen Deklination (zum Beispiel Lat. nomen, nominis) erkennbar.
Hierzu wird zwischen starken Kasus und schwachen Kasus unterschieden. Die starken Kasus sind Nominativ, Vokativ und Akkusativ im Singular und Dual, Nominativ und Vokativ im Plural; alle anderen Kasus sind schwach. Der Lokativ Singular ist meist (und wohl ursprünglich) stark; er kann aber auch als schwacher Kasus auftreten. Die vier hauptsächlichen Deklinationsklassen werden als akrostatisch, proterokinetisch, hysterokinetisch und amphikinetisch bezeichnet. Statt -kinetisch wird auch der Terminus -dynamisch verwendet; es gibt auch weitere Deklinationsklassen wie z. B. mesostatisch. Die folgende Tabelle enthält typische Beispiele.
| akrostatisch | proterokinetisch | ||||||
|---|---|---|---|---|---|---|---|
| Wurzel | Suffix | Endung | Wurzel | Suffix | Endung | ||
| starke Kasus | Akzent *é-Stufe *h₂éw-i-s (lat. avis ‚Vogel‘) |
Akzent *é-Stufe *péh₂-wr̥ (heth. paḫḫur ‚Feuer‘) |
|||||
| schwache Kasus | Akzent *é-Stufe *h₂éw-i-s (Gen. lat. avis ‚des Vogels‘) |
Akzent *é-Stufe ph₂-wén-s (Gen. heth. paḫḫuenaš ‚des Feuers‘) |
|||||
| hysterokinetisch | amphikinetisch | ||||||
| Wurzel | Suffix | Endung | Wurzel | Suffix | Endung | ||
| starke Kasus | Akzent *é-Stufe (Akk.Sg.; Nom.Sg. mit *ḗ-Stufe) *ph₂-tér-m̥ ('Vater‚) |
Akzent *é-Stufe *h₂éws-ōs (‘Morgenröte') |
*ō-Stufe (Nom.Sg.) *o-Stufe (Akk.Sg.) |
||||
| schwache Kasus | Akzent *é-Stufe *ph₂-tr-és (Gen.) |
Akzent *é-Stufe *h₂us-s-és (Gen.) | |||||
Die leeren Felder bezeichnen die unbetonte Nullstufe.[Anmerkung 6]
Eine besonders häufige Deklinationsklasse ist die mesostatische (Akzent sowohl im „starken“ als auch im „schwachen“ Teilstamm durchgehend auf dem Suffix), z. B. ai. matíḥ, Gen. matéḥ ‚Gedanke‘ *mn̥-tí-s, Gen. mn̥-téy-s, oder ai. víḥ, Gen. véḥ ‚Vogel‘ *h₂w-í-s, Gen. *h₂w-éy-s (vgl. auch im folgenden Abschnitt die Beispiele für Wurzelnomina). Die Deklinationsklasse gilt als produktive Bildung und daher nur in Einzelfällen als archaisch.
Bei den sogenannten Wurzelnomina steht die Wurzel in der Nullstufe, trägt aber den Akzent (z. B. lat. nix ‚Schnee‘ *snígʷʰ-s, dt. Burg *bʰŕ̥g̑ʰ-s). Sie haben häufig ein ebenfalls in der Nullstufe stehendes Suffix (z. B. lat. portus *pr̥-tú-s ‚Hafen‘ mit -tú-Suffix, dt. Ge-burt *bʰr̥-tí-s mit -tí-Suffix), das dann gewöhnlich den Akzent trägt. Sie kommen mit (meso-)statischem (wenn das Suffix im „schwachen“ Teilstamm in der akzentuierten -é- oder -ó-Stufe steht, z. B. Gen.Sg. ‚des Hafens‘ *pr̥-téw-s, der Ge-burt *bʰr̥-tóy-s) und mobilem (= amphikinetischen, wenn im „schwachen“ Teilstamm die Endung betont ist, z. B. Gen.Sg. ‚des Schnees‘ *snigʷʰ-és, der Burg *bʰr̥g̑ʰ-és) Akzent vor.
Die Rekonstruktion der verschiedenen Formen der Pronomina ist nur unvollständig möglich.
Die Personalpronomina der ersten und zweiten Person (für die dritte Person siehe unter Demonstrativpronomina) hatten keine Genusunterscheidung. Es gab Singular, Dual und Plural; dabei muss aber beachtet werden, dass „wir“ nicht in genau demselben Sinne der Plural von „ich“ ist wie „Personen“ der Plural von „Person“, da die Rollen des Sprechers und des Angesprochenen sich nicht ohne weiteres in diese Kategorien einbeziehen lassen. Entsprechend gibt es auch im Singular ganz andere Wortwurzeln als im Plural.
Die Personalpronomina hatten jeweils eine betonte und eine enklitische Form. Im Griechischen und Indoiranischen hat sich diese Unterscheidung gehalten; in anderen Folgesprachen hat sich der Formenbestand der beiden Typen vermischt. Die enklitische Form kam nicht in allen Kasus vor.
| ich | du | wir | ihr | |||||
|---|---|---|---|---|---|---|---|---|
| betont | enkl. | betont | enkl. | betont | enkl. | betont | enkl. | |
| Nominativ | eg̑óh₂, eg̑h₂óm | – | tú(h₂) | – | wéys | – | yúhs | – |
| Akkusativ | mḗ | me | tḗ | te, twe | n̥smé | nos | usmé | wos |
| Dativ | meg̑ʰey, meg̑ʰyom | moy | tebʰey tebʰyom | toy | n̥sméy | ? | usméy | ? |
| Genitiv | méne | téwe | n̥sóm | usóm | ||||
Vom Reflexivpronomen *swe/*se lassen sich die Dativform *soj und der enklitische Akkusativ *se rekonstruieren.
Wie auch in den modernen Sprachen gab es verschiedene Demonstrativpronomina, die verschiedene Arten bzw. Grade der Demonstrativität ausdrückten (Vgl. er, dieser, jener, derselbe).
Das Pronomen *só/*séh₂/*tó- (‚er‘/'sie‚/‘es') wurde – in attributiver Verwendung – auch Ausgangspunkt des bestimmten Artikels im Griechischen, in gewissem Sinne auch im Vedischen, viel später auch im Deutschen. Die hier dargestellten Formen sind hauptsächlich aufgrund des vedischen Bestands rekonstruiert:
| Singular | Plural | |||||
|---|---|---|---|---|---|---|
| m | n | f | m | n | f | |
| Nom. | só | tó-d | sé-h₂, sí-h₂ | tó-y | té-h₂ | té-h₂-s |
| Akk. | tó-m | té-h₂-m | tó-m-s | té-h₂-m-s | ||
| Dat. | tó-smo-ey | tó-sye-h₂-ey | tó-y-bʰyos | té-h₂-bʰyos | ||
| Abl. | tó-smo-et | tó-sye-h₂-s | ||||
| Gen. | tó-syo | tó-y-sōm | té-h₂-sōm | |||
| Lok. | tó-smin | tó-sye-h₂-m | tó-y-su | té-h₂-su | ||
Dieses Pronomen findet man zum Beispiel im deutschen das, im griechischen Artikel ὁ ho, ἡ hē, τó tó, und im vedischen Pronomen sá, sā́, tád.
