Historisches Forum ISSN: 1612-5940 15 • 2012 Unter dem Motto „Ressourcen-Konflikte“ fand vom 25. bis 28. September 2012 der 49. Deutsche Sektionen in den Blick nehmen und so über- greifende Fragestellungen sichtbar machen. Berichte vom Historikertag an der Johannes Gutenberg Universität Mainz statt. H-Soz-u-Kult hat den Schon im Vorfeld des Historikertages hat H-Soz-u-Kult das Kongressmotto zum Anlass Historikertag 2012 Kongress in Zusammenarbeit mit dem Mainzer genommen, um mit sechs kompetenten Organisationsbüro als offizieller Medienpartner Kolleginnen und Kollegen über "Ressourcen in Herausgegeben für H-Soz-u-Kult von begleitet. In knapp 70 Sektionen und Podiums- den Geschichtswissenschaften" zu diskutieren. Torsten Kahlert, Claudia Prinz und Lena Sonemann diskussionen waren unterschiedlichste Epochen, Die Ergebnisse dieser Debatte und die gesamte Themenbereiche und methodische Zugänge Berichterstattung sind in diesem Band zusam- vertreten. mengestellt, der dauerhaft auf dem Die Ergebnisse des Historikertags wurden von Publikationsserver der Humboldt-Universität zahlreichen Autor/innen für H-Soz-u-Kult in zu Berlin zugänglich sein wird. Sektionsberichten dokumentiert. Ergänzt werden diese durch Querschnittsberichte, die http://edoc.hu-berlin.de/e_histfor/15 epochale oder thematische Zugänge mehrerer ISBN: 978-3-86004-289-2 Veröffentlichungen von Clio-online, Nr. 2 Historisches Forum ist eine Reihe von Themenheften von Clio-online Geschäftsführende Herausgeber: (http://www.clio-online.de) und seiner Kooperationspartner. Die Reihe bün- Rüdiger Hohls – Wilfried Nippel delt ausgesuchte Beiträge geschichtswissenschaftlicher Online-Foren und her- in Verbindung mit Clio-online (Rüdiger Hohls), H-Soz-u-Kult (Thomas Mey- ausragende Artikel, Debattenbeiträge, Kontroversen und Berichte zu ausge- er – Claudia Prinz) und Zeitgeschichte-online (Jürgen Danyel – Jan-Holger wählten historischen Fragestellungen. Sie erscheint in Kooperation mit den Kirsch). Verbundpartnern von Clio-online und der Humboldt-Universität zu Berlin. Jedes Heft wird von einem oder mehreren Herausgebern redaktionell be- Technische Leitung: treut und enthält außer einer Einführung in das Thema auch ergänzende Daniel Burckhardt – Moritz Lorey Verweise auf die Forschungsliteratur und andere Informationsquellen. Die Veröffentlichung erfolgt über den Dokumenten- und Publikationsserver der Verantwortliche Redakteure und Herausgeber für dieses Heft: HUB: http://edoc.hu-berlin.de/e_histfor/. Torsten Kahlert – Claudia Prinz – Lena Sonemann H-Soz-u-Kult-Zentralredaktion [Historisches Forum] c/o Humboldt-Universität zu Berlin Historisches Forum. - Berlin: Clio-online und Humboldt-Universität zu Berlin Philosophische Fakultät I Gesamttitel: Veröffentlichungen von Clio-online, Nr. 2 Institut für Geschichtswissenschaften ISSN: 1612-5940 Sitz: Friedrichstraße 191-193 D-10099 Berlin Bd. 15: Berichte vom Historikertag 2012 / hrsg. für H-Soz-u-Kult von Torsten Tel.: ++49-(0)30/2093-70602, -4786 Kahlert, Claudia Prinz und Lena Sonemann / (Historisches Forum: Bd. 15) - E-Mail:

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Berlin: Clio-online und Humboldt-Universität zu Berlin, 2012 Web: http://hsozkult.geschichte.hu-berlin.de ISBN: 978-3-86004-289-2 Umschlaggestaltung: Dieses Werk einschließlich aller Abbildungen ist urheberrechtlich geschützt. Logo Historikertag 2012: LABOR – Agentur für moderne Kommunikation Es unterliegt den Nutzungsbedingungen des Dokumenten- und Publikations- GmbH servers der Humboldt-Universität Berlin (http://edoc.hu-berlin.de). Es darf Umschlag: Moritz Lorey, Humboldt-Universität zu Berlin und soll zu wissenschaftlichen Zwecken und zum Eigengebrauch kopiert und ausgedruckt werden. Die weiteren Rechte an den einzelnen Texten und Abbil- dungen verbleiben bei den Autoren bzw. bei den im Abbildungsverzeichnis genannten Rechteinhabern. Jede kommerzielle Nutzung der Dokumente, auch © 2012 Clio-online von Teilen und Auszügen, ist ohne vorherige Zustimmung und Absprache mit den Serverbetreibern und den redaktionell verantwortlichen Herausgebern ausdrücklich verboten. Redaktionsschluss: 31.12.2012 Historisches Forum Historisches Forum 15 · 2012 Veröffentlichungen von Clio-online, Nr. 2 ISSN: 1612-5940 Berichte vom Historikertag 2012 Herausgegeben für H-Soz-u-Kult von Torsten Kahlert, Claudia Prinz und Lena Sonemann http://edoc.hu-berlin.de/e_histfor/ ISBN: 978-3-86004-289-2 Vorwort 1 Florian Hellberg, Ole Johannsen Das Wasser: Ressource zwischen Alltagsbedarf, Inge- H-Soz-u-Kult Debatte zu „Ressourcen“ in den nieurkunst und Repräsentation. Eine Konversation zwi- Geschichtswissenschaften 3 schen Antike und Neuzeit . . . . . . . . . . . . . . . . . 178 Torsten Roeder Querschnittsberichte 57 Datenbanken für die Mediävistik und die Renaissance Thomas Blank, Philipp Altmeppen in Forschung und Lehre . . . . . . . . . . . . . . . . . . 186 Alte Geschichte . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 57 Daniel Reupke Simone Rauthe Die Börse als Ort von Ressourcenkonflikten im 19. Jahr- Didaktik der Geschichte . . . . . . . . . . . . . . . . . . 69 hundert . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 194 Thomas Meyer Meta Stephan, Karin Trieloff, Chris Vogelsänger eHumanities . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 77 Die organisierte Disziplin als Forschungsproblem. Kathrin Steinhauer Perspektiven auf eine Geschichte des Historiker- Mittelalter . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 89 verbandes . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 202 Tobias Huff Julian Katz Neuere Geschichte . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 99 Erinnerung als umkämpfte Ressource in der Frühen Miriam Rürup Neuzeit . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 210 Transnationale Geschichte / Neue Diplomatiegeschichte 111 Christian Schmidt Agnes Kneitz Ersatzstoffwirtschaft als innovative Lösungen für Res- Umweltgeschichte . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 127 sourcenkonflikte im Ersten und Zweiten Weltkrieg? . . 219 Ute Engelen Wirtschaftsgeschichte des 20. Jahrhunderts . . . . . . . 143 Lucas Frederik Garske Hanno Hochmuth Europäische Geschichtsbücher, digitale Lernplattfor- Zeitgeschichte . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 153 men oder bilaterale Schulbuchprojekte? Transkulturelle Sichtweisen in der europäischen Schulbuchdarstellung 227 Berichte über Sektionen des Historikertages 2012 161 Anna Kranzdorf Markus Müller-Henning Gab es den Wertewandel? . . . . . . . . . . . . . . . . . 236 Archivische Ressourcen – Didaktische Chancen. Oliver Kuttner Kompetenzorientiertes Lernen im Archiv . . . . . . . . 161 Geschichte als Ressource des Menschseins in der Mi- Sabine Reichert grationsgesellschaft – und warum ein solches Ideal im Copy & Waste. Selektive Rezeption mittelalterlicher Prozess des historischen Lernens unweigerlich Konflik- Geschichte als ein Erinnerungsproblem . . . . . . . . . 169 te auslöst . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 244 Philipp Spreckels Martin Göllnitz Geschichtswissenschaft digital in Deutschland und Frank- Nachhaltigkeit im Energieverbrauch des Mittelalters reich: Tendenzen, Strategien, Beispiele . . . . . . . . . . 254 und der frühen Neuzeit? Interdisziplinäre Zugänge zu Eva Maria Verst, Michael Vössing einem aktuellen Thema . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 322 Global Commons – Anspruch und Legitimation der Amélie Sagasser „Gemeingüter“ als Erbe der Menschheit nach dem Zwei- Neue Ansätze für eine transnationale Geschichte. Das ten Weltkrieg . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 262 Beispiel der Deutsch-Französischen Geschichte in 11 Bänden . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 331 Katharina Stornig Sina Fabian Historische Außenansichten auf Europa: Annäherun- Reaktionen auf die globalen Energiekrisen der 1970/80er gen aus (post)kolonialer und transatlantischer Perspek- Jahre . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 338 tive . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 270 Julia Eichenberg Thomas Kirchner Recht als umstrittene Ressource: Akteure, Praktiken Höfe und ,Humankapital’. Die höfische Konkurrenz um und Wissensordnungen des Völkerrechts in der Zwi- Fachleute aus Künsten, Wissenschaft und Diplomatie schenkriegszeit (1919-1939) . . . . . . . . . . . . . . . . 345 im 17. und 18. Jahrhundert . . . . . . . . . . . . . . . . . 278 Veronika Unger Björn Siegel Regesta Imperii: Traditionelles Wissen und neue Juden und Christen als Akteure in Konflikten um mate- Herausforderungen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 353 rielle Ressourcen in der Vormoderne . . . . . . . . . . . 286 Jana Hoffmann Christiane Kuller Regulating Families and Resources in American Con- Kriegsmobilisierung und Ressourcenkonflikte im temporary History . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 359 Nationalsozialismus 1936-1945 . . . . . . . . . . . . . . 293 Hannes Alterauge Ressource Mensch. Sichtbarkeit und Unsichtbarkeit der Anna-Katharina Wöbse Netzwerke des europäischen Menschenhandels in der Lebensraum Meer. Umwelt- und entwicklungspoliti- Frühen Neuzeit . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 366 sche Ressourcenfragen in den 1960er und 1970er Jahren 301 Raoul Hippchen, Max Ritter Heidi Hein-Kircher Ressourcen – Konflikte – Regeln: Die Verteilung von Macht und Gegenmacht im Konfliktraum der Volks- Amt, Würde und Einfluss im Zeichen der Geldwirt- republik Polen: Kulturelle Ressourcen für Formen des schaft im westlichen Mittelalter und im Byzantinischen politischen Widerstands . . . . . . . . . . . . . . . . . . 307 Reich . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 373 Christian Jung Holger Thünemann Medialer Geschichtsunterricht: Innovation statt Belie- Ressourcen von Geschichtslehrkräften – Ressourcen für bigkeit – Öffentlich-rechtliche Medien und Geschichte . 314 den Geschichtsunterricht . . . . . . . . . . . . . . . . . . 381 Jan-Hendryk de Boer Ulrike Schröber Schrift und Buch als Ressourcen des späten Mittelalters 389 Von der „Erbfeindschaft“ zur „Erbfreundschaft“? Neue- Christoph Dieckmann re Forschungen zur Geschichte der deutsch-französischen Schuld – Sühne – Recht. Gerechtigkeitsvorstell- Annäherung und Aussöhnung . . . . . . . . . . . . . . 460 ungen, Rachephantasien und juristische Interventionen Sebastian Haumann um 1945/46 . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 397 „What’s the matter?“ Die Provokation der Stoffgeschichte . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 468 Ulf Teichmann Sita Steckel Social Conflicts and Internationalism in the Twentieth Wiedergänger und Neugeborene. Das Renaissance- Century. Towards a Transnational History of Social Mo- Narrativ in der (post-)modernen Historiographie . . . . 472 vements . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 404 Kirsten Moritz Christoph Hilgert Zeitgeschichte ohne Ressourcen? Probleme der Nut- Sound History . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 412 zung audiovisueller Quellen . . . . . . . . . . . . . . . . 480 Elsbeth Andre Roberto Sala Zeitgeschichte, Archive und Geheimschutz – Ressour- Sozialstaatliche Verteilungskonflikte in globalhistori- cen und Konflikte bei der Nutzung von Quellen . . . . 487 scher Perspektive . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 420 Lisa Dittrich Simon Groth, Dennis Majewski Zeitpolitik und Zeit-Geschichte im 20. Jahrhundert . . . 497 Taufe in Alter und Neuer Welt. Zur Bedeutung eines Gerald Volkmer Sakraments für die Rechte des Individuums zwischen Zensur – Konflikte um die intellektuelle Ressource Wis- Spätantike und Früher Neuzeit . . . . . . . . . . . . . . 428 sen in Mittel- und Osteuropa 1945–1989 . . . . . . . . . 505 Mohammad Gharaibeh Jan Meister Verbotene Passagen. Strategien der Verweigerung, Ver- Zur Ökonomie römischer Nahbeziehungen . . . . . . . 512 hinderung und Unterbrechung von religiösen Transfer- Julia Schnaus und Transformationsprozessen im transkulturellen Ver- Zwischen Knappheit und Überfluss: Abfall als Problem gleich . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 437 und Ressource in der Geschichte . . . . . . . . . . . . . 519 Sina Fabian Register 527 Verrat! Geschichte einer diskursiven Ressource von der Autorinnen und Autoren der Beiträge . . . . . . . . . . . . . 527 Renaissance bis zur Gegenwart . . . . . . . . . . . . . . 445 Arvid Schors Vertrauen als immaterielle Ressource der politischen und wirtschaftlichen Beziehungen der Bundesrepublik seit den 1970er-Jahren . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 452 Vorwort kritische Reflektion des Tagungsgeschehens. Dem Organisationsteam des Historikertages sowie allen Beteiligten danken wir für die großar- tige Unterstützung und gute Zusammenarbeit. Unter dem Motto „Ressourcen – Konflikte“ fand vom 25. bis 28. Sep- Für die H-Soz-u-Kult Redaktion tember 2012 der 49. Deutsche Historikertag an der Johannes Gutenberg Torsten Kahlert, Claudia Prinz und Lena Sonemann Universität Mainz statt. H-Soz-u-Kult hat den Kongress in Zusammen- arbeit mit dem Mainzer Organisationsbüro als offizieller Medienpart- ner begleitet. In knapp 70 Sektionen und Podiumsdiskussionen waren unterschiedlichste Epochen, Themenbereiche und methodische Zu- gänge vertreten. Um die Ergebnisse des Historikertags zu dokumentieren und ei- ner breiten Fachöffentlichkeit bekannt zu machen, haben wir in den vergangenen Monaten über die H-Soz-u-Kult Mailingliste und die Webseite zahlreiche Sektions- und Querschnittsberichte veröffentlicht. In Zusammenarbeit mit den Veranstaltern der Sektionen konnten wir viele Autorinnen und Autoren gewinnen, die in ihren Berichten die Ergebnisse einzelner Sektionen dokumentieren, sie in einen größeren Kontext stellen oder kritisch analysieren. Wir freuen uns besonders, dass wir einige Querschnittsberichte anstoßen konnten, die die Sek- tionsberichte nicht nur ergänzen, sondern darüber hinaus epochale oder thematische Zugänge mehrerer Sektionen in den Blick nehmen und so übergreifende Fragestellungen sichtbar machen. Schon im Vorfeld des Historikertages haben wir das Kongressmotto zum Anlass für eine Debatte über "Ressourcen in den Geschichtswis- senschaften"genommen. Sechs kompetente Kolleginnen und Kollegen haben über die Frage, welches Potential ein Blick auf "Ressourcen- Geschichten"für die gegenwärtige Geschichtswissenschaft bietet, in- tensiv und in einem hierzulande ungewöhnlichen Format diskutiert. Die Ergebnisse dieser Debatte und der gesamten Berichterstattung haben wir nun in diesem Band zusammengestellt, der dauerhaft auf dem Publikationsserver der Humboldt-Universität zu Berlin zugäng- lich sein wird. Wir danken allen Autorinnen und Autoren und den Teilnehmerinnen und Teilnehmern der H-Soz-u-Kult-Debatte für ihre 1 2 „Ressourcen“ in den Geschichtswissenschaften H-Soz-u-Kult Debatte zu „Ressourcen“ in den stellt. Für uns war dieses Format neu und eine interessante Erfahrung, Geschichtswissenschaften von der wir sehr profitierten. Allen Diskutant/innen möchten wir unseren herzlichen Dank aussprechen. Ihnen, liebe Leserinnen und Leser, wünschen wir eine anregende und inspirierende Lektüre. Die H-Soz-u-Kult Redaktion hat das Motto des diesjährigen Historiker- tags, „Ressourcen – Konflikte“, zum Anlass genommen, eine virtuelle Torsten Kahlert und Claudia Prinz Debatte zum Thema „Ressourcen in den Geschichtswissenschaften“ zu führen. Sechs Historiker/innen haben in mehreren Diskussionsrun- den verschiedenste Aspekte des Themas erörtert. Die Resultate die- ses Austauschs wurden im unmittelbaren Vorfeld des Historikertags in vier Abschnitten über Mailingliste und im Web auf http://www. hsozkult.de veröffentlicht. Als Teil der Dokumentation des Historikertags freuen wir uns, Ih- nen nun die Debatte, die von Juni bis Mitte September 2012 geführt worden ist, gebündelt präsentieren zu können. Kurz ein paar Worte zum Ablauf der virtuellen Debatte: Auf eine Frage seitens der Redak- tion hatte jede/r Teilnehmer/in Gelegenheit zu einer in der Länge nicht vorgegebenen Antwort. Die Kommunikation verlief per Mail und wurde in ihrem zeitlichen Rahmen von der Redaktion gesteu- ert. Diese Form der schriftlichen Debatte eröffnete die Möglichkeit der Verbindung verschiedener Genres. Während das dialogische Ele- ment dieser Vorgehensweise an eine mündliche Debatte angelehnt war, bestand gleichzeitig die Möglichkeit, einzelne Argumente in Ru- he zu reflektieren. Das hat den Teilnehmer/innen, die im Folgenden in alphabetischer Reihenfolge genannt seien, einiges abverlangt und wir sind froh, dass sie das Diskussionsexperiment bis zum Schluss so konstruktiv mit gestaltet haben. Ralf Banken (Goethe-Universität Frankfurt am Main), Monika Dommann (Universität Basel), Birte Förster (Technische Universität Darmstadt), Christiane Reinecke (Forschungsstelle für Zeitgeschichte Hamburg), Laura Rischbieter (Humboldt-Universität zu Berlin) und Frank Uekötter (Ludwig-Maximilians-Universität München). Seitens der Redaktion haben Torsten Kahlert und Claudia Prinz die Fragen ge- 3 4 H-Soz-u-Kult Debatte „Ressourcen“ in den Geschichtswissenschaften war sie also, die goldene Brücke für alle, denen das Thema sonst „zu eng“ gewesen wäre.1 So finden sich nun im Tagungsprogramm Sektio- nen über Loyalität, Vertrauen, Verrat und Erinnerung als Ressourcen, H-Soz-u-Kult Redaktion: In politischen Gegenwartsdiagnosen sind und das ist auch völlig in Ordnung. Die deutsche Geschichtsforschung „Ressourcen“ ein omnipräsentes Thema. Nun hat sie auch der Ver- ist vielfältig, und das sollte das Tagungsprogramm auch zeigen. band der Historikerinnen und Historiker Deutschlands zum Thema Aber vielleicht darf man doch an dieser Stelle daran erinnern, dass des diesjährigen Historikertags in Mainz gemacht. Der Begriff der die meisten Menschen beim Stichwort Ressourcen zunächst an Ma- „Ressourcen“ weckt zunächst ganz unterschiedliche Assoziationen, terie denken: Rohstoffe zur Verwendung im Dienste der Menschheit verfügt über zahlreiche Anschlussmöglichkeiten und verweist je nach bzw. genauer jenes Teils der Menschheit, der gerade – aus welchen Kombination und Kontext auf verschiedene Bedeutungs- und For- Gründen auch immer – das Zugriffsrecht besitzt. Und so verstanden schungsfelder. Die Auseinandersetzung mit „Ressourcen“ lädt aber besitzt das Thema des Historikertags einen Stachel. Hand aufs Herz: auch zu einem bestimmten Blick auf Geschichte ein, in der Konflikte Die Ressourcendebatte der jüngsten Vergangenheit hat uns Histori- und Krisen in den Vordergrund treten, folgt das Wort doch meist auf ker kalt erwischt. In kulturalistisch beschwingten Zeiten begegnete Adjektive wie „begrenzt“, „umkämpft“ oder „umstritten“. das Gros des Faches der Stofflichkeit mit einer gewissen Geringschät- Was evoziert der Begriff bei Ihnen und aus welchen Gründen könn- zung, und so führen jene Teile der Zunft, die sich mit materiellen te es derzeit attraktiv für Historiker/innen sein, sich mit „Ressourcen“ Ressourcen beschäftigen, zumeist ein Schattendasein. Agrargeschichte, auseinanderzusetzen? Welchen Stellenwert würden Sie der Analyse Forstgeschichte, Geschichte des Bergbaus – man kann gewiss viel über von „Ressourcen“ in den Geschichtswissenschaften derzeit beimes- Forschungsstände streiten, aber niemand wird wohl behaupten, diese sen? Subdisziplinen seien in den vergangenen Jahrzehnten „academically Frank Uekötter: Wenn es um die Festlegung des Leitthemas geht, sind sweet“ gewesen. die Organisatoren des Historikertags fürwahr nicht zu beneiden. Das Unter den Ursachen dieser unbefriedigenden Situation scheint Thema sollte für alle Epochen von der Antike bis zur Zeitgeschichte mir vor allem ein Punkt diskussionswürdig zu sein: Es ist überhaupt plausibel sein, auch Subdisziplinen von der Wissenschafts- bis zur nicht leicht, in das Ressourcenthema eine intellektuelle Spannung zu Kulturgeschichte ansprechen und selbstverständlich auch für die Fach- bringen. Auf den ersten Blick scheint doch alles klar zu sein: Unse- didaktik Perspektiven bieten. Das Thema sollte breit sein, aber nicht re moderne Gesellschaft beruht letztlich auf der Ausbeutung nicht beliebig, Zusammenhänge eröffnen, ohne die legitimen Interessen ein- erneuerbarer Ressourcen in historisch präzedenzlosem Umfang. Da- zelner Fachzirkel mit Füßen zu treten, innovativ sein, aber das Gros hinter stecken neuartige technologische Möglichkeiten, der Aufstieg der Fachvertreter mitnehmen. von Konsumgesellschaften, Infrastrukturen und vieles mehr. Und na- Gemessen an der Aufgabenstellung haben die Organisatoren dies- türlich weiß auch jeder, dass der Ressourcenhunger unserer Moderne mal ein erfreulich klar konturiertes Thema gewählt, das gewiss nicht einen Preis hat: ökonomisch, sozial, ökologisch. So what ? im Ruch eines Formelkompromisses am Ende eines langen Konferenz- Die Ressourcendebatte der Gegenwart mag in dieser Hinsicht einen tages steht. Und doch musste ich schmunzeln, dass im Call for Papers wichtigen Impuls vermitteln: Nichts ist sicher. Viel zu lange haben wir ausdrücklich auch von immateriellen Ressourcen die Rede war: Da 1 http://hsozkult.geschichte.hu-berlin.de/termine/id=16282 5 6 H-Soz-u-Kult Debatte „Ressourcen“ in den Geschichtswissenschaften Ressourcengeschichte als eine Geschichte des Offenkundigen geschrie- und strategisch als derart wichtig eingestuft wurde, dass sie ab und ben und all die Paradoxien des Themas übersehen: das schroffe Um- an von der Guerilla angegriffen wurde. Ich begriff auf dieser Reise, schlagen von lethargischer Indifferenz und dramatischer Not; die ste- dass der Standard von Transportinfrastrukturen und Städten stark aus- tig wachsenden Möglichkeiten der Manipulation durch Wissenschaft einander klaffen kann, und ich begriff auch, dass Wirtschaft, Militär, und Technik, die doch seltsamerweise immer wieder an chemische Politik, Städtebau, Umwelt, koloniale Vergangenheiten, Infrastruktu- und physikalische Grenzen stoßen; der plötzliche Aufstieg obskurer ren, Körper und Krankheiten alle irgendwie zusammenhängen. Wenn Stoffe zu Schlüsselressourcen (gab es im 20. Jahrhundert eigentlich ich an Buenaventura und an Rohstoffe denke, denke ich deshalb an schon Coltan?); die Koexistenz von globalisierten Ressourcen und besonders komplexe Konstellationen. Autarkievisionen; der quasikoloniale Sonderstatus von Ressourcenre- Und an meinen Eindruck, dass komplexe Konstellationen beson- gionen, in denen achselzuckend Dinge akzeptiert werden, die man im ders lehrreich sein könnten, und dass Ressourcenökonomien solch Rest des Landes nie und nimmer dulden würde. Kaum ein anderer komplexe Konstellationen darstellen. Wirtschaftszweig kennt derart dramatische Aufstiegs- und Nieder- Die Ressourcen (seit wann spricht man eigentlich in der deutschen gangsgeschichten von nur scheinbar allmächtigen Großunternehmen. Sprache immer mehr von Ressourcen, und nicht mehr einfach von Und warum riecht es im vielzitierten Ersten Sektor der Ökonomie ei- Rohstoffen? Und was bedeutet dies?) sind vielleicht deshalb sozial- gentlich überall so penetrant nach Testosteron? Ressourcengeschichte und kulturwissenschaftlich interessant geworden, weil sie Stoffe sind, wird erst dann spannend, wenn man sich wieder wundert. und gerade deshalb sich an ihnen Unsichtbares sichtbar machen lässt. Wenn Menschen über Ressourcen reden, dann tun sie dies auffal- Sie werden je nach gesellschaftlichen Konstellationen zu Werkstoffen, lend oft mit einem Vokabular von Moral und Pathologie: Ressourcen Energieträgern, Kultobjekten, Bekleidungsmaterialien, epistemischen als Fluch, Ressourcenhunger als Sucht – als seien Rohstoffe eine finste- Objekten, medialen Trägern oder Kriegskassen verarbeitet. Und sie re Macht, der die Moderne auf Gedeih und Verderb ausgeliefert sei. sind gerade deshalb so aufschlussreich, weil sie überdies nicht einfach Offenkundig gibt es da Dinge, die man nicht auszusprechen wagt, für passive Materialien sind, sondern ihre eigenen materiellen Eigenschaf- die die Worte fehlen. Und warum sollten es nicht mal Historiker sein, ten (Haltbarkeiten, Vergänglichkeiten, Dichten, Härten, Kräfte, etc.) die diese Sprachlosigkeit überwinden? aufweisen, die sich zuweilen auch gegen die Intentionen ihrer Bearbei- ter richten. Diese Stofflichkeit und Materialität (die beispielsweise in Monika Dommann: Wenn ich an Ressourcen denke, dann denke ich der Ethnologie und den Ingenieurswissenschaften schon lange zum zunächst an Buenaventura, eine Stadt in Kolumbien, ein Hafen am Kerngeschäft gehören) hat in der Wissenschaftsforschung oder den Pazifik, wohin es mich in den 1990er-Jahren auf einer Reise verschla- Medienwissenschaften zu einer Auseinandersetzung mit den sozial- gen hatte. Ich sah größere und kleinere Schiffe und junge Männer, die wissenschaftlichen Agency-Konzepten geführt, die inzwischen auch auf ihrem Rücken Holz aus den Urwäldern des Landes in die Schif- die Geschichtswissenschaft eingeholt hat. fe luden. Die alten Männer saßen bloß noch rum und tranken Rum. Was mich an den Rohstoffen fasziniert, ist ihre fast schon magische Ich las derweilen in einem Buch wie reich an Ressourcen Kolumbien Anziehungskraft, von der übrigens auch Wissenschaftler/innen nicht sei, und ich sah wie arm die größte Hafenstadt am Pazifik geblieben ausgenommen sind. An den widerstreitenden Gebrauchsweisen der war. Es gab eine gut ausgebaute, von schwer beladenen Lastwagen Rohstoffe lassen sich Sphären aufeinander beziehen, die bislang in stark frequentierte Straße, die auch vereinzelt Reisende transportierte, 7 8 H-Soz-u-Kult Debatte „Ressourcen“ in den Geschichtswissenschaften der Geschichte noch zu stark auseinandergehalten wurden. Histori- schreibungen. So lange es beispielsweise kein industrielles Herstel- ker/innen waren schon seit jeher gut darin, Beobachter zu beobach- lungsverfahren für Aluminium gab, spielte Bauxit kaum eine Rolle ten, dabei dezidiert multiperspektivisch vorzugehen und immer neue und erst als nach dem Zweiten Weltkrieg die Nachfrage nach Alumi- Quellen in neuen Konstellationen aufeinander beziehen. nium rapide anstieg, gewann dieser Rohstoff rapide an Bedeutung. Wenn ich an Rohstoffe denke, die ihr heuristisches Potential für die Natürliche Ressourcen sind selbstverständlich durch ihre Materialität Geschichtswissenschaften illustrieren könnten, kommt mir Guttaper- gekennzeichnet, sie können aber nicht allein als Materie agency ent- cha in den Sinn, der Rohstoff der Telegraphie, der aus den Guttapercha wickeln, sondern nur, indem ihnen ein besonderer Nutzen und Wert Bäumen in den Wäldern Südostasiens gewonnen wurde. Der Export zugeschrieben wird. dieses Stoffes in die verarbeitenden Industrien von Berlin oder London Aus Perspektive der Infrastrukturforschung wäre daher erstens führte in Südostasien zu einem Kahlschlag der Guttapercha. Als die nach den enormen Anstrengungen zu fragen, die Gesellschaften für Holländer in den 1880er-Jahren damit begannen, die Bäume in Plan- Zugang zu und Zirkulation von Ressourcen unternehmen. Um Bau- tagen in Sumatra und Java anzupflanzen, wurde ein Prozess in Gang xit in der Goldküste/Ghana vor Ort in Aluminium umzuwandeln, gesetzt, der bei vielen Rohstoffen immer wieder anzutreffen ist: Durch wurden in den 1950er- und 1960er-Jahren im Rahmen des Volta Ri- das erhöhte Angebot sanken die Preise, und damit wurde die Existenz ver Project ein Tiefseehafen, ein Staudamm inklusive Elektrizitäts- der Pflanzer, die nun ausschließlich auf der Gewinnung des Rohstoffes werk und -netz, Eisenbahnlinien, Straßen- und Brücken sowie mehrere basierte, gefährdet oder gar zerstört. Der Stoff Guttapercha zeigt, wie Townships errichtet, finanziert von Krediten durch die Weltbank, die tief verwoben Gesellschaften mit Rohstoffen sind. Stoffe werden aus Colonial Development Corporation und anderen. einem Kontinent extrahiert (Asien), in einem anderen Kontinent wei- Zweitens haben wir es sowohl im Hinblick auf Ressourcen als terverarbeitet (Europa) und dienen schließlich dazu, diese mit einem auch im Hinblick auf Infrastrukturen mit neuen Akteursgruppen zu dritten Kontinent (Amerika) zu verbinden. Ein Unterwasserkabel auf tun, die auch in demokratisch legitimierten Gesellschaften maßgeb- der einen Seite der Welt führte auf der anderen Seite des Globus zu lichen Einfluss auf politische (Budget-)Entscheidungen nehmen, wie einer Ökokatastrophe. Wenn das nicht Historikerstoff ist? beispielsweise Experten und Planer. Das Volta River Project wurde insbesondere von Aluminiumkonsortien vorangetrieben, die Gutach- Birte Förster: Zunächst einmal halte ich Ressourcen weniger für ein ten von Geologen und Ingenieuren spielten eine große Rolle bei der Konzept als für ein Forschungsfeld, an dem verschiedene Teilberei- politischen Entscheidungsfindung. che der Geschichtswissenschaft zusammengeführt werden können. Damit bietet sich drittens der Zugriff auf Ressourcen zumindest Denn es geht ja nicht nur um die Ressourcen selbst, natürliche, finan- für die Hochmoderne als globalgeschichtliches Untersuchungsfeld an, zielle oder immaterielle wie Zeit, sondern auch darum, wie diesen denn dieser ist in der Regel nicht auf einzelne Nationen beschränkt und Wert zugeschrieben wird, wie sie zirkulieren oder definiert werden. zeigt zudem die Verflechtung öffentlicher und privatwirtschaftlicher Ressourcen verknüpfen umwelt-, kultur-, politik-, technik- und wirt- Interessen. schaftsgeschichtliche Fragestellungen vor dem Hintergrund globaler Schließlich wären auch die jeweiligen Ressourcennarrative in den Vernetzungsgeschichte. Blick zu nehmen, die in der Regel von quasi automatischer wirtschaft- Natürliche Ressourcen verstehe ich – auch in Abgrenzung zum licher Prosperität bei Ressourcenreichtum ausgehen, was die politik- new materialism – als Produkt soziokultureller Prozesse von Wertzu- 9 10 H-Soz-u-Kult Debatte „Ressourcen“ in den Geschichtswissenschaften wissenschaftliche Forschung ja inzwischen in Teilen wiederlegt hat. falls weitgefächerte Gegenstandsbereiche, die man mittels „Rohstoff- Produktgeschichten“ untersuchen könnte. Auch bei Frank Uekötter Laura Rischbieter: Das Konversationslexikon in 20 Bänden des dtv findet sich dieser Bezug auf Ressourcen als Rohstoffe. Er verweist Verlags aus dem Jahr 1968 definiert Ressourcen knapp als „Hilfsquelle, in einer langen Assoziationskette auf vor allem pejorative Aspekte, Geldmittel.“ So definiert, sind sie nicht mehr und nicht weniger als die in der Vergangenheit den Umgang mit Ressourcen verstanden Handlanger für (soziale) Akteure, um ein wie auch immer geartetes als Rohstoffen prägten. Ressourcen sind in den Beiträgen Hilfsmit- Ziel in der nahen oder fernen Zukunft zu erlangen, sie setzen – wenn tel materieller Art – wenn auch nicht immer zugleich Rohstoffe. Als man über sie verfügt, sie einsetzt – einen Prozess in Gang. Damit Wirtschaftshistorikerin kommen auch mir weniger kulturhistorische erscheint mir der Begriff „Ressourcen“ glücklich gewählt, um einer Themen und Untersuchungsgegenstände sondern eher Konflikte über Großkonferenz wie dem Historikertag ein Motto zu geben: Ressour- unterschiedliche knappe Güter als erstes in den Sinn. Wenn ich an cen sind per Definition an soziale Handlungen im Verlauf der Zeit „Ressourcen“ denke, dann an die Produktion, Distribution und Kon- gebunden. Erst ihre Wahrnehmung als Ressource macht sie zu einer sumption von Wirtschaftsgütern auf Märkten. solchen, egal ob es sich um Werte, Vorstellungen oder aber um Roh- Doch so gut gewählt das Motto „Ressourcen“ für den Historiker- stoffe handelt. Das Feld sich damit eröffnender Forschungsthemen ist tag erscheinen mag, so wenig befriedigend empfinde ich es, dass die schier unendlich und an alle methodischen Spielarten der Bindestrich- mögliche Themenvielfältigkeit leicht zu einer gewissen Beliebigkeit Geschichten anschlussfähig: Untersuchen lassen sich unter anderem führen kann. Hier scheint eine strukturierte Debatte weiter zu führen, ökonomische und soziale Strukturen von Angebot und Nachfrage, insbesondere wenn sie auszuloten vermag, welche unterschiedlichen Ereignisse, Kriege, Technologie- und Wissenstransfers etc. ebenso wie Definitionen von Ressourcen in Verbindung mit bestimmten methodi- die Diskurse, Wertzuschreibungen und Wahrnehmungen von Welt. schen Zugriffen sich für einige Untersuchungsgegenstände und auch In dieser Weite und Breite sind aber Ressourcen auch schon in Zeiträume eventuell besonders eignen und für andere nicht. Daher den letzten Jahrzehnten Gegenstand von Forschung und Lehre gewe- stellt sich mir vor allem die Frage: verbirgt sich hinter dem Begriff sen, explizit u.a. in der Wirtschafts- oder Politikgeschichte, impliziter „Ressourcen“ überhaupt ein analytisches Potential? in der Wissenschaftsgeschichte. Für was steht dann das Motto des Wie könnte eine solche Ressourcen-Geschichte aussehen, die nicht Historikertags in diesem Jahr? Verweist es auf eine aktuelle Trendwen- immaterielle oder materielle Ressourcen mehr oder weniger explizit de innerhalb der Geschichtswissenschaft, sich wieder vermehrt den und mehr oder weniger wahllos (mit-)behandelt sondern einen neuen materiellen Gegebenheiten in der Vergangenheit zuzuwenden und Blick auf die Vergangenheit ermöglicht – vor allem aber einen, den die dies vielleicht gar unter Berücksichtigung neuer Ansätze und Metho- anderen Bindestrich-Geschichten nicht schon ausreichend abdecken? den? Im Programm des Historikertags lässt sich hier nicht unbedingt Oder sind wir Historiker doch „von gestern“ und haben einfach mit eine bejahende Antwort ablesen. Die ersten Stellungnahmen zu die- der verstärkten Hinwendung zur Zeitgeschichte der 1960er- bis 1980er- ser Debatte legen aber zumindest nahe, dass den Diskutanten zuerst Jahre eine Debatte „entdeckt“, die die von Rezession, Ölpreiskrise Rohstoffe in den Sinn kommen, wenn sie an Ressourcen denken. und auch Stagflation gebeutelten Zeitgenossen unter dem Schlagwort In dem Moment, in dem ich meine Stellungnahme schreibe, lie- „Die Grenzen des Wachstums“ geführt haben? Wenn Letzteres zuträfe, gen schon die ersten Beiträge vor: Monika Dommann bezieht ihre dann wäre über Ressourcen, verstanden als Rohstoffe, zu forschen, zu Ausführungen vor allem auf Rohstoffe. Birte Förster nennt eben- 11 12 H-Soz-u-Kult Debatte „Ressourcen“ in den Geschichtswissenschaften debattieren und zu schreiben sicherlich weder originell noch innovativ, materiellen Determinismen, sondern es geht um die Frage, inwiefern sondern Ausdruck einer typischen Verschiebung von Themen, wenn sich Materialität und Materielles in die historische Analyse einbezie- sich die Zeitgeschichte in neue Jahrzehnte vorwagt. hen lassen, ohne in Essentialisierungen zu verfallen. Häufig werden in dem Zusammenhang die Arbeiten Bruno Latours angeführt, der sich Christiane Reinecke: Ungleich, Ungleichheit, Verteilung, Mangel, intensiv mit der Frage befasst hat, wie die materielle Welt Handlungen Umwelt, Stadt: Wäre das hier ein Assoziationsspiel, bei dem man strukturiert und menschliche Akteure eingebunden sind in ein Gefüge auf Zuruf das erste sagt, was einem in den Kopf kommt, wären das von menschlichen und nicht-menschlichen Aktanten. Die Forderun- meine Ressourcen-Assoziationen. Repräsentativ ist diese Reihung ver- gen Latours und anderer Vertreter der Akteur-Netzwerk-Theorie in mutlich nicht. Die Wahrscheinlichkeit, dass bei Anderen Stichworte historische Forschungsprojekte zu überführen, ist methodisch alles wie Rohstoff oder Rohstoffmangel eher fallen, ist hoch. Lohnend ist es andere als einfach. Instruktiv sind sie dennoch, weil sie Problemfelder dennoch, der Ungleichheits-Assoziation nachzugehen, auch, um sich in den Blick rücken, die Historikerinnen und Historiker lange ignoriert vor Augen zu führen, wie vielfältig und oftmals vage der Begriff der haben. Ressource verwendet wird. Ungleichheit, das ist gängigen Definitio- Ein gutes Beispiel für die Erschließung eines solchen neuen Pro- nen zufolge die ungleiche Verfügung über oder der ungleiche Zugang blemfeldes ist die wachsende Zahl historischer Studien, die Ressour- zu Ressourcen, Chancen und Handlungsbefähigungen. Wofür Ressour- cen, Infrastrukturen und Umweltrisiken mit der Analyse sozialer Un- ce in diesem Zusammenhang konkret steht, variiert: Ressource, das gleichheit zusammen bringen und sich Formen umweltbedingter Un- konnte oder kann ebenso das Einkommen oder Kapital sein, über das gleichheit zuwenden. Die historische Erforschung sozialer Ungleich- jemand verfügt, wie damit Arbeit, Macht, Einfluss, oder der Bildungs- heiten kann neue Ansätze vertragen, zumal solche, die sich von den abschluss gemeint sein können. Aus Sicht einer Wissensgeschichte, nationalen Fixierungen lösen, die in diesem Feld lange dominierten. die sich für wechselnde Beschreibungen des Sozialen interessiert, ist Dass die jüngere Stadt- und Umweltgeschichte das Interesse an der „Ressource“ jedenfalls ein Quellenbegriff. Aus Sicht einer Sozialge- sich wandelnden Materialität (städtischer) Räume mit der Frage ver- schichte, die sich für den Wandel sozialer Positionierungen und den knüpft, wie diese Materialität unterschiedliche (ethnische, soziale) damit verbundenen Zugang zu Gütern und Einfluss interessiert, ist Gruppen jeweils betraf, ist da viel versprechend. Doch besteht die es ein (nicht gerade trennscharfer) analytischer Begriff. Lohnend er- Herausforderung darin, solchen Fragen nachzugehen, ohne die sich scheint mir eine ausgiebige Auseinandersetzung mit Ressourcen in der wandelnden Deutungen und Deutungshoheiten aus dem Blick zu Geschichtswissenschaft jedoch vor allem dann, wenn darunter explizit verlieren. Wie das gehen kann (Materialität: ja, materieller Determinis- materielle Ressourcen verstanden werden. Denn dann geht es um mus: nein), finde ich tatsächlich diskutierenswert, und zwar über den die Herausforderung, sich der materiellen Dimension von Geschichte Begriff der Ressource hinaus. zuzuwenden, und zwar – und das wäre die Herausforderung – ohne sich von kulturgeschichtlichen Ansätzen zu verabschieden. Ralf Banken: Quellen, Stipendien, Wasser, Loyalität, Vertrauen, Wis- Auffallend ist, dass die Frage nach der Bedeutung von Materialität sen, Religion, Verrat, Erinnerung, Infrastruktur, Abfall, die Schrift und und ihrer historischen Erforschung derzeit überall gestellt wird. Das das Meer, Arbeit oder aber die Geschichte selbst sind nur einige der gilt vor allem für die Stadt- und Umwelt-, aber auch für die Wissens- Begriffe, die laut Sektionstiteln des 49. Historikertages als Ressourcen geschichte. Dabei geht es mit etwas Glück nicht um eine Rückkehr zu bezeichnet werden. Auch wenn ich selber die Nöte der Kollegen aus 13 14 H-Soz-u-Kult Debatte „Ressourcen“ in den Geschichtswissenschaften eigener Erfahrung nur zu gut kenne, die eigenen Forschungsthemen Welt reich wurden und andere nicht, dass umfangreiche „natürliche“ und beabsichtigten Sektionen mit dem jeweiligen Motto in irgendeiner Ressourcen sogar ein Hemmschuh für Entwicklung sein können – Weise zu verbinden – eine pragmatische und durchaus legitime Vor- allerdings nicht sein müssen. So profitierte Großbritanniens Indus- gehensweise, die auch interessante Blickwinkel ermöglichen kann –, trialisierung unzweifelhaft vom Vorhandensein von Kohle, während muss doch die Frage erlaubt sein, ob die eigentlichen Erkenntnismög- sich der Rohstoffreichtum vieler Entwicklungsländer in den letzten lichkeiten des Ressourcenbegriff nicht verloren gehen, wenn letztlich Jahrzehnten eher als ein Fluch erwies, der eine wirtschaftliche Ent- alles eine Ressource ist. wicklung verhinderte. Abgesehen von den weltwirtschaftlichen Terms Dabei soll hier gar nicht einer Begrenzung des Begriffes auf die of Trade war letzteres häufig auf eine unterentwickelte Wirtschaft zu- „natürlichen“ Ressourcen das Wort geführt werden, auch wenn die rückzuführen, die eben an der Verarbeitung und an den ökonomischen Umweltgeschichte als relativ neues Fach in den letzten Jahren inter- Wertschöpfungsketten der Rohstoffe kaum teil hatte und darauf, wie essante Ergebnisse und Einsichten in die „natürlichen“ Bedingungen das Geld aus dem Verkauf der Rohstoffe verwandt wurde und welche menschlicher Entwicklungen herausgearbeitet hat. Vielmehr erscheint Gruppen davon profitierten. mir als Wirtschafts- und Unternehmenshistoriker wichtig zu betonen, Schon diese Anmerkung zeigt, dass die Verwendung von Ressour- dass neben den „natürlichen“ und materiellen Ressourcen wie Roh- cen ein zentrales Thema der Wirtschaftsgeschichte darstellt, auch wenn stoffen, landwirtschaftlich fruchtbarer Boden, Wasser oder aber die in die Begrifflichkeiten zumeist in anderer Form genutzt werden. Auf einer Klimazone gegebene Tierwelt eben auch die menschliche Arbeit, Basis wirtschaftswissenschaftlicher Kategorien spielen Ressourcen in Kapital in den unterschiedlichsten Formen (Geld, Produktionsmittel der Moderne, in der die meisten Ressourcen über Märkte gehandelt etc.) und vor allem das menschliche Wissen (Humankapital, Tech- werden, eben für die Angebotsseite als die Produktionsfaktoren Arbeit, nischer Fortschritt, effiziente Institutionen etc.) wichtige Ressourcen Kapital, Boden oder Wissen in Form von Humankapital eine zentrale menschlichen Handelns darstellen, die letztlich erst die „natürlichen“ Rolle, in Form von Geld auch bei der Verwendung des Bruttosozial- Ressourcen nutzbar machen. produkts. Vorteil dieser Herangehensweise ist nicht nur, dass die Diskus- Nun ist mir selbstverständlich klar, dass sich die Historiker au- sion nicht zu schnell auf die Geschichte von Ressourcenkonflikten ßerhalb der Wirtschafts- und Unternehmensgeschichte sich nicht be- und den damit verbundenen Krisen verengt wird, sondern überhaupt sonders begeistert auf wirtschaftswissenschaftliche Theoreme stürzen erst einmal deutlich wird, dass selbst wichtigste „natürliche“ Res- werden. Sinnvoll erscheint es mir aber, dass diese und auch ande- sourcen, zum Beispiel riesige Ölfelder, nicht an sich von Nutzen sind, re sozialwissenschaftliche Kategorien und Konzepte – gerne auch in sondern ihren Wert nur aufgrund einer Nachfrage sowie bestimmter kritischer Haltung – von den Historikern wahrgenommen werden. ökonomischer und gesellschaftlicher Rahmenbedingungen entfalten. Ansonsten droht eine Forschung ins Blaue hinein, bei der Erkennt- Die Nutzung von „natürlichen“ Ressourcen ist nämlich alles andere nisse anhand von in den Quellen gewonnenen Einzelbeispielen neu als voraussetzungslos; das Vorhandensein von Bodenschätzen oder entdeckt werden; mit Ergebnissen, die Kollegen anderer Fächer besten- fruchtbaren Böden führt eben nicht automatisch zu mehr Reichtum falls ein müdes Lächeln hervorlocken werden. Dieses Szenario wird einer Region. Vielmehr zeigen die Diskussionen über eine der klassi- umso wahrscheinlicher, wenn der Begriff der Ressource – jenseits der schen Fragen der Wirtschaftsgeschichte, warum einige Regionen der Zwänge eines Historikertagsmottos – zu einem beliebigen Begriff wird, 15 16 H-Soz-u-Kult Debatte „Ressourcen“ in den Geschichtswissenschaften der letztlich mehr verdeckt als neue Erkenntnismöglichkeiten für die des Faches in Bewegung kamen: Aufbruchsstimmung, große Entwür- historische Forschung eröffnet. fe, Mut zum Risiko. Gemessen daran liest sich die erste Runde der Wortmeldungen schon ein wenig verzagt. Und wer will es den Dis- kutanten auch verdenken! Nach den Turn-Übungen der vergangenen 2. Runde: Welche Narrative? Jahrzehnte wirken solche Unternehmungen in der Tat ziemlich schal. Keiner der Diskutanten scheint Neigungen zu verspüren, mal wieder H-Soz-u-Kult Redaktion: Konzise hat Frank Uekötter einen Impuls einen Kulturkampf vom Zaun zu brechen. Gut so. der jüngeren Ressourcendebatten zusammengefasst mit dem kurzen Von daher ist es erfreulich, dass nun in der zweiten Runde nach Satz: „Nichts ist sicher“. Während er auf die Paradoxien von Ressour- Narrativen gefragt wird. Eine freischwebende Methodendebatte wäre cengeschichten verweist, beschreibt Monika Dommann Ressourcen- wirklich das letzte, was die Ressourcengeschichte braucht, zumal man ökonomien als „besonders komplexe Konstellationen“. Hinsichtlich das bittere Ende ja schon ahnt: Mehr als ein historiographischer Trend der von uns Historiker/innen erschaffenen Narrative der Vergangen- hat sich schon im Spagat zwischen enthusiastischen Entwürfen und heit wirft dies die Frage auf, wodurch sich Narrative auszeichnen, die dürftiger Einlösung aufgerieben. Letztlich lebt jedes Forschungsfeld das Thema der Ressourcen in den Mittelpunkt rücken? Liegt die At- der Geschichtswissenschaft von soliden, empirisch fundierten Studien, traktivität von Ressourcen an der Mehrdeutigkeit des Begriffs, der sich und es ist zweifellos ein Vorzug des hiesigen Themas, dass es hier mit der populären Metaphorik von „Rohstoffreichtum“ oder „Ressour- für einschlägig interessierte Forscher noch jede Menge Futter gibt. cenfluch“, in Fortschritts- ebenso wie in Krisenerzählungen einbetten Mit dem Beispiel des Guttapercha hat Monika Dommann aufgezeigt, lässt? Ist die Popularität des Begriffs der Entdeckung der 1970er-Jahre welch faszinierende Perspektiven sich eröffnen, wenn man der Spur durch unsere Zunft geschuldet, wie Laura Rischbieter vermutet? Sind eines einzelnen Stoffes nachspürt. Und doch sei hier – schon um den Ressourcengeschichten also zuerst einmal Teil des „shock of the glo- Ruch einer „mutual admiration society“ zu vermeiden – jener Punkt bal“, der die Diskurse der 1970er-Jahre mit der Gegenwart verbindet? ins Zentrum gerückt, der mich in ihrer Skizze stutzen ließ. Gibt es eine Welche Rolle kommt in den Narrativen dann den global vernetzten „magische Anziehungskraft“ des Sujets? Märkten und Wertschöpfungsketten zu? Welche Prioritäten sollten wir Mir scheint diese Magie nämlich das Produkt eines ziemlich spe- Historiker/innen auf der Suche nach Synthesen setzen und welche zifischen Kontextes zu sein, nämlich des Kontextes der westlichen Komplexitätsreduktionen der komplexen Konstellationen einerseits Konsumgesellschaften. Es hat ja schon etwas Magisches, dass wir im suchen und andererseits vermeiden, und schließlich: Worüber sollten Supermarkt argentinisches Rindfleisch, italienische Kiwis und neusee- wir uns in den Ressourcengeschichten am meisten „wundern“? ländische Äpfel kaufen können, ohne dass wir uns darüber irgendwel- che Gedanken machen müssten. Nur ist diese komfortable Situation Frank Uekötter: Als die Geschichtswissenschaft Anfang der siebziger welthistorisch gesehen absolut außergewöhnlich – ein Privileg des Jahre im Umbruch war, gaben Imanuel Geiss und Rainer Tamchina Wohlstandsbürgers, der sich um die Warenkette nicht mehr zu küm- zwei forsch betitelte Bücher heraus: „Ansichten einer künftigen Ge- mern braucht. Dem brasilianischen Zucker sieht man halt nicht an, schichtswissenschaft.“2 So war das einmal, wenn die Kompassnadeln wie viel Blut, Schweiß und Tränen seine Herstellung erforderte. 2 Imanuel Geiss, Rainer Tamchina (Hrsg.), Ansichten einer künftigen Geschichtswis- senschaft. 1. Kritik, Theorie, Methode; München 1974; Dies., Ansichten einer künftigen Geschichtswissenschaft. 2. Revolution, ein historischer Längsschnitt, München 1974. 17 18 H-Soz-u-Kult Debatte „Ressourcen“ in den Geschichtswissenschaften Was mir dabei wichtig ist: Diese Unsichtbarkeit der Produktions- Konsumenten Naturkautschuk, ohne zu ahnen, dass er zumeist von kontexte scheint nicht nur ein Ergebnis der Distanz und der verschlun- südostasiatischen Plantagen stammt. Kann man Ressourcengeschichte genen Handelswege zu sein. Sie ist auch ein Diskursprodukt, das schreiben, ohne dabei Sinngebung des Sinnlosen zu betreiben? vielleicht noch gar nicht so alt ist. Lange sprach man von schwedi- Ressourcengeschichten sind, to say the least, zerrissene Geschich- schem Eisenerz, amerikanischer Baumwolle, spanischen Orangen – bis ten. Sie spielen an ganz unterschiedlichen Orten, die über den ge- irgendwann das Zeitalter der anonymen Ressource begann. Einiges samten Globus verteilt sein können, sie verbinden Staat, Kapital und spricht dafür, dass diese kollektive Amnesie ein Produkt der Nach- Arbeit auf eine nicht unbedingt logische Art und Weise, und sie sind kriegszeit ist. Dass sich die Anglo-Iranian Oil Company 1954 in British Spielball erratischer Effekte. Als Henry Wickhams berühmter Schmug- Petroleum umbenannte – zu einer Zeit, als noch niemand etwas vom gel Plantagen mit hevea brasiliensis außerhalb des Amazonasbeckens Nordseeöl ahnte –, könnte diese Zäsur besonders sinnfällig markieren. ermöglichte, änderten sich die Rohstoffströme grundlegend; als wis- Hier scheint mir die zentrale Herausforderung zu liegen, der wir senschaftliche Forschung die großtechnische Produktion von syntheti- uns bei der Frage nach Narrativen zu stellen haben. Mit Ressourcen schem Gummi ermöglichten, folgte die nächste Erschütterung. Roh- verbinden sich ganz unterschiedliche Geschichten mit unterschiedli- stoffketten sind inhärent fragil, zusammengehalten lediglich von einer chen Akteuren in unterschiedlichen Teilen der Welt. Man nehme Gum- Substanz, das jedoch in einer Weise, die man schicksalhaft nennen mi: Die Welt der Kautschukzapfer unterscheidet sich fundamental von könnte, wenn es nicht so pathetisch wäre. Das wäre nämlich für mich der des Rohstoffhändlers und des Industriechemikers, zu schweigen das erste Gebot jeder historischen Erzählung: keine billige Moral! von den Konsumwelten, die hier schon deshalb nicht näher erläu- Man sieht an diesem Beispiel, dass wir in unseren Narrativen einen tert seien, weil das beim Latex leicht schlüpfrig wird. Zugleich sind Platz für einen neuen Akteur benötigen, nämlich die Ressource selbst. jedoch alle diese Welten durch das materielle Substrat untrennbar Es ist der Stoff, und häufig nur der Stoff, der die dispersen Geschichten miteinander verknüpft, und das führt zu kuriosen Konstellationen. zusammenhält – eine auf den ersten Blick triviale Einsicht, deren Kon- Chico Mendes konnte nur deshalb in den 1980er-Jahren zu einer glo- sequenzen jedoch alles andere als trivial sind. Ressourcen sind histori- balen Ikone werden, weil die autoritäre brasilianische Regierung in sche Akteure ohne Gedächtnis und Sinn, die aber zugleich durchaus den Jahrzehnten zuvor die einheimische Kautschukproduktion durch eigensinnig auftreten, und darin steckt eine methodische Herausfor- Importsteuern protegiert hatte. derung. Vielleicht brauchen wir ja doch einen new materialism und Man muss sich die Paradoxien dieser Geschichte auf der Zunge zer- einen schwungvollen programmatischen Aufruf. Matter matters. Aua! gehen lassen. Da schafft eine Militärregierung einen künstlichen Markt. Christiane Reinecke: 1999, in einem New York der Zukunft, soll ein Dadurch geraten die Zwischenhändler in den Amazonasstädten unter Polizist ein Verbrechen aufklären. Vor allem aber kämpft er mit den ka- Druck, so dass eine Gewerkschaftsbewegung der Kautschukzapfer tastrophalen Zuständen in der Stadt, in der zum Zeitpunkt der Hand- entstehen kann. Diese wird sodann zu einer wichtigen Kraft der Demo- lung 35 Millionen Menschen wohnen; mit dem Mangel an Wasser kratiebewegung, die die brasilianische Militärdiktatur in den achtziger und Lebensmitteln, den beengten Wohnverhältnissen, gewalttätigen Jahren beendet. Unterdessen feiern Umweltschützer aus aller Welt Protesten, der unregelmäßigen Versorgung mit Strom und Heizmate- einen Mann, der sich eigentlich als Gewerkschaftsführer am wohlsten rialien. Dieses New York ist Teil einer Welt, in der Überbevölkerung fühlte. Im Gedanken an Chico Mendes kaufen ökologisch bewegte und Urbanisierung flächendeckend für Armut und Konflikte sorgen. 19 20 H-Soz-u-Kult Debatte „Ressourcen“ in den Geschichtswissenschaften Make Room, Make Room! : Das Vorwort zur Paperback-Ausgabe des menhängen gedacht werden, wie unsere erste Antwortrunde zeigt – 1966 in den USA veröffentlichten Science-Fiction Romans schrieb nicht inwiefern steht das in der Tradition früherer Krisenszenarien? Die von von ungefähr der Biologe Paul R. Ehrlich, der selbst 1968 mit „Die Laura Rischbieter aufgeworfene Frage, ob Historiker nicht schlicht Bevölkerungsbombe“ einen globalen Beststeller verfasste, der weit eine Debatte der 1960er- bis 1980er-Jahre „entdeckt“ hätten, ist durch- über die USA hinaus Debatten um eine wachsende Weltbevölkerung, aus berechtigt. Dass die (zeit)historische Forschung sich stark für das drohende Hungersnöte und einen sterbenden Planeten anstieß. Roh- „Ende der Zuversicht“ und den „Schock des Globalen“ interessiert, stoffknappheit war Ende der 1960er-Jahre ein Thema, das das Zeug ist kaum zu übersehen. Und kaum zu übersehen ist auch, dass die zum Verkaufsschlager hatte: Es berührte existenzielle Ängste, half, aktuelle historische Ressourcen-Diskussion Narrative, Begriffe und gängige Konsumgewohnheiten zu hinterfragen und verfügte darüber Problemstellungen aufgreift, die zwar nicht notwendigerweise ihren hinaus über dramatische Qualitäten, weil Knappheit als globales Pro- Ursprung in den 1970er-Jahren haben, die aber in dieser Zeit eine blem der Zukunft dargestellt wurde. Die Warnung vor knappen Res- weite Verbreitung erfuhren. Dass wir über Ressourcen vor allem im sourcen war Teil eines globalen Krisenszenarios, das wiederum eng Modus der Knappheit, in globalen Bezügen, und, wie Frank Uekötter verknüpft war mit der Aufforderung zu politischem Handeln. Es fügte bemerkt, „mit einem Vokabular von Moral und Pathologie“ sprechen, sich ein in wachsende Zweifel am gängigen Fortschrittsoptimismus und dass wir überhaupt von „Ressourcen“ sprechen, also einen in der Boomjahre. verschiedene Sprachen übertragbaren Begriff benutzen, ist potentiell Potentiell sind es die gleichen dramatischen Qualitäten, die Res- selbst eine Folge des globalen Schocks der 1970er-Jahre, der mit einer sourcen heutzutage in den Blickpunkt rücken. In jedem Fall scheinen Reformulierung gesellschaftlicher Probleme einherging, die bis heute es am ehesten Ressourcen-Dramen zu sein, die Historikerinnen und nachwirkt. Historiker derzeit interessieren. Dass Ressourcenerzählungen in der Auf welches Wissen und welche Begriffe Historikerinnen und His- historischen Forschung eher Krisen- als Erfolgserzählungen sind, legt toriker bei ihrer Forschung zurückgreifen, ist eine grundlegende Fra- schon der Titel des Historikertags nahe. Ressourcen, zumal wenn mit ge, die sich in unterschiedlichen Forschungskontexten immer wieder Ressourcen Rohstoffe gemeint sind, interessieren, wenn sie Schwierig- stellt. Doch besteht besonders in der Zeitgeschichte die Gefahr, dass keiten machen. Problematisch ist das nicht an sich, schließlich sind es die erforschten Narrative und die eigenen Forschungsnarrative sich gerade Konfliktsituationen, in denen sich Zeitgenossen bewusst mit überlagern. Natürlich, Historikerinnen und Historiker gewinnen ihre dem befassen, was einmal normal und selbstverständlich war, und Vorannahmen stets in Auseinandersetzung mit ihrer eigenen Gegen- es dadurch für die historische Analyse zugänglich machen. Dennoch wart und gegenwärtigen Diskursen. Ist es dann wichtig, dass Experten, stellt sich die Frage, ob nicht die Art und Weise, wie in der histori- die eine Debatte der 1970er-Jahre oder 1980er-Jahre geprägt haben, heu- schen Forschung derzeit über Ressourcen-Konflikte nachgedacht wird, te noch immer als Experten in der Presse auftauchen und damit den viel damit zu tun hat, wie in den 1970er- und 1980er-Jahren Urbani- Modus aktueller Auseinandersetzungen bestimmen? Paul R. Ehrlich sierung, Umweltrisiken und eine „wachsende Schere zwischen Arm etwa ist weiterhin ein beliebter Interviewpartner, auch bei deutschen und Reich“ in Wissenschaft und politischer Öffentlichkeit als globa- Zeitungen. Bleibt die Frage, ob wir uns in unseren Begriffen und Nar- le Probleme definiert und beschrieben wurden. Dass Ressourcen an rativen klar genug von dem abgrenzen, was wir untersuchen. Wie erster Stelle mit Rohstoffknappheit assoziiert und in globalen Zusam- sehr eine Ressourcenerzählung, die sich um Mangel und Knappheit 21 22 H-Soz-u-Kult Debatte „Ressourcen“ in den Geschichtswissenschaften dreht und als Drama oder Moralgeschichte organisiert ist, auf die fe großer Erzfelder auch außerhalb der eigenen regionalen Grenzen Forderungen früherer sozialer Bewegungen oder die Einschätzungen zogen aber nicht unmittelbar die Aufnahme des Erzabbaus nach sich früher einflussreicher Experten zurückgeht, wäre eben zu überprü- und riefen so erst die zuvor heraufbeschworene Knappheit in Form fen. „Welche Narrative“, das verstehe ich hier weniger als die Frage steigender Preise hervor. danach, welche Narrative unsere eigene historische Forschung bestim- Es kam jedoch, wie so oft, alles anders, als es die Prognosen den men sollten, und mehr als Frage danach, welche Narrative sie unter Unternehmern, Managern und Politikern vor 1914 nahe legten. Selbst Umständen (ob bewusst oder unbewusst) bestimmen. im Ersten Weltkrieg war die Versorgung der deutschen Eisenindustrie durch den Import schwedischer Erze gesichert, sieht man einmal von Ralf Banken: Christiane Reineckes Hinweis auf die aktuellen Bezüge einigen Stahlveredlern wie Chrom, Wolfram oder Molybdän ab, deren des Themas Ressourcen macht deutlich, dass die Beschäftigung mit Importe aufgrund der alliierten Blockade unmöglich wurden. Genau der Vergangenheit nicht nur immer wieder von aktuellen Entwicklun- diese Wirtschaftsblockade bestimmte dann aber nach dem Versailler gen mitbestimmt wird, sondern auch zahlreiche aktuelle Annahmen Vertrag die weitere deutsche Diskussion. Diese bildete zudem nach unterschwellig mitschwingen. Nicht nur die in den letzten Jahren der Machtübernahme 1933 einen wichtigen Baustein in der Argumen- stärker gewordene Warnung vor dem Ende der Ölreserven, sondern tation der Befürworter einer generellen Autarkie, die sich dann nach zudem die durch die Rohstoffhausse des letzten Jahrzehnts veranlass- 1937 mit dem Abbau und der Verwendung der sauren Salzgittererze ten Meldungen über knappe Bodenschätze, machen dies deutlich, zum auch in der Erzpolitik durchsetzten. Bezeichnenderweise aber bildete Beispiel die zahlreichen Zeitungsartikel über die Knappheit der für die Erzversorgung aufgrund der schwedischen Importe im Zweiten die Elektronikindustrie wichtigen seltenen Erden. Weltkrieg abermals kein größeres Problem für die deutsche Eisenin- Allerdings ist dieses Narrativ alles andere als neu und sogar er- dustrie, wohingegen der Aufbau der Reichswerke bei Salzgitter mehr heblich älter als der Diskurs über die Grenzen des Wachstums seit Eisen verschlang als die Werke bis 1945 lieferten. Anfang der 1970er-Jahre. Bereits am Anfang des 20. Jahrhunderts – Nach dem Zweiten Weltkrieg gab es dann bis zur Ölkrise in den und auch für frühere Perioden lassen sich ohne Probleme zahlreiche 1970er-Jahren für lange Zeit keine größeren Diskussionen über Erz- Beispiele finden – bestimmte die Vorstellung, dass sich Nationalstaa- oder andere Rohstoffknappheiten. Dies macht deutlich, dass auch die- ten in Zeiten knapper Ressourcen eine direkte Verfügungsgewalt über se Diskurse ihre Konjunkturen haben. Der Begriff der Konjunktur ist Bodenschätze sichern müssten, stark die Politik. dabei durchaus wörtlich zu nehmen, denn ausschlaggebend hierfür Ein gutes Beispiel hierfür sind die Diskussionen über Bodenschätze war für die Zeit nach 1945 vor allem die Entwicklung der Terms of Tra- vor dem Ersten Weltkrieg, als die Rivalität zwischen Frankreich und de, die sich – mit Ausnahme des Öls – bei einer generell zunehmenden Deutschland auch auf das Feld der Erzversorgung für die deutsche Freiheit des Welthandels bis in die 1990er-Jahre meist zu Ungunsten Eisenindustrie übergriff. In deutschen Fachzeitschriften erschienen der rohstoffliefernden Länder entwickelten. Rohstoffe waren in dieser vermehrt Artikel über die Erzfrage. Zumeist ausgehend von Schät- Zeit dabei nicht nur immer verfügbar, sondern im Vergleich zu Indus- zungen über das zukünftige Wachstum der Eisenindustrie – derartige triegütern und Dienstleistungen auch niedrig im Preis. Erst aufgrund Prognosen sind stets ein wichtiges Element für die Entstehung von der steigenden Preise durch die große Rohstoffnachfrage sich entwi- „Knappheiten“ –, wurde eine Knappheit vorausgesagt, was dann zahl- ckelnder Länder wie China nach 1990 kamen in den Medien wieder reiche unternehmerische Maßnahmen auslöste. Die vorsorglichen Käu- 23 24 H-Soz-u-Kult Debatte „Ressourcen“ in den Geschichtswissenschaften Meldungen über knappe Ressourcen auf. Hier steckt einer der Gretchenfragen unserer Debatte: Soll die Klä- Auch diese neu entfachte Diskussion dürfte langfristig wieder eine rung des Begriffs zur einer regelrechten Reinigung führen? Soll er so Wirkmächtigkeit bekommen, die geradezu zwangsläufig zu Reaktio- weit geschliffen, poliert und gewaschen werden, dass er analytisch nen in der Politik führt. Übersehen wird jedoch auch heute zumeist, scharf genug wird, um auch für die methodisch strengen Sozialwis- dass zahlreiche Prognosen die kommende Verbrauchsentwicklung senschaften und die Ökonomie verwendbar zu sein? Oder wäre mit einfach nur linear in die Zukunft fortschreiben. Prognosen beziehen der Extraktion seiner schmutzigen Bestandteile auch ein Preis zu zah- sich eben lediglich auf die gegenwärtige Zukunft und nicht auf die zu- len, nämlich jener eines Verlusts des Zugriffs auf Vermischungen? künftige Gegenwart, auch weil die Substitution von Rohstoffen durch Und einer Preisgabe einer analytischen Methode, die das Politische neue Verfahren und Produktinnovationen oder die durch hohe Preise (beziehungsweise das Wissenschaftliche, das Künstlerische oder das ausgelösten Einsparungen mittels eines rationelleren Einsatzes der Wirtschaftliche) nicht mehr fein säuberlich trennt, sondern als Zusam- Ressourcen nicht vorhergesehen wird. menspiel versteht? Wenn auch grundsätzlich die Begrenztheit von Bodenschätzen Die Begriffsgeschichte hat vorgeführt, wie viel heuristisches Poten- und ein verantwortungsvoller Umgang mit ihnen hier nicht verneint tial in der Geschichte von Begriffen steckt. Dabei wird beileibe nicht werden soll, so zeigt meiner Meinung nach die Geschichte der Ressour- nur Sprachgeschichte betrieben, weil das Abtragen der Bedeutungs- cen, dass die vermeintlichen Knappheiten nicht unbedingt ein größe- schichten von Begriffen die Historiker unweigerlich auch zu sozialen res ökonomisches und gesellschaftliches Problem darstellen mussten. Kollektiven, Akteuren, Institutionen und den Medien führt, die diese Wichtiger war meist, dass die Knappheitsdiskurse eine Wirkmäch- Begriffe verwenden, verändern und transportieren. Deshalb sollten tigkeit besaßen, die unabhängig von ernsthaften Versorgungsschwie- wir vorerst beim Begriff und seiner Geschichte bleiben. rigkeiten auf die Entscheidungen der Unternehmen und Politiker Die sprachgeschichtlichen Wurzeln von Ressource sind in der deut- Einfluss gewann. Die Beschäftigung mit Ressourcenproblemen in der schen Sprache (gemäß Kluge) im 18. Jahrhundert aufzufinden, wo sie Vergangenheit, den dazugehörigen Diskursen und ihren Implikatio- (bereits schon) den Bestand an Natur- und Geldmitteln bezeichneten. nen in der „realen“ Welt erlaubt es jedenfalls, aktuelle Meldungen – Ursprünglich war der Begriff aus dem Französischen resoudre ent- wie diejenige, dass „China nach riesigen Ölfeldern greift“ (FAZ vom liehen, der wiederum aus dem Lateinischen surgere (sich erheben) 24.7.2012) – besser einzuordnen und sich dadurch weniger schnell von und regere (leiten, regieren) abstammte. Das Regieren und die Berge „Katastrophenszenarien“ anstecken zu lassen. der Rohstoffe, die im 18. Jahrhundert im merkantilistisch geführten Bergbau zu Tage gefördert wurden, sind begriffsgeschichtlich also Monika Dommann: Gleich am Anfang dieser Debatte wurde mit Be- verwandt. Die Materialien und die Politik begrifflich verquickt. Und griffsklärung begonnen. Laura Rischbieter schlug im Konversations- was zusammengehört, sollte nicht getrennt werden, weder in der Wahl lexikon von 1968 nach und stieß auf „Hilfsquellen/Geldmittel“. Ralf der Methode, noch in der Theorie, noch beim Erzählen. Banken brachte die ökonomische Definition ins Spiel, die Ressourcen Man müsste den Terminus „Ressourcen“ in einer wissenshistorisch unter den Produktionsmitteln (Arbeit, Kapital und Boden) subsum- erweiterten Neulancierung der Historischen Grundbegriffe (ein Un- miert. Und Christiane Reinecke plädierte dafür den Quellenbegriff terfangen, das ich mir in letzter Zeit immer eindringlicher wünsche!) „Ressource“ scharf von einem analytischen Begriff (im Sinne der Sozi- unbedingt aufnehmen. Anders als zu Zeiten von Koselleck & Co ste- algeschichte) zu unterscheiden. 25 26 H-Soz-u-Kult Debatte „Ressourcen“ in den Geschichtswissenschaften hen einem solchen Vorhaben inzwischen die neuen Instrumente der Wissenschafts- und Wirtschaftshistoriker David Edgerton als ge- Digital Humanities zur Verfügung. schichtswissenschaftliche Methode propagiert.3 Dass Natur- und Geld- Frank Uekötter sagte es klipp und klar: Gut, dass nach Narrativen mittel Teil der Geschichte sind, heißt eben nicht, dass ihnen die His- gefragt werde, doch bitte keine freischwebende Methodendiskussion. toriografie bislang adäquat begegnet ist. Ralf Banken ist selbstver- Ich würde es anders formulieren: Die Frage der Narration, der Metho- ständlich Recht zu geben, wenn er betont, dass sich die Wirtschaftsge- de und der Theorie sind, wie oben bereits angedeutet, schlicht nicht schichte mit solchen Fragen schon lange eingehend beschäftigt und zu trennen. Es ist neben der Writing Culture Debatte in der Ethnogra- dabei viele Fakten zu Tage gefördert hat, welche die Allgemeinhisto- phie und dem New Historism einer der großen Verdienste der von riker nicht neu erfinden müssen. Doch vielleicht läge der Clou einer Christiane Reinecke erwähnten Akteur-Netzwerk Theorie, die Narrati- neuen historischen Ermittlungsmethode gerade darin, dass Politik- on als erkenntnistheoretisches Objekt in die Wissenschaftsgeschichte und Wissenschaftshistoriker/innen den Ressourcen folgen, ohne zu gebracht zu haben. wissen, wohin sie das führen wird? Vielleicht würde diese Methode Christiane Reineckes Beobachtung, dass über Ressourcen (zumin- sie in eine neue Wirtschaftsgeschichte führen, in der neben den fein dest zeithistorisch betrachtet) im Modus des Dramas geredet wer- säuberlich extrahierten analytischen Instrumenten der Ökonomie auch de, brachte mir eine Schlüsselstelle eines kinematografischen Dramas die Vermischungen der Ressourcenhistoriker/innen Einzug gehalten mit historischem Bezug aus den 1970er-Jahren in Erinnerung, die für haben? Ressourcen-Historiker/innen von Interesse sein könnte. In „All the Laura Rischbieter: Konflikte, Krisen und Kriege sind bei Historikern President’s Men“ fragt der Reporter Bob Woodward Deep Throat (den besonders beliebte Forschungsgegenstände. Denn in historischen Kri- unbekannten Informanten aus dem FBI) bei einem nächtlichen Treffen sensituationen melden sich die Zeitgenossen nicht nur vermehrt, son- in der Parkgarage, wie er bei seinen Nachforschungen vorgehen solle: dern oft auch vehement und lautstark zu Wort. Entsprechend gut ist „The story is dry. All we’ve got are pieces. We can’t seem to figure die Quellenlage für empirisch fundierte Studien. Diese Beobachtung out what the puzzle is supposed to look like“. Der inzwischen als trifft auch (eventuell sogar besonders) auf das Thema Ressourcen im Associate Director des FBI Mark Felt enttarnte Deep Throat antwortet 20. Jahrhundert zu. Doch eignen sich die zeitgenössischen Krisendia- bloß mit drei Worten: „Follow the money.“ Und auf die Nachfrage Bob gnosen deshalb besonders gut als Ausgangspunkte für die geschichts- Woodwards, was er damit meine, abermals: „Just follow the money“. wissenschaftliche Interpretation? Diese Aufforderung ist inzwischen im Film zum Ermittlungsprinzip Eine bejahende oder verneinende Antwort hängt davon ab, unter avanciert, beispielsweise in der amerikanischen Fernsehserie „The Wi- welcher Fragestellung und Zuhilfenahme welcher Methoden welche re“, wo Detective Lester Freamon die unabsehbaren Schwierigkeiten Art von „Ressourcen“ (seien es nun Rohstoffe, Produkte, Dienstleistun- dieses Vorhabens auf den Punkt bringt: „You follow drugs, you get gen, Kapital, Boden oder Arbeitskraft) in das Zentrum der geschichts- drug addicts and drug dealers. But you start to follow the money, and wissenschaftlichen Analyse gestellt werden. Liegt das Erkenntnisinter- you don’t know where the fuck it’s gonna take you.“ Dann sind bald esse in der Analyse zeitgenössischer Krisendiskurse seit den 1970er- nicht mehr nur Süchtige und Dealer, sondern auch Politiker, Polizisten Jahren, wie beispielsweise des Konzepts „Ressourcen-Fluch“, dann und Medienleute im Spiel. lautet die Antwort vermutlich ja. In diesem Fall mag die „Entdeckung“ „Follow the Money“ wurde kürzlich auch vom britischen Militär-, 3 Vgl. David Edgerton, Time, Money, History, in: Isis, 103 (2012), 2, S. 316-327. 27 28 H-Soz-u-Kult Debatte „Ressourcen“ in den Geschichtswissenschaften eines globalen Rohstoffmangels als Entstehungskontext und Kataly- diagnosen wird das globalgeschichtliche Potential von Ressourcenge- sator für zeitgenössische Modellbildungen ein sinnvolles historiogra- schichten sichtbar. Die dadurch gewonnene geografische Entgrenzung fisches Narrativ sein. Ressourcengeschichte ist hier Krisengeschichte und die narrative Einbindung vielfältiger Akteure machen Ressour- in zweierlei Hinsicht: Einerseits formt die Krisenwahrnehmung das cen so zu einem attraktiven Forschungsgegenstand. Es scheinen mir Denken der Zeitgenossen, strukturiert aber andererseits die geschichts- die mittel- und langfristigen Veränderungen in der Zeit zu sein, an wissenschaftliche Interpretation von Historikerinnen und Historikern. denen sich Narrative einer Ressourcengeschichte als Krisengeschichte Das Krisennarrativ erklärt, warum Wissenschaftler zu einem bestimm- messen lassen müssen. ten Zeitpunkt ein bestimmtes Modell entwickelten und wie dieses Birte Förster: Wie bereits erwähnt, halte ich Ressourcen für einen Modell als wirtschaftspolitischer Lenkungsimperativ zu Prominenz interessanten Untersuchungsgegenstand, mit dessen Hilfe wir neue gelangen konnte. Perspektiven auf durchaus alte Fragen werfen können. Für ein Me- Während jedoch der Moment der Krise meist flüchtig ist, sind die tanarrativ – so man dieses (wieder) will – halte ich sie ungeeignet. sozialen, ökonomischen und politischen Bedingungen, unter den Res- Wenn ich also den Ressourcen (und damit Monika Dommanns An- sourcen produziert, verarbeitet, vermarktet, verkauft und konsumiert regung) folge, könnten diese eine Brille sein, um verschiedene histo- werden, von langer Dauer. Ein gutes Beispiel ist die Geschichte des rische Phänomene neu oder anders zu betrachten. Denn Ressourcen Rohölabbaus im 20. Jahrhundert. Lenkt man das Frageinteresse bei – und damit meine ich nicht nur diese selbst, sondern immer auch diesem Thema auf Untersuchungen zur Ölförderung, zum Handel den Zugriff auf Ressourcen, ihre Zirkulation und Prozesse der Wert- und zur Verarbeitung bis hin zum vielgestaltigen Konsumprodukt zuschreibung – sind hochkomplexe Gegenstände. Ihre Komplexität für private Haushalte, so sind zeitgenössische Krisendiagnosen oft- erlaubt es möglicherweise, eher bestehende Synthesen zu ergänzen, mals nur ein kleiner Teilaspekt möglicher Geschichten über vielfältige als neue zu schaffen. Wertschöpfungsketten. Und ebenso gut lassen sich dann Erfolgsge- Ressourcen sind eben nicht nur „zerrissene Geschichten“, wie schichten des Öls erzählen, statt Krisendiagnosen zu wiederholen. Frank Uekötter meint, sie sind vielmehr auch verflochten. Gerade Die geschichtswissenschaftliche Synthese solcher globalen Wertschöp- wenn man sich anschaut, wie der Zugang zu Ressourcen geschaffen fungsketten hat dann weitaus mehr zu bieten, als es ein zeitlich und wird, wie sie transportiert werden können, welche Wissensproduk- perspektivisch eng begrenztes Krisennarrativ könnte. tion sie umgibt, wird ein Netz transnationaler Beziehungen sichtbar. Der analytische Blick auf die lange Dauer scheint demnach gerade Mithilfe dieses globalen Beziehungsgeflechts ließen sich nicht nur beim Forschungsgegenstand Ressourcen das Krisen- und Knappheits- „Mikrogeschichten der Globalisierung“ (Angelika Epple) schreiben, narrativ in Frage zu stellen. So kann man dem „Nichts ist sicher“ sondern auch Kolonisierungs- wie Dekolonisierungsprozesse neu dis- (Uekötter) etwas entgegensetzen und „besonders komplexe Konstella- kutieren. Von dort aus ist es nur noch ein kleiner Schritt zur Geschichte tionen“ (Dommann) entwirren. Das Nachdenken und Forschen über von Macht und Herrschaft. Denn Ressourcen haben ja nicht nur mit die langfristige Entwicklung von (globalen) Märkten und ihre Prozess- den von Christiane Reinecke angesprochenen Ungleichheiten zu tun, logiken schützt möglicherweise Historikerinnen und Historiker davor, sondern auch mit weitreichenden Entscheidungsprozessen, an denen zeitgenössischen Krisendiskursen leichtfertig zu erliegen und sie zum unterschiedliche, auch neue Akteursgruppen beteiligt sind oder eben Metanarrativ zu erheben. Erst durch die Hinterfragung von Krisen- auch davon ausgeschlossen bleiben. Die so geschaffenen Pfadabhän- 29 30 H-Soz-u-Kult Debatte „Ressourcen“ in den Geschichtswissenschaften gigkeiten und Folgen für künftige Generationen sind häufig nicht len. Jenseits des Krisenszenarios „als Drama oder Moralgeschichte“ absehbar. Ebenso wenig sind sie regional oder national beschränkt. (Christiane Reinecke) vermuten Sie das Potential der Ressourcenge- Zudem wird nicht nur die globale Verflechtung, sondern auch die enge schichten in der Offenlegung komplexer (globaler) Wertschöpfungs- Verschränkung von privatwirtschaftlichen und öffentlichen Interessen ketten, deren Funktionslogiken gerade in mittlerer und langer Dauer sichtbar: Häufig waren es Kolonialregierungen, die privatwirtschaft- offenbar werden; in ihrer Relevanz für Konsumgesellschaften; oder in lichen Ressourcenabbau durch den Bau von Verkehrsnetzen und die der Verbindung nur scheinbar analytisch trennbarer Gesellschaftsbe- Bereitstellung von Energie ermöglichten, während der Ressourcenab- reiche durch den Gegenstand der Ressourcen. bau in der Hand privatwirtschaftlicher Akteure war. Diese Ansätze verweisen auf den Aspekt, den wir in der folgenden Setzt man die Ressourcenbrille auf, um Macht als Beziehungsge- Runde expliziter diskutieren wollen, den der angemessenen Metho- flecht neu zu beschreiben, sind die Narrative der Ressourcen selbst den für Ressourcengeschichten. Einig waren Sie sich alle von Beginn sowie der sie umgebenden technischen Systeme zentral. Sie machen an darin, dass Ressourcen, ob materielle oder immaterielle, nicht als die Legitimierungsstrategien für den Zugriff auf Ressourcen und die „natürlich gegeben“ angesehen werden können, sondern vielmehr dafür notwendigen gesellschaftlichen Investitionen sichtbar, und sie immer in soziales Handeln eingebunden und Produkt bestimmter ziehen reale Effekte nach sich. Die Vorstellung etwa, dass Ressourcen- Voraussetzungen, Rahmenbedingungen und Interessen sind. Aber wie reichtum und Infrastrukturbau der Königsweg zu Modernisierung gehen wir von hier aus weiter? Sollen Ressourcen selbst als Akteu- und Wohlstand seien, zeigt die Wirkmacht dieser Narrative. In diesen re konzipiert werden und welche Anforderungen würde dies an die scheinbar objektiven Notwendigkeitsdiskursen könnten materielle Definition und Bestimmung des Akteursbegriffs stellen? Wie können Ressourcen doch so etwas wie agency haben, wenn auch nicht im en- wir Ressourcen folgen, um „along the way“ Strukturen, Paradoxien gen Latour‘schen Sinne. Die Legitimationsnarrative (zum Beispiel der und Kontingenzen ihrer Geschichte zu rekonstruieren? Welche Rolle Experten, und gerade auch in Krisen) haben massive Auswirkungen. spielt die Wirtschaftsgeschichte dabei? Und schließlich: Welches Set So betrachtet öffnen Ressourcen den Blick auf die Verflechtungs- und an Kriterien benötigte es, um den „unterschiedlichen Geschichten“, Globalgeschichte sowie auf Macht, Herrschaft und Ungleichheiten. die sich mit Ressourcen verbinden (Frank Uekötter), jeweils gerecht zu werden? Nachdem die Gefahr einer „freischwebenden“ Methodendiskus- 3. Runde: Welche Methoden? sionen durch die Verortung der geschichtswissenschaftlichen Narrati- ve in ihren Kontexten und Entstehungsbedingungen gebannt zu sein H-Soz-u-Kult Redaktion: Bei aller Vielfältigkeit Ihrer Reflexionen zu scheint, sind wir nun für die nächste Runde gespannt, welche Vorschlä- den narrativen Herausforderungen und Fallstricken des Themas „Res- ge hinsichtlich gewinnbringender methodischer Ansätze Sie erörtern sourcen“ kann als verbindendes Element wohl die Warnung vor den und in welchen Themen und Perspektiven Sie diese verankern wer- Quellenerzählungen festgehalten werden, deren Metanarrativ wir His- den? Was können wir speziell für Ressourcengeschichten aus unserem toriker/innen nicht aufsitzen dürfen und von dessen repetitivem „Ka- Werkzeugkasten gebrauchen, woran können wir anknüpfen und auf tastrophenszenario“ wir uns, so Ralf Banken, nicht „anstecken“ lassen welche Theorien von Geschichte und Gesellschaft können wir uns sollten. „Mehr Skepsis, bitte!” scheinen Sie in die Runde rufen zu wol- hierbei stützen? 