Einleitung
Karl Marx gilt als einflussreichster Theoretiker des Kommunismus, dessen Schriften die Arbeiterbewegungen des 19. und 20. Jahrhunderts weltweit, von den sozialistisch-kommunistischen Bewegungen Russlands und Deutschlands (SPD, KPD) bis zu denen Lateinamerikas und Ostasiens, entscheidend, wenngleich auf sehr unterschiedliche Weise geprägt haben. In der modernen Volkswirtschaftslehre wird er den Nationalökonomen zugeordnet. Auch die Philosophie und andere Geisteswissenschaften sowie die Sozialwissenschaften wurde von Marx beeinflusst, wobei die Anhänger seiner Theorie in verschiedenen Disziplinen oft zusammengefasst als Marxisten bezeichnet werden.
Wie viele Philosophen des 19. Jahrhunderts war Marx von der Philosophie Hegels geprägt. Hegel, der als einer der bedeutendsten Philosophen der Neuzeit angesehen wird, vertrat eine idealistische, teleologische Geschichtsphilosophie. Die Schüler Hegels spalteten sich in Linkshegelianer und Rechtshegelianer, wobei letztere den Geschichtsprozess mit der bürgerlichen Gesellschaft als zur Vollendung gekommen und abgeschlossen betrachteten, während die Linkshegelianer die letzte Erfüllung des Geschichtsziels als noch ausstehend einstuften. Marx’ philosophische Position ging insbesondere aus den heftig geführten Auseinandersetzungen innerhalb des Linkshegelianismus hervor.
Marx übernahm von Hegel die Denkfigur der Dialektik sowie die Annahme einer Gesetzmäßigkeit der Geschichte. Diese führte er jedoch anders als Hegel nicht auf die Entfaltung eines „Weltgeistes“ zurück, sondern auf materielle, soziale Bedingungen und Auseinandersetzungen innerhalb der Gesellschaft. Hier wird Marx’ zweiter bedeutender philosophischer Einfluss sichtbar: der Materialismus, insbesondere derjenige Feuerbachs. So versuchte Marx, die hegelsche Dialektik durch eine Verbindung mit dem Materialismus in Form eines „dialektischen Materialismus“ quasi „vom Kopf auf die Füße“ zu stellen:
„Meine dialektische Methode ist der Grundlage nach von der Hegelschen nicht nur verschieden, sondern ihr direktes Gegentheil. Für Hegel ist der Denkproceß, den er sogar unter dem Namen Idee in ein selbständiges Subjekt verwandelt, der Demiurg des Wirklichen, das nur seine äußere Erscheinung bildet. Bei mir ist umgekehrt das Ideelle nichts andres als das im Menschenkopf umgesetzte und übersetzte Materielle.“
– Nachwort zur 2. Auflage des Kapitals vom 24. Januar 1873, Marx-Engels-Gesamtausgabe Abteilung II. Band 6, S. 709 (Marx-Engels-Werke Band 23, S. 27).
Die zentrale bewegende Kraft im bisherigen historischen Entwicklungsprozess der menschlichen Gesellschaft sah Marx – neben der schöpferischen Auseinandersetzung mit der Natur und der Gesellschaft – im Klassenkampf:
„Die Geschichte aller bisherigen Gesellschaft ist die Geschichte von Klassenkämpfen.“
– Marx-Engels-Werke Band 4, S. 462.
Eine besondere Rolle spielen dabei revolutionäre Umwälzungen: „Die Revolutionen sind die Locomotiven der Geschichte.“ (= Marx-Engels-Gesamtausgabe. Abteilung I. Band 10, S. 187; Marx-Engels-Werke Band 7, S. 85). Indem er auf diese Weise die Geschichte auf ihre materiellen Bedingungen zurückführte, setzte Marx an die Stelle des hegelschen Idealismus einen „historischen Materialismus“.
Eine bekannte Theorie in diesem Kontext ist das Basis-Überbau-Schema, nach dem die gesellschaftlichen Institutionen (Staat, Justiz, Kultur, Wertvorstellungen) ein „Überbau“ einer tieferliegenden „Basis“ von ökonomischen Produktionsverhältnissen (und zugleich Klassen- und Herrschaftsverhältnissen) und Produktivkräften und bei aller Selbständigkeit an deren Eigentümlichkeit gebunden seien. So braucht die kapitalistische Produktionsweise beispielsweise einen bestimmten Rechtsrahmen, damit freie Warenbesitzer am Markt ihre Produkte tauschen können, unabhängig von anderen gesetzlichen Regelungen. Dieser Rechtsrahmen müsse wiederum von einer über den Warenbesitzern stehenden Gewalt in Form des Staates gesichert werden. Insbesondere die Entwicklung jener ökonomischen Basis sei neben den Klassenkämpfen die in der bisherigen Menschheitsgeschichte treibende Entwicklungskraft für die gesamten gesellschaftlichen Verhältnisse.
