. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . A.U.S.S .T E.L.L U. N. G. E.N. . . . noch deutlich weiter zurückverfolgt, letzt- Becher, Bernd, und Becher, Hilla: Bergwerke und lung eindrücklich vor, besteht darin, den lich bis in das frühe 20. Jahrhundert. Und Hütten. München: Schirmer Mosel, 2011. Fokus zu erweitern und die internationale das nicht anhand einzelner Aufnahmen, Street Life & Home Stories. Fotografien aus der Kultur der Arbeiterfotografie sowie die sondern gleich durch nennenswerte Serien Sammlung Goetz. Ostfildern: Hatje Cantz, erhalten gebliebenen Abzüge auch der- 2011. von Fotografen, die schon lange den Status jenigen sozialdokumentarisch arbeitenden von historischen Klassikern haben, wie ❚ Michael Stöneberg Fotografen zu zeigen, die in der Zwischen- August Sander, Walker Evans, Diane Arbus kriegszeit einen zumindest semiprofessio- oder William Eggleston. Das ist dann nellen Status erreicht hatten. Mit dem hier- nicht nur ein Wiedersehen mit alten Be- kannten der Fotogeschichte, sondern durch den Kontext der Ausstellung zugleich eine ❚ ES-Madrid Arbeiterfotografie aus resultierenden Konzept bietet Ribalta einen bahnbrechenden Überblick, der die Grundlagen umwälzen wird, auf denen wunderbare Aktualisierung und Revitali- Im Frühjahr 2007 traf ich in Berlin einen fotohistorische Forscher und Sammlungs- sierung dieser 40 bis 100 Jahre alten Auf- leitenden wissenschaftlichen Mitarbeiter kuratoren das Medium insgesamt und spe- nahmen. An der Schnittstelle der beiden des Bundesarchivs, der eine sehr über- ziell das Phänomen der Dokumentarfoto- Themenbereiche zeigen vor allem die Ar- raschende Feststellung machte. Als Absol- grafie künftig bearbeiten werden. Der be- beiten von Jeff Wall und Stan Douglas vent des Universitätssystems der DDR hat- gleitende Katalog [1] richtet sich mit seinen die Wechselwirkungen zwischen ihnen. te dieser hoch qualifizierte Beamte seine scharfsinnigen Essays und den Übersetzun- Das hohe Niveau, das die Ausstellung Dissertation über „Arbeiterfotografie“ ge- gen einer Fülle von Basistexten auf das- mit ihren Exponaten und der Präsentation schrieben – ein Thema, mit dem ich mich selbe Ziel (vgl. die Rezension von Sabine Krie- in den Räumen der Villa Stuck vorlegt, ver- intensiv auseinandersetzen wollte. Sein bel in diesem Heft, S. 38/39). mag auch der Katalog zu halten. In ge- Büro betretend und die Tür hinter mir Schon beim Eintritt in den ersten der trennten Ausgaben in Deutsch oder Eng- schließend, stellte ich vorsichtig die fol- zwölf großen Räume der Ausstellung wer- lisch wird auf 240 Seiten eine Auswahl von gende Frage: Wäre es möglich, über dieses den Umriß und Detail ihres Programms un- 120 Werken präsentiert. Darüber hinaus Phänomen der Weimarer Republik ein Buch mittelbar evident. Die Wände sind mit ge- werden alle 24 beteiligten Fotografen zu schreiben oder eine große Ausstellung rahmten Silbergelatineabzügen gefüllt, mit durch eigene Texte vorgestellt. Diese stam- vorzubereiten? „Überhaupt nicht“, antwor- Plakaten der Zeit und der flimmernden Pro- men neben Mitarbeitern der Sammlung tete er zu meiner großen Überraschung. jektion von Joris Ivens’ sowjetischem Film Goetz und einigen freien Autoren von einer Die Arbeiterfotografenbewegung sei, so er- „Komsomol“ aus dem Jahr 1932. Eine statt- ganzen Riege von Kuratoren und Leitern läuterte er, in erster Linie