31 32 H-Soz-u-Kult Debatte „Ressourcen“ in den Geschichtswissenschaften Laura Rischbieter: Vergleicht man neuere Publikationen zur Geschich- ten, kann man Produktionsbedingungen und Handelsstrukturen der te von Ressourcen hinsichtlich ihrer verwendeten Methoden, so ste- einzelnen Akteure ebenso thematisieren wie nationale Wirtschafts- hen sich wirtschaftsgeschichtliche und kulturhistorische Ansätze oft politiken und Konsumgewohnheiten. Weil viele Rohstoffe nicht nur diametral gegenüber: Die meisten wirtschaftshistorischen Untersu- regional erzeugt und konsumiert werden, sondern im Laufe ihrer chungen widmen sich mittels unternehmenshistorischer Ansätze oder Kommodifizierung Landesgrenzen und Kontinente überwinden, eig- quantitativer Verfahren der Rolle von Ressourcen in der nationalen nen sie sich als Prisma zur Analyse globaler Wirtschaftsprozesse und oder globalen Ökonomie. Kulturhistorische Studien untersuchen in Konsumentwicklungen (wie Sidney Mintz in seiner Geschichte des der Regel den Wandel von Konsumpraktiken, das Verbraucherver- Zuckers mustergültig gezeigt hat). Doch diese Weltgeschichten haben halten einzelner sozialer Gruppen oder die Regulierungsansprüche aufgrund ihres globalhistorischen Anspruchs die Schwierigkeit, enor- politischer Interessengruppen. Durch die gewählten Fragestellungen, me Mengen von relevantem Quellenmaterial bewältigen zu müssen, Analyseinstrumentarien und Untersuchungsgegenstände stehen wirt- wenn sie der Schilderung der verschiedenen historischen Kontexte, schaftshistorische und kulturhistorische Ansätze zumeist unvermittelt der beteiligten Akteure und deren Handeln einigermaßen gerecht nebeneinander. werden wollen. Bei näherem Hinsehen scheint es auch hier, dass pro- Um bei der Untersuchung von Ressourcengeschichten Neuland zu dukthistorische Studien entweder eher wirtschaftsgeschichtlich oder gewinnen, ist also zu klären, wie sich die kulturgeschichtlichen mit eher kulturhistorisch argumentieren. Im schlimmsten Fall bleiben sie wirtschafts- und politikhistorischen Perspektiven methodisch verbin- menschenleere Darstellungen der globalen Kommodifizierung eines den lassen, statt sich wie bisher damit zu begnügen, die aufgrund un- bestimmten Produktes. terschiedlicher Methoden gewonnenen Forschungsergebnisse schlicht- Die Forschungsperspektiven sind aber insofern eng miteinander weg zu addieren. Nur durch eine systematische Verknüpfung der verknüpft, als sie aufeinander bezogene Teilbereiche des Marktgesche- genannten Ansätze kann man erklären, welche Wechselwirkungen hens untersuchen. Es bietet sich daher an, den Gegensatz zwischen zwischen (welt-)wirtschaftlichen Prozessen, politischen Regulierungs- den an Strukturen auf der Makroebene interessierten ökonomischen versuchen und heterogenen Konsumkulturen bestehen. Schon diese Studien und der zumeist auf der Mikro- oder Mesoebene ansetzenden Ausführungen zeigen, dass ich Ressourcen nicht als soziale Akteure kultur- oder politikhistorischen Arbeiten über eine Präzisierung des konzipieren (kann). Aufgabe bleibt es demnach, einen integrativen, Marktbegriffs aufzuheben. In wirtschaftswissenschaftlichen Modellen wirtschafts- und kulturgeschichtliche Themen verbindenden Ansatz findet Marktintegration unter anderem ihren Ausdruck im Konver- zu entwickeln, der zudem soziale Akteure in das Zentrum der Unter- genzgrad des Preises. Letzterer wird aber durch die Summe der Tä- suchung stellt. tigkeiten einzelner Akteure bestimmt, indem sich diese für bestimmte Produkthistorische Studien scheinen hierfür einen handhabbaren Handlungen und gegen andere mögliche Optionen entscheiden. Dabei methodischen Weg zu bieten. Denn wählt man einen Rohstoff als ist das individuelle Verhalten in konkreten Situationen variabel und Ausgangspunkt der Untersuchung, kommt man den Zusammenhän- in manchen Fällen kann es ökonomischer Logik sogar widersprechen. gen von Produktion, Markt und Konsum am leichtesten auf die Spur. Die Zeitgenossen haben verschiedene Prämissen. Sie verfügen in un- Verfolgt man den Weg eines Rohstoffs von seiner Herstellung über terschiedlichem Ausmaß über soziales, ökonomisches und kulturelles seine Weiterverarbeitung und Vertriebswege bis zum Endkonsumen- Kapital. Sie treffen ihre Entscheidungen in einer Situation, in der sie 33 34 H-Soz-u-Kult Debatte „Ressourcen“ in den Geschichtswissenschaften nicht über alle notwendigen Informationen verfügen und zukünftige habung Latour und Woolgar beobachten, eine tragende Rolle zu; als Entwicklungen ungewiss sind. Ebenso zentral sind die zeitlichen, geo- unabdingbaren Elementen der experimentellen Arrangements, die graphischen und politischen Kontexte. Sie bilden den methodischen im Zentrum ihrer Analyse stehen. Erkenntnis ist in dieser Sicht nicht Bezugsrahmen, um die Verhaltensweisen der historischen Subjekte zu das Ergebnis geniehafter Eingebung, sondern untrennbar mit der kon- analysieren. kreten Praxis des Experimentierens, Notierens und Re-Formulierens Eine integrative Ressourcengeschichte sollte den Markt also nicht von Argumenten verknüpft. Was hier in das Zentrum der Analyse als voraussetzungslosen, Konsumgüter generierenden Automatismus rückt, sind Routinen und Verfahren, die auf ihre Funktion hin befragt verstehen oder monoton die Stationen der Wertschöpfungsketten nach- und in immer neuen Zusammenhängen situiert werden. Naturwissen- erzählen. Vielmehr sollte sie in Anlehnung an wirtschaftssoziologische schaftliches Forschen wird zu einer Kette von Praktiken, in denen Teile Arbeiten den Markt als einen historisch variablen Interaktionspro- der Handlung von Zentrifugen und Ultrazentrifugen, Aminosäuren zess zwischen Akteuren und Institutionen definieren. Auf Grundlage und Diagrammen getragen werden. Diese Handlungsketten machen dieser Definition geraten die Veränderungen der Marktbeziehungen nicht an den Grenzen des Labors Halt, sondern sie reichen – über den und der politischen Steuerungsversuche in den Blick und können Austausch mit anderen Forschenden und über die Zirkulation der in ihrer Beziehung zum Verhalten der Marktteilnehmer und ihrer verwendeten Substanzen, Proben und Ergebnisse – in andere Räume Handlungsoptionen untersucht werden. Die Entwicklung von Kon- hinein. sumgesellschaften, politischen Interessen und globalen Märkten kann Latour und Woolgar geben in ihrer Laborgeschichte neue Ant- so als ein durch (soziale) Akteure beeinflusster und interessengeleiteter worten auf alte Fragen (Wie entsteht eine wissenschaftliche Tatsache? Interaktionsprozess dargestellt werden. Dies gilt auch und insbeson- Wie funktioniert Wissenschaft?) und werfen ihrerseits eine Reihe von dere für die in diesem Prozess entstehenden Konflikte, die für die Fragen auf, die Forschende unterschiedlicher Disziplinen beschäftigt Ressourcengeschichten (zu) oft das zentrale Thema bilden. Indem je- haben. Was bei ihnen zu einer guten Labor-Geschichte taugt, könnte doch die Akteure, ihre Interessen und ihre Handlungsstrategien zu durchaus das Zeug zu einer guten Ressourcengeschichte haben. In Grundkategorien der Untersuchung gemacht werden, lassen sich kul- jedem Fall ist ihr Anspruch, bei der eigenen Analyse die gängigen turgeschichtliche und wirtschaftshistorische Forschungsansätze zu kategorialen Einteilungen in Soziales und Technisches, in eine soziale einem einheitlichen Untersuchungsgegenstand integrieren und dessen und eine materielle Welt, zu umgehen, für die Analyse von Ressourcen zentrale Fragen thematisieren, nämlich die Ressourcennutzung von relevant. Gleiches gilt für das relationale Verständnis von Handlung Gesellschaften im Wandel der Zeit. und Handlungsmacht, von dem sie ausgehen: Apparate und Sub- stanzen, Infrastrukturen und Ressourcen sind in dieser Perspektive Christiane Reinecke: Der eng umgrenzte Schauplatz der für die wei- nicht reine Objekte menschlicher Akteure, sondern ermöglichen oder tere Wissenssoziologie und -geschichte prägenden Studie „Laboratory beschränken ihrerseits Handlungen – und verfügen in diesem Sinne Life“, die Bruno Latour und Steve Woolgar 1979 gemeinsam verfassten, über Handlungsmacht. Von dem Anspruch einmal abgesehen, die ist ein Labor, das von den beiden in anthropologischer Dichte, mitsamt analytische Trennung zwischen einer materiellen Welt der Dinge an der alltäglichen Gespräche, Tätigkeiten und Wege der dort beschäftig- sich und einer sozialen Welt der Menschen unter sich aufheben zu ten Forscher und Techniker beschrieben wird. Bei dieser Nahaufnahme wollen, lässt sich der methodische Weg, der hier eingeschlagen wird, wissenschaftlichen Forschens kommt selbst den Geräten, deren Hand- 35 36 H-Soz-u-Kult Debatte „Ressourcen“ in den Geschichtswissenschaften wohl am ehesten als Mikrostudie beschreiben, bei der die Forschenden sozialer Praktiken und wechselnder Wissensordnungen zu erzählen. sehr nah an ihren Gegenstand heranrücken. Der Ausgangspunkt der Ralf Banken: In der Frage, ob und inwieweit Ressourcen selbst als Analyse ist eine konkrete Handlungs- oder eben Ressourcensituati- Akteure konzipiert werden sollen und können kann ich nur Laura on, der in der Erwartung nachgegangen wird, dass die Akteurskette Rischbieter zustimmen: Ressourcen, welcher Art auch immer, sind von einem Ort und Handlungskontext aus zu anderen Räumen und keine Akteure und haben keine Agency. Wie ich bereits in meiner Handlungskontexten führt. ersten Antwort geschrieben habe, gewinnt ein Erzvorkommen für die Damit ist nicht gemeint, dass sich nun alle in dichter Beschreibung jeweilige Wirtschaft und Gesellschaft erst dann eine Bedeutung, wenn üben sollen – aber für den Versuch, bei der historischen Ressourcen- es von den Akteuren ausgebeutet werden kann. Es reicht kein prinzi- Analyse von konkreten Praktiken und Handlungszusammenhängen pielles Wissen um ihr Vorhandensein, sondern es müssen zudem die auszugehen, spricht vieles. Maßgeblich spricht dafür, dass, wie Mar- Möglichkeiten vorhanden sein, sie zu gewinnen und anschließend zu gareth Lanzinger kürzlich schrieb, über die Rekonstruktion langer verwerten. Hierfür sind aber Knowhow, die richtigen Technologien, Akteurs-Ketten transterritoriale und globale Verbindungen zwischen Arbeit, Kapital und die entsprechenden Verfügungsrechte notwendig, unterschiedlichen sozialen Räumen sichtbar werden.4 Sich bei der damit aus einfachen Bodenschätzen Handlungsoptionen für die Ak- Ressourcen-Analyse an den Laborstudien zu orientieren, ist zudem teure werden. Die riesigen Kokskohlevorkommen des Ruhrgebiets mit Blick auf die wechselnden Wissensordnungen und wissensab- wurden eben erst in der Industrialisierung als Ressource wichtig, weil hängigen Verhaltensroutinen lohnenswert, die das Laborgeschehen Holzpreise seit dem 18. Jahrhundert gestiegen waren bzw. die Abbau- bestimmen. Die Förderung, Aufbereitung und der Vertrieb von Roh- und Verwendungstechnologien nach 1800 bereitstanden. stoffen etwa ist beeinflusst durch wechselnde (Experten)meinungen Dem widerspricht nicht, dass auch unverritzten Bodenschätzen und Technologien. So lassen sich auch Rohstoffe als wissenschaftli- oder nicht angebohrten Ölfeldern ein Wert zugesprochen wird, da dies che Tatsachen beschreiben, die mittels bestimmter Wissenspraktiken nichts anderes als eine Hoffnung einer Ausbeutung in der Zukunft hervorgebracht werden, die zugleich stets umstrittene Tatsachen sind, darstellt; an der Börse spekuliert man ja häufig über Verfügungsrechte, deren Wert und Bedeutung je nach Handlungskontext variiert. die erst in der Zukunft Handlungsoptionen ermöglichen. Kurzum: Zweifelsfrei ist die Auswahl an möglicherweise angemessenen Ressourcen ermöglichen einzelnen Menschen, sozialen Gruppen oder Methoden für ein konkretes Forschungsprojekt groß. Insofern hat es aber Institutionen wie etwa Unternehmen und Staaten Handlungen eine gewisse Willkür, dass ich hier Vorschläge aufgreife, die im Umfeld und strukturieren diese auch, sie selbst aber verfügen über keine der Science and Technology Studies und Akteur-Netzwerk-Theorie eigene Handlungsmacht. formuliert wurden und die in der Geschichtswissenschaft vor allem in Welches Set an Kriterien wird also benötigt, um die unterschied- der Wissens-, Stadt- und Umweltgeschichte Widerhall finden. Doch lichen Ressourcen-Geschichten zu heben? Die häufige Nutzung des scheint mir der dort vorgeschlagene tatsächlich ein attraktiver Weg Wertbegriffs in dieser Debatte liefert einen Anhaltspunkt. Es reicht zu sein: Ressourcengeschichte als Geschichte langer Akteursketten, nicht aus, stets zu konstatieren, dass Ressourcen einen Wert für die 4 Margareth Lanzinger, Das Lokale neu positionieren im actor-network-Raum damaligen Akteure besaßen und dass sich dieser Wert änderte. Viel- – globalgeschichtliche Herausforderungen und illyrische Steuerpolitiken, in: H- Soz-u-Kult, 21.06.2012, <http://hsozkult.geschichte.hu-berlin.de/forum/id=1810 mehr ist es auch wichtig, den damaligen Wert zu bestimmen, um &type=diskussionen>. beispielsweise zu verstehen, warum Ressourcen in dieser und nicht 37 38 H-Soz-u-Kult Debatte „Ressourcen“ in den Geschichtswissenschaften in anderer Weise den entsprechenden Nutzungen zugeführt wurden, der historischen Preisentwicklung auch das Zustandekommen der kurz, warum Akteure nicht alternative Verwendungen wählten? Preise, das Funktionieren der Märkte und ihre Verfasstheit genauer Wie aber, bitte schön, wird dieser Wert gemessen? Meine Antwort in den Blick nehmen, da Märkte eben nie aus sich heraus und schon ist, dass man sich hierfür stets auch die historischen Preisentwicklun- gar nicht voraussetzungslos funktionieren. Zu fragen ist in Bezug auf gen anschauen soll. Dies ist sicherlich nicht der einzige – und fraglos Ressourcen daher stets, wie die Märkte konstruiert wurden, um die kein unproblematischer – Weg, den Wert von Ressourcen (oder an- Ressourcen zu handeln. deren Gütern) zu bestimmen. Es ist aber der wichtigste, da sich die Gleichzeitig sind auch die Strategien und Reaktionen der Unterneh- wirtschaftlichen Akteure häufig nach Preisen richteten und Preise eine men auf die Preisentwicklungen und auch andere Folgen der Preiss- große Steuerungswirkung auf das Akteurshandeln ausübten. Dies trukturen ernst zu nehmen, da sie häufig Pfadabhängigkeiten nach sich gilt im Übrigen sowohl für Unternehmen oder Kaufleute und Pro- zogen. So industrialisierte sich Großbritannien aufgrund der günsti- duzenten auf der Angebotsseite als auch für Konsumenten auf der gen Kohlenbezugspreise ab Ende des 18. Jahrhunderts sehr früh, doch Nachfrageseite. Ein Beispiel für die Angebotsseite ist der Umstieg der gleichzeitig war die billige Steinkohle 100 Jahre später auch dafür bundesdeutschen Chemieindustrie auf das Öl als neuem Einsatzstoff verantwortlich, dass zahlreiche britische Industrieunternehmen sich ab Ende der 1950er-Jahre, obgleich die westdeutschen Chemiekonzer- wenig um neue brennstoffsparende Technologien kümmerten, wäh- ne nach dem Zweiten Weltkrieg erst noch auf die teuere Kohle setzten. rend deutsche Stahlunternehmen hier wegen der deutlich höheren Da aber die Konkurrenten auf Ölbasis günstiger produzieren, gab man Kohlenpreise stark in eben diese investierte und sich so gegenüber die Kohlechemie auf, obgleich zahlreiche Verfahren und Werkseinrich- den Briten langfristig einen komparativen Kostenvorteil erarbeitete. tungen auf diesem Einsatzstoff beruhten und der Umstieg erhebliche Schließlich bleibt noch die (Robert-Lemke-)Frage zu beantworten: Investitionen erforderte. Welche Wirtschaftsgeschichte hätten Sie denn gern? Wohl wissend, Selbstverständlich kamen und kommen nicht alle Preise auf „frei- dass heutzutage das Wünschen nicht mehr viel bewirkt (in meinem en“ Märkten zustande und zeigen als Knappheitsindikator durch den Alter eh nicht; außerdem gibt’s ja auch keine 5 D-Mark ins Schwein- Ausgleich von Nachfrage und Angebot die „reale“ Wertschätzung chen) und letztlich auch in der Ressourcenwirtschaftsgeschichte viele der Marktteilnehmer an. Daher ist Laura Rischbieter abermals zu- Wege nach Rom führen, möchte ich die Frage jedoch anders herum zustimmen, dass nicht von der in den Wirtschaftswissenschaften zu stellen und in Bezug auf meine vorherigen Ausführungen beantwor- oft unkritisch vorausgesetzten Annahme ausgehen sollte, dass Märk- ten: Welche Wirtschaftsgeschichte hätte ich nicht gerne? Hier ist meine te stets „Recht“ haben und den wahren Preis hervorbringen. Auch Auffassung eindeutig: Auch ich bin wie die anderen Mitdiskutanten unabhängig von politischen Preisfestsetzungen und anderen außer- der Meinung, dass Wertschöpfungsketten oder aber Produktstudien ökonomischen Interventionen in die Märkte werden die Marktpreise wichtige und fruchtbare Zugangsweisen zur Entwicklung der globalen häufig auch durch die jeweiligen Marktverfassungen und Marktstruk- Ressourcenwirtschaft in der Neuzeit darstellen (den großen Erkennt- turen beinflusst, zum Beispiel durch Kartellabsprachen, die Zulassung niswert der Wertschöpfungsketten hat kürzlich ja Andrew Godley nur bestimmter Marktteilnehmer die spezielle Definition der gehan- anhand der Verbreitung des Tiefkühlhähnchen und der damit verbun- delten Güter oder aber die Verteilung der Verfügungsrechte. Genau denen Entstehung des Hühnchenmassenkonsums in Großbritannien hier sollten historische Studien denn auch ansetzen, indem sie neben 39 40 H-Soz-u-Kult Debatte „Ressourcen“ in den Geschichtswissenschaften nach 1950 sehr schön deutlich gemacht).5 dischen Herausforderung umzugehen. Nur Außenstehende stören Ich sehe allerdings ein Problem, wenn demnächst zahlreiche Mikro- gelegentlich, indem sie einen technologischen bzw. ökologischen De- studien entstehen, die allein detailliert dem Weg einzelner Ressourcen terminismus wittern. Technik- und Umwelthistoriker sind von solchen und die damit verbundenen Transaktionen, Praktiken und Verwer- Vorwürfen inzwischen eher genervt als irritiert. Weder Technik noch tungen bis hin zum Konsumenten nachvollziehen, aber dabei die Umwelt determinieren Geschichte. Aber sie setzen dem menschlichen makroökonomischen Zusammenhänge oder einzelne ökonomische Wollen Grenzen, und diese Grenzen verstehen wir umso besser, je Parameter wie die Preisentwicklung unberücksichtigt lassen. Eine mehr wir über die jeweiligen Logiken wissen. so vorgehende Geschichtsschreibung würde meiner Meinung nach Vielleicht könnten wir uns an dieser Gelassenheit ein Beispiel neh- anhand zahlreicher Beispiele häufig nur die Nutzungsweisen der Res- men, bevor wir um die Ressource als Akteur einen neuen Theoriekon- sourcen anschaulich illustrieren, aber nicht vollständig erklären. Das flikt vom Zaun brechen. Es bleibt bei den Ressourcen ein materielles Thema würde oberflächlich behandelt und damit verschenkt. Substrat, das sich in Diskursen und Marktprozessen nicht auflösen lässt. Frank Uekötter: Vor einiger Zeit fragte mich eine amerikanische Kol- Der entscheidende Einwand scheint mir aus einer anderen Rich- legin, warum man in Europa eigentlich ständig die Akteur-Netzwerk- tung zu kommen. Wenn man die Materialität der Ressource ernst Theorie zitieren muss. Die jüngsten Wortmeldungen sind da nicht nimmt, kommt dabei mehr heraus als Trivialitäten? Sind stoffliche gerade geeignet, solchen Befremdungen entgegenzutreten. Es war zu Eigenschaften und ihre Folgen nicht derart offenkundig, dass man erwarten, dass der Latour’sche Aktant sich auch in diese Debatte ein- sich die theoretischen Klimmzüge sparen kann? Aber neben der Stoff- schleichen würde. Ebenfalls zu erwarten waren die Abwehrreflexe: lichkeit (die im Zeitalter der Großchemie natürlich nicht mehr ganz Nein, Ressourcen sind keine Akteure, da erst der Mensch den Kohle- so trivial ist) gibt es noch einen zweiten Aspekt der Ressource, der flöz zum Rohstoff macht. So weit, so vertraut. Beachtung verdient, und das ist das Trägheitsmoment. Wenn jährlich Was bei solchen Diskussionen jedoch meist vergessen wird: Die zwei Milliarden Tonnen Eisenerz und sieben Milliarden Tonnen Koh- Geschichtswissenschaft hat längst Wege gefunden, mit nichtmenschli- le in Bewegung gesetzt werden, dann haben diese unvorstellbaren chen Akteuren umzugehen – ganz pragmatisch, ohne dichten Theo- Massen eine Tendenz, ihre Bewegung fortzusetzen. Natürlich nicht rieverhau und (pardon!) französische Intellektuelle. In der Technikge- allein aus physikalischen Gründen – denn die Bewegung der Stoffe schichte ist die Eigenmacht des Artefaktischen ein vertrautes Thema. bleibt ja letztlich Menschenwerk. Tatsächlich ist die Option, das Träg- Things bite back, wie es Edward Tenner so schön formulierte. In der heitsmoment zu stoppen, jedoch eine ziemlich theoretische – und das umwelthistorischen Forschung hat es die Eigenlogik der natürlichen ist noch freundlich ausgedrückt. Wir sehen das von der deutschen Umwelt zu einem vergleichbaren Status gebracht. Wenn der Mensch Lebensmittelversorgung im Ersten Weltkrieg bis zur Ölkrise von 1973: ein Feld beackert, kann der Boden versalzen, verdörren, versauern, Wenn Stoffströme plötzlich versiegen, regiert bald die blanke Panik. verdichten, ganz egal, was der Mensch sagt und denkt. Beide Diszi- Es geht also bei den Ressourcen nicht um einen weiteren Akteur, plinen haben nach einigem Hin und Her gelernt, mit dieser metho- der sich freundlich in die Riege der bekannten Protagonisten einreiht. 5 Andrew Godley and Bridget Williams, Democratizing luxury and the contentious Es geht um eine neue Sichtweise auf die vertrauten Prozesse der Res- „invention of the technological chicken“ in Britain. Business History Review, 83 (2009), 2, S. 267-290. sourcenallokation, wie sie sich in einigen Arbeiten über Commodity 41 42 H-Soz-u-Kult Debatte „Ressourcen“ in den Geschichtswissenschaften Chains andeutet. Wir sollten Ressourcengeschichte nicht nur als heroi- Urangst des Ressourcensektors, jedenfalls in der Industriemoderne, sche Geschichte der Erschließung immer neuer Stoffwelten schreiben, die auf die ständige Verfügbarkeit von Stoffen angewiesen ist. Das sondern umgekehrt auch – wohlgemerkt auch! – als die Geschichte ausgeprägte Selbstbewusstsein, das eine bemerkenswerte Konstante von Getriebenen: von Leuten, die Stoffströme um jeden Preis auf- der Ressourcenwirtschaft ist, dürfte nicht zum geringsten mit dieser rechterhalten müssen. Das Trägheitsmoment der Ressourcen lässt den Angst zusammenhängen. Wer ist schon gerne Getriebener anonymer menschlichen Akteuren keine andere Wahl, als irgendwie für Nach- Ressourcenflüsse? schub zu sorgen, in mindestens gleichen Umfang. Zugleich wissen Natürlich ist eine solche Sichtweise ungewohnt, irritierend, fast diese Akteure aber nur zu gut, wie fragil Rohstoffströme sind. Auf dem schon subversiv. Aber sollte das gute Geschichtsschreibung nicht auch langen Weg vom Bergwerk oder vom Acker bis zum Konsumenten sein? kann eine Menge schiefgehen. Monika Dommann: Diskutiert haben in dieser Debatte vor allem die Zugleich aber darf nichts schiefgehen. Irgendwie für Nachschub Wirtschaftshistoriker/innen, die Sozialhistorikerin, der Umwelthisto- sorgen – wir wissen inzwischen nur zu gut, wie viel menschliches Leid riker und ich. Vielleicht ist unsere Runde auch ein Indiz dafür, dass sich mit diesem Wort verbinden kann. Silber aus den Anden, Kau- das Interesse an Ressourcen eine Spezialität geblieben ist, für jene die tschuk aus dem Kongo, Öl aus Saudi-Arabien – es ist schon betrüblich, zuständig sind für die materielle Kultur, für relative Preise, für die was Menschen anstellen, nur um Stoffströme aufrechtzuerhalten. Die soziale Konstruktion des Marktes, oder auch jene, die sich für die inhärente Brutalität des Ressourcensektors hat viele moralische Klagen Kategorie des Sozialen interessieren. Wir sind unter uns geblieben. provoziert, auch, ja gerade von jenen, die diesen Sektor verkörpern Es fehlt nicht bloß die für die großen Erzählungen zuständige Allge- und formen. Selbst vom langjährigen saudi-arabischen Ölminister Ah- meine Geschichte. Auch die Forscher, die sich mit der Zeit vor 1800 med Zaki Yamani ist die Bemerkung überliefert, dass man vielleicht beschäftigen, sind nicht vertreten. besser Wasser entdeckt hätte.6 Es ist höchste Zeit, dass wir diese mora- Methode entstammt dem Griechischen und besagt wortwörtlich: lische Entrüstung als Ausdruck einer strukturellen Lage des Sektors Den Weg zu etwas hin. Welche Wege wurden denn gewählt von der ernst nehmen und zu erklären versuchen. Wenn man Ressourcenma- historischen Wissenschaft? Und welche verlassen? Wann stand sie an nager als Getriebene anonymer Stoffströme sieht, könnte das ein erster einer Kreuzung und wann wusste sie nicht mehr weiter? Zunächst Schritt in diese Richtung sein. stellt sich an dieser fast schon letzten Wegmarke unserer Debatte die Wenn man Ressourcengeschichte einmal auf diesem Wege schreibt, Frage, warum unsere Runde bei der Frage nach der Geschichtlich- wird nämlich etwas sichtbar, was oft hinter den großen Egos der Pro- keit der Ressourcen und Materialien fast so reflexartig wie ein Paw- duzenten verborgen bleibt: Angst. Es gibt vielleicht keinen anderen lowscher Hund (oder wie die salutierenden Garden am Buckingham Wirtschaftssektor, in dem Allmacht so leicht in Ohnmacht umschlägt Palace) zur Anschlussfrage nach deren Handlungsmächtigkeit und – von der Zerschlagung des Standard Oil-Kartells 1911 bis zu British Agency kam. Ich komme darauf zu sprechen, weil ich bezweifle, dass Petroleum, einer Firma, die vor zwei Jahren fast pleite ging, weil ein dies die richtige, sprich: produktive Frage ist. Wer sagt denn, dass Ventil klemmte. Die Angst vor dem Stillstand der Stoffströme ist die wer Ressource sagt, auch Agency mitdenken muss? Die Menschen 6 Terry Lynn Karl, The Paradox of Plenty. Oil Booms and Petro-States, Berkeley u.a. waren noch nie unter sich, daran ist frei nach Bruno Latour zu erin- 1997, S. 187. nern. Sie haben schon seit langer Zeit beispielsweise Kohle gegraben, 43 44 H-Soz-u-Kult Debatte „Ressourcen“ in den Geschichtswissenschaften damit Fabriken angetrieben, daraus Farben gekocht und schließlich de, als sie beschlossen hatte, sich nicht mit der Natur zu beschäftigen, die Kohle wieder begraben und auf synthetische Farbstoffe gesetzt, sondern es stattdessen wagte Begriffe, Konzepte, Klassifikationen und die ihnen wiederum nicht immer gut bekamen. Die historisch wirklich Methoden für etwas zur erfinden, das sich in Auflösung befand und interessante Frage könnte meiner Ansicht vielmehr sein, warum die gleichzeitig damit auch neu geschaffen wurde, ist im Rückblick be- Einsicht, dass die Menschen nicht mehr unter sich seien, erst zu Beginn trachtet, ein Weg den die Geschichte nie gehen musste, weil sie andere der 1990-Jahre auftauchte, und nicht bereits etwa im 19. Jahrhundert, Interessen hat. In der Geschichte ging und geht es darum zu verste- als besonders viele neue Stoffe (Mischwesen) von den Menschen in hen, wie die Welt (mit den Naturstoffen und den Kulturtechniken und Umlauf gebracht wurden. Und dann würde sich auch noch die Frage den Menschen und ihren Ideen, Träumen und Enttäuschungen und stellen, warum diese Aussage so provozierte. Und wen sie besonders Verwerfungen) zu dem geworden ist, was sie heute ist. Und weil ihr traf. Untersuchungsgegenstand stets im Fluss ist, müssen auch die Metho- Ist es wirklich wünschenswert, dass nun in der Geschichtswissen- den hierfür immer wieder neu gefunden werden. schaft eine Debatte wiederholt wird, die bereits in den 1990er-Jahren nicht sonderlich produktiv war, als sie von den inzwischen metho- disch gestählten Soziologen und den wilden Spielverderber/innen aus Fazit der Science and Technology Studies betrieben wurde? Als Emile Durkheim (und andere protosoziologische Denker) zum H-Soz-u-Kult Redaktion: Nach drei Runden Diskussion kommen wir Ende des 19. Jahrhunderts das imaginäre Kollektiv des „Sozialen“ ge- nun zurück zum Ausgangspunkt. Nachdem ganz zu Beginn unserer schaffen haben, geschah dies in Abgrenzung zum Positivismus der Debatte nach dem analytischen Potenzial des Ressourcen-Begriffs ge- Naturwissenschaften und im Bemühen, dieselbe Anerkennung für die fragt wurde, haben Sie in der Diskussion zahlreiche Beispiele von Wert- eigenen Methoden der Beobachtung zu erlangen, die den Naturfor- ketten, mit geographischen und sozialen Distanzen, langen Akteurs- schern damals zukam. Es ging um die Schaffung von neuen Kategorien ketten, und Eigenlogiken der Kommodifizierung bestimmter Märkte für ein Gebilde, das seither „Gesellschaft“ genannt wird. Emile Durk- aufgezeigt. Trotz der „weiten“ Definition hielten sich die Beispiele in heim machte 1893 klar, dass dies ein kühnes Wagnis war: „Es gibt der Regel an Stoffen fest. Die mehrfach auftauchenden „Funktionslogi- nämlich nur ein Mittel, um eine Wissenschaft zu etablieren, sie näm- ken“ einzelner Etappen, die ein Stoff beispielsweise auf dem Weg vom lich, allerdings mit Methode, zu wagen.“7 Das Primat des Sozialen, afrikanischen Bergwerk über das Labor und die Fabrik in den westeu- das seither von der Soziologie gepflegt wurde und auch von der Sozi- ropäischen Haushalt durchläuft, deuten den Zusammenhalt der Res- algeschichte, die zeitweise in Deutschland beinahe zum allgemeinen sourcengeschichten über einen Stoff ebenso an wie den Zusammenhalt Paradigma der Geschichtswissenschaft aufgestiegen war, übernom- über ebendiese Funktionslogiken. Wenn wir nicht-materielle Ressour- men wurde, ist also historisch zu erklären und nicht mit historischer cen wie Institutionen in einer Gesellschaft, etablierte Verfahrensweisen Methodik zu verwechseln. oder Werte betrachten, kommen wir in Gedanken unweigerlich zurück Die Wegverzweigung, die damals von der Soziologie gewählt wur- zu den Krisen, die den zweiten Teil des Historikertagsmottos bilden 7 Emile Durkheim, Über die Teilung der sozialen Arbeit, (Paris 1893) Frankfurt a. M. und stets zur gesellschaftlichen Debatte einladen. Vor fast genau drei 1977, 82. Monaten hat Christine Lagarde der EURO-Zone für dessen Rettung 45 46 H-Soz-u-Kult Debatte „Ressourcen“ in den Geschichtswissenschaften noch drei Monate Zeit gegeben (12. Juni 2012). Wenn wir uns zum gleichermaßen omnipräsent und umkämpft, knapp und doch billig, Beispiel die gemeinsame Währung, die mit ihr geschaffenen Institu- gesichtslos und voller Geschichten, veränderbar und zugleich an feste tionen und die Debatte über neue Verfahren und Instrumente der stoffliche Eigenschaften gebunden. Die ständige Verfügbarkeit von europäischen Geldpolitik anschauen - hilft uns dann eine Perspek- Ressourcen ist selbstverständliche Grundlage moderner Wohlstandsge- tive, die diese Institutionen als Ressourcen ansieht, für die Analyse, sellschaften und zugleich ausgesprochen prekär. Gemessen daran, wie oder verdeckt der Begriff mehr als er offenbart? Allgemeiner gefragt: viel im modernen System der Ressourcenallokation schief gehen kann Bleiben die „Funktionslogiken“ zu implizit und verflüchtigt sich das und tatsächlich schon schiefgegangen ist, kann man die Sorglosigkeit Potenzial des Ressourcen-Begriffs mit dem Stoff, dessen Geschichte er der modernen Konsumenten nur verwunderlich nennen. beispielsweise in Produktbiographien erhellen kann? Von daher sehe ich ein besonderes historiographisches Potential bei jenen Ressourcen, die stofflich nicht festgelegt sind. Der Wald der Frank Uekötter: Institutionen als Ressourcen in der Euro-Krise – un- Frühen Neuzeit war gleichermaßen Brennstofflieferant, Baumaterial serer Diskussion scheint eine Tendenz zur Entgrenzung innezuwoh- für Städte und Flotten, Weideplatz für Schweine und Grundlage der nen, desgleichen ein Hang zu dem, was die Amerikaner „presentism“ vormodernen Chemie. Oder man nehme die Maispflanzen, die der nennen. Nun sitze ich nach meinen früheren Bemerkungen hier im menschlichen wie der tierischen Ernährung dient und darüber hinaus Glashaus, aber vielleicht sollte man an der stets heiklen Grenze von seit ein paar Jahren die Energiepflanze par excellence ist. Ein dichtes historischer und tagespolitischer Betrachtung auch einmal Zurück- Geflecht soziokultureller und ökonomischer Bedingungen entscheidet haltung üben. Ob es für die Ressourcengeschichte wirklich hilfreich darüber, welche Art des Konsums am Ende die Oberhand gewinnt. ist, sich in die Kakophonie der Euro-Debatte einzuklinken? Gute Ge- Man könnte geradezu von einer Art Indikatorfunktion solcher po- schichtsschreibung lässt sich meines Erachtens von der Gegenwart lyvalenter Ressourcen reden. Stoffströme sind nicht der schlechteste inspirieren, geht in den aktuellen Debatten jedoch nicht auf. Als An- Spiegel einer Gesellschaft. hängsel einer hitzigen gesellschaftlichen Großdebatte wird der einsa- me Intellektuelle leicht mitgeschleift – und das ist meist keine sehr Christiane Reinecke: Kann man sich produktiv darüber streiten, ob angenehme Situation. etwas eine „Ressource“ ist oder nicht? Birgt der Begriff der „Ressour- Mir scheinen solche Bemühungen um Anschluss umso weniger ce“ selbst Konfliktpotential? Wirft man in einer politischen Diskussion nötig zu sein, als unsere Debatte zweifellos gezeigt hat, dass es bei den Satz in die Runde, dass es sich bei diesem oder jenem um eine Res- den Ressourcen weder thematisch noch methodisch einen Mangel an source handelt, ist die Wahrscheinlichkeit jedenfalls groß, dass es die Gesprächsstoff gibt. Es gibt eine Vielzahl von Themen mit geradezu anderen nicht von den Stühlen haut. Entweder werden sie annehmen, magischer Anziehungskraft – um Monika Dommanns Formulierung dass es irgendwie um Rohstoffe geht, oder sie werden davon ausge- aufzugreifen. Ressourcen sind in der Geschichte alles Mögliche, aber hen, dass es um das große Potential einer Sache geht. In jedem Fall bestimmt nicht trivial. Dass Ressourcen problemlos zu sein scheinen, gäbe es Klärungsbedarf. Aus ähnlichen Gründen bezweifele ich, dass heißt ja noch lange nicht, dass sie tatsächlich problemlos sind. es hilft, die Eurokrise als Ressourcen-Krise oder die Instrumente der Von daher könnte es historiographisch lohnend sein, Ressourcen- europäischen Geldpolitik als Ressourcen zu fassen. Mal davon abgese- geschichte mehr als eine Geschichte von mehreren ineinander ver- hen, dass ich Frank Uekötter zustimme, wenn er eine gewisse Distanz schachtelten Paradoxien zu schreiben. In der Moderne sind Ressourcen zu aktuellen Debatten für angeraten hält, habe ich nicht den Eindruck, 47 48 H-Soz-u-Kult Debatte „Ressourcen“ in den Geschichtswissenschaften dass der Begriff der Ressource selbst eine eigene Deutungsrichtung Monika Dommann: „Wenn es mir doch gelänge, den Weltmoment in nahelegt oder damit eigene Interpretationsangebote verbunden wären. dem wir uns befinden, deutlicher, unzweifelhafter, als es gewöhnlich Sofern es das analytische Potential eines Begriffs ausmacht, zuzuspit- geschehen mag, zur Anschauung zu bringen.“ Diesen Wunsch, oder zen und einen bestimmten Aspekt sichtbarer und verständlicher zu vielmehr dieses Programm, stellte niemand geringerer als der alte machen, erscheint das Potential des Ressourcenbegriffs begrenzt. Das Übervater der deutschen Historikerzunft Leopold von Ranke seiner hängt in erster Linie mit der Ambivalenz oder Vieldeutigkeit des Res- 1833 erschienenen Schrift „Die grossen Mächte“ voran. Die Geschichts- sourcenbegriffs zusammen, der zu Beginn dieser Debatte thematisiert wissenschaft ist in ihrer Inkubationsphase eine enge Beziehung mit wurde. Was jeweils mit dem Begriff der Ressource gemeint ist und dem Staat und der Politik eingegangen, die sich bis heute erhalten hat war, muss eben stets auf Neue geklärt werden. und auch an Deutschen Historikertagen durch die Anwesenheit von Bleibt die Frage, inwiefern die Ambivalenz des Begriffs analytisch Politikerinnen und höchsten Richtern gepflegt wird. Die Staatsnähe tatsächlich eine Stärke ist – oder eben nicht. Einer Veranstaltung wie spiegelt sich an diesem periodisch abgehaltenen Ritual auch in dem dem Historikertag kommt es jedenfalls zugute, dass sich über den von Ranke formulierten Anspruch, die Wissenschaftssoziabilität mit Begriff verschiedene Themenfelder und Forschungsperspektiven zu- der Weltmomentdeutung zu vereinen. sammenbringen lassen. Auch kann das Spiel mit der Uneindeutigkeit Neben dem Archivkult (Lorraine Daston) und dem Vetorecht der zu einer Methode werden, indem das, was als Ressource untersucht Quellen (Reinhart Koselleck) ist die Prämisse des Mitbegründers des wird, nicht von vornherein einem Bereich – der Wirtschaft, der Politik, Historismus, den Augenblick durch Auseinandersetzung mit dem Ver- der Wissenschaft – zugeordnet wird, sondern indem darüber, wie von gangenen zu deuten, zu analysieren oder zu dekonstruieren (je nach- Monika Dommann empfohlen, Vermischungen von Wirtschaftlichem, dem ob man der Hermeneutik, der historischen Sozialwissenschaft Politischem, Kulturellem sichtbar gemacht werden und sich, wie Lau- oder der Postmoderne zugewandt ist) weiterhin ein gemeinsames ra Rischbieter nahelegt, „kulturgeschichtliche mit wirtschafts- und Paradigma der versammelten deutschen Geschichtswissenschaftler politikhistorischen Perspektiven methodisch verbinden lassen“. Wird in Mainz geblieben. So weit weg von Leopold von Ranke ist man Ressource als Stoff analysiert, der verschiedene Etappen und Funkti- vielleicht dann doch nicht gekommen in unserer (etwa im Vergleich onslogiken durchläuft, der nicht klar einem Feld oder einem Raum zur Soziologie oder Politikwissenschaft) traditionellen Disziplin. Die (dem Lokalen, Nationalen, Globalen) zugeordnet ist, sondern quer Aufforderung der Redakteurinnen zum Schluss dieser Debatte end- dazu liegt, hat das auf jeden Fall Potential. Doch bleibt es dabei, dass lich doch noch etwas zur Eurokrise zu sagen, historisch informiert, mir „Ressource“ weniger als analytischer Begriff denn als Suchbegriff wenn möglichst mit Hilfe des Tagungsmottos „Ressource“ und doch und als Gegenstandsbereich interessant zu sein scheint, als etwas, über bitte in Form einer Debatte, ist also auch in Zusammenhang mit einer dessen Deutung oder Nutzung die Zeitgenossen in Konflikt gerieten periodischen Rückversicherung dieser special relationship zu sehen. (oder sich einigten) – und das daher historisch von Interesse ist. Über Trotzdem hatte niemand in dieser Runde so richtig Lust den Bo- die Frage wiederum, wie man mit der Ambivalnez von Ressourcen als gen von der Ressource zur Eurokrise zu schlagen und das Potential Gegenstand historischer Analysen umgeht, zumal mit Blick auf ihre des Ressourcenkonzeptes gleichsam einem Weltmomentdeutungslack- materielle und immaterielle Dimension, lässt sich durchaus produktiv mustest zu unterwerfen. Die Weigerung unserer Runde die Eurokrise streiten, denke ich. ressourcenhistorisch zu kommentieren, hat gute Gründe. Das ehe- 49 50 H-Soz-u-Kult Debatte „Ressourcen“ in den Geschichtswissenschaften malige Monopol der schnellen Gegenwartsdeutung muss das Fach hinweisen, wozu zweifelsohne auch Institutionen im weiteren Sinne inzwischen mit den Soziologen, den Politologinnen und auch den gehören. Ökonomen teilen. Es gibt zu Beginn des 21. Jahrhunderts eine Ar- Nicht nur wegen der damaligen Festlegung bin ich auch jetzt am beitsteilung in der Zeitdiagnostik, wobei diese Fächer für die schnelle, Ende der Diskussion weiter der Überzeugung, dass der Ressourcenbe- theoretisch gestützte Extrapolation verantwortlich geworden sind. griff sich nicht nur auf „Stoff-Geschichte“ reduzieren sollte, sondern Dies ist für die Geschichte ein eigentlicher Glücksfall. Und zwar auch in einem weiteren Sinne durchaus nützlich ist. Allerdings – und ein Glück, dessen sie sich noch viel zu wenig gewahr geworden ist. Sie da kommt bei mir dann doch wieder der sozialwissenschaftlich arbei- kann es sich nun leisten langsamer zu sein, gründlicher, vorsichtiger tende Historiker durch –, kann man nur vor einer Überstrapazierung aber auch spielerischer. Sie kann nun Spielverderberin spielen, die Po- dieses Begriffes und einer Beliebigkeit seiner Anwendung waren. Wie litik und den Staat beobachten, ohne dabei gleichzeitig die große Last auch bei anderen neueren Forschungsbegriffen und -konzepten be- des staatstragenden Programms zu tragen. Und sie kann damit Rankes steht in der mittlerweile stark von schnellen Modezyklen beeinflussten Deutung des Weltmoments, beziehungsweise die Frage, warum die Geschichtswissenschaft die Gefahr (diese erscheint mir in den letzten Welt zu dem geworden ist, was sie heute ist, vielleicht in neuer Leich- zehn, zwanzig Jahren sehr viel realer als die Nähe der Historiker zu tigkeit angehen. Und damit hoffentlich der Welt Überlegungen zur Politikern und anderen Großen der Gesellschaft), dass durch einen Verfügung stellen, die fremder, überraschender, verstörender und da- inflationären Gebrauch irgendwann alles Ressource ist und der Be- mit vielleicht gerade deshalb hilfreicher sind, als die schnellen Urteile griff inhaltsleer wird. Die Verwendung der Konzepte des „Sozialen der Gegenwartsdiagnostiker. Kapitals“ oder noch aktueller des „Netzwerks“, das vielfach mit sozia- Auf nach Mainz, geschätzte Kollegen und Kolleginnen! len Beziehungen gleichgesetzt und so absurdum geführt wird, zieht schließlich nach sich, dass die historischen Prozesse mehr verdeckt als Ralf Banken: Wenn es dem Ende zugeht, fehlt irgendwie immer die offen gelegt werden. Zeit und alle sollten sich kürzer fassen; dem Beispiel der anderen Bei- Dies spricht nicht gegen die Verwendung derartiger Konzepte, sei träge der vierten Runde schließe ich mich gerne an. Auf die Frage, in- es als Motto eines Historikertages oder aber zu einer spielerischen An- wieweit „Funktionslogiken“ zu implizit bleiben und das Potenzial des näherung an neue Sichtweisen wie von Monika Dommann gefordert. Ressourcen-Begriffs sich alleine für „Stoff-Geschichten“ als nützlich Mir scheint jedoch, dass durch einen unflektierten und inflationären erweist, habe ich bereits in meiner ersten Antwort darauf verwiesen, Gebrauch das Potential auch des Ressourcenbegriffes verschenkt wer- werden in der Ökonomie nicht nur Roh- oder stoffliche Güter als Res- den könnte, bevor die Erkenntnismöglichkeiten nur annähernd ausge- sourcen betrachtet, sondern auch Kapital, Arbeit, Institutionen und der lotet würden. Wünschenswert wären daher sowohl eine weiterführen- menschliche Erfindungsgeist. Insofern ist es mehr als gerechtfertigt, de – aber nicht ausufernde und sich selbst genügende – theoretische auch Institutionen als Ressourcen in der Eurokrise zu betrachten und Auseinandersetzung mit „Ressourcen“, als auch zahlreiche Einzelstu- anders als Monika Dommann bin ich durchaus der Meinung, dass dien. Diese sollten den Begriff mit begrenzten Fragestellungen und Historiker sich auch zu momentanen Krisen äußern sollten: sie sollten klaren Definitionen nutzen, da durch eine schwammige Begrifflichkeit einzig die Prognosen anderen überlassen und selbst auf vergleichbare nicht nur das Erkenntnispotential des Begriffes verschenkt würde, son- Situation in der Geschichte und die vielfach unterschätzten unter- dern die Studien auch innerhalb kürzester Zeit unmodisch würden. Ich schwelligen Kontinuitäten der modernen Wirtschaftsgesellschaften 51 52 H-Soz-u-Kult Debatte „Ressourcen“ in den Geschichtswissenschaften bin mir sicher, dass in dieser Weise gut fundierte Ressourcenstudien Genauer gesagt: Ging es beim letzten Historikertag um Phänome- die Entwicklung von Wirtschaft und Gesellschaft quer zu bisherigen ne globaler Entgrenzung, so ließe sich unter dem diesjährigen Motto klassisch „sektoralen“ Zugriffsweisen aufschließen können. Auf diese das Erkenntnisinteresse vielleicht auf sozialhistorische Themen rich- Weise könnten mittels Wertschöpfungs- und Akteursketten nebst den ten. Es geht also darum – so eine Ressourcengeschichte würde ich dazugehörigen Rahmenbedingungen über einzelne Produktbiogra- mir wünschen –, über eine Analyse der Allokation und Distribution phien hinaus Kontinuitäten, Pfadabhängigkeiten oder Veränderungs- von Ressourcen in der longue durée zu untersuchen, wie Gesellschaf- prozesse der modernen Ökonomien und Konsumgesellschaften gut ten sozial verfasst sind und welche Rolle hierfür Politik, Haushalte, erklärt werden. Unternehmen, Märkte, aber auch öffentliche Institutionen, einzelne Rohstoffe oder Bildung bis hin zu Ideen spielen. Wenn die Sozialge- Laura Rischbieter: Ob nun analytisches Potential oder nicht, ob nun schichte auf diese Art und Weise revitalisiert werden könnte, also eine eher materieller oder doch flüchtiger Gegenstand mit Agency oder so verstandene „Ressourcengeschichte“ eine neue Perspektive auf ver- nicht, ob nun aktuell, innovativ oder originell oder all das auch eher gangene Lebensumstände bis hin zu politischen Konflikten zwischen nicht, unsere Debatte zeigt vor allem, dass sich die Suche nach an- Nationalstaaten ergäbe, dann wäre das Motto des Historikertags in gemessenen geschichtswissenschaftlichen Narrativen (Runde 2) und der Tat innovativ und originell. Methoden (Runde 3) zur Analyse der Vergangenheit nicht einfach in Begriffsdefinitionen, Methodenpluralismen und gegenwartsbezoge- Birte Förster: Wenn ich zurück an den Anfang der Debatte gehe, dann nen Themensetzungen auflösen lässt. Zumindest ist das unbefriedi- sind Ressourcen aus meiner Sicht vor allem aus zwei Gründen inter- gend. Zwar lassen sich Ressourcen vielfältig definieren und ebenso essante, lohnenswerte Gegenstandsbereiche historischer Forschung: vielfältig analysieren. Dieser Befund verdeutlicht aber allein, dass in Zum einen sind sie eine methodische Herausforderung, denn sie for- dem Schlagwort „Ressourcen“ selbst sich nicht wie von selbst auch dern einen Methodenpluralismus und damit auch zur Reflexion des ei- zugleich analytisches Potential verbirgt. genen Fachs heraus. Gewinnbringend scheint eine engere Verzahnung Vermutlich sind und bleiben es allein unsere gegenwartsbezogenen mit wirtschafts- und technikhistorischen Themen zu sein, um Stoffströ- Fragen, angewendet auf die Vergangenheit, die das Schlagwort „Res- me und Wertzuschreibungen noch genauer untersuchen zu können. sourcen“ in geschichtswissenschaftliche Analysen überführen können. Zugleich bieten sich Ressourcen jedoch auch an, um neue Perspekti- Daher erscheint es mir (egal in welcher Spielart, also ob nun kultur- ven auf Macht und Herrschaft zu gewinnen. Aus meiner Sicht lässt oder wirtschaftshistorisch, in globalgeschichtlicher Absicht oder mit re- sich anhand von Ressourcen eben jenes vielfältige Beziehungsgeflecht gionalem Fokus), dass das Debattieren über „Ressourcen“ zumindest von Kräfteverhältnissen beobachten, mit Foucault seinen prozessualen, eines zeigt: Deutsche Historikerinnen und Historiker interessieren sich dynamischen Machtbegriff charakterisiert. Dies würde den vielfälti- wieder (vermehrt) für langfristige Prozesse des gesellschaftlichen Wan- gen Akteursgruppen, die den Lebenszyklus von Ressourcen begleiten, dels und zwar unter dem Vorzeichen der Knappheit. Die Frage nach ebenso gerecht werden wie den damit verbundenen Wissensordnun- der Anwesenheit, dem Zugang, der Zuordnung, Verteilung, Verwal- gen, technischen Systemen und Wertzuschreibungen. Und damit auch tung oder Abwesenheit von „Ressourcen“, zwingt meiner Meinung der mehrfach angesprochenen Verschränkung von Wirtschaftlichem, nach zu analysieren, wie die Relation der (sozialen) Akteure zu diesen Politischem und Kulturellem. Die machtvollen Erzählungen, die mit Ressourcen ist. den Ressourcen verbunden sind, sind Teil dieses Machtgeflechts. Sie 53 54 H-Soz-u-Kult Debatte haben performativen Charakter, denn sie beeinflussen deren weitere Wahrnehmung und sind damit handlungsleitende Ordnungsvorstel- lungen. Zum zweiten sind Ressourcen ein lohnenswerter Gegenstand, da sie häufig transnational verflochten sind, also dem vielfach gefor- derten Abschied von einer national orientierten Geschichtsschreibung entgegen kommen. Wie auch die meisten anderen Diskutandinnen und Diskutanden mag ich aus unserer Debatte keine tagespolitischen Beurteilungen ableiten. Wesentlicher als den Begriff auch auf Institutionen auszu- weiten scheint mir der Umgang von Institutionen mit bestimmten Ressourcenlogiken zu sein, zum Beispiel an der Interaktion von Finanz- und Kolonialministerium in Großbritannien nach dem Zweiten Weltkrieg. Wenn Ressourcen schließlich auch dabei helfen könnten, den Begriff „Krise“ konsequent zu historisieren, wäre aus meiner Sicht viel gewonnen. Die Fragen stellten Torsten Kahlert und Claudia Prinz. 55 Alte Geschichte Querschnittsberichte Hintergrund dieser geringen Auswahl versteht es sich von selbst, dass Alte Geschichte sich nur ein sehr schlaglichtartiges Bild gegenwärtiger althistorischer von Thomas Blank und Philipp Altmeppen Forschung ergeben kann. Da zu einzelnen Sektionen ausführlichere Sektionsberichte vorliegen, soll im Folgenden der Schwerpunkt auf Besprochene Sektionen: die Frage gelegt werden, in welcher Weise sich das Rahmenthema Ressourcen – Konflikte in den althistorischen Sektionen widerspie- „Funktionale Differenzierung in der römischen Antike“ gelte. Interessant erscheint dies nicht zuletzt deshalb, weil trotz der „Das Wasser: Ressource zwischen Alltagsbedarf, Ingenieurkunst und geringen Zahl an Sektionen die Bandbreite der unterschiedlichen Wege Repräsentation. Eine Konversation zwischen Antike und Neuzeit“ der Annäherung an das Rahmenthema recht groß war, wobei der am „eAQUA/Dissemination: Neue methodische Zugänge zu Begriffsge- nächsten liegende Zugang (‚Ressourcenkonflikte‘ im Sinne politischer schichte und Quellenkritik in den Altertumswissenschaften“ oder militärischer Konflikte um natürliche Rohstoffe) nur am Rande „Zur Ökonomie römischer Nahbeziehungen“ vertreten war. Großkonferenzen wie Historikertage bedürfen weit gefasster Rah- Ein Verständnis von ‚Ressource‘ als ‚natürlichem Rohstoff‘ lag le- menthemen, die einerseits durch allzugroße thematische Streuung diglich der biepochalen Sektion „Das Wasser: Ressource zwischen bedingte Zusammenhangslosigkeit und Unübersichtlichkeit der Kon- Alltagsbedarf, Ingenieruskunst und Repräsentation – Eine Konverstan- ferenz verhindern, andererseits für Fachvertreter/innen unterschied- tion zwischen Antike und Neuzeit“ zugrunde, die von SITTA VON lichster Epochen, Forschungsgebiete und Interessen in einer Weise REDEN (Freiburg im Breisgau) und CHRISTIAN WIELAND (Freiburg anschlussfähig sind, dass aktuelle Forschungsarbeiten damit verbun- im Breisgau) geleitet wurde. Im Fokus dieser Sektion stand die Nutz- den und präsentiert werden können, ohne im buchstäblichen Sinne aus barkeit des Wassers als lebenswichtige, aber schwer zu kontrollierende dem Rahmen zu fallen. Aufgabe eines Querschnittsberichts ist es nun, und zu organisierende materielle Ressource. Die gleichzeitige Alltäg- das zu einem größeren Forschungsfeld oder einer Epoche angebotene lichkeit und Unberechenbarkeit dieser Ressource habe einerseits dazu Konferenzprogramm – normalerweise aufgrund der Fülle an Ange- geführt, dass das Wasser als historischer Gegenstand bisher wenig boten nur in Auswahl – im Hinblick auf darin sich widerspiegelnde Beachtung gefunden habe, andererseits, dass es fast unausweichlich Forschungstrends, aktuelle Debatten, methodische Fragen etc. zu kom- Gegenstand von Konflikten über seine alltägliche Nutzung werden mentieren. Eine etwas schwierige Aufgabe stellt sich freilich dem, der musste. Letzteres wurde von NEVILLE MORLEY (Bristol) anschau- über eine historische Großepoche zu berichten hat, die im Konferenz- lich gemacht mit dem Hinweis auf den konkurrierende Flussanrainer programm derart unterrepräsentiert ist, dass von einem Querschnitt bezeichnenden Begriff der rivales. Gleichzeitig wurde deutlich, dass im eigentlichen Sinne kaum die Rede sein kann. So verhält es sich beim neben dem Wasser an sich auch Techniken seiner Erschließung und Historikertag 2012 in Mainz mit der Epoche der Alten Geschichte, die die daraus resultierenden Möglichkeiten zu Erwerb, Repräsentation im engeren Sinne nur von drei Sektionen (zur römischen Geschichte und Festigung von Macht wichtige Ressourcen im gesellschaftlichen bzw. digitalen Forschungsressourcen) vertreten wurde. Dazu kam ei- Gefüge sowohl der Antike als auch der Neuzeit darstellten. ne biepochale Sektion, die leider ungeachtet des schmalen Angebots Dies konnte einerseits für den Personenkreis der Herrschenden zeitgleich zu einer der althistorischen Sektionen stattfand. Vor dem gelten, die durch die Leistungen für die Bevölkerung, also die Wasser- 57 58 Thomas Blank, Philipp Altmeppen Alte Geschichte versorgung, und deren Repräsentation ihre Legitimation festigten, wie len zwischen Antike und Neuzeit, die eine gute Basis für tatsächliche Sitta von Reden für die Ptolemäer zeigte, während ASTRID MÖLLER Konversation zwischen den Epochen darstellten, und insofern in der (Freiburg im Breisgau) der Frage nachging, ob in architektonischen vergleichenden Betrachtung von ökonomisch-sozialen Mechanismen Großprojekten angelegte Wasserleitungen etwas typisch monarchi- eine Ressource der Forschung für die Zukunft erkennen lassen. sches seien. Gut vergleichen ließ sich hiermit die nach CHANDRA Ein ebenfalls eher klassisches Verständnis von ‚Ressourcen‘ lag MUKERJI (San Diego) explizit zur Ausweitung und Stärkung der der von ELKE HARTMANN (Darmstadt) organisierten Kurzsektion Monarchie betriebene Anlage des Canal du Midi durch Ludwig XIV. „Zur Ökonomie römischer Nahbeziehungen“ zugrunde. Im Zentrum Andererseits konnte die technische Überwindung der Natur, wie sie standen Strategien der erbrechtlichen Sicherung, Ausweitung oder in der Beherrschung des Wassers zum Ausdruck kommt, auch derart Streuung privaten Besitzes als wirtschaftlicher und sozialer Ressour- geschickt repräsentiert werden, dass sie den sozialen Aufstieg einer ce in der römischen Gesellschaft von der Republik bis ins frühe 2. ursprünglich nicht privilegierten Schicht wie der Ingenieure in Italien Jahrhundert n.Chr. WILFRIED NIPPEL (Berlin) lenkte in einem for- und England des 16. und 17. Jahrhunderts ermöglichte, wie Christian schungsgeschichtlichen Überblick zur Gestalt der ‚Nahbeziehungen‘ Wieland darlegte. Auch FRANZ-JOSEF BRÜGGEMEIER (Freiburg im den Blick über die Orthodoxien der älteren Forschung (vor allem in Breisgau) kam zu dem Ergebnis, dass der von der Bürgerschaft getra- Bezug auf Patronageverhältnisse) hinaus besonders auf die von der gene monumentale und repräsentative Ausbau von Kanalisationen jüngeren Forschung eröffneten Perspektiven einer differenzierten Inter- im 19. Jahrhundert einer „technokratischen Elite“ die Projektionsflä- pretation sich überschneidender bzw. integrierter Funktionen sozialer che für die Formulierung ihres Selbstbewusstseins bot. Auf Grenzen und wirtschaftlicher Interaktion.1 der Verfügbarkeit von Wasser als in diesem Sinne politischer Ressour- In diesem Sinne untersuchte ANN-CATHRIN HARDERS (Biele- ce wiesen Neville Morley und Chandra Mukerji hin, indem sie die feld) auf kulturanthropologischer Grundlage die Modi der Übertra- Diskrepanz zwischen Anspruch auf Beherrschung des Wassers und gung von Eigentum im republikanischen Erbrecht. Ein besonderes Wirklichkeit schwieriger technischer Beherrschbarkeit dieser Ressour- Interesse, das Vermögen der (wohlhabenden) familia im Erbfall zu- ce aufzeigten, die die Durchsetzung des Monopolisierungsanspruchs sammenzuhalten und vor einer Verteilung auf viele Erben zu bewah- weitgehend verunmöglichte und so auch Konflikte zwischen Herr- ren, lässt sich weder bei intestaten Erbschaften erkennen, in denen schenden und Bevölkerung hervorrufen konnte. einzelne Personen nicht als Haupterben bevorzugt und männliche Der Sektion lag also eine weite Definition mit vielfältigem Verständ- und weibliche Erben (wohl aber agnate und kognate Linie) rechtlich nis von Ressourcen zugrunde, sowohl der sehr konkreten materiellen nicht unterschieden wurden, noch bei testamentarischer Regelung Ressource und ihrer Verteilung, besonders in der Antike, als auch der des Erbes, bei der in praxi statt einer Beschränkung der Erben eher abstrakten Nutzung von Wasserarchitektur als Repräsentationsme- zusätzliche Zweit- und Dritterben eingesetzt oder gar Legate an Grup- dium zwar auch in der Antike, aber vor allem in der Neuzeit. Den pen festgelegt wurden. Auch für aus dieser Tendenz zur breiteren roten Faden in den Vorträgen bildete die Untersuchung der Zusam- Besitzstreuung resultierende Dysfunktionalitäten (Erbschaftsstreitig- menhänge zwischen der Repräsentation technischer Beherrschung 1 Zum Beispiel Koen Verboven, The Economy of Friends. Economic Aspects of amici- des Rohstoffs Wasser und der damit in Verbindung stehenden Macht. tia and Patronage in the Late Republic, Collection Latomus 269, Brüssel 2002; Fabian Auffällig waren hierbei die vorausgesetzten und aufgezeigten Paralle- Goldbeck, Salutationes. Die Morgenbegrüssungen in Rom in der Republik und der frühen Kaiserzeit, Klio Beihefte N.F. 16, Berlin 2010. 59 60 Thomas Blank, Philipp Altmeppen Alte Geschichte keiten, Missachtung der festgesetzten Legate etc.) seien Belege nicht wirtschaftliches Potential mit ihrer sozialen Verpflichtung zu ostentati- in signifikanter Breite vorhanden. Vielmehr sprächen spätere gesetz- vem Konsum oft nicht mehr Schritt halten konnte. So seien ungeachtet liche Regelungen eher für intensive Nutzung der Möglichkeiten zur der Kritik an den Erbfängern in der zeitgenössischen Literatur diese Streuung des Eigentums. Harders erklärte dies auf plausible Weise mit wohl nicht selten die eigentlich geschädigten eines materiell unglei- von modernem westlichem Denken abweichenden Auffassungen von chen Austauschprozesses gewesen. generationenübergreifender Absicherung der familia. Die Sicherung Den komplexesten Bezug zum Rahmenthema wies die sehr gut der sozialen Stellung der Nachkommen erfolgte nicht einseitig auf besuchte Sektion „Funktionale Differenzierung in der römischen Anti- wirtschaftlicher, sondern gerade auch auf der davon kaum zu tren- ke“ unter der Leitung von HARTMUT LEPPIN (Frankfurt am Main) nenden sozialen Ebene. So konnten soziale Bindungen der famila bzw. und ALOYS WINTERLING (Berlin) auf. Gegenstand der Sektion war ihres neuen Oberhauptes horizontal (Berücksichtigung verheirateter, der Versuch einer Anwendung des luhmannschen Konzepts der ‚funk- agnater weiblicher Verwandter; testamentarische Berücksichtigung tionalen Differenzierung‘ autonomer gesellschaftlicher Teilsysteme kognater Verwandter oder Außenstehender) wie vertikal (Legate) ge- auf verschiedene Themenfelder der römischen Geschichte – dies aus- sichert oder hergestellt werden. Anstelle einer auf die Kernfamilie drücklich gerade angesichts des Umstandes, dass eine solche Ausdif- beschränkten Wohlstandssicherung konnte der horizontale Güteraus- ferenzierung nach Luhmanns Ansicht für ‚vormoderne‘ antike Gesell- tausch zudem als reziprokes Austauschsystem innerhalb des sozialen schaften a priori nicht anzunehmen sei. In den einzelnen Beiträgen Stratums mittelbar auch die wirtschaftliche Stellung der familia si- dieser Sektion spielten verschiedene Arten von Ressourcen eine Rolle. chern. Das private Eigentum diente als zugleich wirtschaftliche wie Den roten Faden bildete dabei – ganz deren zentraler Bedeutung für auch soziale Ressource. die Systemtheorie entsprechend – das Thema der systemspezifischen Ähnliches zeigte sich auch in ELKE HARTMANNs Vortrag zum Kommunikation als eines Unterscheidungsmerkmals für die Differenz Problem der Erbfängerei (captatio). Was erhofften sich jene meist System/Umwelt und mithin als einer sozialen Ressource innerhalb männlichen Personen, die durch teils aufwendige materielle Zuwen- gesellschaftlicher Teilsysteme. dungen um die Gunst potentieller vornehmer Erblasser(innen) buhl- ALOYS WINTERLING nahm zunächst die Politik in der römischen ten? Welche Ressourcen brachten beide Seiten bei dieser Form des Kaiserzeit in den Blick. Hier konstatierte er einerseits für manche Be- Austausches ins Spiel? Auch hier ging es, wie Hartmann zeigte, so- reiche (Reflexion von Macht, Nutzung von Macht als Ressource der wohl um wirtschaftliches als auch um soziales Kapital. Neben der öffentlichen Kommunikation, Trennung von Amtsmacht und Person Hoffnung auf Rendite in Form einer zukünftigen Erbschaft war es usw.) einen hohen Grad von bereichsspezifischer Autonomie, was in nicht zuletzt die Aussicht auf ein Eintreten in das Erbe einer Person den Begriffen Luhmanns als Indiz für ‚Ausdifferenzierung‘ zu werten von hohem sozialen Prestige, die den risikovollen Aufwand der Erb- wäre. Andererseits erfasse diese ‚Modernität‘ der römischen Politik kei- fänger lohnend erscheinen lassen konnte. Hartmann konstatierte für neswegs alle politisch relevanten Bereiche. So erweise sich das System die hohe Kaiserzeit jedoch auch ein Missverhältnis zwischen der vor des Politischen keineswegs als autark, insofern für andere Teilsysteme allem vom sozialen Prestige einer umworbenen Person genährten relevante Ressourcen (soziales Prestige, juristische Gewalt des pater Hoffnung auf ein ertragreiches Erbe und der wirtschaftlichen Realität familias usw.) grundlegende Bedeutung auch für die Politik besäßen einer zunehmenden Verschuldung der senatorischen Kreise, deren und deren autonomen Einflussbereich stark begrenzten. Gleichzeitig 61 62 Thomas Blank, Philipp Altmeppen Alte Geschichte besäßen Ressourcen der Politik zugleich auch erheblichen Wert im öser Moral), die diese Entkopplung der religiösen Sphäre von anderen sozialen, juristischen, religiösen Teilsystem. In diesem Sinne sei die rö- gesellschaftlichen Teilsystemen hervorgerufen habe, lasse sich das an- mische Politik in den Kategorien von Moderne (ausdifferenziert) und tike Christentum als zunächst verhältnismäßig stark differenziertes Vormoderne (nicht ausdifferenziert) systemtheoretisch nicht adäquat Teilsystem begreifen, das jedoch in der Spätantike in der Universalisie- zu beschreiben. rung des Geltungsanspruchs christlicher Lehre über den Bereich der Eine ähnliche Gleichzeitigkeit von Merkmalen vermeintlicher ‚Aus- Religion hinaus einen Prozess der Entdifferenzierung durchmachte, differenzierung‘ und des Fehlens derselben thematisierte der Vortrag der erst in der Neuzeit – durchaus unter dem Einfluss älterer antiker von FABIAN GOLDBECK (Berlin), der sich mit wirtschaftlichen Trans- Konzepte – wieder überwunden wurde. aktionen befasste. So existierten beispielsweise nebeneinander ein rein STEFFEN ESDERS (Berlin) zeigte unter anderem an zwei Fallbei- am monetären Gewinn orientiertes (faeneratio) und auch ein von spielen (Eid des freizulassenden Sklaven; Kirchenasyl) strukturelle sozialen Faktoren wie amicitia abhängiges und auf sozialen Profit Kopplungen zwischen der Wirkungssphäre des römischen Rechts ausgerichtetes monetäres Kreditwesen (mutuum). Der Wirkungsgrad und dessen Wirkungsbereich einschränkenden Teilsystemen (Rechts- des Austauschmediums Geld sei einerseits größer als in modernen gewalt des pater familias, Kirchenhoheit) auf. So bewirkte der Eid Wirtschaftssystemen, insofern Geld auch als Währung im sozialen und des noch nicht freigelassenen (und damit nicht rechtsfähigen) Skla- politischen System von Belang gewesen sei, andererseits weniger groß, ven eine dauerhaft auch nach dessen Eintritt in die Sphäre des Rechts insofern der Geldwirtschaft jedenfalls auf der Ebene der gesellschaftli- wirksame Bindung an den einstmaligen Herrn. Im Unterschied dazu chen Eliten keine autopoietische Autarkie von anderen Teilsystemen benötigte der pagane dominus, der seinem ins Kirchenasyl geflohe- zugeschrieben werden könne. nen Sklaven die Rückkehr ermöglichen wollte, einen christlichen (also HARTMUT LEPPIN setzte sich in seinem Vortrag mit der Entste- der Kirchenhoheit unterworfenen) Bürgen, der die Einhaltung der hung von Kirche und Religion als Teilsystem von der hohen Kaiserzeit Straffreiheit für den Sklaven eidlich garantierte. Anders als im älteren bis in die frühere Spätantike und dabei insbesondere mit Konflik- Freilassungsrecht musste die eidliche Zusicherung auf Einhaltung der ten auseinander, die sich am Autarkieanspruch der religiösen mo- Vereinbarung also von einer schon dem zuständigen Rechtssystem notheistischen Sphäre entzündeten. So entwickelten sich schon im unterworfenen Person geleistet werden. frühesten Christentum exklusive Formen der Kommunikation und In allen Vorträgen wurden spezifische Ressourcen des Austauschs infolgedessen spezifisch christliche Netzwerke, ein Personal religiöser in verschiedenen Teilsystemen beleuchtet. Gemeinsam war allen Bei- Spezialisten etc., die für eine hohe Autarkie des religiösen Bereiches trägen die Beobachtung, dass sich Teilsysteme antiker Gesellschaften sorgten. Damit einher ging in signifikanter Abweichung von der alle mit dem Begriffsarsenal der Systhemtheorie nicht eindeutig in die Gesellschaftsbereiche betreffenden Bedeutung der polytheistischen Kategorien vormodern/modern einordnen lassen, dass sie im Ver- Religion die Betonung der Zuwendung zum Christentum als gänz- gleich mit modernen Gesellschaften sowohl in manchen Aspekten lich privater Entscheidung des Einzelnen sowie die Suspendierung einen hohen als auch in anderen einen geringen Grad an Ausdifferen- sozialer Stratifikation innerhalb des Rahmens der christlichen Religi- zierung aufwiesen. Demgegenüber lenkte BARBARA STOLLBERG- on. Ungeachtet der ‚Irritationen‘ (Christenverfolgungen, juristische RILINGER (Münster) in der Zusammenfassung den Blick auf das Konflikte, theologische Forderung nach universaler Gültigkeit religi- zentrale Anliegen der Sektion, die Frage der Anwendungsmöglich- 63 64 Thomas Blank, Philipp Altmeppen Alte Geschichte keiten der Systemtheorie für die Alte Geschichte zu thematisieren. mengen sehr rasch auf bestimmte Fragestellungen hin semantisch, Theorien wie die Systemtheorie ließen sich als Ressourcen der Wissen- lexikalisch usw. ausgewertet werden können, und während die unge- schaft(sgesellschaft) begreifen, deren Akzeptanz oder Ablehnung in- mein erleichterte Zusammenschau ganz verschiedener (und gut nach nerhalb der wissenschaftlichen peer group Gegenstand von Konflikten diversen Kategorien wie Zeitstellung, Region etc. zu filternden) Text- sei. Mag man auch ihrer gewollt provokanten These nicht zustimmen, sorten ein äußerst nützliches Instrument darstellt, das durchaus auch wonach eine Theorie wie die luhmannsche vor allem von jenen peers neue Erkenntnisse befördern kann, wie Charlotte Schubert und Roxa- abgelehnt werde, die den durchaus hohen Aufwand der Aneignung na Kath in ihren Fallbeispielen zeigten, so sollten dennoch die rasche derselben scheuten, so zeigte die abschließende Diskussion um das Bearbeitung riesiger Textmengen, die mathematische Präzision des Verhältnis von Aufwand und Ertrag einer Anwendung Luhmanns textmining und die automatisierte graphische Anschaulichkeit nicht auf althistorische Themenfelder durchaus auf, dass der nur schwer zum Eindruck technischer Exaktheit oder unmittelbarer Aussagekraft allgemein zu bemessende Wert sozialwissenschaftlicher Theorien als der Ergebnisse führen – zu sehr hängen die zu erzielenden Ergebnis- Wissenschaftsressource nach wie vor Irritationspotential birgt. Dass se von der präzisen Formulierung der Suchkriterien ab, aber auch eine hochkomplexe und daher mit besonderen Anwendungsproble- von äußeren Faktoren wie der Quellen- oder Literaturgattung (Litera- men behaftete (wie die Sektion eindrucksvoll belegte) Theorie wie tur vs. Inschrift vs. Bildquelle / Graffito vs. philosophischer Traktat die Systemtheorie hier jedoch ihrerseits eher einen Sonder- als den vs. bukolische Dichtung etc.), der Überlieferungslage des untersuch- Regelfall darstellt, dürfte ebenso evident sein. ten Materials (zum Beispiel weitgehender Ausfall der hellenistischen Um elektronische wie materielle Ressourcen der Forschung ging Literatur / Überlieferungsgeschichte) oder den von Dritten erstell- es schließlich bei der von CHARLOTTE SCHUBERT (Leipzig) gelei- ten und ständig an den aktuellen Forschungsstand anzupassenden teten Sektion eAQUA/Dissemination: Neue methodische Zugänge Metadaten (zum Beispiel Festlegung der de facto häufig unklaren zu Begriffsgeschichte und Quellenkritik in den Altertumswissenschaf- Schaffensphase eines Autors). Die in der Diskussion angesprochenen ten. Hier wurde das multifunktionale Textminingsystem eAQUA2 , Schwierigkeiten der Nutzung des Portals machten deutlich, dass ein das in mehreren Projektphasen unter Förderung der DFG sei 2008 an derart ambitioniertes und komplexes System, dessen Potential als For- der Universität Leipzig entwickelt wird, in Aufbau, Datenbasis und schungsressource zweifelsohne gewaltig ist, langfristig und auf der Funktionalität (MICHAELA RÜCKER, Leipzig) sowie anhand von Grundlage breiter Praxiserfahrung fortzuentwickeln sein wird. Zu- Nutzungsbeispielen (CHAROLTTE SCHUBERT / ROXANA KATH, gleich erfordert der Umgang mit dem Portal eine hohe Reflexion und Leipzig) vorgestellt. In den einzelnen Präsentationen wie auch in den Methodenkompetenz auf Seiten der Anwender, so dass eAQUA sich Plenumsdiskussionen zeigten sich einerseits die großen Möglichkei- insbesondere als Forschungsressource als wertvoll erweisen, für einen ten, die eAQUA für die Auswertung antiker Texte bietet, andererseits Schnellzugriff (zum Beispiel in der Lehre) aber nur bedingt geeignet auch die methodischen Schwierigkeiten, die damit verbunden sein sein wird. Die Diskussion zeugte aber grundsätzlich von dem großen können. Dies sprach auch HARTMUT LEPPIN (Frankfurt am Main) Interesse, auf das eAQUA stößt. Es ist dem Projekt zweifelsohne zu in seinem Kommentar deutlich an. Während einerseits gewaltige Text- wünschen, dass es den dauerhaften Zugriff auf die technischen (Soft- 2 <http://www.eaqua.net/index.php> ware, technischer support ) und finanziellen Ressourcen (Drittmittel) sowie <http://www.eaqua.net /~eaqua2012/> (29.11.2012). zu seiner Fortentwicklung langfristig wird sichern können, was ange- 65 66 Thomas Blank, Philipp Altmeppen sichts meist fünfjähriger Zyklen der Forschungsförderung sowie der schwer abschätzbaren, weil rasanten Fortentwicklung der technischen Grundlagen eine zusätzliche und beständige Herausforderung dar- stellt. Diesbezüglich ist Michaela Rücker fraglos zuzustimmen: Für derartige Großprojekte in den Altertumswissenschaften „sind fünf Jahre keine Nachhaltigkeit.“ In den Sektionen mit althistorischer Beteiligung spiegelte sich trotz der geringen Zahl der Beiträge die große Deutungsvielfalt wider, die das Rahmenthema des Historikertages „Ressourcen – Konflikte“ ge- stattete. Thematisiert wurden natürliche, wirtschaftliche und wissen- schaftliche Ressourcen als Grundlagen des physischen und des akade- mischen Lebens ebenso wie deren jeweiliger sozialer Repräsentations- wert; zudem spielte Kommunikation als soziale Ressource eine beson- dere Rolle. Sektionsübergreifend wurde insbesondere die Frage der Integriertheit (bzw. embeddedness) sozialer Teilsysteme in antiken Ge- sellschaften verhandelt. Zu bedauern ist die bereits erwähnte geringe Breite des althistorischen Programms, die dadurch anschaulich illus- triert wird, dass die griechische Geschichte der gesamten archaischen und klassischen Zeit nur in einem einzigen Vortrag eine Rolle spielte. Demgegenüber steht der Umstand, dass neben den ausnahmslos stark frequentierten Fachsektionen auch die althistorischen Angebote des Rahmen- und Schülerprogramms sehr gut besucht waren. Dies zeugt durchaus von einem auch jenseits der Fachwissenschaft vorhandenen Interesse an althistorischen Forschungen und Fragestellungen. Auch vor diesem Hintergrund wäre zukünftigen Historikertagen zu wün- schen, dass sich dieses Interesse im Sektionsangebot widerspiegelte. 67 Didaktik der Geschichte Didaktik der Geschichte der positive und negative Stereotype der Tataren-Völker in deutschen von Simone Rauthe und europäischen Schulbüchern aufdeckte. Die Repräsentanten der beiden bilateralen Schulbücher betonten, Besprochene Sektionen: die Projekte besäßen einen Wert für die historisch-politische Verständi- „Europäische Geschichtsbücher, digitale Lernplattformen oder bilatera- gung der jeweiligen Länder an sich, räumten aber auch Durchsetzungs- le Schulbuchprojekte? Transkulturelle Sichtweisen in der europäischen schwierigkeiten in den Schulen ein. Herausragend war der Beitrag von Schulbuchdarstellung“ PETER GEISS (Berlin), der in einem fiktiven Gespräch zwischen einem „Medialer Geschichtsunterricht: Innovation statt Beliebigkeit – Deutschen und einem Franzosen den „Dialog der Unterrichtskulturen“ Öffentlich-rechtliche Medien und Geschichte“ während der Schulbucherarbeitung karikierte. Dabei erregte die Cha- „Geschichte als Ressource des Menschseins in der Migrationsgesell- rakterisierung der Deutschen „als Hohe Priester der Kompetenzorien- schaft – und warum ein solches Ideal im Prozess des historischen tierung“ Heiterkeit im Hörsaal. Später wieder ernster, schrieb Geiss Lernens unweigerlich Konflikte auslöst“ der deutschen Geschichtsunterrichtskultur die Merkmale „Autonomie „Ressourcen von Geschichtslehrkräften – Ressourcen für den Ge- und Diskursivität“ und der französischen „Struktur und Verbindlich- schichtsunterricht?” keit“ zu und sah in dem vorliegenden deutsch-französischen Ansatz eine gelungene Synthese. Das Motto des Historikertags 2012 „Ressourcen-Konflikte“ erwies sich KARL HEINRICH POHL (Kiel) und ROBERT TRABA (Berlin) ver- für die geschichtsdidaktischen Sektionen als äußerst segensreich. Es wiesen neben den unterschiedlichen Unterrichtskulturen in Deutsch- ermöglichte wichtige Spannungsfelder des derzeitigen Geschichtsun- land und Polen auch auf inhaltliche Schwierigkeiten. Die deutsch- terrichts, das transkulturelle Geschichtslernen, die Leitmedien „Schul- polnische Geschichte sei noch heiß und Traba rekurrierte dabei auf die buch“ und „Internet“ sowie das Fach „Geschichte unterrichten zu Deutung von Flucht und Vertreibung am Ende des Zweiten Weltkriegs. lernen“, sektionsübergreifend zu verbinden. Er verwies zudem auf die Perspektive des Buchs: „Weltgeschichte Insbesondere in der Sektion „Europäische Geschichtsbücher, digi- durch die deutsche und polnische Brille“. tale Lernplattformen oder bilaterale Schulbuchprojekte?“ gelang es Leider wurde die kluge Leitfrage von SIMONE LÄSSIG (Braun- verschiedene Initiativen wie das organisch wachsende europäische schweig, Georg-Eckert-Institut) „Verständigung um welchen Preis?“ Geschichtsportal HISTORIANA1 (GEERT KESSELS, Den Haag, und in der Abschlussdiskussion zu wenig aufgegriffen. Mit Rückbezug SYLVIA SEMMET, Speyer), das deutsch-französische Geschichtsbuch zu den jeweiligen Einführungen von ULRICH BONGERTMANN (Ro- (PIERRE MONNET, Frankfurt am Main, PETER GEISS, Berlin, und stock) und ROLF WITTENBROCK (Saarbrücken) thematisierte sie die RAINER BENDICK, Osnabrück) sowie das deutsch-polnische Schul- mögliche „Reduktion des Innovationspotentials bi- oder transnationa- buchprojekt (KARL HEINRICH POHL, Kiel, und ROBERT TRABA, ler Projekte durch die Vielzahl von Rahmungen“ durch die beteilig- Berlin) gleichzeitig zu präsentieren und zu problematisieren. Dazu ver- ten Akteure, die jeweiligen curricularen Vorgaben und die Bedingun- half auch die Außenperspektive von MARAT GIBATDINOV (Kazan), gen der Schulbuchproduktion. Stattdessen verteidigte WALTRAUD 1 <http://www.historiana.eu> (07.12.2012). SCHREIBER (Eichstätt) die Kompetenzorientierung, indem sie unter Bezug auf die europäische Geschichte forderte, die Lernenden müssten 69 70 Simone Rauthe Didaktik der Geschichte das Konzept „Konflikt“ kennen. Ein Geschichtslehrer aus Hannover Kritisch flankiert wurde die Vorstellung der Internetressourcen verlangte hingegen von Didaktikern „Inhalte zu verantworten und von RALPH ERBAR (Mainz, VGD), der das Potenzial von Geschichts- nicht auf den Tisch der schulischen Fachkonferenzen abzuwälzen“. fernsehen in der Schule auslotete und dabei noch einmal auf den In Verbindung dieser beiden Interessen hätten aus dem Fundus der Konstruktcharakter von Geschichte, die Bedeutung des Films als Quel- vorgestellten bi- und transnationalen Projekte mehr konkrete Konflik- le und das Problem des Zeitzeugenfernsehens verwies und schließlich te der europäischen Geschichte aufgezeigt werden müssen, anhand forderte, Filme im Geschichtsunterricht medienkritisch anzugehen. derer das Konzept „Konflikt“ im Geschichtsunterricht exemplarisch Ebenso wog VADIM OSWALT (Gießen) auf der Basis eines Modells, erarbeitet werden kann. mit dem die „Geschichtskultur“, die „Historische Bildung“ und die Die idealisierte Vorstellung der selbstständigen Arbeit von Schü- „jugendliche Lebenswelt“ als interdependent charakterisiert wurden, lerinnen und Schülern mit dem Internet bestimmte auch die Sektion „Möglichkeiten des web 2.0“ und „Lernfallen“ gegeneinander ab und „Medialer Geschichtsunterricht. Innovation statt Beliebigkeit – öffent- riet den „kritisch-partizipativen Umgang“ mit neuen Medien zu stär- lich rechtliche Medien und Geschichte“. Die Sektion diente im Schwer- ken. punkt der Vorstellung der Homepage des Geschichtslehrerverbands2 Da die Lernenden außerhalb des Geschichtsunterrichts weniger (CHRISTIAN JUNG, Eberbach) und des im Internet oder als DVD mit Quellensammlungen, umso mehr mit „fertiger“ Geschichtsdar- verfügbaren, durch Unterrichtsmaterialien ergänzten Geschichtsfern- stellung konfrontiert werden, sind Public-History-Produkte im Ge- sehens zweier Rundfunkanstalten. schichtsunterricht unverzichtbar. Doch leider hat sich die Sektion an NIKO LAMPRECHT (Wiesbaden) unterstrich zunächst die große den eigentlichen Kern des Problems, wie man Geschichtsfernsehen Bedeutung der neuen Medien für den Geschichtsunterricht und wollte dekonstruiert, nicht herangewagt. Wie sollen die Schülerinnen und „Jugendliche dort abholen, wo sie stehen“. Auch STEFAN BRAUBUR- Schüler beispielsweise beurteilen lernen, ob die Aufnahme Karls des GER (Mainz), stellvertretender Leiter der ZDF-Redaktion Zeitgeschich- Großen in die ZDF-Serie „Die Deutschen“ überhaupt gerechtfertigt ist te, betonte die Erwartungshaltung der Jugendlichen, im Geschichtsun- und welche Absicht die Redaktion damit verfolgt? terricht mit neuen Medien zu lernen. Er empfahl acht ZDF-Formate, In Zeiten, in denen öffentlich über Konventionen im Umgang mit darunter die 20-teilige Serie „Die Deutschen“3 und das Projekt „Ge- digitalen Medien diskutiert und teils eine ‚digitale Diät’ gefordert wird, dächtnis der Nation“.4 ULRICH BROCHHAGEN (Leipzig) navigierte muss der Einsatz des Internets im Geschichtsunterricht gut begründet die Sektionsteilnehmer durch das beachtenswerte gemeinsame In- sein. Geschichte kann nicht bloß ein Vehikel sein, um die Informati- ternetprojekt „Eure Geschichte“5 (DDR-Geschichte) von MDR und onsentnahme aus dem Internet zu üben. Daher hätte die Sektion die Geschichtslehrerverband mit ausführlichen Lehrerinformationen. Er Stärken der vorgestellten Formate hervorheben müssen: Sie bieten beabsichtigt die Schülerinnen und Schüler „zu sinnvollem Surfen an- im Gegensatz zum Schulbuch audio-visuelle Quellen an, die in eine zustiften“. „digitale Erzählweise“ (Oswalt) eingebunden sind. 2 <http://www.geschichtslehrerverband.de> (07.12.2012). Der Titel der Sektion „Geschichte als Ressource des Menschseins 3 <http://www.zdf.de/ZDF/zdfportal/web/ZDF.de/Die-Deutschen/22587150 in der Migrationsgesellschaft“ erinnert an die Forschungsperspektive /22785462/bf4afb/Alle-20-Folgen-von-Die-Deutschen.html> (07.12.2012). 