Das Basis-Überbau-Schema wurde oft als starres Modell zur Reduktion aller politischen und ideologischen Phänomene auf ökonomische Kategorien missverstanden. Marx’ berühmte Formulierung, dass das gesellschaftliche Sein das Bewusstsein bestimmt (vgl. Marx-Engels-Werke Band 13, S. 9), leistet diesem Missverständnis noch Vorschub. Tatsächlich aber betonte Marx explizit die Dialektik der Wechselwirkung zwischen Sein und Bewusstsein. Auch das Bewusstsein kann das Sein verändern – gerade die Möglichkeit von Revolutionen beruhe auf dieser Freiheit des Menschen, die Verhältnisse bewusst umzugestalten, anstatt sich von ihnen beherrschen zu lassen. Obwohl sie nicht frei von entsprechenden Tendenzen ist, versteht Marx’ Geschichtsphilosophie sich doch nicht als mechanistischer Determinismus, sondern als Versuch der Verwirklichung der menschlichen Freiheit. Aber diese Freiheit ist eben stets an ihre materielle und soziale Umgebung gebunden.
Kritik der politischen Ökonomie


Um die Bedingungen für eine kommunistische Bewegung zu erfassen, aber auch, um die bestehenden Verhältnisse adäquat kritisieren und damit bekämpfen zu können, bemühte sich Marx zeit seines Lebens um eine grundlegende ökonomische Analyse der kapitalistischen Gesellschaft. In seinem insgesamt 2200 Seiten umfassenden dreibändigen Hauptwerk Das Kapital (Band 1: 1867, Band 2 und 3 postum) unternimmt Marx eine fundamentale „Kritik der politischen Ökonomie“. Dies beinhaltet einerseits die Analyse der Warenform, des Werts, des Kapitals und der kapitalistischen Produktions- und Distributionsverhältnisse, in welche die Produktion des gesellschaftlichen Reichtums in der bürgerlich-kapitalistischen Gesellschaft eingebettet ist. Andererseits beinhaltet die Kritik der bürgerlichen Ökonomie auch die Kritik an den klassischen bürgerlichen Theoretikern der Ökonomie wie Adam Smith oder David Ricardo, die Marx trotz der Mängel und ungelösten Probleme ihrer Theorien sehr schätzte. So lobt er die präzise, klare, einfache Sprache Ricardos, der alle ökonomischen Erscheinungen auf der Grundlage des Arbeitswerts erklärt, „selbst diejenigen, welche im ersten Augenblick ihr zu widersprechen scheinen, wie die Rente, die Akkumulation der Kapitalien und das Verhältnis der Löhne zu den Profiten. Gerade das ist es, was seine Lehre zu einem wissenschaftlichen System macht …“[95] Eine der zentralen Thesen der marxschen Theorie des Kapitalismus ist der unversöhnliche Klassengegensatz zwischen Proletariat und Bourgeoisie, auf dem der innerhalb der bestehenden Verhältnisse unüberwindbare Antagonismus der kapitalistischen Gesellschaft beruhe. Diese Aufteilung der Gesellschaft in Kapitalisten und Arbeiter ist einerseits nach Marx Voraussetzung der kapitalistischen Produktionsweise – es muss eine „freie“ Arbeiterschaft geben, die gezwungen ist, ihre Arbeitskraft an die Produktionsmittelbesitzer zu verkaufen. Andererseits ist die Klassenspaltung zwingendes Resultat der auf allgemeiner Warenproduktion und dem Verkauf der Arbeitskraft als Ware beruhenden Produktionsweise. Im scharfen Gegensatz z. B. zu Proudhon betont Marx deshalb, dass eine revolutionäre Überwindung von Ausbeutung und Klassenherrschaft nur möglich ist, wenn auch die ökonomischen Basiskategorien des Kapitalismus überwunden werden, welche – unabhängig vom Willen der Akteure (Kapitalisten, Arbeiter) „hinter ihrem Rücken“ – zu Ausbeutung und Klassenherrschaft führen. „Ebensowohl könnte man den Papst abschaffen und den Katholizismus bestehen lassen.“ (Marx, Das Kapital, Marx-Engels-Werke Band 23, S. 102 Fn. 40.)
Marx und Engels prägten maßgeblich den Begriff der „kapitalistischen Produktionsweise“ bzw. des Kapitalismus, der am systematischsten in Marx’ Hauptwerk Das Kapital dargestellt wurde.[A 15] Unter Kapitalismus verstehen sie eine Wirtschaftsordnung, die sich durch Privateigentum an Produktionsmitteln, durch Produktion für einen den Preis bestimmenden Markt, beständiger Profitmaximierung und den Widerspruch zwischen Lohnarbeit und Kapital auszeichnet. Nach Marx verändert sich im Übergang vom Feudalismus zum Kapitalismus zwar die gesellschaftliche Produktionsweise bedeutend, jedoch behält sie ihren Klassencharakter bei. Marx beschreibt die kapitalistische Gesellschaft als Gesellschaft des Elends, der Ausbeutung und der Entfremdung.
Aufbauend auf den Theorien der Vertreter der Klassischen Nationalökonomie, allen voran Adam Smith und David Ricardo, interpretiert Marx die Arbeitswerttheorie neu und formuliert sie um zu seiner Arbeitswertlehre, mit deren Hilfe er die Ausbeutung des Proletariats durch das Kapital zu beschreiben versucht.