eine Schimäre liche Reihe großer Tischvitrinen davor prä- fotografischer Sammlungen, Museen oder gewesen, die der Verleger Willi Münzen- sentiert eine Fülle von Zeitschriften; einige Ausstellungshallen, die sich fast wie ein berg mit seiner Massenillustrierten, der von ihnen können dank der Bemühungen Who’s Who des Fotokuratierens im „Arbeiter Illustrierten Zeitung“ (AIZ), und Ribaltas, mehrere Exemplare einzelner deutschsprachigen Raum liest: Thomas der kleinen Fachzeitschrift „Der Arbeiter- Ausgaben zusammenzubringen, fast voll- Weski, Bart van der Heide, Inka Graeve Fotograf“ aufgebaut hatte. Die Mitglieder- ständig gezeigt werden (Abb. 1). Ingelmann, Rudolf Scheutle, Andreas F. zahlen der Vereinigung der Arbeiter-Foto- Dieser Raum, so stellt sich heraus, ist Breitin, Bernhart Schwenk, Thomas Seelig, grafen Deutschlands, fuhr er fort, waren der sowjetische, und in ihm werden das Ulrich Wilmes oder Stephanie Rosenthal. kläglich, und fast alle Negative, Abzüge Thema und die Probleme der Arbeiterfoto- Chapeau! oder Dokumente wirklicher Arbeiterfoto- grafie einleitend vorgestellt. Zum Beispiel grafen der Zwischenkriegszeit seien durch enthält die erste Vitrine zahlreiche Ausga- ❚ Kataloge die Stürme von Deutschlands Geschichte ben der Zeitschrift „Sovetskoe foto“, des Nerdinger, Winfried (Hg.): Fotografie für Archi- weggefegt worden. Das war eine nieder- Monatsjournals des Herausgebers Mikhail tekten. Köln: Verlag der Buchhandlung schmetternde Nachricht für einen Histori- Kol’tsov in den späten 1920er und frühen Walther König, 2011. ker der 20er-Jahre-Fotografie wie mich. 1930er Jahren. Mit dem Ziel, eine eigen- Schrenk, Klaus, und Graeve Ingelmann, Inka: Umso größer war daher meine Über- ständige sowjetische Fotokultur zu ent- Die Neue Wirklichkeit. Fotografie der Mo- raschung, vor etwa anderthalb Jahren zu wickeln, diente es als Anleitungs- und derne aus der Stiftung Ann und Jürgen Wilde. München: Bayerische Staatsgemäl- erfahren, daß der zupackende spanische Nachrichtenblatt für Berufs- und Amateur- desammlungen, 2011. Kurator Jorge Ribalta daran ging, eine fotografen gleichermaßen. Unter anderem Harvard Art Museums (Hrsg.): Lyonel Feininger. riesige Ausstellung über Arbeiterfotografie instruierte es beide Gruppen kompromißlos Fotografien 1928–1939. Ostfildern: Hatje im Museo Nacional Centro de Arte Reina über die Aufgabe, daß die Fotografie nun Cantz, 2011. Sofia in Madrid vorzubereiten. Konnte man die neue Sowjetgesellschaft zu erziehen Cy Twombly. Photographs III 1951-2010. Mün- denn eine Ausstellung veranstalten mit den habe. Proletarische Amateure wurden auf- chen: Schirmer Mosel, 2011. mutmaßlich verlorengegangenen Abzügen gefordert, über ihre heroischen Beiträge Pohlmann, Ulrich, und Scheutle, Rudolf (Hg.): In- einer kleinen Gruppe bettelarmer Foto- zum neuen Fünfjahrplan (1928) zu berich- dustrieZEIT. Fotografien von 1845–2010. grafen, die einer fiktiven Bewegung ange- ten und aufrichtig ihr Leben aus ihrer ei- Tübingen, Berlin: Wasmuth, 2011. hörten? Die Lösung, so führt es die Ausstel- genen Blickrichtung zu schildern. Fotojour- RUNDBRIEF FOTOGRAFIE Vol. 18 (2011), No. 4 . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 33 ..... . . . .A .U .S S. T.E .L L.U.N.G.E .N . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . nalisten sollten dasselbe Thema mit ihren ner einfachen, markanten aber nicht zu losen Licht“ zeigen sollte – so das Mitglied professionell ausgebildeten Augen zeigen. selbstbewußt-experimentellen Form. Im des ZK der KPD, Edwin Hoernle, in seinem In bewußter Gegenstellung zur sowjeti- Dezember desselben Jahres veröffentlichte programmatischen Aufsatz „Das Auge des schen Avantgardefotografie, wie etwa der „Sovetskoe foto“ eine leicht veränderte Arbeiters“ in der Verbandszeitschrift „Der Alexandr Rodchenkos, bemühte sich die Fassung dieses Essays zusammen mit zwei Arbeiter-Fotograf“. Zeitschrift eifrig darum, die Bedeutung und Seiten Kommentar über die Reaktionen, die Bereits in dieser Darstellungsform und Rolle der proletarischen Amateurfotografie er in Deutschland hervorgerufen hatte. in den folgenden Räumen wird eine der als formal unscheinbar und visuell un- Diese Stellungnahme umriß zudem Grund- grundlegenden Strategien der Ausstellung kompliziert zu definieren. Aufgeschlagene linien für eine arbeiterbezogene Bildpro- deutlich: Ribalta antwortet auf den histo- Seiten zeigen, wie diese Richtlinien mit paganda. Die Ausstellung präsentiert fast risch unbestimmten Status der Arbeiter- Musterbildern und plakativen Erläute- alle Seiten sowohl der deutschen wie der fotografie nicht allein durch die Präsenta- rungstexten propagiert wurden. russischen Version – und alle Texte, auch tion der noch existierenden Abzüge. Zu- Die Nachbarvitrine zeigt den bestim- die der nicht ausgestellten Seiten, sind ins sätzlich nimmt er die Debatte wieder auf, menden Moment dieser sowjetischen Be- Spanische und ins Englische übersetzt. was die Arbeiterfotografie in erster Linie wegung, und hierin liegt der Schlüssel zum Während man noch den internationalen sein wollte bzw. sollte. Er tut dies, indem er weiteren, internationalen Tenor der Aus- Diskurs wahrnimmt, den die Vitrine vermit- Zeitdokumente und Bilder anbietet, die die stellung. Im September 1931 veröffentlich- telt, erscheinen viele Bilder der Filipow- Bedeutungen und Ziele der Methode deut- te die „AIZ“, die in Münzenbergs Neuem Geschichte als gerahmte Silbergelatine- lich werden lassen. Mit anderen Worten: Er Deutschen Verlag in Berlin erschien, die abzüge auf einer gegenüberliegenden reproduziert das Bemühen, Arbeiterfoto- Fotoreportage „24 Stunden aus dem Leben Wand (Abb. 2), während auf einer anderen grafie und ihren Zweck zu definieren. Da- einer Moskauer Arbeiterfamilie“. Sie be- vier großformatige Plakate Fotomontagen mit setzt er diese Kultur erneut in die trans- hauptete, die Geschichte eines durch- des Künstlers Gustav Klucis aufweisen formierende Intention ein, die sie in der öf- schnittlichen Tages einer durchschnittli- und damit die Avantgardestrategien the- fentlichen Sphäre der Massenpresse der chen sowjetischen Arbeiterfamilie in der matisieren, die der Fotoessay darunter of- Zwischenkriegszeit einnehmen sollte, wo neuen Gesellschaft zu erzählen, der Fili- fenkundig ablehnt (Abb. 3). Eine dritte Vitrine sie ursprünglich erschien. Dies heute un- pows. Inmitten der „polygraphischen“ zeigt Ausgaben des aufwendig produzier- ternehmend, in diesem Moment ökonomi- Pracht von Text, Dokumenten und sogar ten Propagandamagazins „USSR in Con- scher Turbulenzen, nutzt Ribalta die Aus- einer Musikpartitur waren großformatige struction“, zu dem viele derselben Berufs- stellung, um einen breiteren historischen Aufnahmen von zwei der prominentesten