Gisela Mahnkopf (Hrsg.)

Geschichte aus dem Boden
Archäologische Ausgrabungen in Blankenburg

Sonderband zum 33. Jahresbericht des
Heimatvereins für den Landkreis Augsburg e. V.

Augsburg 2013

Inhaltsverzeichnis

Umschlaggestaltung: seiler grafik design Grußworte 4
Titelbild: Armspiralreif aus dem frühbronzezeitlichen Grab 6.
Bildautor: G. Mahnkopf Gisela Mahnkopf
7000 Jahre auf einem Fleck 8
Die archäologischen Ausgrabungen in Blankenburg

Udo Gruber
Von der Steinzeit bis ins Mittelalter 18
Eine Wanderung auf archäologischen Spuren in der Gemeinde Nordendorf

Gefördert von der Gemeinde Nordendorf Christiana Later
Allein im fremden Land 32
Ein geheimnisvolles Brandgrab der Latènezeit aus Blankenburg

Peter Schröter
Neue Zeit und alte Sitten 50
Das frühbronzeitliche Gräberfeld in Blankenburg
Katalog 52
Die Beigaben 80
Grab- und Bestattungsformen 94
Schlussbetrachtungen 101

Daniel Meixner
Pioniere am Lechrain 112
Eine Siedlung der jungneolithischen Münchshöfener Kultur
Befundkatalog 112
Eine Siedlung der jungneolithischen Münchshöfener Kultur 149
Lage und naturräumliche Merkmale des Siedlungsareals 150
Heimatverein für den Landkreis Augsburg e. V. Befunde und Siedlungsstrukturen 152
Geschäftsstelle: Die Funde – Archiv des jungsteinzeitlichen Alltags 161
Prinzregentenplatz 4, 86150 Augsburg Tafeln 197
Zimmer W004, Tel.: (0821) 3102 - 2547
Gisela Mahnkopf
ISBN 978-3-925549-30-4 Das Phänomen Schlitzgrube 221
Redaktion, Satz und Layout: Gisela Mahnkopf Gerbgruben, Opfergruben, Webgruben oder doch Fallgruben?
Druck: Joh. Walch GmbH und Co KG, Augsburg
Gisela Mahnkopf
Jeder Beitrag steht unter der Verantwortung des jeweiligen Autors Der Brunnen vor dem Tor 230
Ein Viehweidebrunnen auf der Flur „Oberfeld“

Inhaltsverzeichnis 3

Allein im fremden Land?
Ein geheimnisvolles Brandgrab der Latènezeit aus Blankenburg
Christiana Later

Was geschah vor rund 2400 Jahren in Südbayern? Diese Frage gibt 2 Blankenburg im November
den Forschern nach wie vor Rätsel auf. Archäologisch gesprochen 2007. Schon die ersten
befinden wir uns in einem älteren Abschnitt der sogenannten Sondagen decken archäolo-
Latènezeit (ca. 480/450–15 v. Chr.), wie die jüngere vorrömische Ei- gische Befunde auf.
Foto: G. Mahnkopf.
senzeit in weiten Teilen Mittel- und Westeuropas nach einem Fund-
ort in der Schweiz bezeichnet wird. Es ist eine Zeit des Umbruchs, in
der die Bevölkerungen nördlich der Alpen verstärkt in das Licht der
Geschichte treten und beginnen, nicht mehr nur eine Statistenrolle
auf der damaligen weltpolitischen Bühne zu spielen. Geschuldet ist
dieser Umstand dem spätestens ab dem 4. Jahrhundert v. Chr. fass-
baren Vordringen größerer Personenverbände aus jenem Gebiet in
den mediterranen Raum und somit in den unmittelbaren Gesichts-
kreis der dort beheimateten Zivilisationen. Entsprechend fließen
nun erstmals ausführlichere Informationen über diese „Barbaren“ in
die Feder römischer und griechischer Autoren, von welchen sie un-
ter dem Sammelbegriff Kelten oder Gallier in ihren Texten verewigt
werden. Wenngleich politisch und ideologisch stark tendenziös, ge-
währen uns diese Berichte Einblicke in die wechselvollen Gescheh-
nisse während der letzten Jahrhunderte vor Christi Geburt sowie
am Rande auch in das alltägliche Leben, Sitten und Gebräuche so-
wie religiöse Vorstellungen dieser neuen Nachbarn, die mal als Ver-
bündete, häufiger jedoch als Gegner in Erscheinung treten. Dabei 1 Linke Seite: Fibel aus Eisen
bewirkten im Verlauf von Generationen sagenhaft verbrämte Ereig- mit Brandpatina aus dem
nisse wie die Plünderung Roms 390 oder 387 v. Chr. oder die Bela- latènezeitlichen Grab.
gerung des Heiligtums von Delphi durch keltische Verbände 279 v. Foto: G. Mahnkopf.