Die Überwindung der Ricardoschen Schule
Die Marxsche politische Ökonomie bestätigt ihre Bedeutung durch die theoretischen Leistungen, die sie über ihre Vorläufer erhebt und durch plausible Abgrenzungen gegenüber ihren wissenschaftlichen Gegnern. Zu den Quellen, aus denen Marx schöpfte, gehörte die bürgerliche klassische Ökonomik, die in England mit William Petty (1623–1687) und in Frankreich mit Pierre Le Pesant de Boisquillebert (1646–1714) begann, in England mit Adam Smith (1723–1790) und in Frankreich mit Francois Quesnay (1694–1774) Höhepunkte erlebte, um in England mit David Ricardo (1772–1823) und in Frankreich mit Simonde de Sismondi (1773–1842) abzuschließen. Im Gegensatz zu ihren monetaristischen und merkantilistischen Vorläufern verlagerten die klassischen Ökonomen die theoretische Betrachtung vom Zirkulationsprozess zum Produktionsprozess.[96] Marx verstand unter der klassischen politischen Ökonomie „alle Ökonomie seit W. Petty, die den inneren Zusammenhang der bürgerlichen Produktionsverhältnisse erforscht im Gegensatz zur Vulgärökonomie, die sich nur innerhalb des scheinbaren Zusammenhangs herumtreibt …“[97] Marx knüpfte an die großen Leistungen der Klassiker an und indem er deren Stärken übernahm und ihre Schwächen überwand, erweist er sich als der eigentliche Vollender des klassischen ökonomischen Denkens und bereicherte die theoretische Ökonomie nachhaltig.
Marx’ Hauptwerk „Das Kapital“, obwohl unvollendet geblieben, ist in Prägnanz und Wesenserfassung die noch immer gültige Beschreibung der kapitalistischen Wirtschaft und damit der Grundlagen der bürgerlichen Gesellschaft. „Das Verhältnis von Kapital und Arbeit, die Angel, um die sich unser ganzes heutiges Gesellschaftssystem dreht“, schrieb Friedrich Engels, „ist hier zum ersten Mal wissenschaftlich entwickelt ...“[98] Marx’ Denkleistungen revolutionierten die ökonomische Wissenschaft. So gilt er als der erste Werttheoretiker, „dem eine Integration von Wert- und Geldtheorie (gelang).“[99] Er fügte der Rententheorie Ricardos und Johann Heinrich von Thünens (1783–1850), die nur die Differentialrente kannten, eine Theorie der absoluten Grundrente hinzu.[100] Er entwickelte, inspiriert sicher von Francois Quesnays „Tableau économique“ mit seinen Reproduktionsschemata das zweite makroökonomisches Kreislaufmodell in der Geschichte des ökonomischen Denkens.[101] Selbst seine Kontrahenten zollen ihm dafür Respekt. Normalerweise wird Wassily Leontief als Begründer der Input-Output-Analyse angesehen. „Der wirkliche Begründer der Input-Output-Modellkonzeption ist jedoch kein anderer als Marx, auch wenn man die von ihm vorgelegte Tabelle erst etwas modifizieren muss, um eine ‚echte‘ Input-Output-Tabelle zu erhalten.“[102]
Bedeutsam sind vor allem seine vier großen werttheoretischen Entdeckungen:
Erstens der Doppelcharakter der warenproduzierenden Arbeit. Schon Aristoteles (384–322 v.u.Z.) kannte die zwei Seiten der Ware: Gebrauchswert (Nützlichkeit) und Tauschwert. Marx fand es sonderbar, „daß den Ökonomen ohne Ausnahme das Einfache entging, daß wenn die Ware das Doppelte von Gebrauchswert und Tauschwert, auch die in der Ware dargestellte Arbeit Doppelcharakter besitzen muß.“[103] Seine klassischen Vorläufer waren Arbeitswerttheoretiker. Sie sahen aber immer nur die Arbeit als etwas Konkretes und mussten so „überall auf Unerklärliches“ stoßen. Die Waren produzierende Arbeit ist jedoch zugleich abstrakte Arbeit. Als konkrete Arbeit schafft sie den Gebrauchswert, als abstrakte Arbeit bildet sie den Wert der Ware, der im Tauschwert erscheint. Marx hat dies seine entscheidende Entdeckung genannt. Er sprach vom Springpunkt, „um den sich das Verständnis der politischen Ökonomie dreht.“[104] Alle ökonomischen Kategorien, sei es Geld, Kapital Preis, Lohn, Profit, Zins und Grundrente, sind letztlich Abkömmlinge des Werts, und Wert wird durch abstrakte Arbeit gebildet.