Ein zweites Demonstrativpronomen *i- (Ablaut *ey-) entspricht dem lateinischen is, ea, id, Sanskrit ayám, iyám, idám.
Als Fragepronomen wird substantivisch *kʷí- (*kʷí-s lat. Nom. mask. fem. quis? ‚wer‘ = griech. τίς tís, *kʷí-d lat. Nom. Akk. neutr. quid? ‚was?‘ = griech. τί tí) und adjektivisch *kʷó- rekonstruiert. Daraus, dass das Fragepronomen eine eigene Form für das Neutrum, aber keine Genusunterscheidung zwischen Maskulinum und Femininum kennt, schließt man auf das hohe Alter dieser Formen. Allerdings kennt das Vedische den Stamm *kʷí- nur in einer einzigen Form, nämlich den Nom. Akk. neutr. kím? ‚was?‘; die übrigen Formen (die dann in kád? = kím? ‚was?‘ ein alternatives Neutrum haben) gehen exakt wie das Demonstrativpronomen tá-.
In enklitischer Form hatten die Fragepronomina indefinite Bedeutung („wer auch immer“).
Das Relativpronomen geht ebenfalls auf das Fragepronomen zurück und entwickelt z. T. eigene Formen. Ein weiterer Relativstamm war *yo-, eventuell mit einleitendem Laryngal (h₁); dieser ist im Sanskrit als Relativpronomen yád, im Griechischen als ὁ, im Keltischen als yo bekannt.
Interrogativpronomina und Relativpronomina lassen sich rekonstruktionell umfassend dadurch darstellen, dass man fürs Interrogativpronomen in der oben stehenden Tabelle des Demonstrativpronomens *t- durch *kʷ- und fürs Relativpronomen *t- durch *(h₁)y- ersetzt. Es gibt aber im Interrogativpronomen die erwähnten, offenbar älteren „Zusatzformen“ vom Pronominalstamm *kʷí-. Besonders interessant scheint in diesem Zusammenhang die Instrumentalbildung *kʷí-h₁, die bis heute in lat. quī? ‚wie?‘ und engl. why? ‚warum?‘ erhalten ist.
| Singular | Plural | |||
|---|---|---|---|---|
| m/f | n | m/f | n | |
| Nom. | kʷí-s | kʷí-d | kʷéy-es | kʷí-h₂ |
| Akk. | kʷí-m | |||
| Instr. | kʷí-h₁ | |||
| Dat. | kʷó-smo-ey | kʷé-smo-ey | ||
| Gen. | kʷó-syo | kʷé-syo | ||
Es wurden dem Possessivpronomen entsprechende Adjektive rekonstruiert. Der Genitiv des Personal- bzw. Demonstrativpronomens übernimmt aber meist diese Funktion. Weitere Wörter (ein anderer, keiner, die Zahlwörter etc.) passen von der Rolle wie der Flexion her in das System der Pronomina.
Das indogermanische Verb wurde nach Numerus, Person, Aspekt, Tempus/Modus und Diathese flektiert. Zusätzlich gab es mehr oder weniger produktive Verfahren, die (meist durch ein geeignetes Suffix) die Bildung neuer abgeleiteter Verben (zum Beispiel Kausativ, Desiderativ) ermöglichten. Andere Suffixe erlaubten die Bildung von Verben aus Substantiven/Adjektiven (Denominativ) oder umgekehrt die Bildung von Adjektiven/Substantiven aus Verben (Partizip, Gerundivum, Gerundium usw.).
Es wird angenommen, dass in einer Vorform des Indogermanischen die Suffixe für Tempus, Aspekt, Aktionsart etc. freier miteinander kombinierbar waren, sodass nicht zwischen Wortbildung und Flexion getrennt werden kann. Daraus entwickelte sich das „klassische“ indogermanische Verbalsystem, das in seiner vollen Ausprägung vor allem im Griechischen und im Indoiranischen feststellbar ist. In manchen Folgesprachen (zum Beispiel Latein, entfernter schon Germanisch) kann man einen späteren Umbau dieses Systems feststellen, im Fall des Hethitischen geht man eher davon aus, dass sich das klassische System erst nach der Abspaltung der Sprache entwickelt hat.
Numerus und Person entsprechen dem, was aus modernen indogermanischen Sprachen bekannt ist, wobei natürlich der Numerus des Duals dazu kommt.
Die wichtigste Kategorie des indogermanischen Verbs ist nicht etwa das Tempus (wie die Bezeichnung „Zeitwort“ für „Verb“ vermuten lassen könnte), sondern der Aspekt. Der Aspekt drückt die zeitliche Haltung des Sprechers zum berichteten Ablauf aus: der perfektive Aspekt sieht den gesamten Handlungsablauf in seiner Einordnung in den Berichtsablauf („abgeschlossene Handlung“), im imperfektiven Aspekt liegt der berichtete Zeitpunkt innerhalb des Handlungsablaufs, und im resultativen Aspekt ist der Bericht auf das Ergebnis des Ablaufs konzentriert.
Den drei Aspekten entsprechen die indogermanischen Formengruppen Präsens (imperfektiv), Aorist (perfektiv), und Perfekt (resultativ); (die Bezeichnung „Tempus“ sollte hier vermieden werden). Das Perfekt nimmt allerdings aufgrund seiner Entstehungsgeschichte (vgl. im Folgenden die Erklärung der Faktiv-Endungen des Plusquamperfekts sowie die Perfekt-Medium-Darstellung im Abschnitt Das Verb in den Folgesprachen: Griechisch) eine Sonderstellung ein. Zur Entwicklung der spezifischen semantischen Besonderheiten der Aspekte vgl. die Ausführungen im folgenden Absatz Tempus/Modus.
Man vermutet, dass es in einer früheren Sprachstufe zwei Arten von Verben (bzw. eigentlich zwei verschiedene Wortarten) gab: die Faktivverben und die Stativverben. Die Faktivverben denotieren einmalige Ereignisse und Handlungen, die Stativverben längerfristige Zustände. Die Faktivverben sind transitiv, die Stativverben intransitiv. Es gibt Spekulationen, die die Faktivverben mit den animaten Substantiven, die Stativverben mit den inanimaten Substantiven in Verbindung bringen. Die Faktivverben haben den Formen- und Endungsbestand des späteren Präsens und Aorists (ohne Medium), die Stativverben haben den Formen- und Endungsbestand des späteren Stativs und Mediums. Das spätere Perfekt hat den Formenbestand der Faktivverben und den Endungsbestand der Stativverben.
Abweichungen von der Zuordnung Faktivverben : Faktivendungen und Stativverben : Stativendungen sind zahlenmäßig selten; sie betreffen aber wichtige Einzelverben, Tempora und Verbalgruppen, z. B. einerseits (Stativverben mit Faktivendungen) lat. est ‚ist‘, it ‚geht‘ oder fit ‚wird‘ (im Lat. aber Semideponens) oder die griech. Passivaoriste, andererseits (Faktivverben mit Stativendungen) transitive Deponentien wie ved. sácate = griech. ἕπεται hépetai = lat. sequitur ‚folgt‘, oder den Singular der hethit. ḫi-Verben. Diese sind Semideponentien mit einer einzigartigen, aber in dieser Einzelsprache regelhaft grammatikalisierten Verteilung der Faktiv- und Stativendungen. Durch diese Grammatikalisierung kommt es zu der erstaunlichen Erscheinung, dass ausgerechnet die hethit. Faktitiva ḫi-Verben sind.