4 <http://www.gedaechtnis-der-nation.de> (07.12.2012). der Historischen Anthropologie, die in den 1980er-Jahren auch von 5 <http://www.mdr.de/damals/eure-geschichte/index.html> (07.12.2012). der Geschichtsdidaktik aufgegriffen wurde. Doch das „leitende Para- 71 72 Simone Rauthe Didaktik der Geschichte digma“ der als zwei Round Tables (I. Grundlagen, II. Empirie) orga- den orientierten sich an dem in der Sektion vertretenen geschichts- nisierten, interdisziplinär ausgerichteten Sektion war die „Diversität“ theoretischen Zugriff und dem „Ernstfall“ im Klassenzimmer: Auf die im Geschichtsunterricht: „Wer darf wann welche Geschichten erzäh- Frage eines Osteuropahistorikers: „Wie deutsch ist Ihre Diskussion?“ len?“, fragte MARTIN LÜCKE (Berlin) und betonte die Bedeutung räumten die Sektionsleiter den westlichen Ursprung des Diversity- der „Mikro-Narrative“. MICHELE BARRICELLI (Hannover) setzte die Konzepts ein. In Reaktion auf LARS DEILE (Berlin), der über die theoretische Rahmung der Sektion fort, indem er die Überwindung Herausforderung des Konzepts für die akademische Lehrerbildung der Meistererzählung und des Eurozentrismus beschwor („Geschichte referierte, wurden die Begriffe „Ausländerpädagogik“, „Interkultura- als postkoloniale Kulturwissenschaft“). lität“ und „Transkulturalität“ reflektiert. In diesem Zusammenhang Dass die Psychologie und Pädagogik wichtige Bezugsdisziplinen wies JOSEFINE PAUL (MdL, Düsseldorf), Sprecherin für Frauen- und geschichtsdidaktischer Überlegungen zum transkulturellen Lernen „Queer“-politik für BÜNDNIS 90/ DIE GRÜNEN, auf die Problema- sind, bewies zuerst JÜRGEN STRAUB (Sozialtheorie und -psychologie, tik der inhaltlichen Unbestimmtheit dieser und anderer Begriffe wie Bochum), der in seinem bemerkenswerten Diskussionsbeitrag auf Ge- „Inklusion“ in der politischen Diskussion hin. schichten verwies, die Allen zu schaffen machen: Geschichten ausgeüb- Leider konnten die zahlreich anwesenden Geschichtslehrer/innen ter und erlittener Gewalt. Letztendlich gehe es beim transkulturellen und Fachleiter/innen aus der Sektion kaum konkrete Hinweise für Geschichtslernen um die Anerkennung von Verletzungen. WERNER die Gestaltung von Unterrichtsprozessen, in denen die Lernenden HERZOG (Allgemeine und historische Pädagogik, Bern) hob mit sei- verschiedenster Herkunft ihre Geschichten einbringen und diese ge- ner Leitfrage „Was konstituiert die Möglichkeit von Unterricht?“ die genseitig anerkennen, mitnehmen. So hätte auch diskutiert werden soziale Dynamik im Prozess des Geschichtsunterrichts hervor. Auf müssen, wie mit den Geschichtenerzähler/innen im Unterricht verfah- Basis empirischer Befunde postulierte er, die Prozessmerkmale des ren werden soll, die Diversität partout nicht zulassen möchten. Und Unterrichts seien wichtiger als die Strukturmerkmale. zuletzt: Müssen die Lernenden nicht zunächst eine Meistererzählung Neben vielen weiteren Diskussionsimpulsen wie dem „Schweizer- als solche identifizieren können und sich ihrer westlichen Perspektive machen“ und der Diskussion um den Einbürgerungstest im Kanton bewusst sein, bevor sie im Stande sind anders zu denken? Aargau von BÉATRICE ZIEGLER (Aarau) könnte das noch ganz am Mit der inhaltlich und forschungsstrategisch wichtigen Sektion Anfang stehende Forschungsvorhaben von CARLOS KÖLBL (Bay- „Ressourcen von Geschichtslehrkräften – Ressourcen für den Ge- reuth), LENA DEUBLE und LISA KONRAD (beide Hannover) der em- schichtsunterricht“ konnten erste empirische Studien zu der fachwis- pirischen Rekonstruktion von interkulturellem Lernen im Geschichts- senschaftlichen und -didaktischen Expertise von Geschichtslehrkräften unterricht mit einem eigens entwickelten Forschungsstil in Anlehnung und deren Selbstverständnis gebündelt werden. Endlich die Profes- an die Grounded Theory und die Dokumentarische Methode (Ver- sion der Geschichtslehrer/innen in den Blick zu nehmen wird viel fahren qualitativer Sozialforschung), weiterführend sein. Ob und in- Anklang bei den Praktikern finden und verspricht zudem eine hohe wiefern im Geschichtsunterricht überhaupt interkulturell gelernt, also Anschlussfähigkeit an die Forschung in den Bildungswissenschaften. eine Verhaltensänderung (Arbeitsbegriff Kölbl) herbeigeführt werden Ausgehend von den bekannten, immer noch nachdenklich stim- kann, bleibt nämlich weiterhin offen. menden Befunden der Belastungen des Lehrerberufs von Uwe Schaar- Die beiden an die Round Tables anschließenden Diskussionsrun- schmidt (2004) auf arbeitspsychologischer Grundlage und der aktuel- 73 74 Simone Rauthe Didaktik der Geschichte len Allensbach-Studie „Lehre(r) in Zeiten der Bildungspanik“ (2012), Auch THOMAS SANDKÜHLER (Berlin) rekonstruierte das Verhältnis definierte MANFRED SEIDENFUSS (Heidelberg) „das Unterrichten von Fachwissen und fachdidaktischem Wissen bei 86 Berliner Studie- lernen“ als wichtigste Ressource der Geschichtslehrkräfte. Er regte renden des Master of Arts und Education. an, den Prozess der Professionalität unter drei Forschungsperspekti- Das anscheinend dringende Problem der mangelnden fachwissen- ven zu betrachten: „strukturtheoretisch, kompetenztheoretisch und schaftlichen Kenntnisse von jungen Geschichtslehrkräften und die berufsbiografisch“. Nutzung des Internets für die Unterrichtsvorbereitung wurden in den Die im ersten Teil der Sektion präsentierten empirischen Studien Diskussionen rege aufgegriffen: Ein Fachleiter bezweifelte die Selbst- und ihre Befunde zeugten von den interessanten Facetten des inner- einschätzung von jungen Lehrenden in der Studie von KANERT, die halb der Geschichtsdidaktik noch am Anfang stehenden Forschungs- die Erarbeitung von Fachwissen bei weitem nicht auf Platz eins ihrer felds: GEORG KANERT (Heidelberg) befasste sich mit der Wirksam- neuen Anforderungen sahen. Ein Lehrer wies auf die seit Jahrzehnten keit der Geschichtslehrerbildung auch im Zusammenhang mit dem bestehende thematische Inkongruenz zwischen den Universitätssemi- vielfach diagnostizierten „Praxisschock“. MONIKA FENN (Potsdam) naren und den Anforderungen des Geschichtsunterrichts hin. beabsichtigt mit ihrer Studie nachzuweisen, dass sich die von her- Den Prozess der Geschichtslehrer-Professionalisierung umfassend kömmlichen frontal-instruktiven Unterrichtsmustern überzeugten Pro- empirisch zu erforschen wird noch viel Anstrengung erfordern. Wei- banden und Probandinnen mit einem eigens konzipierten Seminar für terführend wäre sicher auch zu fragen, welche Unterrichtsmaterialien ein offeneres, auf die Selbsttätigkeit von Schülerinnen und Schülern Geschichtslehrerinnen und -lehrer verwenden und wie sie diese in- zielendes Unterrichtskonzept gewinnen lassen. MARKUS DAUMÜL- haltlich und didaktisch verstehen. LER (Heidelberg) fragte in seiner Studie, wie Geschichtslehrer ihre Die besonders guten Momente in den Sektionen waren die, in de- Berufsbiografie konstruieren. BJORN WANSINK (Utrecht) deckte auf, nen die vielen anwesenden Lehrenden und Fachleitenden für aktuelle dass niederländische Sekundarschullehrer Geschichte zwar als Kon- geschichtsdidaktische Forschungsperspektiven interessiert werden struktion auffassen, diese epistemologische Überzeugung aber nicht konnten und sich ein konstruktives Gespräch ergab. Die Geschichtsdi- zur Grundlage des Geschichtsunterrichts machen. daktik war gefragt und sie sollte mehr Antworten geben, jenseits von MARKO DEMANTOWSKY (Basel) und DIRK URBACH (Bochum) Rezepten. gewährten im zweiten Teil der Sektion einen Einblick in die Erfor- schung der Fach- und Selbstkonzepte angehender und praktizierender Geschichtslehrerinnen und –lehrer im Ruhrgebiet. Einführend ver- wies DEMANTOWSKY auf die Notwendigkeit der „Grundlagenfor- schung ohne Anwendungsanspruch“ im Bereich der „Fachlichkeit“ von Geschichtslehrkräften und regte eine induktive, langfristige und vergleichende empirische Vorgehensweise an. Dabei erachtete er die Erforschung des „pedagogical content knowledge“6 , eine Art pädago- gisches Geschichtswissen der Kolleginnen und Kollegen, für zentral. 6 Konzept des amerikanischen Psychologen Lee S. Shulman, 1986. 75 76 eHumanities eHumanities mationstechnologien in den Geisteswissenschaften widmen. Verschie- von Thomas Meyer dene, teils programmatische Ansätze und Interpretamente beschreiben die zunehmende Virtualisierung wissenschaftlicher Arbeitsprozesse Besprochene Sektionen: und ihre Unterstützung durch IT-Technologien, die Verlagerung von „Datenbanken für die Mediävistik und die Renaissance in Forschung Arbeitstechniken und Fachinformationswelten in das Internet und de- und Lehre“ ren zunehmende Vernetzung; teils auch mit der Intention, Rohdaten, „eAQUA/Dissemination: Neue methodische Zugänge zu Begriffsge- Analyse sowie Ergebnisse möglichst kompakt in homogenen, virtuel- schichte und Quellenkritik in den Altertumswissenschaften“ len Umgebungen abzubilden. Ein Modell einer auf die Geschichtswis- „Geschichtswissenschaft digital in Deutschland und Frankreich: Ten- senschaften ausgerichteten eScience schließt beispielsweise Quellenbe- denzen, Strategien, Beispiele“ stände und Forschungsliteratur (Rohstoffe), Recherche-, Editions- und „Informationsinfrastrukturen im Wandel: Zur Vergangenheit, Gegen- Textverarbeitungsfunktionen unter Berücksichtigung hypertextueller wart und Zukunft der Informationsverarbeitung in historischer Lehre Verknüpfungen zwischen Quellen und Texten (Methoden) und daraus und Forschung“ entstehende Publikationen (Produkte) ein. Ebenso finden „eScience“ und „eHumanities“ bei Fördermittelgebern ihren Niederschlag, wie Der Historikertag ist im Zeitalter des Digitalen angekommen. Erst- einige der Förderprogramme von Deutscher Forschungsgemeinschaft mals wurden in einem eigenen Themenbereich „eHumanities“ die und Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) zeigen.1 Entwicklung digital gestützter Arbeitstechniken, Informationsange- Die Vorstellung unterschiedlicher Projekte, die sich den „eHumani- bote und Forschungsmethoden diskutiert, und mit der Einrichtung ties“ zuordnen lassen, versprach neben bekannten Projektvorstellun- einer Arbeitsgruppe „Digitale Geschichtswissenschaft“ im Verband gen klassischer Anwendungsfelder in Fachinformation und –kommu- den digitalen Geschichtswissenschaften ein neues, stärkeres Gewicht nikation oder dem Elektronischen Publizieren neue Einblicke in die gegeben. Die „digital immigrants“ des Fachs haben nunmehr einen Nutzung der IT zur Schließung bisheriger Forschungslücken; Lücken, pragmatischen Umgang mit Computer und Netz gefunden: Emails die mit der gängigen Hermeneutik nicht zu schließen seien, deren als alltägliches Kommunikationswerkzeug, das Schreiben im Digita- Erforschung sich insbesondere die „Digital Humanities“ als neues, len, die Rezeption von Fachinformationsangeboten gehören zu den eigenständiges Fach oder eben doch nur Set neuer geistes- und kultur- alltäglichen Dingen in Forschung und Lehre. Auch wenn die letzten wissenschaftlichen Methoden, mit starken Wurzeln in der Computer- „digital ignorants“, so unter anderem CHRISTOPH CORNELISSEN linguistik, verschrieben haben.2 (Frankfurt am Main) im Panel zu Informationsinfrastrukturen, weiter- 1 In Auswahl (weitere siehe Anm. 2): Heike Neuroth / Jannidis Fotis / Rapp Andrea hin hartnäckig am Forschen und Lehren ohne jegliche Zuhilfenahme / Lohmeier Felix, Virtuelle Forschungsumgebungen für e-Humanities. In: Bibliothek. digitaler Techniken festhalten. Forschung und Praxis, 31 (2007) H.3, S. 272, <http://www.bibliothek-saur.de/preprint /2009/ar2581_neuroth.pdf>, (07.01.2013); Patrick Sahle, eScience History? In: Marie- Die „eHumanities“ als Forschungsrichtung, Thema oder gar neue Luise Heckmann / Jens Röhrkasten / Stuart Jenks (Hrsg.), Von Nowgorod bis London. Disziplin sind noch ein junges Feld. Hinter den „electronic Humani- Studien zu Handel, Wirtschaft und Gesellschaft im mittelalterlichen Europa; Festschrift ties“ verbergen sich ursprünglich allerdings die „enhanced Humani- für Stuart Jenks zum 60. Geburtstag, Göttingen 2008, S. 64; Bundesministerium für Bil- dung und Forschung, Geisteswissenschaften digital, 27.07.2012, <http://www.bmbf.de ties“ bzw. analog die „enhanced Science“. Subsumieren lassen sich dar- /press/3319.php>, (07.01.2012). unter Ansätze, die sich der Entwicklung und Anwendung von Infor- 2 Zu „Digital Humanities“ im Detail Peter Haber, Zeitgeschichte und Di- 77 78 Thomas Meyer eHumanities Die Sektion „Geschichtswissenschaft digital in Deutschland und vor Plagiaten zu schützen. Frankreich: Tendenzen, Strategien, Beispiele“ sollte sich, so Sektions- Im zweiten Teil der Sektion wurden weitere Projekte präsentiert, leiterin GUDRUN GERSMANN (Paris), einer deutsch-französischen die sich „sozialer Medien“ wie twitter, blogs und facebook bedie- Bestandsaufnahme widmen und präsentierte ausgewählte Fachinfor- nen. Diese werden, so Mareike König, derzeit von nur circa acht Pro- mationsplattformen und -journale aus dem Umfeld des Deutschen zent der Wissenschaftler in Deutschland genutzt. Damit stellt sich Historischen Institut Paris und der Bayerischen Staatsbibliothek Mün- die Frage, ob in der Wissenschaft mit einem Wandel zur stärkeren chen sowie das französische Projekt opendedition.org. Das durch MA- Nutzung sozialer Medien zu rechnen ist. Das Resümee von GEORGI- RIN DACOS (Marseille) vorgestellte Portal openedition.org veröffent- OS CHATZOUDIS (Köln) über die Entwicklung des LISA-Portals der licht Zeitschriften, Blogs und Ankündigungen zahlreicher geisteswis- Gerda-Henkel-Stiftung zeigte, dass insbesondere Nachwuchswissen- senschaftlicher Disziplinen französischer Forschungseinrichtungen. schaftler/innen sich der Nutzung gemeinsamer Arbeitsplattformen Während in Deutschland, auch aufgrund der verschiedenen Förder- im Netz, Blogs oder auch audiovisuellen Darstellungsformaten sehr programme, viele Parallelentwicklungen stattgefunden haben, exis- offen gegenüber zeigen. Die schnell erlangte Popularität des Portals tiert in Frankreich mit openedition ein zentrales Portal, das schnell liegt sicherlich auch in der von vornherein intendierten Offenheit des Synergieeffekte für Betreiber und Nutzer zeigt: Eine Vielzahl von Portals gegenüber der allgemeinen Öffentlichkeit, gestützt durch mul- Zeitschriften greift auf erprobte Publikationsstrukturen zurück, für timediale Darstellungsformate wie Video-interviews oder Live-Blogs; Herausgeber und Autoren stehen Publikationstools unmittelbar zur wie weit hier die „digital born“ - Generation noch weiteres „Wachs- Verfügung. Gleichwohl zeugen die zwei präsentierten Open-Access- tum“ generiert, scheint offen. Die seitens Mareike König konstatierte Zeitschriftenprojekte, die am DHI Paris publizierte Francia sowie die Ent-Hierarchisierung und Selbstreflexion durch blogs wird sicherlich jüngere Zeitschrift Trivium, welche ausschließlich andernorts veröf- die weitere Entwicklung prägen; neu ist dies allerdings nicht, da dieser fentlichte Texte in deutsch-französischer Übersetzung bietet, vom Er- Prozess mit dem Einzug von Email und World Wide Web und deren folg deutscher Open-Access-Publikationen, trotz weiterhin offener Möglichkeiten des selbstständigen Publizierens in Wissenschaft und Fragen zu Finanzierung und Rechtslage. Die deutschsprachige Blog- Öffentlichkeit schon Mitte der 1990er-Jahre in Gang gesetzt wurde. Für plattform de.hypotheses.org, die durch MAREIKE KÖNIG (Paris) auf- Projekte können blogs in der Tat ein hervorragendes Dokumentations- gebaut und im Panel vorgestellt wurde, bietet in mehr als vierzig Blogs werkzeug darstellen, da sie Strukturierungs- und Darstellungsmög- aktuelle Informationen und Berichte aus Dissertationsprojekten. Mit lichkeiten bieten, die den üblichen Schreib- und Lesegewohnheiten dieser Form des Elektronischen Publizierens können, so König, neue entsprechen. Die aus dem Auditorium angesprochene Gefahr, dass Formen des Berichtens über Projektverläufe und zugleich neue Publi- spontane Äußerungen dauerhaft im Netz verfügbar sein könnten, be- kationskulturen entwickelt werden. Die frühzeitige Themensetzung steht nur auf den ersten Blick: Grundsätzlich sollte genau überlegt durch kurze Veröffentlichungen in Blogs, sowie deren Zitationsfähig- werden, was öffentlich gemacht werden soll/will. Fragen der Medien- keit durch die Vergabe von ISBN-Nummern böten neue Chancen, sich und Informationskompetenzen berührten eben nicht nur Bewertungs-, sondern auch Entscheidungskompetenzen, die Schülern und Studen- gital Humanities, Version: 1.0, in: Docupedia-Zeitgeschichte, 24.9.2012, URL: <https://docupedia.de/zg/Digital_Humanities?oldid=84594>. Projekte und weitere ten für einen kritischen Umgang mit dem Netz zu vermitteln sind. Ein Informationen auch im Blog „Digital Humanities im deutschsprachigen Raum“ unter Thema, welches in allen Panels diskutiert wurde. <http://dhd-blog.org/> (07.01.2013). 79 80 Thomas Meyer eHumanities Dass die Verfügbarkeit digitaler Medien allein nicht Grundvoraus- gleich von Originalen und Übersetzungen in sogenannten Wortwolken setzung neuer Fragestellungen ist, betonte JÜRGEN DANYEL (Pots- (Tag-Clouds), mit Verfahren des Topic Trackings, dem Kategorisieren dam) in seinem abschließenden Beitrag des Panels; da wir uns mitt- und Bilden von Clustern sowie Concept-Linking lassen sich neue lerweile tief im Medienumbruch durch das Internet befinden, sei es Zusammenhänge erschließen: Die Paraphrasierung und Zitation an- an der Zeit, sich von der Beschäftigung mit den Besonderheiten und tiker Autoren und Texte kann darüber nachverfolgt, Versatzstücke Neuartigkeiten digitaler Projekte zu verabschieden und stattdessen aufgespürt und Referenzen ermittelt werden. Dass sich die Altertums- stärker in den Dialog mit dem Fach zu treten. Projektvorstellungen wissenschaften aufgrund der Andersartigkeit ihrer Textgrundlage in seien den Projektmacher/innen in der Tat im Erfahrungsaustausch besonderem Maße auf derartige Ansätze stützen können, betonte MI- usw. hilfreich, im Fach müssten aber endlich Anforderungen, Wünsche CHAELA RÜCKER (Leipzig): durch eine starke Prägung von der Art und Impulse an neue digitale Werkzeuge abgeholt werden. Dabei sei der Überlieferung, einerseits durch ihren fragmentarischen Zustand die Nutzung kollaborativer Werkzeuge nicht zwingend notwendig, charakterisiert, andererseits durch extrem viele überlieferungs- und analoge und digitale Welt könnten nebeneinander auch in hybriden traditionsgeschichtliche Veränderungen geprägt. In den Bereichen, in Formen existieren. Ähnliche Resümees waren später in der Sektion denen Texte nur fragmentarisch (hier zum Beispiel Fragmente der zu den Infrastrukturen zu hören. Dieser Offenheit lässt sich der in Vorsokratiker, Fragmente der Griechischen Historiker) und unvoll- der Abschlussdiskussion geäußerte Hinweis Mareike Königs hinzu- ständig erhalten sind (Inschriften, Papyri), stoßen herkömmliche Inter- stellen, dass die „digital natives“ eher ein Mythos und nicht allein pretationsmethoden an ihre Grenzen. Hier findet der Einsatz von IT- Garant sind, dass zukünftig alles nur noch digital verhandelt und Technologien zur Ermittlung von Relationen und Zusammenhängen produziert werde. Eher stehe die Vermittlung von Medien- und Infor- eine forschungsbezogene Anwendung. Allerdings, so Rücker mehr- mationskompetenz als zentrales Thema auf der Agenda. Im Vergleich fach, entstünden hier keine neuen methodischen Ansätze, sondern der deutsch-französischen Projekte zeigte sich außerdem, dass sich führten vielmehr etablierte Technologien in Verbindung mit vorhan- Anwendungskulturen und Nutzungsszenarien digitaler Technologien denen disziplinären Methoden in den Altertumswissenschaften zu nicht einfach übertragen lassen (werden). neuen wissenschaftlichen Erkenntnissen. Weitere Ansätze, wie zum Näher am Kern der „eHumanities“ – der direkten Forschungs- Beispiel die der Mental Maps, stellte ROXANNA KATH (Leipzig) vor: unterstützung durch digitale Technologien – befand sich das Panel Im Teilprojekt Mental Maps wurde die Wirkung antiker Autoren auf “eAQUA/Dissemination: Neue methodische Zugänge zu Begriffsge- die Weltsicht des Mittelalters und der Frühen Neuzeit systematisch schichte und Quellenkritik in den Altertumswissenschaften“3 , in dem untersucht. Ausgehend von der Hypothese, dass sich Versatzstücke der Zwischenstand durch dessen Projektleiterin CHARLOTTE SCHU- antiken Wissens mit erstaunlicher Beständigkeit in zahlreichen Texten BERT (Leipzig) reflektiert wurde. In eAqua werden Methoden des dieser Epochen finden, beispielsweise in den Reiseberichten der ersten Text-Minings angewendet, um aus digitalisierten Text-Korpora (un- Amerikareisenden, wurden Texte auf Zitate und Paraphrasen antiker ter anderem Perseus-Texte, Griechische Literatur aus dem Thesaurus Autoren analysiert und eine geeignete Visualisierung entwickelt, die Linguae Graecae) semantische Relationen zu erschließen. Mit dem Ver- es auch für größere Datenmengen erlaubt, interaktiv und visuell un- 3 Das Projekt eAqua ist mittlerweile abgeschlossen, die Forschungsvorhaben wer- terstützt den Transfer und Wandel von Konzepten (concept change) in den im Rahmen des Projekts eXchange – eXploring Concept Change and Transfer in Raum und Zeit zu untersuchen. Antiquity fortgeführt. 81 82 Thomas Meyer eHumanities Mit den neuen Verfahren, so das Fazit der Referentinnen, sei vor Repertorien die Vermeidung von Insellösungen bei der Entwicklung allem die Materialaufnahme erleichtert worden, ein schnelleres und und Implementierung von Datenbasis und Werkzeugen im Mittel- effizienteres Arbeiten mit Text möglich, ebenso werden Zusammenhän- punkt. ge leichter erkennbar. Zukünftig werde der Fokus auf der Übertragung Wie weit bisherige Forschungshypothesen mit Hilfe von Daten- der so gewonnenen Herangehensweisen auf weitere geisteswissen- auswertungen untermauert werden können, zeigte unter anderem schaftliche Forschungen liegen. So werden derzeit im Rahmen des RAINER C. SCHWINGES (Bern) in seiner Vorstellung des Reperto- Projekts CLARIN-D Codierungsfragen, Standardisierungen und die rium Academicum Germanicum. Darin können über Personen- und Nachhaltigkeit von Projekten wie eAqua behandelt. Publikationsnormdaten Verweise auf weiterführende Materialien an- Das Panel „Datenbanken für die Mediävistik und die Renaissance gebracht werden. Die Recherche über diese Verweise dürfte sich aller- in Forschung und Lehre“ präsentierte Kooperationsprojekte des DHI dings auf den über die Normdaten erschlossenen Informationsraum Rom. In seinem einleitenden Vortrag setzte MICHAEL MATTHEUS beschränken. Ein Beispiel aus der Forschung präsentierte Schwinges (Rom) den Fokus unter anderem auf Standardisierung, Erschließung mit der Produktion von Quellen durch Auseinandersetzungen auf und Anreicherung von Metadaten zu digitalen Objekten sowie die dem römischen Pfründenmarkt, die im Projekt nun erstmals in den Verfügbarkeit von Zitationsmöglichkeiten. Diese sind notwendige Vor- Datenbanken erschlossen werden und über die sich Prestige sowie aussetzung für die Anschlussfähigkeit digitaler Dokumente und Da- sozialer und wirtschaftlicher Aufstieg und die Erlangung von Pfrün- tensammlungen an andere Ressourcen und damit deren Vernetzung. den nachvollziehen ließen. Von Synergieeffekten der Datenbanken Neue Möglichkeiten der Mittelalterforschung durch übergreifende für die Ordensgeschichte berichtete anschließend ANDREAS REH- Auswertung unterschiedlicher Datensammlungen standen somit im BERG (Rom): Über den Abgleich von Datenbanken zur Klosterflucht Mittelpunkt des Panels. Seit 2003 werden unter anderem digitale Re- konnten komplementäre Quellen zusammengeführt werden, die neue pertorien entwickelt, einige davon auf dem Datenbankportal D.E.N.Q. Einsichten auf Studienorte und die Rekonstruktion von Biografien zusammengeführt, die statistische Auswertungsmöglichkeiten und und explosionsartig zunehmender Studienreisen geben. Aus dem Au- Suchen über Ähnlichkeitsalgorithmen bieten. Über GIS-Systeme wer- ditorium wurde daraufhin eingebracht, dass hiermit hinsichtlich der den Visualisierungen von Zusammenhängen hergestellt, mithin ein Erschließung zwar ein Quantensprung erfolgt sei, zugleich aber gebe Feature, das mittels der dynamischen Veränderung der Karten die es weiterhin Lücken in der Ortserschließung. Fixierung der Darstellung bestimmter Zeiträume und Orte aufheben Mittels welcher Attributierung und Schnittstellen die Zusammen- kann. Wie weit dies auch zur Veränderung der Wahrnehmung von arbeit von Datenbanken im Verbund möglich wurde, stellten SUSE Zusammenhängen beiträgt, ist offen.4 Neben der Bereitstellung von ANDRESEN (Bern), CHRISTIAN POPP (Göttingen) und JÖRG HÖRN- Quellenkorpora und ihrer Vernetzung stand bei der Entwicklung der SCHEMEYER (Rom) vor. Neben der Nutzung von Normdaten konn- 4 In der Historischen Geographie beispielsweise ist das Erkenntnispotential durch die ten durch spezielle Markierungen der Daten, so zum Beispiel der Nutzung von GIS selbst umstritten. So . z.B. Axel Posluschny, Erkenntnisse auf Knopf- Bestimmung von Relationen zwischen Personen durch unterschied- druck? GIS und PC in der Kulturlandschaftsforschung. Grundsätzliche Überlegun- liche Relationstypen – „fraglich“, „wahrscheinlich“, „sicher“ – das gen. In: Siedlungsforschung 24 (2006), S. 289-312, <http://www.kulturlandschaft.org /Downloads.htm> bzw.< http://www.kulturlandschaft.org/Downloads-Dateien Auffinden von Verbindungen zwischen Quellen über eine Metasuche /SF24-2006.pdf> (07.01.2013). mittels Edit-Distance-Algorithmus verbessert werden. Die Herstellung 83 84 Thomas Meyer eHumanities der Relationen erfolgte manuell, was in der anschließenden Diskussion arbeitung und Informationsinfrastrukturen, wenngleich diese beiden mittelbar zur Frage führte, wie man für umfangreiche Datenbestände Begriffe anachronistisch sind, so ARNDT BRENDECKE (München). eine derartige Attributierung sicherstellen könne; die vorgeschlagene Mehr noch weist unser heutiger Informationsbegriff Lücken auf und Nutzerbeteiligung bietet einen Ansatz, auch wenn diese redaktionell impliziert heute ein Verständnis von Information als Ergebnis eines betreut werden muss. Durch das modulare Vorgehen für bestimm- geregelten Verfahrens. Dabei wurde erst mit der Verschriftlichung te Zeiten und Räume ist ein sequentielles Erschließen möglich, auch von Dokumentation Verfügbarkeit bzw. Unverfügbarkeit von Infor- wenn es, so Michael Mattheus, die Gefahr berge, Erschließungen auf- mation erzeugt, wie Brendecke am Beispiel von Geschichtstabellen grund abgeschlossener Forschungsfragen abzubrechen. Aus heutiger für die Popularisierung neuer Darstellungsformen und Schaffung ver- Perspektive sei jedoch nicht absehbar, wie zukünftig die Daten verwen- meintlicher Faktizität zeigte. Über weitere Ursprünge und den Wandel det werden könnten. Das wechselseitige Vorgehen – Forschungsfrage- von Informationsinfrastrukturen sprach JAKOB VOGEL (Paris) und Datenerschließung sei sinnvoll, da man so unmittelbar auf Forschungs- verwies auf Anleihen in den Verfahren der Naturwissenschaften so- fragen reagieren könne. wie Ursprünge der Geschichtsschreibung auf Seiten von Ingenieuren Voraussetzung für derartige kollaborative Ansätze ist es, dass be- oder Medizinern. Mit deren „Informationsverarbeitung“ einher gin- reits in der Lehre entsprechende Bewertungs- und Nutzungskompeten- gen Standardisierung und Vereinheitlichung, explizit vor dem Hinter- zen bei zukünftigen Wissenschaftlern geschaffen werden. Entsprechen- grund der Entwicklung von Archiven, Bibliotheken und Museen bzw. de Seminarkonzepte im Rahmen des Projektes wurden durch BÄRBEL der Systematisierung und Klassifikation von Wissen und Schaffung KRÖGER und CHRISTIAN POPP (beide Göttingen) vorgestellt. Dis- von Publikationsorganen; ein Prozess, der teils zur Vereinheitlichung kutiert wurde die Frage, wie weit es zukünftig für Historiker/innen der Wissensverarbeitung geführt habe. Vogel zufolge sei dieser Wan- notwendig werde, tiefgreifende IT-Kompetenzen zu erwerben, um del aber weniger als Revolution zu deuten, eher als Bürokratisierung mit Datenbanken eigene Forschungsmethoden zu erweitern, oder ob im Kontext kameralistischer Verwaltung. nicht vielmehr die Spezialisierung von IT-Fachleuten auf geisteswis- Stärker in Bezug zur noch folgenden Podiumsdiskussion um heuti- senschaftliche Methoden bzw. Forschungen sinnvoller ist. Schließlich ge Informationsinfrastrukturen setzte CHRISTOPH CORNELISSEN ist die Auseinandersetzung mit der Technik nicht nur ein zeitinten- (Frankfurt am Main) den Akzent seiner Überlegungen auf die Frage, sives Unterfangen, sondern erfordert detaillierte IT-Kenntnisse. Die welche Rolle einerseits „digital natives“, „digital immigrants“ oder jüngst entstandenen Studiengänge für Experten an der Schnittstelle gar die „digital ignorants“ heute bei der Ausgestaltung IT-gestützter zwischen Informatik und Geschichtswissenschaften, die sowohl die Forschung und Lehre spielen. Ähnlich Jürgen Danyel konstatierte Cor- Möglichkeiten der IT bewerten und umsetzen, als auch die fachwis- nelissen, das nach einer Phase vollmundiger Ankündigungen über senschaftlichen Anforderungen implementieren können, erscheint an die Potentiale der IT-Anwendung heute Ernüchterung eingetreten sei. dieser Stelle erfolgversprechend. Gleichsam veränderten sich natürlich Forschung und Lehre vor diesem Mehr oder minder als Schlussakkord bot das Panel „Informati- Hintergrund. Die grundlegenden Arbeitstechniken wie Literaturre- onsinfrastrukturen im Wandel: Zur Vergangenheit, Gegenwart und cherche und -bereitstellung sowie die Fachkommunikation werden Zukunft der Informationsverarbeitung in historischer Lehre und For- weiterhin im Mittelpunkt stehen. Damit werde auch die Themenfin- schung“ einen historisierenden Blick auf Aspekte von Informationsver- dung computergeleitet bleiben, sich weiter internationalisieren und 85 86 Thomas Meyer eHumanities durch Bestände im Netz angeregt werden. Nur würden Forschungs- ließe sich als mögliches gemeinsames Arbeitsfeld konstatieren. Mit fragen weiterhin primär – im Widerspruch zum Paradigma der Digital Blick auf die verschiedenen Projekte zeigte sich aber auch, dass hete- Humanities – weiter so behandelt werden, wie heute. rogene Lösungen teils auch ihre Daseinsberechtigung haben, solange Die abschließende Podiumsdiskussion verschiedener Akteure der Werkzeuge nicht in der Lage sind, Daten bzw. Dokumente generisch Fachinformation und -kommunikation (Archive, Online-Forum, Ver- zu erschließen und zu analysieren. lag, Fördermittelgeber) versuchte deren Erfahrungen und jeweilige Rückblickend lässt sich konstatieren, dass Altertumswissenschaf- Perspektiven zu reflektieren. Allen gemeinsam war die Feststellung, ten und Mittelalterforschung überzeugend die digitalen Hilfsmittel in dass Beschleunigung, Entgrenzung, Internationalisierung und Interdis- Verbindung mit wissenschaftlichen Methoden anwenden, allerdings ziplinarität übergreifend den Wandel von Informationsinfrastrukturen mit unmittelbarer Nähe zur Linguistik. Zugleich stehen Projekte im geprägt haben und dies weiter tun werden, sich ebenso neue, medien- Umfeld des elektronischen Publizierens und der Fachinformation und bezogene Forschungsansätze realisieren ließen (wie zum Beispiel die -kommunikation und Quellen(retro)digitalisierung weiterhin im Fo- Visual History oder das auf dem Historikertag umfangreich präsente kus, da sie leicht mit den Kommunikationsformen und -werkzeugen Thema „sound“) und mediale Visualisierungsformen zu neuen Fragen im Internet experimentieren können. Da sie letztlich die Voraussetzung an das Forschungsmaterial anregen. Die Diskussion zu Fragen des für weitergehende Forschungen am Material und deren Reflektion Auditoriums über mögliche Perspektiven blieb allerdings auf sche- sind, wird diese Schwerpunktsetzung von Dauer sein. Verfahren des menhafte Statements zur weiteren Zusammenarbeit und Vernetzung Information Retrieval, der qualitativen Textanalyse, quantifizierende digitaler Angebote beschränkt. Verschiedene Fragen des Auditoriums Methoden sind so neu nicht, erfahren derzeit nur eine Renaissance, da kreisten zudem um die Problematik, wie man Technologieentwick- heutige Speicher- und Rechenkapazitäten die Verarbeitung weitaus lung und Entwicklungen im Fach in Einklang bringen könne, wie größerer Textmengen zulassen, als vor vierzig oder fünfzig Jahren; was die notwendige Verschränkung von Datenaufbereitung (Formate, Me- wiederum die vielfach diskutierte These stützt, dass in den „Digital tadaten) und -verwendung (Forschungsmethoden) zu erreichen sei Humanities“ nicht ein neues Fach erkennbar wird, sondern Anlei- oder wie Daten heute aufzubereiten seien, um sie in dreißig Jahren hen geistes- und kulturwissenschaftlicher Methoden getätigt werden.5 noch verarbeiten zu können. Die Internationalisierung durch bilaterale Leider nur am Rand debattiert wurden Fragen einer zukünftigen Quel- Fördervorhaben, als auch die Übertragung von Publikationsstrategien lenkritik, wie mit der Produktion genuin digitaler Quellen deren Ar- aus den Natur- und Ingenieurswissenschaften auf die Geisteswissen- chivierung und Bestandsbildung ausfällt, wie diese neuen Formen schaften sind Punkte, die heute im Fokus vieler Projekte stehen. Nicht zukünftig rezipiert werden können und welcher Spezialisten es zu zuletzt natürlich die Frage, wie weit auf der Technologieebene das Rad ihrer Archivierung und Aufbereitung bedarf. Die „analogue born“- neu erfunden werden müsse, teils mit Unterstützung durch Förder- Generation jedenfalls erfährt den Medienumbruch längst nicht mehr mittelgeber, bzw. wie weit man die Entwicklung von Werkzeugen für als völlig radikalen Bruch, sondern praktiziert ihn im Alltag. die Forschung zusammenführen könne. In diesem Punkt boten bereits die vorangegangen Panel Ausblicke auf die Grenzen und Potentia- le von „Insellösungen“: Der Einsatz von Basistechnologien (so zum Beispiel der Suchsoftware SOLR in fast allen vorgestellten Projekten) 5 siehe Anm. 2. 87 88 Mittelalter Mittelalter KAI-MICHAEL SPRENGER (Rom) sowie MATTHIAS M. TISCHLER von Kathrin Steinhauer (Dresden) deutlich. Auffallend war zudem, dass die verschiedenen Sektionen thematisch wie methodisch sehr heterogen waren und sich Besprochene Sektionen: einzelne durch teilweise hohe Interdisziplinarität auswiesen. Beson- „Copy&Waste. Selektive Rezeption mittelalterlicher Geschichte als ders die Sektion „Verbotene Passagen“, die sich mit einem in der For- Erinnerungsproblem“ schung immer aktueller werdenden Thema – der Auseinandersetzung „Ressourcen-Konflikte-Regeln: Die Verteilung von Amt, Würde und mit der islamischen Welt – befasste, demonstrierte die Wichtigkeit Einfluss im Zeichen der Geldwirtschaft im westlichen Mittelalter und philosophischer und auch religionsgeschichtlicher Grundlagen für ei- im Byzantinischen Reich“ ne adäquate Auseinandersetzung mit „fremden Welten“. Dies wurde sowohl durch die Beiträge des Islamwissenschaftlers STEPHAN CO- „Verbotene Passagen. Strategien der Verweigerung, Verhinderung und NERMANN (Bonn) als auch des Religionswissenschaftlers GÖRGE Unterbrechung von religiösen Transfer- und Transformationsprozes- HASSELHOFF (Bochum) verdeutlicht. Auch ist festzustellen, dass sich sen im transkulturellen Vergleich“ der in den letzten Jahren etablierte „Konjunkturtrend“ des Spätmit- Das Motto des 49. Historikertags „Ressourcen – Konflikte“ griff telalters nur bedingt auf den diesjährigen Historikertag übertragen ein Thema von geradezu aktueller Brisanz auf – bedenkt man, dass ließ. Während sich dieser zeitliche Schwerpunkt besonders in der drit- finanzielle und auch personelle Ressourcenverknappung gerade im ten Sektion „Ressourcen-Konflikte-Regeln: Die Verteilung von Amt, Hochschulbereich und akademischen Betrieben weiter zunimmt. Den Würde und Einfluss im Zeichen der Geldwirtschaft im westlichen einzelnen Sektionen wurde dadurch einerseits Anlass zu vielfältigen Mittelalter und im Byzantinischen Reich“ zeigte und hier etwa auch Diskussionen, andererseits jedoch auch die Möglichkeit recht flexibler der Bogen zur frühen Neuzeit geschlagen wurde, wiesen die übrigen Auslegung der thematischen Schwerpunkte geboten. Dementspre- besuchten Sektionen eine Bandbreite auf, die das gesamte Mittelal- chend war die Themenvielfalt in einigen Sektionen erst auf einen zwei- ter umfasste. Eine Konzentration auf das frühe und hohe Mittelalter ten Blick mit dem Oberthema zu verbinden. Eine Gemeinsamkeit lässt lässt sich verständlicherweise für die Sektion „Verbotene Passagen“ sich jedoch auch hier feststellen: Das Problem der Ressourcenknapp- nachweisen, fand doch gerade in den benannten Epochen, mit Hö- heit spielte in allen hier behandelten Sektionen eine zentrale Rolle.1 hepunkten während der Kreuzzüge, ein reger Austausch zwischen Angesichts der Bandbreite an möglichen Interpretationen des Mottos Okzident und Orient statt. Formen der „Damnatio memoriae“, der und der damit einhergehenden Beliebigkeit der thematischen Schwer- gerade die jüngere Forschung zunehmende Aufmerksamkeit widmet, punkte reichte Verknappung dabei von materiellen Mängeln bis hin wurden in der Sektion „Copy&Waste“ thematisiert, indem der Bogen zu ideeller Knappheit im Sinne von bewusst selektierter Memoria und von der Antike bis hin zur frühen Neuzeit geschlagen wurde. Ein deut- inszenierten Geschichtsbildern. Dies wurde besonders in den beiden liches Zeichen dafür, dass gerade das gesamte Mittelalter eine Epoche Sektionen unter Leitung von GERALD SCHWEDLER (Zürich) und darstellt, die über enge disziplinäre Grenzen hinweg deutliches Poten- tial intensivierten Austauschs mit anderen Forschungsfeldern aufzeigt. 1 Der Bericht beschränkt sich auf drei Sektionen, die aufgrund der einleitend benann- Insgesamt lässt sich für den Historikertag jedoch feststellen, dass das ten thematischen Schwerpunkte ausgewählt wurden; die Teilnahme an weiteren der insgesamt sechs mediävistischen Sektionen wäre auch durch terminliche Überschnei- Mittelalter – gegenüber der Neuzeit – erneut nur mäßig vertreten war: dungen erschwert worden. 89 90 Kathrin Steinhauer Mittelalter Die neuere Geschichte und Zeitgeschichte konnten mit insgesamt 28 Gegenpäpste im Kontext von „antipapa“ oder „pseudopapa“3 , der Sektionen glänzen, den mediävistisch Interessierten boten sich sechs einen „ungerechtfertigten Amtsanspruch“ impliziere. Vielmehr war Panels – immerhin, war doch die Antike mit nur zwei Sektionen ver- der – terminologisch irritierende – Aufhänger als Äquivalent zu Cham- treten. Eine frühneuzeitliche bzw. neuzeitliche Konzentration lässt berlin‘s ‚Bad popes‘4 gedacht, also zur Kennzeichnung rechtmäßiger, sich auch, mit einigen wenigen Ausnahmen, beim Doktorandenforum aber wegen mangelhafter Amtsausübung unliebsamer Päpste (wie feststellen. etwa Bonifaz VIII. oder Alexander VI.). Ihr langfristiges Gefährdungs- Mit einer kulturellen Ressource, der selektiven Erinnerung, setzte potential für die „kirchliche Ordnung“ habe die „nur vorübergehende“ sich die etwas inkohärent wirkende Sektion „Copy&Waste. Selekti- Infragestellung durch mittelalterliche Gegenpäpste sogar übertroffen ve Rezeption mittelalterlicher Geschichte als Erinnerungsproblem“ – obwohl deren funktionale Namensstreichung oder Überschreibung auseinander. Ihre Leiter GERALD SCHWEDLER (Zürich) und KAI- in den Papstlisten (wie zuletzt noch 1958 durch Angelo Roncalli als MICHAEL SPRENGER (Rom) sind Mitbegründer des am Historischen Johannes XXIII.) als typische Ressource einer „damnatio memoriae“ Seminar der Universität Zürich angesiedelten Arbeitskreises „Damna- aufzufassen sind, eben als „Copy&Waste“. OLAF B. RADER (Berlin) tio memoriae. Deformation und Gegenkonstruktion von Erinnerung analysierte demgegenüber mit seinem etwas ‚profaner‘ gearteten Bei- in Geschichte, Kunst und Literatur“2 , der sich mit der gezielten Er- trag „Friedrich II. und die Frauen“, wie ein negatives oder etwa auch innerungsvernichtung befasst. Wie einleitend dargelegt trat dieses positives Bild einer historischen Person überhaupt erst entstehen kann. Phänomen nicht nur im Kontext historischer Einschnitte auf, sondern In Zeiten der Boulevardpresse sind wir, so Rader, an eine Zurschau- in allen Epochen der Geschichtswissenschaft. Die fünf Vorträge dieser stellung bekannter Persönlichkeiten gewöhnt. Im Mittelalter wurde Sektion griffen ihrerseits das Problem einer bewussten Tilgung bzw. dies durch die Verwendung stilisierter Bilder erreicht, wodurch sich Deformation der Erinnerungsstruktur und der damit einhergehenden latent eine gewisse Vorstellung einer Persönlichkeit durch dessen Ab- Instrumentalisierung von Geschichtsbildern auf: MISCHA MEIER (Tü- bildung manifestiere. Die Erinnerung als Ressource werde dadurch bingen) verdeutlichte anhand des oströmischen bzw. byzantinischen zu einer verzerrten Wirklichkeit. Gleich eine gesamte, zudem neuzeit- Kaisers Phokas (602-610), wie durch eine Verformung der größtenteils liche Epoche untersuchte hingegen PATRICIA HERTEL (Basel) auf unter dessen Nachfolger entstandenen Quellen mittels bewusster Ak- ihre selektive Erinnerung, indem sie herausstellte, wie das 19. und zentuierung despotischer Charakterzüge und Amtshandlungen ein 20. Jahrhundert „muslimisches Mittelalter und nationale Identität auf bis in die jüngste Vergangenheit reichendes negatives Geschichtsbild der iberischen Halbinsel“ unter dem Aspekt der ‚Reconquista‘ und entstand; selbiges erfährt erst in der neueren Forschung eine „Revindi- ‚Convivencia‘ behandelte. Dabei wurde deutlich, dass sich gerade- kation“. GERALD SCHWEDLER (Zürich) stellte anhand methodischer zu ein politischer Mythos des Begriffs ‚Reconquista‘ als prominentes Überlegungen zur Erinnerungstilgung durch die Institution des Papst- Konzept etablierte, das jegliche Pluralität des Mittelalters ausblendete tums heraus, dass mediävistische Rezeptionsgeschichte bereits im Mit- 3 Zu Schismaphasen vgl. den aktuellen Tagungsband: Harald Müller / Brigitte Hotz telalter selbst begann. Hinter dem Titel „‘Anti-Päpste‘. Zum Umgang (Hrsg.), Gegenpäpste. Ein unerwünschtes mittelalterliches Phänomen, Wien 2012 und mit belastender Geschichte“ verbargen sich indes nicht eigentliche die Erstresonanz in der Süddeutschen Zeitung Nr. 233 (9.10.2012), S. V3/15. 4 Erstauflage: Eric Russell Chamberlin, The bad popes, New York 1969, vgl. auch 2 Weitere Informationen zu dem Arbeitskreis unter: <http://www.damnatio- die kritische Rezension der deutschen Übersetzung in Deutsches Archiv für Er- memoriae.net/ziele-aims.html> (23.11.2012). forschung des Mittelalters 29 (1973):<http://www.digizeitschriften.de/dms/img/ ?PPN=PPN345858735_0029&DMDID=dmdlog66&PHYSID=phys646> (23.11.2012). 91 92 Kathrin Steinhauer Mittelalter und das Miteinander verschiedener Personengruppen fast gänzlich rechten Zugang zu Ressourcen im Mittelalter thematisierte auch, indes negierte. Der Terminus wurde oftmals gleichgesetzt mit einem Kampf stärker theoriebezogen, PETRA SCHULTE (Bielefeld/Mainz) in ih- gegen islamische Herrschaft als Merkmal einer ganzen Epoche und rem Vortrag „Der Fürst und die Verwaltung knapper Ressourcen im fand synonyme Verwendung für die Wiederherstellung einer Einheit europäischen Mittelalter“ unter Konzentration auf Frankreich und Bur- des Landes. KAI-MICHAEL SPRENGER (Rom) legte überzeugend gund. Bereits Mitte des 13. Jahrhunderts, so Schulte, gab es Gedanken dar, wie ein historisches Ereignis zu einem kulturellen Erinnerungs- über Verteilungsgerechtigkeit. In Anlehnung an die spätere Argumen- ort verschiedener sozialer Gruppierungen werden konnte. Aus der tation des Philosophen John Rawls sei durchaus davon auszugehen, Schlacht von Legnano im Jahre 1176, im Ergebnis zunächst ein singulä- dass jede Person den gleichen Anspruch auf eine Ressource haben res Verdienst Mailands, wurde durch ahistorische Rezeption aber ein sollte bzw. tatsächlich auch besessen habe. Essenziell sei dabei, dass „triumphaler Sieg über die Teutonen“, durch ein einziges Ereignis ent- im Mittelalter die dem Fürsten zur Verfügung stehenden Ressourcen stand ein nationales Identifikationsmerkmal eines heterogenen Volkes direkt verteilt wurden, in der heutigen Zeit hingegen zunächst die An- als homogene ‚Italia‘. wärter darauf festgestellt und dann erst die entsprechenden Mittel auf- Deutlich kompakter und thematisch einheitlicher zeigte sich die gestellt werden. Eine weitaus materiellere Ressource, die Bedeutung Sektion „Ressourcen – Konflikte – Regeln: Die Verteilung von Amt, des Geldes bei der Königswahl, wurde von JOACHIM SCHNEIDER Würde und Einfluss im Zeichen der Geldwirtschaft im westlichen (Mainz) diskutiert, indem er zunächst einmal festhielt, dass finanziel- Mittelalter und im Byzantinischen Reich“ unter der Leitung von JO- le Aspekte bei der Erhebung eines römisch-deutschen Königs durch HANNES PALITZSCH (Mainz) und JOACHIM SCHNEIDER (Mainz). die Kurfürsten in der Forschung bisher wenig Beachtung gefunden Gleich zu Anfang zeigte ANDREAS MEYER (Marburg), wie es zu ei- haben. Beispielhaft sei hier die Wahl des Jahres 1256 zwischen Richard nem regelrechten „Kampf um begrenzte Ressourcen“ kommen konnte, von Cornwall und Alfons von Kastilien. Erstmals wurden Verträge wenn diese für bestimmte Personen und Personengruppen überlebens- ausgestellt, die einen regelrechten Stimmenkauf dokumentieren. Doch wichtig wurden. Besonders deutlich wird dies bei der Vergabe von woran orientierte sich deren Preis? Kann man bereits so weit gehen Benefizien im späten Mittelalter, als nicht nur Päpste und Herrscher und hier von einer Korruption des Stimmenkaufs sprechen? Zu be- sich das Patronatsrecht vorbehielten, sondern zunehmend auch Laien denken seien dabei das tatsächliche Ressourcenvorkommen, die – ein Recht auf Pfründenbesetzung beanspruchten. Dies führte nicht nur materielle oder auch immaterielle – reale Gewinnerwartung, der Ein- zu einer Anhäufung von Pfründen, sondern auch zu einer Verteilung satz des jeweiligen Kandidaten und nicht zuletzt auch die Zahl der verschiedener Anwartschaften, die je nach Interessenlage individuell Bewerber und Interessenten. Der Stimmenkauf, der sich aus Diskurs anpassbar waren. Um dieser Konkurrenz um die Ressource entge- und Praxis ergibt, wurde laut Schneider zunehmend legitimiert. Das genzusteuern, wurden durch das Wiener Konkordat im Jahre 1448 geringe Interesse an den Wahlen im 13. Jahrhundert könne aber auch administrative Verfahren entwickelt und Vergabekriterien erstellt, die auf einen Mangel an Ressourcen zurückgeführt werden. Die Quint- eine neutralere und ausgeglichene Verteilung vorsahen. Jedoch stellt essenz dieser Vorträge – dass nämlich die Verfügung über Pfründe, sich auch hier die Frage, inwieweit sich dadurch ein Vorteil für system- Ämter und Gelder etc. eine der großen Ressourcen von Herrschern war immanente Anwärter ergab oder inwiefern eine Vergabe von Pfründen – hielt auch JEAN-CLAUDE CHEYNET (Paris) mit seinem Thema „Re- nicht auch als Gegenleistung für Loyalität praktiziert wurde. Den ge- cevoir pour donner au sein de l´élite aristocratique byzantin“ für das 93 94 Kathrin Steinhauer Mittelalter byzantinische Reich fest. Dort wurde dieses Faktum zusätzlich durch te, jedoch für sich den Anspruch erhob, die einzige und endgültige ein dezidiert organisiertes fiskalisches System begünstigt, an dessen Wahrheit, also die reinste Form des Wissens zu sein: Alles Wissen Spitze der jeweilige Herrscher stand. Die insgesamt äußerst homogen und damit auch alle wissenschaftliche Erkenntnis sei bereits im Koran wirkende Sektion gab Anlass zu fruchtbarem Meinungsaustausch, der festgelegt und kann, wenn nötig, durch den Gebrauch des Verstandes durch abschließende Kommentare und Kurzzusammenfassungen der ergänzt werden. Zuspitzung erfuhr diese Sichtweise noch in den po- beiden Diskutanten WOLFRAM BRANDES (Frankfurt am Main) und litischen Umbrüchen des 11. Jahrhunderts, insbesondere durch den JÖRG ROGGE (Mainz) komplettiert wurde. Theologen Abu Hamid al-Ghazali als Vertreter der strengen Glaubens- Mit einer Ressource ganz anderer Art, dem modern formulierten richtung. Ihm wurde lange vorgeworfen, die Philosophie aus dem „clash of cultures“, und einem – bedenkt man das politische Gesche- Islam verdrängt zu haben. Denn er vertrat nach seiner Abwendung hen – durchaus aktuellen Thema beschäftigte sich die Sektion „Ver- vom Rationalen hin zu einer fast schon irrationalen Religiosität die botene Passagen. Strategien der Verweigerung, Verhinderung und Überzeugung, dass – sollten Wissenschaft bzw. Philosophie und Koran Unterbrechung von religiösen Transfer- und Transformationsprozes- im Widerspruch stehen – allein letzterer als wahre Quelle heranzu- sen im transkulturellen Vergleich“ unter der Leitung von MATTHIAS ziehen sei. Einen Einblick in die jüdische Welt, genauer in die des M. TISCHLER (Dresden). In einem fast schon experimentellen Pro- Gelehrten Moses Maimonides, gewährte der für den verhinderten jekt wurden in dieser Sektion die Welt des Mittelmeerraumes und Referenten Frederek Musall eingesprungene Religionswissenschaftler deren Kerngesellschaften in den engeren Blick genommen und mit GÖRGE HASSELHOFF (Bochum). Er thematisierte in seinem Vortrag den so genannten „Peripherien“ Lateineuropas kontrastiert. Das Asso- die Bezeichnung des Christentums als „Götzendienst“ in Maimonides ziationsspektrum zu dieser Thematik ragt dabei weit über materielle Werken und die damit einhergehende antichristliche Polemik. Mai- Aspekte hinaus und beschäftigt sich mit kulturellen und vor allem monides stand nicht allein in regem Austausch mit seinen jüdischen religiösen, oft gescheiterten Transformationsprozessen zwischen den Kollegen, sondern hatte zudem, bedingt durch sein bewegtes Leben, benannten Welten. Wie kam es beispielsweise im Abendland zu der auch vielschichtige Kontaktmöglichkeiten zu Christen und Vertretern Unterbindung einer bereits vorher existierenden Geschichte, warum anderer Glaubensrichtungen. In seinen Werken vermittelt er die Sicht- stellten Übersetzungen arabischer und jüdischer Literatur auch in Re- weise, dass das „messianische Zeitalter ein universelles“ sei, aber auch gionen dieses „cultural clash’s“ eine Seltenheit dar? Und warum ist die übrigen monotheistischen Religionen als Wegbereiter des Messias gerade aus dem Frühmittelalter, einer Epoche des regen Austauschs dienen, indem sie die Welt auf nur einen einzigen Gott vorbereiten. zwischen islamischer und westlicher Welt, kein Dokument eines Kon- Dies würde wiederum die Abkehr vom Götzendienst zur Folge haben. takts mit Muslimen überliefert? An diese Abwehrhaltung gegen alles, Der Weg zu einem messianischen Zeitalter werde dadurch geebnet was fremd ist, knüpfte STEPHAN CONERMANN (Bonn) mit seinem und ein Leben in der Hingabe zur Tora ermöglicht.5 So wird auch Jesus Beitrag „Der Bruch mit der griechischen Philosophie im islamischen von Maimonides zwar als ‚falscher‘, aber dennoch als ein Messias ange- theologischen Diskurs. Warum sich al-Ġazālı̄ (gest. 1111) gegen Aver- sehen. Über die „Be- bzw. Verhinderung“ lateinischer Abschriften des roës (gest. 1198) durchgesetzt hat“ an; er legte überzeugend dar, dass Korans im Mittelalter referierte MATTHIAS M. TISCHLER (Dresden), sich auch auf Seiten der islamischen Gelehrten eine eigene Theologie 5 Zur Thematik vgl. auch die Neuerscheinung: Eva Winkelmeier, Die Relevanz des entwickelte, die jegliche äußeren Einflüsse zwar als existent anerkann- Maimonides für jüdischen Fundamentalismus in Israel, Inaugural-Dissertation zur Erlangung des Doktorgrades, München 2010. 95 96 Kathrin Steinhauer Mittelalter indem er zunächst festhielt, dass das Bild einer entsprechend viel- reichen kann. Die ausführlichen, indes nicht in jeder Sektion vertieften fältigen Rezeptionsgeschichte als allzu optimistisch dargestellt wird. Plenumsdiskussionen um Terminologien und thematische Abgrenzun- Der Blick gerade auch der jüngeren Forschung sei dabei noch zu sehr gen zeugen jedoch davon, dass in einigen Bereichen noch weitreichen- auf die existierenden Handschriften des Korans beschränkt, während de Potentiale einer ausgedehnten wissenschaftlichen Aufarbeitung die Überlieferung in der „christlichen Islamliteratur des Hoch- und liegen – die gleichsam selbst ‚Ressourcen‘ bilden. Dies wird sekti- Spätmittelalters“ vernachlässigt wird. Die als Beispiel herangezogenen onsübergreifend nicht zuletzt darin sichtbar, dass sich zunehmend Übersetzungsversuche etwa des Petrus Venerabilis von 1142/43 – des- interdisziplinäre Arbeitsgruppen bilden, die sich dieser vielfältigen sen Werk nicht nur in einer wirtschaftlich krisenreichen Zeit verfasst Aufgabe angenommen haben, und dass vielfach auch Junghistorikern wurde, sondern zudem von Anfang an in der Kritik stand – sieht Tisch- die Möglichkeit geboten wurde, ihre Forschungsschwerpunkte auf ler als zum Teil gescheitertes Unternehmen an. Den letzten Vortrag dem Historikertag vorzustellen. bestritt KRISTIN SKOTTKI (Rostock). Sie thematisierte aus historio- graphischer wie literaturwissenschaftlicher Sicht die interkulturellen Begegnungen und deren schriftliche Manifestierung in Antiochien im Zeitalter der Kreuzzüge. Zentral war in ihrem Vortrag, inwieweit sich der multikulturelle Charakter der Kreuzzugsstätte auch in den latei- neuropäischen Quellen wiederspiegelt, da darin gerade Aspekte des fruchtbaren Miteinanders nicht nur teils verschwiegen, sondern gera- dezu als „sündhaft und gefährlich“ bezeichnet werden. Wie sehr diese Historiographie ein Hindernis der umfassenden Rezeptionsgeschichte darstellte, wundert umso mehr, als die Autoren im regen Austausch mit Juden und Muslimen standen und zudem auch zahlreiche Ko- dizes in Antiochien selbst erstellt wurden, kurzum Antiochia in den Kreuzzugsquellen als gut erforscht gilt. Insgesamt zeigte sich auch diese Sektion als sehr kongruent; sie zeichnete sich nicht nur durch die umfassende Einleitung von Matthias Tischler, sondern auch durch einführende und überblicksartige Vorträge aus. In der Zusammenschau lässt sich feststellen, dass das Motto des diesjährigen Historikertags in meist beispielhafter Form aufgegriffen und thematisiert wurde. Die Vielfältigkeit der Definitionen und Inter- pretationen des Begriffs „Ressourcen“ hat gezeigt, dass das Spektrum von konkreten materiellen Werten wie der Käuflichkeit von Ämtern über immaterielle Mittel wie Macht, Ansehen und Prestige bis hin zu kulturellen Transformationsprozessen und Grenzüberschreitungen 97 98 Neuere Geschichte Neuere Geschichte rung von Ressourcenkonflikten? von Tobias Huff „Zwischen Knappheit und Überfluss: Abfall als Problem und Ressour- Besprochene Sektionen und Vorträge: ce in der Geschichte“ Heike Weber (Berlin): „Schafft Werte aus dem Nichts!“ Frauen und „Die Börse als Ort von Ressourcenkonflikten im 19. Jahrhundert“ die Wiederverwertung von Küchenresten im Ersten Weltkrieg und Boris Gehlen (Bonn): „Manipulierende Händler“ vs. „dumme Agrari- während der NS-Zeit“ er“: Reale und symbolische Konflikte um das Börsengesetz von 1896 Alexander Engel (Göttingen): Die Diskussion des Börsenterminhan- Der erste Befund beim Blick in das Programmheft zum 49. Deut- dels um 1900 schen Historikertag war, dass in den einschlägigen Sektionen zur Korinna Schönhärl: Konkurrenz der Mächte im Zeitalter des Imperia- Neueren Geschichte (1800-1945) das 19. Jahrhundert kaum mehr ver- lismus: Die Verschuldung Griechenlands in den 1880er Jahren treten ist. Dies spiegelt zum einen die aktuelle Forschungslandschaft Dr. Claire-Amandine Soulié (London): „Le Monde ne Peut Plus Vivre wider, in der das 19. Jahrhundert – zumindest bis zum Jahr 1871 – eine Sans Ses Chemins de Fer“ – Rothschild Railways and Commodity zunehmend nachgeordnete Rolle einnimmt. Möglicherweise wirkt Trading hier zum zweiten die Themensetzung des Historikertages verstärkend. „Die Organisierte Disziplin als Forschungsproblem. Perspektiven auf Der Titel „Ressourcen-Konflikte“ schien viele Anknüpfungspunkte für eine Geschichte des Historikerverbandes“ die Behandlung der konfliktreichen ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts Gabriele Lingelbach (Bamberg): Funktionen von Verbänden im inter- zu bieten. Es ist Kennzeichen für eine gelungene Rahmensetzung, nationalen Vergleich thematische Offenheit zu sichern, ohne in Beliebigkeit abzudriften. Gerade für eine solch heterogene und disparate Zeitspanne, wie die „Ressource Religion. Akteure und Netzwerke in Globaler Perspektive“ hier besprochene, bot es sich an, den Rahmentitel auf zweierlei Wei- Francesco Spöring (Zürich): Spiritualität und Schnapsverbot. Evange- se auszulegen. Zunächst einmal im Verständnis der Ressourcen für lium, Sozialhygiene und die Basler Mission in Westafrika 1884-1940 Konflikte und dann im Sinne des Konfliktes um Ressourcen. Dieser Rebekka Habermas (Göttingen): Mission entangled –Islamdebatten im Hybridcharakter der Ressource als Mittel und Ziel hätte eine Sektion Kaiserreich gerechtfertigt, die sich explizit mit dem Ressourcenbegriff auseinan- „Kriegsmobilisierung und Ressourcenkonflikte im Nationalsozialis- dersetzt. Ein zweiter Blick in das Programmheft enttäuschte diese mus 1936 bis 1945“ Hoffnung. Es blieb der Anspruch, dass in den einzelnen Sektionen Adam Tooze (Yale): Ressourcenkonflikt und Mobilisierung im Dritten eine Beschäftigung mit dem Ressourcenverständnis stattfand, das über Reich. Die stabilisierende Funktion der Kreditpolitik Worthülsen wie „xy als Ressource“ oder „Ressourcen für xy“ hinaus- Jörn Brinkhus (Bremen): Regionale Behörden als Lösungsinstanz für geht. Die Erwartung war, dass es etwa zu einer Auseinandersetzung Ressourcenkonflikte. Das Beispiel der Versorgungspolitik des NS- und Dekonstruktion von Knappheitsdiskursen kommt, wie es die Staates 1939-1944/45 Umweltgeschichte mit Holznot und Energiekrise gemacht hat. Eine Oliver Werner (Jena): Das Ministerium Speer – Lösung oder Verlage- solche Herangehensweise könnte gerade für die Neuere Geschichte interessante Befunde liefern, brachten doch die Jahre ab 1800 das Ende 99 100 Tobias Huff Neuere Geschichte der weitgehend ohne Input auskommenden Subsistenzwirtschaft und Die gängige Erzählung, dass dies ein Ausdruck der Not gewesen den Aufstieg der rohstoffbasierten industriellen Arbeitswelt. sei, versperrt den Zugang zu einer alternativen Sichtweise. War die Ge- Genährt wurde die Zuversicht durch die von MONIKA DOM- sellschaft des späten Kaiserreichs bereits eine Überfluss- und Wegwerf- MANN (Basel) in der H-Soz-u-Kult Debatte zu „Ressourcen“ im Vor- gesellschaft, die im Zuge des Krieges noch einmal in einen früheren feld des Historikertages aufgeworfene Frage, wo denn der Unterschied gesellschaftlichen Modus zurückkehrte, der näher an Formen der Sub- zwischen den Begriffen „Rohstoffen“ und „Ressourcen“ liege.1 Viel- sistenzwirtschaft heranreichte? Die von ROMAN KÖSTER (München) leicht lässt sich hier eine diachrone Unterteilung vornehmen. Dem in der Einführung aufgeworfene Frage, inwiefern die vollständige deutschen Begriff Rohstoff haftet die dingliche Komponente an, ein Wiederverwertung von Abfällen in einer Industriegesellschaft über- Ausgangsprodukt, dass der Erde abgetrotzt werden muss und das haupt noch möglich war, deren Konsumgüter bedingt durch zahlreiche durch die Arbeit menschlicher Hände veredelt wird. Diesem mate- Verarbeitungs- und Veredelungsprozesse hochtoxische Rückstände rialistischen Verständnis steht der amorphe Ausdruck Ressource ge- produzierten, fand in den einzelnen Sektionsbeiträgen leider kaum genüber. Auch im Postmaterialismus braucht der Wirtschaftsprozess Widerhall. Auch in der aktuellen Forschung zu Altstoffen dominieren Input, der aber zunehmend seinen stofflichen Charakter verliert und sozialgeschichtliche Fragestellungen. Interessant wäre es naturwissen- sich in Erscheinungsformen wie Kreativität, Wissen, Können oder Dis- schaftliche Erkenntnisse in die geschichtswissenschaftliche Forschung ziplin auflöst. Der Mensch selbst wird zur Ressource. Diese Erkenntnis einzubeziehen, um die Gefährlichkeit von Stoffen und die Wirksamkeit ist allein für sich stehend nichts Neues. Bereits in der Frühen Neuzeit zeitgenössischer Entsorgungsmaßnahmen untersuchen zu können. maß sich die Macht eines Staates an der Zahl der Soldaten, die er im Auch Weber konzentrierte sich auf die sozialen Aspekte der Roh- Konfliktfall aufbieten konnte. Die Peuplierungspolitik jener Epoche stoffverwertung und führte im zweiten Teil des Vortrags aus, wie sich war auch Vorsorge für den militärischen Ernstfall. die Nationalsozialisten die Erfahrungen des kriegsführenden Kaiser- In der Neuzeit (1800-1945), die hier besprochen werden soll, ging reichs zu Nutze machten. Bereits in Friedenszeiten habe das Regime es aber – lapidar ausgedrückt – um mehr als ein paar Bauern, die die kommende Konflikte durch eine systematische Erfassung von Lebens- Sense gegen eine Muskete tauschten. Krieg in der Neuzeit erfasste im mittelabfällen vorbereitet. Das EHW-Schwein habe als sympathischer zunehmenden Maße die gesamte Gesellschaft. HEIKE WEBER (Berlin) Werbeträger gedient, der die Hausfrau erzog, ihre Arbeitskraft als führte in ihrem Beitrag aus, wie der moderne Krieg seinen Weg in die Ressource einband und ihr suggerierte, „selbst etwas zu ihrer eigenen deutschen Haushalte fand und Hausfrauen zu täglicher Müllarbeit Ernährungsversorgung beitragen zu können“. zwang. Was in Friedenszeiten ökonomisch unsinnig gewesen sei, habe ADAM TOOZE (Yale) griff mit seinem Vortrag das Thema Ver- in den Sonderbedingungen des Ersten Weltkrieges seine Berechtigung sorgung wieder auf. In der von THOMAS SCHAARSCHMIDT (Pots- gehabt. Durch die englische Blockade von Kolonialgütern und Ge- dam) organisierten Sektion zu Kriegsmobilisierung und Ressourcen- treidelieferungen abgeschnitten, sei das Deutsche Reich nicht fähig konflikten im Nationalsozialismus setzte Tooze einen intellektuellen gewesen, die Bevölkerung zu versorgen. Gegenständen, die auf dem Glanzpunkt. Er füllte die bekannte These, dass sich die Stabilität des Müll landeten, sei ein neuer Wert beigemessen worden. nationalsozialistischen Regimes in der guten Güterversorgung bis in 1 HSK Redaktion: H-Soz-u-Kult Debatte zu „Ressourcen“ in den Geschichtswissen- die letzten Kriegsmonate hinein gründe, mit neuen Argumenten. Eine schaften: 1. Teil, in: H-Soz-u-Kult, 20.09.2012, <http://hsozkult.geschichte.hu-berlin.de von langer Hand geplante Finanzpolitik habe die Kriegsvorbereitung /forum/id=1876&type=diskussionen> (23.01.2013). 101 102 Tobias Huff Neuere Geschichte und führung wesentlich erleichtert. Dabei sei dem Regime 1937/38 Gebiete teilweise abgemildert und entschärft werden können. das Kunststück gelungen, als Diktatur eine Anleihe auf dem primären Welch skurrile Blüten der Krieg treiben kann, verdeutlichte RE- Finanzmarkt zu platzieren. Zudem konnte sich das Regime bis 1943 BEKKA HABERMAS (Göttingen) anhand der Islamdebatten im Kai- in großem Maße aus inländischen Ersparnissen finanzieren, da keine serreich. In Ihrem Vortrag beschrieb sie, wie das Deutsche Reich im Flucht in die Sachwerte stattgefunden habe. Die Bevölkerung habe Ersten Weltkrieg 12.000 muslimische Kriegsgefangene in speziellen demnach dem Regime und seiner makroökonomischen Rahmung Halbmondlagern einsperrte. Ziel der separierten Unterbringung sei großes Vertrauen entgegengebracht. es gewesen, die muslimischen Soldaten davon zu überzeugen, dass Am Rande streifte Tooze die Frage, wie das 1939 vollbeschäftigte Deutschland sich im Krieg für die pan-islamischen Ziele einsetze. Als Reich zum einen Männer aus der Produktion freisetzte, um sie als die Mittel diente dabei auch die Lagerzeitung El Dschihad. Später sollten Ressource Soldaten einzusetzen, und zum anderen, wie die Produkti- die Gefangenen wieder freigelassen werden, damit sie in den Reihen on von Konsumgütern zu Gunsten von Rüstungsgütern umgestaltet der alliierten Heere zersetzend wirkten. wurde. Dieser Frage widmete sich OLIVER WERNER (Jena) in seinem FRANCESCO SPÖRING (Zürich) erwähnte in seinem Betrag das Beitrag ausführlich. Werner folgte der These, dass das Ministerium Wort Ressource nicht einmal. Es fällt auch schwer, in seinen Ausfüh- Speer bis 1945 erfolgreich an der Lösung von Ressourcenkonflikten be- rungen Religion als Ressource zu begreifen. Vielmehr ist Religion in teiligt war und das Reich kampffähig gehalten habe. So hätten durch den Beispielen Spörings ein Mittel der gesellschaftlichen Disziplinie- die „Auskämmung ziviler Betriebe und Verwaltungen“ beständig rung. Dass Religion oftmals für diesen Zweck eingesetzt wurde, ist Arbeiter für die Wehrmacht freigesetzt werden können, ohne den wirt- eine gängige Forschungsthese.3 Die Missionare hätten es als Ziele ihres schaftlichen Output zu gefährden. Albert Speer sei damit zunehmend Wirkens angesehen, die Menschen zur Arbeit und zum Kampf zu er- in einen Gegensatz zu den Gauleitern geraten, die ihre tradierten, ziehen. Wahre Freude erlange der Einzelne nicht durch Genussmittel, heimischen Industrien schützen wollten. Werner zeichnete hier das sondern nur durch Leistung für die Gesellschaft. Hier schimmert die Bild eines effektiven und effizienten Organisators Speer, dem sich Erziehung des Menschen zur Arbeitsmaschine in der Industrialisie- die Gauleiter als Antipoden einer durchökonomisierten und mobi- rung durch. Arbeit wird normiert, über die Uhr mess- und vergleichbar lisierten Gesellschaft entgegenstellten. JÖRN BRINKHUS (Bremen) gemacht. Der eingangs erwähnte Ressourcencharakter des Menschen beleuchtete die eben angesprochenen Verteilungskonflikte in seinem wurde hier – ohne dass die Vokabeln selbst fielen – besonders deutlich Vortrag Regionale Behörden als Lösungsinstanz für Ressourcenkonflik- greifbar. Spöring bewegt sich mit seinem Vortrag in den Jahren 1880 te. Das Beispiel der Versorgungspolitik des NS-Staates 1939-1944/45 bis 1940, also in jener Zeit, auf die sich die überwältigende Mehrzahl mit aussagekräftigem Archivmaterial. Insgesamt harmonisieren die Er- der Beiträge bezogen. gebnisse der Sektion mit den Darstellungen im aktuellen Sammelband Eine wohltuende Ausnahme bildete die Französin CLAIRE- von Christoph Buchheim und Marcel Boldorf zur deutschen Kriegs- AMANDINE SOULIÉ (London), die in der Sektion Die Börse als Ort wirtschaft.2 Die im Reich auftretenden Konflikte zwischen Kriegs- von Ressourcenkonflikten im 19. Jahrhundert die Ressource Vertrauen und Konsumgüterproduktion hätten durch die Ausbeutung besetzter in den Blick nahm. Ihr Vortrag kreiste um Jakob Rothschild, der ab 2 Christoph Buchheim / Marcel Boldorf (Hrsg.), Europäische Volkswirtschaften unter 3 Heinz Schilling (Hrsg.), Kirchenzucht und Sozialdisziplinierung im frühneuzeitli- deutscher Hegemonie 1938–1945, München 2012. chen Europa (Zeitschrift für Historische Forschung, Beiheft 16), Berlin 1994. 103 104 Tobias Huff Neuere Geschichte 1811 als Bankier in Paris Fuß zu fassen versuchte. Die Beteiligung sei- Diese Dienstleisterfunktion der Finanzwirtschaft nahmen am Bei- ner Familie an der Finanzierung der Feldzüge Wellingtons hätte dieses spiel der Institution Börse mit ALEXANDER ENGEL (Göttingen) und Vorhaben erheblich erschwert. Erst 1818 habe Jakob Rothschild – nach BORIS GEHLEN (Bonn) gleich zwei Vortragende kritisch in den Blick. Jahren kostenintensiven Networkings – Zugang zur Finanzierung der Ihren Durchbruch erlebte die Institution Börse mit dem Eisenbahnbau. französischen Staatsfinanzen bekommen. Das Engagement habe sich Hierbei wurden Geldsummen benötigt, die ein einzelnes Bankhaus langfristig gelohnt, denn in der Finanzierung des Eisenbahnbaus ab nicht mehr bereitstellen konnte. In der Praxis bedeutete dies, dass sich den 1830er-Jahren habe Rothschild ein Vermögen verdient. Vertrauen Geldgeber und -nehmer nicht mehr persönlich kannten. Im Gegensatz ist eine Form der Ressource, die sich schlecht wiegen oder bepreisen zum Finanzier Rotschild, der die von ihm finanzierten Unternehmer lässt – über deren Knappheitscharakter sich also trefflich streiten ließe. zu Gesicht bekam – und ihnen wohl vertraute –, muss es im Fall der Gänzlich anders gelagert war die Sachlage bei einem zweiten Bei- Institution Börse eine Art des institutionalisierten Vertrauens geben. spiel der Eisenbahnfinanzierung. Im Fall des omnipräsenten Griechen- DIETER ZIEGLER (Bochum) sprach später im Kommentar von Repu- lands, das scheinbar als finanzpolitischer Wiedergänger durch die tation als Form des anonymisierten, aggregierten Vertrauens. Ökonomiegeschichte geistert, widmete sich KORINNA SCHÖNHÄRL Engel führte dies am Beispiel des Börsenterminhandels aus. Der (Duisburg) der Frage, warum internationale Banken in den Jahren 1879 Terminhandel unterscheidet sich vom Primärmarkt, an dem physisch bis 1893 Griechenland in großem Umfang Kredite gewährten, obwohl vorhandene Güter wie Getreide, Baumwolle oder Kaffee gehandelt ein Bankrott des Landes abzusehen war. Für den deutschen Fall stellte wurden. Aus Angebot und Nachfrage ergibt sich ein Preis, zu dem Schönhärl die These auf, dass Reichskanzler und Außenminister Otto die Ware übergeben wird. Mit dem Aufkommen des Terminhandels von Bismarck auf seinen Hausbankier Gerson Bleichröder dement- um 1870/80 verschoben sich die Preisbildungsmechanismen jedoch sprechend Einfluss nahm. Hintergrund sei der beginnende Ausbau vollständig. Es war nun möglich, heute eine Tonne Getreide zu kaufen, des griechischen Eisenbahnnetzes gewesen, der enorme Finanzmittel die erst in sechs Monaten geliefert wird. Der Nutzen dieses Konstrukts gebunden hätte. Bismarcks Überlegung – so Schönhärl – war es, der ist auf den ersten Blick ersichtlich: Nachfrager bekommen Preis- und deutschen Eisenbahnindustrie neue Absatzmärkte zu schaffen, deren Planungssicherheit, sie wissen, welche Kosten die Rohstoffbeschaffung Finanzierung deutsche Banken übernahmen. Letztendlich bekamen in drei, sechs oder zwölf Monaten verursachen wird. Die negativen englische Firmen den Zuschlag zum Aufbau des Eisenbahnwesens. Implikationen sind nicht auf den ersten Blick ersichtlich und bedürfen Als Griechenland 1893 im Angesicht einer Staatsschuldenquote jenseits einer kurzen Erläuterung. Am Terminmarkt treffen Händler aufein- von 1000 Prozent Bankrott erklärte, stützte England seine Bankhäuser ander, die nicht im physischen Besitz einer Ware sind und dies meist nicht. Das Deutsche Reich hingegen übte massiven Druck auf Grie- auch gar nicht beabsichtigen. Sie wetten darauf, wie der Preis für chenland aus, die Anleihen teilweise weiter zu bedienen. Schönhärl ein Gut in sechs Monaten sein wird. Eine Seite auf fallende, eine auf wertet dies als eine Form des schlechten Gewissens, das das Aus- steigende Preise. Dieses Konstrukt habe dem Terminhandel bereits in wärtige Amt gegenüber deutschen Banken gehabt habe. Schönhärls der zeitgenössischen Wertung das Prädikat „Glücksspiel“ eingetragen. These fanden in der Diskussion teilweise heftigen Widerspruch, je- Verschärft worden seien diese Tendenzen durch sogenannte „Corner“, doch blieb die Überlegung bestehen, dass im Falle Griechenlands die eine Form der Marktmanipulation. Händler wetten dabei am Termin- Finanzwirtschaft als Türöffner der Realwirtschaft gedient habe. markt auf steigende Preise für ein Produkt. Gleichzeitig kaufen sie in 105 106 Tobias Huff Neuere Geschichte der Zwischenzeit im Primärhandel große Mengen des betreffenden Effekte des Terminhandels genutzt werden könnten, ohne dass es zu Gutes auf. Bei Fälligkeit des Terminkontraktes bestehen sie auf dessen Manipulationen, Spekulationen oder Missbrauch käme. Die staatliche physischer Erfüllung. Den Vertragspartnern bleibt dann nichts anderes Regulierung habe sich schließlich gegen Modelle der Selbstregulie- übrig, die Ware bei den Spekulanten zum hohen Preis einzukaufen. rung durchgesetzt, das Argument der Verbindlichkeit habe stärker Breite gesellschaftliche Resonanz hätten die Terminmärkte erfah- gewogen als die Vorteile der Selbstregulierung: Marktnähe, Flexibilität ren, weil ihr Durchbruch mit der Agrardepression der 1880er- und und Schnelligkeit. 1890er-Jahre zusammenfiel. Ob hier lediglich eine Koinzidenz oder ACHIM LANDWEHR (Düsseldorf) bezeichnete in seinem abschlie- ein kausaler Zusammenhang vorlag, war bereits Gegenstand hefti- ßenden Kommentar ob dieser wiederkehrenden Debatten die „Börse ger, zeitgenössischer Debatten. Im Deutschen Reich führten Sie zu als Zeitmaschine“. Allerdings solle man nicht der Versuchung erliegen, einem zeitweisen Verbot des Terminhandels. Gleichgerichtete Über- aufgrund des Aktualitätspotentials die Geschichte im Sinne des „histo- legungen habe es auch in anderen Ländern gegeben, etwa den USA, ria magistra vitae“ zu verstehen. Vielmehr gelte es, die Gegenwart mit wo allerdings kein Verbot erfolgte. Eine schlüssige Erklärung für die- historischen Mitteln zu begreifen. Mit dieser Forderung trifft er zumin- sen deutschen Sonderweg konnte Engel nicht liefern. Möglicherweise dest im Bereich der Wirtschaftsgeschichte den Trend der Forschung, spielten hier die von der Agrardepression betroffenen ostelbischen die bedingt durch die aktuelle Krise mehr Raum greift. Ein bered- Gutsbesitzer eine entscheidende Rolle. Ihre Vertreter besaßen dank tes Beispiel ist die Krisenanalyse von Carmen Reinhart und Kenneth des preußischen Dreiklassenwahlrechts einen überproportionalen po- Rogoff.4 litischen Einfluss. Die Paradigmen der Wirtschaftsgeschichte eignen sich zudem da- Gehlen knüpfte mit seinem Vortrag an Engel an und befasste sich zu, die besprochenen Sektionen zusammenzufügen. In nahezu allen mit den Entwicklungen zwischen dem Verbot des Terminhandels 1896 Vorträgen schwang im Subtext die unausgesprochene Prämisse mit, und dessen Wiederzulassung 1908. Er beschrieb die Diskussionen dass Ressourcen etwas Knappes sind. Sie sind rar und kostbar, über um die Börsengesetze als gesellschaftliche Meta-Debatte über die In- ihre zielgerichtete, möglichst effiziente Verwendung muss diskutiert stitutionen des Kapitalismus, als Auseinandersetzung von Globali- werden. Zunächst wirkte hier der Krieg als Vater aller Dinge. Mobili- sierungsgewinnern (Banken, Handel) und Globalisierungsverlierern sierung war ein Stichwort, das in vielen Sektionen und Vorträgen fiel (ostelbische Landwirtschaft). Letzteren sei es zunächst gelungen, sich und das zur kriegerischen Schwerpunktsetzung passte. Mobilisierung mit ihrem Argument durchzusetzen, dass der Terminhandel Schuld an bedeutet die Aktivierung von Ressourcen, um ein bestimmtes Ziel der Agrardepression habe. Das Gegenargument des Handels, dass vor- zu erreichen. Die aus dem militärischen Bereich kommenden Überle- nehmlich gesunkene Transport- und Transaktionskosten verantwort- gungen, die Kampfkraft der Truppe zu erhalten und zu steigern, dif- lich seien, habe nicht verfangen. Mit dem Verbot des Terminhandels fundieren in den privatwirtschaftlichen Bereich. Dora Costa hat eine 1896 koppelten sich die Getreidepreise in Deutschland vom Weltmarkt Studie vorgelegt, die sich mit dem sozialen und ökonomischen Erfolg ab, mit tendenziell negativen Folgen für die Getreidewirtschaft. In amerikanischer Bürgerkriegsoffiziere befasst5 , und us-amerikanische langer Sicht hätten sich die Argumente der Börsenbefürworter als 4 Carmen M. Reinhart / Kenneth S. Rogoff, Dieses Mal ist alles anders: acht Jahrhun- valider herausgestellt. In den Verhandlungen zum neuen Börsenge- derte Finanzkrisen, 2. Aufl., München 2010. 