Zweitens fand Marx heraus, dass die Arbeitskraft eine Ware ist. Adam Smith und David Ricardo waren an diesem Problem gescheitert, indem sie aus der „industriellen Praxis die landläufige Vorstellung des Fabrikanten (übernahmen), als kaufe und bezahle er die Arbeit seiner Arbeiter“, die folglich Wert haben müsste. Die Vorstellung hatte „für den Geschäftsgebrauch, die Buchführung und Preiskalkulation des Fabrikanten ganz gut ausgereicht. Naiverweise übertragen in die politische Ökonomie, richtete sie hier gar wundersame Irrungen und Wirrungen an.“[105] Der Lohn ist geringer als der Wert der Produkte, die Arbeiter erzeugen. Smith und Ricardo schlossen daraus, dass Gewinne nur einem ungleichen Tausch zwischen Kapitalisten und Arbeitern entspringen könnten. „Wir mögen uns drehen und wenden, wie wir wollen“, schreibt Friedrich Engels, „wir kommen nicht heraus aus diesem Widerspruch, solange wir vom Kauf und Verkauf der Arbeit und vom Wert der Arbeit sprechen … Der letzte Ausläufer der klassischen Ökonomie, die Ricardosche Schule, ging größtenteils an der Unlösbarkeit dieses Widerspruchs zugrunde.“ Es war Marx, der nach längeren Anstrengungen den Ausweg aus der Sackgasse fand, in die sich die klassische Ökonomie festgerannt hatte.[106] In seiner im Jahre 1849 erschienenen Schrift „Lohnarbeit und Kapital“ hatte Marx selbst noch Ricardos Standpunkt vom Wert der Arbeit vertreten.[107] Später fand er heraus: „Was der Arbeiter verkauft, ist nicht direkt seine Arbeit, sondern seine Arbeitskraft …“[108] „Indem er hier die Arbeitskraft … an die Stelle der Arbeit setzte, löste er mit einem Schlag eine der Schwierigkeiten, an der die Ricardosche Schule zugrunde gegangen war: die Unmöglichkeit, den gegenseitigen Austausch von Kapital und Arbeit in Einklang zu bringen mit dem Ricardoschen Gesetz der Wertbestimmung durch Arbeit.“[109] „Der Wert der Arbeitskraft, gleich dem jeder andren Ware, ist bestimmt durch die Produktion, also auch Reproduktion, dieses spezifischen Artikels notwendige Arbeitszeit,“[110], „das heißt durch die Arbeitszeit, welche erforderlich ist zur Herstellung der Lebensmittel, deren der Arbeiter zu seiner Erhaltung in arbeitsfähigem Zustand und zur Fortpflanzung seines Geschlechts bedarf.“[111]
Drittens ermöglichte es Marx die Kenntnis des Doppelcharakters der Ware Arbeitskraft das Wesen des Mehrwertes aufzudecken. Die Ökonomen vor ihm hatten diesen mit seinen Formen gleichgesetzt. „… im Gegensatz zu aller früheren Ökonomie, die von vornherein besondre Fragmente des Mehrwerts mit ihren fixen Formen von Rente, Profit, Zins als gegeben behandelt, (wird) von mir zunächst die allgemeine Form des Mehrwerts, worin all das sich noch ungeschieden, sozusagen in Lösung befindet, behandelt“, sagt Marx.[112] Die Ware Arbeitskraft hat wie jede Ware einen Wert und einen Gebrauchswert. Der Kapitalist kauft die Arbeitskraft um ihres Gebrauchswertes wegen. Die Ware Arbeitskraft ist in dreifacher Weise nützlich: Sie formt die Stoffe zu Gütern und Leistungen um, die geeignet sind, um mit ihnen Bedürfnisse zu befriedigen. Sie überträgt den Wert der Arbeitsgegenstände (des Materials) und der Arbeitsmittel (der Anlagen, Maschinen usw.) auf die neuen Produkte. Ohne Arbeit wäre die Erhaltung des Wertes der Produktionsmittel nicht lange möglich. Entscheidend: Die Arbeitskraft schafft Wert. Sie ist in der Lage, mehr Wert zu schaffen, als sie besitzt. „Daß ein halber Arbeitstag nötig, um ihn 24 Stunden am Leben zu erhalten, hindert den Arbeiter keineswegs, einen ganzen Tag zu arbeiten ... (das) ist ein besondres Glück für den Käufer, aber durchaus kein Unrecht gegen den Verkäufer“.[113] Die Aneignung des Mehrwertes und der Tausch der Waren nach dem Prinzip der formalen Gleichheit – die Ware Arbeitskraft wird gekauft wie jede andere Ware, zu ihrem Wert – widersprechen sich nicht. Den Nachweis hat Marx erbracht – nach Engels das „epochemachendste Verdienst“ seines Freundes.[114]
Viertens sagt Marx vom „Das Kapital“, „es (ist) der letzte Endzweck dieses Werkes, das ökonomische Bewegungsgesetz der modernen Gesellschaft zu enthüllen.“[115] Er fand es im Mehrwertgesetz, das er „das absolute Gesetz (der kapitalistischen) Produktionsweise“ nannte.[116] Es ist das Grundgesetz des Kapitalismus, beinhaltet Ziel und Mittel der Produktion: Mehrwert zu erzeugen durch Beschäftigung von Lohnarbeitern. Mit der Wert- und Mehrwerttheorie erklärt Marx, wie Werte geschöpft, verteilt und Waren ausgetauscht werden.
Kapitalismus als Klassengesellschaft
Marx definiert zwei Hauptklassen der Gesellschaft:
- Einerseits die Bourgeoisie bzw. die Klasse der Kapitalisten, welche die zur Produktion notwendigen Produktionsmittel (Boden, Fabriken, Maschinen etc.) besitzen und die heute im Allgemeinen „Arbeitgeber“ genannt werden. Diese Klasse setzt Marx auch mit der „herrschenden Klasse“ gleich, nach deren Interessen die Gesellschaft strukturiert sei und deren Gedanken die öffentliche Meinung und Ideologie bestimmen: „Die herrschenden Ideen einer Zeit waren stets nur die Ideen der herrschenden Klasse“ (Marx-Engels-Werke Band 4, S. 480).