In visionärer Weise identifizierte Pedersen bereits 1933 die Faktivverben bzw. die Stativverben in ihren für die Erkenntnis der verbalen Verhältnisse in der indogermanischen Ursprache eminent wichtigen Eigenschaften und versah sie mit dem Terminus mi-Konjugation bzw. H-Konjugation. Eine allgemeinere, aber aussagekräftige Bezeichnung ist Uraktiv bzw. Urmedium.
Morphologisch wird der Aspekt durch die Bildung separater Stämme für Präsens, Aorist und Perfekt aus der Wortwurzel ausgedrückt. Die Bildungsverfahren sind verschiedene Kombinationen von Ablautstufen, Reduplikation und speziellen Suffixen. Das Perfekt zeichnet sich darüber hinaus durch einen separaten Satz von Endungen aus.
Innerhalb einer Aspektgruppe (im Perfekt aber nicht voll ausgebildet) gibt es fünf Tempus/Modus-Kategorien: Die Gegenwart (fehlt in der Aoristgruppe aus logischen Gründen, da ein gegenwärtiger Ablauf noch nicht vollständig ist), die Vergangenheit, den Konjunktiv (der die Zukunft oder die Absicht bezeichnete), den Optativ (Wunsch, Möglichkeit), den Imperativ (Befehl, nicht in der ersten Person). Zur Kennzeichnung dienten
- die Endungssätze:
- die sogenannten primären oder hīc-et-nunc-Endungen für Gegenwart und Konjunktiv,
- die sekundären Endungen für Vergangenheit und Optativ,
- ein spezieller Endungssatz für den Imperativ;
- das Augment zur Kennzeichnung der Vergangenheit (wird als rein griechisch-armenisch-indoiranische Besonderheit angesehen);
- spezielle Suffixe:
- *-e-/*-o- bzw. *-é-/*-ó- (der Themavokal) für den Konjunktiv,
- *-yéh₁-/*-ih₁- für den Optativ.
An Stelle des sprachtypologisch nicht möglichen „Aorists der Gegenwart“ steht der Injunktiv, d. h. ein augmentloser Aorist, der eine außerzeitliche Betrachtung des aoristischen Sachverhalts darstellt, d. h. eine Handlung mit „Zeitdauer Null“ (entspricht dem perfektiven Aspekt). Diese Handlung kann nicht sprachwirklich dargestellt werden, da die Aussage eine längere Zeitdauer erfordert als die Handlung (z. B. der Ballon platzt). Die jeweilige Verbalform kann somit nicht die Gegenwart ausdrücken; sie kann entsprechend keine Primärendungen haben. Sprachwirkliche Darstellungen des aoristischen Sachverhalts sind hingegen in den Vergangenheitstempora, im Futur und in den Modi möglich (der Ballon platzte / ist geplatzt / war geplatzt / wird platzen / kann platzen / wenn er platzt, erschrecken wir). Auch die Iteration ist sprachwirklich (mehrere Ballons platzen nacheinander; jetzt mit imperfektivem Aspekt); zum Ausdruck dieser Iteration bilden Aoristwurzeln häufig Präsensstämme mit ikonischer Reduplikation. Die iterierte Form entspricht dann der iterierten Semantik; die Primärendung kann problemlos antreten (vgl. hier im Beitrag „Vedisch und Sanskrit“ ved. jáṅ + gan + ti ‚er kommt‘ *gʷém + gʷom + ti; die Aoristwurzel *gʷem ‚einen Schritt tun‘ vermag durch die Iterierung dann als ursprüngliche Bedeutung auszudrücken: ‚er tut Schritte‘).
Geschehene aoristische Handlungen können wegen ihrer „Zeitdauer Null“ rückblickend immer nur als Gesamthandlung betrachtet werden. Daraus entwickelt sich die Bedeutung des Aorists als Gesamtschau auch länger andauernder vergangener Handlungen. Das Präsens bezeichnet dann semantisch entsprechend die Verlaufsschau, d. h. Handlungen, die (häufig während andere Handlungen eintreten) gerade ablaufen. Der Terminus Aspekt bezieht sich auf die Unterscheidung von „Gesamtschau“ und „Verlaufsschau“.
Wir kennen aus den modernen indogermanischen Sprachen die Diathese Aktiv-Passiv, die sich in den einzelnen Sprachzweigen unabhängig gebildet hat. Ein formal eigenes Passiv war aber in der Ursprache nicht existent; stattdessen gab es ein Medium, das die Intransitivität bezeichnete (lat. abdor ‚ich bin ...‘ bzw. '… liege versteckt'), ebenso die Reziprozität (lat. abduntur ‚sie verstecken einander‘), und weiterhin, dass das Subjekt des Satzes zusätzlich direktes oder indirektes Objekt ist (lat. abdor ‚ich verstecke mich selbst‘ bzw. 'ich verstecke mir selbst' – letztere Bedeutung, die des Interesses, ist im Lat. allerdings nicht mehr erkennbar). Aus diesen medialtypischen Inhalten konnten sich dann Bedeutungen wie (gerundivisch) lat. abdor ‚ich lasse mich verstecken‘ oder (passivisch) lat. abdor ‚ich werde versteckt‘ entwickeln.
Beim Versuch, die formale Beschaffenheit der grundsprachlichen Verbalendungen zu erschließen, ist davon auszugehen, dass – in den Einzelsprachen z. T. auf völlig verschiedene Weise – chronologische Abstufungen, Änderungen und Weiterentwicklungen es praktisch unmöglich machen, die Verbalendungen in einer einzigen Tabelle darzustellen. Dennoch sind einige Fakten hinsichtlich des überlieferten „Endungs-Materials“ ziemlich gesichert:
1. Die ursprünglichen Endungssätze sind weitgehend bekannt; sie lauten – mit der Einschränkung weitgehend – für die Faktivendungen 1.Sg *m, 2.Sg. *s, 3.Sg. *t, 1.Du. *wé, 1.Pl. *mé, 2.Pl. *té, 3.Pl. *ént, für die Stativendungen 1.Sg *h₂e, 2.Sg. *th₂e, 3.Sg. *e, 1.Du. *wé, 1.Pl. *mé, 2.Pl. *é, 3.Pl. *ŕ̥.
2. Sogenannte hīc-et-nunc-Markierungen machen diese „Sekundärendungen“ zu „Primärendungen“ (zu deren Verwendungsweise vgl. z. B. unter Aspekt und Tempus/Modus). Diese Markierungen sind offensichtlich *i, *s, *h₂ und u. U. auch *r (wenn dieses in andere Stativendungen eindringt). Die allgemein und weithin anerkannte Verteilung der Markierung führt tentativ zu folgenden Primärendungen: Faktivendungen 1.Sg *mi, 2.Sg. *si, 3.Sg. *ti, 1.Du. *wés, 1.Pl. *més, 2.Pl. *th₂é, 3.Pl. *énti, Stativendungen 1.Sg *h₂ey, 2.Sg. *th₂ey, 3.Sg. *ey, 1.Du. *wés, 1.Pl. *més, 2.Pl. *éy, 3.Pl. *ŕ̥s.