Christiana Later 33

Chr., dass vor allem das Bild des keltischen Kriegers als Schreckge- regional variierenden Bestattungstraditionen prägen nun über wei-
spenst der zivilisierten Welt Einzug in Kunst und Literatur hielt – ein te Strecken hinweg ähnlich ausgestattete Körperflachgräber, d. h.
Stereotyp, an dem sich bis heute kaum etwas geändert hat. einfache in die Erde eingetiefte Gräber, in denen die Toten meist in
gestreckter Rückenlage beigesetzt wurden, das Bild. Alles in allem
Entsprechend beschwören die antiken Quellen gerne Beutegier sprechen die archäologischen Funde und Befunde des 4. und 3. Jahr-
und Kampfeslust als Gründe für diese Vorstöße gen Süden – und hunderts v. Chr. für weite Teile Europas auch außerhalb der mediterranen
vernachlässigen dabei nur allzu oft, dass man sich in vielen Fällen Welt für reichlich unruhige Zeiten und nicht zuletzt wohl auch für
die Feinde zuvor selbst als Söldner ins Land geholt hatte. Doch die eine hohe Mobilität von einzelnen Personen oder ganzen Gruppen.
Aussicht auf Reichtum, Prestigegewinn und damit auch sozialen
Aufstieg durch Kriegsglück dürfte – wenngleich nicht zu vernach- Auch der südbayerische Raum scheint von diesen Ereignissen nicht
lässigen – nur einer der Auslöser für die umfangreichen Bevölke- unberührt geblieben zu sein – wenig verwunderlich angesichts sei-
rungsbewegungen des 4. und 3. Jahrhunderts v. Chr. gewesen ner geographischen Lage im Herzen des Latènegebiets und der Be-
sein, die nicht nur Krieger, sondern auch Unbewaffnete, Frauen deutung der Donau als eine der europäischen Hauptverkehrsadern.
und Kinder, mithin weite Teile der Gesellschaft erfassten. Vielmehr Im Gegensatz zu anderen Regionen, die reiche Zeugnisse bereits
ist von zahlreichen Faktoren auszugehen, die erst nach und nach aus der Anfangszeit der Latènekultur, der Stufe Latène A, erbrach-
von der Wissenschaft entschlüsselt und in Beziehung zueinander ten, wie z.B. die nördliche Oberpfalz oder der Salzburger Raum mit
gesetzt werden müssen; hier ist z. B. an Auswirkungen einer um 400 dem Dürrnberg bei Hallein, bietet sich das archäologische Material
v. Chr. angenommenen Klimaverschlechterung, Überbevölkerung dieses Zeitabschnitts im Gebiet südlich der Donau allerdings eher
und Landmangel, Vertreibungen oder soziale Unruhen in den Her- spröde dar. So sind nur wenige Grabfunde bekannt, wie etwa aus
kunftsgebieten zu denken1. Stadtbergen-Leitershofen2, was z.T. auch auf die Zerstörung der
für diese Zeit typischen Grabhügel durch die landwirtschaftliche
Diese Herkunftsgebiete dürften dem archäologischen Material zu- Nutzung zurückzuführen sein dürfte. Aussagen zur Besiedlungs-
folge im Bereich der nordalpinen Latènekultur zu suchen sein. Sie geschichte müssen sich demnach vor allem auf Siedlungsfunde
hatte sich im 5. Jahrhundert v. Chr. auf Grundlage der vorausgehen- stützen, die jedoch deutlich schlechter zu datieren sind. Dennoch
den Hallstattkultur entfaltet. Ihr Kerngebiet kann in dieser frühesten haben die Arbeiten der letzten Jahre gezeigt, dass mit einem Ab-
Phase, die auch als Latène A bezeichnet wird (ca. 480/450–400 v. brechen der meisten Siedlungen zu Beginn der Stufe Latène B bzw.
Chr.), in etwa mit dem Raum zwischen Ostfrankreich und Niederö- während ihrer älteren Entwicklungsphase (Latène B1, ca. 400–330 v.
sterreich umschrieben werden, wobei unterschiedliche regionale Chr.) zu rechnen sein dürfte3.
Ausprägungen existierten. Vielerorts ging ihre Entwicklung weit-
gehend bruchlos vor sich, wie kontinuierlich von der Hallstattzeit Bestattungen, die an den Beginn des 4. Jahrhunderts v. Chr. da-
bis in die frühe Latènezeit hinein belegte Siedlungen und Bestat- tieren, sind in Südbayern bislang kaum bekannt. Erst im Laufe der
tungsplätze zeigen. Dies ändert sich in zahlreichen Regionen im 4. Stufe Latène B1 steigt die Zahl der Grabfunde wieder an, wobei nur
Jahrhundert v. Chr., im Laufe der Stufe Latène B (ca. 400–250 v. Chr.). mehr selten eine Nachbelegung von älteren Grabhügeln zu beob-
Für diesen Zeitabschnitt ist eine nahezu beispiellose Ausbreitung achten ist, wie z.B. in Sand, Gemeinde Todtenweis4. Wie in anderen
der Latènekultur zu verzeichnen. Vom Atlantik bis zum Karpaten- Gegenden der Latènekultur dominieren nun Flachgräber, die in
bogen und von Polen bis Italien reichen nun die für diese Kultur ihrem Fundmaterial Beziehungen in unterschiedliche Richtungen
typischen materiellen Hinterlassenschaften – von der Bewaffnung erkennen lassen. Sie stellen derzeit noch die wichtigste Quelle für
über Schmuck- und Trachtzubehör bis hin zu bestimmten Keramik- 2 Zu den Latène A-zeitlichen Funden von Stadtbergen-Leitershofen siehe Uenze 1985,
formen und Geräten. Zugleich scheint in manchen dieser Gebiete 9–10 mit Abb. 1; Uenze 1996, 183–187.
die Mehrzahl der älteren Siedlungen abzubrechen. An Stelle der alten, 3 Siehe hierzu die einzelnen Beiträge sowie die Zusammenfassung der Ergebnisse in
Prammer u. a. 2007.
1 Zu den keltischen Wanderungen siehe jüngst im Überblick Schönfelder 2010. 4 Uenze 2000/01, 97.