fotografen ebenfalls Bilder beisteuerten, Ansatz zur Dokumentarfotografie zu de- Fotografen, die in „Sovetskoe foto“ veröf- ungeachtet ihres Dissens’ über schlichte monstrieren. Kürzlich schlug er in einem fentlichten, eingebettet, von Max Alpert bzw. „formalistische“ Avantgardeansätze. Interview vor: „Dokumentarfotografie, und Arkadij Shaikhet. Im folgenden Raum, der der deutschen denke ich, ist eine Antwort auf die Not- Außer, daß hiermit ein fantastischer Arbeiterfotografie gewidmet ist, definieren wendigkeit, die Arbeiterklasse in einer Propagandacoup des geheimen Finanziers einige Ausgaben der „AIZ“ von 1926 mit neuen Medienkultur zu visualisieren, die der „AIZ“, der Komintern, plaziert worden Wettbewerbsaufrufen an die Leserschaft, der Ära der Massendemokratie entspricht.“ war, definierte die Reportage für die deut- ihre Abzüge einzuschicken, Arbeiterfoto- Daher positioniert diese Ausstellung letzt- sche Linke, was Arbeiterfotografie sein soll- grafie als eine Bildsprache, die von Arbei- endlich den historischen, sozialen und te, nämlich: die fotografische Repräsenta- tern entwickelt werden und ihre eigene ästhetischen Ursprung des Dokumentarstils tion des Alltags von Lohnempfängern in ei- Wirklichkeit „in einem harten und gnaden- im politischen Radikalismus, und sie tut Abb. 1 – Blick in den Sowjetunion-Raum. Vorn die Sovetskoe-Foto-Vitrine, die Filipow-Vitrine in der Mitte und die Vitrine mit USSR im Bau hinten. Abb. 2 – Abzüge aus der Filipow-Reportage und die Sovetskoe-Foto-Vitrine (unten). 34 RUNDBRIEF FOTOGRAFIE Vol. 18 (2011), No. 4 ......................... . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . A.U.S.S .T E.L.L U. N. G. E.N. . . . dies in dem Moment, in dem diese Haltung Bewegung, hauptsächlich diejenigen von tere Matrix der „AIZ“-Seiten, diesmal bei- wieder auferstanden ist in der ökonomi- Franz Höllering (dem Chefredakteur der getragen von dem Künstler John Heart- schen Krise und dem internetbasierten „AIZ“ bis 1928), Edwin Hoernle (dem Au- field, der zwischen 1930 und 1938 regel- Fotoaustausch. tor des Ausstellungstitels) und Hermann mäßig für die Zeitschrift arbeitete. Selbst- Diese Bedeutung ist erst recht wirksam Leupold (dem Bildredakteur der „AIZ“ ab verständlich war Heartfield kein Arbeiter- in der ersten Vitrine, die die frühesten 1929). Man bekommt bei der Lektüre die- fotograf, sondern ein Avantgardekünstler, „AIZ“-Fotowettbewerbe für ihre Leser- ser Seiten den Eindruck, daß die deutsche ausgebildet als Werbemann und bekannt schaft enthält. Ein Jahr, nachdem die Zeit- Arbeiterfotografen-Bewegung von oben für seine fesselnden Fotomontagen. Den- schrift zu erscheinen begonnen hatte (die nach unten strukturiert war: Die Redaktion noch stellt sein Werk die bedeutendste Ver- erste Ausgabe verließ im Januar 1925 die von „Der Arbeiter-Fotograf“ entwickelte wirklichung der bildlichen Aufgabe der Druckmaschinen), erkannten Münzenberg die Qualitätskriterien und gültigen Stand- „AIZ“ und des Arbeiter-Fotografen dar. und sein Redaktionsteam, daß sie für ihr punkte. Hier gilt es, viel zu lesen – und das Hauptsächlich die Aufnahmen anderer nut- Bildmaterial nach wie vor völlig von ge- meiste auf Deutsch. Aber es ist auch außer- zend, sei es von Bildagenturen sei es von werblichen Bildagenturen abhängig waren. ordentlich anregend, diese Texte und Bilder Arbeiterfotografen, heben seine