3. Die Endungen sind teilweise ablautresistent; wenn sie ablauten, werden sie häufig unabhängig und ohne Bezug auf die gültige Akzent-Ablaut-Zuordnung verwendet.
4. Die 3.Pl. *ŕ̥ des Stativendungssatzes nimmt einen auffälligen Entwicklungsweg: Im Griech. und German. wird sie völlig ausgemerzt, im Vedischen dringt sie z. T. in die 3.Pl. des Wurzelaorists ein. Im Hethit. erscheint sie in allen 3.-Pl.-Formen des Präteritums und wird teilweise (und variabel) auf andere Endungen des Mediums und Passivs übertragen. Im Lateinischen findet diese Übertragung fast vollständig, im Tocharischen durchgehend statt. Es kann davon ausgegangen werden, dass solche Übertragungen einzelsprachlich sekundär vorgenommen werden. In der folgenden Tabelle der Endungen wird daher *-ŕ̥ nur in die 3.Pl. des Mediums gesetzt.
5. Die Stativendungen erleiden ihre stärksten Änderungen bzw. Einbußen dadurch, dass sie aus dem ursprünglich einheitlichen Stativ ins Medium und (später) ins Perfekt abgegeben werden (wobei ausgerechnet das Perfekt noch die ursprünglichste Form der Stativendungen beibehält). Z. B. erscheint die 3.Sg. *e im Medium als *ó (sīc!) und unter dem Einfluss der daneben liegenden Faktivendung 3.Sg. *t als *tó (die 2.Sg. dann entsprechend als *só statt *th₂é, die 3.Pl. z. B. als *-ń̥to *-statt *-ŕ̥ usw.). Diese 3.Sg.-Endung *tó wird im Lateinischen (s. o.) zusätzlich mit *r versehen und erhält so die uns vertraute Form *-tur. Heth. šupp(tt)a(ri) ‚er schläft‘ zeigt diesen Vorgang parallel in derselben Einzelsprache: šuppa *sup-ó, šupptta *sup-tó, šuppttari mit *r plus hīc-et-nunc-Markierung.
6. Endungen „starker“ Teilstämme sind nicht akzentuiert, weil der „starke“ Teilstamm von der Typologie her bereits den Akzent trägt. Das gilt für die Faktivendungen des Aorists und Präsens und für die Stativendungen des -é-Stativs und des Perfekts (und ausnahmslos natürlich ebenso für die Nominalendungen im Nominalsystem). Das Medium des Aorists und Präsens entsteht dadurch, dass der ursprünglich einheitliche Stativ seinen „schwachen“ Teilstamm in den Aorist und ins Präsens abgibt (vgl. oben unter 5.). Durch die jetzt notwendige Auffüllung des Medialparadigmas kommt es zu der einmaligen Erscheinung, dass im Medium Starkstammendungen akzentuiert sind (also jetzt 1.Sg. *h₂é, 2.Sg. *th₂é, 3.Sg. *é; vgl. z. B. unten im Abschnitt Das Verb und die Folgesprachen, Griechisch die Medialform z. B. 1.Sg. *dʰe-dʰh₁-h₂éy ‚bin gesetzt‘ bzw. 'bin gesetzt worden'). Die gleiche Erscheinung tritt naturgemäß beim nullstufigen Stativ auf, d. h. in den Fällen, in denen beim Stativ nicht die -é-Stufe, sondern die Nullstufe einheitlich im ganzen Paradigma durchgeführt wird.
7. Eine Besonderheit stellt die 1.Sg. der thematischen Verben auf *-ō dar. Bei der traditionellen Herleitung aus *-o-h₂ (h₂ aber nicht sicher) fällt auf, dass ausgerechnet diese häufige und wichtige Form keine hīc-et-nunc-Markierung hat. Ferner gilt für alle sicher rekonstruierten Endungen ausnahmslos, dass die Sekundärendung die Primärendung minus hīc-et-nunc-Markierung ist (also z. B. *si – *i = *s). Die Sekundärendung der 1.Sg. auch der thematischen Verben lautet aber *m. Es erscheint möglich, dass *-ō eine Kontinuante aus *-o-mh₂ ist. Die thematische 1.Sg. hätte dann die hīc-et-nunc-Partikel *h₂, und es gälte *mh₂ – *h₂ = *m. Im Einsilbler könnte die Kontinuante tatsächlich *-ó-m lauten (lat. sum ‚ich bin‘ dann aus *h₁s-ó-mh₂ statt **sō; lat. dō ‚ich gebe‘ ist kein „echter“ Einsilbler, sondern eine Präsensreduplikation, vgl. re-d-dō ‚ich gebe zurück‘).
8. Ein „-s-Zusatz“ für die Stativendungen 1.Pl. *-mé + dʰh₂ und 2.Pl. *-dʰw + é (so in Tichy-2000, S. 86) wird nicht angenommen. Die nur griech. Endung der 2.Pl. des Mediums, -σϑε, ist abstrahiert aus der Narten-Form der Wurzel *h₁es ‚sein‘, ἧσϑε hḗsthe ‚ihr sitzt‘ *h₁ḗs-dʰwe, interpretiert als *h₁ḗ-sdʰwe (im Griech. ist dann bereits im ganzen Paradigma nur noch der Stamm *h₁ḗ- durchgeführt, mit Ausnahme der bezeichnenden Doppelform 3.Sg. Imperfekt ἧστο hḗsto und ἧτο hḗto.)
9. Viele einzelsprachliche Endungen lauten formal anders; man versucht jedoch, die Entwicklungsgeschichte schlüssig nachzuvollziehen. Die 1.Pl. der Faktiv-Primärendungen lautet griech. -μεν -men; hier ersetzt *n die hīc-et-nunc-Partikel *s. Im Hethit. lautet sie -u(u)eni (mit gleicher hīc-et-nunc-Markierung wie im Griech.); hier ist *w aus der 1.Du. übertragen und die hīc-et-nunc-Partikel *i nochmals angesetzt.[Anmerkung 7] Die 1.Sg. der Stativ-Sekundärendungen lautet griech. -μην/-μᾱν mēn/mān; die Zusammensetzung ist so vorstellbar: *m + *h₂a + Laryngal (welcher?) + erwähnte (hier bedeutungswidrige) hīc-et-nunc-Partikel *n. In der 2.Pl. der Stativendungen im Latein. ersetzt eine Infinitiv-Endung (Infinitiv im Sinne einer Aufforderung) -minī die ererbte Endung usw. usf.
10. Die in der Tabelle herausgehobenen Teile der Sekundärendungen bestätigen die Verbindung mit den Perfektendungen.[30]
Unter diesen Einschränkungen und sehr schwierigen Voraussetzungen könnte eine Endungstabelle wie folgt aussehen:
| Aktiv („Faktivendungen“) | Medium („Stativendungen“) | ||||
|---|---|---|---|---|---|
| Numerus | Pers. | Primär | Sekundär | Primär | Sekundär |
| Singular | 1. | -h₂ (them.), -mi (athem.) | -m | -h₂ey | -h₂e |
| 2. | -si | -s | -th₂ey | -th₂e | |
| 3. | -ti | -t | -ey | -e | |
| Dual | 1. | -wés | -wé | -wé + dʰh₂ + ? | -wé + dʰh₂ |
| 2. | (-th₂és) | (-téh₂) | (-th₂éyh₁) | (-th₂éh₁) | |
| 3. | (-tés) | (-téh₂m) | (-téyh₁) | (-téh₁) | |
| Plural | 1. | -més | -mé | -mé + dʰh₂ + ? | -mé + dʰh₂ |
| 2. | -th₂é | -té | -dʰw + éy | -dʰw + é | |
| 3. | -énti | -ént | -ŕ̥s | -ŕ̥ | |
Die eingeklammerten Endungen müssen als ziemlich spekulativ gelten.