34 Allein im fremden Land? Christiana Later 35

in seinem südwestlichen Bereich durch den Bagger gestört worden.
Der restliche Befund wurde im November 2007 von Mitarbeitern des
Arbeitskreises für Vor- und Frühgeschichte im Landkreis Augsburg
komplett freigelegt und dokumentiert.
Dabei zeichnete sich bereits knapp unter dem Ackerbodenhorizont
im nicht durch den Bagger beeinträchtigten nördlichen bzw. nord-
östlichen Teil eine klar von der Umgebung abgrenzbare, dunkle Ver-
färbung von ca. 1 m Seitenlänge ab, die von einem diffusen, flecki-
gen, grob 2 m durchmessenden Außenbereich mit Holzkohle- und
Leichenbrandeinsprengseln gesäumt wurde. Im Süden und Süd-
westen des Befundes, wo dieser durch den früheren Baggereingriff
und die Entnahme der Gefäßbeigaben bereits auf unterschiedliche
Niveaus abgetieft worden war, war dieser äußere Kranz nicht mehr
feststellbar (Abb. 3 und Abb. 5). Die Verfüllung der eigentlichen,
noch maximal etwa 30 cm tief erhaltenen Grabgrube war stark
mit Holzkohle durchsetzt. Unmittelbar über der Sohle konnte eine
graue, von den Ausgräbern als aschehaltig angesprochene Schicht
beobachtet werden. Der Leichenbrand fand sich offenbar ohne be-
sondere Konzentrationen über die gesamte Grabgrube verstreut.
Es handelt sich um die Überreste eines jugendlichen Individuums,
dessen Geschlecht leider weder auf anthropologischem noch auf ar-
3 Befund 1 während der die Entschlüsselung der Ereignisse in unserer Region während des chäologischem Weg bestimmbar ist5. Mit diesen Knochenfragmen-
Dokumentation. 4. und frühen 3. Jahrhunderts v. Chr. dar, da sich die zugehörigen An- ten vermengt waren wenige Tracht- bzw. Schmuckbestandteile, die
Foto: G. Mahnkopf. siedlungen bislang nur schwer greifen lassen. Ihre Verbreitung kon- gleichfalls dem Scheiterhaufenfeuer ausgesetzt gewesen waren, so
zentriert sich vor allem auf den Lauf der Donau sowie deren große dass davon ausgegangen werden kann, dass der oder die Verstor-
südliche Zuflüsse. Dabei sind kaum ausgedehntere zusammenhän- bene in seiner bzw. ihrer Kleidung den Flammen übergeben wurde.
gende Nekropolen bekannt, vielmehr überwiegen Einzelgräber oder Keine Spuren von Hitzeeinwirkung wiesen hingegen die beiden Ge-
kleine Grabgruppen mit selten mehr als zwei bis sechs Bestattungen. fäße auf, die man in der Südwestecke der Grube deponiert hatte und
Zudem handelt es sich zu einem erheblichen Teil um Entdeckungen die bereits vor der eigentlichen Ausgrabung des Befundes durch den
älteren Datums, für die häufig keine oder nur ungenügende Überlie- 5 Die anthropologische Bestimmung (Ende Infans II oder Juvenis, d. h. älter als
ferungen zu den Fundumständen existieren. 12 Jahre) führte P. Schröter, Staatssammlung für Anthropologie und Paläoanatomie
München, durch.
Vor diesem Hintergrund stellt jedes im Zuge von regulären Grabun- 4 Fund Nr. 23. Die Fibel
gen fachmännisch geborgene Grab einen wichtigen Baustein für die aus Eisen in situ bei der
weitere Erforschung dieses Zeitabschnitts dar – auch wenn es mitun- Auffindung.
Foto: G. Mahnkopf.
ter mehr Fragen aufwirft als beantwortet. Dies gilt auch für die hier
vorgestellte latènezeitliche Bestattung von Blankenburg, die sich in
mehrfacher Hinsicht als Überraschung entpuppte.