5 Dora Costa, Leaders: Privilege, Sacrifice, Opportunity and Personnel Economics in setz sei eine Frage darum gekreist, wie die stimulierenden, positiven the American Civil War, NBER Working Paper No. 17382, 2011. <http://www.nber.org 107 108 Tobias Huff Logistikunternehmen machten sich etwa die Erfahrungen der Berlin- Blockade 1949 in der Warenwirtschaft zunutze. Zwei Befunden fallen nun besonders auf. Erstens befasste sich kei- ne der besprochenen Sektionen mit der Analyse von Knappheitskon- struktionen. Die Frage, wer historische Knappheitsdiskurse beginnt, dominiert und von ihnen profitiert, blieb ebenso weitgehend unbeant- wortet wie die Frage, welche gesellschaftlichen Zustände am Anfang und am Ende solcher Debatten stehen und wie sich die Gesellschaft auf einheitliche Bewertungskriterien einigt, also einen Konsens dar- über herstellt, was „knapp“ heißt und was überhaupt eine „Ressource“ ist. Zweitens erlauben die besuchten Sektionen zur Neueren Geschich- te vielleicht die Synthese, dass aus dem Militärbereich kommende Versuche zur Effizienzsteigerung eine umfassende Ökonomisierung der Gesellschaft befördern. Gesellschaften mit bellizistischer Grund- stimmung und rohstoffbasierten Wirtschaft dehnen ihren mobilisierten Zustand zunehmend auf Friedenszeiten aus, wobei die Ökonomie zu einer Schlüsselwissenschaft aufsteigt. Ausfluss dieser Entwicklung ist auch die in dieser Zeit zunehmende Gründung von Verbänden, als deren wesentlichste Merkmale GABRIELE LINGELBACH (Bamberg) Organisation und Interessenvertretung nannte, was durchaus auch unter „Mobilisierung“ zusammengefasst werden kann. /papers/w17382> (23.01.2013). 109 Transnationale Geschichte / Neue Diplomatiegeschichte Transnationale Geschichte / Neue Diplomatiegeschichte Geschichte später, und nachdem selbst das Rahmenthema eines His- von Miriam Rürup torikertages in der Zwischenzeit mit der Themenstellung des „Über Grenzen“-Schauens (Berlin 2010) den Rahmen der Nationalgeschichte Besprochene Sektionen: bewusst verlassen hat, lassen sich also mit Fug und Recht einige Sek- „Historische Außenansichten auf Europa: Annäherungen aus tionen mit transnationalen Themen und Fragestellungen erwarten. Die (post)kolonialer und transatlantischer Perspektive“ Auswahl der hier besprochenen Sektionen erfolgte dabei weniger nach „Vertrauen als immaterielle Ressource der politischen und wirtschaftli- der Häufigkeit des Wörtchens „transnational“, sondern vielmehr nach chen Beziehungen der Bundesrepublik seit den 1970er Jahren“ dem zu erwartenden Potential der diskutierten Themen, grenzüber- „Recht als umstrittene Ressource. Akteure, Praktiken und Wissensord- schreitend zu denken und zuweilen durchaus nationale Geschichte nungen des Völkerrechts in der Zwischenkriegszeit (1919-1939)” zu schreiben, dabei aber immer einen Blickwinkel zu suchen, der die „Schuld – Sühne – Recht. Gerechtigkeitsvorstellungen, Rachephantasi- grenzüberschreitenden Verflechtungen von Geschichte aufzeigt.4 Und en und juristische Interventionen um 1945/46“ um dies gleich vorweg zu nehmen: kaum eine Sektion verkündete „Social Conflicts and Internationalism in the TwentiethCentury: To- von vornherein und dezidiert eine „transnationale“ Programmatik, wards a Transnational History of Social Movements“ gleichwohl – oder gerade deshalb – lässt sich feststellen, dass transna- tionale Geschichte auf dem diesjährigen Historikertag an vielen Stellen Zum zweiten Mal wird im Anschluss an einen Historikertag mit einem schlicht „gemacht“ wurde. Gerade bei der konzeptionellen Selbstbe- Querschnittsbericht gefragt, wie transnationale Geschichte auf dem schreibung vieler Sektionen, gleichwohl, liess sich feststellen, dass die größten deutschsprachigen Kongress der Historikerzunft vorgetragen, transnationale Perspektive der Geschichtswissenschaft gar nicht mehr diskutiert und reflektiert wurde. Vor acht Jahren hat die damalige Refe- unbedingt explizit diskutiert, sondern wie selbstverständlich ange- rentin vor allem den Mangel an transnationalen Ansätzen angemerkt.1 wandt wird.5 Zu den Feldern, in denen transnationale Themen oder Seitdem hat sich viel bewegt in der fachwissenschaftlichen Selbstreflek- transnationale Zugänge auf dem diesjährigen Historikertag zu erwar- tion sowohl über methodische Zugänge wie auch über neue Themen ten waren oder auch tatsächlich diskutiert wurden, gehörte die Frage und Fragen, die den nationalen Container verlassen. Einige Fachfo- 4 Gerade weil per definitionem transnationale Geschichte nur dort stattfinden kann, ren und Debatten2 und Einführungsschriften3 zur transnationalen wo es nationale Einheiten gibt, über deren Grenzen Ideen und Akteure schreiten und 1 Vanessa Ogle: Historikertag 2004: Transnationale Geschichte, in: H-Soz- damit auch Begriffe und normative Konzepte von Recht usw. transzendieren, sollte an dieser Stelle zumindest erwähnt werden, dass dieser Bericht ausschließlich neuzeitliche u-Kult, 29.10.2004, <http://hsozkult.geschichte.hu-berlin.de/forum/id=539 Sektionen umfasst. &type=diskussionen> (06.02.2013). 5 So beispielhaft in der von Andrea Rehling (Mainz) / Isabella Löhr (Heidelberg) 2 Vgl. Fachforum geschichte.transnational, 2005, beginnend mit dem einführenden konzipierten Sektion „Global Commons - Anspruch und Legitimation der „Gemeingü- Artikel: Matthias Middell, Transnationale Geschichte als transnationales Projekt? Zur ter“ als Erbe der Menschheit nach dem Zweiten Weltkrieg“ oder bei von Frank Bösch Einführung in die Diskussion, <http://geschichte-transnational.clio-online.net/forum (Berlin) / Rüdiger Graf (Bochum), „Reaktionen auf die globalen Energiekrisen der /id=571&type=diskussionen> (06.02.2013); sowie die Zeitschriftendebatte in Geschichte 1970/80er Jahre“. Wo es beispielsweise dem Programm und den Abstracts folgend und Gesellschaft mit Beiträgen von Sebastian Conrad, Jürgen Osterhammel, Albert Wirz, sehr stark um transnationale Mobilität ging, war in wirtschaftsgeschichtlichen Fragen. Marcel van der Linden, in den Jahrgängen 27 und 28 (2001 und 2002). 3 Vgl. Margit Pernau, Transnationale Geschichte. Grundkurs Neue Geschichte, Göttin- Vgl. Ute Engelen: Historikertag 2012: Wirtschaftsgeschichte des 20. Jahrhunderts, in: H-Soz-u-Kult, 07.12.2012, <http://hsozkult.geschichte.hu-berlin.de/forum/id=1955 gen 2012; Kiran Klaus Patel, Überlegungen zu einer transnationalen Geschichte, Berlin &type=diskussionen> (06.02.2013). 2004. 111 112 Miriam Rürup Transnationale Geschichte / Neue Diplomatiegeschichte nach Religion6 , Recht und Rechten, nach Gefühlen und nach Akteu- nichtstaatlicher Einheiten wie beispielsweise der Vertreter nationaler ren. Dies könnte durchaus als gelungene Integration einer nicht mehr Minderheiten, analysiert wurden. So stellte sich zahlreichen Forschern ganz so neuen Forschungsperspektive in die Geschichtswissenschaft die Frage, wie in einer nationalstaatlich verfassten Welt die Geschichte bezeichnet werden. internationaler Beziehungen geschrieben werden kann, die sich – zwar Es ist zwar nicht Aufgabe des vorliegenden Querschnittsberichts, von nationalstaatlichen Interessen geleitet –, in der übernationalen die Frage nach dem „Warum“ zu stellen – und doch drängt sie sich Sphäre der Diplomaten, des Völkerbundes und der UN weiterentwi- auf. Haben wir es heute wirklich mit einer Ausweitung und Öffnung ckeln und in teilweise sehr veränderter und umgedeuteter Form auf der Forschungsperspektive zu tun, und wenn ja: wie kommt es da- die jeweiligen Nationalstaaten zurückwirken. Die Frage, wie diese zu? Dies mit den zahlreichen Anregungen aus den vieldiskutierten Prozesse analytisch innovativ gefasst werden können, lädt dazu ein, „cultural turns“ der letzten Jahre zu begründen, liegt nahe. Und ge- sich der transnationalen Forschungsperspektive zuzuwenden. rade für die transnationale Geschichte war hier sicherlich der derzeit Transnationale Geschichtsschreibung ist eine Forschungsperspekti- noch in der Diskussion befindliche „translational turn“ bedeutsam.7 ve, die zuweilen die gleichen Themen zum Gegenstand haben kann Eine weitere Option wäre die schlichte realpolitische Tatsache, dass wie die klassische Diplomatiegeschichte. Man kann sie mit dieser Per- sich zahlreiche Akademiker/innen der jüngeren Historikergeneration spektive so betreiben, dass man über den historischen zwischenstaatli- nicht nur mithilfe der Lektüre von Wissenschaftstexten und Theoriede- chen Vergleich hinaus geht und nicht bei der Frage stehen bleibt, wel- batten aus anderen nationalen Kontexten aus dem eigenen „nationalen che Bedeutung ein diplomatischer Akt für den jeweiligen Ausgangs- Wissenschaftsverständnis“ herausbewegen, sondern auch tatsächlich staat hatte, sondern beispielsweise den Verflechtungen und Transfers einen Teil ihrer Ausbildungs- und Berufswege in verschiedenen Wis- nachspürt und danach fragt, wo und wie Entwicklungen anders ver- senschaftswelten ablegen. Diese Karrierenkonstellation könnte also liefen und Akteure sich anders verhielten, gerade weil sie Staatsgren- mit dazu beitragen, dass sich transnationale Perspektiven auf Frage- zen ignorierten oder überschritten. Obgleich Mobilität als eine der stellungen der Geschichte wahrscheinlicher ergeben als bei einer in Rahmenbedingungen für die Entstehung von Transnationalisierungs- nur einem Wissenschaftssystem erfolgenden Ausbildung. prozessen zu sehen ist, und obwohl durch Migrationsbewegungen Ein früher Ausgangspunkt, aus dem sich die transnationale Per- entstehende Netzwerke häufig mehr als zwei Nationalstaaten mitein- spektive auf Geschichte entwickelt hat, war die Ausweitung der klassi- ander verbinden, ging es auf dem Historikertag erstaunlich wenig um schen Diplomatiegeschichte, in der Aushandlungsprozesse im interna- Migrationsprozesse und Mobilitätsfragen.8 tionalen Milieu verschiedener Staatsvertreter, aber eben auch Vertreter Wie die Idee und das Bild von „Europa“ entstanden ist und welche 6 In der von Alexandra Przyrembel (Essen/Göttingen) geleiteten Sektion zu „Res- 8 In gewisser Hinsicht spiegelt dies zeitlich verschoben den Forschungsstand wider: source Religion: Akteure und Netzwerke in globaler Perspektive“ ging es um die Lag der Fokus doch lange mehr auf Emigration oder Immigration und der Prozess der „transnationalen Austauschbeziehungen“ (Przyrembel) religiöser Organisationen eben- Migration wurde nur selten zum Gegenstand der Forschung gemacht. Vgl. Barbara so wie Wahrnehmungen von Religionen. Dem verflechtungsgeschichtlichen Ansatz Lüthi: Transnationale Migration - Eine vielversprechende Perspektive?, in: H-Soz-u-Kult, verpflichtet diskutierte darin beispielsweise Rebekka Habermas die Islamdebatten im 13.04.2005, http://hsozkult.geschichte.hu-berlin.de/forum/2005-04-003 (06.02.2013) Kaiserreich, die unmittelbar von Wahrnehmungen aus den Kolonien geprägt waren und Tobias Brinkmann, Migration und Transnationalität, Paderborn 2012. Ein Versuch, (Rebekka Habermas, Göttingen, „Mission entangled – Islamdebatten im Kaiserreich“). dies aufzubrechen, ist sicherlich auch der neueren Diasporaforschung zu verdanken, 7 Vgl. Themenheft Simone Lässig (Hrsg.), Übersetzungen, Geschichte und Gesell- die aber auch Gefahr läuft, von dem binären Modell eines Sehnsuchtsort einerseits und schaft 38 (2012), 2. eines diasporischen „Vertreibungsorts“ andererseits auszugehen. 113 114 Miriam Rürup Transnationale Geschichte / Neue Diplomatiegeschichte Akteure sich auf welchen Wegen daran beteiligt haben, hatte sich eine ren Diplomatiegeschichte zu begeben, die sich nicht ausschließlich von BEKIM AGAI (Bonn), JUDITH BECKER (Mainz) und JAN LOGE- für staatliche Eliten sondern für sich wandelnde Konzepte und ihre MANN (Washington) konzipierte Sektion zur Aufgabe gestellt. Nach Umsetzung auf nationaler und lokaler, alltagsgeschichtlicher Ebene einer theoretischen Einführung näherten sich die Referenten in vier interessiert, ist eine biographische Annäherung an die transnationa- Vorträgen dieser Fragestellung. Eine Feststellung war immer wieder, le Geschichte.9 Ein gelungenes Unterfangen stellte hier der Vortrag dass Vorstellungen von Europa und europäischen Werten häufig aus von Kirsten Rüther für die Frage dar, wie in verschiedenen afrikani- einem Gefühl der Superiorität heraus entstanden sind. So, wie sie schen Gesellschaften an einzelnen biographischen Beispielen Bilder einerseits zur Herstellung eines Gemeinschaftssinnes dienten, so bein- von Europa entstanden, ausgeprägt und in Umlauf gebracht wurden halteten sie zugleich Aussagen über „das Fremde“. Gleichwohl wurde und wie sich diese Bilder durch die reale Begegnung mit „Europa“ vor allem in der theoretischen Rahmung (Judith Becker) wie auch der veränderten. Diskussion diese binäre Sicht wiederholt aufgebrochen und die Frage Transnationale Geschichte ist also immer auch Beziehungsgeschich- nach hybriden Identitäten gestellt, die beständig neue Europabilder te. Und so lag es fast nahe, dass eine Sektion, die sich der Historisie- formen und prägen. Die Entstehung dieser hybriden Identitäten loka- rung und politischen Verortung eines spezifischen Gefühls annahm, lisierten einige Referenten der Sektion (STEFAN RINKE (Berlin) für Eingang in einen Bericht über Transnationale Geschichte auf dem His- Lateinamerika, KIRSTEN RÜTHER (Hannover) für Afrika, THORALF torikertag findet. Insbesondere Vertrauen ist eine Emotion, die von der KLEIN (Loughborough) für China) gerade in der Begegnung und zu- (wenn auch zuweilen eingebildeten) Reziprozität nicht auskommt und weilen dem Widerstreit verschiedener Kulturen beispielsweise in den damit per se geeignet ist, um Beziehungsgeschichte zu schreiben. Und Kolonien, also gerade in der „Außenansicht“ auf Europa, die für diese diese auf zwischenstaatlicher Ebene anzusiedeln, hatten sich alle vier Sektion ja auch titelgebend war. Sie machten darüber hinaus auch Referenten der von PHILIPP GASSERT und REINHILD KREIS (beide eine Verselbständigung des Begriffes von Europa bzw. Europäisierung Augsburg) konzipierten Sektion „Vertrauen als immaterielle Ressource aus, der außerhalb Europas als Zuschreibung und in Lateinamerika der politischen und wirtschaftlichen Beziehungen der Bundesrepu- beispielsweise als Inbegriff für Überlegenheit verwendet wurde. Wie blik seit den 1970er Jahren“ zum Ziel gesetzt. Mögliche Vorbehalte jüdische, deutsche, polnische usw. Emigranten aus Europa in den gegenüber dem Vertrauen als überhaupt bedeutender Emotion in in- USA zunehmend zu „Europäern“ wurden und welche Rolle dabei die ternationalen Beziehungen eines Staates im 20. Jahrhundert erweisen Konstruktion „westlicher Werte“ und eines zunehmend einheitlichen sich bei der Lektüre der Vorträge – die Autorin konnte der Sektion West-Blocks spielte, war Thema von Jan Logemanns Vortrag. Auch leider nicht beiwohnen – als voreilig.10 Philipp Gassert wandte sich hier wieder kam Individuen als Übersetzer von Europavorstellungen dem Vertrauen als Kategorie der deutschen Aussenpolitik der 1970er- eine bedeutsame Funktion zu. Die transnationale Perspektive dieser und 1980er-Jahre zu, ULRICH LAPPENKÜPER (Friedrichsruh) sprach Sektion reichte also über die pure Wechselwirkung von Europa – USA, 9 So ähnlich auch Benno Gammerls Befund für 2010, Benno Gammerl: Historikertag Europa – Afrika, Europa – Amerika, West – Ost, hinaus und fragte 2010: Geschichte jenseits des Nationalstaats - imperiale und staatenlose Perspektiven, nach der Gewordenheit solcher Konstrukte und den Akteuren, die die in: H-Soz-u-Kult, 17.02.2011, <http://hsozkult.geschichte.hu-berlin.de/forum/id=1467 &type=diskussionen> (06.02.2013). begrifflichen Zuschreibungen ausgestalten, transportieren und letzt- 10 Vgl. auch Ute Frevert, besonders: Vertrauen. Historische Annäherungen, Göttin- lich auch übersetzen. Eine Möglichkeit, sich auf die Wege der neue- gen 2003; Jan Plamper, Geschichte und Gefühl: Grundlagen der Emotionsgeschichte, München 2012. 115 116 Miriam Rürup Transnationale Geschichte / Neue Diplomatiegeschichte über das prekäre Vertrauen in den deutsch-französischen Beziehungen, Völkerrecht in der Zwischenkriegszeit ging es um „Recht als umstrit- Reinhild Kreis über die deutsch-amerikanischen Bemühungen um ge- tene Ressource“: Unter anderem stellten sich in dieser Kurzsektion die genseitiges Vertrauen und MATTHIAS PETER (Berlin) über Vertrauen drei Referenten die Frage, inwiefern Recht eine grenzüberschreitende als Ressource der Diplomatie im KSZE-Prozess von Helsinki. Dass Kategorie ist bzw. sich im frühen 20. Jahrhundert historisch unter an- Emotionen eine bislang zu Unrecht vernachlässigte Bedeutung für die derem durch die Erfahrung des Ersten Weltkrieges verändert. Kathrin Analyse internationaler Beziehungen haben, wurde in der Sektion sehr Kollmeier beschäftigte sich mit den internationalen Verhandlungen deutlich. Ist das Werben um – genauso wie das Feststellen des Verlus- über Staatenlosigkeit als „Anomalie des Rechts“. Marcus M. Payk tes von – Vertrauen doch gleichermaßen Teil diplomatischer Rhetorik nahm sich den Streit um den Versailler Vertrag als Thema vor, um und damit Teil des „transnationalen Sprechs“. Nun ließe sich fragen, die Widersprüche aufzuzeigen zwischen von „patriotischer Pflicht“ inwiefern Vertrauen tatsächlich transnational betrachtet werden kann, geprägter, ablehnender Haltung der (deutschen) auswärtigen Politik handelt es sich in den vorliegenden Referaten und Themenskizzen und dem Bemühen der Akteure des Völkerbundes, Frieden durch doch vornehmlich um „innerwestliche“ Bezugnahme auf Vertrauens- Recht zu stiften. Wie aber gerade dieses Rechtsersuchen von bedeuten- verlust, -gewinn, -zweifel, die letztlich zur Herstellung „des Westens“ den Akteuren wie Wilson als Legalismus abgetan wurde und damit in Abgrenzung zum nicht vertrauenswürdigen Anderen dienten. In die „Ressource Recht“ selbst umstritten war und letztlich dazu führte, der Sektion ging es um Vertrauen als handlungsleitende Kategorie und dass mit dem Versailler Vertrag noch lange kein Rechtsfrieden erreicht die Handelnden waren in den betrachteten Einzelstudien westliche werden konnte, hat Payk aufgezeigt. Dass es obendrein immer auch Akteure. Demnach müsste also eine Analyse, die tatsächlich die trans- eine Grundsatzdiskussion unter Experten gab, inwiefern Recht sich nationale Bedeutung und Gültigkeit eines Gefühls aufspüren möchte, überhaupt mit de facto übernationalen Kriegsfolgen beschäftigen kann, diese Emotion noch wesentlich multiperspektivischer in den Blick da gerade durch Kriege die Zuständigkeit von – letztlich immer natio- nehmen. Dies hieße jedoch, das innovative Potential der transnationa- nal verankerter – Rechtsprechung ja fundamental in Frage gestellt ist, len Kategorie von Vertrauen zu verkennen. Denn gerade die national führte DANIEL M. SEGESSER (Bern) am Beispiel der Diskussion um stattfindende Wirkmächtigkeit des eingebildeten Vertrauens bzw. des einen Internationalen Strafgerichtshof in der Zwischenkriegszeit vor. imaginierten Vertrauensverlust bzw. -bruchs der anderen Seite war Ebenfalls um Recht und Rechtsvorstellungen, vor allem aber auch es hier ja, die politische Auswirkungen zeitigen konnte. So konnte ein um die Akteure des Rechts, ging es in der von STEFANIE SCHÜLER- im „nationalen Container“ ausgelebtes Gefühl transnational prägend SPRINGORUM und ULRIKE WECKEL (beide Berlin) gestalteten Sek- werden. Der rein „gedankliche Grenzgang“ kommt in seiner histo- tion. Sie fragten in erster Linie nach den Vorstellungen von Recht und rischen Wirkung einem realen Grenzgang gleich, indem er nämlich Gerechtigkeit unmittelbar nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges. realpolitische Auswirkungen auf die Machtkonstellationen im Kalten Ausgangspunkt der Vorträge hier waren die Akteure und die von Krieg hatte. der nationalsozialistischen Verfolgung Betroffenen selbst und deren Neben Begriffen sind es vielfach auch Normen, die in transna- Rechtsvorstellungen bis hin zu Rachephantasien. Genau hier setzte tionalen Aushandlungsprozessen in Frage gestellt werden und Ver- MARK ROSEMANS (Bloomington) Vortrag an, der die Perspektive änderungen unterworfen sind. In der von KATHRIN KOLLMEIER umdrehte und weniger auf die teilweise phantastischen Vorstellungen (Potsdam) und MARCUS M. PAYK (Berlin) konzipierten Sektion zum der deutschen Tätergesellschaft über zu erwartende jüdische Racheak- 117 118 Miriam Rürup Transnationale Geschichte / Neue Diplomatiegeschichte te verwies als vielmehr danach suchte, ob die ehemaligen Verfolgten treter des jüdischen „Volkes“ – noch – nicht im Namen eines jüdischen überhaupt bereits in der Situation der Verfolgung oder unmittelbar im Staates sprechen. Kontext des Kriegsendes sich Racheakte gegen ihre Täter ausmalten Das Themenfeld „Recht“ erwies sich als eines der Felder, für die und welche Funktion dies für die Opfer hatte. Vor allem konstatierte ein transnationaler Blick ganz neue Perspektiven eröffnet. Denn wir er aber das überraschende Fehlen von umfänglichen Rachephantasien, sind hier Akteuren begegnet, die infolge der nationalsozialistischen ganz zu schweigen von Racheakten à la „Inglourious Basterds“. Die Verfolgungs- und Vertreibungspolitik den Zusammenbruch von Recht Preisträgerin des Historikerverbandspreises Ulrike Weckel betrach- und Gerechtigkeit erlebt haben. Als nichtstaatliche Akteure haben tete die Vorstellung von Rachephantasien von der Blickrichtung der sie dann aber nach der Befreiung gerade mithilfe ihrer Rechtsvorstel- Täter aus und analysierte anhand von Quellen aus dem Umfeld der lungen versucht, ihre eigene Erfahrung von Entrechtung dafür zu Nürnberger Prozesse (von Angeklagten und Verteidigern genauso wie nutzen, neue Möglichkeiten von Gerechtigkeit wiederherzustellen. von Zuschriften aus der deutschen Bevölkerung) diese Phantasien Und auch die Diskussionen um Veränderung des Völkerrechts in der unter anderem als Spätfolgen der NS-Propaganda von der drohen- Zwischenkriegszeit fanden in einem supranationalen Feld statt, das in den jüdischen Rache. Wie Gerechtigkeit im Angesicht des ungeheuren dieser Weise vor dem Ersten Weltkrieg nicht existierte. So kristallisier- Ausmasses der NS-Verbrechen überhaupt (wieder)hergestellt werden te sich vor allem bei der letztgenannten Sektion die Rechtsprechung konnte, war – so zeigten die Vorträge der Sektion – einer der ergebnisof- und Aushandlung von Gerechtigkeit als transnationaler Raum her- fenen Diskurse unmittelbar nach Kriegsende, in dem die Optionen von aus, in dem es gerade die individuellen Akteure sind, die durch die Vergeltung bis Verurteilung nach rechtsstaatlichen Prinzipien reich- eigene grenzüberschreitende Erfahrung von Rechtlosigkeit als Heimat- ten. Wie die Beiträge von LAURA JOCKUSCH (Haifa/Jerusalem) und losigkeit in der historischen Rückschau Rechtssysteme zu verändern ELISABETH GALLAS (Leipzig/Wien) obendrein zeigten, waren auch suchten und damit neu gestalteten. Und so erschienen die in dieser Juden als nichtstaatliche, transnational handelnde Akteure engagiert Sektion aufgeworfenen Fragen sehr anregend: ging es doch unter an- an der Rechts-Findung nach 1945 beteiligt. Elisabeth Gallas beschrieb derem darum, auszuloten, inwiefern Recht als normative Kategorie Initiativen von emigrierten Juden, sich frühzeitig um die Rettung und durch die soziale Praxis der Recht-Sprechenden, Recht-Gestaltenden um das Recht auf Rückerstattung jüdischer Kulturgüter aus Europa und Rechte-Einfordernden in einem transnationalen Diskursraum na- zu bemühen. Laura Jockusch illustrierte die engagierte Einmischung tionale Grenzen und Verengungen zu überwinden suchte. und Beteiligung jüdischer Vertreter, beispielsweise des Jüdischen Welt- Wenige Sektionen haben sich auf dem Historikertag ein explizi- kongresses, die an der Argumentationslinie in der Strafverfolgung der tes „transnationales Programm“ gegeben. Eine davon war das von Täter im Nürnberger Prozess mitzuwirken versuchten. Die Vorträge STEFAN BERGER (Bochum) zusammengestellte Panel zur transna- dieser Sektion loteten mithin Fragen darüber aus, wie und ob Recht tionalen Geschichte sozialer Bewegungen. TALBOT IMLAY (Quebec) auch dort transnational ausgehandelt werden kann, wo nichtstaatliche versuchte am Beispiel der britischen, französischen und deutschen Akteure Rechte für sich in Anspruch nahmen und einforderten, die im sozialistischen Parteien dem „praktizierten Internationalismus“ auf geltenden Völkerrecht nur für staatliche Rechtssubjekte vorgesehen den Grund zu gehen. Er konnte nachweisen, dass zwar in beiden waren, worauf MICHAEL STOLLEIS (Frankfurt am Main) in seinem Nachkriegszeiten internationalistische Ideen großes Potential entfalte- Kommentar eindringlich hingewiesen hat. Schließlich konnten die Ver- ten, dass dieser Internationalismus der sozialistischen Parteien jedoch 119 120 Miriam Rürup Transnationale Geschichte / Neue Diplomatiegeschichte jeweils eine Dekade nach Kriegsende wieder in den Hintergrund trat te, wie dies auch schon die Querschnittsberichterstatterin von 200411 und einer Re-Nationalisierung der politischen Agenda wich. Ähnlich diagnostiziert hatte. Vielleicht liegt dies an der engeren Beziehung zur machte auch HOLGER NEHRING (Sheffield) ein Primat des Nationa- alltäglichen Praxis der Geschichtsvermittlung, mit der Geschichtsleh- len aus, sobald es um die Anhängerschaft der jeweiligen landesspe- rer und Geschichtsbuchverfasser zu tun haben. Müssen diese doch zifischen friedensbewegten Organisationen ging. In seiner Skizze der die fachwissenschaftlichen Forschungen einer Generation zugänglich europäischen Friedensbewegungen betonte er die Spannung zwischen machen und zur Diskussion stellen, die familiär und von ihren Erinne- programmatisch geäußertem, transnationalen Anspruch und natio- rungskontexten her betrachtet wesentlich „transnationaler“ ausgerich- nalem Pragmatismus, der die landesspezifischen Anhänger bedienen tet ist, als dies innerhalb der universitären Milieus alltäglich ist – jeden- musste/wollte. Wie sehr die Idee des Internationalismus sogar für im- falls jenseits der elitären Zirkel der akademischen „Class of Frequent periale Interessen national verengt werden konnte, zeigte ANDREAS Travellers“ (Craig Calhoun). Auf zwei Sektionen wurde am Beispiel WIRSCHING (München) in seinem Vortrag zum kommunistischen In- von übernationalen Projekten diskutiert, wie transnationale Geschichte ternationalismus Stalinscher Prägung, der den Internationalismus auf „gemacht“ und vermittelt werden kann. In einer Buchvorstellungssek- ein rhetorisches Mittel der Außenpolitik reduzierte. Die Vorträge von tion, die von RAINER BABEL und ROLF GROSSE (beide Paris) konzi- FRANZ-JOSEF BRÜGGEMEIER (Freiburg im Breisgau) (Umweltbewe- piert worden war12 , präsentierten die Referenten die vom DHI Paris gung) und KRISTA COWMAN (Lincoln) (Frauenbewegung) zeigten initiierte mehrbändige Reihe „Deutsch-Französische Geschichte“, die zudem eindringlich die Bedeutung von transnationalen Netzwerken synchron sowohl auf Deutsch wie auch auf Französisch erscheint. Da- für soziale Bewegungen, deren Agenda sich vor allem im transnatio- bei erinnerten einige Referenten auch an die methodischen Herausfor- nalen Protestdiskurs Gehör verschaffen konnte. So waren es gerade derungen, die mit einem „binationalen Geschichtsbuch“ einhergingen. die zwischenstaatlichen, supranationalen Verhandlungsräume wie im So erinnerten MICHAEL WERNER und JEAN-MARIE MOEGLIN Umfeld der Vereinten Nationen, in denen Themen wie Frauenrechte (beide Paris) an den die transnationale Forschungsperspektive inspi- oder Friedenssicherung zuerst ausdiskutiert wurden. Auch wenn das rierenden Ansatz der Histoire croisée ebenso, wie die methodischen Beharrungsvermögen des nationalstaatlichen Paradigmas nicht außer Diskussionen um Beziehungsgeschichte und historischen Vergleich. Acht gelassen werden kann, so schien doch immer wieder die heraus- Inwiefern aus einem solchen Projekt wie dem vom DHI Paris Leh- ragende Bedeutung der individuellen transnationalen Erfahrung und ren für die Konzeption „transnationaler Geschichtsbücher“ gezogen damit die Agency der handelnden Personen hervor. Zugleich jedoch werden können, war implizit auch Gegenstand der von ULRICH BON- ließe sich fragen, ob die transnationale Rede vom Internationalismus GERTMANN (Rostock), SIMONE LÄSSIG (Braunschweig) und ROLF als Chiffre für den Zusammenhalt der „Einen Welt“ nicht letztlich nur WITTENBROCK (Saarbrücken) initiierten Sektion über „Europäische eine nationale Legitimationsstrategie von um Anerkennung kämpfen- Geschichtsbücher, digitale Lernplattformen oder bilaterale Schulbuch- den, marginalisierten politischen Bewegungen war. 11 Katja Gorbahn: Historikertag 2004: Geschichtsdidaktik, in: H-Soz-u-Kult, 02.11.2004, Methodisch am anwendungsorientiertesten diskutierte womöglich <http://hsozkult.geschichte.hu-berlin.de/forum/id=548&type=diskussionen> die auf dem Historikertag meist eher marginalisierte Didaktik der (06.02.2013). 12 Buchvorstellung, „Neue Ansätze für eine transnationale Geschichte. Das Beispiel Geschichtswissenschaft Fragen transnationaler Zugänge zur Geschich- der Deutsch-Französischen Geschichte in elf Bänden“, Sektionsleiter: Rainer Babel / Rolf Große. 121 122 Miriam Rürup Transnationale Geschichte / Neue Diplomatiegeschichte projekte? Transkulturelle Sichtweisen in der europäischen Schulbuch- len Geschichte liegt dabei genauso bei der Analyse von Kriegen wie darstellung“. Das deutsch-französische Geschichtsbuch wurde hier von Frieden. Damit ist gemeint: man sollte sich in Acht nehmen, die genauso präsentiert (ETIENNE FRANÇOIS (Berlin) / PETER GEISS Anwendung einer transnationalen Perspektive der Forschung ineins- (Berlin) / RAINER BENDICK (Osnabrück)), wie ein ebenfalls von zusetzen mit einem eingeschränkten libertären, evt. gar universellen einem binationalen „Tandem“ konzipiertes deutsch-polnisches Ge- Forschungsansatz oder der Erwartung, hiermit vor allem Themen der schichtsbuch (KARL HEINRICH POHL (Kiel) / ROBERT TRABA „Einen Welt“, der Menschenrechte, der Ausweitung des Völkerrechts (Berlin)). Mit welchem Konzept die ganze Komplexität transnationa- oder der internationalen Friedenssicherung abzudecken. Ist es doch ler Beziehungen und Perspektiven auf Geschichte tatsächlich für den nicht der Frieden, sondern der Krieg und die Geschichte des Krieges, Schulunterricht – mit der dazu notwendigen didaktischen Redukti- die eines der originärsten transnationalen historischen Ereignisse dar- on – anspruchsvoll und zugleich handhabbar gestaltet werden kann, stellt. So hat beispielsweise der Menschenhandel eine transnationale wurde auf dieser Sektion diskutiert. Einer der Vorschläge, Multiper- Geschichte, wie ein Blick auf das Programm der Sektion „Ressour- spektivität auch durch gesteigerte Flexibilität in der Darstellungsform ce Mensch“ von ANNE DUPRAT (Paris) und LUDOLF PELIZAEUS zu schaffen bzw. abzubilden, war das im Entstehen begriffene Projekt (Mainz) erahnen ließ. Und es ist auch nicht der Kosmopolitismus, „Historiana“, das Lehrmaterialien europaweit digital zur Verfügung sondern zunächst der Faschismus, der als transnationale Bewegung stellen möchte (präsentiert von SYLVIA SEMMET (Speyer) und GEERT beschrieben und historisiert wurde, beispielsweise von Mark Mazower KESSELS (Den Haag)). Eine der besonderen Herausforderungen der und Eric Hobsbawm. Obendrein ist die Existenz transnationaler Bezie- transnationalen Geschichte ist, dass sie nur in der Reziprozität beste- hungen in den meisten Fällen ein Elitephänomen. hen kann und damit immer Beziehungsgeschichte ist. Noch dazu eine Nahezu allen auf dem Historikertag gehörten Beiträgen wohnte Beziehungsgeschichte, die mehr noch als die internationale Geschichte als Ausgangspunkt gleichwohl nach wie vor der westliche Blick inne, den Transfer und vor allem die dabei von statten gehende Weiterent- bzw. ein mono-national geprägter Blick. Dies als Vorwurf zu formulie- wicklung von Konzepten in meist mehreren nationalen Kontexten ren, wäre aber denkbar unfair. Es sei nur darauf hingewiesen, um zu analytisch erfassen können muss, um wirklich den nationalen Blick zu zeigen, wie schwierig es ist, ohne den „nationalen Container“ transna- überwinden. Dies bedeutet, einen multiperspektivischen Standpunkt tional zu denken. Es soll hier auch nicht der inflationären Nutzung von – oder korrekter wohl: beständig wechselnde Standpunkte – einzuneh- Modeschlagwörtern für die Einleitungs- und Antragsprosa bis zum men. Dies wiederum kommt mit einer ganz konkreten Herausforde- nächsten turn das Wort geredet werden. Aber auch auf dem Historiker- rung für die Forscher/innen einher, da zur Multiperspektivität in den tag zeigte sich, dass die womöglich schon feststellbare Kanonisierung meisten Fällen auch die Mehrsprachigkeit gehört. Wer beispielsweise der transnationalen Forschungsperspektive durchaus gewinnbringend die Geschichte des Esperanto als transnationaler Sprache schreiben sein kann. Nationale Geschichte mit einem transnationalen Blick über wollen würde, käme nicht umhin, mindestens zwei weitere Sprachen Grenzen hinweg zu betreiben, kann die Einsicht in die Vielfältigkeit zu beherrschen, um die unterschiedliche Einbettung und Diskussion historischer Entwicklungswege und letztlich auch die Kontingenz um eine übernationale Sprache in verschiedenen nationalen Kontexten historischer Entwicklungen vertiefen. Bei diesem gedanklichen Grenz- sinnvoll einordnen zu können. gang überschreitet die Forschung auch bei Themen der nationalen Nur als Randbemerkung: Das Deutungspotential der transnationa- Geschichte Grenzen, reflektiert die Bedeutung und das historische 123 124 Miriam Rürup Gewordensein von diesen genauso wie die grenzüberschreitenden Verflechtungen selbst, die immer auf die nationale Geschichte zurück- wirken. Auf dem Historikertag wurde also nicht eine (neu)modische Ablösung von Ideen wie Verflechtungsgeschichte exerziert, sondern transnationale Geschichte mit den bekannten Methoden der histoire croisée, der Verflechtungsgeschichte und dem historischen Vergleich betrieben, um nationale Geschichte in ihrer internationalen und globa- len Vernetztheit zu beschreiben. Das Deutungspotenzial einer trans- nationalen Perspektive auf die Geschichte beruht dann womöglich darin, dass man transnational denkend nicht nur der Kontingenz sondern auch der Offenheit und fortwährenden Veränderbarkeit von Geschichte im Spannungsfeld von nationalem, lokalem, individuel- lem Pragmatismus und internationalen Aushandlungsprozessen und Erfahrungswelten nachspüren kann. 125 Umweltgeschichte Umweltgeschichte deren Nutzungs- und Verteilungsgeschichte fanden in den Vorträgen von Agnes Kneitz in Mainz ihren Niederschlag. Dabei spiegelte sich auch deutlich der Trend zur Globalisierung des Forschungsfeldes wieder, die sicher da- Besprochene Sektionen: zu beiträgt, der noch immer etwas „undisziplinierten“ Disziplin2 bei „Global Commons - Anspruch und Legitimation der „Gemeingüter“ der Selbstpositionierung zwischen Geistes- und Naturwissenschaften als Erbe der Menschheit nach dem Zweiten Weltkrieg“ behilflich zu sein. „Lebensraum Meer. Umwelt- und entwicklungspolitische Ressourcen- ANDREA REHLING (Mainz) und ISABELLA LÖHR (Heidelberg) fragen in den 1960er und 1970er Jahren“ organisierten die Sektion „Global Commons - Anspruch und Legiti- „Die Ressourcen der Stadt. Konzepte zur Untersuchung der histori- mation der ‚Gemeingüter‘ als Erbe der Menschheit nach dem Zweiten schen Stadt als materielles Phänomen“ Weltkrieg“. Auch wenn der mit den Commons (globalen öffentlichen „’What’s the matter?’ Die Provokation der Stoffgeschichte“ Gütern) verbundene Schutzgedanke nicht neu war, sei er doch erst „Zwischen Knappheit und Überfluss: Abfall als Problem und Ressour- spät auf kulturelle, wissenschaftliche und Informationsgüter übertra- ce in der Geschichte“ gen worden. Die historische Genese der Commons sei Teil des Glo- balisierungsprozesses, der mit der Veränderung globaler Politik eine Bedingt durch das Thema „Ressourcen – Konflikte“ war der Histori- neue Weltordnung geschaffen habe und bedürfte damit besonderer kertag in Mainz gradezu prädestiniert, eine große Anzahl umwelthis- Aufmerksamkeit. torisch relevanter Sektionen zu präsentieren. Dies trägt jedoch auch Veränderliche demographische Handlungsfelder zwischen global der steigenden Tendenz Rechnung, umwelthistorische Themen un- commons und global needs seit 1950 untersuchte der Vortrag von ter dem Deckmantel anderer historischer Disziplinen hervorzulocken. HEINRICH HARTMANN (Basel). Als besonderes Problem stellte die- Denn anstatt sich als eigenständige Forschungsrichtung innerhalb der ser zunächst die Geringachtung von Gemeingütern gegenüber in- deutschen Geschichtswissenschaften methodisch hervorzutun, scheint dividuellen Gütern fest. Trotz steigender Bevölkerungszahlen habe sich stattdessen eine gewisse Selbstverständlichkeit umweltrelevanter keine Anpassung der Reproduktion zur Maximierung des Gesamt- Fragestellungen durchgesetzt zu haben.1 Der Produktivität des Feldes wohls stattgefunden, statt dessen sei die „Weltbevölkerung“ selbst tut dies jedoch keinen Abbruch. Insbesondere Klima- und Naturkata- zum schützenswerten Gemeingut geworden. Über Entwicklungshilfe strophengeschichte haben sich dabei in den letzten Jahren einen festen sei zwar auf den Export von Problemen aufmerksam gemacht wor- Platz erobert, ebenso die Biomobilität und die Ozeane als weitgehend den, dennoch scheiterten Sozialpsychologie und Humanökologie in unerforschte Territorien. Daneben erarbeitet sich die Umweltgeschich- ihren Bestrebungen eine gemeinsame (Welt-)Bevölkerungsplanung te aktuell aber auch die Geschichte von Tieren, der Materialität von anzuregen. Objekten (thing studies), die Stadt- oder Energiegeschichte. Gerade die Die Diskussion um Meere, Pole und das Weltall um 1970 stellte Nachhaltigkeit und Materialität von Ressourcen oder Stoffen sowie SABINE HÖHLER (Stockholm) ins Zentrum ihres Vortrags. Der Streit 1 Franz-Josef Brüggemeier / Jens Ivo Engels, Den Kinderschuhen entwachsen. Ein- um neue Souveränitätsrechte, stellte sich weitgehend als traditionel- leitende Worte zur Umweltgeschichte der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts, in: 2 Uwe Lübken, Undiszipliniert. Ein Forschungsbericht zur Umweltgeschichte, in: H- Dies. (Hrsg.), Natur- und Umweltschutz nach 1945. Konzepte, Konflikte, Kompetenzen, Frankfurt am Main 2005, S. 10-19. Soz-u-Kult, 14.07.2010, <http://hsozkult.geschichte.hu-berlin.de/forum/2010-07-001> (18.02.2013). 127 128 Agnes Kneitz Umweltgeschichte ler Streit um exterritoriale Gebiete dar. Deutlich wurde, dass die UN (Mainz) untersucht. Problematisch sei nach Rehling insbesondere die keinen ausreichenden Schutz und Struktur zur Regelung der neuen drohende Homogenisierung der Weltkultur(erbe), nicht zuletzt durch Territorien bot, weshalb Greenpeace die Global Commons ausgerufen Verschriftlichung des Wissens und fortschreitende Globalisierungspro- habe. Mit fortschreitender Durchdringung der exterritorialen Gebiete zesse, dennoch würden die Partikularinteressen der Industriestaaten musste auch die Globus-Definition auf Arktis, Orbit und Tiefsee aus- oft (versuchsweise) durchgesetzt. Gerade kulturelle Identität und Wis- geweitet werden. Diese neuen Räume wurden ab den 1950er-Jahren sen könnten jedoch als natürliche Ressourcen für das Gemeinwohl symbolisch besetzt nach terra nullius, deren Vergemeinschaftlichung nutzbar gemacht werden; was sich auch auf kulturelle Praktiken und nach res communis vorgenommen. Neu in diesem Prozess war der Wissen um den Umgang mit der Natur übertragen lässt. Schutzgedanke sowie die gemeinsame Nutzung der Territorien, wes- Daran anknüpfend machte ISABELLA LÖHR (Heidelberg) den halb ein Schutz vor dem Zugriff Einzelner auf die neuen Gebiete Widerstreit zwischen Weltkulturerbe und geistigem Eigentum zum gewährleistet werden musste. Umweltsicherheit vor allem der Ark- Mittelpunkt ihrer Ausführungen. Mit der Übertragung von Kultur- tis, sichert und motiviert heute die Commons, die neue Auflösung wissen in individuelles Eigentum seien ab Mitte des 20. Jahrhunderts von Souveränitätsrechten führe jedoch zu Konkurrenz in globalem die Rechte gewissermaßen „ausgeufert“. Urheberrechte, eigentlich als Maßstab. Ausgleichsinstrument angelegt, schafften heute Schwierigkeiten: In Daran anschließend stellte ANNA-KATHARINA WÖBSE (Genf) in stetiger Ausweitung des Schutzbereichs und der zu schützenden Ge- ihrem Vortrag die Frage nach Natur und Umwelt als gemeinsames Er- genstände. Neues Konfliktpotenzial, konstituiere die UNESCO etwa be der Menschheit nach 1945. Dabei rückte die Entwertung der natur- durch ihren exklusiven (westlich geprägten) Kulturbegriff, der gerade gegebenen natürlichen Gemeingüter in den Mittelpunkt. Angesichts in Entwicklungsländern kontraproduktiv wirke. des Klimawandels sei es nach Ansicht Wöbses dringend notwendig Ei- Im Kommentar wies BERNHARD GIßIBL (Mannheim) auf die gentumsrechte in Bezug auf die natürlichen Gemeingüter zu diskutie- Rolle der Menschheit als Bedrohung der Gemeingüter, vor allem des ren, insbesondere die Verwertung und Zugänglichmachung des Mee- Gemeingutes „Erde“ hin, deren Souveränität in der Nutzung sich der res und die dabei vorherrschende Nord-Süd-Verschiebung. National- Mensch allerdings für sich beanspruche. Dabei unterliegende Syste- staatliche Gemeinschaften sähen die Welt als Entität – die Bildung des matiken und Weltbilder führten dazu, dass es bei einigen der globalen Völkerbundes habe jedoch neuen politischen Raum und Akteure pro- Gemeingüter leichter sei (politische) Kompromisse zu erzielen. Gerade duziert. Wie Höhler machte Wöbse auf die Widersprüchlichkeit inner- in Bezug auf Naturräume ausschlaggebend sei die in den 1960er-Jahren halb der UN aufmerksam: individuelle Ressourcennutzung vs. Schutz einsetzende Abgrenzung von Mensch und Natur, etwa über die Ein- der Ressourcen sowie Eingriffe in Freiheit und Souveränität. Proble- richtung von Nationalparks – erst ab Ende der 1960er-Jahre sei der matisch sei weiter, dass noch immer keine UN-Umweltorganisation Mensch als Teil des Ökosystems anerkannt worden. existiere. Zwar sei die Biosphärenkonferenz 1968 schon als integrativ Die Sektion „Lebensraum Meer. Umwelt- und entwicklungspoli- zu bewerten, neue institutionelle Formierungen machten jedoch die tische Ressourcenfragen in den 1960er und 1970er Jahren“ unter der Partizipation neuer Akteure notwendig. Leitung von CHRISTIAN KEHRT (Hamburg) und FRANZISKA TOR- Der Schutz von Kulturdiversität und Kulturerbe als gemeinsa- MA (München), kann als synergetisch mit der Sektion zu den Global mes Erbe der Menschheit nach 1945 wurde von ANDREA REHLING Commons gesehen werden. Hier wurde die Umwelt des Meeres als 129 130 Agnes Kneitz Umweltgeschichte Ressource, voll von Ressourcen in den Blick genommen, war als glo- gie. Die komplette Umorganisation der thailändischen Fischerei hatte bales Gemeingut jedoch entsprechenden politischen Veränderungen enorme ökologische Folgen: das Absterben der Korallenriffe. Ab Mitte unterworfen. der 1960er-Jahre resultierten erste Erkenntnisse des eigenen mangeln- ARIANE TANNER (Zürich) zeichnete in ihrem Vortrag nach, wie den Wissens um ozeanographische Zusammenhänge und ökologische vor dem Hintergrund neo-malthiusianischer Sichtweisen auf das Folgeschäden in Investitionen in Schutzmaßnahmen. Torma bezeich- Wachstum der Weltbevölkerung Plankton als Rohstoff zur Lösung nete dies treffend als „Grenzen der Ressourcen-Selbsterfahrung“ des der Welthungerproblematik in den Blick geriet. Die „Chlorella“-Alge Wachstums; erst UN und Club of Rome brachten eine Rückführung spiegelt hier das Anliegen der hochindustrialisierten Länder wider, zu nachhaltigem, traditionellen Fischfang. Das thailändische Beispiel bio-chemische Sichtweisen auf Mensch und Ingenieurswissen durch- veranschaulicht die konträren Zukunftsvisionen in der Entwicklungs- zusetzen. Exemplarisch entspreche der Mensch auf dem Planeten dem hilfe, den schmalen Grat zwischen Industrialisierung und Umwelt- Algenansatz im Reagenzglas, das durch einen Aufbruch kaputt gehe, zerstörung sowie die Schwierigkeit in der Erhaltung des prekären so Tanner. Allerdings konnte die Welthungerlösung durch Technikop- Gleichgewichts von Nachhaltigkeit und Wirtschaftlichkeit. timismus nicht gesichert werden; was nicht zuletzt mit einer gewissen „Dem Krill auf der Spur“, war CHRISTIAN KEHRT (Hamburg), Technikutopie zusammenhing. der in seinem Vortag Ressourcenfragen als Leitmotiv für die Insti- Globale Güter und territoriale Ansprüche der BRD untersuchte tutionalisierung der deutschen Polarforschung in den 1970er-Jahren SVEN MESINOVIC (Florenz). Die globale Debatte wurde in der BRD untersuchte. Die Nutzung der Weltfischbestände bedeutete neue Res- ab der Ölkrise von Wissenschafts- zu Wirtschaftsförderung beglei- sourcenerschließung besonders im arktischen Raum, der Krill galt tet, mit dem Ziel marine Technologien zu entwickeln, und marine hier als Indikator für Fischereipotenzial und Nahrungsmittel gleicher- Rohstoffe zu sichern. In der Debatte um die Seerechtskonferenz 1976 maßen. Wirtschaftliche Effizienz und nachhaltige Nutzung mariner sah sich die BRD als Kurzküstenstaat benachteiligt und forderte ve- Lebensmittelressourcen sollten auf der Grundlage meeresbiologischen hement freien, nicht diskriminierten Zugang zu den Rohstoffen und Wissens gesichert werden. Außerdem sollte der Stand der BRD in den neuen noch zu erobernden Territorien unter Wasser. Aus dem arktischen Verhandlungen dadurch verbessert werden. Diese Zielset- Wechsel in der Weltpolitik und Ressourcenfrage, unter Betonung des zungen führten schließlich zur Gründung der Polarforschung in der Zusammenhangs von Bevölkerungswachstum, Rohstoffnutzung und BRD. Der Krill könne, so Kehrt, als Schlüsselobjekt für die deutsche Meeresforschung, entwickelte sich schließlich eine politisierte Debatte Bedeutung unter den arktischen Nationen gesehen werden: der glo- um Verteilungsgerechtigkeit und Nutzung von Rohstoffen. bale Wissensraum Meeresforschung wurde erschlossen, zunehmend FRANZISKA TORMA (München) analysierte in ihrem Vortrag Umwelt- und Ressourcenfragen debattiert und eine kooperative Stra- die Funktionen des Fisches als Ressource und symbolisches Kapital tegie für eine Teilnahme am Arctic Treaty System begründet. in entwicklungspolitischen Zusammenhängen, am Fallbeispiel der SABINE HÖHLER (Stockholm) bezeichnete in ihrem Kommentar Entwicklungskoalition Deutschland – Thailand Ende der 1950er- bis die Wachstums- und Schrumpfungsvorgänge in den 1970er-Jahren Mitte der 1970er-Jahre. Hier sollte nachhaltige Fischerei und Subsis- als Übergang von SciFi in SciFact. Wie in Zeiten absoluter Grenzen tenzwirtschaft mit deutscher Unterstützung umgestellt werden auf wurde eine Wahl erzwungen, Ressourcenverknappung und globale ein wirtschaftlich erfolgreiches System und globale Fischfangtechnolo- Konkurrenz machte die Neuverhandlung der Ozeane als Territorium 131 132 Agnes Kneitz Umweltgeschichte bzw. Ergänzungssystem notwendig. Hier gingen Territorial- und For- tabolismen untersuchte JENS IVO ENGELS (Darmstadt). Er machte schungspolitik Hand in Hand, die entstehenden politischen Probleme deutlich, dass die Forschung zur Infrastruktur eigentlich eine Geschich- seien, so Höhler, eigentlich biologischer Natur, die die Menschheit te von Macht(beziehungen) sei. Die Materialität der Infrastruktur, so als Ganzes betreffen. Das Meer wurde – gespeist vom Technikopti- wurde offensichtlich, könne dabei Probleme gleichermaßen beheben mismus der Zeit – zunehmend als Reservoir lebender Ressourcen oder verursachen. Ähnlich wie bei Infrastrukturen bleiben bei der wahrgenommen. Diese neue Aufmerksamkeit führte schließlich zu Entwicklung der Städte Machtstrukturen meist bestehen, weiterhin einer Neuorganisation des Umweltbewusstseins. Hierbei spielte die gäbe es eine Zirkulation von Macht – vor allem zwischen Zentrum Wissenschaft als Raumgewinn mit anderen Mitteln eine zentrale Rol- und Peripherie. Offen blieb die Frage ob die Stadt Macht durch Infra- le über die Entwicklung von Technologien aber auch Techniken zur struktur erhalte, auch ohne Akteur zu sein. Immerhin sei sie aber ein Entwicklung auf globaler Ebene. Schließlich habe die Verwechslung Ort von Machtaushandlung, wobei Infrastruktur als Richtungsleiter von Balance und Bilanz zu neuer globaler Ökonomie und Ökologie für die (Macht)ströme fungiere. geführt. Eine bisher nicht ausreichend ausgebeutete Ressource für die Um- Die Beiträger zum Roundtable „Die Ressourcen der Stadt. Konzep- weltgeschichte präsentierte MARTIN KNOLL (Darmstadt). Die urbane te zur Untersuchung der historischen Stadt als materielles Phänomen“, Ikonographie in Mittelalter und Früher Neuzeit könne zur Beschrei- organisiert von DIETER SCHOTT (Darmstadt), beschäftigten sich in bung der Umwelt/Natur und Stadt Beziehungen genutzt werden. ihren Vorträgen mit Konzepten und Ansätzen zur Erforschung des Res- Am Beispiel der Stadt Regensburg zeigte Knoll die Wege urbaner sourcengebrauch in historischen Städten sowie deren Voraussetzungen Ressourcenversorgung auf. Für die Darstellung der Ressourcen und und Beschränkungen. Dabei fungiere der ökologische Fußabdruck als Versorgungskorridore der Stadt erschließt sich mit der Ikonographie nützliche Metapher in historischen Studien, um die Auswirkungen alternatives neues Quellenmaterial. Die perspektivischen Darstellun- von Städten zu quantifizieren. gen zeigten zwar eine Harmonie in der soziologischen und natürlichen SABINE BARLES (Paris), stellte in ihrem Vortrag den Beitrag ei- Ordnung, wie sie de facto nie existierte, Schwerpunkte und Gewich- ner Analyse von Material- und Energieströmen für die Erforschung tungen der Infrastrukturen würden jedoch deutlich hervorgehoben urbaner Ressourcen vor. Beispielhaft wurde dies an den Energiever- und erlaubten so Rückschlüsse auf deren Relevanz. sorgungsarealen von Paris im 19. und 20. Jahrhundert veranschaulicht. MARTIN SCHMID (Klagenfurt) und VERENA WINIWARTER Dessen Versorgungsinfrastrukturen stellen die ökologische und soziale (Klagenfurt) stellten das Konzept der sozionaturalen Schauplätze so- Verbindung zwischen Stadt und Natur dar, so wie etwa ein Aquädukt wie deren Anreiz für die Umweltgeschichte am Beispiel der Stadt sowohl technische Infrastruktur und Ökosystem gleichermaßen sei. Wien 1529-2010 vor. Der Mehrwert des Konzeptes ergibt sich aus In der statistischen Auswertung des Nahrungs- und Energiekonsums dessen Integration von Natur und Kultur. Sozionaturale Schauplätze von Paris ab dem 18. Jahrhundert zeigten sich Wasser, Energie und konstituieren sich aus menschlichen Praktiken und deren materiellen Arbeitskraft, wie erwartet als maßgebliche Ströme. Nicht fassbar für Niederschlägen bzw. Arrangements. Je weitreichender der Eingriff die Statistiken sei jedoch die menschliche und tierische Arbeitsleistung in die natürliche Umwelt – insbesondere mit dem Zweck der Ener- sowie die hydraulische Fließenergie. giegewinnung – umso größer seien die möglichen Probleme durch Technologische Strukturen als Basis für soziale und andere Me- erzeugtes Energielevel, Abnutzung und Verschleiß (Wassermühle vs. 133 134 Agnes Kneitz Umweltgeschichte Staudammkraftwerk). Winiwarter/Schmidt teilen diese in kurzzeitige, Den Gefahrenstoff Asbest machte PAUL ERKER (München) zum mittelfristige und Langzeitfolgen ein, mit jeweils beunruhigenden, Mittelpunkt seiner Betrachtungen. Er wies auf die unterschiedlichen problematischen oder üblen Folgen für den jeweiligen sozionaturalen methodisch-konzeptionellen Herausforderungen prekärer Stoffe für Schauplatz. Gerade für eine nachhaltige Stadtentwicklung seien derar- die Stoffgeschichte im engeren Sinne hin. Risikowahrnehmung und tige vergangene Entwicklungen von Bedeutung; bisher jedoch nicht Aushandlung seien bei den Stoffkreisläufen von Asbest grenzwertig, hinreichend erforscht. dessen Stoffkarriere durch Ambivalenzen und Metamorphosen vom In der Diskussion wurde die Bedeutung der Infrastruktur als Vor- „Magic Mineral“ zum „Killer Dust“ gekennzeichnet. Möglicherwei- aussetzung und Resultat menschlichen Verhaltens weiter unterstri- se ließe sich die Asbestgeschichte jedoch in eine Erfolgsgeschichte chen. Auf Grund ihres Einflusses auf die Menschen, könne ihr zudem über Ausstieg, Brandschutz und Risikorückgang umdeuten, so Erker. eine gewisse Art von Agency etwa in Konflikten oder politischen Dennoch ergäben sich mittlerweile neue Probleme, aus der Substi- Debatten zugeschrieben werden. Fraglich blieb, ob Territorien von tuierung prekärer Stoffe und einer Verlagerung der Verwendung in Städten allein durch wirtschaftliche Hegemonie gehalten oder politi- die Schwellenländer. Zudem machten sich aktuell die Altlasten des sche Strukturen benötigt würden. Mit steigender Stärke und Macht Stoffes in einem Anstieg von Krankheits- und Todesfällen bemerkbar. des finanziellen Sektors ab den 1880er-Jahren, lasse sich dabei generell An diesem Beispiel zeige sich eine Transformation umweltrelevan- eine erhöhte Lebensspanne von Infrastrukturen feststellen. ten Wissens und Erkenntnisprozessen in kulturelle, politische, und FRANK UEKÖTTER (München) leitete die Sektion „What’s the Gesellschaftsgeschichte. matter?” Die Provokation der Stoffgeschichte. Einleitend stellte er die BERND-STEFAN GREWE (Freiburg im Breisgau) zeichnete in sei- Frage ob die Stoffgeschichte ein Komplement oder eine Gegenbewe- nem Vortrag den Weg des Goldes vom unnützen Material zum Garant gung zur Kulturgeschichte darstelle und betonte, Nutzen und Sinn von Währungsstabilität nach, was er nicht von ungefähr als gewisse für die Geschichtswissenschaft seien bisher nicht ausreichend genutzt Absurdität bezeichnete. Wie Epple, nahm er eine globale Warenket- worden. tenanalyse vor, dabei verortete er deren Vorteile vor allem in der Ver- Schokolade war das Thema von ANGELIKA EPPLE (Bielefeld), bindung transnationaler Flüsse von Material und Kapital und einer das sie als Geschichte der Globalisierung mittels Warenkettenanalyse klaren narrativen Ordnung durch die materiellen Eigenschaften des untersuchte und die Erfolgsgeschichte des hybriden Produktes vom Edelmetalls. Der Stoff zeichne sich nach Grewe durch die permanente Heil- und Würzmittel zum Konsumschlager nachzeichnete. Im 19. Wandelbarkeit seiner Materialität aus, die in einer globalen Warenkette Jahrhundert erfuhr die Schokolade eine Neudefinition als industriel- Einfluss auf alle Bereiche habe. les Produkt. Durch die Lebensmittelchemie wissenschaftlich erzeugte Kultur- und wirtschaftsgeschichtliche Herausforderungen an die Tatsachen, wie deren Reinheit machte sich vor allem die Werbung Sojabohne untersuchte INES PRODÖHL (Washington). Soja stelle ei- zu Nutze, was den weiteren Erfolg der Schokolade beförderte. Die ne Herausforderung für die methodisch-theoretische Arbeit dar, Er- Provokation der Stoffgeschichte beruhe nach Epple in ihrem Potenzi- kenntniserweiterung entstehe hier durch transkulturelle Wirtschafts- al Globalgeschichte makro- und mikroperspektivisch zu verbinden, geschichte. Steigende Nachfrage an Soja setzte mit Bedarf an vegetari- dabei biete sie empirische Möglichkeiten die Geschichte der Globali- schem Öl als Ersatz von Baumwollsamenöl zu Beginn des 20. Jahrhun- sierung aufzulösen und durch kleine Geschichten neu zu erzeugen. derts ein. Interessant sei dabei die gesellschaftliche Gleichgültigkeit in 135 136 Agnes Kneitz Umweltgeschichte den USA gegenüber der Sojabohne. Zwar existieren Warentransfers bei der Wiederverwertung von Küchenresten im Ersten Weltkrieg und zwischen den sojaverwendenden Staaten, die jedoch eigene kulturel- während der NS-Zeit. Dabei erfuhr „Abfall“ hier eine graduelle, ins- le Wege beschreiten. Prodöhl stellte fest, Soja verbinde und trenne besondere ideologische Aufwertung, eng verbunden mit dem Ideal Kulturen und Gesellschaften gleichermaßen. Interessanterweise habe der sparsamen Hausfrau. Als moralische Begründung fungierte die kaum eine kulturelle und landwirtschaftliche Entwurzelung der Pflan- Wiedereingliederung in den ökonomischen Kreislauf, so dass während ze stattgefunden, aber auch keine kulturelle Übersetzungsleistung in des Ersten Weltkrieges der „Abfall“ als Ressource regelrecht ausgebeu- deren Verwendung. tet worden sei. Oft waren dabei die Frauen selbst initiativ gewesen. Die Frage nach der Provokation der Stoffgeschichte, die im Titel Das Schwein als Nahrungskonkurrent entwickelte sich dabei zum angedeutet wird, konnte auch in der Diskussion nicht vollständig Recycler für Nahrungsmittelreste. Frauen stiegen über Nacht auf zu beantwortet werden, offen bleibe unter anderem das Ziel der Provo- „Recycling-Fachleuten und -Unternehmern“ so Weber, die an der Hei- kation. Dennoch kann die Stoffgeschichte als wertvolle Kategorie für matfront auch entsprechende Würdigung erfuhren. Insgesamt hätten die Umweltgeschichte gelten, die sich zunehmend mit der Materialität die Frauen jedoch nur eine Nebenrolle gespielt, im „NS-Müllregime“, ihrer Untersuchungsgegenstände auseinandersetzt. das mit seinen Zentralisierungsstrategien die Verwertung des „Wertlo- Der Umgang mit der Materialität von Ressourcen, den Abhän- sen“ perfektioniert habe. gigkeitsbeziehungen von Akteuren, Strukturen und Distribution von CHAD DENTON (Seoul) betrachtete in seinem Vortrag „Recupe- „Abfall“ schließlich, war das Thema der Sektion „Zwischen Knappheit rez!“, die französischen Recycling-Kampagnen zwischen 1939-1945 und Überfluss: Abfall als Problem und Ressource in der Geschichte“, und ihre deutschen Ursprünge. Im Vichy sei die Altstoffsammlung in organisiert von ROMAN KÖSTER (München) und HEIKE WEBER gegenseitigem Einvernehmen eingerichtet worden, die deutschen Ein- (Berlin). Hier ging es insbesondere um den Wert, des Abfalls – als Res- flüsse jedoch verborgen, und sich auf französische Traditionen berufen source – der nicht mehr nur unter ökonomischen sondern zunehmend worden, deren Infrastruktur, Technologie und Umsetzung zu großen unter ökologischen Aspekten definiert wird. Teilen von jüdischen Landsmännern getragen wurden. Mit Parolen Auf Grund von Krankheit musste der einleitende Vortrag von wie „Müll muss unterdrückt werden“ versuchte man bereits vor der REINHOLD REITH (Salzburg) gelesen werden. Reith beschäftigte sich deutschen Übernahme der Sammelstellen und der Gründung der Wie- mit der Entstehung von Märkten für „Abfall“. Dabei kategorisierte derverwertungsorganisation OCRP, die Bevölkerung zu sensibilisieren. er Rest- und Risikostoffe als natürliches Resultat von Konsumption Denton vermutet, die gute Annahme des deutschen Vorbildes habe auf und Produktion. Weggeworfen würde nur Wert- oder Sinnloses, was der hohen Übereinstimmung mit den eigenen Plänen Vichys beruht, in direktem Zusammenhang mit der Knappheit von Ressourcen stün- auch wenn dies einen Ausschluss der jüdischen Händler bedeutete. In de, entsprechend passten sich Produktivität und Arbeitseinsatz im den Jahren 1944/45 blieb die Organisation der Abfallverwertung, auch Umgang mit „Abfall“ an. Eine Umstrukturierung des Abfallhandels personell, erhalten. Jedoch erwies sich die Rückkehr der jüdischen hin zu überregionalen Märkten mit staatlicher Regelung habe ab dem Expertise in den „Kriegsmüll“ schließlich als Erfolgsrezept. Kaiserreich eingesetzt. Im „Abschied von der ‚verlorenen Verpackung‘“ zeichnete RO- HEIKE WEBER (Berlin) betrachtete in ihrem Vortag mit dem meta- MAN KÖSTER (München), die Geschichte des Recyclings von Haus- phorischen Titel „Schaffet Werte aus dem Nichts!“ die Rolle der Frauen müll in Westdeutschland 1945-1990 nach. Diese Veränderungen lassen 137 138 Agnes Kneitz Umweltgeschichte sich zurückführen auf Wohlstandszuwachs, städtebauliche Verände- Im Kommentar hob VERENA WINIARTER (Klagenfurt) die zen- rungen, Durchsetzung der Selbstbedienung im Einzelhandel, Tech- trale Rolle der Kriegswirtschaft (Ersatzstoffe) bei der Einführung und nisierung der Hausarbeit, bei gleichzeitig steigender Müll- und Ver- Durchsetzung nachhaltiger Recyclingstrukturen hervor. In den Vorträ- packungsmenge. Maßgeblich für die Durchsetzung moderner Recy- gen sei jedoch weder Toxizität noch Art und Zusammensetzung des clingpraktiken sei nach Köster schließlich die Verwissenschaftlichung Mülls durch Kunststoff thematisiert worden. Als Potenzial der Vorträ- der Abfallwirtschaft sowie zunehmendes Umweltbewusstsein bei wei- ge hob Winiwarter hervor, nicht nur Mangel, sondern auch Nutzlosig- ter steigenden Müllmengen gewesen; zur Institutionalisierung des keit des Mülls seien deutlich geworden, ebenso eine Verschiebung des Recyclings hätten private Entsorgungsfirmen erheblich beigetragen. Mangels. Außerdem hob sie die Bedeutung von Sekundärrohstoffen Zusammenfassend stellte Köster fest, gerade das Zusammenwirken als nie versiegende Quelle hervor, die versuchte Anhebung der Bewer- von ökologischen und ökonomischen Faktoren hätten ab den 1970er- tung von Abfällen sowie städtebaulicher Wandel als Grundlage für Jahren zu dauerhaften Recyclingstrukturen geführt (sekundäre Roh- Veränderungen. Abfallorte seien dabei als Nicht-Orte zu sehen – deren stoffpreise). Die Unterschiede zwischen modernen und traditionellen Auslagerung aus den Siedlungen das Problem lediglich verschiebe. Strukturen ergäben sich jedoch vor allem aus der Beteiligung inter- FRANZ-JOSEF BRÜGGEMEIERs (Freiburg im Breisgau) Vortrag nationaler Unternehmen sowie der Konzentration auf ökonomische zur Internationalisierung der Umweltbewegung, schloss im wahrsten Parameter statt umweltschützerische Aspekte. Sinne des Wortes die umwelthistorischen Beiträge des Historikertages Der ebenfalls in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts angesie- ab. Gekennzeichnet sei die Umweltbewegung heute von zunehmender delte Vortrag von CHRISTIAN MÖLLER (Bielefeld), beschäftige sich Institutionalisierung, Professionalisierung und Bürokratisierung, was mit der Abfallwirtschaft in der DDR und beleuchtete sozialistische Ver- zu einer Krise, einem Verschwinden der spontanen Elemente führe. wertungskonzepte und Entsorgungspraxis zwischen Ökonomie und Neu seien die „neuen“ Bewegungen zwar nicht. Ab den 1960er-Jahren Ökologie. Hier bestimmten Widersprüche, Zäsuren und Wandlungs- setzte jedoch eine bewusste Abgrenzung der neuen Umweltbewe- prozesse die Kontinuitäten seit dem Zweiten Weltkrieg. Besonders ins gung gegenüber traditionellen Organisationen ein. Dabei gelangen Auge fällt die Abweichung von Anspruch und Praxis, denn erst ab die neuen sozialen Bewegungen vor allem dort, wo sich eine einfa- den 1960er-Jahren fand eine Umdeutung der Abfall- über die Umwelt- che Verbindung von Traditionellem und Neuem herstellen ließ. Trotz politik statt. Extreme Rohstoffknappheit und Abfallmangel hätten zu einer anfänglichen Skepsis der regionalen und nationalen Verbände historischen Stilblüten, wie etwa bewusster Schrottproduktion oder gegenüber einer zunehmenden Internationalisierung setzte sich ab Abfallimport aus dem nichtsozialistischen Ausland geführt. Struktur- den 1980/90er-Jahren das gemeinsame Verständnis für globale Um- bildende Maßnahmen zur Umsetzung umweltpolitischer Richtlinien weltprobleme als Grundlage für gemeinsame Lösungsversuche durch; waren: Propaganda, finanzielle Anreize und Mangelsituation. Letzt- strukturell wiesen die internationalen NGOs heute eher Konzernstruk- endlich entstand ein Umweltbewusstsein nicht aus Idealismus, son- tur statt Sozialer Bewegungsstruktur auf. Auch sei es schwierig, in- dern aus Eigeninteresse. Demgegenüber steht eine Zunahme vor allem ternationale/transnationale Umweltschutzbemühungen als Politik zu toxischer Industrieabfälle, weshalb man ab den 1960er-Jahren nach bezeichnen, so Brüggemeier. Grundlegend für deren Erfolg sei jedoch Möllers Ansicht sogar von einer Pervertierung der Umweltschutzbe- die internationale Orientierung der Konflikte, die Produktion gemein- strebungen in der DDR sprechen kann. samer Bilder durch die Medien und die Art der Strategieaustragung. 139 140 Agnes Kneitz „Zum ersten Mal kann man als Umwelthistoriker zwischen ver- schiedenen Sektionen wählen. Es scheint, als ob man im Mainstream angekommen wäre“, so fasste eine langjährige Teilnehmerin des His- torikertages das Programm der diesjährigen Konferenz zusammen. Die dort vorgestellten umwelthistorischen Beiträge verdeutlichten die thematische Breite des Forschungsfeldes sowie dessen Anschlussfä- higkeit und Relevanz für andere, nicht nur geisteswissenschaftliche Disziplinen. Dabei zeichnet sich die Umweltgeschichte gerade auch durch ihre Offenheit gegenüber anderen Themen aus und nimmt ei- ne wichtige Brückenfunktion als Teil der environmental humanities ein. Gerade in global-geschichtlichen Zusammenhängen liefert die Umweltgeschichte wichtige Aspekte zu einem umfassenden Verständ- nis von politischen, gesellschaftlichen und kulturellen Entwicklungen oder der Raumerschließung. Dabei spielt der Kontext klimatischer Veränderungen und die Veränderung ozeanischer Räume eine im- mer stärker werdende Rolle. Gleichermaßen wichtig sind dafür lokale und regionale Fallbeispiele, anhand derer die gesellschaftliche Rele- vanz geschichtlicher Vorgänge, insbesondere in Blick auf nachhaltige Entwicklung herausgearbeitet werden kann, wie vor allem die Sek- tionen zu Stadtentwicklung sowie marinen Ressourcen und Territo- rien deutlich machten. Wie an mehrfacher Stelle von den Vorträgern herausgearbeitet, ist vergangene Entwicklung als Basis für zukünfti- ge Nachhaltigkeit noch nicht hinreichend erforscht, aber unbedingt notwendig, um das Gemeingut „Erde“ und seine Ressourcen weiter nutzbar zu erhalten. Damit präsentiert sich die Umweltgeschichte als gesellschaftsrelevanter Zukunftsträger historischer Forschung und es bleibt zu hoffen, dass sie auch auf den kommenden Historikertagen ähnliche Beachtung erfahren wird wie 2012. 141 Wirtschaftsgeschichte des 20. Jahrhunderts Wirtschaftsgeschichte des 20. Jahrhunderts dung dieser Schwesterdisziplinen offen war und die ausgewählten von Ute Engelen Sektionsthemen diese erwarten ließen, erwies sich das Vorhaben auf- grund der deutlich stärker wirtschaftshistorisch geprägten Vorträge Besprochene Sektionen: als nicht umsetzbar. Ein Grund hierfür war, dass sich die Sektionen „Ersatzstoffwirtschaft als innovative Lösung für Ressourcenkonflikte zur Ersatzstoffwirtschaft, zur Stoffgeschichte und zur Abfallgeschichte im Ersten und Zweiten Weltkrieg?” nicht nur innerhalb dieser traditionell eng verbundenen Teildiszipli- „Zwischen Knappheit und Überfluss: Abfall als Problem und Ressour- nen bewegten, sondern auch andere Gebiete wie die Technik-, die ce in der Geschichte“ Kultur-, die Umwelt- und die Geschlechtergeschichte miteinbezogen. „’What‘s the matter?’ Die Provokation der Stoffgeschichte“ Verbindendes Moment der hier vorgestellten Sektionen war ein Ver- ständnis von Ressourcen als materielle Güter, von Kartoffelschalen Eine beeindruckende Resonanz erweckte das diesjährige Thema bis hin zu Gold. So stand der Faktor Arbeit, der unter anderem in „Ressourcen-Konflikte“ des Historikertags in Mainz in der Wirtschafts- mehreren Vorträgen zum nationalsozialistischen Deutschland und zur geschichte. Damit konnte das Fach an die bedeutende Anzahl von Sowjetunion thematisiert wurde3 , nicht im Zentrum der Sektionen. Beiträgen auf dem Berliner Historikertag anknüpfen.1 Dieser Erfolg Im Vorfeld des Historikertags hatten die H-Soz-u-Kult-Redakteure ist nicht verwunderlich, wenn man bedenkt, dass der Begriff „Res- Claudia Prinz und Torsten Kahlert mit Historikern verschiedener Be- source“ klassischerweise im wirtschaftlichen Sinne verwendet wird. reiche eine virtuelle Debatte zum Thema Ressourcen geführt. Hier Eng gefasst fallen hierunter die Produktionsfaktoren wie Arbeit bzw. bestand im Wesentlichen Konsens darüber, dass das Motto des His- jeglicher Input des Produktionsprozesses2 , aber auch immaterielle torikertages dazu dienen könne, die Teildisziplinen der Geschichts- Güter gelten als Ressourcen. Wie auch JEAN-CLAUDE SCHMITT in wissenschaft miteinander zu verbinden. Der Wirtschaftsgeschichte seinem Festvortrag zur Preisverleihung ausführte, sind Ressourcen wurde bei der Untersuchung von Ressourcen eine wichtige Rolle bei- Mittel, um bestimmte Ziele zu erreichen, und durch Knappheit charak- gemessen. Als vielversprechender Ansatz zur stärkeren innerfach- terisiert. In der Tat: Wären Ressourcen frei verfügbar, so verlören sie lichen Anschlussfähigkeit wurde mehrfach, wie auch später in den diese Funktion, denn in diesem Fall könnte sie jeder Akteur einsetzen. Sektionen, die Analyse von commodity chains bzw. von Warenket- Über diese inhärente Konnotation hinaus weckt der im Motto des ten genannt, wie sie Andrew C. Godley und Bridget Williams zum Historikertags enthaltene Begriff „Konflikte“ die Assoziation sozialen Markt für Geflügel durchgeführt haben.4 Unter einer Wertschöpfungs- Handelns. Lokale wie internationale Auseinandersetzungen folgen oder Warenkette ist der gesamte Herstellungs- und Vertriebsprozess fast zwangsläufig aus der Begrenztheit von Ressourcen. Ursprüng- eines Produkts zu verstehen, das heißt sowohl die Inputs von den lich sollte sich der Querschnittsbericht daher auf die Wirtschafts- und Rohstoffen bis hin zur Arbeitskraft als auch die verschiedenen Schritte Sozialgeschichte beziehen. Obwohl das Tagungsmotto für eine Verbin- von Produktion, Distribution und Konsum sollen Berücksichtigung 1 Mathias Mutz: Historikertag 2010: Wirtschaftsgeschichte, in: H-Soz-u- 3 Vgl. die Sektion Arbeitskraft als Ressource in totalitären Regimen im 20. Jahrhundert Kult, 11.11.2010, <http://hsozkult.geschichte.hu-berlin.de/forum/id=1408 am Beispiel der Sowjetunion und des nationalsozialistischen Deutschland. &type=diskussionen> (23.11.2012). 4 Vgl. z. B. Andrew C. Godley / Bridget Williams, Democratizing luxury and the 2 Laut dem Gabler Wirtschaftslexikon bezeichnet der Begriff sowohl die Produktions- contentious „invention of the technological chicken“ in Britain, in: Business History faktoren wie Arbeit, Rohstoffe als auch Inputfaktoren des Produktionsprozesses. O. A., Review 83 (2009), S. 267-290. Art. „Ressource“, in: Gabler Wirtschaftslexikon, 16. Aufl. Wiesbaden 2005, Sp. 2549. 143 144 Ute Engelen Wirtschaftsgeschichte des 20. Jahrhunderts finden.5 Mithilfe dieses Ansatzes lassen sich nach Ansicht mehrerer in bestimmten Zusammenhängen nachzuweisen. So wurden Van de Teilnehmer der Debatte mikro- und makrohistorische Entwicklun- Kerkhof zufolge Substitute im Metallbereich erst später als bei Ernäh- gen verbinden, transnationale Verbindungen aufdecken und in einer rung und Kleidung erschlossen. Auch Banken nahm eine Gewichtung zusammenhängenden Narration darstellen. Durch eine starke Kontex- der Strategien gegen die Knappheit vor und kam zu dem Schluss, dass tualisierung könne man über eine bloße Stoffgeschichte hinausgehen Ersatzstoffe im Bereich der Bunt- und Edelmetalle kaum erfolgreich und das Potential des Ressourcenbegriffs nutzen.6 gewesen seien. Stabilisiert habe das Regime die Versorgung mit die- JOCHEN STREB und STEFANIE VAN DE KERKHOF (beide Mann- sen Rohstoffen vielmehr durch die Sammlung und Requirierung von heim) leiteten die Sektion „Ersatzstoffwirtschaft als innovative Lösung Metallen, durch den Raub in besetzten Gebieten und die Subventio- für Ressourcenkonflikte im Ersten und Zweiten Weltkrieg?“. Der zen- nierung des deutschen Silberabbaus. trale Begriff „Ersatzstoffe“ wurde von den Referenten unterschiedlich Maier bezeichnete den Zeitraum von 1933 bis 1940 als ein „Gol- interpretiert. Während ANNE SUDROW (Potsdam) und van de Kerk- denes Zeitalter“ der Werkstoff-Forschung, da in diesem Zeitraum hof ihn sozialhistorisch verstanden, konzentrierten sich RALF BAN- zahlreiche Forschungsstätten errichtet und erweitert sowie Lehrstühle KEN (Frankfurt am Main), GÜNTHER LUXBACHER (Berlin) und umgewidmet wurden. Ziel sei es gewesen, devisenbelastete Rohstof- HELMUT MAIER (Bochum) auf wirtschafts- und technikhistorische fe abzulösen, unter anderem durch Kunststoffe. Luxbacher führte Fragestellungen. Einerseits regte diese Heterogenität der Themen zum den Erfolgsmythos deutscher Ersatzstoffe in den 1930er-Jahren auf Vergleich an, andererseits führt sie aber auch leicht dazu, dass eine die Entwicklung aussichtsreicher neuer chemischer Werksstoffe zu- Vergleichbarkeit nicht mehr gegeben ist. rück. Im Unterschied zu diesen basierten Ersatzstoffe auf inländischen Van de Kerkhof systematisierte in ihrem Vortrag mögliche Stra- Rohstoffen, würden in Mangelzeiten verwendet und überdauerten tegien, um dem während der Weltkriege vorherrschenden Mangel diese zumeist nicht. Stärker auf die sozialhistorische Bedeutung von an bestimmten Ressourcen und den daraus folgenden Konflikten zu Ersatzstoffen ging Sudrow ein, die auf die Wurzeln des Erfolgs von begegnen: Kunststoffen in der NS-Zeit verwies. Diese seien durch die Vierjah- respläne in alle Bereiche der Produktion vorgedrungen und hätten 1. Sparen von Rohstoffen bzw. Umlenken des Konsums, Deutschlands starke Verwendung von Kunststoff in den Jahren des 2. Recycling zur Rückgewinnung zumeist minderwertiger Stoffe, Nachkriegsbooms grundgelegt. Bislang hätten einige Forscher die 3. Schmuggel, Verbreitung des Kunststoffs in Deutschland erst für die 1950er-Jahre 4. Ausbeutung besetzter Gebiete, konstatiert. 5. Substitution. Der diachrone Vergleich des Ersten und Zweiten Weltkriegs und Dieses Analyseschema hätte eine Übertragung auf andere Sachver- die Untersuchung von Verbindungslinien zwischen diesen erwiesen halte des Panels verdient, um die Durchsetzung einiger Strategien sich als fruchtbar. Verschiedene Referenten betonten die Einrichtung 5 Terence K. Hopkins / Immanuel Wallerstein, Patterns of Development of the Mo- neuer, von Wirtschaft und staatlichen Stellen gebildeten Institutionen dern World-System, in: Review 1 (1977), Nr. 2, S. 111-145, hier S. 128. zur Verwaltung des Mangels und zur Forschungskoordination. Auch 6 Vgl. HSK Redaktion: H-Soz-u-Kult Debatte zu „Ressourcen“ in den Geschichts- stimmten sie darin überein, dass viele Erfahrungen aus dem Ersten wissenschaften, in: H-Soz-u-Kult, 20.09.2012, <http://hsozkult.geschichte.hu-berlin.de /index.asp?pn=texte&id=1889> (23.11.2012). Weltkrieg zu einem Umdenken in der Wissenschaft in Bezug auf Er- 145 146 Ute Engelen Wirtschaftsgeschichte des 20. Jahrhunderts satzstoffe führten. War es zu einer Forschung an vielen Ersatzstoffen mit der industriellen Fertigung und Plastifizierung vieler Produkte erst unmittelbar im Ersten Weltkrieg gekommen, so folgten in den verloren habe. Auch bei der Verbreitung von Recycling-Maßnahmen 1920er- und 1930er-Jahren weitere Forschungsprojekte. Zwar waren spielten die Weltkriege und überdies die 1970er-Jahre eine Schlüsselrol- viele der untersuchten Ersatzstoffe in Friedenszeiten nicht konkurrenz- le. Die ersten beiden Vorträge konzentrierten sich auf die Weltkriege, fähig, doch wurden auch Erfahrungen mit Kunststoffen gesammelt. der dritte und vierte auf die Nachkriegszeit. Erst Krisensituationen hätten in so starkem Maße zur Förderung von Weber betonte die Rolle von Frauenvereinen für die Wiederverwer- Ersatzstoffforschung und -wirtschaft geführt, da in Zeiten der ange- tung des Hausmülls zu Beginn des Ersten Weltkriegs. Die Kommunen messenen Versorgung mit Ressourcen eine dementsprechende Vorsor- hätten diese Initiativen aufgegriffen, jedoch nach Ende des Krieges ge zu teuer und zu riskant erscheine. PATRICK WÄGER (St. Gallen) aufgrund hoher Kosten wieder eingestellt. Der Erste Weltkrieg könne ging in seinem Kommentar auf künftig zu erwartende Versorgungs- als „Lehrmeister“ gelten, im Zweiten Weltkrieg habe dann eine vom engpässe bei Edelmetallen und seltenen Erden ein. In der Diskussion Staat ausgehende „Totalerfassung“ der Müllverwertung stattgefunden. stand die Frage nach dem Erfolg von Werkstoffen im Vordergrund. Daran anschließend führte CHAD DENTON (Seoul) die französischen Dieser lasse sich, so Maier, nur für jeden einzelnen Stoff ermitteln. In Bemühungen bei der Altmaterialsammlung ab Beginn des Zweiten Anbetracht einer generell niedrigen Erfolgsquote bei Innovationen Weltkriegs auf eine Nachahmung des deutschen Nachbarn zurück. Ab betrachteten die Referenten die geringe Kontinuität von Ersatzstoffen der teilweisen Besetzung Frankreichs im Jahr 1940 habe das Deutsche nach Ende eines Krieges und den Versorgungsblockaden nicht als Reich direkt Einfluss auf diese genommen. verwunderlich. Köster zufolge verloren sich frühere Wiederverwertungspraktiken SIMONE DERIX (München) hatte in ihrem Kommentar ein stär- im Boom nach dem Zweiten Weltkrieg mit der Verbreitung der Selbst- keres Eingehen auf die Akteure in der Ersatzstoffwirtschaft sowie bedienung im Einzelhandel und der daraus folgenden Verpackung der eine transnationale Öffnung gefordert. Mit Letzterem entsprach sie Produkte. Die Entstehung neuer kommunaler Recyclingmaßnahmen der vielfach in der Geschichtswissenschaft formulierten Erwartung, sah er ab Ende der 1960er-, ihre Institutionalisierung in den 1970er- Interdisziplinarität mit Internationalität zu verbinden. Wenngleich er- und 1980er-Jahren. Als mit steigenden Preisen die Knappheit von strebenswert, stellt dies hohe Anforderungen an den Wissenschaftler Ressourcen spürbarer wurde, seien Recycling-Maßnahmen attraktiv und beschränkt seine Auswahl an Forschungsthemen. Häufig ist der geworden. Andererseits sei die Wiederverwertung von Gütern auch in Geschichtswissenschaft mit empirisch gesättigten Studien, die ent- hohem Maße von nicht rein ökonomischen Gesichtspunkten wie den weder fachliche oder räumliche Grenzen überschreiten wie die hier ökologischen geprägt. Die „Wegwerfgesellschaft“ sei zunehmend in vorgestellten, ebenso gedient. Interessant wären allerdings weitere Frage gestellt worden. Aufgrund starker Preisschwankungen sei der Beiträge zu den von Van de Kerkhof angesprochenen Ersatzstoffen im Wiederverwertungsmarkt für Unternehmen unattraktiv gewesen, bis Alltag gewesen. Städte ihnen feste Preise für die gesammelten Rohstoffe garantierten. Die von ROMAN KÖSTER (München) und HEIKE WEBER (Berlin) In der Diskussion betonte Weber mit Verweis auf Samantha MacBride, organisierte Sektion „Zwischen Knappheit und Überfluss: Abfall als dass Recycling manchmal unökologischer als andere Wege zur Müll- Problem und Ressource in der Geschichte“ beschäftigte sich mit der entsorgung sei.7 Auch die Abfallwirtschaft der DDR war CHRISTIAN erneuten Wiederverwertung von Abfällen im 20. Jahrhundert, die sich 7 Samantha MacBride, Recycling Reconsidered: The Present Failure and Future Pro- 147 148 Ute Engelen Wirtschaftsgeschichte des 20. Jahrhunderts MÖLLER (Bielefeld) zufolge an der Schnittstelle von Ökonomie und the matter?’ Die Provokation der Stoffgeschichte“8 wählte einen ande- Ökologie angesiedelt. Während die zunächst nur zum Teil staatlich or- ren Zugang zur Wirtschaftsgeschichte, nämlich den über bestimmte ganisierte Wiederverwertung von Altstoffen als vorbildlich betrachtet „Stoffe“. Der Begriff wurde allerdings nicht eindeutig definiert. So fällt werden könne, treffe dies auf die häufige Entsorgung des Hausmülls die Schokolade aus einer Definition von Rohstoffen heraus, da sie ein in wilden Müllkippen nicht zu. Ab Ende der 1960er-Jahre wurden mit Produkt aus mehreren von diesen ist. Dies führte in dieser Sektion zu der Neuorientierung der Abfallpolitik wenige Verbrennungsanlagen, einer geringeren Vergleichbarkeit der Vorträge untereinander. aber zusätzliche geordnete Deponien eingerichtet, die jedoch nicht ANGELIKA EPPLE (Bielefeld) betonte die Wandlungsfähigkeit ausreichten. Damit zusammenhängend wies VERENA WINIWARTER des Stoffes Schokolade, den die Azteken ungesüßt zu sich genom- (Klagenfurt) in ihrem Kommentar darauf hin, dass sich die Problema- men hatten. Erst mit der Zugabe von Zucker habe sich das Getränk tik nach 1945 von der Knappheit der Ressourcen auf Schwierigkeiten in Europa verbreitet. Im 19. Jahrhundert habe eine Industrialisierung bei der Entsorgung des Mülls verschoben habe. und Standardisierung der Schokolade durch Lebensmittelchemiker bei Im Gegensatz zum ersten Panel wurden nicht mehrere Strategien den Schokoladenherstellern stattgefunden. Die Referentin verstand gegen die Verknappung von Ressourcen thematisiert, sondern in al- ihr Thema als Beitrag zur Geschichte einer global commodity chain, len Vorträgen stand der Umgang mit Abfall im Vordergrund. Einige mit deren Hilfe seit inzwischen rund 20 Jahren empirisch gesättigte Referenten fokussierten stärker die Altstoffsammlungen, andere die Mikro- und Makrogeschichte verbunden würden. INES PRODÖHL Entsorgung des Hausmülls. Durch die inhaltliche Nähe der Themen (Washington) zufolge liegt der Vorteil einer Stoffgeschichte in ihrem gewann die Sektion an Aussagekraft. Eine Koppelung mit den For- Potential zur Verbindung insbesondere der Wirtschafts- und Kultur- schungen über Ersatzstoffe erscheint jedoch wünschenswert. So thema- geschichte. Obwohl die USA seit Ende des Zweiten Weltkriegs der tisierten beide Panels die Weltkriege als Ursachen und Beschleuniger weltweit größte Sojaproduzent seien, sei Soja bis in die 1950er-Jahre für einen veränderten Umgang mit Ressourcen und verwiesen auf jenseits von Asien außer als Öl nicht als Nahrungsmittel verwendet Verbindungslinien zwischen Entwicklungen im Ersten und Zweiten worden und habe als Ersatzstoff gegolten. Die Bürger hätten sich nicht Weltkrieg. Die Bedeutung der Weltkriege für bestimmte wirtschaftli- mit dem Stoff Soja identifiziert. che Entwicklungsprozesse kann also nicht geleugnet werden. Diese Der von PAUL ERKER (München) analysierte Gefahrenstoff Asbest Einsicht geht selbstverständlich nicht mit einer moralischen Aufwer- erforderte aufgrund seiner anderen Stoffqualität eine abweichende tung von Krieg einher. Beide Sektionen konzentrierten sich, anders als Herangehensweise. Kein anderer Baustoff habe „im wahrsten Sinne viele Vorträge auf dem vorhergehenden Historikertag, überwiegend des Wortes so viel Staub aufgewirbelt“ wie Asbest. Zwar habe es Brän- auf den „deutschen Fall“. Diese Konzentration auf ein relativ einheit- de verhindert, doch seit das Ausmaß der Krebsgefahr bekannt sei, liches Gebiet ermöglichte eine stärkere Tiefe der Analysen. Generell hätten viele Industrieländer ab den 1980er-Jahren betroffene Gebäude wird man der Wirtschaftsgeschichte keine mangelnde Bereitschaft zu saniert. Aufgrund der langen Latenzzeit der Asbestexposition häuften internationalen Vergleichen vorwerfen können. 8 Nach Definition der Reihe „Stoffgeschichten“ des Wissenschaftszentrums Umwelt Die von FRANK UEKÖTTER (München) geleitete Sektion „’What‘s der Universität Augsburg beim oekom Verlag handelt es sich hierbei um Stoffe, die „für unsere gesellschaftliche, wirtschaftliche und ökologische Entwicklung“ elemen- mise of Environmental Action in the United States, Cambridge 2012. tar sind. <http://www.wzu.uni-augsburg.de/publikationen/stoffgeschichten.html> (23.11.2012). 149 150 Ute Engelen Wirtschaftsgeschichte des 20. Jahrhunderts sich derzeit diesbezügliche Todesfälle. Schwellen- und Entwicklungs- die Makroebene angebunden werden können. Als vielversprechen- länder hingegen erlebten einen Höhepunkt der Asbestnutzung. An- der Ansatz zur stärkeren innerfachlichen Anschlussfähigkeit wurde ders als Asbest steht Gold, so BERND-STEFAN GREWE (Freiburg im mehrfach die Analyse von commodity chains genannt. Allerdings ist Breisgau), seit langem in gutem Ruf, sodass es sogar die Stabilität von diese sicherlich nur ein und durchaus eingeschränkter Weg zur stärke- Währungen garantieren konnte. Wie Epple zielte der Referent auf eine ren Verknüpfung von historischen Forschungsgebieten. Bei künftigen Warenkettenanalyse ab und untersuchte die Förderung, den Vertrieb Arbeiten über Ressourcen sollten diese noch stärker in ihre sozial- und Konsum von Gold diachron wie international vergleichend. geschichtliche und konfliktuelle Dimension eingebettet werden. Das Eine Provokation der Stoffgeschichte sah Uekötter darin, dass der heißt, es könnte weniger um wirtschaftliche Aspekte und Wertzuschrei- Ansatz als Gegenbewegung zur Kulturgeschichte, aber auch komple- bungen an Ressourcen als vielmehr um deren konkrete Auswirkungen mentär zu dieser aufgefasst werden könne. Dies weist auf die auch auf das Alltagsleben gehen, wie sie bei Van de Kerkhof und Sudrow in den anderen Sektionen bestimmende Interdisziplinarität hin. Erker anklangen. Dann würden Wirtschafts- und Sozialgeschichte wieder zufolge stellt die Stoffgeschichte weder eine Provokation noch einen stärker zueinander finden. neuen Ansatz dar, sondern kombiniere Unternehmens-, Wirtschafts-, Umwelt- und Wissenschaftsgeschichte. Grewe betonte, mithilfe des stoffgeschichtlichen Ansatzes ließen sich lokale Entwicklungen bün- deln und mit Makrostrukturen in Verbindung setzen. Das Panel hat gezeigt, dass ein stoffgeschichtlicher Ansatz zur Ver- knüpfung wirtschafts-, sozial- und kulturhistorischen Fragestellungen geeignet ist. Darüber hinaus regt er länderübergreifende Untersuchun- gen an. Anders als die zuvor dargestellten Sektionen reichten einige Vorträge zur Stoffgeschichte über das 20. Jahrhundert hinaus. Diese longue durée-Perspektive wie die Verbindung verschiedener Teildis- ziplinen birgt Chancen zum diachronen Vergleich und zur multiper- spektivischen Untersuchung eines Themas. Um die für die Narration ausgewählten Aspekte nicht willkürlich erscheinen zu lassen, bedarf eine solche Studie aber einer überzeugenden Darlegung der Konzepti- on. Das der Wirtschaftsgeschichte nahestehende Thema „Ressourcen- Konflikte“ des Historikertags hat in dieser Teildisziplin breite Reso- nanz gefunden. Die zuvor angeführten Kritikpunkte sollen keinesfalls den sehr positiven Gesamteindruck der vorgestellten Panels trüben. Alle Vorträge waren stark interdisziplinär konzipiert. Viele Referenten zeigten exemplarisch, wie mikrohistorische Studien nutzbringend an 151 152 Zeitgeschichte Zeitgeschichte er die Beschäftigung mit dem Sound in einen engen Zusammenhang von Hanno Hochmuth mit seinen bisherigen Arbeiten zur „Visual History“. So erhofft er sich durch eine Geschichte des Sounds ein besseres Verständnis für das Besprochene Sektionen: visuelle Zeitalter. Der neuen „Sound History“, für die es noch keinen „Sound History“ etablierten Begriff gebe, empfahl DANIEL MORAT (Berlin) methodi- „Zeitgeschichte ohne Ressourcen? Probleme der Nutzung audiovisuel- sche Anleihen bei den Sound Studies, die bislang vor allem an Kunst- ler Quellen“ hochschulen, in der Musikwissenschaft, Medienwissenschaft und in „Gab es ’den’ Wertewandel?” der Ethnologie betrieben werden. Historiker seien auch in diesem Fall „Reaktionen auf die globalen Energiekrisen der 1970/80er Jahre“ wie „Blutsauger in den Nachbardisziplinen“, müssten sich aber von „Zeitpolitik und Zeit-Geschichte im 20. Jahrhundert“ ihren eigenen historischen Fragestellungen leiten lassen. Ziel sei dabei jedoch kein naiver Sound-Historismus („wie es eigentlich geklungen Die Zeitgeschichte boomte auch auf dem Historikertag in Mainz. habe...“), so JAN-FRIEDRICH MISSFELDER (Zürich), sondern eine Knapp ein Drittel der 64 Sektionen befassten sich mit zeithistorischen Akkustomologie als Sozialgeschichte von unten. Ein solcher gesell- Themen. Dabei wurde dem breiten Motto des diesjährigen Historiker- schaftsgeschichtlicher Zugang erweist sich jedoch als schwierig, wenn tags „Ressourcen – Konflikte“ auf sehr verschiedene Weise entspro- in der „Sound History“ vor allem bekannte akustische Ikonen wie chen. Einige Sektionen beschäftigten sich sehr direkt mit materiellen Wagners Walkürenritt untersucht werden, der von Gerhard Paul als Rohstoffen und konflikthaften Reaktionen auf deren Verknappung, Fallbeispiel vorgestellt wurde. HANS-ULRICH WAGNER (Hamburg) wobei die Zeit des Strukturbruchs im Mittelpunkt des Interesses stand betonte in seinem abschließenden Statement zur Klangarchäologie von und somit die gegenwärtige Debatte um die 1970er-Jahre fortgesetzt Radiostimmen, dass auch Tondokumente keine historische Authenti- wurde. Andere Sektionen dehnten den Ressourcenbegriff und behan- zität beanspruchen können, sondern das Ergebnis von Archivierungs-, delten immaterielle Ressourcen wie Zeit und Werte und den Wandel Deutungs- und Kanonisierungsprozessen sind. dieser Ordnungsvorstellungen im 20. Jahrhundert. Mehrere Sektionen Um den Sound des 20. Jahrhunderts zu untersuchen, bedarf es nahmen schließlich historische Quellen als primäre Ressourcen der allerdings eines freien Zugangs zu den medialen Ressourcen. So war zeithistorischen Forschung in den Blick und diskutierten die Mög- es nur konsequent, dass sich auf dem Mainzer Historikertag eine ei- lichkeiten ihrer wissenschaftlichen Erschließung. Damit widmete sich gene Sektion der Frage „Zeitgeschichte ohne Ressourcen?“ widmete der Mainzer Historikertag auch ganz elementaren handwerklichen und die vielfältigen Probleme bei der Nutzung audiovisueller Quellen Fragen der Zunft. Hierzu gehörte die gesteigerte Aufmerksamkeit diskutierte. In seinem Eingangsstatement betonte CHRISTOPH CLAS- für moderne Quellentypen, deren systematische Erschließung gerade SEN (Potsdam), dass in Deutschland ein erhebliches Zugangsproblem erst einsetzt und besondere methodische Herausforderungen mit sich herrsche, das in einem großen Widerspruch zur Relevanz audiovisuel- bringt. ler Quellen für die zeithistorische Forschung stehe. Die Archivierung Nachdem GERHARD PAUL (Flensburg) auf vergangenen Histo- der Rundfunkquellen werde allein den Produzenten überlassen, die rikertragen die Auseinandersetzung mit den visuellen Quellen des ihrerseits sehr unterschiedliche Regeln für die Nutzung des Materials 20. Jahrhunderts angeschoben hatte, warb er nun mit seiner Sektion aufstellen würden. Die Medienanstalten würden die Aufzeichnungen „Sound History“ für einen neuen historischen Ansatz. Dabei stellte 153 154 Hanno Hochmuth Zeitgeschichte vor allem als interne Produktionsressourcen verstehen und Historiker Ein Schwerpunkt der zeithistorischen Sektionen auf dem Mainzer nur als „Störfaktor“ betrachten. Darüber hinaus gebe es ein massives Historikertag galt den 1970er-Jahren. Auf die prosperierenden Jahr- Quellenproblem, da viele Aufnahmen aus der Frühzeit des Radios zehnte der Nachkriegszeit folgte eine Zeit politisierter Deutungskämp- und des Fernsehens schlicht nicht erhalten seien oder sich in einem fe, zu denen auch die zeitgenössischen Diagnosen Elisabeth Noelle- beklagenswerten Zustand befänden. LEIF KRAMP (Bremen) ergänzte, Neumanns, Robert Ingleharts und Helmut Klages’ über den Wandel dass die Forschung in Deutschland durch vielfältige Probleme beim ideeller Werte als zentraler gesellschaftlicher Ressource zählten. In der Sammeln, Finden, Sichten, Kopieren und Vorführen audiovisueller Sektion „Gab es ‚den’ Wertwandel?“ diskutierte ANDREAS RÖDDER Quellen beeinträchtigt werde. In Frankreich gebe es dagegen eine (Mainz) den Wert der zeitgenössischen sozialwissenschaftlichen Unter- Pflichtabgabe der Rundfunkanbieter an die Medienarchive, und in suchungen für die zeithistorische Forschung und unterzog sie einer kri- den USA dürften die Sendungen sogar von staatlicher Seite aufge- tischen Historisierung, indem er die Wertewandels-Diagnosen mit der zeichnet werden. Im internationalen Vergleich erweise sich Deutsch- historisch-empirischen Realität abglich und somit Gewissheiten zu den land somit als „schwacher“ Staat, da es hier keine verpflichtende und 1970er-Jahren hinterfragte. CHRISTOPHER NEUMAIER (Potsdam) vollständige Archivierung der Sendeinhalte gebe. VEIT SCHELLER zeigte anhand seiner Untersuchungen zum Wandel der Familienwerte (Mainz), Leiter des ZDF-Rundfunkarchivs, verwies dagegen auf die im in Deutschland, dass sich im Gegensatz zum ubiquitären Sprechen Grundgesetz festgehaltene Medienfreiheit und verteidigte die Archiv- über die Familie kein umfassender Wandel der Sozialstruktur feststel- praxis der öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalten. Auch hier werde len lässt. Zwar seien alternative Familienmodelle überall diskutiert in einem klassischen Bewertungsverfahren eine Auswahl getroffen, worden, doch stellten die neuen Lebensformen in den 1970er-Jahren welche Aufnahmen dauerhaft erhalten bleiben sollten. Schwierigkei- noch kein Massenphänomen dar. Ebenso verdeutlichte JÖRG NEU- ten sieht er vor allem in der retrospektiven Erschließung der heutigen HEISER (Tübingen) am Beispiel des Daimler-Werks in Untertürkheim redaktionellen Begleitquellen, da die E-Mails aus den Redaktionen die Beharrungskraft traditioneller Vorstellungen von Wertarbeit. Von nicht dauerhaft archiviert würden. In der abschließenden Diskussion einem Verlust des Arbeitsethos, wie er in den 1970er-Jahren beklagt suchten die Teilnehmer der Sektion nach Möglichkeiten, wie die au- wurde, könne hier keineswegs die Rede sein. Die beabsichtigte empi- diovisuellen Quellen zukünftig besser erhalten und freier zugänglich rische Dekonstruktion des zeitgenössischen Wertewandel-Diskurses gemacht werden könnten. FRANK BÖSCH (Potsdam) plädierte dafür, konnten die Beiträge der Sektion oft nur andeuten. Deshalb mahnte gezielt an Rundfunkräte und politische Entscheidungsträger heranzu- LUTZ RAPHAEL (Trier) in seinem Kommentar eine sozialhistorische treten. Erwogen wurde auch eine Resolution des Historikerverbandes Präzisierung an, da es bislang noch an breiten historischen Forschun- zur Sicherung des audiovisuellen Erbes. Erste Erfolge zeichnen sich gen zu Arbeit und Familie in den 1970er-Jahren fehle. Zugleich forderte im Nachklang der Sektion bereits ab. So prüft der Historikerverband er jedoch auch eine wissenschaftsgeschichtliche Präzisierung, da sich derzeit Maßnahmen, wie Wissenschaftler mehr Rechtssicherheit bei die zeitgenössischen sozialwissenschaftlichen Erkenntnisse als Tatsa- der Nutzung und Zitation audiovisueller Werke bekommen können. chen tarnten und so die Werte selbst beeinflussten. Die 1970er-Jahre Darüber hinaus besuchte die Historische Kommission der ARD das waren, so Raphael, auch eine Revolution der Semantik. Zentrum für Zeithistorische Forschung in Potsdam und beriet über Mit den „Reaktionen auf die globalen Energiekrisen der 1970/80er einheitliche Zugangsregeln für Wissenschaftler. Jahre“ befasste sich die gleichnamige Sektion von FRANK BÖSCH 155 156 Hanno Hochmuth Zeitgeschichte (Potsdam) und RÜDIGER GRAF (Bochum). Im Gegensatz zu den Blick auf die 1970er-Jahre als Jahrzehnt des Strukturbruchs notwendig Wertewandelsdebatten standen hier Ressourcen im engeren Sinne im ist. Mittelpunkt. Dabei bildete die Beobachtung den Ausgangspunkt, dass Wie schon auf früheren Historikertagen gab es auch in Mainz eine die erste Ölkrise von 1973 allgemein als zentrale Zäsur gelte, aber Sektion, die eine besonders große Aufmerksamkeit auf sich vereinigen historisch bislang nicht ausreichend erforscht sei. In seinem Vortrag konnte, weil sie zentrale Fragen nach dem Selbstverständnis der Histo- beschäftigte sich Rüdiger Graf mit der Frage nationaler Souveränität rikerzunft aufwarf. Mit ihrer Sektion „Zeitpolitik und Zeit-Geschichte in einer Welt des Öls. Demnach bildeten die Ansprüche der OPEC- im 20. Jahrhundert“ widmeten sich ALEXANDER C.T. GEPPERT (Ber- Länder eine große Herausforderung für die Souveränität der west- lin) und TILL KÖSSLER (Bochum) der Zeit als der zentralen Kate- lichen Staaten, da deren Legitimität vor allem auf ihrem Wohlstand gorie des historischen Denkens und unterzogen sie einer kritischen gründete. Dieser Wohlstand basierte wiederum auf dem Öl, das in den Historisierung, indem sie nach dem Wandel von Zeitkonzepten und 1950er-Jahren die Kohle als wichtigsten Energierohstoff abgelöst hatte. -konflikten im 20. Jahrhundert fragten. Wiewohl die Sektion den ho- Die westlichen Länder reagierten auf diese Abhängigkeiten bereits hen Erwartungen nicht ganz gerecht werden konnte, eröffneten einige vor der ersten Ölkrise mit gezielten Autarkiebestrebungen in Gestalt Beiträge neue Perspektiven auf die Zeit-Geschichte. Besonders ein- neuer Energieprogramme. Mit der Gründung internationaler Zusam- drucksvoll, wenn auch aus früheren Zusammenhängen bekannt, war menschlüsse verzichteten sie schließlich partiell auf ihre nationale die Quelle, die ALF LÜDTKE (Erfurt) in den Mittelpunkt seines Vor- Souveränität, um den Zugriff auf das Öl sicherzustellen. Im Gegensatz trags stellte. Am Beispiel eines Essener Tagebuchs zeigte er, wie sich zur ersten Ölkrise fehlen für die zweite Ölkrise von 1979 vergleichbar die Zeitlichkeit der Tagebucheinträge während der Bombenangriffe im populäre Medienikonen wie die leeren Autobahnen in der Bundes- Zweiten Weltkrieg im Vergleich zu den Alltagsnotizen aus den 1920er- republik. Gleichwohl war die zweite Ölkrise in globaler Perspektive Jahren verdichtete. Zugleich mahnte Lüdtke jedoch zur Vorsicht. An- wesentlich einflussreicher, wie Frank Bösch in seinem Vortrag deutlich stelle einer Beschleunigung der Zeitwahrnehmung während des Krie- machte, denn diese koinzidierte mit dem Atomunfall in Harrisburg ges vermutet er eher deren Intensivierung. Till Kössler zeigte in seinem und der Iranischen Revolution und betraf auch den Ostblock viel Vortrag, wie das statische Selbstbild des frühen Franco-Regimes in den stärker. Die Energiefrage gewann die größte politische Priorität und 1960er-Jahren einem neuen Selbstverständnis als Entwicklungsdikta- hatte einschneidende Folgen für die internationalen Beziehungen, aber tur in einem als rückständig empfundenen Land wich. Die rhetorische auch für den Ausbau anderer Energieressourcen und für den Ener- Dynamisierung der Herrschaftsform in der späten Franco-Zeit ging gieverbrauch. Dass die Länder hierbei sehr unterschiedliche Wege mit neuen Zeitordnungen einher, die jedoch auf den Widerstand der verfolgten, zeigte INGO KÖHLER (Göttingen) am Beispiel von De- Bevölkerung stießen. Da sich die Franco-Diktatur 30 Jahre zuvor noch batten über den Benzinverbrauch. So setzten die USA auf technische mit Gewalt gegen eine fortschrittsoptimistische Republik durchgesetzt Produktnormierungen, um die Autos sparsamer zu machen, während hatte, entbehrt dieser doppelte Wandel von Zeit- und Zukunftsvorstel- die Bundesrepublik die Nutzung von PKW temporär reglementierte. lungen nicht einer gewissen Ironie und wirft neue Perspektiven auf die Auch wenn es heute keine autofreien Sonntage mehr gibt, zeigte die Entwicklung Spaniens im 20. Jahrhundert. Von einer großen Inversion Sektion doch, wie sehr die Folgen der beiden Ölkrisen bis in die Gegen- der Zeitressourcen in der deutschen Zeitgeschichte sprach PAUL NOL- wart hineinreichen. Deutlich wurde aber auch, dass ein differenzierter TE (Berlin). Während die historischen Unterschichten früher erheblich 157 158 Hanno Hochmuth Zeitgeschichte mehr und länger als die Oberschicht arbeiten mussten, identifiziert er lich werden.1 Die 1970er-Jahre boomen jedoch vor allem deshalb, weil seit den 1970er-/80er-Jahren eine deutliche Arbeitszeitverringerung sie uns mehr und mehr als Vor- und Problemgeschichte unserer Gegen- der neuen Unterschichten durch Teilzeitarbeit, Dauerarbeitslosigkeit wart erscheinen, wie LUTZ RAPHAEL (Trier) auf dem Historikertag und Frühverrentung, wohingegen sich bei den Oberschichten und erneut konstatierte. Zugleich machten die Sektionen auf dem Histo- oberen Mittelschichten eine immer stärkere Ausweitung und Entgren- rikertag aber auch deutlich, dass die modische Zäsur nicht per se für zung von Arbeit ausmachen lasse. Die fortschreitende Unterhöhlung alle Bereiche der zeithistorischen Forschung geltend gemacht werden des klassischen 9-to-5-Arbeitszeitmodells für Beamte, Manager und sollte. Um zu einem fundierten und differenzierten historischen Ur- Professoren und neue Zeitkrankheiten wie „Burn-out“ gingen mit die- teil zu gelangen, müssen die 1970er-Jahre noch genauer untersucht sem Wandel der Zeitregimes einher. Alexander Geppert entwarf in werden. Hierfür hat sich der Zugang über Ressourcen und Konflikte seinem Vortrag schließlich eine besonders radikale Perspektive auf die sichtlich bewährt. Verschiebung von Raum- und Zeitvorstellungen im 20. Jahrhundert. Er zeigte, wie die Erschließung des Weltraums eine immer größere Beherrschung von Raum und Zeit versprach, wobei Astrofuturismus und Zukunftsoptimismus eng miteinander verbunden waren. Die 1970er-Jahre bildeten jedoch auch hier eine Zäsur. Der ungebremste Fortschrittsglaube wich einer neuen Wertschätzung der Erde, die nicht zuletzt durch die ersten Aufnahmen des blauen Planeten aus dem Weltraum ausgelöst wurde. Auf dem Mainzer Historikertag wurden zahlreiche Ereignisse des 20. Jahrhunderts als Medienikonen betrachtet. Eine besondere Auf- merksamkeit lag dabei auf den modernen audiovisuellen Quellen, vor allem auf dem Sound des Jahrhunderts. Die Sektion „Sound Histo- ry“ gehörte zu einer ganzen Reihe von Sektionen, die sich mit dem wissenschaftlichen Zugang zu historischen Quellen beschäftigten und damit das Kernstück der geschichtswissenschaftlichen Forschung the- matisierten. Dabei wurden auch ganz traditionelle Historikerquellen diskutiert, die inzwischen für immer näher heranreichende Zeiträu- me zur Verfügung stehen. Die 1970er-Jahre waren auf dem Mainzer Historikertag allgegenwärtig. Das Jahrzehnt gerät derzeit verstärkt in den Fokus der zeithistorischen Forschung, nicht zuletzt weil die dreißigjährige Aktensperrfrist abgelaufen ist und auf Grundlage des 1 Zum Thema VS-Akten gab es auf dem Mainzer Historikertag eine eigenstän- Bundesinformationsfreiheitsgesetzes auch Sperrakten leichter zugäng- dige Sektion. Vgl. den Tagungsbericht von Elsbeth Andre: Zeitgeschichte, Archi- ve und Geheimschutz – Ressourcen und Konflikte bei der Nutzung von Quellen. 25.09.2012-28.09.2012, Mainz, in: H-Soz-u-Kult, 07.11.2012, <http://hsozkult.geschichte. hu-berlin.de/tagungsberichte/id=4474> (07.02.2013). 159 160 Archivische Ressourcen – Didaktische Chancen. Kompetenzorientiertes Lernen im Archiv Berichte über Sektionen des Historikertages 2012 lichen Konservierungs-, Ordnungs- und Erschließungsfunktion von Dokumenten, der dauerhaften Bindung an Verwaltung, Ämter und Archivische Ressourcen – Didaktische Chancen. politische Strukturen und der gleichzeitigen Spannung zwischen der Kompetenzorientiertes Lernen im Archiv Fülle vorhandener Dokumente und der Tatsache, dass nicht alle Doku- mente den Weg ins Archiv gefunden haben, die Differenz zwischen Leitung: Annekatrin Schaller (Neuss) Vergangenheit und Geschichte institutionell greifbar machen. Da Ar- Bericht von: Markus Müller-Henning, Hessisches Hauptstaatsarchiv chive sowohl ein Instrument staatlicher Macht als auch gleichzeitig Wiesbaden aufgrund der gesetzlich garantierten Zugänglichkeit ihrer Bestände ein Instrument öffentlicher Kontrolle sind, zeigt sich eine kritische Teil- Erfreut über den regen Teilnehmerzuspruch – trotz des gleichzeitig habe an der Geschichtskultur nicht nur als Lernen im Archiv, sondern zum Historikertag stattfindenden Archivtags (!) – konnte der Modera- gleichzeitig im Lernen über das Archiv: in keiner anderen Lernum- tor ein repräsentatives Publikum aus der Arbeitswelt der Archive, der gebung lässt sich so eindrücklich erfahren, dass und wie Geschichte Hochschule und der Schule/Schulverwaltung begrüßen. Allerdings gemacht wird. Ausgehend von Schülerinterviews und dem umfang- war nur eine Mitarbeiterin der relevanten Kultus- bzw. Wissenschafts- reichen empirischen Material des Geschichtswettbewerbs des Bundes- ministerien der Seminareinladung gefolgt. Fünf Referentinnen und präsidenten (GW) wies die Referentin nach, dass junge Spurensucher Referenten aus den Institutionen Universität, Archiv und Schule be- gerade im Archiv persönlichkeitsfördernde Erfahrungen als Lernsub- richteten aus ihren unterschiedlichen Perspektiven von Hochschule, jekte machen. Indem sie sich eine Vorstellung von der Komplexität des Archiv, Archivpädagogik und Schule schwerpunktmäßig über die historischen Erkenntnisprozesses erarbeiten, lernen sie gleichzeitig die positiven Nutzungsmöglichkeiten, aber auch Schwierigkeiten der Res- Differenz zwischen Vergangenheit und Geschichte, d.h. die Grenzen sourcen des Lernorts Archiv für kompetenzorientiertes Lernen von historischer Erkenntnis kennen. Der Fundus vorhandener Schüleräu- Schülern. Die Moderation lag bei dem Archivpädagogen des Hessi- ßerungen empfiehlt eindeutig das Archiv als zukunftsfähigen Lernort. schen Hauptstaatsarchivs. Ihre Perspektiven entwickelte die Referentin vor dem Hintergrund In ihrem programmatischen Einführungsvortrag untersuchte die fundamentaler gesellschaftlicher Veränderungen: die Transformation Münsteraner Hochschullehrerin für Didaktik der Geschichte SAN- moderner Gesellschaften in Wissensgesellschaften (Wissen als strategi- DRA HANDRO (Münster) die Chancen der Schülerarbeit im Archiv sche Ressource der Zukunft), dann die gleichzeitige Verwandlung in aus geschichtsdidaktischer Sicht. Einleitend benannte sie gängige Vor- Informationsgesellschaften (Datenmengen erfordern eine besondere stellungen über die Unvereinbarkeit von zukünftiger Lernkultur und Medien- und Recherchekompetenz) und schließlich fluide Identitäts- dem Archiv als Lernort: das Archiv sei ein exklusiver Ort der Vergan- konstruktionen, verursacht durch die Auflösung überlieferter Traditi- genheitsbewahrung; internetorientierte Formen der Wissenskommu- onszusammenhänge. Vor diesen Veränderungen kommt dem Archiv nikation seien attraktiver und die Zeit- und Personalressourcen von als Ressource individueller und gesellschaftlicher Selbstvergewisse- Schule und Archiv unzureichend. Diesen Ansichten hielt sie positi- rung eine Schlüsselfunktion im historischen Diskurs einer Gesellschaft ve didaktische Perspektiven entgegen: Archive sind unverzichtbare zu, weil es wichtiges Rüstzeug für ein lebenslanges Lernen bietet. Als Institutionen der Geschichtskultur, weil sie aufgrund ihrer gesellschaft- konkrete Beispiele, wie das Archiv thematisch diesem Anspruch ge- 161 162 Archivische Ressourcen – Didaktische Chancen. Markus Müller-Henning Kompetenzorientiertes Lernen im Archiv recht werden könne, nannte die Referentin mehrere Themenfelder: lern besser als etablierter Geschichtsunterricht fördern können, machte Gesellschaftliche Schlüsselprobleme (in Auswahl: Armut und Reich- sie an den attraktiven, einmaligen Arbeitsmöglichkeiten des Lernortes tum, Katastrophen und Katastrophenbewältigung, Religionskonflikte); Archiv fest. Im Archiv sind die Schüler „näher dran“ am historischen Anthropologische Themen (Wohnen, Arbeit und Freizeit, Generatio- Geschehen; das „Inhändenhalten“ von originalen Überresten bürgt nenkonflikte); Geschichtskulturelle Themen (Denkmale und Denk- für Authentizität und Glaubwürdigkeit der Quellen. Weil die Schüler malstürze, Gedenk- und Feiertage, geschichtspolitische Kontroversen). im Archiv experimentell eigene Themen untersuchen und selbständig Abschließend empfahl die Referentin pädagogische Initiativen in meh- Lösungsmöglichkeiten suchen und finden können, kann das Archiv rere Richtungen: zum einen sind curriculare Zielvorstellungen mit ar- zu Recht als „Versuchslabor für den Geschichtsunterricht“ bezeichnet chivischen Angeboten abzustimmen; des Weiteren brauchen Schulen werden. Und da Schüler strukturiert recherchieren müssen „wer hat Zeit, um den passenden Rahmen für eine tragfähige Bildungspartner- was wann warum gesagt oder niedergeschrieben“, produziert diese schaft mit dem Archiv eingehen zu können; und schließlich brauchen Tätigkeit gleichzeitig methodische und sachbezogene Schlüsselkom- angehende Geschichtslehrer schon während des Universitätsstudiums petenzen; so müssen Schüler beispielsweise eine geeignete Präsentati- eine Einführung in die Archivpädagogik. onsform ihrer Arbeitsergebnisse finden. Kritisch merkte die Referentin Das zweite Referat der am Neusser Stadtarchiv tätigen und mit an, dass weder ein oberflächliches „Archivhoppen“ noch ein unvor- einem archivpädagogischen Dienstauftrag ausgestatteten Archivarin bereiteter Archivgang diesen lohnenswerten Zielen näherkommen ANNEKATRIN SCHALLER (Neuss) näherte sich aus der Perspektive können. Die rechtzeitige, projekt- und lerngruppenbezogene Zusam- der Archivarin und gleichzeitigen Archivpädagogin dem Sektionsthe- menarbeit von Lehrer und Archivar (Ressource Zeit), die Entwicklung ma. Einleitend kontrastierte die Referentin alarmierende Umfrageer- eines gegenseitigen Verständnisses für die unterschiedliche Berufs- gebnisse über unglaubliche historische Wissenslücken von Jugendli- und Lernsituation, eine umfassende Kommunikation und eine pro- chen mit positiven Erfahrungsberichten von jungen Teilnehmern des funde, an das Vorwissen und Leistungsniveau der Schüler angepasste GW, die belegen, wie effizient die Schülerarbeit im Archiv die histo- Vorbereitung, sind fundamentale Voraussetzungen für das Gelingen rische Bewusstseinsbildung der jungen Spurensucher fördert. Diese des Versuchslabors Geschichte im Archiv. Als besonders geeignete erfreuliche Entwicklung führte sie vor allem auf das in den letzten Quellenbestände für die Arbeit mit jungen Schülern im Archiv emp- Jahrzehnten gewandelte Selbstverständnis der Archive zurück, die fahl die Referentin lokal- und regionalgeschichtliche Archivalien und ihre traditionellen Aufgaben um einen bildungspolitischen, gezielt die Fotosammlungen, in denen sich die Situation von Kindern und Ju- Schulen ansprechenden Bildungsauftrag erweiterten, indem sie ihren gendlichen, etwa in der NS-Zeit oder in der DDR widerspiegelt. Die riesigen Quellenfundus für die Arbeit von und mit Schülern und Leh- Nähe zur eigenen Lebenswirklichkeit und zur unmittelbaren Leben- rern öffneten. Als aktuelle Beispiele der Historischen Bildungsarbeit sumgebung löst in aller Regel eine sehr hohe Motivation aus. So haben der Archive verwies sie auf die vielerorts eingerichteten archivpädago- konkret jüngere Schüler und auch Hauptschüler bei ihrem Archivbe- gischen Arbeitsstellen (in Hessen, Nordrhein-Westfalen, Hamburg), such die Biographien von Mädchen im Kontext der NS-Rassenpolitik Dienstaufträge (Neuss) und Angebote (etwa das Tagebucharchiv in und des Holocaust erarbeitet und anschließend die Fragen besprochen, Emmendingen oder der Archivkoffer des Landeshauptarchivs in Ko- wie sie sich in der Situation damals gefühlt hätten oder wie sie als blenz). Warum Archive die historische Bewusstseinsbildung von Schü- Nachbarn reagiert hätten oder ob und wie sich das Schicksal der Mäd- 163 164 Archivische Ressourcen – Didaktische Chancen. Markus Müller-Henning Kompetenzorientiertes Lernen im Archiv chen damals mit dem heutiger Flüchtlinge vergleichen ließe. Bezogen spektivisch zu betrachten und durch das anschließende Spiel mit ver- auf die Kennzeichnung der Qualität der Schülerarbeit mit einer bereits teilten Rollen sich selbst historisch und in der Auswertung politisch vorliegenden Quellenauswahl hielt die Referentin den bescheideneren zu positionieren. Ein vorgeführtes Video dokumentierte anschaulich Begriff des entdeckenden Lernens zutreffender als den des forschen- die Arbeit der Schüler. Im dritten Beispiel „Das Historikercamp in den Lernens - ohne dass damit dessen pädagogischer Wert für alle Freiberg“, bei dem ebenfalls der Archivpädagogin eine wesentliche Beteiligten geschmälert wird. Rolle zufiel, ging es um das erste Sächsische Geschichtscamp, das Welche Methodenvielfalt und historische Formate inzwischen das dieses Jahr stattfand und auf einer Gemeinschaftsinitiative unter der archivpädagogische Bildungsangebot erreicht hat, dokumentierte der Federführung des Sächsischen Staatsministeriums für Kultus in Zu- Vortrag der Dresdener Lehrerin MERIT KEGEL (Dresden), die von sammenarbeit mit der TU Bergakademie Freiberg, dem Bergarchiv 2009-2012 eine Teilabordnung als Archivpädagogin hatte, deren Abord- Freiberg, der BStU Chemnitz und der Körberstiftung beruht. Das Ge- nung jedoch aus finanzpolitischen Gründen zum 1.8.2012 gestrichen schichtscamp fördert gezielt geschichtsinteressierte Schüler. 20 Schüler wurde. Ihr Vortrag präzisierte an drei schulpraktischen Modellen, wie ab Klasse 9 untersuchten multiperspektivisch die Geschichte des In- erfolgreich im Sinne der staatlichen Lehrpläne Archive Schulen helfen dustriestandortes Muldenhütten in Freiberg. Ausgehend von einer können, historische Kompetenzen (Fach-, Methoden-, Sachkompeten- Archivrecherche im BergArch ergänzten Industriearchäologie, Zeit- zen) herauszubilden. Im ersten Beispiel skizzierte die Referentin die zeugeninterviews, Gedenkstättenbesuch und die Einbeziehung des Zusammenarbeit Archiv-Schule im Rahmen des „Ganztagesprojektes“ BStU ein handlungsbezogenes Pilotprojekt, das die Zusammenhänge eines Dresdner Gymnasiums, das inhaltlich an den Geschichtswettbe- zwischen Industrie- und Wirtschaftsgeschichte sowie Umwelt- und werb des Bundespräsidenten angebunden war. Die kompetent vorbe- Sozialgeschichte dokumentierte. Das Fazit der Referentin „ Die Bei- reitete Archivrecherche regte die Schüler an, ihre im Archiv begonnene spiele belegen eindrucksvoll, wie notwendig es ist, Archive nachhaltig Spurensuche auf Gedenkstätten auszudehnen, anschließend gezielte als Lernorte zu etablieren“. Zeitzeugeninterviews durchzuführen, um danach weitere zielführen- Konzeptionell an Merit Kegels Vortrag anknüpfend und doch ein de Recherchen im Archiv zu organisieren. Die Arbeit der Schüler eigenes Format vorstellend referierten im letzten Sektionsbeitrag die errang beim GW einen ersten Bundespreis. In einem ähnlichen, aller- beiden Freiburger Lehrer GÖTZ DISTELRATH (Anmerkung: Götz Dis- dings altersgemäß reduzierten Wettbewerbsprojekt im Archiv konnte telraht ist für den ursprünglich vorgesehenen Referenten Kurt Hoch- selbst eine 3.und 4. Klasse einer Grundschule in Leipzig einen Förder- stuhl eingesprungen, der wegen Krankheit seine Teilnahme absagen preis erringen. In beiden Fällen spielten Archivalien die Schlüsselrolle. musste) und SYBILLE BUSKE (beide Freiburg) über das von Ihnen ins Die Schüler zeigten in ihren Beiträgen, wie und in welchem Umfang Leben gerufene Projekt eines Geschichtswettbewerbs. Der seit 5 Jahren sie Kulturwissen erworben haben und sie zeigten sich kompetent, his- bestehende, im Wesentlichen von 5 Lehrern getragene und 2012 zum torische Entwicklungen und Veränderungen, die in die Gegenwart dritten Male ausgetragene lokale Geschichtswettbewerb richtet sich an und Zukunft reichen, zu erklären. Das zweite Beispiel beschrieb das alle Schularten ab der Sekundarstufe I; aktive Unterstützung erfährt Experiment eines historischen „Planspiels“ über die sogenannten Rä- der Wettbewerb von 6 Freiburger Archiven, von weiteren Bildungsein- delsführer des 17. Juni 1953, das auf archivischen Quellen beruhte. richtungen, der Stadt Freiburg und Stiftungen. Bei dem Wettbewerb Die Akteneinsicht ermöglichte den Schülern den Prozess multiper- handelt es sich um ein spezielles Lernarrangement, das für Archi- 165 166 Archivische Ressourcen – Didaktische Chancen. Markus Müller-Henning Kompetenzorientiertes Lernen im Archiv ve als außerschulische Lernorte bei Lehrern und Schülern wirbt, das Für Lehrer bedeutet der Wettbewerb eine zeitliche Entlastung bei der regional- und lokalgeschichtliches Interesse weckt (Regionalbezug), Organisation und Durchführung projektorientierten Arbeitens im au- das Erfahrungen und Ressourcen unterschiedlicher Personen und In- ßerschulischen Lernort Archiv. Einschränkend fügten die Referenten stitutionen mobilisiert (personaler Bezug und Multiperspektivität), hinzu, dass es aus schulorganisatorischen und pädagogischen Grün- das unterschiedliche Kompetenzen fördert und das der Ausbildung den jedoch nicht empfehlenswert ist, mit einer ganzen Lerngruppe von Begabungen und Talenten im Fach Geschichte dient. Vier Module ins Archiv zu gehen, sondern dass sich das Angebot primär nur für kennzeichnen das Format: Lehrerfortbildung, Schülertag, Forscherzeit einzelne Schüler eigne. „Schüler im Archiv“ und Preisverleihung. Als besondere Chancen stell- In den Diskussionsrunden zu den Vorträgen fanden die vorge- ten die Referenten die individuelle Förderung der Schüler und ihrer stellten Projekte und die konzeptionellen Entwürfe einhellige Zustim- Kompetenzen heraus: Schüler lernen selbständig ein Thema finden mung. Offen war für viele Teilnehmer die Frage, ob sich angesichts (Fragekompetenz), sie vertiefen ihre im Geschichtsunterricht erwor- der zur Zeit gegebenen Ausgangslage die vielen Anregungen in der benen Kenntnisse (Sachkompetenz), sie werden an die Arbeitsweise Breite realisieren lassen. Gerade kleinere Archive verfügen in der Re- eines Archivs herangeführt (Methodenkompetenz), sie dokumentieren gel nicht über die zeitlichen und personellen Voraussetzungen, ebenso und reflektieren ihr eigenes historisches Bewusstsein im Arbeitsbericht fehlen in den Schulen die Zeitkontingente für Exkursionen und die (Reflexions- und Urteilskompetenz) und sie überlegen sich geeignete Vorbereitung komplexer Projekte im Archiv. Angeregt wurde, Archiv Darstellungsformen (mediale Kompetenzen und Kreativität). Aller- und digitalen Lernort weniger als konkurrierende, sondern als sich dings bremsen gleichwohl die enormen Schwierigkeiten, die mit der ergänzende Lernorte zu verstehen. Einvernehmen bestand über Hand- Auswahl und Auswertung der Archivalien verbunden sind, den Ar- lungsbedarf. Insbesondere die Gruppe der Entscheidungsträger aus beitsdrang der Schüler, etwa das Zeitmanagement betreffend oder die den Ministerien sollte einbezogen werden, damit sich die archivischen frustrierende Erfahrung, manche Fragen offen zu lassen. Und doch, so Ressourcen leichter in didaktische Chancen konvertieren lassen. die Referenten, zeigt sich in den Wettbewerbsbeiträgen, dass die Vortei- Sektionsübersicht: le für alle Beteiligten überwiegen. Aus Schülersicht sind dies vor allem der persönliche Zugang zur Geschichte und die Veränderung des Ge- Saskia Sandro (Münster): Zukunftswerkstatt Archiv. Neue Perspekti- schichtsbewusstseins. Hinzu kommt die Chance für Oberstufenschüler, ven für historisches Lernen sich ihren Wettbewerbsbeitrag als besondere Lernleistung anrechnen Annekatrin Schaller (Neuss): Vom Nutzen der Archivpädagogik für zu lassen und sich damit eine mündliche Abiturprüfung zu ersparen. Schule, Archiv und das Leben Wer den Wettbewerb erfolgreich bestanden hat, erfährt schließlich die Stärkung seiner intrinsischen Motivation durch die öffentliche Wert- Merit Kegel (Dresden): Schule im Archiv – Bildungspartner für kom- schätzung, die mit der Preisverleihung verbunden ist. Aber auch aus petenzorientiertes Lernen der Sicht der Archive lohnt sich der Aufwand trotz der enormen zeit- Sybille Buske und Götz Distelrath (Freiburg im Breisgau): Histori- lichen und materiellen Belastung: Archive werden verstärkt als Orte sche Bildungsarbeit in der Region. Das Freiburger Netzwerk und der kultureller Bildung im Bewusstsein der Öffentlichkeit wahrgenommen Wettbewerb „Schüler im Archiv“ und damit bei der Durchführung ihres Bildungsauftrages entlastet. 167 168 Copy & Waste. Selektive Rezeption mittelalterlicher Geschichte als ein Erinnerungsproblem Markus Müller-Henning (Wiesbaden): Moderation auf dem Forum Romanum zeugt bis heute von der Herrschaft die- ses Kaisers, sein Name allerdings ist mit dem Bild des blutrünstigen Tagungsbericht Archivische Ressourcen – Didaktische Chancen. Kompeten- Tyrannen fest verbunden. Dass dieses Bild in seinen Ursprüngen bis zorientiertes Lernen im Archiv. 25.09.2012-28.09.2012, In: H-Soz-u-Kult auf Phokas Nachfolger auf dem kaiserlichen Thron, Herakleios, zu- 10.12.2012. rückgeht, hat die geschichtswissenschaftliche Forschung nicht davon abgehalten, die Herrschaft des Phokas bis heute kritisch klischeehaft zu bewerten. Erst in jüngerer Zeit zeigt sich der Versuch, den Kaiser und seine Amtszeit differenzierter zu betrachten. Im Mittelpunkt des Copy & Waste. Selektive Rezeption mittelalterlicher Geschichte Vortrages stand aber nicht die Herrschaft Phokas selbst, sondern sein als ein Erinnerungsproblem unter Herakleios massiv ins Negative inszenierte Bild. Der Nachfolger des Phokas verfolgte weniger eine Tilgung, sondern eine komplet- Leitung: Gerald Schwedler (Zürich) / Kai-Michael Sprenger (Rom) te Umformung der Erinnerung an den Kaiser. Doch warum wurde Bericht von: Sabine Reichert, Arbeitsbereich Mittlere und Neuere Ge- die Figur des Phokas so stark verändert und wie sah die Strategie schichte und Vergleichende Landesgeschichte, Historisches Seminar, des Herakleios dabei aus? Was machte Phokas überhaupt zu einem Universität Mainz „Erinnerungsproblem“? Dies waren die Fragen, die Meier in den Mit- telpunkt seines Vortrages rückte. Als zentralen Punkt stellte er dabei Das Thema des diesjährigen Historikertages nutzten Gerald Schwed- die vielen Parallelen zwischen Phokas und Herakleios heraus: beide ler (Universität Zürich) und Kai-Michael Sprenger (DHI Rom), um waren Usurpatoren und hatten – begleitet von Blutbädern – die Macht einer besondere Form von Ressourcen-Konflikten auf den Grund zu übernommen. Ihr persönlicher Aufstieg bedeutete territoriale Verluste gehen. Unter der Überschrift „Copy & Waste“ stellten sie die „Selekti- für das Imperium und erforderte besondere Formen der Herrschaftsle- ve Rezeption mittelalterlicher Geschichte als ein Erinnerungsproblem“ gitimierung und -inszenierung. Allerdings war bereits die Usurpation dar. Die Frage nach der Kontextualisierung des Mittelalters, seine des Phokas von den zeitgenössischen Historiographen als Umstoß Deutung und Umdeutung sowie seine politische Inanspruchnahme der heilsgeschichtlichen Ordnung gedeutet worden, dadurch erhielt haben mittlerweile eine komplexe Forschungslandschaft hervorge- die Usurpation des Herakleios und die strukturellen Gemeinsamkei- bracht. Die Frage wie und was erinnert wird und die Standortge- ten der beiden eine besondere Brisanz: Herakleios musste Phokas die bundenheit der jeweiligen Rezipienten gilt es dabei immer wieder Schuld zuweisen und gleichzeitig vermitteln, trotz eigener Usurpation erneut zu kontextualisieren und nach den Hintergründen selektiver nicht in einer Traditionslinie mit dem Zerstörer zu stehen. Um die Erinnerungsprozesse zu fragen. Hervorgegangen war die mit circa Zeitgenossen zu überzeugen, musste Herakleios also dem direkten 130 Zuhörern außerordentlich gut besuchte Sektion aus den Arbeiten Vergleich ausweichen und das Bild von seinem Vorgänger nachhal- des an der Universität Zürich angesiedelten Arbeitskreises „damna- tig ändern. Dieses Bemühen kategorisierte Meier in vier Strategien: tio memoriae“ (http://www. damnatio-memoriae.net.) sowie einem Meier führte aus, dass hierbei als erster Schritt neben einer bewussten laufenden Forschungsprojekt am DHI Rom zur Stauferrezeption. Ausklammerung Phokas aus der Historiographie der Name Phokas Den Auftakt machte MISCHA MEIER (Tübingen) mit dem Vortrag größtmöglich vermieden wurde. Stattdessen wurde er mit anonymi- „Kaiser Phokas (602–610) als Erinnerungsproblem“. Die Phokas-Säule 169 170 Copy & Waste. Selektive Rezeption mittelalterlicher Geschichte als Sabine Reichert ein Erinnerungsproblem sierenden Bezeichnungen versehen (Tier, Tyrann, Krebsgeschwür). famiert werden konnten, war Alexander rechtmäßiger Amtsinhaber Der Begriff des Tyrannen wurde dabei extensiv, fast inflationär ver- gewesen und konnte daher nicht einfach aus den offiziellen Listen wendet, wie Meier als zweiten Punkt herausstellte. Es zeigt sich eine ausgeschlossen werden. Schwedler suchte sich diesem Typus von un- klare Trennung des rechten Herrschers vom tyrannischen Usurpator. geliebten, aber legitimen Päpsten methodisch über den Begriff des Phokas wurde drittens durch diese Art der Darstellung regelrecht „Anti-Papstes“ zu nähern. Dieser, in der anschließenden Diskussion „entmenschlicht“ und zum personifizierten Bösen stilisiert. Dies er- erwartungsgemäß intensiv diskutierte Begriff, führe laut Schwedler möglichte viertens die Charakterisierung Phokas als Zerstörer, auf den deutlich über den des „Gegenpapstes“ hinaus und biete wie auch der die Restitution der Ordnung folgte. Durch diesen Gegensatz konnte Begriff „Antiheld“ dort Erklärungspotential, wo es um die Interpreta- sich Herakleios als schuldlos am Unglück der Römer darstellen lassen. tion von juristisch nicht fassbaren Erzählschemata geht. Diese These Das geschilderte Vorgehen Herakleios war außerordentlich erfolgreich, verdeutlichte Schwedler am Beispiel Papst Honorius I., dessen Schrif- wie das Problem der Bewertung der beiden Persönlichkeiten in der ten zum Monotheletismus ihm zum Verhängnis geworden waren. In Forschung zeigt. Das Bild Phokas wurde im Nachhinhein derart stark seinem Falle aber kam es nicht zu einer damnatio memoriae, vielmehr umgestaltet, dass es bis heute schwer ist, ein rationales Bild dieses wurde das Wissen über ihn und damit an die Fehlbarkeit eines Papstes Kaisers zu entwerfen. erstaunlich lange wachgehalten. Allerdings zeigen die Lücken, die Was damnatio memoriae im Falle mittelalterlicher Päpste bedeu- die mittelalterliche Historiographie hinsichtlich seines Namens auf- tete, zeigte GERALD SCHWEDLER (Zürich) anhand verschiedener weist, laut Schwedler deutlich die Bedeutung von „Nicht-Wissen“ bzw. Beispiele. Seinen Vortrag „‘Anti-Päpste‘. Zum Umgang mit belasten- „Nicht-Nennen“. In diesem Zusammenhang ging der Vortragende ab- der Geschichte“ begann er mit Papst Alexanders VI., dem ja bekannt- schließend näher auf den Aspekt der bewussten Namenslöschungen lich bis ins 19. Jahrhundert hinein ein repräsentatives Grabdenkmal ein und erinnerte hierfür an die Bedeutung frühmittelalterlicher Dipty- verwehrt geblieben war. Bereits der preußische Gelehrte Kurd von chen. Eine ähnliche Suggestivkraft schrieb Schwedler den zahlreichen, Schlözer, der in den 1860er-Jahren die sterblichen Überreste des Paps- seit der Spätantike erhaltenen Papstlisten zu. Diese wurden trotz ihrer tes wiederentdeckte, beschrieb in seinen Aufzeichnungen das mit scheinbaren Eindeutigkeit mitunter anders behandelt als von Rom ihnen verbundene Spannungsfeld: Auf der einen Seite war Alexan- vorgesehen. Die zahlreichen Streichungen bzw. Änderungen stellen der VI. gewählter Inhaber des päpstlichen Stuhles, gleichzeitig war ein breites Forschungsfeld dar, welches nach Schwedler längst nicht er bereits zu Lebzeiten als Papst höchst umstritten und schon unter erschöpft ist. Denn gerade an ihnen zeige sich, wie viele Fragen noch seinem Nachfolger wurde versucht, die Erinnerung an den ungelieb- offen seien, wenn es um Tilgungen, veränderte Überlieferung und ten Borgia-Papst zu tilgen. Ironischerweise wuchs mit vermehrtem propagandistisches Nicht-Wissen geht. Schwinden des offiziellen Bildes das inoffizielle: zahlreiche Legenden, Wie stark Zuschreibungen an einzelnen Persönlichkeiten haften Opern und Bücher beschworen das exzessive Leben Alexanders VI. bleiben können, zeigte OLAF B. RADER (Berlin) mit seinem Vortrag und fanden in der amerikanischen TV Serie „Die Borgias“ ihren vor- zu „Friedrich II. und die Frauen“. Rader begann mit einem Zitat aus läufigen ahistorischen Höhepunkt. Für die Kurie stellte die Erinnerung einem fiktiven Interview des sizilianischen Krimiautors Andrea Ca- an Alexander VI. ein Problem dar. Im Gegensatz zu Gegenpäpsten, milleri mit Friedrich II., in dem das Gespräch auch auf die zahlreichen die nach Beilegung des Schismas als Verräter oder Usurpatoren dif- amourösen Abenteuer des Kaisers gelenkt wurde. Das dabei vermit- 171 172 Copy & Waste. Selektive Rezeption mittelalterlicher Geschichte als Sabine Reichert ein Erinnerungsproblem telte Bild Friedrichs ist keineswegs neu, verwendete den Stoff doch se ihrer jüngst erschienenen Dissertation. Warum wurde der politische schon Boccaccio in seinem Dekameron. Doch wieso blieb ein solcher Mythos der Reconquista zentral für die Rezeption des muslimischen Ruf gerade an Friedrich hängen, war der Staufer doch alles andere als Mittelalters? Wann und warum konnte die Vorstellung der Convi- eine Ausnahme in puncto Frauengeschichten. Dieser Frage ging Rader vencia in das Bild der katholisch geprägten Nation integriert werden? im Folgenden nach und suchte dabei auch nach Erklärungsmustern Unter diesen Leitfragen stellte Hertel die Bedeutung der muslimischen für den Wandel in der Beurteilung dieses Rufes durch die jeweiligen Vergangenheit für die Nationenbildung im 19. und 20. Jahrhundert dar. Zeitgenossen. Betrachtet man die regulären Ehefrauen Friedrichs II. Zunächst gab sie eine grundlegende Einführung in den Mythos der wird ihre Rolle im politischen Geschehen schnell deutlich. Wurde Kon- Reconquista, welches sich als prominentes Konzept im 19. Jahrhundert stanze von Aragon 1220 zusammen mit ihrem Ehemann zur Kaiserin durchsetzte. Kennzeichen waren die Schilderung des Kampfes gegen gekrönt, waren Isabella von Jerusalem und Isabella von England nicht die islamische Herrschaft als Merkmal einer ganzen Epoche und die mehr öffentlich in die Politik eingebunden. Zudem sorgten ihre frühen damit verbundene Ausblendung mittelalterlicher Heterogenität. Viel- Tode bereits für Gerüchte unter den Zeitgenossen. Die zahlreichen mehr wurde die Vorstellung eines einheitlichen Spaniens transportiert Ehen brachten dem Kaiser die legitimen Nachkommen für die Siche- – wenn nicht gar bereits eine vermeintliche spanische Identität noch rung der Herrschaft, dazu gehörte auch die späte Anerkennung der vor dem 8. Jahrhundert, wie Hertel es bis ins 21. Jahrhundert in politi- Kinder Biancas. Das Bild des Staufers als Frauenheld konnte sich al- schen Reden nachweisen kann. Ihr Überblick über die verschiedenen lerdings nur durchsetzen, weil Friedrich bereits zu Lebzeiten dieses Regierungssysteme Spaniens im 19. und 20. Jahrhundert zeigte dabei Bild erfüllte. Aufgrund der zahlreichen Nachkommen sind mehr als deutlich, dass neue politische Konstellationen nicht zwangsläufig zu ein Dutzend seiner Mätressen der Forschung bekannt. Eine übliche einem Diskurswechsel über die Reconquista führten. Während der Nachrede braucht in der Regel einen „Haftgrund“, wie Rader es aus- Diktatur und der 2. Republik scheiterte eine spezifische Interpretation drückte, und so wird in den zahlreichen Erzählungen und Legenden sicherlich auch an der Kurzlebigkeit des Systems. Franco hingegen sicherlich ein Körnchen Wahrheit enthalten sein. In diesem Falle steht gelang ein propagandistischer Gebraucht der muslimischen Vergan- die Forschung vor der Aufgabe, weiterhin zu unterscheiden, was eigen genheit während er auf die Hilfe marokkanische Söldner baute. In und was erinnert ist. Deutlich ist laut Bader aber eine Veränderung Portugal kam es hingegen in der Frühphase des Estado Novo eher zu in der Bewertung Friedrichs und seines Verhältnisses zu Frauen zu einer Ausblendung der muslimischen Vergangenheit, die sich erst seit erkennen. Das negative Bild Friedrichs als Frauenheld wurde bereits den 1960er-Jahren in die Vorstellung einer „portugiesischen Ökono- zu Lebzeiten durch seine politischen Gegner bewusst geschürt – auf- mie“ wandeln sollte. Zusammenfassend verdankten laut Hertel die fallenderweise spielte hier der Araberdiskurs keine Rolle, wie Rader Konzepte der Reconquista und der Convivencia ihren Erfolg wohl in der Diskussion näher erläuterte. Erst im Laufe der Jahrhunderte ihrer Wandelbarkeit, wenngleich sich ihre Interpretation in Spanien weichte es gegenüber einer Art Bewunderung, wie sie besonders im und Portugal qualitativ und quantitativ unterschieden. Und, so be- eingangs zitierten „unmöglichen Interview“ Camilleris deutlich wird. tonte Hertel abschließend, führte die Rezeption des muslimischen Unter dem Titel „Zwischen Reconquista und Convivencia. Musli- Mittelalters nicht zwangsläufig zu einer Stilisierung eines Gegensatzes misches Mittelalter und nationale Identität auf der iberischen Halbin- zwischen einem „Europa“ und einem „Islam“. sel“ präsentierte PATRICIA HERTEL (Freiburg im Breisgau), Ergebnis- Abgerundet wurde die Sektion von KAI-MICHAEL SPRENGER 173 174 Copy & Waste. Selektive Rezeption mittelalterlicher Geschichte als Sabine Reichert ein Erinnerungsproblem (Rom), der über „Die Schlacht von Legnano (1176). Ein Ereignis als umsfeiern 1876 ebenfalls gehörig Wasser in den Wein der historischen kontroverser Erinnerungsort“ sprach. Durch ihre aktuelle politische Vorbilder einer vermeintlichen gemeinsamen und identitätsstiften- Indienstnahme durch die Lega Nord bietet die Schlacht von Legnano den Erinnerungskultur Italiens mit Blick auf Legnano gossen. Eine ein Paradebeispiel für den Umgang der Moderne mit historischen Er- gänzlich andere Darstellung der Schlacht erzählt das Bronzeportal des eignissen. Sprenger erinnerte zu Beginn seines Vortrags an das Landes- Mailänder Domes. Dieser 1933 bzw. 1950/52 geschaffene Erinnerungs- jubiläum Italiens im vergangenen Jahr, welches durch die zahlreichen ort fungiert als hagiographische Erzählung und rückt den Mailänder Diskussionen um die Gestaltung der Feier teilweise stärker polarisie- Erzbischof Galdinus und seine Rolle in der Schlacht in den Vorder- rend anstatt identifikationsstiftend wirkte. Ähnlich divergierend zeigt grund. Der Vortrag machte deutlich, wie bis heute die Schlacht von sich auch der Umgang der Italiener mit der Schlacht von Legnano, die Legnano als Folie für die unterschiedlichsten Inszenierungen dient. seit dem Beginn des 19. Jahrhunderts wieder ins Blickfeld geriet und Ob Spektakel wie der jährlich abgehaltene Palio die Legnano, modern im Sinne des Risorgimento herausgehoben wurde. Dabei traten laut inszenierte Aufführungen der Verdi Oper „Battaglia di Legnano“ oder Sprenger zwei Elemente in den Vordergrund: zum einen die Grün- auch der 2009 angelaufene Kinofilm „Barbarossa“ – die Schlacht von dung des Lombardenbundes mit dem legendären Schwur von Pontida, Legnano und ihre Instrumentalisierung scheinen omnipräsent. Die zum anderen die Schlacht von Legnano selbst, der als triumphaler damit verbundene neu aufgeflammte wissenschaftliche Diskussion Sieg über den „teutonischen Eindringling“ stilisierte wurde. Neben um das historische Ereignis kann die politische Indienstnahme zwar Beispielen aus Kunst, Malerei und Musik verwies Sprenger auf das nicht aufhalten, aber vielleicht etwas entzaubern. So schloss Sprenger bekannte Denkmal des Alberto Giussano in Legnano. Bereits 1876 mit der Bemerkung, dass zumindest die Figur des Alberto da Giussano war an seiner Stelle ein erstes Denkmal gesetzt worden, dessen Sockel als Reaktion auf ihre jüngsten ahistorischen politischen Instrumenta- dazu die wichtigsten, zum Teil ahistorischen Szenen wie dem legen- lisierungen im öffentlichen Bewusstsein als Fiktion enttarnt worden dären Schwur von Pontida (1167) der Entstehung der historischen sei. Lega Lombarda und der Schlacht zeigte. Sprenger zeigte allerdings Die Diskussion um Legnano als Erinnerungsort – im Vortragstitel auf, dass bereits die Darstellung der 16 Wappen der angeblich beteilig- Sprengers bewusst mit einem Fragezeichen versehen – läutete die all- ten Städte für zahlreiche Diskussionen unter den Gelehrten führte. So gemeine Diskussion der Sektion ein. Dabei standen wieder der Begriff führte der Versuch der Historiker, zwischen den Teilnehmern bzw. den selbst im Mittelpunkt der Diskussion und der Eindruck von verschie- kämpfenden Gruppen zu differenzieren, schon zu ersten Rissen im dener Seite, er würde derzeit in der Forschung teilweise fast inflationär Bild über die Lega Lombarda. Dass 1176 Städte wie Pavia oder Como gebraucht werden. Aber auch der spezifische heuristische Wert des oder gar ein Ahne des aktuellen neuen italienischen Königs Viktor Begriffs damnatio memoriae wurde in diesem Kontext hinterfragt. Be- Emanuel II auf kaiserlicher Seite gekämpft hatten, passte so gar nicht sonders das Verhältnis zu den verbreiteten mittelalterlichen Fälschun- zu der aktuell postulierten Einheit Italiens und deren vermeintlichen gen kam hier zur Sprache, also die Frage nach den Überschneidungen historischen Vorbildern. Dies war keinesfalls die einzige Fraktur im damnatio memoriae und Fälschung. Wie fließend die Grenzen oftmals einheitsstiftenden Bild, wie Sprenger mit den zum Teil sehr kontro- sind bzw. wie kontextabhängig der Umgang mit historischen Ereig- versen kirchenpolitischen Interpretationen des Schwurs von Pontida nissen und ihrer Umdeutung im kollektiven Gedächtnis ist, gestaltete und der Schlacht von Legnano, welche im Kontext der großen Jubilä- sich als Kernthema der gesamten Sektion. In diesem Sinne erwies sich 175 176 Sabine Reichert auch der Sektionstitel mit dem Begriff des „Erinnerungsproblems“ als Das Wasser: Ressource zwischen Alltagsbedarf, Ingenieurkunst eine fruchtbare Alternative zum Konzept des „Erinnerungsortes“. Ge- und Repräsentation. Eine Konversation zwischen Antike und schichtsrezeption ist eben kein copy & paste, sondern ein komplexer Neuzeit Selektionsprozess und somit per se eine stete Auswahl- und Verwer- fungsentscheidung (copy & waste), die wie die jeweiligen Vorträge Leitung: Christian Wieland (Frankfurt am Main / Freiburg im Breis- gezeigt haben, noch viel Raum für weitere Forschung bereithält. gau) / Sitta von Reden (Freiburg im Breisgau) Bericht von: Ole Johannsen / Florian Hellberg, Seminar für Alte Ge- Sektionsübersicht: schichte, Albert-Ludwigs-Universität Freiburg Gerald Schwedler (Zürich); Kai-Michael Sprenger (Rom): Einfüh- rung in das Thema; Vorstellung des interdisziplinären Arbeitskreises Gemäß ihres gewählten Titels hatte sich diese – von CHRISTIAN „Damnatio Memoriae“ WIELAND (Frankfurt am Main / Freiburg im Breisgau) und SITTA VON REDEN (Freiburg im Breisgau) geleitete – Sektion das Ziel ge- Mischa Meier (Tübingen): Kaiser Phokas (602–610) als Erinnerungs- setzt, die Ressource Wasser anhand von ausgewählten Fallbeispielen problem in einem Zeitraum vom 6. Jahrhundert v.Chr. bis zur Mitte des 19. Gerald Schwedler (Zürich): „Anti-Päpste“. Zum Umgang mit belas- Jahrhunderts zu untersuchen. Mit Hilfe des historischen Vergleichs, tender Geschichte der explizit nicht unter einer entwicklungsgeschichtlichen Perspekti- ve angewendet wurde, sollte der Fokus auf „die durch verschiedene Olaf B. Rader (Berlin): Friedrich II. und die Frauen kulturelle Bedingungen geprägten Formen des Umgangs“ mit Wasser Patricia Hertel (Freiburg): Zwischen Reconquista und Convivencia. gerichtet werden. Im Zentrum standen hierbei Fragen nach dem Zu- Muslimisches Mittelalter und nationale Identität auf der iberischen sammenhang von Natur, Technik, Macht und Repräsentation. Diese Halbinsel methodische Grundlegung hatte zur Folge, dass die insgesamt sechs Impulsvorträge nicht chronologisch, sondern in engem thematischen Kai-Michael Sprenger (Rom): Die Schlacht von Legnano (1176). Ein Bezug aufeinander angeordnet wurden. Alle Beiträge konnten vor- Ereignis als kontroverser Erinnerungsort ab ausformuliert auf der Homepage des Historikertages eingesehen werden.1 Tagungsbericht Copy & Waste. Selektive Rezeption mittelalterlicher Ge- NEVILLE MORLEY (Bristol) betrachtete die konkurrierenden schichte als ein Erinnerungsproblem. 25.09.2012-28.09.2012, In: H-Soz-u- Ansprüche auf die knappe und volatile Ressource Wasser in der Kult 09.11.2012. griechisch-römischen Antike sowie die unterschiedlichen Strategien, die zu ihrer Sicherung angewandt wurden. In einer Zuspitzung auf die Zeit des Frühen Prinzipats nahm er die inschriftliche Repräsentation staatlicher Versorgungsformen und ihrer Technologien in Nordafrika und Italien sowie die römischen Rechtsquellen in den Blick, in de- 1 <http://www.historikertag.de/Mainz2012/de/programm/wissenschaftliches- programm/sektionen/einzelansicht/article/das-wasser.html> (29.09.2012). 177 178 Das Wasser: Ressource zwischen Alltagsbedarf, Ingenieurkunst und Florian Hellberg, Ole Johannsen Repräsentation. Eine Konversation zwischen Antike und Neuzeit nen er das Phänomen einer Rhetorik der Regelmäßigkeit ausmachte, sowie durch die Nützlichkeit ihrer Bauwerke (Brücken und Brunnen) die in auffälligem Kontrast zu der Unberechenbarkeit der Wasser- rückten sie in die Nähe der aristokratisch geprägten Gesellschaft. Der versorgung im mediterranen Raum stand. Die Unbeständigkeit der eigene Anspruch, durch infrastrukturelle Projekte, den urbanen Raum Wasserversorgung sowie das Konfliktpotential, das sich aus der Nut- neu zu gestalten, wurde im barocken Rom maßgeblich geprägt vom zung der begrenzten Ressource Wasser zwangsläufig ergebe, seien in gesellschaftlich-politischen Modell der römischen Antike. Im England den römisch-rechtlichen Regelungen ignoriert worden. Stattdessen des 17. Jahrhunderts lässt sich die Funktionalisierung von Wasser in suggerierten diese eine kontrafaktische Beständigkeit und konnten einer antiken Tradition nicht ausmachen. Hydraulik und Gartenkunst damit keine praktikablen Modi der Streitschlichtung entwickeln. Mor- sind hier weniger antik, sondern vielmehr ländlich orientiert. Abschlie- ley diskutierte verschiedene Erklärungsansätze für diesen Befund. Er ßend wurde sichtbar, dass sowohl in Rom als auch im England des 17. sei unter anderem auf den fluiden Charakter des Wassers zurück- Jahrhunderts eine Verbindung zwischen wasserbaulichen Maßnahmen zuführen, der die Konzeptualisierung als greifbaren Rechtsbegriff und der damit einhergehenden ostentativen Herrschaft über Wasser innerhalb der römischen Rechtsdogmatik erschwerte. Zudem lässt die mit der Herrschaft über Menschen besteht. Unangemessenheit der rechtlichen Regelungen darauf schließen, dass SITTA VON REDEN näherte sich dem Thema der Sektion wieder- aufkommende Konflikte meist nach tradierten informellen Verfahren um über ein Phänomen der griechisch-römischen Antike: Ihr Gegen- geregelt wurden. Das gesetzte Recht hingegen und dessen Rhetorik stand war die Repräsentation von Wasser im ptolemäischen Alexan- der Regelmäßigkeit stand größtenteils in Diensten einer sozialen und dria (323 – 30 v.Chr.), die technische, ästhetische und mythologische ökonomischen Elite, die dazu tendierte, den Zugang zu der begrenzten Aspekte verband. Auf komplexe Weise wurden hier Vorstellungen von Ressource, insbesondere in der Region um Rom, zu privatisieren. außeralltäglicher Macht, monarchischer Fürsorgepflicht und die kulti- CHRISTIAN WIELAND widmete sich in seinem Beitrag den Was- sche Stabilisierung dynastischer Nachfolge miteinander verknüpft. In serbauingenieuren des 17. Jahrhunderts und diskutierte hierbei über- diesem Bedeutungskomplex standen Nil- und Quellwasser einerseits zeugend die Frage, wie es dieser Gruppe gelingen konnte, sich den in einem kulturellen Gegensatz zueinander, andererseits verbanden Werten der aristokratisch-höfisch geprägten Gesellschaft anzupassen. sie sich in der Repräsentation eines interkulturellen Herrschaftsan- Bürgerliche Herkunft, ein niedriger sozialer Status und die Nähe der spruchs. Das Konzept der doppelten Versorgungs- und Repräsenta- Techniker zum Handwerk trugen zu ihrer gesellschaftlichen Diskredi- tionsfunktion von Wasser übertrug von Reden auf die ptolemäische tierung bei. Anhand von wasserbaulichen Maßnahmen im barocken Bewässerungspolitik in der Oase Fayum. Auch hier stand das Be- Rom und in England unter der Herrschaft der Stuart-Monarchie im wässerungsprojekt in engem Zusammenhang mit der Bedeutung des 17. Jahrhundert konnte gezeigt werden, wie sich in der Frühneuzeit Fayums als Machtfaktor und Ausdruck der Leistungsfähigkeit, Fül- ein gesellschaftlicher Wandel beobachten lässt, indem Wasser zuneh- le und Fruchtbarkeit der ptolemäischen Dynastie. Gleichzeitig trat mend politisiert wurde und sogar Eingang in die politische Theorie die von Alexandria aus gesteuerte Bewässerung des Fayums in Kon- fand. Im Zuge dieser Entwicklung gelang es den Ingenieuren zuneh- kurrenz mit den vorhandenen Bewässerungssystemen im Niltal, die mend, ihr gesellschaftliches Stigma zu überwinden. Durch Rückgriff traditionell das Aktionsfeld lokaler sozialer Machtausübung darstell- auf pagan-römische Ideale (Integration) und eine sich verändernde Be- ten. zeichnung der Wasserbauingenieure als bellatores (Aristokratisierung) Der Beitrag von ASTRID MÖLLER (Freiburg im Breisgau) stellte 179 180 Das Wasser: Ressource zwischen Alltagsbedarf, Ingenieurkunst und Florian Hellberg, Ole Johannsen Repräsentation. Eine Konversation zwischen Antike und Neuzeit sich anhand des Eupalinos-Tunnels auf Samos und des Brunnenhau- BRÜGGEMEIER (Freiburg im Breisgau) unmittelbar an den vorange- ses der Athener Agora die Frage, ob und auf welche Weise es sich bei gangenen Beitrag an. Er widmete sich den Entwicklungen von Kanali- diesen baulichen Maßnahmen um Repräsentationen „tyrannischer“ sationen in den europäischen Großstädten mit ihren dazugehörigen Stadtherrschaft oder doch eher um Monumente „eines gesteigerten „Epiarchitekturen“, die sich ab 1850 europaweit beobachten ließen und kollektiven Gemeinschaftsgefühls der Poleis handelte“. Auf Grund- eines der Großprojekte des ausgehenden 19. Jahrhunderts darstellten. lage der nicht zeitgenössischen Urteile in der historiographischen Dabei ging es ihm ebenfalls darum, die wasserbaulichen Leistungen Überlieferung wurden die genannten Bauprojekte von Teilen der For- im Spannungsfeld zwischen städtischer Identität und dem Beitrag schung wie selbstverständlich als Ausnahmeleistung einzelner Tyran- einzelner tatkräftiger Herrscher zu beleuchten. Auch wenn sich die nen klassifiziert.2 Das Grundproblem liegt allerdings darin begründet, Verwirklichung dieser großen Infrastrukturprojekte in einigen Fällen welche terminologischen Prämissen und somit welche Bedeutungsdi- auf das Wirken von Monarchen und Institutionen des Zentralstaats mensionen einem tyrannos zugerechnet werden. Sich anschließend zurückführen lässt – wie im Fall von Paris unter Napoleon III. – be- an neuere Arbeiten zur archaischen Tyrannis stellt diese viel weniger saßen in den überwiegenden Fällen Gruppierungen und Elemente ein eigenes politisches System, sondern vielmehr eine Extremform der Zivilgesellschaft, die vorwiegend lokal verankert waren, eine grö- aristokratischer Herrschaft dar.3 An diese theoretischen Überlegun- ßere Bedeutung. Die These ließ sich am verbreiteten Phänomen des gen zur soziopolitisch-kulturellen Ordnung archaischer Herrschaft „internationalen Kanaltourismus“ verdeutlichen. In dessen Rahmen anknüpfend, wurden die wasserbaulichen Großprojekte auf Samos konnten sich die Städte und ihre Oligarchien als Verkörperungen eines und in Athen „nicht als Ausdruck der Herrschaftsrepräsentation eines ästhetisch überhöhten Fortschritts präsentieren, eine Form der kom- einzelnen Tyrannen, sondern als Ausdruck des gestiegenen Gemein- munalen Selbstinszenierung und Repräsentation, die gleichzeitig nach schaftsgefühls der Polisbürger“ interpretiert. Dies impliziert jedoch innen und nach außen – auf die kosmopolitische Oberschicht – aus- nicht zwingend, dass ein einzelner Aristokrat im agonalen Wettstreit gerichtet war. Zudem wendete sich Brüggemeier gegen die Ansicht, um ein Mehr an Anerkennung die Wasserversorgung verbesserte. In den Bau von Kanalisationen „als Realisierung eines zentralen Welt- einem Exkurs auf ikonographische Darstellungen von Frauen beim und Kulturmodells“ zu sehen, „das mit der Industrialisierung aufkam Wasserholen – wie sie sich im späten 6. Jahrhundert v.Chr. auf Hy- und durch die Gegenüberstellung von Stadt und Land, von maschinel- drien und Kalpiden nachweisen lassen – konnte Wasser zudem als ler Produktion und Abfall und generell von Natur und Gesellschaft prominentes Sujet der Vasenmalerei ausgewiesen werden. gekennzeichnet sei“.4 Nicht eine Beherrschung und Ignorierung der Trotz eines zeitlichen Abstands des Untersuchungsgebiets von Natur5 sei Grundlage und Ziel der technischen Experten gewesen, etwa 2500 Jahren knüpften die Ausführungen von FRANZ-JOSEF die diese Projekte verwirklichten. Vielmehr bestand ihre Intention in 2 Vgl. Hans-Joachim Gehrke, Jenseits von Athen und Sparta. Das dritte Griechenland einem tieferen Naturverständnis sowie einer Verbesserung der Natur, und seine Staatenwelt, München 1986, hier S. 118-120 sowie Hermann J. Kienast, Die die sie nicht als abstrakt und unberührt, sondern bereits als städtisch Tyrannis inszeniert sich - Großbauten auf der Insel Samos, in: Ernst-Ludwig Schwand- 4 Vgl. hierzu Susanne Hauser, „Reinlichkeit, Ordnung und Schönheit“. Zur Diskussi- ner / Klaus Rheidt (Hrsg.), Macht der Architektur - Architektur der Macht. Baufor- schungskolloquium in Berlin vom 30. Oktober bis 2. November 2002 (Diskussionen zur on über Kanalisation im 19. Jahrhundert, in: Die alte Stadt. Zeitschrift für Stadtgeschichte, Archäologischen Bauforschung 8), Mainz 2004, S. 69-78. Stadtsoziologie und Denkmalpflege 19 (1992), S. 292-312. 5 Vgl. hierzu Ulrich Beck, Risikogesellschaft. Auf dem Weg in eine andere Moderne, 3 So bei Greg Anderson, Before Turannoi were Tyrants. Rethinking a Chapter of Early Greek History, in: Classical Antiquity 24 (2005), S. 173-222. Frankfurt am Main 1986, S. 9. 