- Andererseits das Proletariat, d. h. die Klasse der Arbeiter, die keine eigenen Produktionsmittel besitzen und deshalb gezwungen sind, Lohnarbeit zu verrichten, um ihre Lebensbedürfnisse zu befriedigen. Auch Angestellte zählen in diesem Sinne zur lohnarbeitenden Klasse. Dieser Lohn sei in etwa so bemessen, dass der Lohnarbeiter seine Arbeitskraft „reproduzieren“ kann (Essen, Wohnen, Erholung), jedoch andererseits nicht selbst Produktionsmittel kaufen kann, wodurch er von der Lohnarbeit abhängig bleibe. Marx bezeichnet die Lohnarbeit deswegen als eine verschleierte Form von „Zwangsarbeit“.
- Eine dritte Klasse ist das Kleinbürgertum, d. h. die Klassen der Kleinunternehmer und Selbständigen. Diese Klasse jedoch werde vom Großbürgertum zunehmend verdrängt und letztlich ins Proletariat hinabgedrängt. Außerdem existiere ein Sub- oder Lumpenproletariat aus Obdachlosen, Bettlern und Tagelöhnern, dem er ebenso wie dem Kleinbürgertum keine gesellschaftliche oder gar revolutionäre Bedeutung beimisst.
Formell sind in der bürgerlichen Gesellschaft alle Mitglieder frei und rechtsgleich. De facto aber können für Marx die Proletarier nur wählen, an wen sie ihre Arbeitskraft verkaufen, d. h. von welchen Ketten sie sich fesseln lassen. Solange das bürgerliche Recht auf Eigentum an Produktionsmitteln herrsche, bedeute juristische Gleichheit zwangsläufig soziale Ungleichheit, die durch die Anerkennung der bürgerlichen Ordnung und des bürgerlichen Staates reproduziert und aufrechterhalten werde.
Gesellschaftlicher Widerspruch und Krise
Die Anhäufung (Akkumulation) des gesellschaftlichen Reichtums erfolge im Kapitalismus also stets nur über die Ausbeutung fremder Arbeitskraft als Lohnarbeit. Der Kapitalist zahle dem Arbeiter nur einen Teil des von ihm im Produktionsprozess geschaffenen tatsächlichen Wertes als Lohn aus – das reale Mehrprodukt der gesellschaftlich verrichteten Arbeit komme aber nicht der Gesellschaft insgesamt zugute, sondern werde privat als Mehrwert angeeignet. Diese private Aneignung des Mehrprodukts, der schöpferischen Arbeitskraft der Individuen überhaupt, prangert Marx deshalb als Ausbeutung an.
Die vom Kapitalisten gewonnene Profitrate sinke nach Marx jedoch immer weiter, wie er in seinem Gesetz des tendenziellen Falls der Profitrate darstellt. Einerseits sei dieser Fall der Profitrate durch den zunehmenden Einsatz von Maschinen bedingt, da nach der Arbeitswertlehre die wertschöpfende Instanz einzig in der menschlichen Arbeitskraft liege, welche durch den Einsatz von Maschinen kontinuierlich abnehme (Fixes Kapital vs. Variables Kapital). Andererseits sinke die Profitrate aufgrund der Konkurrenz der Kapitalisten untereinander, die sich stets unterbieten müssen, um auf dem Markt bestehen zu können. Um diese durch stetig sinkende Einnahmen entstehenden Kosten auszugleichen, müsse der Kapitalist auf der anderen Seite Ausgaben einsparen – vornehmlich durch Senkung der Produktionskosten, d. h. durch Lohnsenkungen der Arbeiter oder durch Verlängerung der Arbeitszeit sowie Steigerung der Arbeitsproduktivität.
Der aus dieser Konstellation unvermeidliche Widerspruch zwischen dem Verwertungsinteresse des Kapitals und den Bedürfnissen des Proletariats bestimmt nach Marx den grundsätzlich antagonistischen Charakter der kapitalistischen Produktionsweise und sei letztlich die Ursache für die regelmäßig auftretenden Krisen des Kapitalismus, die schließlich auch zu revolutionären Erhebungen der Arbeiter führen müssen. Mit der durch die ökonomischen Widersprüche des Kapitalismus bedingten Unausweichlichkeit revolutionärer Aufstände schlage schließlich die weltgeschichtliche Stunde der kommunistischen Revolution. Das Kapital produziere seine eigenen „Totengräber“.[117]
Entfremdung der Arbeit
Nicht nur in der Ausbeutung des Arbeiters und im unversöhnlichen Widerspruch der Klasseninteressen besteht für Marx das Problem des Kapitalismus. Die ganze Existenz des Menschen, sein Menschsein selbst, sieht er durch die kapitalistischen Verhältnisse entfremdet und geknechtet. Das „Wesen“ der menschlichen Existenz lokalisiert er, im Anschluss an Hegel sowie an Feuerbachs Begriff des „Gattungswesens“, in der Fähigkeit des Menschen, seine Umwelt schöpferisch und frei zu gestalten. Die zentrale Kategorie der marxschen Philosophie ist deshalb der Begriff der Arbeit, welche Marx als „Stoffwechsel mit der Natur“ definiert. Arbeit ist für ihn, wie schon für Hegel, die Universalkategorie der menschlichen Existenz:
„Als Bildnerin von Gebrauchswerten, als nützliche Arbeit, ist die Arbeit daher eine von allen Gesellschaftsformen unabhängige Existenzbedingung des Menschen, ewige Naturnotwendigkeit, um den Stoffwechsel zwischen Mensch und Natur, also das menschliche Leben zu vermitteln.“
– Marx-Engels-Werke, Band 23, S. 57
Im Kapitalismus aber sei die Arbeit auf grundlegende Weise entfremdet und pervertiert. Denn Arbeit im Kapitalismus werde nicht im Interesse der Schaffung von Gebrauchswerten verrichtet und noch weniger zur Verwirklichung kreativer Schöpferkraft, sondern lediglich zur Erzielung von Tauschwerten. Der Arbeiter könne über seine Arbeitskraft nicht frei verfügen, sondern müsse sie nach den Vorgaben des Kapitalisten einsetzen, für den er arbeitet. Die Güter, die er so produziert, erlebe der Arbeiter nicht mehr als seine eigenen, sondern als fremde; er könne sich in den Ergebnissen seiner eigenen Tätigkeit nicht wiedererkennen. Diesen Prozess bezeichnet Marx, auch hierin Hegel folgend, als „Entfremdung“ bzw. „Entäußerung“.