Montagen Angesichts der Tatsache, daß die Zeitschrift in den originalen Publikationen zu sehen, die ursprüngliche Bedeutung einer vorlie- aus einer radikalen Position heraus Foto- die den weiteren medialen Kontext der Be- genden Fotografie auf. Sie behaupten eine grafie als ein Kampfinstrument mit Nach- wegung ausmachten. Eine eindrucksvolle wahrere, emotionalisierendere und daher richten für und über die Armen nutzen woll- Anordnung von „AIZ“-Titelseiten, jede mit überzeugendere Wirklichkeit unter der te, erschienen ganz offensichtlich diese einem Arbeiterporträt, hängt nahe dieser Oberfläche der visuellen Kultur Deutsch- kommerziellen Bilder als von begrenztem Vitrine. Und unmittelbar rechts neben die- lands. Wie sein Freund, der Schriftsteller Nutzen. Als Reaktion hierauf finanzierte die sen Titelblättern folgen gerahmte Abzüge Oskar Maria Graf erläuterte: „Wie niemand „AIZ“-Wettbewerbe, die die Leserschaft er- von vielen der dort veröffentlichten Bilder. sonst, zeigt Heartfield, was hinter den muntern sollten, Fotografien aus ihrem Dies ist das medienübergreifende Produkt Dingen und Erscheinungen verborgen Leben einzusenden und damit visuelles der Arbeiterfotografen-Bewegung. Unab- liegt.“ Genau dies war auch das Ziel der Material aus einer Welt bereitzustellen, die hängig davon, wie groß oder klein die Ver- deutschen Arbeiterfotografie: die düstere die meisten Bildjournalisten übersahen. einigung wirklich war, und gleichgültig Wirklichkeit von Arbeitslosigkeit und Ar- Um diese Produktion zu fördern, grün- welchen Status als Amateur oder Berufs- mut zu zeigen, die unter der glitzernden dete Münzenberg die Vereinigung der Ar- fotograf der Bildautor gehabt haben moch- und goldenen Oberfläche der 1920er Jahre beiter-Fotografen Deutschlands, die, unter te: Diese Bilder verraten eine aufkeimende lag. Allerdings wurde die Fotomontage von anderem, regelmäßige nationale Konferen- und kämpferische visuelle Kultur. den Kolumnisten von „Der Arbeiter-Foto- zen abhielt und eine Zeitschrift herausgab. Ein anderes großes Merkmal der Aus- graf“ als Praxis der Amateure weitgehend Dieses Periodikum, „Der Arbeiter-Fotograf“, stellung wird in demselben Raum noch zu verhindern gesucht, aus Furcht, sie kön- ist neben der „AIZ“ in derselben Vitrine aus- deutlicher. Nicht allein präsentiert Ribalta ne diese von der direkten Auseinanderset- gestellt. Auf seinen Seiten kann man die die Bedeutung der Bewegung entlang ver- zung mit ihrer Realität weglocken und pädagogischen Anleitungen sehen, die zu schiedener Medien, wie Text, Foto und Film stattdessen auf den Weg nutzloser „forma- brauchbarem fotografischem Material für sowie über Nationengrenzen hinweg. Er listischer“ Experimente und der Zerstreu- Münzenbergs großen Neuen Deutschen zeigt sie auch entlang vielfältiger Bildfor- ung durch Avantgardekünstler und Werbe- Verlag führen sollten. Hier finden sich auch men. Dies schließt Fotomontagen ein. Am leute führen. Wie bei den anderen großar- die bekanntesten Programmschriften der Kopf des deutschen Raums hängt eine wei- tigen Bildern und Dokumenten der Präsen- Abb. 4 – Präsentation ungarischer Bildnisse: In der mittleren Reihe Fotografien von Kata Kálmáns: Abb. 3 – Filipow-Vitrine und Plakate von Gustav Klucis. Tiborc (links) und Ernö Weisz (dritte von links). RUNDBRIEF FOTOGRAFIE Vol. 18 (2011), No. 4 . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 35 ..... . . . .A .U .S S. T.E .L L.U.N.G.E .N . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . tation, begeistern Heartfields beste Arbei- sche Zeitschrift „Der Kuckuck“ offenbart ei- dermachens und Veröffentlichungsstrate- ten immer noch mit dem Nervenkitzel sei- nen unerwartet aggressiven Gebrauch von gien erprobten. Es etablierten sich zudem nes radikal dokumentarischen Stils. Arbeiterfotografie und Montageverfahren, Karrieren von Berufsfotografen wie des Un- Die verbleibenden Räume folgen dem obwohl sie ein Produkt der ansonsten re- garn Robert Capa, dessen Herangehens- Beispiel, das bei den sowjetischen und formistischen Sozialdemokratischen Partei weise an sozial engagierte Fotografie den deutschen Vorbildern entwickelt worden Österreichs war. Die gebürtige Österrei- Standard des westlichen Fotojournalismus war. Jeder von ihnen zeigt die Ausbreitung cherin Edith Tudor-Hart brachte entspre- seit den 1940er Jahren bestimmen sollte. der Arbeiterfotografie und ihrer dazu- chende fotografische Techniken nach Ein einziges Defizit behindert die Aus- gehörigen Kultur: in der Tschechoslowakei, Großbritannien, wo sie notleidende Fami- stellung ein wenig: das Fehlen von Wand- in Ungarn, Österreich, Holland, Großbritan- lien und miserable Wohnverhältnisse mit texten, die nicht allein die Geschichte, son- nien und den Vereinigten Staaten, in Frank- ihrer Kamera einfing. In einem solchen in- dern auch die verschiedenartigen Doku- reich und im Spanien der Bürgerkriegszeit. ternationalen Kontext erscheinen die bald mente und Bilder klarer erläutern. Vielleicht Wiederum ist eine gigantische Menge bild- berühmt gewordenen Fotografien der Ame- hat das Museum den Grundsatz, die Länge lichen und textlichen Materials zu verar- rican Photo League, wie etwa von Aaron und Zahl solcher Texte zu limitieren, zumal beiten, zahlreiche Filme inbegriffen. Aller- Siskind, weitaus radikaler und aufregen- die ausgezeichneten Ausstellungen von dings präsentiert die Ausstellung diese der, als sie oft in Überblicksdarstellungen Lygia Clark und Yoyoi Kusama, die paral- Dokumente so sorgfältig, daß der Besucher wirken. In Frankreich kann man sehen, daß lel zu sehen waren, gleichfalls an ähnlichen schließlich einen genauen Eindruck vom berühmte Fotografen wie Henri Cartier- Verkürzungen leiden. Ein Diplomat, den ich unterschiedlichen Charakter dieser natio- Bresson, der ungarische Emigrant André durch „A Hard, Merciless Light“ begleitete nalen Bewegungen entwickeln kann. Die Kertész oder die Deutsche Germaine Krull und der wenig Kenntnisse dieses Hinter- tschechoslowakische „Sozialfotografie“ große Teile ihres Zwischenkriegswerks, be- grunds besitzt, hatte beispielsweise viel beispielsweise blieb weitaus aufgeschlos- stehend aus Bildern der Armen und Not- Mühe damit, sich die Geschichte und Be- sener für avantgardistische Bildexperi- leidenden, mit eben derselben direkten deutung der Filipow-Reportage zusam- mente als ihre deutschen oder sowjetischen Ästhetik der Arbeiterfotografie formulier- menzureimen. Auch die Ausstellungskritik Gegenstücke. Sicher, Ribalta verwischt ten. Ihre Abzüge belegen den Grad, zu dem von Iker Seisdedos in „El Pais“ offenbart diese Unterscheidung durch die Hineinnah- ihr Verständnis des Dokumentarischen aus eine vergleichbare Verwirrung; er ver- me Heartfields sowie durch seine Aus- dieser