181 182 Das Wasser: Ressource zwischen Alltagsbedarf, Ingenieurkunst und Florian Hellberg, Ole Johannsen Repräsentation. Eine Konversation zwischen Antike und Neuzeit geprägt und durch Menschen massiv verändert vorfanden, wahrnah- lisch aufgeladen wurden. Dabei gingen Infrastrukturprojekte in der men und konzeptualisierten. Peripherie mit Eingriffen der Zentralmacht in die lokalen gesellschaft- CHANDRA MUKERJI (San Diego) untersuchte im Spannungsfeld lichen Formationen einher, was nicht zwangsläufig zu einer Zentra- von Ingenieurskunst, ökonomischer Macht und Staatswerdung, wie lisierung der Herrschaft, aber doch zu einer verstärkten Interaktion es Ludwig XIV. mit dem Bau des Canal du Midi (einem 240 Kilometer zwischen Zentrum und Peripherie führte. langen Kanal, der Toulouse mit dem Mittelmeer verbindet) im ausge- 4. Die Rechtssprache, die die Vorstellung von Unwandelbarkeit trans- henden 17. Jahrhundert gelang, lokale Eliten zu unterminieren. Dieses portiert, kann als Inbegriff einer Elitenperspektive auf das Wasser wasserbauliche Großprojekt wurde von der französischen Krone funk- gelten. Ebenso wie die Hydraulik, durch die die juristisch erwünschte tionalisiert, um die Leistungsfähigkeit und den Machtanspruch der Regelmäßigkeit erst ermöglicht wird, lassen sich die Kategorisierun- Zentralherrschaft zu manifestieren und der lokalen Bevölkerung vor gen des Rechts als Medium der Herrschaft analysieren. Augen zu führen. Wasser wurde durch die Monarchie zum „tool of 5. Von der Antike bis ins 19. Jahrhundert stand der Umgang mit Wasser governance“, mit dessen Hilfe das eigene Land kontrolliert werden in einem Spannungsfeld zwischen einer Ausrichtung auf das Allge- konnte. Der Bau des Kanals instanziierte somit eine neue Qualität von meinwohl (die auch der Rechtfertigung und symbolischen Überhö- Herrschaft, die somit „superhuman, uncanny and daunting“ zugleich hung von Herrschaft diente) und der Ermöglichung von fürstlich- gewesen sei. adligem Luxus. Zum Abschluss präsentierte Christian Wieland die zentralen Er- 6. Die religiöse bzw. mythische Bedeutung des Wassers in den betrach- kenntnisse der Sektion in sechs Punkten, die sich thesenhaft zusam- teten Kulturen ist unbestritten, wobei in zukünftigen Untersuchungen menfassen lassen: zu fragen wäre, was geschieht, wenn Wasser „in das Kreuzfeuer kon- 1. In den epochenübergreifenden Vorträgen wurde deutlich, dass sich kurrierender religiöser Deutungen“ gelangt. die neuzeitliche Wasserbaukunst explizit auf die Antike – insbesonde- In zwei Diskussionsblöcken wurden weiterführende Perspekti- re auf die der römischen Kaiserzeit – bezog, wobei der Bezugspunkt ven benannt, die bei einer epochenübergreifenden Betrachtung der stets eine imaginierte Antike darstellte, die entsprechend den politi- Ressource Wasser zukünftig berücksichtigt werden sollten. Erstens schen und kulturellen Zwecken der jeweiligen neuzeitlichen Akteure wurde die Forderung laut, den Blick auf Wasser nicht nur auf europäi- modelliert war. sche oder mediterrane Fallbeispiele zu beschränken. Gerade Länder 2. Wasser ist ein Politikum und der erfolgreiche Umgang mit Wasser in Afrika – in denen extreme Wasserknappheit vorherrsche – sollten gilt als Ausweis legitimer und erfolgreicher Herrschaft, was zum einen ebenfalls berücksichtigt werden, da in solchen Fällen das Phänomen an seinem „elementaren“, unverzichtbaren Charakter liegt, zum an- der Kontrolle über Wasser als Quelle der Herrschaftslegitimation bes- deren daran, dass die Transformation dieses fluiden Elements in ein ser beleuchtet werden könnte. Zweitens wurde angemerkt, den Begriff stabiles als besonders nachdrücklicher Beweis der Naturbeherrschung der Naturbeherrschung historisch schärfer zu konturieren. Besonders und damit für die Befähigung zur Herrschaft überhaupt dienen kann. in der Neuzeit trete die Naturbeherrschung und somit auch die Beherr- 3. In verschiedenen Zeiten lässt sich das Phänomen beobachten, dass schung der Ressource Wasser ein in Fragen nach der Nutzbarmachung großangelegte Wasserbauprojekte einzelnen herausgehobenen Akteu- der Natur für privatwirtschaftliche-ökonomische Interessen. Und drit- ren zugeschrieben und als Momente der Herrschaftsausübung symbo- tens lohne sich auch, die zerstörerische Kraft von Wasser – wie sie in 183 184 Florian Hellberg, Ole Johannsen Flutwellen oder Hochwasserkatastrophen zutage tritt – in den Blick zu Astrid Möller (Freiburg im Breisgau): Tyrannische Wasserversorgung? nehmen. Gerade hieran ließe sich der jeweils spezifische Umgang von Franz-Josef Brüggemeier (Freiburg im Breisgau): Wasserkunst und Gesellschaften mit dem Gefahrenpotential von Wasser im historischen Bürgerstolz Vergleich illustrieren. Diese Anregungen sollten als Ausgangspunkt dienen, den Fokus Chandra Mukerji (San Diego): Impersonal Rule and the Canal du Midi der historischen Forschung auch in Zukunft auf die volatile Ressour- ce Wasser zu richten. Wie die Ergebnisse der Sektion verdeutlichen, Tagungsbericht Das Wasser: Ressource zwischen Alltagsbedarf, Ingenieur- erweist es sich als äußerst fruchtbar, hierbei auch in einen epochen- kunst und Repräsentation. Eine Konversation zwischen Antike und Neuzeit. übergreifenden Dialog zu treten, um den Wandel gesellschaftlicher 25.09.2012-28.09.2012, In: H-Soz-u-Kult 29.10.2012. Diskurse über Wasser im historischen Prozess zu untersuchen.6 Ins- besondere der Zusammenhang zwischen dem jeweiligen zeitspezi- fischen Naturverständnis und dessen Konsequenz für Fragen nach Naturbeherrschung und Herrschaftsrepräsentation scheint ein viel- Datenbanken für die Mediävistik und die Renaissance in versprechendes Thema zukünftiger Forschungen. Es bleibt zu hoffen, Forschung und Lehre dass die epochenübergreifende Beschäftigung mit Wasser durch die hier besprochene Sektion angeregt wurde und nicht am Ende des His- Leitung: Michael Matheus (Mainz) / Hedwig Röckelein (Göttingen) / torikertages wieder zum Erliegen kommt. Der Ressource Wasser wäre Rainer Christoph Schwinges (Bern) dies nur zu wünschen. Bericht von: Torsten Roeder, Berlin-Brandenburgische Akademie der Wissenschaften Sektionsübersicht: Neville Morley (Bristol): ‘The same procedure as last year’: managing Datenbanken zu Personeninformationen etablieren sich zusehends als competition and conflict over water in classical antiquity Forschungsinstrument in den Geschichtswissenschaften. Meist aus Personenindizes oder aus Regestenausgaben entwachsen, entfalten Christian Wieland (Frankfurt am Main / Freiburg im Breisgau): Herr- sich digitale Informationssammlungen von dem Status des funktiona- schaftsrepräsentation, Wasser und Ingenieurskunst im frühneuzeitli- len Nebenprodukts zu ergiebigem Forschungsmaterial. Beispielhaft chen Europa. Ein vergleichender Blick auf Italien und England im 17. demonstriert wurde dies in der Sektion „Datenbanken für die Medi- Jahrhundert ävistik und die Renaissance in Forschung und Lehre“ auf dem His- Sitta von Reden (Freiburg im Breisgau): Land und Wasser: Die symbo- torikertag 2012 in Mainz, welche von MICHAEL MATHEUS (Rom), lische Ökonomie ptolemäischer Herrschaft im hellenistischen Ägypten HEDWIG RÖCKELEIN (Göttingen) und RAINER C. SCHWINGES (Bern) geleitet wurde und am 27. September stattfand.1 Der folgen- 6 Dass diese Diskussion bereits in vollem Gange zu sein scheint, unterstreicht nicht de Bericht möchte vorrangig die Besonderheiten der Datenbanken zuletzt die seit 2009 erscheinende Zeitschrift „Water History“, die sich als „interdiscipli- 1 http://www.historikertag.de/Mainz2012/de/programm/wissenschaftliches- nary forum for discussing the relationship of humankind with water“ versteht. programm/sektionen/einzelansicht/article/datenbanken-fuer-die-mediaevistik-und- die-renaissance-in-forschung-und-lehre.html (28.11.2012) 185 186 Datenbanken für die Mediävistik und die Renaissance in Forschung Torsten Roeder und Lehre beleuchten und die damit verbundenen Fragen diskutieren. Die Fall- lenmaterial des Repertorium Germanicum (RG) und des Repertorium beispiele aus der Forschung sollen ebenfalls besprochen, jedoch nicht Poenitentiariae Germanicum (RPG) und umfasst somit insgesamt cir- inhaltlich beurteilt werden. ca 160.000 deutsche Personen, Kirchen und Orte der Jahre 1378–1492 Drei Personendatenbanken wurden mitsamt Beispielen für ihre aus allen vatikanischen Registerserien und Kameralbeständen (=RG) geschichtswissenschaftliche Anwendung vorgestellt: Das digitale Per- sowie aus allen an Pönitentiarie gerichteten Suppliken (=RPG). Die sonenregister der Germania Sacra (GS)2 , das Repertorium Academi- Besonderheit des RGO liegt nicht nur in der gleichzeitigen Durch- cum Germanicum (RAG)3 und das Repertorium Germanicum Online suchbarkeit von RG und RPG, sondern auch in dem Angebot unter- (RGO)4 , letzteres als Teil des Portals Romana Repertoria Online (RRO)5 . schiedlicher Recherchezugänge, welche sowohl ein gezieltes Suchen Gemeinsam sind diesen Datenbanken die unentgeltliche Nutzbarkeit, als auch ein „Stöbern“ in den Beständen ermöglichen. Die intelligent der barrierefreie Zugang und die offene Lizenzierung im Sinne von programmierte Datenbank fängt zudem Varianten von Personen- und Open Access6 . Mit der Verfügbarkeit von Metadaten und Zitations- Ortsnamen sowie unterschiedliche Schreibweisen ab7 und hilft bei der möglichkeiten ist das Standardisierungsniveau der Datenbanken ver- Auflösung von Abkürzungen. Die Personendatensätze sind außerdem gleichsweise hoch. Michael Matheus beschrieb Datenbanken als „Publi- mit einer GND8 versehen, was mittlerweile zum Standard gehört. kationen im offenen Prozess“, welche sich der Interaktion mit Nutzern Anschließend präsentierten Hedwig Röckelein und BÄRBEL KRÖ- und der engen Zusammenarbeit mit Akademien, Bibliotheken und GER (Göttingen) das Digitale Personenregister der Germania Sacra. Informatikern aufgeschlossen zeigen sollten, um das allgemeine Ziel Das sogenannte Handbuch der Kirche des alten Reiches besteht seit der zuverlässigen Überlieferung realisieren zu können. Perspektivisch 1917 und verzeichnet Bistümer, Klöster und Stifte sowie die dazugehö- seien die Datenbanken zudem nicht nur für Personen- und Ortsge- rigen Personendaten in bislang 63 Bänden. Die Datenbank der GS, die schichte von Interesse, sondern ebenso für Forschungsvorhaben in z.B. Mitte Oktober veröffentlicht wurde, bietet einen bandübergreifenden sozialgeschichtlichen, medizinhistorischen oder musikwissenschaftli- Zugang, über den derzeit circa 9.000 Personendatensätze recherchier- chen Feldern. bar sind (wahlweise auch bandspezifisch). Redaktionell befindet sich Im Einzelnen stellten zunächst Michael Matheus und JÖRG HÖRN- die Digitalisierung der Inhalte auf einem hohen Niveau. Für circa 5 SCHEMEYER (Rom) das Portal Romana Repertoria Online vor, wel- Prozent der Personen ist zudem eine GND verfügbar, die mithilfe ches am Deutschen Historischen Institut in Rom angesiedelt ist und von BEACON-Dateien9 mit anderen Datenbeständen verlinkt sind. die Datenbestände des Instituts systematisch gebündelt präsentiert. Es Bei der Identifizierung von möglicherweise identischen Personen in umfasst elf Projekte, darunter sowohl digitale Editionen als auch Da- verschiedenen Bänden der GS offenbart sich eine relevante Eigenheit tenbanken, unter denen das Repertorium Germanicum Online (RGO) der digitalen Grundlagenforschung: Bei Personen geringer Bekannt- für diese Sektion von besonderem Interesse war. Es enthält das Quel- heit (d.h. welche nur selten oder singulär belegbar sind), würde ein 2 http://personendatenbank.germania-sacra.de/ (30.10.2012) automatischer Abgleich keine soliden Ergebnisse hervorbringen. An 3 http://www.rag-online.org/ (30.10.2012) 7 Mithilfe des Levenshtein-Algorithmus, siehe z.B. http://de.wikipedia.org/wiki 4 http://194.242.233.132/denqRG/index.htm (28.11.2012) 5 http://www.romana-repertoria.net/ (30.10.2012) /Levenshtein-Distanz (30.10.2012) 8 http://www.dnb.de/DE/Standardisierung/Normdaten/GND/gnd_node.html 6 http://open-access.net/ (30.10.2012), siehe dazu auch: http://www.dfg.de/dfg (30.10.2012) _magazin/forschungspolitik_standpunkte_perspektiven/open_access/index.html 9 http://de.wikipedia.org/wiki/Wikipedia:BEACON (30.10.2012) (30.10.2012) 187 188 Datenbanken für die Mediävistik und die Renaissance in Forschung Torsten Roeder und Lehre dieser Stelle kann von der digitalen Technik keine Lösung erwartet untersuchte Schnittstellen von Mobilität und Bildungswegen von Re- werden, sondern der fachkundige Nutzer muss die Sachlage in jedem ligiösen am Beispiel verschiedener Lebenswege. So ermöglichte es Einzelfall selbst beurteilen. die Kombination von Datenbeständen aus RGO und RAG, reguläre Nachfolgend stellten Rainer C. Schwinges und SUSE ANDRESEN Zusammenhänge zwischen Studienabschlüssen und kirchlichen Äm- (Bern) das Repertorium Academicum Germanicum vor. Dieses Projekt tern aufzuzeigen. An diese Fragestellung anschließend, beschäftigte hat die graduierten Gelehrten des Alten Reiches zwischen 1250 und sich der Beitrag von WOLFRAM KÄNDLER (Gießen) eingehend mit 1550 zum Gegenstand. Im Gegensatz zu den beiden anderen Datenban- Studien und Karrieren von gelehrten Stiftsherren im Nordwesten des ken besitzt es keine Grundlage in Form einer Printpublikation, sondern Reiches und nutzte dazu eine Schnittmenge von Informationen aus es wurde von Beginn an als digitales Projekt konzipiert. Mittlerweile allen drei Datenbanken. Eine Gegenüberstellung von Stifts- und Stu- umfasst die Datenbank circa 50.000 Gelehrte und 300.000 Universitäts- dienorten offenbarte nicht nur eine zunehmende Akademisierung des besucher (erschlossen nach Regionen), die in Form von Biogrammen Stiftswesens, sondern z.B. auch die vergleichsweise große Reichweite erfasst sind. Die Angaben beinhalten Lebens- und Studiendaten sowie des Standortes Köln und die vorrangige Bedeutung von Wasserwegen Angaben zu Familienverhältnissen, Herkunft, Tätigkeiten, wichtigen bei der Mobilität. Die Untersuchung von FRANK WAGNER (Gießen) Werken und Monumenten; soweit vorhanden, wird auch die GND bestätigte dies anschaulich anhand einer Reihe von Fallbeispielen, in erfasst. Fortschrittlich in diesem Projekt ist vor allem die Nutzung von denen Herkunft und Tätigkeiten von Kanonikern in Xanten, Köln, geospatialen Informationen zur Darstellung auf Landkarten. Damit Dietkirchen und Bonn verglichen wurden. können komplexe Abfragen wie z.B. Herkunftsorte der Studenten ver- Die nachfolgende Sitzung war dem allgemeinen Thema „Chancen schiedener Universitäten anschaulich visualisiert werden. Dies bietet und Visionen von Datenbanken im Verbund“ gewidmet. Suse Andre- eine hervorragende Unterstützung für die Erforschung von Mobilität sen, CHRISTIAN POPP (Göttingen) und Jörg Hörnschemeyer stellten und von verschiedenen Standorten. Zudem erfolgt der Abgleich von darin ihre Zukunftspläne für die drei Personendatenbanken (GS, RAG, möglicherweise identischen Personeneinträgen über ein abgestuftes RGO) und für mögliche Kooperationen vor. Das RAG werde zukünftig Variantensystem. mit einer Open-Source-Datenbank arbeiten und die Identifizierungs- Wie diese Datenbanken als Forschungsgrundlage genutzt werden frage (Zuordnung von Namen zu Personen) eingehender behandeln. können, zeigten die jeweils nachfolgenden Fallbeispiele in beeindru- Hier solle mit einem System operiert werden, welches zwischen siche- ckender Weise. Die von Michael Matheus vorgestellten Personenre- ren und fraglichen Annahmen unterscheiden könne. Die GS werde cherchen zum Studienort Rom am Beispiel der Promotion des Ludolf sich dieser Frage ebenfalls widmen und der Heterogenität der Daten von Enschringen belegten, wie sich durch die Zusammenschau von möglicherweise zunächst mit einer Varianten- oder Unschärfesuche be- Informationen aus RAG und GS ein schärferes Bild eines Werdeganges gegnen; Normdaten böten hier evtl. weitere Abgleichsmöglichkeiten. ergeben kann – und dies vor allem wegen der höheren Transparenz In dieser Hinsicht verfolge das RRO die Strategie, ein vorschlags- biographischer Brüche. Ferner wurde deutlich, dass die kombinierte orientiertes System anzubieten, welches das endgültige Urteil dem Datenbank-Recherche einen soliden Ansatzpunkt für die weitere Er- Benutzer überlasse; selbst die Generierung der Vorschläge könne so forschung des Studienortes Rom bieten kann (welche bislang eher ge- gestaltet werden, dass der Benutzer sie nach eigenen Maßgaben be- neralisiert oder ausgeklammert wurde). ANDREAS REHBERG (Rom) einflussen könne. Eine gemeinsame Aufgabenstellung sei außerdem 189 190 Datenbanken für die Mediävistik und die Renaissance in Forschung Torsten Roeder und Lehre der Abgleich von deutschen und lateinischen Namensformen, bei gültige Namensansetzung einer Person richte sich jedoch meist nach welcher auch der sonst sehr effiziente Levenshtein-Algorithmus an der Perspektive des Forschers und sollte nicht von einer Datenbank seine Grenzen gerate; hier seien bestehende Konkordanzdaten z.B. aus vorgegeben werden. Diese könne lediglich für eine größere Transpa- dem RAG nutzbar, aber evtl. auch phonetisch oder orthographisch renz der Varianten sorgen, aber kann (und will meistens auch) dem orientierte Variantensuchen, durch welche sich möglicherweise auch Forscher das wissenschaftliche Urteil nicht abnehmen. Insofern sollte feinere regionale Unterschiede abdecken ließen. Jörg Hörnschemeyer m. E. verstärkt darauf hingearbeitet werden, die Qualität von Daten- präsentierte außerdem ein (noch in Arbeit befindliches) Suchinterface, banken in der Speicherung der Informationen, in der Geschwindigkeit mit welchem sich eine parallele Recherche in allen drei Datenbanken von deren Bereitstellung und in der Vielfalt von deren Wiedergabe zu starten lasse. sehen, und nicht nur in ihrer rudimentären Funktion eines Nachschla- In der dritten, abschließenden Sitzung zu geschichtswissenschaft- gewerkes. Dies ist zu übertragen auf die möglichen Fragestellungen lichen Datenbanken in der universitären Lehre, in dessen Zentrum und Interpretationen der Informationen, welche von einer Datenbank das digitale Personenregister der Germania Sacra stand, präsentierten jedoch in der Regel nur sehr allgemein wiedergegeben werden können, Bärbel Kröger und Christian Popp die Erfahrungen aus einer univer- in ihrer Vielgestalt jedoch – so auch der Konsens der Diskussion – nur sitären Lehrveranstaltung. Erklärtes Ziel der Veranstaltung war die von Nutzern generiert werden können (sofern diese sich nicht mit nachhaltige Kompetenz im Umgang mit digitalen Ressourcen. Deren schierem Faktenwissen zufriedengeben möchten). Relevanz werde im Allgemeinen zwar längst nicht mehr bezweifelt, Zudem wurde die Frage nach der „Fertigstellung“ von Datensamm- aber dennoch stelle sich die Frage nach dem angemessenen, wissen- lungen aufgeworfen, welche m. E. nicht nur vor dem Hintergrund, schaftlichen Umgang mit der inzwischen enormen Menge des Ange- dass viele herkömmliche Editionsprojekte jahrzehntelang und einige bots. Da der Forschernachwuchs aus Unerfahrenheit mit dem Material seit mehr als einem Jahrhundert arbeiten, illusorisch scheint. Schon die häufig auch unseriöse Angebote nutze, habe sich das Experiment eines Verfügbarmachung des Materials und die damit verbundenen Konver- zweisemestrigen Projektmoduls angeboten. In diesem sollten zunächst tierungsmaßnahmen – bei denen eine intensive Auseinandersetzung die Kenntnis des Materials und die Fähigkeit zur Qualitätsbeurteilung mit dem Material absolut notwendig ist – nimmt m. E. in den meisten und anschließend der effiziente Umgang mit digitalen Angeboten – Fällen deutlich mehr Zeit in Anspruch, als es der rasante Entwicklungs- bis hin zur Entwicklung eines eigenen Datenmodells – entwickelt wer- rhythmus des Internets vorspiegelt. Insbesondere die Einbettung von den. Dieses Lehrangebot darf im Rahmen geschichtswissenschaftlicher Datenbankprojekten in neue Technologien – beispielsweise die Ver- Studiengänge als Pionierarbeit angesehen werden. wendung von GND oder die Implementierung einer RDF-Schnittstelle In den jeweils anschließenden Diskussionsrunden traten einige – erzeugen einen regelmäßigen Aufwand, welcher mit den leider üb- Punkte zutage, die unterschiedliche Wahrnehmungen zwischen Ge- lichen Möglichkeiten (Eigenleistung, Hilfskräfte oder Werkverträge) schichtswissenschaft und geisteswissenschaftlicher Informatik aufzeig- kaum befriedigend abgedeckt werden kann. Auch die Etablierung ten. Beispielsweise sei dem Bedürfnis nach Normierung und eindeuti- übergeordneter oder unabhängiger digitaler Infrastrukturen (siehe z.B. ger Namenszuweisung – insbesondere bei der fragmentarischen Da- DARIAH10 ) ist m. E. noch nicht so weit vorangeschritten, dass sich ein tensituation in mediävistischen Quellen – informationstechnisch kaum Projekt ohne weiteres in eine bestehende Struktur einklinken könnte, beizukommen, ohne dass ein verzerrter Eindruck entstehe. Die jeweils 10 http://de.dariah.eu/ (12.11.2012) 191 192 Torsten Roeder und selbst dies wäre weiterhin mit personellem Aufwand verbun- Michael Matheus (Mainz); Jörg Hörnschemeyer (Rom): Romana Re- den. Insofern bleibt angesichts der sichtbaren Erfolge nur zu hoffen, pertoria / Roman Repertories dass der Anteil an geisteswissenschaftlicher Informationstechnik in Hedwig Röckelein / Bärbel Kröger (Göttingen): Germania Sacra historischen Forschungsprojekten zukünftig ansteigen wird. Insgesamt vermittelte die Sektion einen lebendigen Einblick in Rainer C. Schwinges / Suse Andresen (Universität Bern): Repertorium das aktuelle Geschehen im Bereich der Personendatenbanken für die Academicum Germanicum Mediävistik- und Renaissanceforschung. Die Zusammenarbeit der Hedwig Röckelein (Akademie der Wissenschaften zu Göttingen): Ein- drei vorgestellten Projekte ist vorbildlich und es ist zu hoffen, dass leitung ähnliche Kooperationen an anderer Stelle entstehen. Vor allem der offene Ideenaustausch unter den drei Projekten einerseits und die Michael Matheus (Mainz): Personenrecherchen zum Studienort Rom. Entwicklung individueller Lösungsansätze andererseits (z.B. für das Die Promotion des Ludolf von Enschringen Identifizierungsproblem) ist begrüßenswert, denn trotz der jeweiligen Andreas Rehberg (Rom): Schnittstellen zu Mobilität und Bildungswe- Unabhängigkeit und Eigenständigkeit ist es gelungen, verbindende sen von Religiosen Strukturen zu schaffen, von denen nicht nur das einzelne Projekt, sondern auch die Forschung profitieren kann. Die vorgestellten Studi- Wolfram Kändler / Frank Wagner (Gießen): Gelehrte Stiftsherren im en belegen, dass Datenbanken durchaus eine Grundlage für seriöse Nordwesten des Reiches. Überlegungen zu Studium und Karriere und überzeugende Forschungsarbeit bilden können, und dies vor al- Suse Andresen (Bern); Christian Popp (Göttingen); Jörg Hörnschemey- lem dann, wenn inhaltlich unterschiedlich ausgerichtete Datenbanken er (Rom): Datenbanken im Verbund. Chancen und Visionen im Verbund genutzt werden (vgl. z.B. auch die Ergebnisse der Ta- gung „Professorenkataloge“ in Kiel)11 . Spätestens damit wird auch die Bärbel Kröger / Christian Popp (Göttingen): Datenbank statt Essay Relevanz von Datenbank-Kompetenzen in der Lehre plausibel. Die oder Hausarbeit. Bericht über eine Lehrveranstaltung an der Universi- positiven Reaktionen aus dem Auditorium offenbarten außerdem ein tät Göttingen hohes Interesse an elektronischen Ressourcen in den Geschichtswis- senschaften und man darf hoffen, dass die Sektion einen Impuls für Tagungsbericht Datenbanken für die Mediävistik und die Renaissance in weitere Aktivitäten in diesem Gebiet geben konnte. Forschung und Lehre. 25.09.2012-28.09.2012, In: H-Soz-u-Kult 29.11.2012. Sektionsübersicht: Michael Matheus (Mainz): Einleitung Die Börse als Ort von Ressourcenkonflikten im 19. Jahrhundert 11 Tagungsbericht Die Universität Kiel und ihre Professorinnen und Professoren oder: Wozu den Kieler Professorenkatalog? 20.04.2012-21.04.2012, Kiel, in: H-Soz-u-Kult, Leitung: Korinna Schönhärl (Duisburg-Essen) 25.05.2012, <http://hsozkult.geschichte.hu-berlin.de/tagungsberichte/id=4240>. Bericht von: Daniel Reupke, Historisches Institut, Universität des Saar- landes 193 194 Daniel Reupke Die Börse als Ort von Ressourcenkonflikten im 19. Jahrhundert Im Rahmen des 49. Historikertages, welcher vom 26. bis 28. September Zeit erfassend war dem Gesetzgeber bald daran gelegen, das Han- 2012 in Mainz zum Oberthema „Ressourcen – Konflikte“, stattfand, deln auf dem Parkett durch rechtliche Rahmenbedingungen zu regeln. organisierte KORINNA SCHÖNHÄRL (Duisburg- Essen) am 26. Sep- Daher müssen alle Betrachtungen der Börse des 19. Jahrhunderts in tember eine beeindruckend besetzte Vormittagssektion mit dem Ti- einem Spannungsfeld zwischen liberalem Wirtschaften und staatlicher tel „Die Börse als Ort von Ressourcenkonflikten im 19. Jahrhundert“. Reglementierung gesehen werden. Diese Sektion zog durch ihre Aktualität in Zeiten einer nachhalti- Ein besonderer Ausdruck dieses Spannungsfeldes war die Entste- gen Finanzkrise besonderes Interesse auf sich, entfalten doch rechts- hung und Regelung des Börsenterminhandels in der zweiten Hälfte und wirtschaftshistorische Fragestellungen auch immer ein gewisses des 19. Jahrhunderts. Termingeschäfte, so berichtete ALEXANDER Lernpotential für die Gegenwart.1 In jener Zeit eines erst in der institu- ENGEL (Göttingen), kennzeichneten sich schon damals durch die Spe- tionellen Reglementierung begriffenen Hochkapitalismus wurde die kulation auf steigende oder fallende Preise, wenn an der Börse ein Börse gerne als ein Ort des „enrichissez-vous“2 gesehen, an dem sich Anrecht auf die Lieferung eines bestimmten Gutes zu einem bestimm- jeder mit entsprechenden Fähigkeiten bereichern konnte. Negativ auf- ten Termin und Preis gehandelt wurde, jedoch das Geschäft am Ende geladen beschrieb ein Beobachter der Wiener Börse zur Gründerkrise nur in der Bilanz ausgeglichen wurde. Diese Situation führte frühzeitig 1873 das Parkett „als ein Tummelplatz der wildesten Leidenschaften“3 , zu Konflikten über die Gültigkeit des geschlossenen Vertrags. Gleich- dessen Akteure ganz generell „gemein- und staatsgefährlich“4 han- zeitig störten Spekulanten die reguläre Preisbildung am Markt, in dem deln würden. So war die Börse nicht nur Handelsplatz zur Allokation der Preis immer auf einem marktwidrigen Niveau gehalten wurde, das und Akkumulation von Kapital, sondern auch Konfliktraum für die Prinzip von Angebot und Nachfrage außer Kraft gesetzt war und eine mehr oder minder geschäftstüchtigen Akteure. Denn das 19. Jahrhun- Ressourcenverteilung schon gar nicht möglich gemacht wurde. Auf dert war nicht nur das Centennium des Kapitalismus, sondern auch der anderen Seite führte der Terminhandel zu langfristiger Preisdämp- die Epoche der Institutionellen Revolution5 : Die Problemlagen ihrer fung und einer planbaren Verteilung der gehandelten Rohstoffe. Aus 1 Zum Lernpotential der Wirtschaftsgeschichte vgl. Margrit Grabas: Der entwick- diesem Diskurs und als Reaktion auf die Agrarkrise der Jahre um 1890 lungsrelevante Zusammenhang von Krise und Wandel. Die Gründerkrise von 1873/79 wurden in Deutschland, Österreich und den USA Gesetze verabschie- als historische Lernkapazität zur Bewältigung der aktuellen Finanz- und Weltmarkt- det, um den Terminhandel zu beschränken bzw. für Getreide ganz rezession, überarbeitete Fassung 2012, in: SOLONline. Ideen-Diskurs & Strategische Lage, < http://www.solon-line.de/2009/06/21/der-zusammenhang-von-krise-und- zu verbieten. In einer zweiten Phase wurden die erlassenen Gesetze wandel/> (16.11.2012). jedoch bald darauf mit dem Ziel einer staatlichen Aufsicht entschärft, 2 Der Begriff „enrichissez-vous“ (bereichert euch) wird dem französischen Minister um die angenommenen positiven Effekte des Marktgeschehens nicht François Pierre Guillaume Guizot zugeschrieben und beschreibt treffend die liberale Wirtschaftspolitik in der Julimonarchie, vgl. Gabriel de Broglie: La monarchie de Juillet, durch die Bekämpfung der negativen Seiten zu stören. Paris 1990, S. 186f. und 198f. Diese Sichtweise auf den normativen Diskurs ergänzte BORIS GEH- 3 Der Wirtschaftsjournalist Joseph Neuwirth kommentierte mit diesen Worten den LEN (Bonn) um einen Blick auf die handelnden Gesellschaftsgruppen: Zusammenbruch des Handels an der Wiener Börse am 9. Mai 1873, vgl. Fred Oelßner, Die Wirtschaftskrisen, Berlin 1952, Bd. 1, S. 255. Der Warenterminhandel führte auf Seiten der Produzenten zu erhebli- 4 Hierbei handelt es sich um einen Phrase des Liberalismuskritikers und Gründers chen Gewinneinbußen zumal das Deutsche Reich in großem Umfang der Illustrierte „Gartenlaube“ Otto Glagau, vgl. Otto Glagau, Der Börsen- und Grün- dungsschwindel in Berlin. Gesammelte und stark vermehrte Artikel der Gartenlaube, Einführung in die Wirtschaftsgeschichte des 19. und frühen 20. Jahrhunderts, Stuttgart Leipzig 1876f., Bd. 1, S. VIII. 2004. 5 Clemens Wischermann / Anne Nieberding: Die institutionelle Revolution. Eine 195 196 Daniel Reupke Die Börse als Ort von Ressourcenkonflikten im 19. Jahrhundert Getreide importierte. Es war nicht verwunderlich, dass die Landwirte Berechnung des Gewinns der Emittenten durchsetzte. Auf der ande- daraufhin gegen eine wirtschaftsliberale Finanzmarktgestaltung mobi- ren Seite gelang es dem Gründer der Firma, Kommerzienrat Friedrich lisierten und „manipulierende Händler“ einschränken wollten. Diese Thörl, seine Position betreffend Vorzugsaktien und seine Vorstellun- wehrten sich mit scharfen Worten gegen einen staatlichen Interven- gen über die eigenen Bezüge als Generaldirektor zu halten. Nach der tionismus, der von den „dummen Agrariern“ angestrebt werde. So erfolgreichen Gründung waren sich die beiden beteiligten Bankhäuser versuchten die verschiedenen Interessengruppen ihr eigenes „Oben- selten in Bezug auf Geschwindigkeit des Börsenganges einig und der bleiben“ mal mit Hilfe des Staates, mal mit Hilfe freien Wirtschaftens Aktienpreis war ein dauerhafter Streitpunkt zwischen allen drei Ak- zu verteidigen. Im Konflikt zwischen den „fähigen“ Händlern und teuren, bei dem sich die Hannoversche Bank behaupten konnte. Zwar den „unfähigen“ Herstellern ging es auf einer Metaebene jedoch auch wurde der Börsengang ein großer Erfolg, was jedoch nicht über die um wirtschaftliche Konzepte von Selbstregulierung und Staatsregu- zahlreichen Konfliktfelder der Geschäftspartner hinwegtäuschen soll- lierung. Sollte im Jahre 1896 der Erlass des deutschen Börsengesetzes te. So forderte Burhop am Ende auch vergleichende Untersuchungen auch ein Erfolg für den Bund der Landwirte werden, so war es doch zu einer quellenmäßig durch Kulturgeschichte unterfütterten Wirt- an liberalen Grundsätzen orientiert. Auch konnte das Gesetz an ei- schaftsgeschichte anzustellen. ner zunehmenden Globalisierung des Warenterminhandels und eines Zwei konkrete Fallbeispiele schilderten nunmehr CLAIRE- weiteren Preisverfalls nichts ändern, der wiederum auf jener sicheren AMANDINE SOULIÉ (London) und KORINNA SCHÖNHÄRL Rechtsgrundlage für die Kaufmannschaft eine Stärkung bedeutete. (Duisburg-Essen). Bankseits beschrieb Soulié den Aufstieg des Pa- Einen Bogen zwischen rechtsgeschichtlicher und wirtschaftswis- riser Bankhauses Rothschild zum bedeutendsten Eisenbahnbaufinan- senschaftlicher Dimension in der historischen Betrachtung spannte zier Frankreichs. Als Entrepreneur im Warenhandel knüpfte er ers- CARSTEN BURHOP (Bonn): Die Jahre nach der Reichsgründung te Kontakte, interessant wurde jedoch für ihn die Finanzierung des brachten im Deutschen Reich auch eine Reihe neuer Gesetze hervor. Eisenbahnbooms ab etwa 1840. Dem Bankgründer gelang es durch Bald bildeten die Gründungsvorschriften im Aktienrecht (1870/1884) Kredite an die Krone sowie wichtige Marktteilnehmer, die verwandt- und die Vorgaben zur Aktienerstemission (1897) die Basis für den schaftlichen Beziehungen nach London und zu Korrespondenten in seinerzeit häufigen Börsengang von Unternehmen, die insbesondere den Vereinigten Staaten ein ausgedehntes und verlässliches Vertrau- Haftung der Emittenten bei Informationsfehlern vorsahen. Am Bei- ensnetzwerk aufzubauen. Gleichzeitig erkannte er stets die Zeichen spiel des Börsenganges der Ölfabrik Thörl, Hamburg-Harburg (1906ff.) der Zeit, indem er in emerging markets investierte, Konsortien zu zeichnete Burhop die diversen Konfliktlinien nach, die sich vor, wäh- Kapitalakkumulation zusammenführte und frühzeitig die Spargut- rend und nach der Emission zwischen den Gründern und den Banken haben kleiner Anleger für Großprojekte aktivierte. Wirtschaftlich er- respektive den Bankhäusern selber ergaben. Um möglichst schnell und möglichte Rothschild dieses Verhalten das „Obenbleiben“ auch über gewinnbringend die Aktien der Firma an die Börse zu bringen, suchte die wechselnden Machtkonstellationen und Staatsformen im Frank- sich die beauftragte Hannoversche Bank die renommierte Deutsche reich des 19. Jahrhunderts hinweg. Mit dem für ein Lernpotential Bank als Partner aus. Letztere übernahm jedoch schnell die Führung der Wirtschaftsgeschichte besonders spannenden Bereich der Staats- in dem Emissionskonsortium, wo sie ihre weitaus professionelleren verschuldung beschäftigte sich Schönhärl am Beispiel Griechenlands: Vorstellungen des Vorgangs hinsichtlich Bewertung der Firma und Nach dem Unabhängigkeitskrieg (bis 1821) war das hoch verschuldete 197 198 Daniel Reupke Die Börse als Ort von Ressourcenkonflikten im 19. Jahrhundert Land dauerhaft für internationale Kredite gesperrt. Erst 1879 wurde und Europa unter sich aufgeteilt hätten, habe auch der Staat seine eine Staatsanleihe zu 730 Millionen Franc auflegt (bei einem eigenen Interessen zu jeder Zeit gewahrt. Ziegler stellte das Auftreten der Refe- Staatshaushalt von 60 Millionen Franc). Die Referentin hinterfragte renten als Historiker heraus, die nicht Zukunftspropheten sein sollten. im Folgenden das Verhalten der europäischen Geldgeber angesichts Ähnlich formulierte im zweiten Kommentar ACHIM LANDWEHR des unrealistisch anmutenden Volumens der in den folgenden Jahren (Düsseldorf): Er interessiere sich für eine historische Anthropologie an den europäischen Börsen emittierten Papiere. Demnach befanden der Börse, eine Innenansicht von Bullen und Bären. Markthandel sei sich das Berliner Bankhaus Bleichröder, sowie die Londoner Institu- schließlich auch menschliches Handeln und dementsprechend einge- te Gibbs und Hambro in einer Konkurrenzsituation, die von einem bettet in außer- und überbörsliche Faktoren wie Vertrauen, Normen, staatlichen Wirtschaftsimperialismus angefeuert wurde und nicht mit Habgier und Verlustangst. Vor allem diese Normativen, ihre Genese den zu erwartenden geringen Gewinnen begründet werden könne. und Resonanz wurden in vielen Vorträgen behandelt. Darüber hinaus Insbesondere die deutsche Seite erhoffte sich den Zuschlag zu dem ge- fokussierte er auf die Dimension der Zeit: So fungiere die Börse als planten Eisenbahnbau in Nordgriechenland, wodurch die deutschen eine Art Zeitmaschine, denn Börsenhandel sei eine Wette auf Zeit, die Geldeinlagen auch der deutschen Wirtschaft zu Gute kämen. Jedoch ihren Gewinn erst nach einigen Jahren einbringe. Über Vergangenheit wurden diese Hoffnungen bald enttäuscht, als ein britisches Konsor- und Zukunft – schloss der Kommentator mit einer Sentenz Niklas tium den Zuschlag zum Bau der Strecke erhielt. Bald darauf kam es Luhmanns – entscheide schließlich die Gegenwart. So werde die Ge- zum griechischen Staatsbankrott und ein Krieg mit der Türkei führte schichte selbst zur Ressource, die möglicherweise keine Rezepte für zur vollständigen Zahlungsunfähigkeit. Das Deutsche Reich wollte die heutigen Probleme bereithalte, jedoch die Verpflichtung fordere, nun wie die anderen Nationen keine Verantwortung für den entstande- die aktuellen Vorgänge stets zu hinterfragen. nen Schaden übernehmen und sah dies als ein privatwirtschaftliches Auch wenn man den Punkt des Lernpotentials als Historiker nur Problem der Kreditgeber an. Insbesondere Bleichröder hatte mit sei- allzu häufig in den Hintergrund drängt, ist es doch so, dass wirtschaft- nem Engagement mehr politisches Wohlverhalten als wirtschaftliches liche Strukturen und Handlungen der Vergangenheit Folgen hatten, Geschick gezeigt und befand nun Bismarck und das Außenamt in der die auf einer Abstraktionsebene Schemata erkennen lassen, welche Pflicht. Schlussendlich einigte sich ein Gläubigerkonsortium auf eine sich wiederum auf einen abstrahierten Vorgang der Gegenwart bezie- Finanzkommission, die die Entschuldung Griechenlands überwachen hen lassen und so zumindest Richtungen für die Zukunft aufzeigen, sollte. ist doch gerade die Wirtschaftsgeschichte nicht nur im Strom der Zeit, In seinem Kommentar stellte DIETER ZIEGLER (Bochum) die Ko- sondern auch im Zyklus der Konjunktur gefangen. Dafür war die von härenz der Sitzung heraus: So spielten sich die Ressourcenkonflikte an Korinna Schönhärl vielseitig zusammengestellte und umsichtig gelei- den Börsen zwischen verschiedenen Gruppen ab und Ziegler bemühte tete Sektion ein schönes Beispiel: Die Referenten zeigten an Beispielen Max Weber und dessen Einteilung von Amateuren, Ernsthaften und wie Markthandeln an der Börse im 19. Jahrhundert ablief, welchen Spekulanten; letzterer verdiene an ersterem und ohne beide würde der Einfluss die Akteure auf den Staat und staatliche Eingriffe auf den Markt nicht funktionieren. Auch seien Interessenverbände zu nennen, Parketthandel hatten. Für zukünftige Untersuchungen – insbesondere die Regierungen unter Druck setzten oder Einzelpersonen, die entspre- für die geforderten Vergleiche – sind, wie auch im Plenum angeregt, chend gute Kontakte pflegten. Während damals die Banken Wirtschaft vor allem Operationalisierungsprobleme zu thematisieren: Das Markt- 199 200 Daniel Reupke geschehen spielte sich in geschlossenen Gruppen ab. Warum diese Die organisierte Disziplin als Forschungsproblem. Perspektiven informelle Kommunikation der unmittelbaren Nähe zusammenbrach auf eine Geschichte des Historikerverbandes und staatliche Institutionen zunehmend Normativ tätig wurden, wäre noch nachdrücklicher herauszustellen. Neben dieser Institutionellen Leitung: Olaf Blaschke (Trier) / Matthias Berg (Berlin) Revolution müssten sich Rechts- und Wirtschaftshistoriker noch stär- Bericht von: Karin Trieloff, Freie Universität Berlin; Meta Stephan / ker der Wahrnehmungsdimension von Krise, Gewinn und Schulden Chris Vogelsänger, Humboldt-Universität zu Berlin widmen, um die Mechanismen, die zu Investition oder Versagen führ- ten, offenzulegen – auch diese Abstraktion könnte ein Schritt zum Obwohl die deutsche Geschichtswissenschaft sich seit geraumer Zeit besseren Verständnis zeitgenössischer Problemlagen sein. durch eine Tendenz zur Selbsthistorisierung und Selbstreflexion aus- zeichnet, fehlt dem Fach bis heute eine Geschichte seines Verbandes. Sektionsübersicht: Die systematische Aufarbeitung der eigenen Geschichte, zu der sich Carsten Burhop (Bonn): Aktienerstemissionen und Verteilungskonflik- der Verband der Historikerinnen und Historiker Deutschlands (VHD) te nun entschlossen hat, kommt sowohl im Vergleich zu Verbänden an- derer Disziplinen in Deutschland als auch zu anderen nationalen Ver- Korinna Schönhärl (Duisburg-Essen): Konkurrenz der Mächte im Im- bänden spät. Dabei kann eine solche Untersuchung zur Institutiona- perialismus: Die Verschuldung Griechenlands in den 1880er Jahren lisierung der Disziplin einen wichtigen Beitrag zu einem besseren Alexander Engel (Göttingen): Die Diskussion des Börsenterminhan- Verständnis der Bedürfnisse und Möglichkeiten der deutschen Ge- dels um 1900 schichtswissenschaft seit dem Ende des 19. Jahrhunderts leisten. Auf dem 49. Deutschen Historikertag stellte die Sektion „Die organisierte Claire-Amandine Soulié (London): „Le Monde Ne Peut Plus Vivre Disziplin als Forschungsproblem. Perspektiven auf eine Geschichte Sans Ses Chemins de Fer“ – Rothschild railsways and commodity des Historikerverbandes“ die ersten Ergebnisse der Pilotstudie einer trading problemorientierten Geschichte des Verbandes vor. Die Beiträge deck- Boris Gehlen (Bonn): „Manipulierende Händler“ vs. „dumme Agrari- ten den gesamten Zeitraum seit der Gründung chronologisch ab und er“: Reale und symbolische Konflikte um das Börsengesetz von 1896 näherten sich dabei jeweils schlaglichthaft den konstitutiven Momen- ten der Entwicklung des Verbandes. Dieter Ziegler (Bochum); Achim Landwehr (Düsseldorf): Kommentare Der internationale Vergleich der Funktionalität von Historikerver- bänden diente GABRIELE LINGELBACH (Bamberg) in ihrem Vortrag Tagungsbericht Die Börse als Ort von Ressourcenkonflikten im 19. Jahrhun- dazu, Besonderheiten nationaler Verbände herauszuarbeiten. Indem dert. 25.09.2012-28.09.2012, In: H-Soz-u-Kult 29.11.2012. sie die potentiellen Aufgaben und Funktionen eines Verbandes und die potenziell dafür bereitstehenden Mittel zusammentrug, entwickel- te sie einen Ansatzpunkt, um die Spezifika der einzelnen Verbände in den Blick zu nehmen. Für die Disziplin können Verbände 1) eine fach- interne Kommunikation organisieren, 2) den fachlichen Diskurs durch die Akzeptanz thematischer und methodischer Felder standardisieren, 201 202 Die organisierte Disziplin als Forschungsproblem. Perspektiven auf Meta Stephan, Karin Trieloff, Chris Vogelsänger eine Geschichte des Historikerverbandes und 3) die Arbeit der Historiker in Forschung, Lehre und Verwaltung die vor allem die Nachfrage nach fachinterner – wie auch externer durch Serviceleistungen unterstützen. Nach außen hin können sie 4) – Öffentlichkeit befriedigten. Die Etablierung der Historikertage, so eine Interessenvertretung gegenüber der Politik und Verwaltung wahr- Bergs These, ging auf einen „Wandel in der Präsentation und Dis- nehmen und 5) in der Wissensvermittlung für ein breiteres Publikum kussion historischer Forschung“ zurück. Dem Verband sei in seiner eine Brücke zur Öffentlichkeit schlagen. Als Mittel, um diese Aufgaben Frühzeit keine Hoheits-Funktion zugekommen, methodische Fragen zu erfüllen, stehen die Organisation von Kongressen, die Herausgabe und Debatten wurden auch andernorts ausgefochten. Doch diese ver- von Veröffentlichungen, die Vergabe von Preisen, das Einsetzen his- meintliche Schwäche habe integratives Potential erzeugt, da sich die torischer Kommissionen sowie die Organisation von Vortragsreihen Historikerschaft über methodische Kontroversen und außerpreußi- zur Verfügung. Keiner der von Lingelbach untersuchten Verbände sche Perspektiven hinaus einen konnte. Zur Jahrhundertwende löste deckt allerdings das gesamte Spektrum dieser potentiellen Verband- ein Trend zur „Disziplinierung“ die Offenheit und Heterogenität des stätigkeiten ab. Im zweiten Teil richtete sie ihren Blick auf strukturelle Verbandes jedoch immer mehr ab. Die fachwissenschaftlichen Eliten Unterschiede der Verbände und ihre möglichen Gründe. Es sei ein nahmen im Ausschuss des Verbandes durch die Auswahl des Pro- Zusammenhang der geographischen und politischen Gegebenheiten gramms der Historikertage immer mehr Einfluss auf die Setzung von eines Landes und der Organisationsformen seines Historikerverban- methodischen und thematischen Standards. In der internationalen des zu beobachten: Je größer, heterogener und dezentraler verfasst die Öffentlichkeit kam dem deutschen Historikerverband als Vertreter auf Geschichtswissenschaft eines Landes ist, desto notwendiger erschien den seit der Jahrhundertwende stattfindenden internationalen Histori- ein nationaler Historikerverband. Die frühe Bildung des amerikani- kertagen eine wichtige Rolle zu. Wie wichtig das Wirken des Verbandes schen Historikerverbands lasse sich so erklären, aber auch das Fehlen auf internationaler Ebene war, zeigte sich nach dem Ersten Weltkrieg. eines französischen, da sich das wissenschaftliche Leben in Frank- Es gelang ihm, die aus dem Krieg resultierende Isolierung der deut- reich vor allem auf Paris konzentriere. Hemmend für die Entstehung schen Historiker relativ schnell zu überwinden, was sich nach 1945 und Entwicklung nationaler Verbände seien sowohl Konkurrenzin- mit erstaunlicher Ähnlichkeit wiederholen sollte. Nach dem Macht- stitutionen als auch eine durch ideologische Differenzen gespaltene antritt der Nationalsozialisten betonte der Verband, lediglich seine Historikerschaft. vermeintlich rein wissenschaftliche Ausrichtung wahren zu wollen. Der Frage, welcher Aufgaben sich der deutsche Verband von seiner Die Bestrebungen Karl Brandis, der seit 1932 den Vorsitz des Verban- Gründung bis ins Jahr 1945 annahm, wie er diese zu lösen vermochte des innehatte, dem Verband eine gewisse institutionelle Autonomie und welchen Grenzen er sich gegenüber sah, widmete sich MAT- und Handlungsspielräume zu sichern, sollten jedoch erfolglos bleiben. THIAS BERG (Berlin). Der Verband trat bei seiner Gründung in ein Der Verband wurde zunehmend bedeutungslos und hatte ab dem ausdifferenziertes Institutionsgefüge, in dem sich die Geschichtswis- Internationalen Historikertag von Zürich 1938 keine Funktion mehr. senschaft an den Universitäten gefestigt hatte, einen Themen- und Der Verband, so resümierte Berg, war vor allem in seiner Funktion Methodenkanon sowie im Publikationsorgan der Historischen Zeit- als internationaler Vertreter und als Organisator der Historikertage schrift ein fachinternes Leitmedium besaß. Nach Berg gründete sich erfolgreich. Dies allerdings lasse es noch nicht zu, von ihm als einer der Verband daher für eine prominente Rolle zu spät. Es blieb ihm „Zusammenfassung“ (Otto Hoetzsch) der deutschen Historikerschaft zu Beginn nur die Organisation und Etablierung der Historikertage, zu sprechen. 203 204 Die organisierte Disziplin als Forschungsproblem. Perspektiven auf Meta Stephan, Karin Trieloff, Chris Vogelsänger eine Geschichte des Historikerverbandes Ausgehend von der Rede einer „Krise der Geschichte“, wie sie in nach der Funktion des Konkurrenzverhältnisses „für die institutio- den 1970er-Jahren formuliert wurde und sich ganz augenscheinlich im nelle Selbstverständigung, den fachlichen Geltungsanspruch und die Rückgang der Studierendenzahlen sowie der Kürzung des Faches in (fach)politische Handlungsweise der konkurrierenden Teilverbände den Lehrplänen spiegelte, zeigte OLAF BLASCHKE (Trier), wie sich VHD und Historiker-Gesellschaft“ im Zentrum. Zur Beantwortung der Verband dieser Herausforderung verbandsintern und bildungs- dieser Frage bedürfe es eines theoretischen Konzepts, das von den vor- politisch annahm. Obwohl der Verband von der „Krise“ 1970 direkt handenen Beschreibungsmodellen nicht hinreichend geliefert werde. betroffen war – zum ersten und einzigen Mal verzeichnete er rückläu- Vielmehr müssten die bisherigen Modelle selbst als Bestandteil der fige Mitgliederzahlen – erlebte er weder strukturelle Veränderungen deutsch-deutschen Beziehungsgeschichte gelesen werden. Dies gelte noch einen Generationenwechsel im Vorstand. Allerdings wurden die auch für das von Christoph Kleßmann1 entworfene Konzept einer Vortragenden auf den Historikertagen jünger, und der Verband posi- „asymmetrisch verflochtenen Parallel- und Abgrenzungsgeschichte“. tionierte sich bis 1978 zunehmend auch politisch. Keine Probleme habe Es unterstelle eine prinzipielle Gleichartigkeit und könne so die innere der Verband – anders, als es zu erwarten wäre – mit der innerfachlichen Logik der Systeme nicht erfassen. Die gegenseitige Rezeption sei viel- Herausforderung durch neue Methoden gehabt. Sozialgeschichtliche mehr als inkompatibel zu beschreiben. Das Festhalten der Fachvertre- Sektionen fanden wie selbstverständlich ihren Platz auf den Histo- ter beider deutscher Staaten an einer „Einheit des Fachs“ bis Mitte der rikertagen. Eine größere Herausforderung stellten die fachexternen 1950er-Jahre sei als „kompetitive Selbstvergewisserung auf gemeinsa- Konflikte der Zeit dar. Im Zuge der Studentenunruhen schien eine mem Boden“ zu verstehen. Nachdem es in Folge des Historikertags ungestörte Durchführung des 1969 in Köln geplanten Historikertags 1953 zu einer scharfen Polemik in der Zeitschrift für Geschichtswis- nicht möglich. Kurzerhand wurde dieser ins nächste Jahr verschoben, senschaft gegen die Geschichtswissenschaft der Bundesrepublik kam, wo er, entgegen der nach wie vor bestehenden Ängste, ungehindert hielt diese zwar weiter an der postulierten Einheit fest, antwortete aber abgehalten werden konnte. In der bildungspolitischen Konkurrenz mit ihrerseits mit Kritik an der Wissenschaftskultur der DDR. Diese Kon- der Soziologie und Politikwissenschaft gelang es dem Verband dank flikte mündeten in die schon länger vorangetriebene Gründung eines einer geschickten Öffentlichkeitsarbeit, ausgezeichneter Verbindungen eigenen Verbandes der DDR-Historiker, der Historiker-Gesellschaft zu Kultusministerien und Vernetzungen mit Entscheidungsgremien (HG) im März 1958. Noch im selben Jahr manifestierte sich die Spal- auf Bundes- und Länderebene, sich im „Ressourcenkonflikt“ um die tung der Zunft auf dem Historikertag von Trier mit der Abreise der Mittelvergabe und den Stellenwert des Faches Geschichte an Schule DDR-Delegation. So trat 1958 nicht nur die „institutionelle Abschot- und Universität erfolgreich zu positionieren und die Interessen seiner tung“ der beiden Geschichtswissenschaften zum Vorschein; auch das Mitglieder zu vertreten. „gemeinsame ost-westliche Paradigma der diskursiven Ausgrenzung“ Da eine Gesamtgeschichte des Historikerverbandes ohne die Be- erhielt seine Gestalt. Vor allem für die DDR-Geschichtswissenschaft trachtung der institutionellen Dissoziierung und Reintegration der zeigte sich die Ausgrenzung der Westwissenschaft als stabilisierender ostdeutschen Geschichtswissenschaft unvollständig sei, widmete sich Faktor. Der Einfluss, den beide Geschichtswissenschaften aufeinan- MARTIN SABROW (Potsdam/Berlin) der deutsch-deutschen Konkur- der ausübten, habe eine unterschiedliche Qualität besessen: Während renzgeschichte der Geschichtswissenschaft und den Bezugnahmen 1 Christoph Kleßmann, Verflechtung und Abgrenzung. Aspekte der geteilten und zu- der beiden deutschen Verbände aufeinander. Dabei stand die Frage sammengehörigen deutschen Nachkriegsgeschichte, in: Aus Politik und Zeitgeschichte B 29-30/1993, S. 30–41. 205 206 Die organisierte Disziplin als Forschungsproblem. Perspektiven auf Meta Stephan, Karin Trieloff, Chris Vogelsänger eine Geschichte des Historikerverbandes der Westen den Blick kaum nach Osten richtete, beschäftigte sich die des Stückes bildete im zweiten Akt die vom Unabhängigen Histori- DDR-Geschichtswissenschaft permanent mit ihrem westlichen Geg- kerverband (UHV) vorgeschlagene Podiumsdiskussion „Zur Lage der ner. Beide projizierten das eigene Wissenschaftsverständnis auf den Geschichtswissenschaft in der DDR“, wo Armin Mitter Anklage gegen jeweilig anderen, um ihn so zu „entlarven“. Diese Projektion habe die DDR-Geschichtswissenschaft und eine vorschnelle Vereinigung zunehmend zu einer „Demaskierung durch Anverwandlung“ geführt. führte. Im dritten Akt des Dramas standen die Folgen des Bochumer Doch trug die Rezeption auch zu Veränderungen im Westen bei. So Historikertags: der Umbau des Wissenschaftsbetriebes Ost und die hätten sich mit der Zeit auch westdeutsche Historiker die eigene Stand- Neuorientierung der deutschen Geschichtswissenschaften weg vom ortgebundenheit eingestanden und der DDR-Geschichtswissenschaft Modell des deutschen Sonderweges und hin zu einer intensiven Er- emanzipatorische Entwicklungen zugestanden. Durch die gegensei- forschung des DDR-Staats, welche auf nationaler Ebene im Vergleich tige Rezeption sei – wenn auch zeitlich verschoben – das Einfalltor zu 1945 als erfolgreiches Projekt beschrieben werden könne. Das Prä- für eine schleichende Integration beider Wissenschaften geschaffen dikat des „Vereinigungs-Historikertags“ sprach Cornelißen Bochum worden. Diese Integration fand im Zuge eines Prozesses statt, in dem ab: Vielmehr müsse man ihn einen ersten Schritt auf dem Weg eines die DDR durch internationale Anerkennung auf Stabilisierung hoffte. langen und schmerzhaften Vereinigungsprozesses nennen. In den ersten Erfolgen dieses Prozesses verbarg sich aber vor allem STEFAN BERGER (Bochum) stellte in seinem Kommentar erneut die Erosion der sinnweltlichen Grundlagen des Faches. So kam es die Frage nach den Gründen für die späte Gründung des Verban- zu einer Integration, in der die Kooperationsbereitschaft des Westens des. Dabei verwies er auf den Umgang deutscher Historiker mit der eine identitätszerstörende Wirkung im Osten entfaltete. Im Jahre 1990, Nation als ein mögliches Gründungsbedürfnis. Als sich die Gefahr nach einer vorherigen Loslösung der HG von ihrem „sozialistischen einer preußisch-deutschen Geschichtspolitik als inhaltliche und me- Wissenschaftsverständnis“, kam es schließlich zur Vereinigung der ost- thodische „Ordnungsmacht“ der nationalen Geschichtsschreibung und westdeutschen Historiker. abzeichnete, habe sich der Verband gegründet. So könne man auch Dass diese Vereinigung nicht reibungslos vonstatten ging, zeigte Bergs Ausführungen verstehen, die den Verband in seinem Anfang als CHRISTOPH CORNELIßEN (Düsseldorf) in seinem Beitrag über den vermeintlich oppositionelles Vehikel der süddeutschen und österreichi- Historikertag in Bochum 1990. Nach dem unerwarteten Umbruch der schen Historiker charakterisierten. Dabei könne jedoch in keiner Weise Verhältnisse in der DDR sah man sich in Bochum mit der vierzigjähri- von einem nationalkritischen Verband die Rede sein. Das Bemühen gen Geschichte der DDR-Geschichtswissenschaft konfrontiert. Corne- um Reintegration auf internationalem Boden müsse vielmehr im Ne- lißen zeichnete die Vorgänge auf dem Bochumer Zusammentreffen als beneinander mit der „nationalistischen“ und „revisionistischen“ Rolle „klassisches Drama“ in drei Akten, das kathartisch die Selbstreflexion der deutschen Historikerschaft sowohl in den beiden Weltkriegen als der Zunft befördert habe. Die Vorbereitungen des Historikertags, die auch in der Zwischenkriegszeit als eine „krankhafte Form von Schizo- Kontakte des VHD zur HG bezüglich einer möglichen Zusammenfüh- phrenie“ diagnostiziert werden. Eine Perspektivenerweiterung könne rung mit sich brachten, waren als erster Akt von dem behutsamen Vor- ein konsequenterer internationaler Vergleich bringen. So sei die Frage gehen des VHD geprägt, der der ostdeutschen Geschichtswissenschaft nach dem Verhältnis sich entgegenstehender Geschichtswissenschaf- mit Respekt zu begegnen suchte, angesichts des ihr bevorstehenden, ten in anderen Ländern unter dem Paradigma der Wahrnehmungs- vollständigen Umbaus ihres Wissenschaftssystems. Den Höhepunkt und Zuschreibungsgeschichte, wie sie Martin Sabrow für die geteil- 207 208 Meta Stephan, Karin Trieloff, Chris Vogelsänger te deutsche Zunft fordert, eine interessante Ergänzung und erfülle Sektionsübersicht: auch die Forderung nach Überwindung nationaler Selbstbezogenheit. Gabriele Lingelbach (Bamberg): Funktionen von Verbänden im inter- Zuletzt lenkte Berger die Aufmerksamkeit auf die Frage nach der Wirk- nationalen Vergleich. mächtigkeit von politischen Zäsuren im Wissenschaftsbereich. Auch wenn dieser nicht unabhängig sei, ließen bestimmte Kontinuitäten auf Matthias Berg (Berlin): Verspätet oder verfrüht? Der Historikerverband eine Teilautonomie und auf eigene Zäsuren schließen. im geschichtswissenschaftlichen Feld zu Beginn des 20. Jahrhunderts. Angesichts der zentralen Funktion, die der Verband als Medi- Olaf Blaschke (Trier): Der verband im Umbruch? Herausforderungen um inner- wie außerfachlicher Kommunikation übernahm und über- und Konflikte um 1970. nimmt, kann die Geschichte des Verbandes dazu dienen das Span- nungsverhältnis zwischen politischer Bedingtheit und wissenschaft- Martin Sabrow (Potsdam): Der Kalte Krieg der deutsch-deutschen licher Autonomie der Disziplin besser zu fassen. So kann man aus Geschichtswissenschaft 1949-1989. der in der abschließenden Diskussion medienwirksam aufgeworfe- Christoph Cornelissen (Düsseldorf): „Vereinigungs-Historikertag“? nen These von der „Verlangweilung“2 der Historikertage noch immer Bochum 1990. das Bedürfnis der Historikerschaft nach breiter Öffentlichkeit lesen, wie es Matthias Berg bereits als Motiv zur Gründung des Verban- Stefan Berger (Bochum): Kommentar. des ausmacht. ULRICH HERBERT (Freiburg) artikulierte in dieser Formulierung seinen Wunsch nach übergeordneten und öffentlich- Tagungsbericht Die organisierte Disziplin als Forschungsproblem. Perspek- keitswirksamen Fragen, mit denen sich die Disziplin aus ihren Spezia- tiven auf eine Geschichte des Historikerverbandes. 25.09.2012-28.09.2012, lisierungen wieder lösen und zusammenführen ließe. Die Prognose In: H-Soz-u-Kult 22.11.2012. von der zunehmenden „Langeweile“ und dem Bedeutungsverlust der Historikertage stieß beim Podium jedoch auf wenig Zustimmung. Vor allem Stefan Berger zeigte sich über den Trend zur Pluralisierung der Wissenschaft erleichtert. Christoph Cornelißens Betonung der Kon- Erinnerung als umkämpfte Ressource in der Frühen Neuzeit textabhängigkeit der Geschichtswissenschaft und somit auch ihrer öffentlichen Debattenfähigkeit führte die Sektion zum Ende erneut auf Leitung: Kerstin Weiand (Marburg) / Ulrich Niggemann (Marburg) den eigentlichen Untersuchungsgegenstand. Angesichts des großen Bericht von: Julian Katz, Seminar für Neuere Geschichte, Philipps- Besucherinteresses und der scharf geführten Diskussion um die Be- Universität Marburg deutung der Geschichtswissenschaft in der Gegenwart bestätigte sich das Interesse an einer Selbstreflexion ihres Verbandes. Das Motto des 49. Historikertages „Ressourcen – Konflikte“ fand in mehrfacher Hinsicht Eingang in die von KERSTIN WEIAND und UL- RICH NIGGEMANN (beide Marburg) geleitete Sektion „Erinnerung als umkämpfte Ressource in der Frühen Neuzeit“. Die Einführung in das Konzept der Sektion ging aus von der Feststellung, dass die Erin- 2 Bodo Mrozek, Alte Schlachtrösser gegen junge Milde, in: Tagesspiegel 01.10.2012. nerungsforschung in der Geschichtswissenschaft in den letzten Jahr- 209 210 Julian Katz Erinnerung als umkämpfte Ressource in der Frühen Neuzeit zehnten einen immensen Bedeutungszuwachs erfahren habe. Große gung seiner Lehre begleitet worden. Zentral sei dabei das Verhältnis Aufmerksamkeit hat dabei insbesondere die „problematische“ jüngere von Erinnerung und Wahrheit gewesen, da die Heilige Schrift entge- Vergangenheit erfahren. Besonderes Potenzial liege jedoch gerade dar- gen Luthers Meinung als vielfältig interpretierbar erkannt worden sei in, Erinnerung vor dem Hintergrund der Ideologie- und Identitätsbil- – ebenso wie seine Schriften. dungsprozesse der Frühen Neuzeit als Ressource zu betrachten, die für Allerdings habe gerade der spezifisch reformatorische Wahrheits- die sozio-politischen Kollektivierungsprozesse etwa im Rahmen von begriff, der als antithetisch zur vernunftbetonten scholastischen Theo- Konfessions- und Staatsbildung konstitutiv war. Die Erinnerung stehe logie konzipiert worden sei, eine radikale Differenzierung von Glaube dabei im Spannungsverhältnis zwischen freier Zugänglichkeit und Ver- und Unglaube, wahrer und falscher Lehre ermöglicht. Seine Uneindeu- knappung durch Auswahl bestimmter Erinnerungsgegenstände und tigkeit habe jedoch zugleich bewirkt, dass Wahrheit durch ständige -narrative. Dies mache sie zur umkämpften und konfliktbeladenen Schriftauslegung und historische Kontextualisierung der Aussagen Lu- Ressource. Ihre Untersuchung gewähre vielfältige Erkenntnismöglich- thers erzeugt werden musste. Infolgedessen sei anstelle kontroverser keiten hinsichtlich der Bedingungen unter denen sich in der Frühen theologischer Aussagen das Augsburger Bekenntnis, das eine protes- Neuzeit kollektive Identitäten und Gesellschaftsmodelle entwickelten. tantische Identität festschrieb, als historischer Kulminationspunkt der Diese Möglichkeiten anhand von Erinnerungsnarrativen zu beleuch- Reformation längerfristig in den Mittelpunkt des Erinnerns gerückt. ten, die mittel- und langfristig zur nationalen Identitätsbildung in Der nachfolgende Vortrag von OLAF MÖRKE (Kiel) ging vom Deutschland, den Niederlanden und England beitrugen, war das Ziel Wilhelmus-Lied – der späteren niederländischen Nationalhymne – als der Sektion. aktuellem Bezugspunkt aus. Das zentrale, zugleich aber unausgespro- Den Anfang machte MARCUS SANDL (Zürich) mit einem Vortrag chene Motiv dieses um 1570 entstandenen Liedes – die rechtmäßig über die Bedeutung der „Reformationserinnerung“ für die „konfessio- erkämpfte Freiheit im Gegensatz zur spanischen Tyrannei – sei in nelle Differenzsetzung“, der die prinzipielle Gegenwartsorientierung den „politischen Debatten der niederländischen Republik“ als „um- von Erinnerung veranschaulichte, die Voraussetzung der gesamten kämpftes Gut“ und maßgebliches Motiv der Aufstandserinnerung Sektionskonzeption war. Ausgehend vom 2017 stattfindenden fünf- identifizierbar. Aufgrund mangelnder Präzision sei das Freiheitsmotiv hundertjährigen Jubiläum des Thesenanschlags als einem Kristallisati- anschlussfähig für divergierende Interpretationen gewesen. Dies habe onspunkt der gegenwärtigen Reformationserinnerung und Berufung den Kampf um die Deutungshoheit über dieses wesentliche Erinne- auf ihr Erbe in Deutschland fragte Sandl, wie sich das Erinnern an rungsnarrativ des Aufstandes ermöglicht und ihn zugleich begrenzt, die Reformation in der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts gestaltete. da das Bekenntnis zur Freiheit ein allgemeines gewesen sei. Seine zentrale These lautete, die Reformationserinnerung habe in einer Daneben sei das Erinnern an den Aufstand vom Ideal der adelig- „reformatorischen Ökonomie der Wahrheit“ als Ressource gedient, die ständischen Mischverfassung geprägt und die Aufstandserinnerung im Prozess der konfessionellen Differenzierung eingesetzt worden sei. an zentraler Stelle mit der fürstlichen Person Wilhelms von Oranien Die Reformationserinnerung, die sich nach Luthers Tod zunächst verknüpft gewesen, der im Auftrag der Stände die Freiheit erkämpft an seiner mit heilsgeschichtlichen Topoi überformten Vita und ab den habe. Der permanente Verweis auf die Mischverfassung der nieder- 1560er-Jahren an der Confessio Augustana festmachte, sei schon früh ländischen Republik sei Ausdruck der Dynamik, Flexibilität und Viel- von heftigen Kontroversen um Luthers Vermächtnis und die Ausle- deutigkeit ihres politischen Diskurses und Politikmodells sowie des 211 212 Julian Katz Erinnerung als umkämpfte Ressource in der Frühen Neuzeit Erinnerungsnarratives, auf dem beide beruhten. ein englisches Eingreifen in den kontinentaleuropäischen Konfessions- Im 17. Jahrhundert habe daher das Freiheitsnarrativ vom Bild des krieg gefunden, in denen auch die Identität Englands und seine Rolle Pater Patriae, mit dem sich Oraniens Nachkommen politisch legitimier- im konfessionell entzweiten Europa verhandelt wurden. Im Zuge hefti- ten, wegführen können, hin zu einem Freiheitsbegriff ohne adelige ger Deutungskämpfe habe sich das defensive Erinnerungsnarrativ der Beteiligung. Die Kontrastierung der kollektiven Erringung der Frei- Armada-Schlacht in diesem Kontext zu einem offensiven gewandelt, heit mit dem Bild Oraniens als individuellem Freiheitshelden habe das Interventionsbefürworter zur Formulierung einer offensiven Füh- widerstreitenden Interpretationen der Respublica mixta entsprochen. rungsrolle Englands genutzt hätten, und so mittelfristig auch eine Rol- So hätten sich die Deutungskämpfe um die Identität der Republik le bei der Formulierung des englisch-britischen Seemachtsanspruchs zwischen einer ständesouveränen Perspektive (kollektive Freiheits- spielen können. erringung) und einer dazu gegensätzlichen fürstlich-oranischen und Das England des späten 17. und frühen 18. Jahrhunderts nahm UL- daher auf die Person Wilhelms von Oranien bezogenen Sichtweise RICH NIGGEMANN mit einem Vortrag über die Erinnerung an die abgespielt. Glorreiche Revolution (1688/89) „zwischen Aneignung und Deutungs- KERSTIN WEIAND schloss hieran mit einem Vortrag zur engli- kampf“ in den Blick. Im Vordergrund stand die Frage nach der Rolle schen Erinnerung an die spanische Armada (1588) im „Widerstreit der Revolutionserinnerung bei der Bildung verschiedener politischer nationaler Identitäten“ an. Bis heute wird die (keineswegs kriegsent- Identitäten in den Folgejahrzenten der Revolution. Erste Versuche, ein scheidende) Niederlage der Armada vonseiten der Forschung als wich- affirmatives Erinnerungsnarrativ zu etablieren, hätten bereits 1689 ein- tige Ikone englischer Erinnerungskultur betrachtet, die maßgeblich zur gesetzt. Inhaltlich sei dabei viel Freiraum vorhanden gewesen, solange Entstehung einer nationalen Identität als Seemacht beigetragen habe. die Revolution grundsätzlich bejaht wurde. Die so entstandene „multi- Dieses Bild erweise sich allerdings als korrekturbedürftig. Die frühe polare Erinnerung“, habe der Aneignung durch verschiedene Interes- Erinnerung an das Ereignis, die vonseiten der englischen Regierung sengruppen offen gestanden, während der existierende Grundkonsens sehr bewusst gesteuert wurde, sei keineswegs von einem besonderen positiver Revolutionsdeutung durch den publizistischen Kampf gegen Triumphgefühl bestimmt worden, sondern sei im Gegenteil in hohem Revolutionsgegner aufrecht erhalten worden sei. Maße defensiv ausgerichtet gewesen. Die Betonung der göttlichen Vor dem Hintergrund massiver Auseinandersetzungen um das We- ‚Deliverance’ und der inneren Eintracht sowie die Alterität zu Spanien sen der nachrevolutionären anglikanischen Kirche und das Verhältnis habe so zur ‚Neuerfindung’ einer protestantischen Nation beigetra- von Kirche und Staat sei die Revolutionserinnerung zum Konflikt- gen. Angesichts innerer Konflikte sei die Armadaerinnerung so als feld konträrer Deutungen über Verlauf und Charakter der Revoluti- Ressource zur Konstituierung eines integrativen nationalen Identifika- on geworden, die entweder in der fürstlich-souveränen Intervention tionsraumes genutzt worden. Wilhelms von Oranien (später Wilhelm III. von England) oder im Wi- Das dadurch entstandene Erinnerungsmodell einer defensiven pro- derstand der englischen Nation das ausschlaggebende revolutionäre testantischen Nation sei jedoch offen angelegt gewesen, weshalb es Moment gesehen hätten. Die Revolution selbst sei jedoch nicht in- nach Elisabeths Tod, im Zuge des dynastischen Wechsels, erfolgreich frage gestellt worden; vielmehr sei sie wesentlicher Bestandteil der habe aktualisiert werden können. Nach Beginn des Dreißigjährigen Identität beider Seiten gewesen, die sich gegenseitig das Abweichen Krieges habe die Armadaerinnerung Eingang in die Kontroversen um von ihren Prinzipien und Idealen unterstellten. Entgegen derartiger 213 214 Julian Katz Erinnerung als umkämpfte Ressource in der Frühen Neuzeit Deutungskämpfe habe die Erinnerung an die Revolution aufgrund politisch-kulturellen Perspektive verhaftet blieben. Ökonomische Ka- des grundsätzlichen affirmativen Erinnerungsnarratives mittelfristig tegorien wurden jedoch durch Begrifflichkeiten, wie Ressource oder allerdings einen stabilisierenden, sogar einigenden Effekt bei der Kon- Wahrheitsökonomie angedeutet. Somit wurde verdeutlicht, dass auch stituierung einer geschichtsbezogenen britischen nationalen Identität kulturelle Zusammenhänge über ihre eigenen, auf immaterielle Güter erzielen können. und symbolisches Kapital bezogenen Ökonomien verfügen. MARIAN FÜSSEL (Göttingen) schloss die Vorträge mit seinen Dementsprechend stellte HORST CARL (Gießen) in seinem Ausführungen über die Erinnerung an den Siebenjährigen Krieg (1756- Schlusskommentar die berechtigte Frage, ob die der Ökonomie ent- 1763) bis ins frühe 19. Jahrhundert ab. Dabei stand für ihn besonders liehene Ressourcenmetapher tatsächlich einen Erkenntnisgewinn ver- die Erinnerung an Schlachten des Krieges „als kulturelle Ressource“ spreche oder eher eine Konzession an das Motto des Historikertages mit realem materiellen Potenzial im Vordergrund. Nach Kriegsende darstelle. Die Ressourcenmetaphorik sei durch Sandl programmatisch habe Friedrich II. in Preußen begonnen, die Schlachten- und Kriegserin- entfaltet worden, indem er den Verwertungszusammenhang von Erin- nerung streng zu kontrollieren, indem er das Entstehen nicht-offizieller nerung als Grundlage der konfessionellen Wahrheitsdefinition thema- alternativer Erinnerungsnarrative zu verhindern versuchte, weshalb tisiert habe. Dadurch sei ein für die Frühe Neuzeit neuer Denkrahmen eine umfassende historiografische Aufarbeitung des Krieges erst nach aufgezeigt worden: die Erinnerungswürdigkeit von Ereignissen durch seinem Tod habe einsetzen können. ihre Historizität. Als exportierbare Produkte zur Sicherstellung der Zuvor schon sei es aber zur populären Medialisierung der Kriegs- Zukunftsfähigkeit spezifischer Interpretationen der Vergangenheit sei- ereignisse gekommen, die nach Beendigung des Krieges auch zur en hierbei Jubiläen übrig geblieben. Dies jedoch – so die Kritik an ökonomisch nutzbaren Erinnerungsressource wurde. Die kommerzi- Sandls Ansatz – führe weg von der Idee prozessualer Herstellung von elle Nutzung sei dabei in bereits moderner Anmutung mit patrioti- Wahrheit per se unter Verwendung besagter Ressource. scher Identifikation einhergegangen; der Krieg habe zum „Konsum- Im Hinblick auf Mörkes Ansatz konstatierte Carl, es sei fraglich, gut“ werden können. Einer ihrer Aspekte sei der kommerziell nur ob man allein die Personalisierung speziell der niederländischen Auf- lokal bedeutsame allerdings für translokale patriotische Identifikation standserinnerung tatsächlich als Kontrast zu einer ständesouveränen anschlussfähige bürgerliche Schlachtfeldtourismus gewesen. Ausrichtung des Mischverfassungskonzeptes deuten könne. Immer- Als umkämpfte Ressource habe sich die Kriegserinnerung aber- hin habe die spätere Republik ebenfalls Heldenfiguren ‚generiert‘ – mals in den Napoleonischen Kriegen erwiesen, als die preußische mit dem Unterschied, dass diese keine adeligen Anführer, sondern Kriegspartei ebenso wie Napoleon versucht hätte, sich die Erinne- Seehelden gewesen seien. Helden seien mithin „Erinnerungsträger rung an bestimmte Schlachten und Protagonisten des Siebenjährigen par excellence“ und keineswegs an spezifische Erinnerungsdiskurse Krieges zum Zweck der Prestigegewinnung anzueignen. Besonders gebunden. Napoleons Umgang mit der Erinnerung an die Rolle Friedrichs II. Eine gewisse Problematik liege zudem in der Annahme der Res- habe dabei langfristig nicht allein sein Prestige, sondern vor allem das sourcenknappheit als Konfliktmotor. Zwar zeigten vor allem die Bei- Ansehen Preußens und seines bis heute populärsten Königs gestärkt. träge Weiands, Niggenmanns und Füssels wie Obrigkeiten versucht Füssel nahm somit Erinnerung ausdrücklich als kommerziell nutz- hätten, Erinnerungsprozesse zu steuern, alternative Erzählungen zu bare Ressource in den Blick, während die übrigen Beiträger einer unterdrücken und Erinnerung künstlich zu verknappen, allerdings 215 216 Julian Katz Erinnerung als umkämpfte Ressource in der Frühen Neuzeit sei ebenso deutlich, dass derartige Verknappungsversuche durchaus zwangsläufig durch Knappheit, sehr wohl aber durch die Möglichkeit erfolgreich unterlaufen würden. Dies lasse die erfolgreiche Verknap- ihrer Verknappung auszeichnet, wodurch sie zum umkämpften Gut pung von Erinnerung als fragwürdig erscheinen. Zusätzlich werfe wird. Allerdings ist auch zu berücksichtigen, dass der vormoderne es die Frage auf, ob Erinnerung – sofern sie nicht einer für Ressour- Staat aufgrund fehlender Instrumentarien Schwierigkeiten hatte, diese cen üblichen begrenzten Verfügbarkeit unterliege – überhaupt als Verknappung dauerhaft erfolgreich zu leisten. Ressource betrachtbar sei oder ob sie nicht eher als Medium oder Ausgehend von der Erfassung kollektiver Erinnerung als einer im Vermarktungsmechanismus bei der Distribution bestimmter Wirklich- Rahmen gesellschaftlicher Prozesse der Identitätsbildung, „verknapp- keitsdeutungen gesehen werden müsse. Weitere generelle Fragen, die baren“ Ressource (Füssel), als einem symbolisch-kulturellen Kapital, durch die Sektion aufgeworfen würden, bestünden darin, dass alle dessen Verfügbarkeit und Zugänglichkeit in der Frühen Neuzeit bis zu in ihrem Rahmen vorgestellten Erinnerungsdiskurse in affirmativen einem gewissen Grad regulierbar war, gelang es im Rahmen der Sekti- Kontexten stattgefunden hätten, wodurch eventuelle Gegennarrative on der anhaltend aktuellen historischen Erinnerungsforschung einen radikalen Dissenses unberücksichtigt blieben. Vor diesem Hintergrund neuen, interessanten Aspekt hinzuzufügen. Zusätzlich wurde durch von umkämpfter Erinnerung zu sprechen sei offenkundig schwierig. die Feststellung, dass Kämpfe um die Aneignung dieser Ressource Zudem fragte Carl, ob nicht ein Spezifitätsmangel der vorgestellten selbst ein zentraler Bestandteil besagter Kollektivierungsprozesse und Erinnerungsnarrative feststellbar sei: Sie alle beinhalteten Erzählungen ihrer immanenten Dynamik seien, eine kulturgeschichtliche Anwen- der ‚Befreiung‘, die schlechterdings konstitutiv seien für den „Narrati- dung eines (aus ökonomischen Zusammenhängen entlehnten) auf onshaushalt“ praktisch aller Nationen. Ressourcenverteilung und -konkurrenz bezogenen Konfliktbegriffes Man kann in diesem letzten Punkt anstelle eines Problems zwei- gewinnbringend ausgelotet. felsohne eine relevante Erkenntnis sehen. Ebenso ist zu festzuhalten, Sektionsübersicht: dass die verschiedenen Vorträge aufzeigen konnten, dass Erinnerungs- prozesse sich in der Regel durch ein hohes Maß interpretatorischer Marcus Sandl (Zürich): Luthers Erbe. Reformationserinnerung und Offenheit auszeichneten, wobei gerade der Spezifitätsmangel bestimm- konfessionelle Differenzsetzung in der Frühen Neuzeit ter Erzählungen und Wirklichkeitsinterpretationen dynamisierend Olaf Mörke (Kiel): ’Freiheit’ als umkämpftes Gut – Aufstandserinne- wirkte, da er konkurrierende und zugleich affirmative Vergangen- rungen in den politischen Debatten der niederländischen Republik heitsdeutungen ermöglichte, die auf Basis eines geteilten Wertehori- zonts miteinander konfligierten. Dies lieferte der Herausbildung und Kerstin Weiand (Marburg): Memory War – Die Armada-Schlacht im Entwicklung nationaler und/oder konfessioneller Identitäten ganz Widerstreit nationaler Identitäten wesentliche Impulse, wie die Beiträge zur Sektion überzeugend nahe- Ulrich Niggemann (Marburg): „No Man presumes to call in Ques- legen. Im Anschluss an Füssels Diskussionsbeitrag, der sich gegen eine tion the Revolution. . . ”. Die Erinnerung an die ’Glorious Revolution’ rein essenzialistische Interpretation des Ressourcenbegriffs wandte zwischen Aneignung und Deutungskampf und deren Charakter als Zuschreibung betonte, konnte zudem auf Carls Hinweis auf die Knappheit als Voraussetzung des Ressourcen- Marian Füssel (Göttingen): Kampf der Erinnerungen. Das Gedenken charakters erwidert werden, dass Erinnerung als Ressource sich nicht an den Siebenjährigen Krieg als kulturelle Ressource 217 218 Ersatzstoffwirtschaft als innovative Lösungen für Ressourcenkonflikte im Ersten und Zweiten Weltkrieg? Horst Carl (Gießen): Kommentar nach den Kontinuitäten, so etwa in der Materialforschung, in der Nut- zung der neuen Werkstoffe und Produkte über die Kriegszeit hinaus Tagungsbericht Erinnerung als umkämpfte Ressource in der Frühen Neuzeit. oder bezüglich der Auswirkungen der kriegswirtschaftlichen Maß- 25.09.2012-28.09.2012, In: H-Soz-u-Kult 24.10.2012. nahmen auf die Wirtschaft zu Friedensbedingungen, nieder, die fast alle Vorträge der beteiligten Disziplinen Wirtschafts-, Unternehmens-, Technik- und Kulturgeschichte beherrschte. So unternahm HELMUT MAIER (Bochum) einen Vergleich der Ersatzstoffwirtschaft als innovative Lösungen für Ersatzstoffentwicklung der beiden Weltkriege am Beispiel von Zink. Ressourcenkonflikte im Ersten und Zweiten Weltkrieg? Als Ersatz für knappen Kupfer habe Zink in beiden Weltkriegen eine Verlängerung der Rohstoffdecke ermöglicht. Anfängliche Schwierig- Leitung: Jochen Streb (Mannheim) / Stefanie van de Kerkhof (Mann- keiten in der Anwendung hätten durch die technikwissenschaftliche heim) Forschung gelöst werden können. Die hierfür zur Verfügung stehen- Bericht von: Christian Schmidt, Mannheim den privaten und staatlichen Forschungsstätten seien jedoch bis 1916 an ihre Grenzen gestoßen, es seien daher zahlreiche Neugründun- Das Sektionsthema Ersatzstoffe scheint wie kein zweites durch die gen notwendig gewesen. Im Zweiten Weltkrieg sei die technikwis- programmatischen Begriffe des Historikertags – Ressourcen und Kon- senschaftliche Forschung bereits vor Kriegsbeginn im Rahmen der flikte – geprägt, und dies in doppelter Hinsicht. So sind es die poli- Autarkiepolitik des Nationalsozialismus auf die Entwicklung von Er- tischen und militärischen Konflikte, die eine Ressourcenproblematik satzstoffen eingestellt worden. Die Ergebnisse dieser Forschung hätten überhaupt erst erzeugen. In der Folge lassen ihre Lösungsversuche die Beseitigung der Probleme erlaubt, die noch im Ersten Weltkrieg wiederum neue Konfliktfelder entstehen, und zwar sowohl dort, wo den Einsatz von Zink erschwert hätten. Der wichtigste Unterschied sie (scheinbar) erfolgreich waren als auch dort, wo das Versprechen der Ersatzstoffentwicklung in beiden Weltkriegen sei also darin zu einer Aufhebung der Ressourcenproblematik uneingelöst blieb. Es sehen, dass im Rahmen des Vierjahresplans die gezielte Erforschung galt also nicht nur zu fragen, wo Ersatzstoffe bestehende Ressour- von Ersatzstoffen bereits vor Kriegsbeginn eingesetzt habe. Der vom cenprobleme lösen oder nicht lösen konnten, sondern auch, welche Rüstungsministerium systematisch betriebene Wissenstransfer hätte neuen wirtschaftlichen, sozialen, wissenschaftlichen oder politischen bis 1944 eine Ausweitung der Produktion bei gleichzeitig sinkendem Probleme sie erzeugten. JOCHEN STREB (Mannheim) bot eingangs Verbrauch ermöglicht. Im Ersten Weltkrieg sei hingegen die technik- ein makroökonomisches Narrativ an, das ausging von einem bestehen- wissenschaftliche Forschung erst nach Kriegsbeginn zur Entwicklung den Konflikt, demgegenüber Ersatzstoffwirtschaft als Lösungsversuch von Ersatzstoffen mobilisiert worden. Die im NS-Deutschland forcierte auftrat, der erfolgreich sein oder scheitern konnte. Dies stellt die Fra- Ersatzstoffforschung habe auch zur Folge gehabt, dass die deutsche ge nach dem innovativen Potential von Konfliktsituationen wie den Metallforschung zum Ende des Zweiten Weltkriegs eine internationale beiden Weltkriegen in den Mittelpunkt, während die Problematik der Spitzenstellung inne hatte. sozialen, wirtschaftlichen usw. Folgewirkungen in den Hintergrund STEFANIE VAN DE KERKHOF (Mannheim) verwies in ihrem tritt. Im Gegensatz dazu legten die Referenten den Fokus ihrer Vorträ- vergleichend angelegten Vortrag zu Schwer-, Textil- und Konsumgü- ge eher auf eben diese Folgewirkungen. Dies schlug sich in der Frage 219 220 Ersatzstoffwirtschaft als innovative Lösungen für Christian Schmidt Ressourcenkonflikte im Ersten und Zweiten Weltkrieg? terindustrie auf die desolate wirtschafts- und unternehmenshistorische „Werkstoffumstellung“ zu reden sei. Hier wurde zwar eine Historisie- Forschungslage bezüglich der Ersatzstoffentwicklung während des rung des Begriffs „Ersatzstoffe“ versucht, eine weitere Ausführung Ersten Weltkrieges. Hier sei künftig eine transdisziplinäre Forschung unterblieb jedoch leider. Dabei dürfte gerade die Frage, welche Stoffe wünschenswert, an der Technik-, Wirtschafts- und Kulturgeschich- historisch als Ersatzstoffe bezeichnet wurden sowie die Frage nach te beteiligt sein sollten. Wichtig sei vor allem die Frage nach dem den dahinter stehenden Akteuren und Motiven für die Forschung Zusammenspiel zwischen Unternehmen, Materialforschung und mili- interessant sein, hing doch die Kriegsfähigkeit der Wirtschaft und die tärischen Stellen. So könnte auch geklärt werden, inwiefern der Erste Kriegswilligkeit der Bevölkerung direkt mit der Versorgung und Quali- Weltkrieg als Akzelerator oder Inkubator für Innovationen gelten dür- tät der entwickelten Surrogate zusammen, was auch propagandistisch fe, sowohl bezüglich neuer Produkte und Herstellungsverfahren als begleitet wurde. Leider trat dies hinter der Frage einer Kontinuität auch neuer Formen korporativer Bewirtschaftung. Ausgehend von zwischen Kriegs- und Friedenswirtschaft zurück. Luxbacher betonte unterschiedlichen Branchenstrategien der Schwerindustrie, Textilersat- hier vor allem die mangelnde Effizienz und Praktikabilität der Stoff- zindustrie sowie einer neuen Lebensmittelindustrie (Frontversorgung surrogate. Sowohl nach 1918 wie nach 1945 habe es, so Luxbacher, und Nahrungsmittelimitate) stellte van de Kerkhof dar, wie gerade die das dringende Bedürfnis gegeben, die Zwangsbewirtschaftung so- Ersatzstoffwirtschaft mit gemeinwirtschaftlichen Rohstoffgesellschaf- wie die Ersatzstoffe so schnell als möglich wieder aufzugeben. Die ten, staatlich geförderter Großforschung und Steuerungsversuchen während des Ersten Weltkrieges entwickelten Ersatzstoffe seien in über Anreize zu einer Veränderung des nationalen Innovationssys- ihren Eigenschaften oft nicht mit den bisher verwendeten Werkstof- tems geführt und Pfadabhängigkeiten generiert habe, die über den fen vergleichbar gewesen, was die Anwendung in der Konstruktion Kriegszeitraum hinweg wirksam gewesen seien. Diese seien jedoch erschwert hätte. Am Beispiel der Siemens-Schuckertwerke führte Lux- ambivalent zu bewerten, da viele der während des Krieges eingeführ- bacher aus, das nur zehn Prozent der Ersatzstoffprojekte auch als in der ten Surrogate unter Friedensbedingungen nicht tragfähig gewesen Friedenswirtschaft verwendungsfähig eingestuft worden seien. Ein seien. Gerade in der Textil- und Lebensmittelindustrie seien Ersatz- ganz ähnliches Bild zeige die Ersatzstoffwirtschaft des Zweiten Welt- stoffe zwar in großer Zahl zum Einsatz gekommen, die Konsumenten krieges, auch wenn die Materialforschung zu diesem Zeitpunkt bereits hätten jedoch starke Qualitätseinbußen hinnehmen müssen. Die demo- weiter entwickelt gewesen und die Umstellung in der Bewirtschaftung ralisierende Wirkung der minderwertigen Surrogate (z.B. Kriegsbrot mit größerem Vorlauf erfolgt sei. Die verfolgten Strategien seien zwar und Papiertextilien) habe eine weitreichende Wirkung gehabt, die im Rahmen der Kriegswirtschaften erfolgreich, jedoch außerhalb die- noch in der Diskussion des NS-Vierjahresplans erkennbar sei. ses begrenzten Anwendungsbereichs nicht praktikabel gewesen. Von Zur Klärung der verwendeten Begriffe schlug GÜNTHER LUX- einer Kontinuität der Ersatzstoffkultur im Übergang von der Kriegs- BACHER (Berlin) die technikwissenschaftliche Unterscheidung in in die Friedenswirtschaft könne daher keine Rede sein. Rohstoffe, Hilfsstoffe, Werkstoffe und Energiestoffe vor. Der Begriff RALF BANKEN (Frankfurt am Main/Köln) relativierte die Be- „Ersatzstoffwirtschaft“ sei hingegen ein politischer und meine die Ver- deutung der Ersatzstoffe im Hinblick auf ihre Rolle im Gesamtge- wendung inländischer anstelle importierter Stoffe. Er greife außerdem flecht der Rohstoffbewirtschaftung während der NS-Zeit am Beispiel zu kurz, um die roh- und werkstoffbezogenen kriegswirtschaftlichen der Bunt- und Edelmetalle. Der Mangel in diesem Bereich sei ein Maßnahmen in Deutschland zu umfassen, weshalb besser von einer künstlicher gewesen, der durch die Devisenbewirtschaftung im Rah- 221 222 Ersatzstoffwirtschaft als innovative Lösungen für Christian Schmidt Ressourcenkonflikte im Ersten und Zweiten Weltkrieg? men der NS-Autarkiepolitik entstanden sei. Trotz der weitreichenden erfolgreich in der Produktion von Konsumgütern angewandt worden Bewirtschaftungs- und Steuerungsmaßnahmen sei es jedoch nicht seien. Die bisherige Auffassung, den Ausgangspunkt der Durchset- gelungen, diesen Mangel auszugleichen, da sich bis 1943 auch der zung der Kunststoffe in den 1950er Jahren anzusiedeln, müsse relati- Bedarf in der Rüstungsindustrie stark ausgeweitet habe. Hier hätten viert werden, da wichtige Weichenstellungen bereits während der NS- Ersatzstoffe gegenüber den anderen Bewirtschaftungsmaßnahmen au- Zeit erfolgt seien. Sudrow schlug daher vor, den Ersten Weltkrieg als ßerdem nur eine geringfügige Rolle gespielt. So seien Sammlungs- und Inkubationszeit des „Kunststoffzeitalters“ zu betrachten, ihre Durch- Recyclingmaßnahmen, Verbrauchsvorschriften, die etwa die Verwen- setzung jedoch als Folge der NS-Politik zu sehen. Dass dies bisher dung von Edelmetallen in verschiedenen Konsumgütern einschränk- nicht gesehen wurde, sei zum einen die Folge von Defiziten in der ten, sowie der Import von Erzen anstelle von Reinmetallen schon al- Erforschung der Kunststoffentwicklung in Deutschland, läge ande- lein mengenmäßig wesentlich bedeutsamer gewesen. Die gewichtigste rerseits jedoch auch darin, dass die Forschung bisher vor allem auf Maßnahme sei jedoch die Ausweitung der Förderung über Subventio- die innovationsfeindlichen Elemente der NS-Autarkiepolitik fokusiert nen gewesen, hinzu kam während des Krieges die Ausbeutung der gewesen sei. Für die Diskussion um die retardierende oder förderliche besetzten Gebiete. Daher greife ein Forschungsansatz, der sich auf Wirkung dieser Politik sei die Geschichte der Kunststoffe bisher kaum den Aspekt der Ersatzstoffe konzentriere, zu kurz, wenn er sie nicht genutzt worden. in den Rahmen der gesamten Bewirtschaftung stelle. Auch bezüglich Daneben deutete Sudrow auch noch zwei Aspekte an, die in der der Folgen der Bewirtschaftung betonte Banken stärker die dysfunk- Erforschung der Ersatzstoffentwicklung und ihres Einsatzes bisher tionalen Aspekte. Neben einer Verschlechterung in der Versorgung kaum beachtet wurden. So stellt sich die Frage, inwiefern Ersatzstoffe der Bevölkerung mit Konsumgütern nannte er hier vor allem nachhal- in Konsumgütern auch zur sozialen Differenzierung genutzt wur- tige Veränderungen in der Marktstruktur. So seien rüstungsrelevan- den, also an bestimmte soziale Gruppen geknüpft waren. Verwandt te Unternehmen vor allem bezüglich der Zuteilung von Rohstoffen damit ist die Frage nach einem geschlechtsspezifischen Einsatz von systematisch bevorteilt worden. Zudem seien kleinere Unternehmen Ersatzstoffen, also dem Gender-Aspekt der Verwendungsgeschichte kapital- und forschungstechnisch nicht in der Lage gewesen, sich an von Funktionssurrogaten. So seien laut Sudrow unter Einsatz von die veränderten Bedingungen anzupassen, wodurch sie Marktanteile Ersatzstoffen hergestellte Güter vor allem für Frauen gedacht gewe- verloren hätten. sen, während Männern höherwertige Produkte zugewiesen worden Bezüglich des Einsatzes von Kunststoffen in Konsumgütern be- seien. Vor allem auch in Hinsicht auf die Geschlechterpolitik des Na- tonte die Technikhistorikerin ANNE SUDROW (Potsdam) wiederum tionalsozialismus scheint diese Fragestellung von Bedeutung zu sein. stärker die funktionalen Aspekte der NS-Wirtschaftspolitik. Hier sei Die Verwendungsgeschichte der Kunststoffe dürfte dabei besonders in vielen Bereichen eine Umstellung auf vollsynthetische Werkstoffe interessant sein, da diese vornehmlich auch in Haushaltsprodukten erfolgreich durchgeführt worden. So sei etwa im Bereich der Schuh- Anwendung fanden (etwa ein Staubsauger in Vollkunststoffbauweise, produktion zwischen 1936 und 1946 ein Übergang von der vornehm- aber auch Geschirr, Bestecke und Bekleidung).1 lichen Verwendung von Leder zur Nutzung von Synthesekautschuk 1 Es sei kurz angedeutet, dass dies auch ein förderlicher Beitrag zu einer Konsum- und PVC erfolgt. Auch in anderen Bereichen seien mit staatlicher Un- geschichte unter der NS-Herrschaft gesehen werden kann, die sich bisher vorrangig terstützung neue Verfahren und Stoffe entwickelt worden, die dann auf Volkswagen, Volksempfänger und ähnliche, „männliche“ Produkte konzentrierte. Vgl. Wolfgang König, Volkswagen, Volksempfänger, Volksgemeinschaft: „Volksproduk- 223 224 Ersatzstoffwirtschaft als innovative Lösungen für Christian Schmidt Ressourcenkonflikte im Ersten und Zweiten Weltkrieg? Dass diese Aspekte für die Forschung bislang kaum fruchtbar sondern aktuelle Dimensionen besitzt, die zukünftige interdisziplinäre gemacht werden konnten, mag auch an der vorrangig technik-, Forschungen als attraktiv erscheinen lassen. institutionen- und unternehmensgeschichtlichen Perspektive der histo- Sowohl bei den Vorträgen als auch in der anschließenden Diskus- rischen Forschung zu Ersatzstoffen gelegen haben. Diese Kritik wurde sion zeichnete sich eine Kontroverse ab, die sich vor allem an der auch von SIMONE DERIX (München) in ihrem kultur- und sozial- Bewertung der Ersatzstoffwirtschaft – nachhaltige Innovationen ver- historischen Kommentar zur Sektion geäußert. Sie fragte nach den sus kurzfristige Notbehelfe – sowie der Frage nach Kontinuitäten zu Möglichkeiten einer alternativen Perspektive von den Stoffen her. Die entwickeln scheint. Dabei variieren die eingenommenen Positionen je Frage nach den Transformationen, die Stoffe durchlaufen müssten, nach untersuchten Aspekten, Stoffgruppen und Fragestellungen stark. um Wirkstoffe zu werden, erlaube, die Historizität von Wirkstoffen Es fragt sich daher, ob es für die künftige Forschung nicht hilfreich sein zu denken. Dies ermögliche auch, die Verbindungen der Stoffe zuein- könnte, das von van de Kerkhof vorgeschlagene Konzept der Pfadab- ander zu erfassen. Verschiebungen in den Werthierarchien der Stoffe hängigkeiten aufzugreifen. Hierunter ließen sich sowohl die Eröffnung verwiesen dabei auf Verschiebungen allgemeiner Wertevorstellungen. neuer Entwicklungslinien als auch der Abbruch oder die Ausschlie- Leider war der Auftrag, den Derix an die zukünftige Forschung er- ßung alternativer Pfade fassen. Dies könnte für ein Verständnis der teilte, nicht differenziert genug, um ihn einfach zu operationalisieren. Wirkungen der während der Kriegswirtschaften vorgenommenen Wei- Dass die Forschung bisher relativ einseitig von der Wirtschafts- und chenstellungen auch in den nachfolgenden Friedensperioden besser Unternehmensgeschichte bestritten wurde, war jedoch während der beitragen als eine dichotome Schematisierung unter den Aspekten Sektion deutlich geworden. Dass sich durch eine Einbeziehung ande- von Kontinuität und Diskontinuität. Dass weiterer Forschungsbedarf rer Disziplinen wichtige Impulse gewinnen lassen könnten, scheint besteht, darüber herrschte unter allen Sektionsteilnehmern Einigkeit. außer Frage zu stehen, allerdings könnte der von van de Kerkhof Sektionsübersicht: und Streb vorgeschlagene transdisziplinäre Verbund aus Ökonomie, Kulturgeschichte, Wirtschafts- und Unternehmensgeschichte, Technik- Helmut Maier (Bochum): Zur Rolle der technik-wissenschaftlichen geschichte und Ingenieurwissenschaften leicht erweitert werden, etwa, Forschung bei der Ersatzstoffentwicklung 1914-1950. wie angedeutet, durch die Konsum- und Geschlechtergeschichte. Stefanie van de Kerkhof (Mannheim): Kriegsbrot, Sparmetalle und Ein abschließender Kommentar von PATRICK WÄGER (St. Gallen), Papiertextilien – Ersatzstoffwirtschaft im ersten Weltkrieg. Mitglied des Schweizer Materialforschunginstitutes EMPA, schlug die Brücke zu aktuellen Rohstoffproblemen, speziell bezüglich seltener Er- Günther Luxbacher (Berlin): Sparstrategien kriegswirtschaftlicher Pro- den. Wäger stellte das Konzept der Kritikalität von Rohstoffen vor, ein duktentwicklung. Metallstoffe in den Weltkriegen. Indikator für Versorgungssicherheit und wirtschaftliche Abhängigkeit Ralf Banken (Frankfurt am Main/Köln): Strategien der Knappheits- von spezifischen Stoffen. Ob sich dieses Attribut für die historische bewältigung. Ersatzstoffe und andere Lösungswege im Edel- und Forschung nutzen lässt, wird sich erst zeigen müssen. Deutlich wurde Buntmetallsektor, 1933-1945. aber, dass die Lösung von Ressourcenkonflikten nicht nur historische, Anne Sudrow (Potsdam): Kunststoffe in Konsumgütern – ein Erbe der te“ im Dritten Reich; vom Scheitern einer nationalsozialistischen Konsumgesellschaft, Paderborn 2004. NS-Wirtschaftspolitik? 