„Worin besteht nun die Entäußerung der Arbeit? Erstens, daß die Arbeit dem Arbeiter äußerlich ist, d. h. nicht zu seinem Wesen gehört, daß er sich daher in seiner Arbeit nicht bejaht, sondern verneint, nicht wohl, sondern unglücklich fühlt, keine freie physische und geistige Energie entwickelt, sondern seine Physis abkasteit und seinen Geist ruiniert. Der Arbeiter fühlt sich daher erst außer der Arbeit bei sich und in der Arbeit außer sich. Zu Hause ist er, wenn er nicht arbeitet, und wenn er arbeitet, ist er nicht zu Haus. Seine Arbeit ist daher nicht freiwillig, sondern gezwungen, Zwangsarbeit. Sie ist daher nicht die Befriedigung eines Bedürfnisses, sondern sie ist nur ein Mittel, um Bedürfnisse außer ihr zu befriedigen.“
Ob die Kategorie der „Entfremdung“ für Marx’ späteres Werk, insbesondere für seine ökonomiekritischen Schriften, noch eine Rolle spielt oder ob er seine ursprüngliche Konzeption von „Entfremdung“ später aufgegeben hat, ist unter Marxisten sehr umstritten. Festgestellt werden kann, dass Marx nach 1845 nicht mehr vom „Wesen“ des Menschen sprach, vielmehr die Vorstellung eines überzeitlichen Gattungswesens „Mensch“ in der 1845 erschienenen Schrift Die deutsche Ideologie ausdrücklich verwarf und seine früher benutzten Begriffe als „traditionell unterlaufende philosophische Ausdrücke wie ‚menschliches Wesen‘, ‚Gattung‘ pp.“ bezeichnete (Karl Marx, Friedrich Engels: Die deutsche Ideologie. In: Marx-Engels-Werke. Band 3, S. 218).
Fetischcharakter der Ware
In seinem späteren Werk tritt an die Stelle des philosophisch voraussetzungsvollen Entfremdungsbegriffs (der ja implizit die Vorstellung einer nicht-entfremdeten Arbeit voraussetzt) der Begriff des „Warenfetischismus“, wie er im ersten Band des Kapitals im berühmten Kapitel über den „Fetischcharakter der Ware und ihr Geheimnis“ entwickelt wird. Damit ist die Verschleierung der geleisteten menschlichen Arbeit gemeint, die man einem fertigen, als Ware zirkulierenden Produkt nicht mehr ansieht. Auch dies ist der Sache nach eine Form der Entfremdung, dient im Kontext des Kapitals jedoch nicht mehr so sehr zur Bestimmung des Elends der Arbeiter, sondern zum Verständnis der ideologischen Struktur der kapitalistischen Gesellschaft. Der marxistische Theoretiker der Verdinglichung, Georg Lukács, sieht die Bedeutung des Kapitels über den Fetischcharakter der Ware darin, dass sich in ihm der ganze historische Materialismus verberge.[118] Den verborgenen Gehalt des Fetischkapitels als Erkenntnis der kapitalistischen Gesellschaft herauszuarbeiten, unternimmt er in seinem viel zitierten Aufsatz Die Verdinglichung und das Bewußtsein des Proletariats von 1923.
Je weniger die Menschen sich in den Produkten ihrer Arbeit wiedererkennen und sie als von ihnen selbst gemachte Produkte begreifen können, desto selbständiger erscheinen ihnen diese Produkte selbst. Insbesondere in der Form des Geldes und des Kapitals – beide nichts weiter als akkumulierte, angehäufte Waren in abstrakter Form – erscheinen die Produkte der menschlichen Arbeit als verselbständigte, „automatische Subjekte“ (Marx-Engels-Werke Band 23, S. 169). Die Verwandlung von Geld in mehr Geld, auf dessen Prinzip der Kapitalismus beruhe, erscheine als selbständige Bewegung des Geldes (etwa in der Form des scheinbar selbsttätigen Zinses), nicht als Resultat menschlicher Arbeit. Dadurch werden, so Marx, die dinglichen Objekte zu Subjekten, und umgekehrt die menschlichen Subjekte zu ohnmächtigen Objekten. Die Warenproduzenten werden von ihren Produkten beherrscht: „Ihre eigne gesellschaftliche Bewegung besitzt für sie die Form einer Bewegung von Sachen, unter deren Kontrolle sie stehen, anstatt sie zu kontrollieren“ (Marx-Engels-Werke, Band 23, S. 89). Die kapitalistische Gesellschaft beruht auf einer grundlegenden Verkehrung, sie steht gewissermaßen auf dem Kopf.