Das im Nordosten der Grabungsfläche gelegene, als Befund 1 be-
zeichnete Grab war bereits bei ersten Sondagen angeschnitten und

36 Allein im fremden Land? Christiana Later 37

6 Eisenfibel mit Brandpa-
tina aus dem latènezeitli-
chen Brandgrab.
Foto: A. Schäffner-Knoblach.

Bagger erfasst und durch das Bayerische Landesamt für Denkmal-
pflege blockgeborgen wurden.
7 Detailaufnahme der
Die auf den ersten Blick eher bescheiden anmutende Ausstattung radialen Kerbung auf der
des Grabes (Abb. 8 und Abb. 9) wird durch die Art und Qualität der ringförmigen Fußzier der
Funde deutlich relativiert. Zu nennen ist hier insbesondere die eiser- Eisenfibel.
ne Fibel, die ihre exzeptionelle Erhaltung gerade ihrer Erhitzung im Foto: A. Schäffner-Knoblach.
Totenfeuer verdankt (Abb. 1; 4; 6–7 und Abb. 8,1).

So sind auch üblicherweise bei unverbrannten Fun-
den durch die Korrosion zerstörte Details wie die
radiale Kerbung der ringförmigen Fußzier sowie die
feine Profilierung des Fußendes noch ausgezeich-
net zu erkennen (Abb. 6 und Abb. 7). Fibeln dieser
Form mit sogenanntem Ringfuß sind aus Bayern
bislang lediglich aus einem weiteren Grab bei Rie-
kofen im Lkr. Regensburg bekannt, waren dort al-
5 Befund 1. lerdings aus Bronze gefertigt6.
Planumszeichnung sowie
digitale Umsetzung. Deutlich häufiger anzutreffen sind entsprechende Fibeln in den
Grabungszeichnung: östlichen Nachbarregionen, vor allem in Böhmen, Mähren und Nie-
G. Mahnkopf/E. Schulze.
Digitale Umsetzung: Ch. Later. 6 Uenze 1982, 253 Abb. 5,3–4.

38 Allein im fremden Land? Christiana Later 39

derösterreich, vereinzelt sind sie auch in Ungarn und Westrumänien 8 Linke Seite: Umzeichnung
sowie in Polen belegt. Das Blankenburger Stück stellt bislang den des Grabinventars. 1 Eisen;
westlichsten Vertreter dieses Fibeltyps dar. Die Fibel kann über ihre 2 Bronze; 3–4 Keramik.
1–2 M 1:2; 3–4 M 1:3.
Form sowie über entsprechende Parallelen in einen jüngeren Ab-
Zeichnung: Ch. Later.
schnitt der Stufe Latène B1 datiert werden und bietet somit einen gu-
ten Anhaltspunkt für die zeitliche Einordnung des gesamten Befundes.