225 226 Europäische Geschichtsbücher, digitale Lernplattformen oder bilaterale Schulbuchprojekte? Kommentare: Simone Derix (München), Patrick Wäger (St. Gallen). auf dem Historikertag 2012 an und stellte die Frage nach Potenzialen und Herausforderungen für transnationale Geschichtserzählungen in Tagungsbericht Ersatzstoffwirtschaft als innovative Lösungen für Ressour- der Gegenwart. cenkonflikte im Ersten und Zweiten Weltkrieg? 25.09.2012-28.09.2012, In: SYLVIA SEMMET (Speyer) und GEERT KESSELS (Den Haag) stell- H-Soz-u-Kult 07.11.2012. ten in ihrem Vortrag Aufbau und Philosophie der Bildungsplattform Historiana vor. Das von der European Association of History Educa- tors (EUROCLIO) koordinierte Onlineportal, das im September 2012 im Rahmen des Global Education Congress 2012 online ging, versucht Europäische Geschichtsbücher, digitale Lernplattformen oder kanonisierten Formen der Geschichtsschreibung ein Modell unter- bilaterale Schulbuchprojekte? Transkulturelle Sichtweisen in der schiedlicher Geschichten entgegen zu setzen. Der Ansatzpunkt für europäischen Schulbuchdarstellung Historiana besteht, so Semmet, in einem seit den frühen 1990er-Jahren zunehmenden Interesse an transnationaler Geschichte in Bildungs- Leitung: Ulrich Bongertmann (Rostock) / Simone Lässig (Braun- kontexten, der den oben angesprochenen „Trend zur Nation“ konter- schweig) / Rolf Wittenbrock (Saarbrücken) kariere. Indem Historiana Geschichten aus unterschiedlichen Blick- Bericht von: Lucas Frederik Garske, Leipzig winkeln didaktisch aufbereitet zur Verfügung stell, möchte das Portal einen neuen Beitrag zu einem europäischen Geschichtsbewusstsein Geschichten erzählen ist politisch - dies wird besonders dann deutlich, leisten. In Abgrenzung zum Europäischen Geschichtsbuch, dessen wenn unterschiedliche Narrationen der vermeintlich gleichen Ereig- Ansatzpunkt darin bestand, das Kaleidoskop nationaler Narrationen nisse miteinander verglichen werden. Dabei ist es nicht zwangsläufig durch eine an Gemeinsamkeiten orientierte europäische Geschichts- eine widersprüchliche Faktenlage, die unterschiedliche Geschichts- erzählung zu überwinden, verschreibt sich Historiana einem explizit bilder formt. Ebenso bestimmend ist die Komposition und Form der multiperspektivischen Ansatz. Dem wird einerseits in der Struktur Inszenierung historischen Wissens. Trotz Bestrebungen zu einer Eu- der Historiana entsprochen, in der kein geglättetes Masternarrativ ropäisierung der Bildung zeigen Bildungsmedien in Europa in ihren entworfen wird, sondern Wissen vorrangig in Form einzelner Fall- Narrativen nach wie vor erhebliche Unterschiede, die sich durch ein studien zu modular aufgebauten Fragestellungen präsentiert wird. Andauern oder sogar Wiederaufleben nationalstaatlicher Orientie- Auch der Modus der Inhaltserarbeitung und -verwaltung soll dem rung in Curricula und Fachdiskursen erklären lassen. Dies gilt vor Anspruch der Vielschichtigkeit gerecht werden, indem das didakti- allem in postkommunistischen Staaten in einer erinnerungspolitischen sche Angebot von Autor_Innen- bzw. Redaktionsteams erarbeitet wird Rückbesinnung auf ein Zeit der Unterdrückung, aber auch in west- und den Nutzer_innen die Möglichkeit der Kommentierung gegeben. europäischen Staaten, in denen diese Debatten oftmals entlang von Die Gestaltung der Historiana sowie deren Anbindung an soziale Fragen der kulturellen Diversität geführt werden. Zugleich wird von Netzwerke weisen deutliche Einflüsse von zeitgenössischen Social der Fachöffentlichkeit wiederkehrend eine Öffnung des Geschichtsun- Media Projekten auf. Inhalte können kommentiert, getwittert oder terrichts gefordert, die Ansätze für eine Änderung politisch isolierter auf Facebook und LinkedIn geteilt werden. Neben der Abgrenzung Narrative bietet. Eben hier setzte die Sektion „Europäische Geschichts- von einer „traditioneller“ Geschichtsschreibung arbeitete Kessels aber bücher, digitale Lernplattformen oder bilaterale Schulbuchprojekte?“ 227 228 Europäische Geschichtsbücher, digitale Lernplattformen oder Lucas Frederik Garske bilaterale Schulbuchprojekte? auch die Unterschiede zu der Präsentation historischen Wissens in Tataren als Teil der Geschichte „zurückzubringen“. Die Herausstellung Hypertexten, wie der Wikipedia, heraus. Eine didaktische Plattform der Mechanismen einer Narration, die Multikulturalismus als interne müsse bestimmte Daten und Personen in einen adäquaten Kontext Schwächung abwertet und hierdurch eine monolithische Kulturvor- stellen. Dies sei eine Anforderung, die Netzmedien wie die Wikipedia stellung fördert, kann einen wichtigen Beitrag zur Gesellschaftsanalyse nicht gewährleisten könne. Für die vielversprechenden Ansätze der leisten. An Darstellungen wie dem „lügenden Propheten Mohammed“ Plattform ist dem Projekt mit der Verleihung des World Aware Edu- oder den Tataren als „fröhliche Bewohner des Osten“ lassen sich Ge- cation Award 2011 und jüngst mit dem Medea special prize bereits schichtsbilder des öffentlichen Diskurses nachvollziehen und deren großes Vertrauen entgegen gebracht worden, das sich freilich in der Verquickung mit Gesellschaftsbildern der Gegenwart deuten. Den- Praxis, in der das Projekt Pionierarbeit leistet, zu bewähren hat. noch stellt sich die Frage, ob die Untersuchung ihr kritisches Potenzial In Anschluss an die Vorstellung der Historiana arbeitete MARAT letztlich dort verliert, wo die Analyse unmittelbar an eine Empfeh- GIBATDINOV (Kazan) in seinem Vortrag über Bild der Tataren und lung anknüpft. Denn letztlich muss klar sein, dass die Umkehrung des Islams in Europäischen und Russischen Schulbüchern aus, inwie- des Fokus von „was uns trennt“ auf „was uns einigt“ nicht grund- weit die „europäische Vielfalt“ eine Herausforderung an die Darstel- sätzlich die Produktion eines bestimmten Akteurs beziehungsweise lungen von Minderheiten darstellt. Die präsentierten Befunde gingen einer Akteursgruppe beleuchtet, sondern lediglich deren Bedeutung dabei auf eine Untersuchung von Schulbüchern unterschiedlicher Staa- im Gesamtnarrativ. Dass es sich hierbei um eine erinnerungspolitische ten zurück, die mitunter Exemplare zwischen dem 18. Jahrhunderts Intervention handelt, muss letztlich kein Problem darstellen, sofern und der Gegenwart miteinschlossen. In seiner Einführung präsentier- sie als solche reflektiert werden. In der Tat können Beiträge wie die Gi- te Gibatdinov einen historischen Abriss der Präsenz des Islam und batdinovs dazu beitragen eine Diskussion über die Rolle historischer der Tataren in Europa, insbesondere in Russland. Für letzteren Fall Identitäten zu führen, sofern sie nicht hinter bloßen Ansprüchen auf resümierte er, dass es unmöglich sei, in Russland Geschichte ohne die ein bestimmtes Geschichtsbild zurückbleiben. Tataren zu schreiben, dass aber eben dies von einigen Historiker_innen In Anschluss an diesen eher praktisch orientierten Vortrag ver- versucht werde. Seinen Untersuchungen zufolge fehle die Behandlung suchten sich PIERRE MONET (Paris/Frankfurt am Main) und PE- der Tataren oftmals in den Schulbuchdarstellungen oder sei - ebenso TER GEISS (Bonn) an einem Resümee des Deutsch-Französischen wie die Darstellung des Islam - verzerrend und in negative Kontexte Geschichtsbuchs. Das gemeinsame Projekt wurde 2003 aufgenom- eingebettet. Der Vortrag demonstrierte dabei nicht nur inwiefern bei men und durch die Publikation des letzten von drei Bänden im Jahr der Verfassung kollektiver Narrative zwangsläufig gesellschaftliche 2011 abgeschlossen. Für erste Ansätze einer ambivalenten Geschichts- Randgruppen in Randgruppen oder Feindbilder der Erzählung über- schreibung führte Monet das zweisprachige Handbuch der deutsch- setzt werden, sondern gewissermaßen auch inwieweit die normative französischen Beziehungen (manuel commun des relations franco- Schulbuchforschung in einem ständigen Spannungsfeld von wissen- allemandes) an, das 1932 von einer Kommission deutscher und fran- schaftlicher Forschung und erinnerungspolitischer Agenda verhangen zösischer Historiker erarbeitet wurde, in der Praxis aber keine große ist. Gibatdinov hob nicht nur die Umstände der Befunde, die Mar- Beachtung erhielt. Der Grund für die mit Hinblick darauf späte Initiati- ginalisierung bzw. negative Besetzung von Tataren bzw. des Islam, ve begründete Monet mit der Teilung Deutschlands, bzw. der formalen sondern knüpfte an seine Untersuchungen auch die Forderung die Besatzung, welche für lange Zeit ein politisches wie zivilgesellschaft- 229 230 Europäische Geschichtsbücher, digitale Lernplattformen oder Lucas Frederik Garske bilaterale Schulbuchprojekte? liches Hindernis darstellte. Die Zivilgesellschaften seien es schließ- Narration neue Perspektiven auf den Gegenstand eröffneten. Gleich- lich, mit denen ein solches Projekt stehe und falle. Mit der Aufnahme zeitig wies er dabei jedoch auch auf Hindernisse binationaler Schul- des Projekts seien methodologische Probleme verbunden gewesen, buchprojekte hin, auf die dann auch eine Schülerin hinwies, der im da man auf keine Blaupause zurückgreifen konnte und insofern das Rahmen der Sektion die Möglichkeit gegeben wurde, das Buch aus Rad im Projektrahmen neu erfunden werden musste. Entscheidend der Perspektive der Nutzer_innen zu besprechen. Dabei richtete sich sei, so Geiss, einerseits die Herausforderung gewesen, ein Schulbuch die Kritik vor allem auf die Nicht-Bearbeitung bestimmter Themen, zu schreiben, das für die 17 Curricula mindestens 80% inhaltliche die auf eine Engführung der deutsch-französischen Problematik zu- Schnittmenge bereitstellt, andererseits aber auch das kommunikati- rückgeführt wurde. Insgesamt wurde der Aufbau jedoch gelobt. Eine ve Vermögen, zwischen zwei Unterrichtskulturen zu vermitteln: In Lehrerin schloss an Bendicks Einwurf, das Geschichtsbuch habe vor Deutschland einer an Autonomie und Diskursivität ausgerichtete Di- allem mit der Unmöglichkeit, die strukturellen Anforderungen zu daktik, die auf den Kompetenzen des Erläuterns, Beurteilens und erfüllen, zu kämpfen, an. Dies führe dazu, dass es oftmals ein Schatten- Prüfens fußt - in Frankreich einer an Struktur und Verbindlichkeit dasein in den Schulbibliotheken friste und vornehmlich dort eingesetzt orientierten Unterrichtspraxis, in der Arbeitsaufträge auf Wissensre- würde, wo deutsch-französische Themen angesprochen würden. Als produktion und Bestätigung abzielen. Wenngleich diese Differenzie- vollständig unterrichtsbegleitendes Werk sei es dagegen schwerlich rung mehr Karikatur als akkurate Beschreibung der Unterrichtsrealität zu nutzen. darstellt, führte Geiss die sich in der Zusammenarbeit stellenden Her- Die Herausforderung, denen sich das deutsch-französische Ge- ausforderungen, im Wesentlichen auf unterschiedliche Vorstellungen schichtsbuch stellen musste, stellen sich auch einem im Ansatz ähnli- in der Didaktik zurück. Der Dialog zwischen Historiker_innen unter- chen Projekt, dem deutsch-polnischen Vorhaben „Schulbuch Geschich- schiedlicher Länder und Sprachen, sowie zwischen Historiker_innen te“, welches im März 2012 eine Finanzierung durch die Kultusministe- und Nicht-Historiker_innen sei entsprechend problematisch gewe- rien zugesichert bekommen hatte. In der Sektion wurde das Projekt sen, gleichzeitig habe man aber auch hier die die größten Lerneffekte von KARL HEINRICH POHL (Kiel) und ROBERT TRABA (Berlin) be- erzielt. Sowohl Monet als auch Geiss bekräftigten, dass es sich bei sprochen. Pohl stellte in seinem Vortrag fest, dass das Projekt kulturell dem Schulbuch um ein dezidiert politisches Projekt gehandelt habe, in die Zeit passe, ökonomisch machbar sei und ebenso politisch ge- ebenso wie sie die Schwierigkeiten in der praktischen Anwendung zu wollt. Neben der jahrzehntelangen Vorarbeit der deutsch-polnischen Sprache brachten. Die Tatsache, dass das Schulbuch abseits von seiner Schulbuchkommission sei insbesondere das Placet der Kultusministe- Relevanz als politisches Stückwerk im deutsch-französischen Dialog rien für das Projekt entscheidend gewesen und habe ihm besondere in der Praxis nur geringes Feedback verzeichnen konnte, sei bedau- Schubkraft verliehen. Die Ansprüche sind ambitioniert: Geschichte erlich. Monet resümierte jedoch, dass das Projekt sich wohlmöglich werde, so Pohl, als Konstruktion aufgefasst, der Geschichtsunterricht weniger aufgrund der Lerneffekte in den Schulen gelohnt habe, denn entsprechend als „Denkfach“, in dem Schüler auf der Basis von Wissen als Ansatzpunkt und Werkzeugkasten für künftige Schulbuchprojekte. Fachkompetenzen erlernen sollen. Ähnlich wie im Falle des deutsch- Anschließend legte RAINER BENDICK (Osnabrück) anhand eines französischen Schulbuchs bestünden die Herausforderungen vor al- Beispiels aus der Arbeit an dem deutsch-französischen Geschichts- lem in unterschiedlichen Geschichtskulturen und Vorstellungen der schulbuch dar, wie die Besprechung unterschiedlicher Formen der Didaktik. Insgesamt solle versucht werden einen globalen Blick auf 231 232 Europäische Geschichtsbücher, digitale Lernplattformen oder Lucas Frederik Garske bilaterale Schulbuchprojekte? beide Länder zu werfen und hierdurch nationale Ansätze zu über- didaktische Potenzial, das in der Zusammenarbeit liege, nicht allein winden. Auch stellte Pohl die Relevanz der Erfahrungswerte aus der auf den Ausdruck gemeinsamer Erinnerungsarbeit reduziert werden, deutsch-französischen Schulbuchkommission für die Realisierung des der zweifelsohne darin liege. Projektes heraus. Gleichzeitig kommentierte er das Projekt jedoch mit Auch in der abschließenden Plenumsdiskussion waren es weniger durchaus kritischem Ton: Pohl äußerte Zweifel an der Durchsetzung die Inhalte, denn die Form und mit ihr die Didaktik, die zur Debatte des Schulbuches, da dies, selbst wenn es wissenschaftlich auf dem standen. Es überrascht in diesem Kontext kaum, dass gleich mehre- neuesten Stand sei, den Bedingungen des Marktes nur partiell entspre- re Diskussionsbeiträge auf die Notwendigkeit praktischer Studien chen könne. Dies werde unter anderem dadurch verstärkt, dass nur zum historischen Lernen in Lehrkontexten hinwiesen. In ihrer Einlei- sehr geringes Wissen über das bestehe, was die Schulbücher mit den tung zur Plenumsdiskussion hob SIMONE LÄSSIG (Braunschweig) Schüler_innen „machen“. In diesem Kontext äußerte er den Verdacht, hervor, dass sich bei jedem Versuch unterschiedliche Narrative zusam- dass man möglicherweise den eigenen Vorstellungen nachrenne, ohne men zu bringen, zwangsläufig die Frage nach dem in der Praxis zu diese hinreichend an die Praxis zu koppeln. Auch ganz grundsätzlich zahlenden Preis stellen würde. Die Gefahr „Erinnerungskitsch“ zu stelle sich die Frage nach dem Sinn eines binationalen Schulbuchs. produzieren oder Erzählung an einem politisch gewollten Konsens- Eine Antwort auf den letzten Punkt bot Traba gleich zu Beginn narrativ auszurichten seien stets gegeben und konfligierten ebenso seines Beitrags. Er wandte sich ausdrücklich gegen die Einordnung als wie inhaltliche und fachliche Innovationen potenziell mit der Nutzbar- „deutsch-polnisches Geschichtsschulbuch“ und unterstrich, dass sich keit im Geschichtsunterricht. Gleichzeitig handele es sich jedoch um das Projekt - in Abgrenzung zum deutsch-französischen Geschichts- Prozesse, die integraler Bestandteil der Produktion und Anwendung schulbuch - als ein allgemeines Geschichtsschulbuch, das keinen natio- von Bildungsmedien seien. Eine kritische Revision der Verstrickung nalen, sondern einen übergreifenden, europäischen Bezug habe. Dass von Politik und Wissenschaft sei daher ebenso unumgänglich wie die das Buch von einer Expertengruppe, die sich aus zwei Ländern zusam- Verstrickung selbst. Ein Kommentar fasste den springenden Punkt mensetze, erstellt werde und sich überdies an regionalen Vorschriften der Debatte zusammen, der in Bezug auf das deutsch-französische und Lehrplänen orientiere könne nicht darüber hinwegtäuschen, dass Schulbuch kommentierte, dass der Eindruck entstehe, dass diejenigen, das Buch nicht als Spartenprodukt entworfen würde, sondern sich die in die Produktion des Schulbuchs involviert waren, mehr gelernt bewusst dem Wettbewerb konventioneller Schulbücher stellen wolle. haben, als die eigentliche Zielgruppe. Wenngleich dies ein klares De- Ohne Frage sei dabei der Einfluss der Politik gleichsam Vorteil wie fizit auf der Anwenderseite sei, sei dies nicht ausschließlich auf den auch Ballast. Mit beidem gelte es sich zu arrangieren. Positiv schätz- politischen Charakter zwischenstaatlicher Schulbuchprojekte zurück- te Traba die Mischung didaktischer Methoden ein. Wenngleich dies zuführen, sondern auch ganz generell innovativen Produkten. Die gleichsam der eigentliche Problemherd des Vorhabens sei, bestünden neue, bilaterale Erarbeitung eines Geschichtsschulbuchs kann ebenso eben hier doch große Potenziale der gemeinsamen Zusammenarbeit. wie die Erarbeitung transnationaler Lehrangebote - soviel kann zu- Was die Durchsetzung betrifft, so räumte auch Traba ein, dass diese mindest dem Feedback der Sektionstagung entnommen werden - mit kaum selbstverständlich und ein in jedem Fall ambitioniertes Projekt einer kritischen und doch zugleich interessierten Begleitung seitens sei, sowohl inhaltlich, als auch bezüglich der Präsentation nach außen. der Praktiker/innen rechnen. Das Schulbuch dürfe mit Hinblick auf das fachwissenschaftliche und 233 234 Lucas Frederik Garske Sektionsübersicht: Gab es den Wertewandel? Ulrich Bongertmann (Rostock); Sylvia Semmet (Speyer): Einführung Leitung: Bernhard Dietz (Mainz) / Christopher Neumaier (Potsdam) in die Sektion (1. Teil): / Andreas Rödder (Mainz) Sylvia Semmet (Speyer); Geert Kessels (Den Haag): Das europäische Bericht von: Anna Kranzdorf, Historisches Seminar, Johannes HISTORIANA Projekt als Beispiel transkulturellen Geschichtsunter- Gutenberg-Universität Mainz richts unter besonderer Berücksichtigung der Multiperspektivitä „Gab es den Wertewandel?“ lautete der leicht provokante Titel der Marat Gibatdinov (Kazan): Ein europäisches Geschichtsbuch? Zum von Bernhard Dietz, Christopher Neumaier und Andreas Rödder or- Problem der europäischen Vielfalt am Beispiel der Behandlung von ganisierten Sektion, der zugleich die Leitfrage derselben benannte. Minderheiten (Tataren) in Schulbüchern Nicht zuletzt vermutlich wegen einer in den Vierteljahrsheften für Rolf Wittenbrock (Saarbrücken): Einführung in die Sektion (2. Teil) Zeitgeschichte geführten Debatte über die Tragfähigkeit sozialwissen- schaftlicher Erkenntnisse für die Geschichtswissenschaft1 stieß die Etienne François (Berlin); Peter Geiss (Bonn); Rainer Bendick (Osna- Sektion auf großes Interesse, so dass zu Beginn der Raum gewechselt brück): Das deutsch-französische Geschichtsbuch werden musste, um die gut 200 Besucher unterzubringen. Karl Heinrich Pohl (Kiel); Robert Traba (Berlin): Das deutsch-polnische ANDREAS RÖDDER (Mainz) begann seine Einführung mit ei- Geschichtsbuchprojekt ner Vorstellung der soziologischen Wertewandelsforschung in den 1970er-Jahren. Ausgangspunkt war das Buch „The silent revolution“ Erfahrungsberichte von zwei Schüler/innen mit dem deutsch- des US-amerikanischen Politologen Ronald Inglehart. Darin prokla- französischen Geschichtsbuch mierte dieser, dass in allen westlichen Ländern eine Verschiebung Eckhardt Fuchs / Simone Lässig (Braunschweig): Plenum mit Referen- von materialistischen zu post-materialistischen Werten stattgefunden ten habe. Der Speyerer Soziologe Helmut Klages kam zu einem ähnli- chen, wenn auch etwas differenzierteren Befund als Inglehart. Nach Tagungsbericht Europäische Geschichtsbücher, digitale Lernplattformen Klages hätten sich Werte von Pflicht- und Akzeptanz- zu Freiheit- oder bilaterale Schulbuchprojekte? Transkulturelle Sichtweisen in der euro- und Selbstentfaltungswerten verschoben. Einig sei man sich bis heute päischen Schulbuchdarstellung. 25.09.2012-28.09.2012, In: H-Soz-u-Kult im Befund, dass von den mittleren 1960er- bis in die mittleren 70er- 21.12.2012. Jahre ein Wertewandlungsschub zu Lasten sogenannter „bürgerlichen Werte“ stattgefunden habe. 1 Vgl. Rüdiger Graf / Kim Christian Priemel, Zeitgeschichte in der Welt der So- zialwissenschaften. Legitimität und Originalität einer Disziplin, in: Vierteljahrshefte für Zeitgeschichte 59 (2011), S. 479-508; Bernhard Dietz /Christopher Neumaier, Vom Nutzen der Sozialwissenschaften für die Zeitgeschichte. Werte und Wertewandel als Gegenstand historischer Forschung, in: Vierteljahrshefte für Zeitgeschichte 60 (2012), S. 293-304. 235 236 Anna Kranzdorf Gab es den Wertewandel? Anschließend widmete sich Rödder der Frage, wie der Histori- Wertewandelsforschung neben der sozialwissenschaftlichen Werte- ker mit solchen sozialwissenschaftlichen Befunden umgehen solle. wandelsforschung unter anderem auch in der sozialpsychologischen Dabei gebe es zwei Extreme: zum einen die unkritische Übernahme, Rahmenanalyse, im Habituskonzept, der Mentalitätsgeschichte, der zum anderen die Entlarvung als narrative Konstrukte und die daran Historischen Semantik, dem Konzept der öffentlichen Meinung der anschließende Nichtbeachtung. Rödder plädierte dafür bei der his- Kommunikationswissenschaften und nicht zuletzt in der historischen torischen Analyse zwei Ebenen zu unterscheiden: Die Beobachtung Bürgertumsforschung. erster Ordnung, die die Befunde der Sozialwissenschaft in den Blick Dieser thematischen und methodischen Einführung folgten vier nimmt, und die Beobachtung zweiter Ordnung, die die Befunde der empirische „Probebohrungen“, zwei zum Thema Werte und Familie in Sozialwissenschaft als zeitgenössische Selbstzuschreibung betrachtet. transnationaler Perspektive (USA und BRD), zwei zum Thema Werte Dabei könne die Beobachtung zweiter Ordnung die Beobachtung ers- und Arbeit in Sozialgruppen spezifischer Perspektive (Arbeiter und ter Ordnung nicht ersetzen, aber stets dazu anstiften, sie kritisch zu leitende Angestellte). reflektieren. Ein Beispiel für einen solchen Umgang mit sozialwissen- ISABEL HEINEMANN (Münster) stellte ihren Beitrag zu Famili- schaftlichen Befunden ist die Mainzer Historische Wertewandelsfor- enwerten in den USA auch unter die Leitfrage der Sektion: Gab es schung, deren Konzeption Rödder im Folgenden vorstellte. Werte sind in den USA überhaupt einen schubartigen Wertewandel oder war dabei eine streng wertfreie Analysekategorie, die als „allgemeine und es eher ein langer Wandel während des gesamten 19. und 20. Jahr- grundlegende normative Ordnungsvorstellungen, die für das Denken, hunderts? Dafür untersuchte sie öffentliche Debatten in den 1960er- Reden und Handeln auf individueller und kollektiver Ebene Vorgaben und 70er-Jahren zu den Themen Scheidung und Reproduktion. Ihr machen und die explizit artikuliert oder implizit angenommen wer- erstes Fallbeispiel war die Einführung der „no-fault divorce“ 1969. den“, definiert werden. Dabei machen Widerspruch und Kontroversen Dadurch wurden die Scheidungsprozesse deutlich beschleunigt, da Grenzverschiebungen sichtbar, so dass sich Wertewandel bestimmt kein Schuldiger am Scheitern der Ehe durch lange Prozesse gefunden „durch die Differenz zwischen dem zu zwei Zeitpunkten Sagbaren bzw. werden musste. Dies wurde häufig als Ausdruck eines fundamenta- Sanktionierten“. Die Historische Wertewandelsforschung gehe dabei len Wertewandels gedeutet hin zu Individualisierung und Pluralisie- verschiedenen Leifragen nach, beispielsweise wann, wie, wodurch rung. Heinemann relativierte diese Deutung, da eine Betrachtung in und warum sich kollektive Wertsysteme ändern. Darüber hinaus soll der Langzeitperspektive zeige, dass die „no-fault divorce“ in einen auch der Leitfrage der Sektion nachgegangen werden, ob es den Wer- langfristigen Prozess der Säkularisierung und konstant steigenden tewandel um 1970 gab oder ob alternative Entwicklungsmuster zu Scheidungsraten eingebettet sei. Im zweiten Fallbeispiel widmete sich erkennen sind. Hierfür sei eine diachrone Langzeitperspektive von Heinemann den Debatten um reproduktive Kontrolle und das Recht Bedeutung. Eine der Hauptaufgaben des Projekts sei es zu untersu- auf Abtreibung. Trotz einer gewissen Liberalisierung sei das Thema chen, wie sich (kulturelle) Werte, soziale Praxis und institutionelle Abtreibung umstritten geblieben, weswegen man nicht von einem Strukturen in Wertewandelsprozessen zueinander verhalten. Hier- generellen Wandel sprechen könne. Allerdings gebe es starke Unter- für wurde mit diskursanalystischen und qualifizierend hermeneuti- schiede im Diskurs um Reproduktion bei weißen und nicht-weißen schen Verfahren eine genuin historisch-methodische Herangehenswei- Frauen. Die Reproduktion weißer Frauen lag im nationalen Interesse se gewählt. Methodische Anknüpfungspunkte finde die Historische und sollte gefördert werden, wohingegen bei nicht-weißen Frauen 237 238 Anna Kranzdorf Gab es den Wertewandel? bis in die 1970er-Jahre Zwangssterilisationen durchgeführt wurden. kursive Verhandlungen über den Wandel der Familienwerte in allen Dass dieses Gesetz schließlich zurückgenommen und sich bei den be- Milieus geführt wurden. Die „neuen Lebensformen“ bestimmten dabei troffenen Frauen entschuldigt wurde, zeige jedoch, dass in Bezug auf den Diskurs. Insgesamt arbeitete Neumaier als Charakteristikum der „race“ ein Wandel stattgefunden habe. Ihre anfangs aufgestellte Fra- 1970er-Jahre heraus, dass sich weniger die Sozialstruktur der Familie ge beantwortete Heinemann zusammenfassend damit, dass ein Blick änderte als vielmehr der Diskurs über Familie. Bezüglich der Rolle der auf das gesamte 20. Jahrhundert dem Phänomen Wertewandel seine Frau brachte das neue Modell der „Doppelverdienerehe“ einiges in Dramatik und Singularität nehme. Es ließen sich vielmehr Wellen- Bewegung. Veränderungen habe es vor allem bei jungen Leuten, Aka- bewegungen des Wandels feststellen, so dass die Jahrhundertwende, demikern und Städtern gegeben, wohingegen Ehen auf dem Land und die 1920er-/30er-Jahren und die 1960er-/70er-Jahre als Phasen eines im katholischen Milieu eher traditionell ausgerichtet waren. Neumaier verdichteten Norm- und Wertewandels beschrieben werden können. problematisierte und differenzierte allerdings diese Ergebnisse, da die Debatten um Ehescheidung und Abtreibung als auch Familienwerte Daten bereits in den 1950er-Jahren erhoben wurden. Das hieße aber, insgesamt seien in den USA stark ethnisch und sozial differenziert. dass sich das Rollenverständnis bereits früher als von Inglehart und Die Fragen nach Wertewandelsprozessen könnten also dazu beitragen Klages behauptet änderte. Der Wandel des Sprechens über Familie, soziale und ethnische Differenzierungen offenzulegen. so resümierte Neumaier, sei also der zentrale Seismograph für sich CHRISTOPHER NEUMAIER (Potsdam) ging in seinem Beitrag anbahnende gesellschaftlich-kulturelle Veränderungsprozesse. der Frage nach, inwiefern und in welchen Bereichen sich die Idealvor- JÖRG NEUHEISER (Tübingen) begann seinen Vortrag mit der Ein- stellung von Familie in Westdeutschland in den 1960er-/70er-Jahren ordnung des Wertewandels in der Arbeitswelt und seiner Wahrneh- änderte und ob und in welcher Weise die Wandlungsprozesse mit mung in der Forschung zur Geschichte der Arbeit. Es habe sich eine sozialer Praxis und institutionellen Rahmenbedingungen korrelierten. gängige Erzählung herausgebildet, dass Arbeit nicht mehr als Siche- Im politischen Diskurs zur Familie herrschte in den 1960er-Jahren noch rung von Grundlagen und individueller Sinnstiftung in Verbindung ein statisches Verständnis von Familie vor. In den 1970er-Jahren aber gebracht würde, sondern nur noch die Möglichkeit darstelle, um eman- nahmen „alternative Lebensformen“ zu und ein neues Verständnis von zipatorische Forderungen zu erfüllen, also seine Freizeit zu finanzieren. Familie prägte sich aus. Es verbreitete sich ein weiter gefasster Famili- In der Geschichtswissenschaft dominiere die pointierte Aussage von enbegriff, bei dem die Eltern-Kind-Beziehung zum zentralen Merkmal Andreas Wirsching „Konsum statt Arbeit“, die einen grundlegenden wurde. Sozialwissenschaftler und Politiker nahmen beispielsweise Wandel der Mentalität beschreibt. In einem zweiten Schritt zeigte Neu- Abstand von normativen Familienbegriffen wie „Halbfamilie“ für al- heiser die enge Verflechtung zwischen sozialwissenschaftlicher Demo- leinerziehende Mütter. In einem nächsten Schritt überprüfte Neumaier, skopie und politischen Institutionen bzw. Parteien auf. Die Umfragen ob die Pluralität familialer Lebensformen ein Massenphänomen oder selber waren, so Neuheisers These, Teil des Wandels, sie beeinfluss- eine Randerscheinung war. Es gebe zwar zahlreiche Quellenfunde, ten ihn und beschrieben teilweise etwas, das es nicht gab. Politische die die neue Pluralität belegten, aber diese hätten keine Repräsen- Debatten, Umfragen und Wertwandlungsprozesse standen somit in ei- tativität. Es handele sich nicht um eine radikale Pluralität, sondern ner engen Wechselbeziehung. Als empirisches Beispiel zog Neuheiser um eine „Pluralität in Grenzen“. Dennoch habe das Thema Wandel schließlich die Plakat-Gruppe, eine oppositionelle IG Metall-Gruppe, der Familienwerte eine hohe Bedeutsamkeit und Reichweite, da dis- aus dem Daimler-Benz-Werk in Stuttgart-Untertürkheim heran. Die 239 240 Anna Kranzdorf Gab es den Wertewandel? Plakat-Gruppe setzte sich für Mitbestimmung und humane Arbeitsbe- antwortung wie Unternehmer inne hatten, rechtlich aber Angestellte dingungen ein. Dabei protestierte sie z.B. gegen die Rationalisierung waren, kam der „dritten Kraft“ eine Sonderstellung zu. Ihre Sonder- von Arbeit, also gegen monotone Fließbandarbeit. Neuheiser arbeitete stellung rechtfertigten sie mit einem spezifischen Leistungsethos, das heraus, dass die Arbeiter im Daimler-Werk ein gewisses Facharbeite- Werte wie Selbstständigkeit, Leistung und Verantwortung beinhaltete. rethos vertraten, welches sich durch gute Qualifikation, Würde der Parallel kam es zu einem Umbruch im Führungsstil: der Wirtschafts- Arbeit, Eigensinn des Arbeitens und Stolz auf Geleistetes auszeichnete. wundermanager, der das Unternehmen in militärischem Stil leitete, Das traditionelle Arbeitsethos änderte sich also durch die betriebli- hatte ausgedient. Der neue Manager musste differenziertere Talente chen Umbrüche nicht, sondern es wurde durch sie herausgefordert aufweisen wie soziale Anpassungsfähigkeit und vor allem Kreativität. und somit verändert. Neuheiser resümierte, dass die Analyse der Zusammenfassend hielt Dietz fest, dass es keinen linearen Wandel historischen Praxis Einblicke auch in implizite und fest verankerte von materialistischen zu postmaterialistischen Werten gebe. Die leiten- Wertvorstellungen erlaube, die in Umfragen nicht erfasst werden kön- den Angestellten seien stolz auf ihre Identifikation mit dem Betrieb, nen. Dadurch scheine eine langlebige Logik der „guten Arbeit“ auf, ihre hohe Arbeitsmoral und ihren Individualismus gewesen. Dieses die in Verbindung mit Analysen zur Entstehung der Wertewandelsstu- traditionelle Arbeitsethos hätte sich mit neuen Arbeitswerten wie Fle- dien die Einordnung des Wandels der Arbeitseinstellungen in einen xibilität, Mobilität und Kreativität verbunden. Für Dietz gilt es die Wertewandlungsschubs zwischen 1965 und 1975 problematisch mache. Frage nach dem Wertewandel mit dem Formwandel des Kapitalismus Es handle sich im Bereich der Arbeit mehr um langlebige Wertvorstel- in den 1970er-Jahren zu verbinden. lungen und ein Wechselspiel zwischen semantischen Verschiebungen Nachdem LUTZ RAPHAEL (Trier) die einzelnen Beiträge noch ein- und „gelebten Arbeitsvorstellungen“. mal pointiert zusammengefasst hatte, stellte er zwei Grundtendenzen BERNHARD DIETZ (Mainz) nahm in seinem Beitrag die leitenden in den Beiträgen heraus: Wertewandel werde unterschiedlich kon- Angestellten in den Fokus, eine Gruppe die von der Forschung bisher struiert und dekonstruiert. Für Heinemann und Neuheiser stünden kaum untersucht worden ist. Die Zahl dieser Gruppe hatte in den die Rhythmen des Wandels nicht zwingend in Verbindung mit dem 1970er-Jahren deutlich zugenommen und die Frage, wer die leitenden Wertewandel. Neumaier und Dietz stünden dem Wertewandel zwar Angestellten seien, den öffentlichen Diskurs bestimmt. Für Dietz bietet auch skeptisch gegenüber, versuchten aber ihn produktiv weiter zu die Debatte um die leitenden Angestellten einen Schlüssel zur empi- denken und verwendeten das statistische Material, bewerten es aber rischen Erforschung des Wertewandlungsschubes. Und so fragte er historisch neu. Allerdings seien sich alle einig – und dies fand auch überspitzt: „Leitende Angestellte: Leistungselite oder Postmaterialis- die Zustimmung des Kommentators –, dass die 1960er/70er-Jahre eine ten?“ Durch Tertiärisierung und Bildungsexpansion, durch Interna- Zeit des verdichteten „Culture War“ sei. Vor allem im Bereich der Fa- tionalisierung und Auflösung traditioneller Unternehmensstrukturen milienwerte könne man den verdeckten Akteur, das „religiöse Feld“, war die Zahl der leitenden Angestellten in den 1970er-Jahren deut- noch stärker in den Blick nehmen, welches nämlich eine bewusste lich gestiegen. Die Universität wurde das neue Rekrutierungsfeld Bekämpfung des Wertewandels betrieb. Seinen Kommentar schloss der Unternehmen für ihre leitenden Angestellten. Bei den Debatten Raphael mit fünf Präzisierungen, die im Rahmen einer Historischen um das Betriebsverfassungsgesetz und dem Mitbestimmungsgesetz Wertewandelsforschung geleistet werden können bzw. noch zu leisten traten die leitenden Angestellten ins öffentliche Interesse. Da sie Ver- seien: Da es keine zeithistorische Familien- bzw. Arbeitsgeschichte 241 242 Anna Kranzdorf gäbe, begrüße er die Forschungsvorhaben sehr, da sie sozialhistori- ly“: Gab es einen Wertewandel in den USA? sche Präzisierung brächten. Des Weiteren sprach sich Raphael für eine Christopher Neumaier (Potsdam): Von der bürgerlichen Kernfamilie politikhistorische Präzisierung aus, weil der Wertewandel ein zeithis- zur Pluralität familialer Lebensformen? Zum Wandel der Familienwer- torisch wichtiges Argument in Politik und Forschung sei. Auch eine te in Deutschland ideengeschichtliche Präzisierung könne die Wertewandelsforschung leisten, da sie sich Begriffe wie Demokratie oder Liberalismus genauer Jörg Neuheiser (Tübingen): Wo ist der Wertewandel? Kontinuität und ansehen könne. Werte können, so Raphael, seit Weber nicht mehr von Wandel in den deutschen Einstellungen zur Arbeit und Arbeitslosig- den Sozialwissenschaften getrennt werden. Die Sozialwissenschaften keit seit 1945 präformieren das, was wir tun und wollen. Dies bedürfe einer wis- Bernhard Dietz (Mainz): Postmaterialisten oder Leistungselite? Die senschaftsgeschichtlichen Präzisierung und erschwere die Historische Leitenden Angestellten in den siebziger Jahren Wertewandelsforschung. Seine letzte Bemerkung bezog sich auf das streng wertfreie Reden über Werte. Hier müsse man bedenken, dass Lutz Raphael (Trier): Kommentar jedes Reden über Werte auch ein Reden über Menschenbilder sei, was Podiumsdiskussion: Gab es den Wertewandel? Zum Verhältnis von das neutrale Reden gerade bei Werten so schwierig mache. Deswegen sozialwissenschaftlichen und historiographischen Analysekategorien bedürfe es auch einer zeitgeschichtlichen Präzisierung. Die Diskussion behandelte unter anderem die Frage, ob Mediati- Tagungsbericht Gab es den Wertewandel? 25.09.2012-28.09.2012, In: H- sierung den Wandel angetrieben haben könnte oder ob die Analyseka- Soz-u-Kult 18.10.2012. tegorie „Wert“ einen Mehrwert biete. Ebenfalls wurde erörtert, ob eine Vermischung zwischen Diskurs- und Sozialgeschichte legitim sei oder ob eine scharfe Trennung angebracht wäre. Insgesamt verdeutlichten die einzelnen Projekte, dass gesellschaftlicher Wandel vielschichtiger und mehrdimensionaler ist, als die eingängige These Ingleharts vom Geschichte als Ressource des Menschseins in der Materialismus zum Postmaterialismus suggeriert, und dass der Werte- Migrationsgesellschaft – und warum ein solches Ideal im Prozess wandel kein geschichtlich einmaliges Ereignis war. Die Sektion zeigte des historischen Lernens unweigerlich Konflikte auslöst darüber hinaus, dass das Nutzen sozialwissenschaftlicher Forschung Leitung:Michele Barricelli (Hannover) / Carlos Kölbl (Bayreuth) / durchaus Potential für weitergehende historische Erkenntnisse bietet, Martin Lücke (Berlin) sei es durch ihre Historisierung oder ihre historische Präzisierung. Bericht von: Oliver Kuttner, Historisches Seminar, Leibniz Universität Sektionsübersicht: Hannover Andreas Rödder (Mainz): Einführung: Wertewandel als Gegenstand Die Sektion „Geschichte als Ressource des Menschseins in der Mi- historischer Forschung grationsgesellschaft – und warum ein solches Ideal im Prozess des Isabel Heinemann (Münster): „Inventing the modern American fami- historischen Lernens unweigerlich Konflikte auslöst“ beschäftigte sich im Allgemeinen mit der Problemstellung, unter welchen Bedingungen 243 244 Geschichte als Ressource des Menschseins in der Oliver Kuttner Migrationsgesellschaft historisches Lernen – im schulischen oder gesellschaftlichen Rahmen in Verbindung mit den zentralen geschichtsdidaktischen Kategorien – in einer heterogenen/ diversen Migrationsgesellschaft stattfinden des Geschichtsbewusstseins und der historischen Sinnbildung vor kann. Während Heterogenität und Diversität oftmals als Problemsi- allem Paradigmen der Diversity- und Intersectionality Studies neue tuation wahrgenommen werden – was u.a. der Betrag von Carlos Erfahrungs- und Erinnerungsräume schaffen, um die herum vielfältige Kölbl, Lena Deuble und Lisa Konrad aufzeigt –, wird die diversitäts- Geschichten über vergangene Wirklichkeiten erzählt werden können. sensible Geschichte als Ressource in den einleitenden Ausführungen Klassische Narrative müssen Martin Lücke folgend zugunsten einer von MICHELE BARRICELLI (Hannover) und MARTIN LÜCKE (Ber- transkulturellen Perspektive, die quellennah die Konflikthaftigkeit lin) aufgefasst. Eine Geschichte, die natürlich auch Konfliktpotenzial von Kulturkontakten in den Blick nimmt, aufgelöst werden. besitzt – werden doch (bspw. gesellschaftlich konforme) Narrative Diesen Ausführungen schloss sich unweigerlich die Frage an, wel- aufgeworfen, die andere Narrative dominieren, „immerhin das Deut- che multikulturinkludierenden Erzählstrategien die gemeinsam geteil- scheste vom Deutschen“ (Golo Mann). Das Klassenzimmer wird somit te Sinnbildung ermöglichen. MICHELE BARRICELLI (Hannover) ging zum Konfliktfeld, Heterogenität zur Ressource eines gelungenen mul- dieser Problemstellung nach und führte in das kanadische Konzept tiperspektivischen und identitätsstiftenden Geschichtsunterrichts. der shared und divided histories ein. Nun ist das Geschichtsbewusst- MARTIN LÜCKE (Berlin) wies die Notwendigkeit eines auf Di- sein eines jeden Menschen subjektiv opportun, es bildet und erzählt versität und Heterogenität eingehenden bzw. an jenen ausgerichteten partikulare Geschichten, die die eigene Identitätsbildung stützen und Geschichtsunterrichts aus. Zivilgesellschaften (bzw. die „sogenann- zugleich die „anderen“ ausschließen (divided histories). Ein heteroge- ten Migrationsgesellschaften“) sind heute – aufgrund der globalen ner und diverser Geschichtsunterricht sucht jedoch nach shared histo- Wanderungsbewegungen – heterogen. War die gesellschaftliche, aber ries – Geschichten, die gemeinsam geteilt werden können. Dies sind auch die fachdidaktische Rhetorik der letzten Jahre noch allzu oft ge- z.B. Themenfelder wie Menschen- und Bürgerrechte aus westlicher, prägt von „Alarmierung oder der Markierung des Fremden“, einem arabischer und lateinamerikanischer Perspektive bzw. die historisch hegemonialen Habitus, der die Kenntnis der deutschen Sprache zur geprägten diversen Erfolgsgeschichten des ökonomischen Wachstums Voraussetzung für die Partizipation an der deutschen Mehrheitsgesell- als lineare Fortschrittsvorstellung. Die Komplexität multikulturinklu- schaft ansah, wird die heterogene und diverse Zusammensetzung der dierender Narrative führt unweigerlich dazu, „auf gemeinsam geteilte Gesellschaft – bzw. des Klassenraums – als Normalzustand angesehen. historische Sinnbildung in Großkollektiven zu verzichten. Geschichte, Meistererzählungen wie die der nationalstaatlichen Genese können Erinnerung wird etwas Subjektives“. Eine Garantie, welche Narrative aufgrund ihrer monokausalen, inkludierenden („Bio-„Deutsche) sowie in welcher subjektiv reduzierten Weise Bestandteil unserer histori- exkludierenden („die Anderen“) Zusammenhänge und Hintergründe schen Identität werden, gibt es nicht. Im Hinblick auf alle diese Fragen keinen Beitrag zur historischen Orientierung der Schülerinnen und – bspw. bezüglich der Überwindung der Meistererzählungen und des Schüler in heterogenen Lernzusammenhängen leisten. Vielmehr müs- Eurozentrismus durch shared histories – plädiert Michele Barricel- sen Mikronarrative im Fokus des Geschichtsunterrichts stehen, die li für eine klare und selbstbewusste Positionierung einer modernen, die „Anerkennung des Subjekts und den Umgang mit authentischer kulturell sensiblen Geschichtsdidaktik. Differenz in multireferentiellen Lebenskontexten“ zulassen. Im Ver- Neben Martin Lücke – und an anderer Stelle Lars Deile – führte ständnis der Geschichte als Ressource einer Weltgemeinschaft können auch JÜRGEN STRAUB (Bochum) das transkulturelle Geschichtsler- 245 246 Geschichte als Ressource des Menschseins in der Oliver Kuttner Migrationsgesellschaft nen im multireferentiellen Lernprozess an. Heterogenität wird als gen von Migration und Multireferentialität der Lebenskontexte in den zentrales Prinzip einer globalen Welt hervorgehoben und mit einer Blick. Anhand zweier Konstruktionen historischer Identitäten in der normativ politischen Forderung nach einer Achtung aller Menschen heterogenen Gesellschaft stellt Johannes Meyer-Hamme drei Schluss- verbunden. In diesem Zusammenhang sind es vor allem intergenera- folgerungen heraus, wann historisches Erzählen in einer heterogenen tionelle Geschichten ausgeübter und erlittener Gewalt, die als transkul- Gesellschaft als Ressource angesehen werden kann. Die drei Aspekte turelle Aspekte um Anerkennung von Verletzungen in den Geschichts- lassen sich wie folgt zusammenfassen: historische Identität als narrati- unterricht einzubeziehen sind. Werden „ethnisch und kulturell diffe- ver Zusammenhang zwischen historischen Orientierungen, Reflexion renzierte Gesellschaften heute allgemein als durch (Super-)Diversität der Perspektiven historischer Narration, Formulierung gesellschaftli- geprägte Konstellationen beschrieben“, rücken im Hinblick auf kol- cher Veränderungsprozesse. lektive Verletzungen Beziehungen zwischen Gruppen oder Milieus in BÉATRICE ZIEGLER (Aarau) bildete den Abschluss des ersten den Fokus, die diese Diversität konstituieren. Die Auseinandersetzung Roundtables. Sie berichtete als Kontrapunkt zu den bisherigen Beiträ- mit Verletzungsverhältnissen „fragt nach deren Bedeutung für das gen von einem aktuellen Anwendungsbeispiel praktischer Identitäts- historische Bewusstsein und der gegenwärtigen Praxis im Zusammen- bildung – der Entwicklung eines Staatsbürgerschaftstests im schwei- leben von Menschen, die eine Generationen übergreifende Geschichte zerischen Kanton Aargau. Der Blick auf realgeschichtspolitische Ent- der Verletzung und Verfeindung, der Verfolgung und Vernichtung wicklungen „zeigt die problematische Gratwanderung der Geschichts- miteinander ‚verbindet‘“. didaktik im Dienste demokratischer Öffentlichkeit“. Béatrice Ziegler JOHANNES MEYER-HAMME (Hamburg) begann seine Ausfüh- zufolge ist ein geschichtsdidaktischer Versuch, einen Staatsbürger- rungen mit der Darstellung der paradoxen Situation, dass wir uns schaftstest zum Instrument tatsächlichen politischen und historischen einerseits in einer heterogenen Gesellschaft befinden, in der vollkom- Lernens zu entwickeln aus unterschiedlichen Gründen zum Scheitern men unterschiedliche Perspektiven in historischen Narrationen erzählt verurteilt. So werden Fragen zur Geschichte gestellt, die auf einen und insofern historische Orientierungen und Identitäten angeboten nationalen herrschaftslegitimierenden und gesellschaftshomogenisie- werden. Historisches Erzählen wird infolgedessen zur Ressource der renden Wissenskanon abzielen und zugleich ebenso Erfolgsgeschich- Identität, die natürlich adäquate Strategien im Umgang mit heteroge- ten suggerieren. Die partizipatorische Zugehörigkeit zum Zielstaat ner Deutung und Wahrnehmung bedingen. Andererseits stehen dem verlangt nach gemeinsamen historischen Sinnbildungselementen und multikulturinkludierenden Geschichtslernen auch Gegner gegenüber, Modi der kollektiven Identität, heterogene Identitäten hingegen wer- die „einen obligatorischen, soliden chronologischen Durchgang von den außer Acht gelassen. Potenzielle (Identitäts-)Konflikte werden der Urgesellschaft bis heute“ fordern, um ein „fassbares historisches, ja infolgedessen vorgreifend negiert, um „die notwendige innere Kohä- kanonisches Wissen“ vermitteln zu können. In Hinsicht auf die bishe- renz seines Verbandes zu gewährleisten“. Dennoch, so zeigt es dieser rigen Beiträge und die geschichtsdidaktische Theoriebildung scheint Beitrag, sind es Fragen, die das geschichtskulturell mächtige natio- diese Homogenitätsvorstellung nicht mehr zeitgemäß und tragfähig. nale Narrativ herausfordern und aufgrund gesellschaftsinhärenter In einer nicht nur individualpsychologischen, sondern auch genuin Veränderungsimpulse ebenso die Diversität der Zugereisten respektie- geschichtsdidaktischen Perspektive nimmt Johannes Meyer-Hamme ren, um insofern den Zusammenhalt einer multiethnisch verfassten den Aspekt der historischen Identitätsbildung unter den Bedingun- Gesellschaft zu gewährleisten. 247 248 Geschichte als Ressource des Menschseins in der Oliver Kuttner Migrationsgesellschaft Die Diskussion zum ersten Roundtable führte die Diskutanten vorgestellt, das die Perspektiven und Praktiken von Geschichtslehr- über die abstrakten allgemein-theoretischen Begriffe, der Feststellung kräften, ihren Schülerinnen und Schülern sowie das faktisch stattfin- einer zu berücksichtigenden sozial einheitlichen Raumgebundenheit dende Unterrichtsgeschehen analysiert, um „Verhaltensänderungen“ (Anwendungskontext), des Bestehens von Migranten-Netzwerken zu identifizieren zu können. Besonderheit dieses Forschungsprojekts ist der Fragestellung, wie Deutsch die Diskussion um Heterogenität und der sich im Prozess entwickelnde, modifizierende und differenzie- Diversität in der Migrationsgesellschaft sei? In diesem Zusammen- rende Arbeitsbegriff, um eine empirisch fundierte Theorie interkul- hang wurde darauf hingewiesen, dass dieser Diskurs kein deutscher, turellen Lernens und Lehrens im Geschichtsunterricht, die auch für sondern ein westeuropäischer, ökonomisch geführter Diskurs sei (Di- unterrichtspraktische Belange relevant ist, herauszuarbeiten. Vorläu- versity Management). Zwar wurde dem Plädoyer für Verletzungsge- fige Annahmen gehen davon aus, dass sowohl eine inhaltliche als schichten im Geschichtsunterricht mehrheitlich zugestimmt, auch Kon- auch eine methodische Auseinandersetzung von kultureller Differenz kretisierungen und Möglichkeiten der Pragmatik eingefordert, jedoch stattfindet und interkulturell in synchroner und diachroner Perspekti- wurde innerhalb der Diskussion auf einen potenziell unterschwelligen ve über kulturelle Differenzen und historische Hintergründe gelernt Antisemitismus (Schülerinnen und Schüler mit islamischen Hinter- wird. Es bleibt abzuwarten, ob sich die ersten vage andeutenden Er- grund vs. Schülerinnen und Schüler mit jüdisch-orthodoxer Migrati- gebnisse bestätigen lassen, wonach Gymnasialschullehrerinnen und onsgeschichte) hingewiesen. Dennoch sollte gerade auch die Verlet- -lehrer „[i]nterkulturelles Lernen als Ressource“ wahrnehmen, Sekun- zungsgeschichte explizit Thematisierung erfahren, um den Schülerin- darschullehrkräfte hingegen „[i]nterkulturelles Lernen als Konflikt- nen und Schülern Geschichte als kulturelle Praxis näherbringen zu und Minenfeld“ auffassen. „Ein einheitliches Verständnis interkultu- können. rellen Lernens im Geschichtsunterricht oder eine einheitliche Lehr- Während in Roundtable 1 mehrheitlich die Grundlagen und die und Lernpraxis gibt es diesbezüglich sicher nicht“. Fundierung des Geschichtslernens in der Migrationsgesellschaft Be- WALTER HERZOG und ELENA MAKAROVA (beide Bern) gingen rücksichtigung fanden, thematisierte Roundtable 2 die Empirie und der Frage nach, was denn Unterricht überhaupt konstituiert bzw. wie Pragmatik des Geschichtslernens in der Migrationsgesellschaft. dieser überhaupt möglich ist. In Hinblick auf die soziale Dynamik CARLOS KÖLBL (Bayreuth), LENA DEUBLE und LISA KONRAD von (Geschichts-)Unterricht wird konstatiert, dass die Didaktik nicht (beide Hannover) hoben die besondere Stellung des interkulturellen mit der Unterrichtswissenschaft gleichzusetzen sei, „setzt sie letztlich Lernens in der Geschichtsdidaktik hervor. Sie konstatierten, dass die immer schon voraus, dass Unterricht in sozialer Hinsicht möglich ist, Relevanz interkulturellen Lernens geradezu beschworen, zumindest weshalb sie ihre Aufgabe nicht darin sieht, eine Unterrichtstheorie im aber normativ eingefordert werde (so z.B. der Beschluss der Kultusmi- umfassenden Sinn zu entwickeln, sondern das Lehrerhandeln anzulei- nisterkonferenz vom 25. Oktober 1996: Empfehlung „Interkulturelle ten“. Auf Basis empirischer Befunde postulieren Herzog und Maka- Bildung und Erziehung in der Schule“), obwohl noch nicht hinrei- rova, dass die Prozessmerkmale des Unterrichts im Fach Geschichte chend geklärt ist, ob bzw. in welchen Hinsichten in der Schule inter- wichtiger seien als die Strukturmerkmale. So seien einer Schweizer Stu- kulturell gelernt werden kann. Vor diesem Hintergrund wurde das die zufolge „strukturelle Merkmale einer Klasse (wie deren kulturelle Projekt „Vielfalt, Identität, Erzählung“ der empirischen Rekonstrukti- Heterogenität) für das wahrgenommene Störausmaß im Unterricht on interkultureller Lern- und Lehrprozesse im Geschichtsunterricht weit weniger bedeutsam als Prozessmerkmale des Unterrichts (wie 249 250 Geschichte als Ressource des Menschseins in der Oliver Kuttner Migrationsgesellschaft insbes. die Beziehungsqualität in der Klasse)“. Es wird jedoch betont, lung wird den Geschichtslehrkräften zugesprochen. Sie sind es, die dass diese Erkenntnis nicht bedeuten soll, dass mit der schülerischen den Geschichtsunterricht einer diversitätssensiblen Professionalisie- Herkunft assoziierte Differenzen keine erschwerende Rolle bei der rung unterziehen können. LARS DEILE (Berlin) regt in Abgrenzung Klassenführung spielen. Besonders wichtig für die soziale Integrati- zur Ausländerpädagogik und in Erweiterung des gegenwärtig vor- on einer (kulturell) heterogenen Schulklasse ist demnach vor allem, herrschenden pädagogischen Konzepts des interkulturellen Lernens dass es der Lehrperson gelingt, vertrauensvolle, wertschätzende und dazu an, transkulturelles historisches Lernen in den geschichtsdidak- anerkennende Beziehungen in der Klasse aufzubauen. Aus geschichts- tischen Blick zu nehmen. Während das Konzept der Interkulturalität didaktischer Sicht können die Fachinhalte dennoch nicht als beliebig zu einer Manifestierung der Distanz zwischen Einheimischen und erachtet werden, „weil sie – vermittelt über biografische Betroffenheit Zuwanderern sowie zu einer simplifizierenden Dichotomie von „Ei- bzw. Resonanz – ein personales Moment in den Unterricht einbringen, gen und Fremd“ führt und insofern eine Bewahrung, Kollektivierung das sich auf die sozialen Beziehungen in der Klasse – positiv oder und Homogenisierung bestehender mentaler Konzepte zur Folge hat, negativ – auswirken kann“. vermag das transkulturelle Lernen konkrete multikulturinkludierende VADIM OSWALT (Gießen) stellt die besondere Bedeutung der Sinnsituationen und Deutungsvielfalt herzustellen sowie Simplifizie- Auseinandersetzung mit kommunikativen Prozessen in den Vorder- rungen in Form von Zu- bzw. Festschreibungen zu entlarven. Es ist die grund, da nur hier jene diversitätssensiblen Erfahrungen und Aus- transkulturelle Perspektivierung des Geschichtsunterricht, die die mul- handlungsprozesse sichtbar werden. Jene Erfahrungen von Diversität, tireferentiellen Lebenskontexte und Lebenswelten der Schülerinnen die nach Jörn Rüsen „Geschichte als Teil einer kulturellen Sinnwelt, und Schüler durch das Aufzeigen von Veränderung und Kontingenz lebenspraktischer Orientierungsbedürfnisse und Daseinsorientierung“ hinsichtlich einer gemeinsam geteilten Sinnbildung (shared histories) berühren, werden zur Markierung im historischen Prozess, Geschich- diversitätssensibel dekonstruiert. Die Kanonisierung „unserer“ Ge- te zum Ernstfall. „Die Heterogenität der Akteure sowie die Fülle an schichte in Form von chronologisch-genetischer Meistererzählungen kommunikativen, historisch-inhaltlichen und medialen Bezugsrahmen muss zugunsten einer transkulturell gedachten und narrativierten Ver- schaffen einen multireferentiellen pädagogischen Handlungs- und Er- flechtungsgeschichte überwunden werden. Wehrmutstropfen dieses fahrungsraum, der alle Beteiligten zum diversitätssensiblen Umgang Plädoyers ist jedoch die noch immer fehlende konkrete theoretische mit differierenden historischen Deutungen und anderen Lernkultu- Definition des transkulturellen historischen Lernens, die auch dieser ren“ sowie zur Modifizierung, Dekonstruktion und Falsifizierung von Beitrag nicht leisten konnte. Demzufolge steht eine begrifflich fundier- Konzepten der Selbst- und Fremdwahrnehmung zwingt. Geschichte te Konkretisierung und Nutzbarmachung des Konzepts der Transkul- als Ressource der eigenen Identitätsbildung und Sinnweltbestimmung turalität im Geschichtsunterricht noch immer nicht zur Verfügung, muss als ein von wechselseitiger Annäherung geprägter Umgang ge- auch weil hier die nur spärlich existierende fachdidaktische Litera- meinsamer Geschichte, aber auch als Erfahrung von Differenz und tur – mit transkulturellem Anspruch – in interkultureller Perspektive der ihr immanenten Verunsicherung wahrgenommen werden. Die verharrt. Erkenntnis, dass es „die“ Geschichte nicht gibt wird in der Vielzahl Der Diskussion war zu entnehmen, dass sich die Mehrheit der der möglichen Interpretationen deutlich. zuhörenden Geschichtslehrerinnen und Geschichtslehrer noch konkre- Eine große Bedeutung bei der multikulturinkludierenden Vermitt- tere Handlungsanleitungen bezüglich des transkulturellen Lernens 251 252 Oliver Kuttner gewünscht hätte, und nach wie vor ein fehlendes verständliches Kon- le: Herausforderungen für das Klassenmanagement zept hinter Diversität und Heterogenität beklagte. Zu Unrecht? Es ist Roundtable 2: Empirie und Pragmatik des Geschichtslernens in der zu konstatieren, dass die Sektion mehr theorietriftige Fragen aufgewor- Migrationsgesellschaft fen hat als sie pragmatisch beantworten konnte. Aber liegt dies nicht an einem sich im Bewusstsein der Vertreterinnen und Vertreter unserer Carlos Kölbl (Bayreuth); Lena Deuble / Lisa Konrad (Hannover): Inter- Domäne wandelnden modernen Verständnis einer Geschichtsdidaktik kulturelles Lernen im Geschichtsunterricht: Programm, erste Befunde, als historischer Kulturwissenschaft der trotz aller empirischen Erkennt- Desiderate nisse noch immer innovationsrückständige politisch-institutionelle Vadim Oswalt (Gießen): Zur Evaluation der Konflikte außerschuli- Vorgaben und Rahmenbedingungen gegenüberstehen? schen Geschichtslernens an diversitätssensiblen Orten Eine Frage, die trotz ihrer großen Relevanz zeitlich nicht ausrei- chend diskutiert werden konnte, war und ist, wie mit Schülerinnen Béatrice Ziegler (Aarau): Schweizermachen als Frage von historischer und Schülern im diversitätssensiblen Geschichtsunterricht verfahren Identität. Ein Beispiel vorgreifender Konfliktvermeidung werden muss, die Diversität aus spezifisch subjektiven bzw. antise- Lars Deile (Berlin): Diversitätssensibler Geschichtsunterricht in der mitistischen Gründen nicht zulassen möchten bzw. können (gerade Migrationsgesellschaft als Herausforderung für die akademische Pro- in Bezug auf Verletzungsgeschichten bzw. am direkten authentischen fessionalisierung von Geschichtslehrkräften Lernort bzw. in direkter interkultureller Konfrontation). Sektionsübersicht: Tagungsbericht Geschichte als Ressource des Menschseins in der Migrati- onsgesellschaft – und warum ein solches Ideal im Prozess des historischen Michele Barricelli (Hannover); Carlos Kölbl (Bayreuth); Martin Lücke Lernens unweigerlich Konflikte auslöst. 25.09.2012-28.09.2012, In: H-Soz- (Berlin): Begrüßung und Einführung u-Kult 25.01.2013. Roundtable 1: Grundlagen und Fundierungen des Geschichtslernens in der Migrationsgesellschaft Michele Barricelli (Hannover); Martin Lücke (Berlin): Diversity – Ge- schichte – Geschichtsdidaktik. Einführende kategoriale Überlegungen. Geschichtswissenschaft digital in Deutschland und Frankreich: Tendenzen, Strategien, Beispiele Jürgen Straub (Bochum): Kollektive Verletzungen und historisches Bewusstsein. Zur Psychologie temporaler und soziokultureller Kom- Leitung: Gudrun Gersmann (Paris) plexität in der Migrationsgesellschaft Bericht von: Philipp Spreckels, Münster Johannes Meyer-Hamme (Hamburg): Der Konflikt in mir. Historisches Während der Begriff eHumanities1 links des Rheins kaum noch die Erzählen als Ressource von Ich-Identität Gemüter erhitzt, zucken Historiker auf der anderen Seite des Stroms Walter Herzog / Elena Makarova (Bern): Multikulturalität in der Schu- allein bei seiner Erwähnung verschreckt zusammen. Hier rümpft man 1 eHumanities steht im Deutschen für „digitale Geisteswissenschaften“. 253 254 Geschichtswissenschaft digital in Deutschland und Frankreich: Philipp Spreckels Tendenzen, Strategien, Beispiele über Blogs die Nase und betrachtet E-Books automatisch als flüchtig, das DHI hatte ein massives Problem: Als „internationales Institut in lieblos, gar billig. Doch wie lange noch kann es sich ein substantieller einem internationalen Umfeld“, ist das DHI gezwungen, sich in die Teil der deutschen Geschichtswissenschaft leisten, Werkzeuge und Forschungsdiskussion beider Ländern einzumischen, was jedoch nur Methoden zu belächeln, die beim wissenschaftlichen Nachwuchs in schwer gelingt, wenn sich Bibliotheken in Deutschland und Frankreich Frankreich längst zum Standardrepertoire der Geschichtswerkstatt ge- weigern, bilinguale Publikationen zu kaufen. Im September 2007 fiel hören? Verliert Deutschland den Anschluss? Diese und andere Fragen deswegen die Entscheidung, in Zukunft verstärkt digital und offen waren Thema der Sektion „Geschichtswissenschaft digital in Deutsch- zu publizieren.4 Um den verschiedenen Publikationstypen gerecht land und Frankreich: Tendenzen, Strategien, Beispiele.” zu werden, ging man nicht immer gleich vor. Während die Traditi- onszeitschrift Francia nun ein Jahr nach der Printveröffentlichung Teil 1: Digitale Ressourcen des Historikers am Beispiel der franzö- kostenlos im Netz steht, erscheint die Tagungsreihe discussions nur sischen Geschichte online. Zu den ebenfalls neu aufgebauten Podcast-, Blog-, Twitter- und Den ersten Themenblock eröffnete MARIN DACOS (Marseille), Direk- Facebookaktivitäten des DHI später mehr beim Vortrag von Mareike tor am centre pour l’édition électronique ouverte, mit einer Biographie König. des französischen Webportals OpenEdition.2 Webportal greift als Be- Wirklich faszinierend waren jedoch die Ausführungen zur Retrodi- griff eigentlich zu kurz, hat sich unter dem Dach von OpenEdition gitalisierung: Am Beispiel der Buchreihe Pariser Historische Studien innerhalb der letzten 13 Jahre doch eine beeindruckende Infrastruk- erklärte Gersmann, wie durch die Digitalisierung in der Versenkung tur gebildet, die Forschende in den Bereichen digitale Zeitschriften verschwundene Monographien wieder der Forschung zugänglich ge- (revues.org), wissenschaftliche Blogs (hypotheses.org) und Termine macht werden und eine Rezeption der Texte erneut möglich gemacht innerhalb der wissenschaftlichen Community (calenda) unterstützt. wird. Für eine Institution wie das DHI bedeutet dies nichts weniger, Das Portal basiert auf drei Säulen: a) freier Zugang b) inhaltliche Re- als das Heben in Vergessenheit geratener Schätze – im eigenen Gar- daktion und technischer Support sowie c) Internationalisierung. So ten. Da das Netz für Viele jedoch nicht nur Medium sondern auch konzentriert man sich aktuell auf den Aufbau einer Plattform zum Botschaft ist, war es wichtig, behutsam vor zu gehen, um weder lang- Lesen und Veröffentlichen von E-Books3 sowie, und dies dürfte Ver- jährige Abonnenten noch Autoren mit einer zu radikalen Strategie fechter der Interdisziplinarität freuen, der Ausweitung des momentan verschrecken. noch stark französisch geprägten Netzwerks zu einer europäischen Aber auch die Digitalisierung hat ihren Preis. So betonte Gersmann, Infrastruktur. Eine Traditionsinstitution fehlt in dieser Zukunftsvision dass der Vorstoß auf dem Feld des digitalen Publizierens das DHI per- jedoch: der Verlag. Zu Recht? sonell wie finanziell gefordert hätte und auch in Zukunft fordern wird. Als zweites zog GUNDRUN GERSMANN (Paris) eine Bilanz ih- Denn durch die direkte Publikation im Netz hat das DHI Tätigkeiten rer Amtszeit als Direktorin am Deutschen Historischen Institut (DHI) und Dienstleistungen an sich gezogen, für die zuvor die Verlage zu- Paris, welche gerade im Bereich digitales Publizieren eine Neuausrich- ständig waren. Gelohnt hätte sich der Aufwand aber trotzdem, denn tung mit sich brachte. Diese war laut Gersmann dringend nötig, denn „allein im stillen Kämmerlein zu forschen, ohne sich um die Visibilität 2 Siehe 4 Eine Übersicht der digitalen Publikationen des DHI Paris finden Sie unter <http://www.openedition.org> (21.11.2012). 3 Siehe Lisa George: OpenEdition 15,000 books program, in: <http://oep. <http://www.dhi-paris.fr/de/> (21.11.2012). hypotheses.org/959> (21.11.2012). 255 256 Geschichtswissenschaft digital in Deutschland und Frankreich: Philipp Spreckels Tendenzen, Strategien, Beispiele der eigenen Forschungsleistung zu kümmern“ wäre heute einfach bereits eingangs erwähnt, setzt sich die Nutzung von Sozialen Netz- nicht mehr zeitgemäß. werken und Blogs in den deutschen Geisteswissenschaften wesentlich Die Diskussion erweiterte HINNERK BRUHNS (Paris) mit seiner langsamer durch, als im Nachbarland Frankreich. Und das, obwohl Vorstellung der durch ihn initiierten online-Zeitschrift Trivium 5 , in sich diese Werkzeuge laut König hervorragend dazu eignen, die ei- der bewusst nur Übersetzungen von bereits publizierten Artikeln aus gene Forschungsleistung auch jenseits der klassischen Publikationen dem Französischen oder Deutschen erscheinen. Das Ziel ist so einfach zu dokumentieren (Blogs) und mit Kollegen in Kontakt zu treten (Fa- wie einleuchtend: Das Zugänglich machen von Forschungstenden- cebook und Twitter). Wenn diese Werkzeuge aber in der deutschen zen und -ergebnissen über die Deutsch-Französische (Sprach)grenze Forschungscommunity eine weitere Verbreitung erhalten sollen, gel- hinweg. Warum dann aber nicht gleich eine Übersetzung ins Engli- te es Barrieren abzubauen und Vorurteile zu widerlegen. Ein gutes sche, lautete eine Frage aus dem Publikum? Weil die Zeitschrift genau Beispiel derartiger Aufklärungsarbeit ist der ebenfalls von König ver- dem entgegen arbeiten soll, so Bruns. Denn neben dem Transport von fasste Twitter-Leitfaden für Historiker.8 Ob man durch das Publizieren Forschungstendenzen stehe Trivium auch für den Erhalt der beiden im Netz aber nicht Gefahr laufe Opfer von Ideenklau zu werden, so großen Wissenschaftssprachen Deutsch und Französisch. Visibilität eine Frage aus dem Publikum? König widersprach dem, da man durch und Zugang ja, aber nicht im Tausch gegen sprachliche Assimilität das digitale Publizieren – ähnlich wie auch durch Printartikel oder oder Marginalisierung. Konferenzvorträge – geistigem Diebstahl vorbeuge, indem man ein Den Schlussvortrag des ersten Sektionsteils hielten GREGOR Thema mit seinem Namen besetzt. Und in der Tat beweisen die jüngs- HORSTKEMPER und ANDREA PIA KÖLBL (München), die auf- ten Skandale um die Doktorarbeiten von prominenten Politikern, dass zeigten mit welchen Mitteln die Münchener Nationalbibliothek als das Aufspüren von Plagiaten immer einfacher wird – sich Plagiate Sondersammelgebietsbibliothek der Deutschen Forschungsgemein- langfristig also immer weniger lohnen. Auf die Kritik der wissenschaft- schaft im digitalen Zeitalter die französische Geschichte mit Informa- lichen Gemeinschaft am Bloggen, dieses Medium sei zu flüchtig, zu tionen versorgt. Auch hier spielte Retrodigitalisierung eine Rolle, wenn unübersichtlich und von beliebiger Qualität, sei man laut König gerade Horstkemper6 darüber sprach, wie in Kooperation mit Google mittelal- beim Aufbau der Plattform hypothese.org eingegangen. Es wurde eine terliche Handschriften zugänglich und durchsuchbar gemacht werden. dem Blogportal vorstehende Redaktion eingerichtet, die durch Qua- Kölbl konzentrierte sich in ihren Ausführungen auf den Aufbau der litätskontrollen einen hohen inhaltlichen Standard erhalten soll und virtuellen Fachbibliothek Romanischer Kulturkreis, kurz Vifarom7 . Blogbeiträge für die Startseite auswählt. Zusätzlich sorgt der ständige technische Support für den langfristigen Erhalt der digitalen Texte, Teil 2: Einsatz von Sozialen Medien und Web 2.0-Techniken zum Beispiel durch die Vergabe von permanenten ISBN-Nummern. MAREIKE KÖNIG vom DHI (Paris) verglich im zweiten Themenblock Dass die so gewonnene, redaktionelle und technische Sicherheit natür- die digitale Fachkommunikation in Deutschland und Frankreich. Wie lich auch das Abtreten eines Teils der redaktionellen und technischen 5 Siehe Freiheit mit sich bringt, ist dabei unvermeidbar. <http://trivium.revues.org> (21.11.2012). 6 Georg Horstkemper ist Leiter des Zentrums für Elektronisches Publizieren. Sie- Laut LILIAN LANDES von der Bayrischen Staatsbilbiothek (Mün- he auch: <http://www.bsb-muenchen.de/Zentrum-fuer-Elektronisches-Publizieren- 8 Mareike König: Twitter in der Wissenschaft: Ein Leitfaden für Historiker/innen, in: ZEP.2349.0.html> (21.11.2012). 7 Siehe <http://www.vifarom.de/> (21.11.2012). <http://dhdhi.hypotheses.org/1072> (21.11.2012). 257 258 Geschichtswissenschaft digital in Deutschland und Frankreich: Philipp Spreckels Tendenzen, Strategien, Beispiele chen) kann man das Online-Rezensionsportal recensio.net 9 als Ant- von LISA. Denn im Gegensatz zu vielen artverwandten Videoformaten, wort auf die Kritik an der aktuellen Rezensionslandschaft in den Geis- drehen hier nicht Medienprofis Videos über Wissenschaftler sondern teswissenschaften verstehen: 1. Langsamkeit: Rezensionen erscheinen Wissenschaftler Videos über ihre eigene Arbeit. Das Ergebnis lässt sich mitunter Jahre nach der Originalpublikation. 2. Unübersichtlichkeit: laut Chatzoudis sehen, obwohl oder gerade weil es ohne eine mediale Der Überblick über die immer größer werdende Rezensionslandschaft Überformung oder Narratisierung der Wissenschaft auskommt. geht verloren. Sowie 3. mangelnde Internationalisierung, 4. kaum Eigentlich wollte JÜRGEN DANYEL (Potsdam), stellvertretender Interdisziplinarität und 5. zu wenig Interaktivität. Direktor des „Zentrums für zeithistorische Forschung“ einen Vortrag In all diesen Punkten will recensio.net durch das Beleben einer über das Onlineprojekt Docupedia 12 halten. Sein Vortrag konzentrierte schnellen und zuverlässigen Rezensionskultur im Netz Abhilfe schaf- sich dann aber doch auf die bis dato in der Sektion aufgeworfenen fen und so den eigentlichen Grundgedanken der Rezension stärken: Fragen. Danyel verwarf zunächst die kulturpessimistische Kritik an die Interaktion und Diskussion über Forschungsergebnisse. Auch hier den eHumanities, die Wissenschaft würde durch diese ins Triviale hat man auf die Onlineskepsis mit der Einrichtung einer redaktionel- abdriften. Eine Kritik, die um so fadenscheiniger wirke, wenn man das len Qualitätskontrolle reagiert, um unsachliche Beiträge heraus zu Jekyll & Hyde-Verhalten vieler Skeptiker beobachtet, die privat längst filtern. Aktiv werden musste die Redaktion aber noch nie, die Themen im Social Web angekommen seien, beruflich jedoch weiterhin eine seien einfach zu speziell. Zukünftig soll es möglich sein, wie bei be- konservative Fassade aufrecht erhalten würden. Aber auch die frühen kannten Online-Händlern Rezensionen zu kommentieren und über Hoffnungen der sogenannten „digital Natives“, mit den neuen Medien diese zu diskutieren. Wer weiß, vielleicht entwickelt sich so ja auch ließen sich sämtliche wissenschaftliche Strukturen aufbrechen, hätten die erhoffte, lebhafte, europäische Rezensionskultur. sich als illusorisch erwiesen. Heute, so Danyel, sei die Diskussion eher Weniger Vorstellung als Bilanz war GEORGIOS CHATZOUDIS‘ von einem produktiven Pragmatismus geprägt. Und auch wenn die (Düsseldorf) Vortrag über L.I.S.A. - das Wissenschaftsportal der Gerda Entwicklung im Web noch lange nicht an ihrem Ende angekommen sei, Henkel Stiftung 10 , zwei Jahre nach dessen Start. Neben ansteigenden müsse man sich ernsthaft darüber Gedanken machen, ob eine separate Besucherzahlen, sowohl aus der Wissenschaft als auch der interes- Sektion zum Thema eHumanities in Zukunft noch nötig sei. sierten Öffentlichkeit, freue man sich gerade darüber, dass auch eher Fazit unübliche Beitragsformen wie die Livechats mit Experten11 gut an- genommen werden. Besser werden müsse man bei der LISA-eigenen Die Diskussion hat gezeigt, welche Potentiale die neuen digitalen Community. Diese müsste noch intuitiver gestaltet werden, wissen Werkzeuge innerhalb der Geschichtswissenschaft entfalten können. doch viele Mitglieder nicht, dass sie hier auch ohne Aufforderung Ist es dann folgerichtig, wenn die erste eHumanities-Sektion auf ei- eigene Texte einstellen können. Ein schönes Beispiel dafür, dass Wis- nem Historikertag auch die letzte bleibt? Haben derartige Panels, wie senskommunikation sich nicht in jeder Hinsicht den medialen und Danyel fragt, auf deutschen Konferenzen generell ausgedient? journalistischen Gepflogenheiten anpassen muss, sind die Videoreihen Nicht ganz.13 Die Geschichtswissenschaft in Deutschland wird 9 Siehe <http://www.recensio.net/> (21.11.2012) 12 Siehe <http://docupedia.de/> (21.11.2012). 