So werden die Produkte zu Fetischen, zu scheinbar magischen Gegenständen. Gleichwohl sei ebendieser Anschein bloßer Schein. Auch wenn die Arbeit nicht mehr wahrgenommen wird, bleibe sie die wertschöpfende Instanz und die Ursache aller Bewegung. Der Fetischcharakter der Ware sei eine Täuschung, obgleich diese Täuschung kein bloßer Irrtum sei, sondern eine praktische Ursache besitze: die Teilung der Gesellschaft in Arbeitende und Arbeiten-Lassende, d. h. in jene, die Produkte herstellen, und andere, denen diese Produkte gehören.
Den sich aus der Warenform ableitenden Warenfetisch analysiert Marx als einen hinter den Rücken der Menschen ablaufenden Vergesellschaftungsmodus, der konkrete private Arbeiten in abstrakte gesellschaftliche Geldwerte verwandelt und so gesellschaftliche Warenproduktion erst ermöglicht.
Religionskritik
Die Aufgabe der Philosophen, die Marx als Ideenproduzenten beschreibt,[119] sieht er in der Aufhebung der Philosophie, das heißt in ihrer praktischen Verwirklichung.[120] Marx hatte selbst jüdische Vorfahren und war in jungen Jahren Protestant. Als Vertreter einer materialistischen Philosophie kritisierte er an allen Religionen, dass sie eine Form der Ideologie und Selbsttäuschung seien (vgl. die Einleitung zur Kritik der Hegelschen Rechtsphilosophie, Marx-Engels-Werke Band 1, S. 378 ff.). Marx kritisiert alle Formen einer idealistischen Philosophie und insbesondere der Religion, die nach Marx dazu dient, die Existenz des Menschen durch Träumereien und Trost im Jenseits erträglich zu machen und so das faktische Elend zu legitimieren. In einem berühmten Ausspruch bezeichnet Marx die Religion deshalb als „Opium des Volkes“.[121] Gleichwohl vermöge die Religion nicht anzugeben, was es mit dem Elend auf sich hat, dessen Ausdruck sie ist – im Gegenteil, so Marx, täuscht sie darüber mit Hirngespinsten und jenseitigem Trost hinweg. Insofern sei sie ein falsches Bewusstsein, also reine Ideologie von sich selbst entfremdeten Menschen.
„Der Mensch macht die Religion, die Religion macht nicht den Menschen.“
Der Verkehrung der praktischen Verhältnisse entspricht für Marx das falsche Bewusstsein der Religion, welche nichts weiter als der „richtige“ (d. h. angemessene) Ausdruck einer falschen Gesellschaft sei. Die Religion sei die „Mystifikation“ (Marx-Engels-Werke Band 23, S. 838) einer Welt, die selbst quasi-mystische Züge trage. In der Religion „scheinen die Produkte des menschlichen Kopfes mit eignem Leben begabte, untereinander und mit den Menschen in Verhältnis stehende selbständige Gestalten [zu sein]. So in der Warenwelt die Produkte der menschlichen Hand“ (Marx-Engels-Werke, Band 23, S. 86). So sei Religion nicht nur Täuschung, sondern besitze auch eine innere Wahrheit:
„Das religiöse Elend ist in einem der Ausdruck des wirklichen Elendes und in einem die Protestation gegen das wirkliche Elend. Die Religion ist der Seufzer der bedrängten Kreatur, das Gemüth einer herzlosen Welt, wie sie der Geist geistloser Zustände ist. Sie ist das Opium des Volkes.“
Die Überwindung des religiösen Hirngespinstes bedürfe jedoch nicht nur der theoretischen Kritik, sondern der materiellen Veränderung jenes Lebens, das die Religion als „Stoßseufzer der bedrängten Kreatur“ erst nötig macht:[122]
„Die Forderung, die Illusionen über seinen Zustand aufzugeben, ist die Forderung, einen Zustand aufzugeben, der der Illusionen bedarf.“
– Einleitung zur Kritik der Hegelschen Rechtsphilosophie, Marx-Engels-Gesamtausgabe. Abteilung I. Band 2, S. 171.
Weil Religion und Gesellschaft also wesenhaft zusammenhängen, nimmt die Religionskritik eine zentrale Stellung bei Marx ein: „die Kritik der Religion ist die Voraussetzung aller Kritik“ (ebd., Marx-Engels-Werke Band 1. S. 378). Jedoch könne die Kritik am falschen Bewusstsein nur dazu dienen, die Ursache des Irrtums zu erkennen, und dadurch die Möglichkeit seiner praktischen Aufhebung ins Bewusstsein rücken. Klassenbewusstsein bedeutet in diesem Sinne für Marx, die sozialen Verhältnisse „objektiv“ wahrzunehmen und die Beteiligung des Menschen an der Reproduktion der kapitalistischen Herrschaft zu erkennen und zu kritisieren. Sie müsse an die Stelle der Mystifikation und des religiösen „Nebelschleiers“ (Marx-Engels-Werke Band Marx-Engels-Werke Band 23, S. 94) die Bedürfnisse der Menschen selbst stellen, für deren Befriedigung sie zu kämpfen habe, statt sich damit auf das Jenseits vertrösten zu lassen. Die Philosophie müsse zur „revolutionären Praxis“ (Marx-Engels-Werke, Band 3, S. 7) werden.