Auch die stark verschmolzenen Fragmente vermutlich eines einzi-
gen (Arm-)ringes mit kleinen, stempelförmig verdickten Enden las-
sen sich hier gut einreihen (Abb. 8,2).

Angesichts des Bestattungsritus ist diese Datierung allerdings über-
raschend, da er deutlich von der ansonsten Mitte des 4. Jahrhunderts
v. Chr. in unserem Gebiet üblichen unverbrannten Niederlegung der
Verstorbenen abweicht. Bis dato können lediglich von zwei weite-
ren Fundorten in Südbayern sichere Brandbestattungen der Stufe
Latène B1 angeführt werden7.

Zwar kennen wir gerade aus dem Raum zwischen Schmutter und
Amper neben hallstattzeitlichen Brandgräbern8 auch einige wenige
Hinweise auf solche der Stufe Latène A9, doch bleiben diese Einzeler-
scheinungen; ein direkter Traditionsstrang in die nachfolgenden
Phasen ist anhand der spärlichen Befunde bislang nicht nachzuwei-
sen. Wie im restlichen Südbayern hält auch hier die Kremation erst
wieder um die Mitte des 3. Jahrhunderts v. Chr. verstärkt Einzug10.

Ähnlich ungewöhnlich wie die Einäscherung des Leichnams ist die
in Blankenburg zu beobachtende Beigabe von Keramikgefäßen.
Von diesen reiht sich zumindest die handgemachte schwarzbraune
Schale mit sorgfältig geglätteter und polierter Oberfläche (Abb. 8,3
7 Regensburg-Burgweinting, Befund 4688: Zuber 2008, 195–197 Abb. 51. –
Ingolstadt-Zuchering, Grab 303, 304 und 305: Pauli 1993/94.
8 Vgl. z.B. die Brandgräbernekropole von Friedberg: Hennig u. a. 2004, 18–28.
9 Abgesehen von einem noch unpublizierten Befund aus Fürstenfeldbruck-Puch
(H.-P. Volpert, Fürstenfeldbruck-Puch. Bayer. Vorgeschbl., Beih. 16, 2004, 10) ist hier
eine bereits 1892 geborgene Nachbestattung aus Hügel 19 der Grabhügelnekropole
im Staatswald Mühlhart bei Grafrath-Unteralting zu nennen (Krämer 1985, Kat.-
Nr. 27 Taf. 49 D). An den Übergang von der Hallstatt- zur Latènezeit könnte des
Weiteren die Brandbestattung aus Hügel 79 von Stadtbergen-Leitershofen datieren.
Allerdings sind hier sowohl die Überlieferungsbedingungen – der Hügel war
bereits im Spätmittelalter angegraben worden – als auch die Datierung der relativ
unspezifischen Gefäßbeigaben problematisch (Uenze 1996, 183–187).
10 Vgl. z.B. die kleinen Brandgräbernekropolen von Thierhaupten (Uenze 1996, 191–198)
oder Friedberg (Uenze 2000/01, 95–98 Abb. 3; Hennig u. a. 2004, 30–31 Abb. 20–21).

40 Allein im fremden Land? Christiana Later 41

und Abb. 9) gut in das auch aus Siedlungen bekannte eisenzeitliche Allerdings bilden diese Stücke auch im tschechischen Fundbestand
Keramikspektrum ein. Komplett aus dem Rahmen des Üblichen fällt eine Ausnahme, deren Herleitung in der Forschung immer wieder
hingegen das zweite Gefäß, zu dessen Abdeckung die Schale ver- diskutiert wurde – bislang ohne abschließendes Ergebnis13. Berück-
mutlich diente. Es handelt sich um ein ca. 25 cm hohes, dünnwan- sichtigt man nicht nur den Dekor, sondern auch die Form der Ge-
diges, auf der Drehscheibe hergestelltes Fußgefäß mit ausladender fäße, so wäre hier etwa an den ostfranzösischen Raum zu denken.
Schulter und enger Mündung aus sehr fein gemagertem orange- Insbesondere in der Champagne stellen rot und schwarz bemalte
farbenen Ton (Abb. 8,4; und Abb. 9–10). Fußgefäße eine beliebte Beigabe dar14.
Seine gesamte Außenseite ist mit einem rötlichen, stellenweise noch
glänzenden Farbauftrag versehen, während die Innenseite einen
dunkelbraunen Überzug aufweist. Gefäße entsprechender Form,
Machart und Oberflächengestaltung sind aus zeitgleichen Grab-
und Siedlungszusammenhängen in Bayern unbekannt – mit einer
einzigen Ausnahme.
Diese stammt aus dem gleichfalls Latène B1-zeitlichen Brandgrab
304 von Zuchering11. Das dort als Urne verwendete, auf der Dreh-
scheibe gefertigte Fußgefäß weist nicht nur ähnliche Maße und Pro-
portionen wie das Blankenburger Stück auf, sondern ebenso eine
flächig rot bemalte Außenseite. Es war mit einer gleichfalls rot be-
malten Fußschale abgedeckt, die im bayerischen Fundbestand bis-
lang singulär ist (Abb. 11).