Für den Imperativ lassen sich nur die Singularendungen im Aktiv sicher rekonstruieren. Endung der zweiten Person Singular Imperativ ist ‚Null‘ für thematische, *-dʰí für athematische Verben (‚Null‘ kommt aber vereinzelt auch ‚athematisch‘ vor, z. B. lat. ī! ‚geh!‘ *h₁éy : *h₁i-dʰí in ved. ihí, altavest. idī, griech. ἴϑι íthi oder hethit. īt). In der 2.Sg. und 3.Sg. gibt es die Endung *-tōd für Aufforderungen in der Zukunft, z. B. lat. petitō! ‚du sollst verlangen‘, ‚er soll verlangen‘ *pét-e-tōd. Für die Formen der übrigen Personen, Numeri und Diathesen wurden jeweils die entsprechenden Injunktivbildungen verwendet.
Die Perfektendungen sind (vgl. oben) im Ursprung identisch mit denen des Mediums, haben aber (aufgrund der Entstehungsgeschichte des Perfekts) aktivische Funktion. Tichy-2000, S. 89f. nimmt auch Primärendungen 1.Sg *-h₂ey, 2.Sg. *-th₂ey, 3.Sg. *-ey, 1.Pl. *-més und 3.Pl. -ŕ̥s an. Die folgenden Endungen sind dann Sekundärendungen; sie lassen sich mit sehr hoher Sicherheit wie folgt rekonstruieren:
| 1. Sg. | -h₂e |
|---|---|
| 2. Sg. | -th₂e |
| 3. Sg. | -e |
| 1. Du. | -wé |
| 1. Pl. | -mé |
| 2. Pl. | -é |
| 3. Pl. | -ŕ̥ |
Die Vergangenheit des Perfekts, das Plusquamperfekt, hat die Faktiv-Sekundärendungen *-m, *-s, *-t usw. Wenn man davon ausgeht, dass das Perfekt aus dem (reduplizierten) Präsens entstanden ist, indem die Stativendungen anstelle der Faktivendungen eingeführt wurden, zeigt das Plusquamperfekt tatsächlich noch den ursprünglichen Endungsbestand.
Infinitive gibt es in der Grundsprache nicht; die Einzelsprachen verwenden für die Bildung ihrer Infinitive nominale Suffixe, meist mit den Kasusformen des Akkusativs, Dativs, Lokativs usw.
Im Griechischen, Indoiranischen, Phrygischen und z. T. Armenischen (siehe auch unter Balkanindogermanisch) taucht in den Vergangenheitstempora als Markierung für die Vergangenheit ein spezielles Präfix, das sogenannte Augment, auf; vgl. griech. é-phere = ved. á-bharat ‚er trug‘ (Imperfekt) oder in der armenischen Aoristform e-ber ‚er trug‘ (in der 1. Person Singular aber beri ohne Augment). In den übrigen idg. Sprachen, wie Latein oder Germanisch, fehlt jedoch das Augment. Zudem war die Augmentierung im älteren Indoiranischen sowie im homerischen Griechisch nicht obligatorisch (diese nicht-augmentierten Vergangenheitsformen werden als Injunktive bezeichnet).
Für das Urindogermanische führt Meier-Brügger ein Adverb *(h₁)é damals an, das fakultativ vor den entsprechenden Verbformen in der Vergangenheit stehen konnte. Das oben angeführte griechische (é-phere) und vedische Beispiel (á-bharat) wird bei Meier-Brügger somit als *h₁é *bʰéret, zusammengezogen als *h₁é-bʰeret, rekonstruiert.
Die Bildungen für Präsensstämme im Indogermanischen sind mannigfaltig. Hier seien daher nur die wichtigsten genannt:
- *-yé-/-yó- bzw. *-ye-/-yo-: Dieses Suffix, welches einen thematischen Stamm ergibt, kann wohl als das produktivste im Indogermanischen überhaupt gelten. Die Wurzel ist entweder in der Nullstufe, wenn die Verben meist Intransitiva sind, oder in der Vollstufe, was meist Transitiva ergibt. Weiters wird das Suffix häufig zur Bildung von Denominativa benutzt.
- *-é-ye-/-é-yo-: Diese beiden Suffixe dürfen Varianten des obigen sein. Die Wurzel pflegt in der o-Stufe zu stehen und die Bedeutung entweder kausativ oder iterativ zu sein.
- *-sk̑é-/-sk̑ó-: Dieses thematische Suffix wird an die Nullstufe der Wurzel gehängt und ergibt Stämme iterativer Bedeutung. Beispielsweise gehen die Inchoativa des Lateinischen, die mit -sc- aktionsartspezifiziert sind, auf diese Bildung zurück, ebenso die Iterativa mit *-sk̑é-/-sk̑ó- im Griechischen und Hethitischen.
- *-h₁s(y)é-/-h₁s(y)ó- bzw. *-h₁s(y)e-/-h₁s(y)o-: Dieses Suffix tritt entweder an die reduplizierte Wurzel (zum Beispiel *dʰedʰh₁- von *dʰeh₁-) oder an die *e-Stufe an und hat desiderative Bedeutung. Es ist der Ursprung einiger indogermanischer Futurbildungen, so grammatikalisiert im Griechischen.
- „Nasalpräsens“: In die Nullstufe der Wurzel wurde ein Infix *-né- (im „starken“ Teilstamm), ablautend mit *-n- (im „schwachen“ Teilstamm), vor dem letzten Konsonanten eingefügt. Der sich ergebende Stamm war ursprünglich athematisch, wurde aber in den Folgesprachen auf mannigfaltige Weise thematisiert. Das Nasalpräsens ist u. a. noch im Lateinischen vorhanden (vincere mit Perfekt vīcī ‚(be-)siegen‘; ‚(be-)siegte‘ bzw. ‚habe (be-/ge-)siegt‘).
Die Folgesprachen der indogermanischen Ursprache zeigen vier verschiedene Bildungen des Aorists, den Wurzelaorist, den -s-Aorist, den thematischen Aorist und den reduplizierten (ebenfalls thematischen) Aorist. Die neben dem Wurzelaorist einzige der Ursprache zugehörige Aoristbildung ist der -s-Aorist (vgl. zum Beispiel den -s-Aorist im Vedischen = -σ-Aorist im Griechischen = -s-Perfekt im Lateinischen). Das *-s- tritt direkt an die Wurzel an. Ohne Themavokal, d. h. athematisch, folgen die Sekundärendungen. Die Wurzel steht dabei im Aktiv durchgehend in der -ḗ-Dehnstufe, im Medium jedoch in der Nullstufe, bei Wurzeln auf -y und -w in der -é-Vollstufe. Aufgrund von Befunden aus dem Tocharischen und Hethitischen ist umstritten, ob das s-Suffix in allen Personen ursprünglich ist oder zunächst nur der 3.Sg. angehört (zum hethit. *-s- in der 3.Sg des Präteritums der ḫi-Verben vgl. aber den Beitrag hier unter Anatolische Sprachen). Das Vorhandensein eines Augments ist aufs Griechisch-Armenisch-Indoiranische begrenzt und deshalb auch für die übrigen Einzelsprachen, soweit sie den Aorist (noch) haben, fraglich.