„Die Waffe der Kritik kann allerdings die Kritik der Waffen nicht ersetzen, die materielle Gewalt muss gestürzt werden durch materielle Gewalt, allein auch die Theorie wird zur materiellen Gewalt, sobald sie die Massen ergreift. Die Theorie ist fähig, die Massen zu ergreifen, sobald sie ad hominem demonstriert, und sie demonstrirt ad hominem, sobald sie radikal wird. Radikal sein ist die Sache an der Wurzel fassen. Die Wurzel für den Menschen ist aber der Mensch selbst.“
– Einleitung zur Kritik der Hegelschen Rechtsphilosophie, Marx-Engels-Gesamtausgabe. Abteilung I. Band 2, S. 177.
Marx’ Religionskritik war von Ludwig Feuerbach beeinflusst.
Marx und Friedrich Engels waren 1850 Taufpaten von Karl Friedrich Koettgen (Sohn von Gustav Adolf Koettgen) und 1871 von Karl Liebknecht.
Geschichtsphilosophie
Die marxsche Geschichtsphilosophie wurde als Historischer Materialismus bekannt. Nicht die Ideen werden dabei als grundlegende Bewegungskraft der Geschichte angesehen, sondern die materiellen Verhältnisse, die die Hervorbringung der Ideen grundsätzlich bestimmen.
„Es ist nicht das Bewußtsein der Menschen, das ihr Sein, sondern umgekehrt ihr gesellschaftliches Sein, das ihr Bewußtsein bestimmt.“
– Vorwort zur Kritik der politischen Ökonomie, Marx-Engels-Werke Band 13, S. 9
Philosophische Ideen seien daher nicht allezeit gültig, sondern hätten historisch-materielle Ursprünge. Ändern sich diese Ursprünge, so ändern sich auch die Ideen. Die vorherrschenden philosophischen Ideen würden dabei in jeder Epoche die Gedanken der herrschenden Klasse widerspiegeln, die Marx als jene Klasse definiert, die die Verfügungsgewalt über die materiellen Arbeitsmittel besitzt.
Wie die materiellen Verhältnisse sich auf die Herrschaftsformen auswirken, so wirken auch die Herrschaftsformen auf die materiellen Verhältnisse zurück. Der Historische Materialismus beschreibt deshalb keinen Determinismus des Materiellen, sondern eine dialektische Wechselbeziehung zwischen Sein und Bewusstsein, Notwendigkeit und Freiheit:
„Die Menschen machen ihre eigene Geschichte, aber sie machen sie nicht aus freien Stücken, nicht unter selbst gewählten, sondern unter unmittelbar vorgefundenen, gegebenen und überlieferten Umständen.“
– Der achtzehnte Brumaire des Louis Bonaparte, Marx-Engels-Werke, Band 8, S. 115
Marx definiert anhand der materiellen und der Herrschaftsverhältnisse verschiedene Phasen der Menschheitsgeschichte. Die sozioökonomische Entwicklung hätte von der „freien“ Urgesellschaft über (in Europa) Sklavenhalter- und Feudalgesellschaft, zur bourgeoisen (industriellen kapitalistischen) Gesellschaft geführt und solle über den durch Revolution zu erreichenden Sozialismus hin zum Kommunismus führen. Befördert wird diese Revolution durch die Eigengesetzmäßigkeiten der kapitalistischen Produktion in Form zunehmender Macht- und Kapitalkonzentration (Akkumulation). Spiegelbildlich zur durch arbeitsteilige Wirtschaftsorganisation zunehmenden Selbstentfremdung der Ausgebeuteten organisiert sich das Kapital in Monopolen und repressiven Überbaustrukturen (Staat), welche durch Klassenkampf und Revolution in der industriellen Gesellschaft überwunden werden.
Mit der sozialen Revolution wäre die „Vorgeschichte“ der Menschheit beendet, die Menschen würden von nun an bewusst, gemeinschaftlich und rational die Produktion ihres gesellschaftlichen Lebens und ihrer weiteren Geschichte gestalten und nicht von ihnen unbekannten gesellschaftlichen Gesetzmäßigkeiten beherrscht werden.
„In großen Umrissen können asiatische, antike, feudale und modern bürgerliche Produktionsweisen als progressive Epochen der ökonomischen Gesellschaftsformation bezeichnet werden. Die bürgerlichen Produktionsverhältnisse sind die letzte antagonistische Form des gesellschaftlichen Produktionsprozesses, antagonistisch nicht im Sinn von individuellem Antagonismus, sondern eines aus den gesellschaftlichen Lebensbedingungen der Individuen hervorwachsenden Antagonismus, aber die im Schoß der bürgerlichen Gesellschaft sich entwickelnden Produktivkräfte schaffen zugleich die materiellen Bedingungen zur Lösung dieses Antagonismus. Mit dieser Gesellschaftsformation schließt daher die Vorgeschichte der menschlichen Gesellschaft ab.“
– Vorwort zur Kritik der politischen Ökonomie, Marx-Engels-Werke Band 13, S. 9