Gewisse Unterschiede bestehen im Bestattungsritus: Anders als in
Blankenburg waren in Zuchering die wenigen Tracht- und Schmuck-
bestandteile – eine nicht mehr erhaltene Eisenfibel sowie zwei Bron-
zeringe – nicht dem Scheiterhaufenfeuer ausgesetzt und zusammen
mit den verbrannten Überresten einer erwachsenen Frau in dem
Fußgefäß deponiert worden. Parallelen für diese sowohl in unserer
Region als auch in ihrem zeitlichen Kontext ungewöhnliche rot be-
malte Keramik sind nicht leicht beizubringen. Wiederum lassen sich
jedoch wie im Fall der Fibel mit Ringfuß einige Analogien aus dem Dass während Latène B1 entsprechende Anregungen nach Osten 9 Blankenburg. Inventar des
böhmischen und mährischen Gebiet namhaft machen. Besonders gelangten, führen z.B. einige neuere Funde vom Dürrnberg bei Hal- latènezeitlichen Brandgrabes
auffällig ist, dass die entsprechenden Gefäße dort wie in Südbayern lein vor Augen, deren Bemalung in Rot bzw. Rot und Schwarz von Befund 1.
Foto: Ch. Later.
überwiegend aus ansonsten einfach ausgestatteten Brandgräbern den komplexen Schulterornamenten der ostfranzösischen Gefäße
stammen12. Wie in Zuchering und Blankenburg handelt es sich um inspiriert ist15. Aber auch Stücke mit einem flächigen monochro-
Hochformen mit meist unterschiedlich stark ausgeprägtem Fuß, men Farbauftrag sind aus Grabzusammenhängen vom Dürrnberg
wobei neben einer flächigen roten auch gelegentlich eine schwarze belegt16. Gerade für die bayerischen und böhmischen Exemplare
oder eine aus beiden Farben kombinierte Bemalung auftreten kann. ist allerdings eine direkte Verbindung zu französischen Vorbildern
11 Pauli 1993/94, 149; 152–153 Abb. 5–6. schwer herzustellen, da sie nicht nur die ornamentale zweifarbige
12 Jansová 1963; Čižmář 1974. – Beispielhaft ist die kleine Nekropole von 13 Jansová 1963, 340–342; Čižmář 1974, 472–473.
Strakonice in Südböhmen zu nennen, wo zwei der vier nahe beieinanderliegenden 14 Siehe hierzu z. B. Corradini 1991.
Brandbestattungen jeweils eine Urne mit einem glänzenden roten Farbauftrag auf 15 Zeller 1997, 33 Abb. 4; Zeller 2003, 550; 553 Abb. 28,4.
der Außenseite enthielten (Jansová 1963, 336; 339 Abb. 2). 16 z.B. Grab 15 (Penninger 1972, 54 Abb. b) und Grab 16/1 (ebd. 55 Taf. 15,11).

42 Allein im fremden Land? Christiana Later 43

Bemalung vermissen lassen, sondern auch in ihrer Form gedrunge-
ner und – im wahrsten Sinne des Wortes – bodenständiger wirken
als die westlichen Gefäße. Auch aus anderen Regionen der Latène-
kultur, die vereinzelt rot bemalte Fußgefäße kennen, wie etwa dem
Mittelrheingebiet, sind über vage Ähnlichkeiten hinaus keine guten
Parallelen anzuführen.