Der Perfektstamm besteht meist nur aus der reduplizierten Wurzel. Als Vokal der Reduplikationssilbe tritt gewöhnlich *e auf (im Vedischen auch *ē, *i und *u, im Lateinischen auch *u, ein Mal parallel zueinander in ved. tutóda ~ lat. tutudī ‚stieß‘, beide wohl *stu-stówd- / stu-stud-´), die Wurzel steht im Aktiv Singular in der -ó-Stufe, sonst in der Nullstufe. Im Lateinischen hat das Reduplikationsperfekt häufig überdauert, neben *stu-stud-´ z. B. noch bei dare ‚geben‘, Perfekt dedī aus dem „schwachen“ Teilstamm *de-dh₃-´, oder bei cadere ‚fallen‘, Perfekt cecidī aus *k̑e-k̑ód-h₂e + y (~ ved. glbd. śaśā́da). Eine nicht sehr häufige Ausnahme durch das Fehlen der Reduplikation stellt die sehr alte Bildung 1. Sg. *wóyd-h₂e ‚ich weiß‘, 1. Pl. *wid-mé ‚wir wissen‘ von der Wurzel *weyd (‚sehen‘, ursprünglich eigentlich ‚finden‘, vgl. lat. vidēre ‚sehen‘) dar (s. a. Präteritopräsentia).
Im Vedischen und im Griechischen findet man das dargestellte Verbsystem am deutlichsten wieder. Das ist insofern kein Wunder, als die Rekonstruktion des Urindogermanischen vor allem auf diesen beiden Sprachen beruht (sogenanntes graeco-arisches Rekonstruktionsmodell). Die Gültigkeit dieses Ansatzes ist angezweifelt worden; bislang konnte aber kein Alternativmodell geliefert werden.[31]
Von den anatolischen Sprachen wird angenommen, dass sie sich vor der Bildung der meisten „graeco-arischen“ Merkmale abgespalten haben. Das – am besten überlieferte – hethit. Verbalsystem ist dadurch gekennzeichnet, dass es den Aorist aufgegeben und das Perfekt – im Gegensatz zu den anderen Einzelsprachen – noch nicht entwickelt hat.[32] Dadurch ist das Verbalsystem viel einfacher; es gibt Gegenwart (ausgedrückt durch das Präsens) und Vergangenheit (= Präteritum; ausgedrückt durch das Imperfekt), Aktiv und Mediopassiv (das Medium hat auch Funktionen eines Passivs übernommen). Thematische Verben spielen so gut wie keine Rolle. Verben mit -o-Vokalismus (malli ‚mahlt‘ *mél-molh₂-e + y, dāi ‚nimmt‘ *déh₃-e + y), die -šša-/-šš-Imperfektiva (*-sóh₁-/-sh₁-´), die -aḫḫ-Faktitiva (*-eh₂-) und die -anna-/-anni-Durativa (*-n̥h₂-óy-/-n̥h₂-i-´; nach Kloekhorst-2008, S. 175f. *-otn-óy-/otn-i-´) werden zu Semideponentien mit Stativendungen im Singular und Faktivendungen im Plural grammatikalisiert (= ḫi-Konjugation). Alle Formen der 3. Pl. des Präteritums erhalten die Stativendung *r̥, alle Formen der 3. Sg. des Präteritums der ḫi-Konjugation die Endung *-s-t, am wahrscheinlichsten übertragen vom sehr häufigen *h₁és-t ‚er war‘. Die Stativverben geben ihren ursprünglichen paradigmatischen Ablaut -é-Stufe : Nullstufe auf und führen (wie das Vedische und Griechische) entweder die -é-Stufe oder die Nullstufe jeweils im ganzen Paradigma durch (ki-tta(ri) ‚er liegt‘ = ved. śáye = griech. κεῖται keítai *k̑éy-e + y bzw. šupp(tt)a(ri) ‚er schläft‘ *sup-(t)ó ± ri ~ ved. duhé ‚sie gibt Milch‘ *dʰug̑ʰ-é + y; alle Formen mit jeweils einzelsprachlich regelhafter Umbildung der Endung). Als archaisches Charakteristikum gilt, dass das Hethitische ohne Futur und mit Ausnahme des Imperativs ohne Modi auskommt.
In der Fachwelt gilt es mittlerweile (s. o.) als mehr als weitgehend sicher, dass die anatolische Sprachgruppe mit weitem zeitlichen Abstand als erste aus dem Gesamtverband der Sprecher der indogermanischen und damit als indoanatolisch anzusehenden und zu bezeichnenden Ursprache ausgetreten ist. Zu zahlreich sind die Merkmale, die das Anatolische nicht hat, aber alle anderen Sprachgruppen aufweisen, z. B. die nur ansatzweise durchgeführte nominale und verbale Thematisierung, das Perfekt, die Modi, den Dual, das Genus femininum, das -tó-Partizip, den -yos-Komparativ oder die Tatsache, dass das -nt-Partizip ein passives Partizip ist. Zusätzlich weist das Anatolische mit den ḫi-Verben eine außergewöhnlich prägnante, nur in diesem Sprachzweig vorkommende Besonderheit auf, die ziemlich sicher als anatolische Neuerung aufzufassen ist. Uranatolisch ist damit eigentlich eine Schwestersprache des Urindogermanischen mit einer ungewöhnlich großen Anzahl an sprachlich ungemein wichtigen Archaismen, unter ihnen der einzigartige lautliche Erhalt von *h₂ und *h₃ als -ḫ- bzw. -ḫḫ-, und die sprachhistorisch sensationelle Tatsache, dass – im Phoneminventar des Luwischen und Lykischen – noch alle drei Tektalreihen (palatal, velar und labiovelar) unterschieden werden (Kloekhorst-2008, S. 17f.).
Die tocharische Sprachgruppe ist offenbar sehr früh nach Osten abgerückt. Tocharisch besitzt vielfältige, einschneidende und sonst nicht vorkommende Neuerungen, z. B. ein System von sieben Sekundärkasus, die Gruppenflexion, einen eigenen Numerus Paral zur Bezeichnung natürlicher Paare (im Gegensatz zum Dual, der die zahlenmäßige Zweiheit bezeichnet), eine fundamentale Verbalstamm-Opposition Normalverb : Kausativ, und eine Thematisierung, die von der Endung *-o (der 3.Sg. der Stativendungen) ausgeht.