radikalen Bewegung herrührte. tauschte die Reihenfolge der Veröffentli- wahl bestimmter Bilder der Russen Alpert, Ebenso ist auffällig, daß so viele dieser chungen der Filipow-Reportage, indem er Shaikhet oder Semen Frijdland, in denen Talente, wie Tudor-Hart, außerhalb des feststellte, daß sie zuerst in „Sovetskoe diese steil gekippte Blickwinkel nutzten. Landes ihrer hauptsächlichen Produktivität foto“ statt in der „AIZ“ erschienen sei. Die- Doch sieht man in den Bildern und Publi- geboren worden waren – eine Tatsache, die se Einschränkungen sind allerdings ein ver- kationen aus Prag diese Offenheit für die die außerordentliche internationale Breite gleichsweise kleines Problem angesichts Avantgarde explizit. der Arbeiterfotografie verdeutlicht, und ein der Menge der angebotenen Übersetzun- In den ungarischen Bildern und Zeit- anderer Hauptpunkt der Ausstellung. gen sowie der vorzüglichen Essays und Ma- schriften findet sich ein ausgeprägterer Diese unterschiedlichen Ziele der Aus- terialien, die der Katalog bereithält. Insbe- Schwerpunkt auf die völlig verarmte Land- stellung finden ihren Höhepunkt in den bei- sondere hat Ribalta diese Bilder und ihren und die Roma-Bevölkerung. Hier stellen den letzten Räumen, wo Amateure und Be- Kontext völlig überzeugend vorgestellt, wie insbesondere die gedruckten Fotografien rufsfotografen zahlreicher Nationalitäten sie gewirkt haben müssen, als sie das erste unsere Erwartung infrage, daß Arbeiter- mit vielen verschiedenen Bildformen und Mal erschienen waren. Hierin vor allem be- fotografie notwendigerweise einer Ästhetik Medienformaten hantierten, um Spaniens stätigt sich die langfristige Bedeutung des des Häßlichen folge. Eine Reihe Abzüge Errungenschaften und Agonie der Welt zu historiografischen Beitrags der Ausstellung zeigt atemberaubende Porträts, wie etwa vermitteln. Diese linken Partisanen unter- in ihrer geschichtlichen Nachzeichnung der Kata Kálmáns Bildnis von Ernö Weisz schiedlichster Couleur gehen hier eine Ver- Dokumentarfotografie, ihre Ursprünge und und sein Tiborc (Abb. 4), oder daneben Fe- bindung ein in ihrem Bemühen, die natio- ihre Entwicklung. renc Haárs Arbeiterhände. Diese eng kad- nalen und internationalen Massenmedien ❚ Anmerkung rierten Fotografien sind ungeheuer emp- mit ihren Bildern aus dem Bürgerkrieg zu [1] Museo Nacional Centro de Arte Reina Sofia findlich für die Taktilität von Haut und bedienen. An diesem Punkt der Ausstellung (Hg.): A Hard, Merciless Light. The Worker- Haar, während ihre Tonwertkontraste ihre scheint die Arbeiterfotografie den Charak- Photography Movement, 1926-1939 / Una menschlichen Sujets aus der Oberfläche der ter einer professionellen Bewegung für eine luz dura, sin compasión. El movimiento de Abzüge förmlich herausspringen lassen. politisch radikale Öffentlichkeit anzuneh- la fotografía obrera, 1926-1939. Ausst.-Kat. Aber diese Aufmerksamkeit für das visuelle men. In Spanien brachte dies die letzten Madrid: Museo Nacional Centro de Arte Reina Sofia. 6. April bis 22. August 2011. Detail lenkt keineswegs ab von der tiefen Vorkriegsdokumentationen hervor, die die emotionalen Qualität dieser Darstellungen. Praktikabilität solch „revolutionären“ Bil- ❚ Andrés Mario Zervigón In jedem der folgenden Räume warten weitere Überraschungen. Die österreichi- 36 RUNDBRIEF FOTOGRAFIE Vol. 18 (2011), No. 4 .........................