Betrachtet man die einzelnen Elemente, die das Blankenburger Grab
prägen, in ihrer Kombination, so scheinen diese am ehesten für des-
sen Einbindung in ein – von der Schmutter aus gesehen – östliches
Beziehungsgefüge zu sprechen. Hierauf verweist neben der Keramik
vor allem die Fibel mit Ringfuß, die im Westen keine Gegenstücke
kennt. Aber auch die Sitte der Brandbestattung ist etwa in Teilen
11 Inventar des Brandgrabes
Böhmens und Mährens oder am Dürrnberg kontinuierlich von der
304 aus Ingolstadt-Zuchering.
Hallstattzeit bis in die jüngere Latènezeit hinein belegt. 1–2 Keramik; 3–4 Bronze.
1–2 M1:12; 3–4 M1:8 nach
An diese Feststellungen schließen sich nun zahlreiche Fragen an, Pauli 1993/94, Abb. 6.
von denen die meisten vorerst offen bleiben müssen, etwa: Wer war
die Person, die in Blankenburg bestattet wurde? Woher stammte sie?
War sie in dieser Region heimisch und gehörte zu einer hier ansässi-
gen kleinen Gemeinschaft, deren Vorfahren möglicherweise bereits
im Bereich von Lech und Schmutter gesiedelt hatten? Lassen sich
die im Bestattungsritus und Fundmaterial feststellbaren Anbindun-
gen nach Osten demnach nur allgemein im Sinne wirtschaftlicher
Kontakte bzw. kultureller Ähnlichkeiten zwischen benachbarten
Räumen deuten oder verweisen sie auf persönliche Beziehungen?
War der oder die Jugendliche im Laufe seines bzw. ihres kurzen Le-
bens gar aus einer dieser Regionen in das westliche Bayern einge-
wandert? Und wenn ja, welche Gründe, welche Zwischenstationen
hatten bis dorthin geführt, welches Ziel hatte er oder sie vor Augen?
War der südbayerische Raum eventuell nur eine Etappe auf einem
langen Weg der Wanderungen? All diese Überlegungen erstrecken
sich natürlich nicht nur auf unser jugendliches Individuum, sondern 10 Linke Seite: Fußgefäß
auch auf sein Umfeld, d. h. die Gemeinschaft, in die es zu Lebzeiten mit rot bemalter Außensei-
te aus dem latènezeitlichen
eingebunden war und die es nach ihren Gebräuchen dem Jenseits
Brandgrab von Blanken-
übergab. Von ihr kennen wir bislang keinerlei sichere Zeugnisse.
burg.
So konnten auf der gesamten Ausgrabungsfläche keine weiteren Foto: Ch. Later.
latènezeitlichen Befunde dokumentiert werden. Es ist jedoch nicht
auszuschließen, dass sich in den benachbarten, nicht untersuchten
Arealen weitere Bestattungen verbergen, da diese oft in deutlichem
Abstand zueinander streuen17.
17 Vgl. z.B. die Befunde aus Regensburg-Burgweinting: Zuber 2008.

44 Allein im fremden Land? Christiana Later 45

Bislang liegt die neu entdeckte Blankenburger Bestattung jedoch bemalten Keramik, dass keineswegs nur von einem einfachen Geben
allein auf weiter Flur. Auch Reste einer zugehörigen Siedlung konn- und Nehmen die Rede sein kann, sondern von einem komplexen
ten in der direkten Umgebung noch nicht identifiziert werden. Die Netz wechselseitiger Beeinflussungen auszugehen ist, deren ein-
nächsten nach archäologischen Maßstäben in etwa zeitgleichen zelne Fäden oft nicht mehr zu entwirren sind – und dies vermutlich
Grabfunde aus Todtenweis-Sand und Gersthofen stammen aus 10 schon für die Menschen der Latènezeit vielfach nicht mehr waren.
bis 20 Kilometer Entfernung18. Zu diesen gesellen sich nur wenige Hier vermag es gerade die Vogelperspektive des Archäologen, durch
weitere Fundstellen im Augsburger Umland, die keine aussagekräf- die er weite Gebiete und große Zeiträume überblickt, trotz der nur
tigen Rückschlüsse auf die Besiedlung des Lech-Wertach-Gebiets im bruchstückhaften Überlieferung verborgene Muster und Verknüp-
4. Jahrhundert v. Chr. zulassen19. fungen sichtbar zu machen – und für das 4. Jahrhundert v. Chr. das
Bild einer „internationalen“ Welt auch jenseits des von Schriftquellen
Allerdings ist anzunehmen, dass die im Vergleich zu anderen erhellten Raumes zu zeichnen.
Epochen sehr dünne Quellenlage zur älteren Latènezeit im
schwäbischen Raum nicht allein auf einen sicherlich noch
bestehenden Forschungsbedarf zurückzuführen ist.