Im Griechischen sind die Funktionen der verschiedenen Verbformen am klarsten ausgeprägt. Zu den Aspektstämmen Präsens (mit Imperfekt), Aorist und Perfekt (mit Plusquamperfekt) ist ein Futurstamm (mit Futur exakt im Passiv) hinzugetreten, der oft, aber nicht immer durch ein s-Suffix gekennzeichnet ist. Der vollständig ausgebildete Formenbestand des Perfekts Medium widerlegt – zusammen mit dem Vedischen; in beiden als sehr archaisch geltenden Sprachzweigen ist das Perfekt Medium rekonstruktionell identisch – die Ansicht, ein Perfekt Medium habe es, wenn überhaupt, erst spät gegeben. Entscheidend für die Beurteilung der Stellung des Perfekts Medium ist die bahnbrechende und richtige Einschätzung bei Jasanoff,[33] »the perfect evidently originated within PIE as a kind of … reduplicated present«. Das bedeutet, das Teilstamminventar des Präsens wurde (mit allen Reduplikationsarten) ein zweites Mal verwendet und mit den Stativendungen versehen, um präzise die vorliegende resultative Bedeutung des Perfekts zu erzielen: Ergebnis (Stativendung) einer abgeschlossenen Handlung (Präsens). Präsens Medium und Perfekt Medium wurden dadurch formal identisch (da das Präsens Medium die Stativendungen ja schon hatte). Zum Zwecke der Differenzierung regelt das Griechische die Verteilung der Reduplikationsvokale einheitlich wie folgt: Präsens immer -i- (vedisch sowohl -i- als auch -e-), Perfekt immer -e- (vedisch sowohl -i- als auch -e-), und Aorist immer -e- (vedisch sowohl -i- als auch -e-). Griech. 3.Sg. τί-ϑε-ται tí-the-tai heißt also (Präsens) ‚ist gesetzt‘, τέ-ϑε-ται té-the-tai (Perfekt) ‚ist gesetzt worden‘. Das Vedische differenziert hier nicht über den Reduplikationsvokal, sondern über die Endung (3.Sg. dhatté ‚ist gesetzt‘ *dʰe-dʰh₁-téi gegenüber dadhé ‚ist gesetzt worden‘ *dʰe-dʰh₁-éi) oder über die Silbentrennung des Laryngals (2.Sg. dhatsé ‚bist gesetzt‘, dadhiṣé ‚bist gesetzt worden‘, ursprünglich identisch *dʰe-dʰh₁-séi). Wenn beides nicht möglich ist, bleibt die Verbalform gleichlautend: 1.Sg. dadhé ‚bin gesetzt‘ und ‚bin gesetzt worden‘ *dʰe-dʰh₁-h₂éi.
Den Diathesen Aktiv und Medium gesellt sich im Aorist und Futur ein formal unterschiedenes Passiv hinzu. Im Präsens, Imperfekt, Perfekt und Plusquamperfekt drückt das Medium weiterhin die Bedeutungsinhalte des Passivs aus. Die geneuerte Differenzierung im Aorist und Futur beruht auf einer Univerbierung mit dem Aorist der Wurzel *dʰeh₁ ‚tun, machen‘ in der Narten-Form (Narten = Fachbegriff für den Zusatz einer More sowohl im starken als auch im schwachen Teilstamm), also stark *dʰḗh₁, schwach *dʰéh₁; ἐ-παιδεύ-ϑη-ν e-paideú-thē-n ‚wurde erzogen‘ bedeutet also eigentlich ‚wurde + erzogen + gemacht‘.[Anmerkung 8] Da der Passivaorist die Aktivendungen hat, also ein Statofaktiv-Verb ist (vgl. oben im Unterabschnitt „Aspekt“), wird er (nur im Singular) gleichlautend mit dem aktiven Aorist des Verbums (*ἔϑην *é-thēn = ved. á-dhām *(h₁)é *dʰéh₁-m); zur Differenzierung wird der aktive Aorist (nur im Singular) zu einem -k-Aorist umgestaltet (ἔϑηκα é-thē-k-a).
Im Griechischen hat die athematische Konjugation zugunsten der thematischen bereits etwas an Boden verloren.
Im Vedischen, das viele genaue Entsprechungen im Uriranischen aufweist, ist die Formenvielfalt noch reichhaltiger als im Griechischen. Jedoch sind die Bedeutungsnuancen deutlich auf dem Rückzug. Der Unterschied zwischen Aktiv und Medium ist oft kaum fassbar. Allerdings bilden sich semantisch eindeutige Passivformen heraus (ein *-yó-Passiv mit Stativendungen und ein in Ursprung und Endung nicht ganz geklärter Passivaorist nur in der 3. Sg. mit -ó-stufiger Wurzel und der Endung -i (ákāri ‚wurde gemacht‘ *(h₁)é *kʷór-i; auch ohne Augment jáni ‚wurde geboren‘ *g̑ónh₁-i). Auch die Aspektunterschiede sind bereits im Rigveda oft nicht mehr zu erkennen.[34]
In der Nische einer nur indoiranischen Aktionsartkategorie Iterativ-Intensiv vermag eine archaische Bildung zu überleben, die einen athematischen Präsensstamm von einer Aoristwurzel durch direkte Verdopplung dieser Aoristwurzel aufweist (jáṅ + gan + ti ‚kommt‘ *gʷém + gʷom + ti). Diese Bildung zeigt den Ursprung des wurzelhaften *-ó- in hethit. malli ‚mahlt‘, thematisiert lat. glbd. molō = dt. mahle, mit in diesen Einzelsprachen regelhaft entfallender Reduplikation und folgender Akzentuierung des *-ó- aus *mél-molh₂ (vedisch mármartu ‚soll zermalmen‘).
Im späteren klassischen Sanskrit werden Imperfekt, Perfekt und Aorist als Vergangenheitsformen ohne Bedeutungsunterschied verwendet. Auch im Sanskrit sind Verbformen hinzugekommen: ein Futur (ebenfalls mit s-Suffix), ein Passiv (hier mit medialen Endungen und ohne Zusammenhang mit dem Griechischen) und eine Reihe produktiver abgeleiteter Verbformen wie Desiderativ oder Kausativ. Der alte Konjunktiv ist nur noch in den Formen des „Imperativs der ersten Person“ erhalten.
In den italischen Sprachen (zum Beispiel Latein) ist das Konjugationssystem unter Verwendung der vorhandenen Bausteine stark umgebaut worden; das Ergebnis ist ein symmetrischeres und durchschaubareres System.
Die athematischen Verben sind (mit der Ausnahme einiger weniger Verben aus dem Grundwortschatz, s. o.) verschwunden. Die thematischen Verben formierten sich durch Inkorporation verschiedener Suffixe zu den bekannten Konjugationsklassen (a, e, „konsonantische“, i). Zur ā-Konjugation führte zum Beispiel Verbalisierung von Nomina auf -a (cūrāre ‚Sorge tragen‘ von cūra ‚Sorge‘), ein faktitives *eh₂-Suffix (novāre ‚erneuern‘ aus *new-eh₂-), oder ein Intensivsuffix (canere > cantāre ‚singen‘). Die ē-Konjugation geht auf ein Kausativsuffix *-é-ye- (monēre ‚mahnen‘ aus *mon-é-ye- ‚zum Denken bringen‘) und ein Stativsuffix *-éh₁-ye- / *-eh₁-ye- (alb-ē-re ‚weiß sein‘, sed-ē-re ‚sitzen‘) zurück. Die ī-Konjugation geht auf eine Reihe von Suffixen sowie durch Verbalisierung von Nomina auf -i- und -o- zurück. Die konsonantische Konjugation schließlich setzt die thematische Konjugation des Urindogermanischen fort.
Das Medium hat sich zu einem Passiv gewandelt. Von den drei Aspektsystemen sind Perfekt und Aorist zum Perfektsystem zusammengefallen. Dabei finden sich Formelemente des alten Perfekts (Endungen, vereinzelt Reduplikation) als auch des Aorists (im -s-Perfekt, zum Beispiel dūcō – dūxī ‚ich führe‘ – ‚ich führte‘ bzw. ‚ich habe geführt‘). Beide Aspektfunktionen finden sich, sowohl der perfektive Aspekt („Vorzeitigkeit“, dt. also eher ‚ich führte‘) als auch der resultative („Ergebnis einer abgeschlossenen Handlung“ dt. also eher ‚ich habe geführt‘).
Das Tempus ist nun vom Modus getrennt. Das alte Imperfekt ist spurlos verloren gegangen. Ein neues Imperfekt mit dem Suffix -bā- tritt an seine Stelle (*bʰwéh₂- ‚sein, werden‘). Ein Futur bildet sich aus dem alten Konjunktiv mit Vollstufe der Wurzel und dem Themavokal *-e-/-o- (bei den thematischen Verben und in der ī-Konjugation gedoppelt zu einheitlich *-e- + *-e- = *-ē-). Das Verbalparadigma wird durch die Kreuzung dieser Bildungen vervollständigt: Das Futur erō ‚ich werde sein‘ erhält ein neues Imperfekt eram ‚ich war‘ vom Suffix -bā-, die Imperfekta auf -bā- erhalten parallel die thematische Endung des Futurs -ō usw. und damit ein geneuertes -bō-Futur für die ā- und ē-Konjugation.
Der Konjunktiv geht (in einem Teil der Formen) auf den alten Optativ zurück.
Tempus, Modus, Aspekt sind kombinierbar, allerdings gibt es keinen Konjunktiv im Futur.
Der seit 200 Jahren unangefochten gültige rekonstruktionelle Befund der germanischen starken Verben erfährt durch neuere Arbeiten (beginnend mit Prokosch-1939) einschneidende Änderungen und Modifizierungen in Richtung auf einen höheren Übereinstimmungsgrad mit den verbalen Verhältnissen der übrigen Einzelsprachen (Mailhammer-2007 im Titel: „New System“). Germanische Grundverben wie beißen oder gießen finden häufig -n-infigierte Entsprechungen in anderen Einzelsprachen, z. B. zu beißen lat. findō ‚ich spalte‘ und zu gießen lat. glbd. fundō. Die Annahme, dass *bʰid-ó- bzw. *g̑ʰud-ó- der gemeinsame Ausgangspunkt für einerseits (german.) *bʰ +e+ yd-ó- / *g̑ʰ +e+ wd-ó- und andererseits (lat.) *bʰi +n+ d-ó- / *g̑ʰu +n+ d-ó- gewesen sein könnte, wird unterstützt vom – äußerst seltenen – Vorhandensein wurzelhafter verbaler Nullstufen in got. digan ‚kneten‘ *dʰig̑ʰ-ó- (lat. fingō ‚ich bilde‘ *dʰi +n+ g̑ʰ-ó-) und ais. vega ‚kämpfen‘ *wik-ó- (lat. vincō ‚ich siege‘ *wi +n+ k-ó-). Wichtige philologische Vorarbeiten bei Seebold-1970 zeigen zudem, dass das germanische starke Verbum zwar den Vokalismus des „Typs bhárati“ (also betonte -é-Vollstufe der Wurzel), jedoch den Konsonantismus des „Typs tudáti“ (also Nullstufe der Wurzel mit betontem Themavokal) aufweist (Mailhammer-2007, S. 133: ...significant discovery... mit Hinweisen auf die Auswirkungen auf die traditionelle Lehrmeinung). Das Wurzelvokalismusschema der starken Verben wäre also nicht – am Beispiel der II. starken Verbalklasse – (Präs.) *éw (Prät.Sg.) *ów (Prät.Pl.) *u (Pz.Prät.) *u, sondern (in der angegebenen Reihenfolge) *u – *ów – *u – *u. Das germanische starke Verbum wäre dann im Präsensstamm nicht grundständig -é-stufig und „proterokinetisch“, sondern nullstufig und „hysterokinetisch“.
Kroonen-2013 fügt der traditionellen Reihe als praktisch regelhaft ein athematisches *-néh₂-/-nh₂-´-Intensivum (mit nullstufiger Wurzel) hinzu. Zusammen mit der Kausativ-Iterativ-Bildung auf *-é-yo- hätte jedes starke Verbum dann sechs Realisierungsformen, also zur Wurzel *dewk ‚ziehen‘: *déwk-o- *de-dówk- *de-duk-´ *duk-ó- *dowk-é- *duk-néh₂-/-nh₂-´ (dt. ziehe *zoch zogen ge-zogen zeugen zucken/zücken), oder zur Wurzel *wreyd ‚kerben‘: *wrid-ó- *we-wróyd- *we-wrid-´ *wrid-ó- *wroyd-é- *wrid-néh₂-/-nh₂-´ (dt. reißen *reiß rissen ge-rissen reizen ritzen). Nicht immer bildet jeder german. Einzeldialekt die Formenreihe vollständig aus, jedoch sind quer durch das ganze german. Dialektgebiet solche sich ergänzende Beispiele sehr zahlreich.
Im Vergleich mit dem als sehr ursprünglich geltenden hethitischen Verbum besitzt das Germanische zusätzlich nur das Perfekt (die einzige nichtperiphrastische Vergangenheit) und den *-yéh₁-/-ih₁-Optativ (der sich zum Konjunktiv entwickelt). Im Anatolischen gelten weitere Kategorien wie der thematische Konjunktiv oder die graeco-arische Formenvielfalt als „noch nicht aufgebaut“, im Germanischen gilt das Verbalsystem jedoch als „stark vereinfacht“. Es ist vielleicht revolutionär, aber naheliegend, dass sich das Germanische in dieser Beziehung eher wie das Anatolische verhält.
Verben, für die ursprünglich kein ererbtes Perfekt existierte, werden als schwache Verben bezeichnet. Sie bilden ihre Vergangenheit mit einem neuen Suffix *-d-, das sehr wahrscheinlich auf das Perfekt des Verbs tun zurückgeht (*dʰe-dʰóh₁- / dʰe-dʰh₁-´).
Ein Mediopassiv ist im Gotischen noch erhalten, schließlich aber in dieser Form – bis auf wenige Reste z. B. im Altenglischen – in allen germanischen Sprachen ausgestorben. Passivformen werden periphrastisch neu gebildet, und viele weitere Formen werden, wie in vielen anderen Folgesprachen auch, durch periphrastische Bildungen (Hilfsverbkonstruktionen) ersetzt.
In den slawischen Sprachen wird Aspekt lexikalisch ausgedrückt. Der Begriff des Aspektes (als Sicht des Sachverhalts, im Gegensatz zur Aktionsart als Art des Sachverhalts) stammt übrigens ursprünglich aus der Untersuchung der slawischen Sprachen.