Sie scheint z.T. auf eine tatsächlich relativ dünne Besiedlung
dieses Landstrichs hinzudeuten, mit kurzfristig bestehenden
bzw. häufig verlagerten kleinen Ansiedlungen und zugehörigen
Bestattungsplätzen, die archäologisch nur schwer zu fassen sind.
Funde und Befunde legen zudem nahe, dass die Mobilität einzelner
Individuen oder Sozialverbände nicht auf die regionale Ebene
beschränkt gewesen sein dürfte. So spricht auch der in Blankenburg
nachgewiesene, in seinem Umfeld singuläre Grabritus im Kontrast
zu den vorrangig anzutreffenden Körperflachgräbern sowie zu der
Grabhügelnachbestattung aus Todtenweis für die Anwesenheit
unterschiedlicher Bevölkerungsgruppen im Lech-Wertach-Gebiet,
denen in manchen Aspekten abweichende Vorstellungen und
Bräuche zu eigen waren. Ob und welche Beziehungen zwischen
den in Blankenburg und in Zuchering bestatteten und bestattenden
Personen bestanden, ob uns hier eventuell sogar ein seltener
Einblick in persönliche bzw. familiäre Bande gewährt wird, wird sich
wohl nie vollständig klären lassen.
Deutlich werden anhand der Blankenburger Funde jedoch einmal
mehr die großräumigen Distanzen, über die sich im 4. Jahrhundert v.
Chr. nicht nur Teile der Sachkultur, sondern auch Sitten und Gebräu- 12 Fundstellen der Latène-
che nachverfolgen lassen. Dabei veranschaulicht das Beispiel der rot zeit im Landkreis Augsburg
nach Uenze 1996 und JB HV
18 Todtenweis-Sand: Uenze 2000/01, 97 Abb. 2,1 (Nachbestattung in 2000–10.
hallstattzeitlichem Grabhügel). – Gersthofen: Krämer 1985, Kat.Nr. 171 Abb. 28; Grafik: G. Mahnkopf, Kar-
Uenze 1996, 192 Nr. 5 (Armring aus 1964 zerstörtem Körperflachgrab).
19 Stätzling: Krämer 1985, Kat.Nr. 177 Taf. 48 A (1898 zerstörtes Körperflachgrab);
tengrundlage: Schwäbische
Bobingen: Krämer 1985, Kat.Nr. 193–194 Abb. 29,1–4; Uenze 1996, 189 mit Abb. Forschungsgemeinschaft,
S. 188 Nr. 2–3.5.10 (zwei 1966 und 1967 zerstörte Körperflachgräber). Augsburg.

46 Allein im fremden Land? Christiana Later 47

Abgekürzt zitierte Literatur:

Čižmář 1974 Jahresbericht des Historischen Vereins für Straubing und Umgebung,
Čižmář, Malovaná keramika na moravských keltských pohřebištích. Příspěvek Sonderband 3 (Straubing 2007).
k otázce kulturních vlivů v moravském laténu. Bemalte Keramik aus den kelti-
schen Gräberfeldern Mährens (Ein Beitrag zur Frage der kulturellen Einflüsse Schönfelder 2010
in der Latènezeit in Mähren). Arch. Rozhledy 26, 1974, 468–476. M. Schönfelder (Hrsg.), Kelten! Kelten? Keltische Spuren in Italien.
Mosaiksteine – Forsch. Röm.-Germ. Zentralmus. 7 (Mainz 2010).
Corradini 1991
N. Corradini, La céramique peinte à décor curviligne rouge et noir en Uenze 1982
Champagne: approche technologique et chronologique. In: La ceramique H. P. Uenze, Ein Friedhof der frühen Mittellatènezeit von Riekofen, Ldkr.
peinte celtique dans son contexte europeen. Actes du symposium inter- Regensburg/Oberpfalz. Bayer. Vorgeschbl. 47, 1982, 247–262.
national d’Hautvillers, 9–11 Octobre 1987. Mém. Soc. Arch. Champenoise 5
(Reims 1991) 109–142. Uenze 1985
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48 Literaturverzeichnis Christiana Later 49