10 Siehe<http://www.lisa.gerda-henkel-stiftung.de/> (21.11.2012). 13 Diese Einschätzungen sind auch geprägt von den Erfahrungen des Autors, der als 11 Siehe zum Beispiel der Experten-Chat mit Sönke Neitzel und Harald Welzer, in: Online-Redakteur in der Pressestelle der Westfälischen Wilhelms-Universität arbeitet <http://www.lisa.gerda-henkel-stiftung.de/content.php?nav_id=1633> (21.11.2012). und einen eigenen Blog betreibt. 259 260 Philipp Spreckels zukünftig beides brauchen: Expertengespräche im kleinen, digitalen Mareike König (Paris): Historische Fachkommunikation über Twitter, Kreis aber eben auch verstärkt Diskussionen in den Anwendungsfel- Facebook und Blogs dern selbst. Natürlich hat Danyel Recht, wenn er die „Wagenburgmen- Lilian Landes (München): Rezensieren im Web 2.0: recensio.net talität einiger digital natives“ kritisiert. Es ist auf Dauer kontraproduk- tiv, wenn die Pioniere im Bereich der digitalen Geisteswissenschaften Georgios Chatzoudis (Düsseldorf): L.I.S.A. - Historische Geisteswis- nur unter sich bleiben und sich so immer weiter von den konserva- senschaften 2.0 tiven Kollegen abgrenzen. Denn Recherchieren, Diskutieren, Doku- Jürgen Danyel (Potsdam): Zeitgeschichte und Social Web. Erfahrungen mentieren und Publizieren sind essentielle Tätigkeitsfelder eines jeden mit partizipativen Formaten im fachlichen Kontext Historikers, egal in welcher Epoche oder Disziplin er tätig ist. Man darf also zu Recht fragen, ob die Institutionalisierung des Grabens Tagungsbericht Geschichtswissenschaft digital in Deutschland und Frank- zwischen Kritikern und Befürwortern durch die Erhebung der digi- reich: Tendenzen, Strategien, Beispiele. 25.09.2012-28.09.2012, In: H-Soz-u- talen Methoden zu einer eigenen Disziplin namens eHumanities der Kult 27.11.2012. richtige Weg ist. Diese Überlegung ist nicht unwichtig, denn das Ziel lohnt allemal: durch die neuen digitalen Kanäle werden ganz andere Qualitäten und Quantitäten an Interdisziplinarität und Internationali- sierung der Forschung möglich. Das Beispiel Frankreich hat jedenfalls gezeigt, dass niemand auf die deutsche Geschichtswissenschaft warten Global Commons – Anspruch und Legitimation der wird. „Gemeingüter“ als Erbe der Menschheit nach dem Zweiten Weltkrieg Sektionsübersicht: Leitung: Andrea Rehling (Mainz) / Isabella Löhr (Heidelberg) Gudrun Gersmann (Paris): Moderation Bericht von: Eva Maria Verst, Johannes Gutenberg-Universität Marin Dacos (Marseille): OpenEdition: Das zentrale Fachportal der Mainz/Leibniz-Institut für Europäische Geschichte Mainz; Michael Geisteswissenschaften in Frankreich Vössing, Universität Mannheim/Leibniz-Institut für Europäische Ge- schichte Mainz Gudrun Gersmann (Paris): Von Francia bis Facebook. Ein geisteswis- senschaftliches Forschungsinstitut geht online: Das Beispiel des DHI Die wissenschaftliche Debatte über (globale) Gemeingüter hält auch Paris mehr als vier Jahrzehnte nach der Publikation von Garret Hardins Hinnerk Bruhns (Paris): Trivium „Tragedy of the Commons“1 an. Dies verdeutlicht nicht zuletzt die Verleihung des Nobelpreises für Wirtschaft an Elinor Ostrom für ihr Gregor Horstkemper (München); Andrea Pia Kölbl (München): Von 1 Vgl. Garrett Hardin, The Tragedy of the Commons, in: Science 162 (1968), S. 1243- der Handschrift bis zum Fachportal - Die Bayerische Staatsbibliothek 1248. als Informationsspezialist für die französische Geschichte 261 262 Global Commons – Anspruch und Legitimation der „Gemeingüter“ Eva Maria Verst, Michael Vössing als Erbe der Menschheit nach dem Zweiten Weltkrieg Werk zur „Verfassung der Allmende“2 im Jahr 2009. Mit dem Hinweis bei den Ansätzen der Bevölkerungswissenschaften zwar um einen auf diesen Diskurs leiteten die Organisatorinnen ANDREA REHLING transnationalen Wissensdiskurs handele, dieser jedoch spezifischen (Mainz) und ISABELLA LÖHR (Heidelberg) die von JOHANNES sozialen Dynamiken entstammte. So könne man die beteiligten Wis- PAULMANN (Mainz) moderierte Sektion zu den Gemeingütern als senschaftler nicht als „Frontkämpfer des Kalten Krieges“ verstehen, Erbe der Menschheit nach 1945 ein. Sie verdeutlichten, dass globale sondern müsse die spezifischen politischen Konstellationen berück- Güter, etwa in Form der Ressourcen der Meere und des Weltraums, sichtigen. Im Hinblick auf die Frage, wie Bevölkerungswachstum und aber auch des Kultur- und Naturerbes, angesichts der fortschreitenden die Nutzung begrenzter Ressourcen in Einklang zu bringen wären, sei Dekolonisation und den Debatten über die Grenzen des Wachstums vor allem der Transfer zwischen angewandter Sozialforschung, Evolu- Teil des tagespolitischen Diskurses geworden seien. Sie verwiesen aber tionsbiologie und wirtschaftswissenschaftlichen Erkenntnissen bedeut- auch darauf, dass diese Kontroversen über Umweltschutz, Ressour- sam. Erst die Überlagerung der verschiedenen disziplinären Positio- cennutzung und die Bewahrung kultureller Überlieferung auf eine nen habe eine vorübergehende Schlagkraft des Bevölkerungsdiskurses längere Tradition zurückblicken können. Seit den 1950er-Jahren jedoch ermöglicht, durch den eine stabile Bevölkerungszahl zu einem konser- hätten die nun als „global commons“ betrachteten Gemeingüter durch vatorischen Konzept geworden sei. Hartmann versteht diesen Prozess das Label „Gemeinsames Erbe der Menschheit“ eine neue Wertigkeit als „Kommodifizierung des Begriffs der Bevölkerung“, welcher eine gewonnen. Anhand einer Betrachtung der politischen Auseinander- „scheinbar ideologiefreie und ahistorische Übertragung des Konzepts“ setzungen über die „global commons“, zu denen etwa Fragen nach in der konkreten Anwendung erst ermöglicht habe. Die Diskussion dem Verhältnis des Lokalen zum Globalen, nach der Furcht vor dem des Bevölkerungsproblems und die Suche nach Lösungsvorschlägen Verlust kultureller Eigenheit sowie dem Bemühen um „governance“- führten zu verschiedenen institutionellen Neugründungen, die auf na- Strukturen gehören, ließen sich Spezifika des sich gleichzeitig heraus- tionaler und internationaler Ebene agierten. Das Konzept habe sich in bildenden Globalisierungsdiskurses konkret analysieren. Im Rahmen der Praxis jedoch nicht in der von den Princetonians, dem Population der Sektion wurden Bevölkerungspolitik, Natur- und Umweltschutz, Council und Hardin entwickelten Idee umsetzen lassen. Stattdessen exterritoriale Ressourcen, das Kultur- und Naturerbe sowie geistiges seien die Programme umformuliert und stark an lokale und nationale Eigentum als Fallbeispiele für globale Güter als Teil eines gemeinsa- Handlungsagenden angepasst worden. Der Bevölkerungsdiskurs und men „Erbes der Menschheit“ analysiert. die „commons“-Idee seien somit lediglich für eine kurze Hochphase HEINRICH HARTMANN (Basel) warf mit der ersten Fallstudie miteinander verbunden gewesen. die Frage auf, inwiefern Bevölkerung als „common“ verstanden wer- Ihren Vortrag zur Kontroverse um die Verwaltung und Nutzung den kann. Ausgehend von Garrett Hardin stellte Hartmann zunächst exterritorialer Gebiete und deren Ressourcen eröffnete SABINE HÖH- die wichtigsten Paradigmenwechsel der Bevölkerungsforschung der LER (Stockholm) mit dem Beispiel des Felsen Rockall im Nordatlantik. 1950er- und 1960er-Jahre vor. Ein besonderes Augenmerk legte Hart- Den bis dahin national nicht zugewiesenen Felsen reklamierte Großbri- mann hierbei auf die als „Princetonians“ bezeichnete Gruppe von tannien vor dem Hintergrund des Kalten Krieges 1955 durch symboli- in den USA tätigen Sozialwissenschaftlern. Er betonte, dass es sich sche Inbesitznahme aus geostrategischen Gründen für sich. Aufgrund 2 Vgl. Elinor Ostrom, Die Verfassung der Almende. Jenseits von Markt und Staat, des Fischreichtums und vermuteter Ölvorkommen gewannen die Ge- Tübingen 1999. wässer um Rockall in den 1960er-Jahren zudem wirtschaftliche Bedeu- 263 264 Global Commons – Anspruch und Legitimation der „Gemeingüter“ Eva Maria Verst, Michael Vössing als Erbe der Menschheit nach dem Zweiten Weltkrieg tung. Großbritannien gliederte den Felsen 1972 mit dem „Island of Meer identifiziert wurde. 1925 habe der argentinische Rechtsprofessor Rockall Act“ seinem Territorium an, um ihn so vor dem Zugriff ande- José Leon Suarez in Genf plädiert, das Meer als globale Allmende zu rer Anrainerstaaten zu sichern. Tatsächlich blieb der völkerrechtliche verstehen und die gemeinschaftliche Nutzung dieser Ressourcen zu Status von Rockall auch in den folgenden Jahren nicht unangefochten. regeln. Eine beginnende Debatte über Gerechtigkeit zwischen Nor- Das Rockall-Beispiel verdeutliche, dass auch nach 1945 bisher nicht na- den und Süden lasse sich laut Wöbse daran ablesen. Bezüglich der tional zugewiesene Gebiete dem ‚terra nullius‘-Prinzip folgend durch Vereinten Nationen lag ihr Fokus vor allem auf zwei Konferenzen einzelstaatliche Okkupationen territorialisiert wurden. Demgegenüber im Jahr 1949, die sich mit der Nutzung natürlicher Gemeingüter be- habe sich jedoch seit den 1950er-Jahren eine der Idee des gemeinsa- schäftigten: In einer von dem Economic and Social Council der UN men „Erbes der Menschheit“ folgenden und auf das völkerrechtliche (ECOSOC) organisierten Konferenz hätten Fragen der Effizienzsteige- Prinzip der ‚res communis‘ verweisenden Vorstellung der gemeinsa- rung und Erschließungstechnologien im Vordergrund gestanden. Die men Verwaltung exterritorialer Gebiete herausgebildet. Die Meere, die UNESCO habe zeitgleich eine eigene Konferenz organisiert, welche Antarktis, aber auch das Weltall und ihre jeweiligen Ressourcen sollten die Ressourcenfrage auch in sozialer, kultureller und ökologischer als „global commons“ einer gemeinschaftlichen Nutzung unterworfen Hinsicht behandeln wollte. Wöbse argumentierte, dass durch die Kon- werden. Anhand verschiedener internationaler Abkommen seit den ferenzen ein Überbrückungsprozess zwischen Naturschutz und Res- 1950er-Jahren zeigte Höhler auf, wie die Idee eines nunmehr vorrangig sourcenfrage sowie zwischen dem Verbrauch von Naturkapital und durch die Vereinten Nationen treuhänderisch verwalteten gemeinsa- der Gerechtigkeitsfrage eingesetzt habe. Dieser Prozess habe sich im men „Erbes“ den bisherigen nationalstaatlichen Souverän durch jenen Laufe der 1960er-Jahre durch die Gründung verschiedener internatio- der „Menschheit“ zu ersetzen versucht habe. Gerade mit dem Schei- naler Organisationen und rechtlicher Instrumente beschleunigt. Die tern entsprechender internationaler Rechtsordnungen in den 1970er- Biosphärenkonferenz der UNESCO 1968 stelle einen wichtigen Sprung Jahren, etwa des UN-Mondvertrags 1979, aufgrund einzelstaatlicher auf dem „Weg zur Wiederentdeckung globaler Gemeingüter“ dar. Kon- Interessen gelang es Höhler darzulegen, dass neben dieser Idee des kretisiert worden sei nun der Anspruch, dass die Staatengemeinschaft „commoning“ derselbe Zeitraum auch als „uncommoning“-Moment auch die Beziehung zwischen Menschen und Natur regeln müsse. zu fassen sei. Das Prinzip der einzelstaatlichen Territorialisierung und ANDREA REHLING (Mainz) präsentierte in ihrem Vortrag jene die Vorstellung der globalen Vergemeinschaftung sollten auch in der Entwicklung, durch welche „Kultur“ und „Kulturerbe“ im 20. Jahr- Folgezeit in spannungsreicher Konkurrenz den internationalen politi- hundert zu einer umkämpften Ressource avancierten. Sie vertrat die schen Diskurs beherrschen. These, dass die exponierte Rolle des „Kulturerbes“ im Diskurs der Globalpolitische Kontroversen um naturgegebene Gemeingüter im internationalen Politik im Zusammenhang mit der aufkommenden 20. Jahrhundert analysierte ANNA-KATHARINA WÖBSE (Genf) an- Zuschreibung der gemeinschaftsstiftenden Rolle von „kultureller Iden- hand der Beschäftigung des Völkerbundes und der Vereinten Nationen tität“ verstanden werden müsse. Rehling stellte in ihrem Vortrag die mit diesem Themenfeld. In Folge der Verdichtung der Konflikte um die UNESCO als den maßgeblichen Aushandlungsort für die Auseinan- Nutzung natürlicher Gemeingüter Anfang des 20. Jahrhunderts habe dersetzungen um „Kultur“, „kulturelle Identität“ und „Kulturerbe“ sich der Völkerbund der Ressourcenfrage gewidmet. Wöbse stellte dar, auf globaler Ebene vor. Sie zeigte drei Etappen der Herausbildung dass als erster Gemeinschaftsraum mit erschöpflichen Ressourcen das des kulturellen „Erbes der Menschheit“ auf. Anhand des Schutzes 265 266 Global Commons – Anspruch und Legitimation der „Gemeingüter“ Eva Maria Verst, Michael Vössing als Erbe der Menschheit nach dem Zweiten Weltkrieg der Tempelanlagen im ägyptischen Philae hätten westliche Akteure in Kulturabteilung für das Welterbe und die Rechtsabteilung für die Ur- den 1930er- und 1950er-Jahren das „Erbe der Menschheit“ als Legiti- heberrechte –, sondern dass die Organisation zwei verschiedene, teils mationsgrundlage für den Erhalt vermeintlich universaler Artefakte divergierende Konzepte von „Kultur“ herangezogen hätten, um deren etabliert. Nach 1945 sei der Kulturbegriff von der UNESCO um eine jeweiligen Schutz zu protegieren. Während das Welterbe-Programm anthropologische, auf die das Gut hervorbringende Gruppe abzie- mit Konzepten wie „Menschheit“ und „Universalität“ in Verbindung lende Komponente erweitert worden. Gleichzeitig hätten im Zuge gebracht werde, stehe bei den Urheberrechten „Individualität“ im der Dekolonisierung die sogenannten Entwicklungsländer zunehmen- Vordergrund. Dass das Welturheberrechtsabkommen von Beginn an den Einfluss in der UNESCO gewonnen. 1968 sei die Organisation auf der Tradition westlichen Eigentumsdenkens gefußt habe und der in fünf Regionen zu vermeintlich gleichwertigen kulturellen und his- Kulturbegriff mit westlichen Vorstellungen verknüpft worden sei, ha- torischen Einheiten untergliedert worden. Dadurch habe sich nicht be den Widerstand von Entwicklungsländern an diesem System zur zuletzt der Nord-Süd-Gegensatz innerhalb der internationalen Organi- Folge gehabt, da deren soziale und kulturelle Gegebenheiten nicht sation verstärkt. Parallel zu dieser Entwicklung zeichnete Rehling den berücksichtigt worden seien. Mit einer dritten Programmlinie habe die Wunsch der ehemals kolonisierten Staaten nach, ihre eigene „kulturel- UNESCO daher versucht, den Bereich zwischen dem universalen Welt- le Identität“ als gleichwertig zur europäischen zu positionieren. Die kulturerbe einerseits und den partikularen Eigentumsrechten anderer- Mondiacult-Konferenz in Mexiko 1982 sei als ein Höhepunkt dieser seits zu schließen, in dem sie entschied, auch Traditionen, Praktiken, Entwicklung zu sehen. Rehling zeigte mithin auf, dass „Kultur“ und Wissensbestände und Ausdrucksformen als immaterielles Welterbe zu „kulturelle Identität“ in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts zum schützen und den Herkunftsgemeinschaften dieser Traditionen das globalen Gemeinschaftsgut aufgewertet worden seien, um einer unter- Vorrecht der wirtschaftlichen Nutzung im Sinne des Urheberrechts stellten Homogenisierung der einzelnen Kulturen aufgrund von Glo- zuzusprechen. Für die „global commons“ bedeute dies nach Löhr zum balisierungsprozessen entgegen zu wirken. In einem konfliktreichen einen eine Ausweitung des Begriffs des „cultural heritage“ über die Prozess hätten deshalb alle beteiligten Akteure versucht, auf diesem ursprünglich mit der Welterbekonvention lancierte Definition hinaus. Gebiet den erfahrenen Globalisierungsprozessen eine kosmopolitische Zum anderen impliziere diese Entwicklung eine Verschiebung im Ver- Ordnung entgegen zu setzen. hältnis von Weltkulturerbe und Eigentumsrechten dahingehend, dass ISABELLA LÖHR (Heidelberg) untersuchte das Spannungsver- auch „cultural heritage“ potentiell in ein exklusives Gut verwandelt hältnis zwischen der Bewahrung kultureller Überlieferung und dem werden könne. Schutz individueller Nutzungsrechte. Sie zeigte auf, dass sich im Pro- In seinem Kommentar betonte BERNHARD GISSIBL (Mainz) die gramm der UNESCO beide Schutzprinzipien wieder finden: Seit Mitte inhaltliche Verbindung der Sektion zu aktuellen politischen Kontro- der 1950er-Jahre widmete sie sich dem Weltkulturerbe der Menschheit, versen über die Rolle und solidarische Nutzung von Gemeingütern bereits Anfang der 1950er Jahre hatte sie sich für den Schutz privater sowie die Anbindungsmöglichkeiten des Panels an die akademische Eigentumsrechte eingesetzt und 1952 das erste weltweite Abkommen Kosmopolitismus-Debatte. Besonders positiv hob er die Verknüpfung zur Regelung der individuellen Rechte an Werken der Kunst, Litera- sonst eher separat behandelter Forschungsfelder der Globalgeschichte tur und Musik initiiert. Löhr argumentierte, dass bei der UNESCO durch die Bandbreite der vorgestellten „commons“ hervor. Gißibl plä- nicht nur zwei unterschiedliche Abteilungen tätig gewesen seien – die dierte hinsichtlich der aufgezeigten Gleichzeitigkeit von „common“- 267 268 Eva Maria Verst, Michael Vössing und „uncommon“-Momenten dafür, konkreter zu analysieren, warum Anna-Katharina Wöbse (Genf): „Whose world is it?”: Natur und Um- hinsichtlich bestimmter Güter und Ressourcen eine Vergemeinschaft welt als gemeinsames Erbe der Menschheit nach 1945 gelang, bei anderen jedoch kein Kompromiss erzielt werden konnte. Andrea Rehling (Mainz): „Preserving Cultures“ – Der Schutz von Diesbezüglich forderte er eine systematischere Analyse der Diskur- Kulturdiversität und Kulturerbe der Menschheit nach 1945 se zur Ausgestaltung einer souveränen Verfügung „der Menschheit“ über globale Ressourcen ein. Gißibl plädierte darüber hinaus dafür, Isabella Löhr (Heidelberg): Preserving cultures – nur wessen? Weltkul- auch den Aspekt des „doing heritage“ im Sinne der völkerrechtli- turerbe und geistiges Eigentum im Widerstreit chen Institutionalisierung und Praxis nicht zu vernachlässigen. Als Bernhard Gißibl (Mainz): Kommentar Forschungsdesiderate benannte Gißibl schließlich eine intensivere Be- trachtung der Akteure und Foren der sogenannten „Dritten Welt“, Tagungsbericht Global Commons – Anspruch und Legitimation der welche sich durch die Aneignung der Erbe- und Gemeingut-Konzepte „Gemeingüter“ als Erbe der Menschheit nach dem Zweiten Weltkrieg. auch in dieses Feld der internationalen Politik einbrachten. Damit 25.09.2012-28.09.2012, In: H-Soz-u-Kult 06.12.2012. verbunden sei eine systematische Analyse der „Dritten Welt“, aber auch der UNESCO als dynamische Einheiten. In der Sektion konnte anhand unterschiedlicher Fallstudien die his- torische Genese des Konzepts der „global commons“ gewinnbringend aufgezeigt werden. Es gelang den Referenten überzeugend darzustel- Historische Außenansichten auf Europa: Annäherungen aus len, wie die Vorstellung von gemeinschaftlichen Gütern als Teil eines (post)kolonialer und transatlantischer Perspektive „Erbes der Menschheit“ zum Gegenstand internationaler wissenschaft- Leitung: Bekim Agai (Bonn) / Judith Becker (Mainz) / Jan Logemann licher und politischer Debatten und Auseinandersetzungen avancierte. (Washington) Mit den „commons“ hat sich ein lohnenswerter Forschungsgegenstand Bericht von: Katharina Stornig, Leibniz-Institut für Europäische Ge- offenbart, der im Rahmen einer konkreten Analyse globalgeschichtli- schichte, Mainz cher Fragestellungen weiter behandelt werden sollte. Sektionsübersicht: Europa, seine Grenzen und die mit ihm korrespondierenden Vorstel- lungen beschäftigen Wissenschaftler vieler Disziplinen. Die historische Johannes Paulmann (Mainz): Moderation Europa- und Europäisierungsforschung erfreut sich aktuell großen Interesses. Während die theoretischen und methodischen Ansätze in Heinrich Hartmann (Basel): Die Wiederentdeckung der Bevölkerung. diesem Bereich vielfältig sind, bilden die kritische Diskussion bzw. Veränderliche demographische Handlungsfelder zwischen global com- Substitution eines festen geographischen Europabegriffs zugunsten mons und global needs – Historische Perspektiven seit 1950 eines Verständnisses von Europa als einer spezifischen politischen, Sabine Höhler (Stockholm): Exterritoriale Ressourcen: Die Diskussion kulturellen und/oder sozialen Konstellation, welche sich sowohl über um die Meere, die Pole und das Weltall um 1970 Gemeinsamkeiten und Konflikte als auch über Abgrenzungen nach außen konstituierte, oft den gemeinsamen Ausgangspunkt. Des Weite- 269 270 Historische Außenansichten auf Europa: Annäherungen aus Katharina Stornig (post)kolonialer und transatlantischer Perspektive ren herrscht weitgehend Konsens darüber, dass Europa auch durch Außenperspektiven in die Analyse könne die angesprochenen Proble- seine Interaktionen mit anderen Weltregionen geprägt wurde. Die von me zwar nicht lösen, jedoch wesentlich entschärfen, so Becker, indem Bekim Agai (Bonn), Judith Becker (Mainz) und Jan Logemann (Wa- Eurozentrismus vermieden, Dichotomien dekonstruiert und der Dia- shington), alle drei Nachwuchsgruppenleiter in der BMBF-Förderlinie log mit der Regionalgeschichtsschreibung eröffnet würde. Die paral- „Europa von außen gesehen“, initiierte interdisziplinäre Sektion brach- lele Präsentation unterschiedlicher Vorstellungen von Europa trüge te am 49. Historikertag historische Außenansichten auf Europa als eine zudem Dipesh Chakrabartys Forderung nach einer Provinzialisierung neue Ressource in diese Debatten ein: Die durch Binnenperspektiven Europas Rechnung.1 entstandenen Selbstwahrnehmungen Europas, so die Ausgangsüber- Das erste Beispiel thematisierte Lateinamerika im ersten Drittel des legung der Organisatoren, müssten durch die externen Rezeptionen 20. Jahrhunderts und wurde von STEFAN RINKE (Berlin) vorgetra- und Repräsentationen Europas ergänzt werden. Das Programm wurde gen. Dieser machte zunächst deutlich, dass die lateinamerikanischen breit angelegt und beinhaltete neben der Diskussion chinesischer und Vorstellungen von Europa nur im Kontext einer wechselseitigen trans- lateinamerikanischer Europabilder sowohl die Europavorstellungen atlantischen Perspektive verständlich wären. Rinkes zentraler These emigrierter Europäer als auch diejenigen afrikanischer Europareisen- zufolge war die Nordamerikanisierung Lateinamerikas, welche in der. Ziel der Sektion war es, einen multiperspektivischen Blick auf diesen Dekaden stattfand, untrennbar mit dem Prozess einer Europäi- Europa zu werfen, um die Pluralität der Europakonstruktionen und sierung verbunden, wobei beide Prozesse nicht linear verliefen und ihre Relationalität zu untersuchen. durch sowohl Aneignung als auch Ablehnung geprägt wurden. Der Während HEINZ DUCHHARDT (Mainz), der durch die Sektion Vortragende betonte die Bedeutung der entstandenen – zunehmend führte, bereits in seiner Anmoderation die Frage nach der besonderen globalen – Kommunikationsräume und den Wandel von Diskursen im Qualität europäisch-afrikanischer Beziehungen durch die gemeinsame Rahmen dieser komplexen Zirkulationsprozesse. Rinke demonstrier- koloniale Vergangenheit aufwarf, lieferte der erste Vortrag von JU- te zunächst am Begriff des Yankee, wie lateinamerikanische Akteure DITH BECKER (Mainz) eine theoretische Einführung und ein Plädoyer Begriffe adaptierten, umdeuteten, symbolisch aufluden und somit für die Anwendung postkolonialer Theorien in der historischen Euro- politisch einsetzbar machten: Als lateinamerikanische Bezeichnung paforschung. Nach einem Überblick über die für die Konzeption der für den fremden amerikanischen Anderen, drückte der Begriff des Sektion relevante postkoloniale Literatur (Said, Spivak, Pratt, Bhabha), Yankee sowohl das Eingeständnis von wirtschaftlicher Unterlegen- identifizierte sie spezifische Probleme in den beiden Hauptströmun- heit als auch den Anspruch auf kulturelle Überlegenheit aus. Diese gen der Europaforschung: Der „diskursanalytische Ansatz“ schränke kulturelle Überlegenheit, so Rinke, leiteten die Lateinamerikaner von seinen Untersuchungsgegenstand durch seinen Fokus auf explizite Europa und ihrem europäischen Erbe ab. Eine Zäsur in diesem Ge- Nennungen Europas und konkrete Debatten zu Europakonzepten flecht amerikanisch-europäischer Beziehungen habe der Erste Welt- sehr ein. Der zweite Ansatz, den Becker als „normativ-essentialistisch“ krieg dargestellt. Der Krieg und seine sozialen bzw. ökonomischen bezeichnete, ginge hingegen präskriptiv vor: Mit Vordefinitionen Euro- Auswirkungen hätten das Bild Europas in Lateinamerika zum Negati- pas arbeitend, lege dieser seinen Untersuchungsgegenstand vorab fest ven verändert; ein Prozess, der mit einer Umorientierung von Europa und liefe somit Gefahr, durch die jeweilige Arbeitsdefinition Europas 1 Dipesh Chakrabarty, Provincializing Europe: Postcolonial Thought and Historical das Erkenntnisinteresse mitzubestimmen. Die Aufnahme historischer Difference, Princeton and Oxford 2000. 271 272 Historische Außenansichten auf Europa: Annäherungen aus Katharina Stornig (post)kolonialer und transatlantischer Perspektive zu den USA verbunden war. Industrialisierung und Nationalismus Okzidentalismus in China im späten 19. und frühen 20. Jahrhundert der Zwischenkriegszeit hätten außerdem zur Entwicklung eines neuen referierte. Der Begriff Europa sei im China des späten 19. Jahrhunderts Selbstbewusstseins und Selbstbilds Lateinamerikas geführt, welches zwar bekannt gewesen, habe aber im Kontext des chinesischen Okzi- auch ein neues Bild Europas hervorbrachte: Die Vorstellung des „alten dentalismus nur eine sehr untergeordnete Rolle gespielt. Stattdessen Europas“, welchem ein „junges Amerika“ gegenübergestellt wurde. habe der Westen als Begrifflichkeit im Vordergrund gestanden, wobei Während die von Rinke untersuchten Lateinamerikaner Europa „westlich“ ein Attribut war, das vor allem die in China präsenten Grup- vor allem in transnationalen Kommunikationsräumen begegneten, pen von Ausländern (vor allem Amerikaner bzw. Russen) umfasste. analysierte KIRSTEN RÜTHER (Wien) Europa in den Reisebeschrei- Klein diskutierte anhand des Begriffs „fremde Teufel“ (oder „Dämo- bungen dreier Afrikaner in Großbritannien bzw. Deutschland. Die nen“), wie chinesische Diskurse den Westen als ein Anderes konstruier- Südafrikanerin Katie Makanya bereiste Großbritanien 1891-92 als Mit- ten, wobei er betonte, dass diese Prozesse des Othering sowohl durch glied eines fünfzehnköpfigen Chors. Der Katikiro Sir Apolo Kagwa interne (sinozentrische) als auch externe Faktoren (Imperialismus) besuchte England 1902, um auf Einladung an den Krönungsfeierlich- initiiert wurden. Gleichzeitig betonte Klein die sich veränderte Bedeu- keiten Edward VII. teilzunehmen. Martin Aku verließ Togo 1913 im tung dieses Begriffs im Kontext seiner konkreten Verwendung und Alter von fünfzehn Jahren, um in Tübingen und Basel Medizin zu der Einflüsse politischer und sozialer Entwicklungen. Während zu- studieren. Die Afrikahistorikerin Rüther argumentierte für eine konse- nächst vor allem christliche Missionare als „fremde Teufel“ bezeichnet quente Historisierung wissenschaftlicher Fragen nach Europa, indem wurden, kam es während der Boxerbewegung zu einer Ausweitung sie zeigte, dass Europa bereits vor Reiseantritt für keine der von ihr seiner Verwendung auf die in China präsenten Ausländer sowie seiner untersuchten Personen „außen“ lokalisiert war: Sie alle waren in oder teilweisen Kombination mit bestimmten physischen Merkmalen, wie mit europäischen Imperien bzw. der Präsenz Europas in Afrika auf- zum Beispiel blauen Augen, welche laut Klein auch als Zeichen der gewachsen und hatten bestimmte Vorstellungen und Ideen darüber Dämonen gesehen wurden. Im Zuge des anti-imperialistischen Natio- entwickelt, was dieses in Afrika präsente Europa war. Rüther gab zu nalismus des 20. Jahrhunderts sei es jedoch zu einer Neubestimmung bedenken, dass die Forschungsfrage nach der Außenansicht Europas des Begriffes des „fremden Teufels“ im Kontext einer politischen Rhe- im Kontext ihrer Studie problematisch ist, weil sie diese Menschen, torik der Abgrenzung vom Westen gekommen. Schließlich betonte welche mit kolonialen Herrschaftsformen seit langem vertraut waren, Klein nachdrücklich, dass es sich bei dem vorgestellten Begriff nur um wieder als „fremd“ und in einem „Außen“ verortet. Statt Europa als einen Aspekt des chinesischen Okzidentalismus in diesem Zeitraum zentrale Größe unhinterfragt zum Gegenstand der Forschung zu ma- handelte und dass dieser nicht auf eine Reaktion auf Europa reduziert chen, müsse dieses „Außen“ problematisiert und neu gedacht sowie werden könnte, sondern als eigenständiges Phänomen zu betrachten Dichotomien von „fremd“ und „eigen“ zugunsten der Untersuchung sei. von Verflechtungen und Ambivalenzen in den Bildern Europas aufge- Europa zu definieren sei aus der Sicht Chinas um 1900 problema- geben werden. tisch. Am ehesten in chinesischen Quellen auffindbar ist laut Klein Zu einer ähnlichen Erkenntnis bezüglich der Schwierigkeit, Euro- eine Definition von Europa als Kulturraum, wobei dieser europäische pa in einem außereuropäischen Diskurs eindeutig zu definieren, kam Raum jedoch nie klar von dem nordamerikanischen zu trennen sei. All- auch THORALF KLEIN (Loughborough), der über die Geschichte des gemein betrachtet kann festgestellt werden, dass sowohl die USA als 273 274 Historische Außenansichten auf Europa: Annäherungen aus Katharina Stornig (post)kolonialer und transatlantischer Perspektive auch Europa historisch und aktuell als feste Bestandteile des Westens der (nord- wie süd-)amerikanischen Perspektive auch stark von poli- gesehen wurden und immer noch gesehen werden. tischen Entwicklungen und Machtverhältnissen geprägt waren. Die Die Dekonstruktion des Westens als ein homogenes Gebilde über- Frage der Perspektivität war auch der erste Punkt, den Kommentator nahm JAN LOGEMANN (Washington), der das transatlantische Span- KIRAN KLAUS PATEL (Maastricht), der die Sektion insgesamt als nungsverhältnis europäisch-nordamerikanischer Gemeinsamkeiten einen wichtigen Beitrag einschätzte, weil sie sowohl die Pluralisierung und Differenzen am Beispiel emigrierter europäischer Intellektueller der Europabilder als auch ihre Ambivalenzen und Fragilität deutlich des 20. Jahrhunderts diskutierte. Der zentralen These seines Vortrags gemacht hätte, als weiterführende Anregung aufwarf. zufolge waren die von ihm untersuchten Intellektuellen zwar we- Das Beispiel Chinas habe gezeigt, so Patel, dass Europa nicht immer sentlich an der Konstruktion eines gemeinsamen Westens und der alleine im Fokus der Fremdwahrnehmungen stand. Folglich könnten Errichtung von Brücken zwischen den USA und Europa beteiligt, unterschiedlich Begriffe (zum Beispiel Lateinamerika, Westen, Aus- jedoch akzentuierte ihre transatlantische Sichtweise stets auch die He- land) in die Analyse miteinbezogen werden. Diese müssten jedoch terogenität dieser Konstellation. Während die Einwanderer aus ihrer gründlich und aus konkreten Perspektiven hinterfragt und mit Bezug Position zwischen den USA und Europa einerseits ihr „Europäisch- auf ihre Grenzen sowie im Verhältnis zu Differenzkategorien (zum Sein“ gezielt einsetzten, hätten sie sich in bestimmten Bereichen auch Beispiel race) untersucht werden. Der zweite Punkt des Kommentars (bewusst) abgegrenzt. Diese Abgrenzungen führten laut Logemann betraf die Subalternität, indem Patel anregte, genau hinzusehen, wer auch zur Wahrnehmung des „Europäischen“ als das Andere des „Ame- in den Quellen über Europa spricht. Die in den Vorträgen identifizierte rikanischen“. Gleichzeitig betonte er, dass der Umgang mit Ethnizität Gebundenheit an Europa sei eine Sache der Eliten gewesen, womit in den USA diese „Dazwischen“-Positionen und die Ausbildung hy- die Frage entstehe, ob Europavorstellungen auch für andere Gesell- brider Identitäten ermöglichte, wie zum Beispiel auch Bezeichnungen schaftsschichten relevant waren. Auch die pointierte Frage nach der wie German-American deutlich machten. Europa als übergeordnete Konnektivität und Rückwirkung dieser Diskurse und Vorstellungen Einheit spielte dabei nur eine nebensächliche Rolle, so Logemann, auf Europa könnte aus Sicht Patels ertragreich vertieft werden. So sah denn diese Positionen blieben meist national bestimmt: die Bezeich- er in der Frage nach möglichen Zäsuren, welche die Europäer zwan- nung European-American setzte sich zu keinem Zeitpunkt durch. Des gen, sich mit den Außenansichten Europas auseinanderzusetzen, eine Weiteren verwies Logemann auf den Klassenbezug des europäischen spannende Frage für die zukünftige Forschung. Das vierte Schlagwort Bewusstseins, welches bei Eliten wesentlich stärker ausgeprägt war, des Kommentars war die Provinzialisierung. Zur Bewältigung dieser und auf die Entwicklung alternativer Selbstverständnisse wie zum Forderung plädierte Patel für einen Bezug auf den Begriff Europa, sei Beispiel das des Kosmopoliten. diese doch auch in außereuropäischen Kontexten mit multiplen Be- Interessanterweise verwiesen beide Vorträge über die transatlan- deutungen gefüllt worden und es wäre eben wichtig zu wissen, wann tischen Perspektiven auf Europa auf den Ersten Weltkrieg als eine Europa und wann z.B. das British Empire gemeint waren. So sei „Euro- Zäsur, die das Europabild nachhaltig veränderte und, wie Logemann päer“ im kolonialen Kontext (Patel nannte das Beispiel Niederländisch- ausführte, Vorstellungen von Europa als verarmt und rückständig Ostindien) auch eine legale Kategorie gewesen, die mit der Vergabe hervorbrachte und multiplizierte. Dies wiederum deutet darauf hin, bestimmter Rechte verbunden war. dass die historischen Außenwahrnehmungen Europas zumindest aus Laut Patel brachte die Sektion insgesamt wichtige Erkenntnisse. 275 276 Katharina Stornig Während einzelne Beiträge bereits darlegten, dass die Grenzen Euro- Stefan Rinke (Berlin): So nah und doch so fern: Lateinamerikas Euro- pas fluide werden konnten und stattdessen soziale Kategorien wie pabilder zwischen Räumen im Zeitalter der Nordamerikanisierung „Rasse“, Klasse oder Geschlecht eine Rolle spielten, sei es nun die Kirsten Rüther (Wien): Globale Interaktion und regionale Differenzie- Aufgabe der zukünftigen Forschung zu untersuchen, inwieweit sich rung – gegenseitige Wahrnehmungen zwischen „Europa“ und „Afri- die Grenzen Europas in der Vergangenheit tatsächlich verflüssigt und ka“ vielleicht durch den Prozess der europäischen Integration wieder ver- festigt hätten. Einzelne Aspekte aus dem Kommentar wurden in der Thoralf Klein (Loughborough): Fremde Teufel. Zur Geschichte des anschließenden Debatte im Plenum noch weiter vertieft. Okzidentalismus in China Dem Panel ist sehr anschaulich gelungen, neue Perspektiven für die Jan Logemann (Washington): Der Blick zurück: „Europa“ in den Au- historische Europaforschung aufzuzeigen. Außerdem konnten die Bei- gen europäischer Migranten in den USA träge dieser interdisziplinären Sektion in unterschiedlichem Ausmaß die methodischen Herausforderungen deutlich machen, mit denen Kiran Klaus Patel (Maastricht): Kommentar sich eine postkoloniale Dekonstruktion Europas durch die Ausein- andersetzung mit pluralischen „Außenansichten“ konfrontiert sieht: Tagungsbericht Historische Außenansichten auf Europa: Annäherungen aus Archive, Konzepte und Begrifflichkeiten müssen aus den verschie- (post)kolonialer und transatlantischer Perspektive. 25.09.2012-28.09.2012, denen Forschungsperspektiven hinterfragt und neue Quellen für die In: H-Soz-u-Kult 15.11.2012. Geschichtswissenschaft fruchtbar gemacht werden. Die Bearbeitung dieser Quellen erfordert oft auch Kenntnisse in außereuropäischen Sprachen und die Auseinandersetzung mit vielfältigen kulturellen und historischen Traditionen. Während die Pluralität der Außenan- Höfe und ,Humankapital’. Die höfische Konkurrenz um Fachleute sichten auf Europa deutlich aufgezeigt wurde, blieb die Frage nach aus Künsten, Wissenschaft und Diplomatie im 17. und 18. ihrer Relationalität (zum Beispiel in einem Süd-Süd Kontext) weitge- Jahrhundert hend offen. Leitung: Christine Roll (Aachen) / Matthias Schnettger (Mainz) Sektionsübersicht: Bericht von: Thomas Kirchner, Historisches Institut, RWTH Aachen Heinz Duchhardt (Mainz): Moderation Der Wettbewerb der europäischen Fürstenhöfe in der frühen Neu- Judith Becker (Mainz): Theoretische Einführung: Europa von außen: zeit um einen Ausdruck ihrer Herrschaftsansprüche, der politische Zum Zusammenhang von Europa- und Postkolonialismusforschung Konkurrenten überstrahlen sollte, war ein Wettbewerb um das Human- Bekim Agai (Bonn): Europabilder von Arabern und Osmanen im 19. kapital von Künstlern. So die Annahme CHRISTINE ROLLs (Aachen) Jahrhundert – Reisende aus dem Nahen Osten nach Europa im Spiegel und MATTHIAS SCHNETTGERs (Mainz), die sie ihrer Sektion auf des Kulturkontakts (abgesagt) dem Mainzer Historikertag 2012 zu Grunde legten. Unter dem Titel „Höfe und ,Humankapital’. Die höfische Konkurrenz um Fachleute 277 278 Höfe und ,Humankapital’. Die höfische Konkurrenz um Fachleute Thomas Kirchner aus Künsten, Wissenschaft und Diplomatie im 17. und 18. Jahrhundert aus Künsten, Wissenschaft und Diplomatie im 17. und 18. Jahrhun- gen prägte, die Leopold I. und dessen Nachfolger an Künstler stellten. dert“ untersuchten die Referent/innen die Bedeutung von Fachleuten Die ausgewählten Künstler, die in der Folge nach Wien kamen, präg- der Repräsentation. Die Sektion behandelte also bildende Künstler, ten durch ihr Humankapital wiederum den repräsentativen Stil der Architekten und Musiker als „knappe Ressourcen“, um welche die Hofburg. Der Wiener Hof habe als Reaktion auf die „kulturpolitische Höfe Europas stritten. Offensive“ die Frankreich am Ende des 17. Jahrhunderts in Form von Die Sektion griff das Tagungsthema „Ressourcen – Konkurrenz“ künstlerischen, architektonischen und wissenschaftlichen Großprojek- auf, indem sie Menschen als historische Akteure und Ressourcen be- ten sowie begleitenden publizistischen Maßnahmen gestartet habe, griff. Einen vergleichbaren Ansatz verfolgten auch andere Sektionen. eine Doppelstrategie entwickelt. Zum einen habe Habsburg die franzö- Wie Christine Roll bemerkte, eröffnete die Vorgabe Frühneuzeithistori- sische Repräsentativkunst für ihre Überheblichkeit und übertriebene kern eine neue und ungewohnte Perspektive auf ihr Forschungsthema Prachtentfaltung kritisiert. Gleichzeitig habe der Wiener Hof versucht, – die frühneuzeitlichen Fürstenhöfe. Sie regte dazu an, den Wettbe- eben diesen Repräsentationsstil zu kopieren und zu überbieten. Noch werb um Fachleute der Repräsentation von zwei Seiten zu betrachten: vor der Wende zum 18. Jahrhundert seien dabei Ansätze zur Etablie- Aus dem Blickwinkel der Höfe und aus dem der Künstler. rung einer dezidiert antifranzösischen Kunst in Wien erkennbar. In der Von der Bedarfs- oder Nachfrageseite, also aus der Sicht von hof- Regierungszeit Josephs I. brachten diese Bemühungen einen charak- haltenden Fürsten und Adligen stellte sich die Frage, welche Künstler teristischen habsburgischen Repräsentationsstil hervor. Dieser habe sie benötigten um den Repräsentationsbetrieb ihrer Höfe zu einem sich neben anderem auch in Schloss Schönbrunn, der „ersten steiner- erfolgreichen Unternehmen zu machen. War das Profil der gesuch- nen Antwort Wiens auf Versailles“ ausgedrückt. Die Gestaltung des ten Fachleute geklärt, stellte sich die Frage, auf welchem Markt sie Baus in italienischen Stilformen repräsentierte die italienische Herr- angeworben werden konnten. schaft der Habsburger und damit ihre imperialen Ansprüche. Die Von der Produktions- oder Angebotsseite des diskutierten Human- Habsburger mussten, um ihre Herrschaft in dieser Form dauerhaft zu kapitals, also aus Sicht der Künstler, stellten sich die Fragen, welche repräsentieren, Künstler mit spezifischem Humankapital verpflichten. Eigeninteressen die Fachleute verfolgten und welche Anziehungskraft Besonders Herkunft und Ausbildung der Architekten und bildenden verschiedene Höfe zwischen Versailles und St. Petersburg auf Künstler Künstler waren von Bedeutung, konnte die Überwindung der franzö- ausübten. Gleichzeitig geraten von dieser Seite her die Kosten und sischen Repräsentationskultur, doch am besten dann gelingen, wenn Einschränkungen in den Blick, die für Künstler damit verbunden sein die Hofkünstler unter keinem französischen Einfluss standen. Trotz- konnten, an einem bestimmten Hof tätig zu werden. Die Beiträge der dem konnte sich Wien dem französischen Einfluss nie ganz entziehen. Sektion zeigten mehrheitlich, wie es nicht zuletzt die Künstler selbst Nach dem Friedensschluss von Utrecht beschränkte der Wiener Hof waren, die im Rahmen dieser Motivationen, Anreize und Einschrän- seine Anwerbung von Franzosen nicht mehr nur auf Spitzenkräfte kungen ihre Rolle an den Höfen und die Wirkung ihres Humankapitals und mit der Neugründung der Wiener Akademie der Künste nach an den Höfen mitgestalteten. französischem Vorbild 1726 gaben die Kaiser ihr Projekt auf, den Stil FRIEDRICH POLLEROSS (Wien) fasste die fürstliche Seite des der eigenen Hofkunst von dem des französischen Konkurrenten ab- Wettbewerbs um Humankapital ins Auge. Er zeigte, wie der „Reprä- zugrenzen. Nun sei die Phase der Imitation der französischen Reprä- sentationswettkampf“ zwischen Versailles und Wien die Anforderun- sentationskultur durch Wien eingeleitet worden. Polleross konnte so 279 280 Höfe und ,Humankapital’. Die höfische Konkurrenz um Fachleute Thomas Kirchner aus Künsten, Wissenschaft und Diplomatie im 17. und 18. Jahrhundert am Beispiel der französisch-österreichischen Repräsentationskonkur- bunden waren. Päpstliche Diplomaten, hatten Kunstwerke im Gepäck, renz zeigen, wie bestimmte Fähigkeiten von Künstlern, in diesem Fall um sie zu verkaufen und betätigten sich auch als „Talentscouts“ für die Fähigkeit, in einem spezifisch habsburgisch-italienischen Stil zu Hofkünstler. Beim Studium solcher Verknüpfungen von Diplomatie, gestalten, ihren Wert als „Humankapital“ durch veränderte Reprä- Kunsthandel und Kunstpolitik ließe sich auch die in der Abschlussdis- sentationsanforderungen eines Hofes einbüßten. Im Anschluss daran kussion gestellte Forderung erfüllen, die Hofkünstler und ihr Human- zeigten Arne Karsten und Gesa zur Nieden, nach welchen Kriterien kapital auch in Zusammenhängen zu untersuchen, die im eigentlichen der Wert von Künstlern für Höfe genauer bemessen werden kann. Sinne ökonomisch sind. Die besondere Befähigung von prominenten ARNE KARSTEN (Wuppertal) beschäftigte die Frage, wie künstle- Künstlern für den diplomatischen Dienst, hatte allerdings weniger risches Humankapital aufgebaut und an den frühneuzeitlichen Höfen mit der Umwandlung von humanem in ökonomisches Kapital zu tun. bemessen wurde, von der Seite der Fürsten her. Ausgehend von Peter Karsten stellte heraus, dass Ausnahmekünstler häufig gerade, weil sie Paul Rubens, dessen Humankapital als Hofkünstler gerade auch in aus den Rangordnungen der höfischen und ständischen Gesellschaft seiner „Nebentätigkeit“ als Diplomat begründet war, entwickelte Kars- herausgehoben waren, politische Probleme frei von den formalen ten Kategorien, um die Aufgaben, die Hofkünstler für ihren Fürsten Zwängen des diplomatischen Protokolls verhandeln konnten. erfüllten, zu ordnen. Künstler konnten demnach bei Hofe sehr unter- Wie genau sich Künstler dieses Privileg erarbeiten konnten und schiedliche Positionen einnehmen, in denen sie unterschiedlich stark wie sie den Fürsten, unter deren Patronat sie standen damit nutzten, an den Hof gebunden waren. Einen besonders privilegierten Status untersuchte GESA ZUR NIEDEN (Mainz). Mit Johann Jakob Froberg, genossen gerade diejenigen Künstler, die ständig am Hof anwesend der unter Ferdinand III. über Jahre hinweg eine Stelle an der Wie- waren, ohne dadurch zum Hofstaat zu gehören. Sie profitierten vom ner Hofkapelle besetzte, stellte zur Nieden einen Musiker vor, der Status einer „formalisierten Nicht-Formalität“, den überhaupt nur über die nötige „Soziabilität“ verfügt habe, um seinen Fürsten auch Künstler erreichen könnten. Unter den Künstlern seien es vor allem be- während ausgedehnter Reisen zu repräsentieren. Die nötigen künstle- rühmte Ausnahme- und Großkünstler gewesen, die zu Hofkünstlern rischen Fähigkeiten und den damit verbundenen Ruhm habe er nicht der so umrissenen Kategorie aufstiegen und als solche einen beson- zuletzt durch seine Ausbildung in Italien und seine Vernetzung mit deren Wert für Fürsten entwickelten. Wenn ein solcher Künstler von europäischen Musikerkollegen eingebracht. Sein Humankapital als seinem Patron beispielsweise in päpstliche Dienste vermittelt wurde, anerkannter Komponist konnte er in „symbolisches Kapital“ für sei- seien damit meist konkrete Dankbarkeitsforderungen verbunden ge- nen Fürsten und dessen Hof umwandeln. So trat er beispielsweise wesen. Umgekehrt konnte sich der Wert eines Künstlers bereits in der in einen friedlichen Musikerwettstreit mit anderen Künstlern – ein Forderung manifestieren, er solle für einen bestimmten Hof arbeiten. beliebtes Mittel der Diplomatie. Ähnlich wie Bernini oder Rubens In dieser Hinsicht war Gian Lorenzo Bernini das Paradebeispiel eines durch künstlerische Exzellenz konnte Froberg durch musikalisches Hofkünstlers mit hohem Wert für seinen Auftraggeber. Seine Werke Fachwissen kompensieren, was ihm an Stand und Rang fehlte und so sowie auch seine bloßen Besuche an bestimmten Fürstenhöfen seien Verbindungen auch mit hohen Adeligen knüpfen. Froberg habe seine wegen ihrer geringen Verfügbarkeit stets mit diplomatischer Bedeu- Kompetenz zur Repräsentation seines Herrschers schließlich dadurch tung aufgeladen gewesen. Dieser Zusammenhang verweist darauf, abgerundet, dass er flexibel auf dessen Anforderungen reagierte. Zu dass diplomatische Dienste eng mit kunstpolitischen Aktionen ver- dieser Anpassungsfähigkeit gehörte schon die Konversion zum katho- 281 282 Höfe und ,Humankapital’. Die höfische Konkurrenz um Fachleute Thomas Kirchner aus Künsten, Wissenschaft und Diplomatie im 17. und 18. Jahrhundert lischen Glauben vor Beginn seiner Karriere an der Hofburg. Auch die französischen Stils. Weil auch August III. nur eine geringe Bautätig- Aneignung eines italienischen Stils machte Froberg wertvoller für den keit entfaltete, war es wiederum die innermagnatische Konkurrenz, kaiserlichen Dienst. Zur Nieden verwies in diesem Zusammenhang die nun sächsischen Architekten ihr Auskommen in Polen-Litauen auf die spannende Frage, inwieweit „Konfession hörbar war“. sicherte. So konnten vor allem die Magnaten, nicht die polnischen Die von Karsten und zur Nieden entwickelten systematischen Ge- Könige, Bauten verwirklichen, die für den Empfang von ausländi- sichtspunkte sind geeignet, um die Probleme zu behandeln, mit denen schen Gesandten und Monarchen geeignet waren. Das dazu nötige Paul Friedl und Christine Roll das Humankapital-Konzept in ihren Humankapital erhielten sie durch die Etablierung einer italienischen Vorträgen konfrontiert hatten. PAUL FRIEDL (Mainz) formulierte die Bautradition in Polen und durch eigene Anwerbungsinitiativen. These, dass es zwischen König und Magnaten in Polen-Litauen einen Nachdem Friedl also in Polen-Litauen einen funktionierenden Repräsentationswettkampf gegeben habe, in dem der König nicht im- Markt für das Humankapital von Fachleuten der höfischen Repräsen- mer der Sieger blieb. Die Grundlage für diesen Wettstreit sei bereits tation beschrieben hatte, der nicht von der Nachfrage des Monarchen unter der Regierung Jan III. Sobiewskis und seines Vorgängers Michael getragen worden sei, beschäftigte sich CHRISTINE ROLL (Aachen) im Korybut Wiśniowiecki gelegt worden. Die Könige und Magnatenfami- Anschluss mit den russischen Zaren, die um die Wende vom 17. zum lien hätten ihre Residenzen in Warschau und auf dem Land zu dieser 18. Jahrhundert erst in den Repräsentationswettbewerb der europäi- Zeit repräsentativ ausgestaltet. Dabei entwickelten sie einen polni- schen Höfe eintreten mussten. In Russland gab es ganz im Gegensatz schen Stil der Repräsentationsarchitektur. Dieser basierte zum einen zu Polen-Litauen keinen Repräsentationswettbewerb zwischen Zar auf der bevorzugten Anstellung von Architekten, die wie Tilman van und Adel. Gameren oder Augustyn Wincenty Locci im italienischen Stil bauten. Russland habe zunächst noch mit einer Reihe weiterer Standort- Zum anderen hoben sich die in Polen-Litauen in dieser Zeit verwirk- nachteile zu kämpfen gehabt. So erschwerte schon die Abgelegenheit lichten Bauten von traditionellen Formen ab und entwickelten ein Moskaus die Anwerbung von geeigneten Hofkünstlern. Dieses Man- differenziertes Symbolprogramm – beides auf Initiative der Auftragge- ko wurde durch die Verlegung der Residenz nach Sankt Petersburg ber. Beim Regierungsantritt August II. hatte sich in Polen also bereits nur zum Teil aufgehoben. Als noch beständigeres Hindernis in den ein Netzwerk von Architekten gebildet, die in der Lage waren, den Bemühungen der Zaren um das Humankapital von Künstlern konn- Repräsentationsbedürfnissen des polnischen Adels zu entsprechen. ten sich unter Umständen die im Westen Europas vorherrschenden Außerdem verfügten die wichtigsten Magnatenfamilien bereits über Vorstellungen von Russland erweisen. Der russische Hof habe als rück- vollendete Repräsentativbauten – auch in der Hauptstadt. Die Wettiner ständig gegolten, Russland insgesamt als „septentrional, barbarisch mussten dahingegen bei Null anfangen. August II. trug kaum dazu und nicht bewohnbar“. Angesichts dessen warf Roll die Frage auf, bei, diesen Rückstand aufzuholen, und versuchte der Form nach erst welche Ressourcen und Netzwerke die Zaren aktivierten, um sich gar nicht, den polnischen Repräsentationsstil zu übernehmen. Anstelle dennoch im europäischen Repräsentationswettbewerb zu etablieren. von italienischen Architekten bevorzugte er den französischen Stil. Der Sie stellte zunächst fest, dass entsprechende Bemühungen, den Kreml polnische Adel habe erst um 1750 begonnen, diesen Stil zu adaptieren. zu einem Hof im Sinne von Versailles oder der Hofburg zu machen, Ohne dass dadurch der italienische Einfluss verschwand, stieg nun im vorpetrinischen Russland ausblieben. Das habe sich etwa 30 Jahre auch die Nachfrage nach sächsischen Architekten mit Kenntnissen des später grundsätzlich geändert, als Johann Gottfried Tannauer für den 283 284 Thomas Kirchner Dienst als Hofmaler am russischen Hof verpflichtet wurde. Ähnliche ten? Ausländische Architekten und ihre Bauherren in der sächsisch- Anwerbungsversuche hatte es zwischen 1707 und 1712 immer wieder polnischen Union gegeben. Sie stützten sich auf bestehende Netzwerke europäischer Christine Roll (Aachen): Attraktion Zarenhof? Russische Strategien Künstler und Gelehrter und kamen ohne maßgebliche Beteiligung der Anwerbung von ausländischen Fachleuten nach Moskau und St. russischer Akteure aus. Agenten des russischen Hofes zeigten nun ein Petersburg planmäßiges Vorgehen und eine regelrechte Strategie, um trotz der russischen Standortnachteile Humankapital für den Zaren zu gewin- Arne Karsten (Wuppertal): Rollenspiele. Zur Funktion der Künstler nen. Nicht zuletzt sollten Fachleute mit hohen Gehaltsversprechungen am frühneuzeitlichen Hof nach Sankt Petersburg gelockt werden. Nach der Schlacht bei Poltawa Gesa zur Nieden (Mainz): „ihn vertrosstetermassen zu frescobaldi sei Peter I. in einen Repräsentationswettbewerb mit dem Westen einge- abgehen zu lassen“. Überregionale Karrieren europäischer Hofmusiker treten. Obwohl die für Russland gewonnen Künstler in gewisser Weise zweitklassig gewesen waren, erfüllten sie mit ihrem Humankapital Matthias Schnettger (Mainz): Kommentar das Repräsentationsbedürfnis des Zaren: Sie schufen ihre Werke für ausländische Gesandte und Monarchen und repräsentierten so das Tagungsbericht Höfe und ,Humankapital’. Die höfische Konkurrenz um Bild des Zaren in Europa. Fachleute aus Künsten, Wissenschaft und Diplomatie im 17. und 18. Jahr- Insgesamt lohne sich das „Nachdenken über Humankapital an hundert. 25.09.2012-28.09.2012, In: H-Soz-u-Kult 27.11.2012. Höfen“, stellte Schnettger in seinem Abschlusskommentar fest. Be- sonders, wenn das Humankapital-Konzept so flexibel genutzt werde wie in der Sektion geschehen: Keiner der Referenten zwang sich mit dem exakten Humankapitalbegriff der Wirtschaftswissenschaften oder Juden und Christen als Akteure in Konflikten um materielle der Bildungssoziologie zu arbeiten. Vielmehr knüpften die thematisch Ressourcen in der Vormoderne sinnvoll aufeinander bezogenen Beiträge an die alltagssprachliche Be- deutung des Wortes an, um Anwerbung und Arbeit der Hofkünstler Leitung: Sabine Ullmann (Eichstätt) als Marktgeschehen, Wettbewerb und Wertschöpfung zu verstehen Bericht von: Björn Siegel, Institut für die Geschichte der deutschen – aber auch als einen Vorgang, durch den die Künstler selbst Herr- Juden (Hamburg) schaftsrepräsentation und Kulturtransfer gestalteten. Das Wechselspiel zwischen Ressourcen und Konflikten rückte auf Sektionsübersicht: dem 49. Deutschen Historikertag in Mainz (25.-28. Sept. 2012) ins Zen- Christine Roll (Aachen): Einführung trum des Interesses. Die Sektion „Juden und Christen als Akteure in Konflikten um materielle Ressourcen in der Vormoderne“ folgte die- Friedrich Polleross (Wien): Konfrontation und Imitation. Habsburgi- sem Leitthema. Die intensiven Interaktionen der beiden Themenfelder sche Künstler im Dienste antifranzösischer Politik um 1700 nahm der Moderator der Sektion, ANDREAS BRÄMER (Hamburg), Paul Friedl (Mainz): Der König im Wettbewerb mit den Magna- zum Anlass, nicht nur nach den Konfrontationen, sondern auch nach den tiefer liegenden Problemen bzw. Auslösern dergleichen sowie der 285 286 Juden und Christen als Akteure in Konflikten um materielle Björn Siegel Ressourcen in der Vormoderne Relevanz zeitgenössischer antisemitischer Diskurse zu fragen. Mit die- gen verfügten und so hilfreich im internationalen Kampf gegen die sen Denkimpulsen stellte Brämer die Sektionsteilnehmer/innen der Ernährungskrise sein konnten. Jörgs exemplarische Vorstellung der Herausforderung, die Konflikte über die oberflächliche Betrachtung jüdischen Kornhändler von Valencia verdeutlichte so auf der einen hinaus zu analysieren und zu kontextualisieren. Seite die schwierige Situation der jüdischen Bevölkerung in der kri- Anhand der Versorgungskrisen des 15. Jahrhunderts analysierte sengeschüttelten mittelalterlichen Gesellschaft, veranschaulichte aber CHRISTIAN JÖRG (Trier) die jüdisch-christlichen Beziehungen. Die auf der anderen Seite auch die besondere Position, die die jüdischen Verknappung von Lebensmittel durch die vermehrt auftauchenden Händler durch ihr Spezialwissen einnehmen konnten. Ernteausfälle, die durch Kriege und klimatische Bedingungen verur- Schlussendlich führten die Versorgungskrisen des 15. Jahrhunderts sacht worden waren, war ein Grundproblem mit dem sich die mittel- laut Jörg zu einer Verschärfung der exkludierenden Tendenzen, die alterliche Gesellschaft auseinandersetzen musste. Die Stadtverwaltun- sich immer häufiger und deutlicher gegen die jüdischen Gemeinden gen, die durch schlechte Vorratshaltung mit Preissteigerungen und richteten. Dabei spielten neben den städtischen Interessen auch die Hungersnöten konfrontiert waren, versuchten der Notsituation entge- äußeren Faktoren, wie zum Beispiel der Einfluss der Amtskirche oder genzuwirken. Neben der traditionellen Politik der Ausweisungen von die Konzile (zum Beispiel das Konzil von Basel oder Konstanz) ei- Bettlern und anderen Bevölkerungsgruppen war es vor allem die Poli- ne gesonderte Rolle. So stellte Jörg klar, dass die Konflikte über die tik der überregionalen Getreidekäufe (zum Beispiel von Frankfurt am Ressource Getreide zum Teil zum Auslöser von Ausweisungen und Main, Nürnberg oder Augsburg), die die lokalen Mangelsituationen Vertreibungen wurden. Die gleichzeitig stattfindende überregionale entschärfen sollten. Trotz dieser Entschärfungspolitik belasteten die Zusammenarbeit, die auch eine Verstärkung der jüdisch-christlichen Versorgungskrisen besonders die jüdisch-christlichen Beziehungen. Kontakte darstellte, konnte dem generellen Trend der zunehmenden Dabei spielten sowohl religiös bedingte anti-jüdische Stimmungen ei- exkludierenden Tendenzen aber nicht grundsätzlich entgegenwirken. ne Rolle, als auch die existierenden ökonomischen Interessenskonflikte. Einen weiterführenden Blick warf ROBERT JÜTTE (Stuttgart) im Von einer monokausalen Begründung der problematischen und span- folgenden Beitrag auf das Thema des Kornjuden. Die Hunger- bzw. nungsreichen jüdisch-christlichen Beziehung riet Jörg aber deutlich ab. Getreidekrisen in der frühen Neuzeit führten nicht nur zu einer Preis- Dennoch verdeutlichte er, dass es besonders die jüdische Bevölkerung explosion und Versorgungskrise, sondern auch zur Etablierung eines war, die in den gesellschaftlichen Diskursen, wie zum Beispiel über allgemein bekannten Stereotyps des Kornjuden. Dieses negative Bild die Wucherer oder die Kornhändler in den Fokus der Kritik geriet. So war laut Jütte zu Beginn noch nicht auf die jüdische Bevölkerung be- trat implizit in den Chroniken des 15. Jahrhunderts eine Vermengung schränkt, sondern nutzte eher die negative Konnotation des Begriffs des Bilds des Juden, Wucherers und Kornhändlers auf, so dass sich zur Beschreibung von Personen, die eine unnötige Verteuerung der eine Stigmatisierung der jüdischen Bevölkerung bzw. den Kornjuden Ressource Getreide vorantrieben. Eine Verengung der Definition fand als Gegner der Gesellschaft festsetzte. erst in den folgenden Jahrzehnten statt und spiegelte sich unter an- Der Kornjude, der zum Symbol für die negativen Entwicklungen derem in der Popularität der Kornjudenmedaillen wider. Deutlich während der Ernährungskrisen wurde, stand aber auch für eine im- nutzten die Kornjudenmedaillen eine anti-jüdische Bildsprache und mer stärkere Vernetzung jüdisch-christlicher Geschäftsbeziehungen, griffen die Ausgrenzung der Juden auf. So zum Beispiel die Kornju- da die Juden, zum Beispiel in Valencia über transnationale Beziehun- denmedaille von 1694 (aus Silber), die einen wandernden, gebeugten 287 288 Juden und Christen als Akteure in Konflikten um materielle Björn Siegel Ressourcen in der Vormoderne und „mit dem Teufel im Bunde“ stehenden Juden zeigte. Exemplarisch ne es dabei zu einem „Handlanger des Absolutismus“ zu degradieren. verdeutlicht die Medaille die enge Verbindung zwischen Religion und In der Tradition von Selma Stern, die die merkantilistische Ökonomie Ökonomie, die in der frühen Neuzeit noch von dem Konzept der „gute und die Veränderungen der jüdischen Gemeinde zusammen betrachte- narung“, das heißt einer christlich fundierten Ökonomie bestimmt war. te, suchte Rauscher die oft zu kurz gegriffenen Handbuchdefinitionen Die von dem Historiker Edward P. Thompson entwickelte Theorie der dieser Beziehungen aufzubrechen. Dabei zeichnete Rauscher die Ar- moralischen Ökonomie trat somit deutlich auf den Kornjudenmedail- gumentationskette Sterns nach, die sich schon in den 1920er-Jahren len hervor. Besonders akribisch arbeitete Christian Wermuth in Gotha gegen eine antisemitische Lesart des Hofjudentums wandte und viel- an solchen Medaillen, die er auch über seinen eigenen lokalen Raum mehr eine Neuakzentuierung durch einen wirtschaftsgeschichtlichen hinaus vertreiben konnte. Zugang propagierte. Lange war aber die Herangehensweise an das Wie weitreichend die Ausbildung des Stereotyps Kornjude war, Hofjudentum bestimmt durch ein generelles Desinteresse an wirt- verdeutlicht die Kontinuität der Kornjudenmedaillen. Als Mitte des schaftshistorischen Fragen, als auch durch eine Übervorsichtigkeit, 18. Jahrhunderts klimatische Bedingungen erneut zu Ernteschäden sich selbst in die Nähe antisemitischer Forschungen wie zum Beispiel führten und Versorgungsengpässe auftauchten, kam es zu einer Re- von Werner Sombart zu stellen. Die Ideen von Rotraud Ries, die die naissance der Kornjudenmedaillen. Johann Christian Reichs Medaillen innerjüdischen Bedeutung des Hofjudentums, wie zum Beispiel im aus dem Jahre 1772/73 (aus Zinn) bedienten sich einer ähnlichen anti- Kontext der Kulturvermittlung, der Familienbeziehungen usw. in den jüdischen Bildsprache und verurteilten die unmoralische Tätigkeit Vordergrund stellten, hielt Rauscher daher für besonders fruchtbar. der Kornhändler und Spekulanten. Das damit auch Nicht-Juden ins Neben dem Münzhandel lenkte Rauscher den Blick auf die Heeres- Zwielicht gestellt wurden, war eingeplant. So argumentierte Jütte, lieferanten, die ebenfalls für die Etablierung einer modernen Staats- dass erst im 18. Jahrhundert die anti-jüdische Stoßrichtung allgemein gewalt unabdingbar waren. Jüdische wie nicht-jüdische Lieferanten gültig prägend wurde und vor allem dadurch getragen wurde, dass wurden laut Rauscher im 17. Jahrhundert zu neuen Stützen für die die Stadtverwaltungen von den jeweiligen Versäumnissen, wie z.B. Staatsstruktur. Samuel Oppenheimer, einer der ersten und nach der besserer Vorratshaltung, ablenken wollten. Das Stereotyp Kornjude Stern’schen Typologie klassischsten Hofjuden, hatte im habsburgi- war somit oft ein Instrument politischer Mobilisierung. Gerade das schen Reich weitreichende Privilegien erhalten, wobei er deutlich in Argument, dass eine anti-jüdische Bildsprache nicht unbedingt von der Abhängigkeit zum Herrscher verblieb. Durch die Präsentation der vornherein anti-semitisch gedeutet werden müsse, rief einige Diskus- Staats- bzw. Militärausgaben verdeutlichte Rauscher den immensen sionen hervor. Finanzbedarf, den das Habsburgerreich zwischen 1655 bis 1735 hatte Einen weiteren Ressourcenkonflikt analysierte PETER RAUSCHER und zeigte damit auf, wie intensiv jüdische Lieferanten die Staatsstruk- (Wien), der die besondere Situation jüdischer Heeres- und Münzlie- turen mit etablierten bzw. anhand des Beispiels Samson Wertheimer, feranten genauer beleuchtete. Neben der traditionell anerkannten als Gläubiger die Entwicklung der habsburgischen Staatsmacht unter- Konkurrenzsituation zwischen jüdischen und christlichen Kaufleu- stützten. Zusätzlich setzte sich Rauscher mit anderen Münzlieferanten ten wandte er sich den fortdauernden Kooperationen beider Seiten zu auseinander, wie zum Beispiel mit Jacob Bassevi, dem Vorsteher der und versuchte damit, einen eher traditionellen Annäherungspunkt an jüdischen Gemeinde in Prag, der sich in der Münzpolitik einen Namen das Hofjudentum im Kontext des frühmodernen Staates zu setzen, oh- gemacht hatte. Im habsburgischen Kontext wies Rauscher nach, dass 289 290 Juden und Christen als Akteure in Konflikten um materielle Björn Siegel Ressourcen in der Vormoderne sich Juden in der Münzproduktion spezialisierten, Expertenwissen an- sich deutlich die zeitgenössische widersprüchliche bzw. interpretati- eigneten und sich überregional vernetzen. Trotz der unterschiedlichen onsfähige rechtliche Stellung der Juden abzeichnete. Am Ende erreich- Erfolge des europäischen Hofjudentums mahnte Rauscher aufgrund ten die Juden von Pfersee die Verrechnung des Verkaufes entsprechend der aufgezeigten Zentralität neue Forschungen jenseits von antisemiti- dem normalen Schlüssel. Die kleine aber wohlhabende jüdische Ge- schen Stereotypen und Kapitalismus-Kritik an. meinde Pfersee hatte gute Beziehungen zu den großen Höfen in Wien Eine interessante Mikrostudie legte SABINE ULLMANN (Eich- und München und konnte sich so diesen finanzintensiven Rechtsstreit stätt) vor. Ihre Untersuchung zur Dorfgemeinschaft Pfersee analysierte leisten. Dennoch haben bereits existierende Lokalstudien zu Baden, den jüdisch-christlichen Konflikt über die dörfliche Lastenverteilung Schwaben, Franken, der Oberpfalz sowie im Saar-Mosel Raum und in in der Folge des Spanischen Erbfolgekrieges. Pfersee als Vorort der Hessen ähnliche Konflikte nachgewiesen, so dass Pfersee wohl kein Reichsstadt Augsburg war besonders von den Belastungen betrof- Einzelfall war. fen und versuchte daher, die Kosten zu minimieren. Die christliche In einem zusammenfassenden Kommentar griff MARK HÄBER- Dorfgemeinschaft formulierte demzufolge einen Anspruch gegenüber LEIN (Bamberg) noch einmal die verschiedenen Aspekte der Sektion der jüdischen Gemeinde, die bedingt durch ihr Wachstum einen hö- auf. Dabei stellte er fest, dass Ressourcenkonflikte auch immer als heren Kostenanteil zahlen sollte. Die jüdische Gemeinde hielt dieser Zäsuren für das jüdisch-christliche Verhältnis angesehen werden müss- Argumentation entgegen, dass zum einen die Anlagenberechnungen ten und eine deutlichere Berücksichtigung in den Forschungsstudien deutlich überhöht seien und zum anderen der Verkauf einer Allmen- finden sollten. Zusätzlich mahnte er an, die Entwicklung moderner deweide, die Gemeinbesitz aller Dorfbewohner sei, nicht in diese Be- Ökonomien genauer in den Blick zu nehmen und zugleich nicht nur rechnung mit einbezogen wurde. Die gerichtliche Auseinandersetzung die Konkurrenz-, sondern auch die Kooperationssituationen jüdischer zwischen 1703 bis 1712 führte letztendlich zu einer Zuspitzung, der die und christlicher Akteure intensiver zu erforschen. Die unterschiedli- Frage zu Grunde lag, ob die Juden Reichsbürger und den christlichen chen Perspektiven und Herangehensweisen könnten so die jüdische Dorfbewohnern gleichzustellen seien. In einer detaillierten Nachfor- Geschichte im Mittelalter beleuchten und gleichzeitig neue Impulse schung zeigte Ullmann auf, wie beide Seiten des Konflikts juristische setzen. Argumentationsketten erarbeiten, um den eigenen Standpunkt dar- Die Sektion verdeutlichte, dass anhand von Mikrostudien wichtige zulegen. Dabei bezogen sie sich auf die im 16. bis 17. Jahrhundert Einblicke in das jüdisch-christliche Verhältnis gewährt und durch entstandene Literatur, wie zum Beispiel Nachschlagewerken usw., die verschiedene Beispiele regionale sowie überregionale Bezüge sichtbar die judenrechtlichen Fragen abhandelten. So verwiesen die jüdischen gemacht werden können. Zudem veranschaulichte die Sektion, dass Verteidiger unter anderem auf die Stellung der Juden als römische Krisensituationen nicht nur Konflikte über schwindende Ressourcen Bürger, denen ein Mitrecht am Gemeindebesitz eingeräumt wurde. auslösten, sondern auch neue Kooperationsmöglichkeiten zwischen Dieser Argumentation widersprachen die Advokaten der christlichen Juden und Christen ermöglichten. Das Schwarz-Weiß Bild, welches oft Dorfgemeinde, die den Ausschluss der Juden ebenfalls mit den um- von der jüdisch-christlichen Beziehung in der Vormoderne gezeichnet fangreichen Verweisapparaten auf die existierenden Rechtsschriften wird, muss somit durch mehrere Graustufen ergänzt werden, um der begründeten. Zusätzlich wurden Bezüge zur territorialen Gesetzge- Vielfältigkeit der Beziehungen – im positiven wie im negativen Sinne – bung sowie zum Argument der dörflichen Praxis hergestellt, wobei gerecht zu werden. 291 292 Kriegsmobilisierung und Ressourcenkonflikte im Nationalsozialismus 1936-1945 Sektionsübersicht: ten, als verfügte Deutschland über unbegrenzte unerschlossene Res- sourcen, die – analog zur militärischen Mobilmachung – nur richtig Andreas Brämer (Hamburg): Moderation freigesetzt werden müssten, um den „Endsieg“ zu erreichen, spitzten Christian Jörg (Trier): Christen und Juden während der Versorgungs- sich die Konflikte um Güter und Arbeitskräfte, die tatsächlich immer krisen des 15. Jahrhunderts knapper wurde, dramatisch zu. Solche Ressourcenkonflikte bilden be- reits seit langem ein Thema der zeithistorischen Forschung. Allerdings Robert Jütte (Stuttgart): Das Bild vom „Kornjuden“ als Antifigur zum hat sich die Interpretation in den letzten Jahren grundlegend verändert. frühneuzeitlichen Prinzip der „guten narung“ und der „moral cono- Ging die ältere Literatur noch davon aus, dass Ressourcenkonflikte vor my“ allem zur Blockade von Entscheidungen geführt hätten, so betonen Peter Rauscher (Wien): Prekäre Güter: Juden als Heeres- und Münzlie- neuere Arbeiten stärker die mobilisierenden und motivierenden Wir- feranten in der Frühen Neuzeit kungen. An diese Debatte knüpfte die Sektion „Kriegsmobilisierung und Ressourcenkonflikte im Nationalsozialismus 1936-1945“ unter Sabine Ullmann (Eichstätt): Gemeinsam genutzte Ressourcen von der Leitung von Thomas Schaarschmidt (Potsdam) an. Die Referenten Christen und Juden – eine Chance zur Integration? gingen dabei der Frage nach, wie es zu erklären ist, dass die Kriegs- Mark Häberlein (Bamberg): Kommentar mobilisierung im „Dritten Reich“ trotz, vielleicht sogar wegen der Ressourcenkonflikte bis zum Kriegsende genügend Kräfte freisetzte, Tagungsbericht Juden und Christen als Akteure in Konflikten um materielle um die Handlungsfähigkeit des Regimes aufrechtzuerhalten. Ressourcen in der Vormoderne. 25.09.2012-28.09.2012, In: H-Soz-u-Kult In seiner Einführung definierte THOMAS SCHAARSCHMIDT 14.11.2012. (Potsdam) zunächst zwei begriffliche Koordinaten der Sektion. Zum einen betonte er, dass die Mobilisierung der deutschen Mehrheitsbe- völkerung, um die es in dieser Sektion ging, bis in die letzten Kriegs- jahre ein Mindestmaß an Freiwilligkeit und Bereitschaft voraussetzte Kriegsmobilisierung und Ressourcenkonflikte im und auf individuelle und gesellschaftliche Interessen Rücksicht nahm. Nationalsozialismus 1936-1945 Im Unterschied zu den Formen terroristischer Mobilisierung, die ge- gen die Menschen in den besetzten Gebieten, Kriegsgefangene und Leitung: Thomas Schaarschmidt (Potsdam) Lagerhäftlinge angewandt wurden, sollten die „Volksgenossen“ über- Bericht von: Christiane Kuller, Friedrich-Meinecke-Institut, Freie zeugt werden und freiwillig ihre Kräfte einbringen. Dieses Grund- Universität Berlin / Historisches Seminar der Ludwig-Maximilians- muster entsprach dem nationalsozialistischen Verständnis von „Men- Universität München schenführung“, und es findet sich sowohl bei der Mobilisierung von Arbeitskraft als auch bei der Mobilisierung materieller Ressourcen. In der nationalsozialistischen Propaganda war „Mobilisierung“ ei- Zum anderen betonte Schaarschmidt die Bedeutung neu entstehender ne Art Zauberwort, mit dem alle noch ungenutzten Ressourcen für Koordinationsgremien auf der mittleren Verwaltungsebene für die die Kriegführung verfügbar gemacht werden sollten. Während NS- Ressourcenmobilisierung. Anknüpfend an Überlegungen zur „neuen Politiker wie Josef Goebbels versuchten, die Illusion aufrecht zu erhal- 293 294 Kriegsmobilisierung und Ressourcenkonflikte im Christiane Kuller Nationalsozialismus 1936-1945 Staatlichkeit“ des NS-Regimes (Hachtmann) verwies Schaarschmidt populäre Interpretation einer „geräuschlosen“ Finanzierung der Rüs- darauf, dass neue Institutionen, die das NS-Regime einführte, zwar tungsausgaben als politische Entlastungsstrategie wies Tooze zurück Konkurrenz und Konflikte verursachten, aber nicht zwangsläufig – und stellte stattdessen die These auf, dass die Geldbeschaffung we- wie die ältere Forschung angenommen hatte – die klassischen Formen der verschleiert noch entpolitisiert gewesen sei. Das Regime habe die der Staatlichkeit unterminierten und zum Verfall politischer Regulie- „Volksgenossen“ vielmehr seit 1935 ganz explizit aufgefordert, an der rungskompetenz führten. Vielmehr konnten sie auch die Entstehung Umverteilung mitzuwirken und dafür Verantwortung zu übernehmen, flexibilisierter Instanzengeflechte fördern, die systemstabilisierende dass die von der Regierung verordnete Kriegsproduktion tatsächlich und dynamisierende Effekte hatten. realisiert werden konnte. Als erster Referent der Sektion untersuchte ADAM TOOZE (Yale) Auch im Bereich der Wissenschaften betonte RÜDIGER HACHT- die Kriegsfinanzierung im „Dritten Reich“. Im Vergleich zum Ers- MANN (Potsdam) das hohe Maß an Eigeninitiative und Kooperations- ten Weltkrieg, in dem Ressourcenkonflikte Deutschland an den Rand bereitschaft. Wissenschaftler sollten sich möglichst selbst mobilisieren, des wirtschaftlichen und politischen Zusammenbruchs geführt hatten, das heißt aus eigenem Antrieb heraus rüstungsrelevante Forschungs- stellte Tooze die Frage, warum in der NS-Diktatur die Mobilisierungs- projekte initiieren und die Forschung vorantreiben. Dafür erhielten sie anstrengungen bis in die letzten Kriegsmonate funktionierten. Tooze – vorausgesetzt, dass sie die zentralen Ziele des NS-Regimes internali- erklärte dies nicht nur mit der gewaltsamen Ausschaltung von politi- siert hatten – große methodische und konzeptionelle Freiräume. Wie scher Pluralität und der brutalen Ausbeutung der besetzten Gebiete, Hachtmann betonte, zielte die Kriegsmobilisierung in Wissenschaft sondern auch damit, dass das NS-Regime eine stabile monetäre Ord- und Forschung aber lediglich auf die fachliche Expertise. Als politi- nung zur Finanzierung der hohen Kriegskosten etabliert und aufrecht sche Individuen waren Forscher und Hochschullehrer nicht gefragt, erhalten habe. Dies geschah nicht etwa nur auf dem Weg einer „ge- selbst dann, wenn sie politisch dem Nationalsozialismus nahestanden. räuschlosen“ und für die Bevölkerung quasi unsichtbaren Politik. Viel- Die gravierenden kriegsbezogenen Veränderungen im Wissenschafts- mehr versuchte die NS-Regierung zwischen 1935 und 1938 offensiv, gefüge ab 1936 charakterisierte Hachtmann als eine Ressourcenver- die Kreditwürdigkeit des deutschen Reiches auf dem Kapitalmarkt schiebung auf zwei Ebenen: Zum einen wurden materielle Ressourcen wiederherzustellen. Als diese Form der Finanzierung im November in starkem Maße von den Hochschulen in die außeruniversitären 1938 an Grenzen stieß, wurde sie durch eine Politik der weit gefächer- Forschungseinrichtungen gelenkt. Zum anderen gab es eine Verschie- ten institutionalisierten Kapitalmobilisierung ergänzt. Tooze machte bung zwischen den einzelnen Disziplinen – weg von den Geistes- in seinem Vortrag deutlich, dass sowohl die Kreditpolitik als auch die und Kulturwissenschaften, hin vor allem zu den Natur-, Technik- und spätere Sparpolitik nur auf Basis gesellschaftlicher Akzeptanz funktio- Agrarwissenschaften. Diese doppelte Schwerpunktverlagerung war, nierten. So propagierte die NS-Regierung anstelle des – nicht zuletzt so betonte Hachtmann, zwar vom Regime vorgegeben und als Prämis- durch die Finanzkatastrophen der Zwischenkriegszeit diskreditierten se gesetzt, aber die Konzepte zur Umsetzung kamen auch hier von den – liberal-demokratischen Kreditleitbildes ganz explizit die autoritär Wissenschaftsinstitutionen selbst. Die Ressourcenverschiebung führ- geführte „Volksgemeinschaft“ als Erfolgskonzept für eine wertbestän- te zu Konkurrenzsituationen und auch zu schweren Konflikten um dige Kapitalanlage. Auch das private Sparen stellte das Regime als Fördergelder und Personal. In diesem Zusammenhang warnte Hacht- Akt der Zustimmung zur „kämpfenden Volksgemeinschaft“ dar. Die mann jedoch davor, das Modell eines NS-spezifischen Polykratiepro- 295 296 Kriegsmobilisierung und Ressourcenkonflikte im Christiane Kuller Nationalsozialismus 1936-1945 blems ohne weiteres auf Wissenschaft und Forschung zu übertragen. Faktor dafür, dass in der Bevölkerung kein sozialer Unfriede entstand So war die föderal strukturierte reichsdeutsche Wissenschaftsland- wie im Ersten Weltkrieg. schaft schon lange vor der nationalsozialistischen Machtübernahme Mit dem Reichsministerium für Bewaffnung und Munition stell- vielfältig aufgefächert gewesen. Zudem gab es während der NS-Zeit te OLIVER WERNER (Berlin) in seinem Vortrag den zivilen Versor- nicht nur Prozesse der institutionellen Zersplitterung, sondern auch gungsverwaltungen einen mächtigen Akteur aus dem Rüstungssektor Bestrebungen zur zentralisierten Forschungskoordination, etwa mit gegenüber, der in der zweiten Kriegshälfte ebenfalls regionale Koordi- der Gründung des Reichserziehungsministeriums 1934, mit der Ein- nationsinstanzen einrichtete. Als Albert Speer das Ministerium 1942 richtung eines Reichsforschungsrats 1937 sowie in bislang wenig er- übernahm, setzte er in den Gauen Rüstungskommissionen ein, die die forschten interinstitutionellen Forschungsquerverbünden. Schließlich Arbeit vor Ort koordinieren und Konflikte zwischen verschiedenen wandte sich Hachtmann auch gegen eine vereinfachende, aus Ökono- Entscheidungsträgern lösen sollten. Wie Werner hervorhob, gelang mie und Politik übernommene Interpretation, dass eine Zersplitterung es den Rüstungskommissionen zwar nicht, die Auseinandersetzun- der Wissenschaften zu Ineffizienz und Doppelarbeit geführt habe, und gen grundsätzlich zu beseitigen. Dennoch hatten die Arrangements betonte auch mögliche fruchtbare Auswirkungen von wissenschaftli- eine symbolische Bedeutung, weil sie den regionalen Akteuren ein cher Methodenkonkurrenz. Mitspracherecht bei der Verteilung von Rohstoffen und Arbeitskräf- Die beiden folgenden Vorträge untersuchten regionale Koordinie- ten zumindest suggerierten. Vor allem die Beteiligung von Unterneh- rungsinstanzen und gingen dabei der Frage nach, inwiefern solche mensvertretern wirkte sich systemstabilisierend aus. Albert Speer zog Vermittlungsinstitutionen der mittleren Ebene Ressourcenkonflikte darüber hinaus persönliche Vorteile aus der Tätigkeit der regionalen lösen konnten. JÖRN BRINKHUS (Bremen) nahm dafür die regiona- Rüstungskommissionen. Für ihn bot sich die Möglichkeit, die Konflik- len Versorgungsbehörden für die Zivilbevölkerung in den Blick. Die te, die insbesondere gegenüber NSDAP-Parteidienststellen bestanden, Mangelversorgung etwa mit Textilien, Schuhen, aber auch mit Lebens- für eigene politische Interessen zu instrumentalisieren und die Aus- mitteln, die sich daraus ergab, dass Ressourcen vorwiegend in die einandersetzungen je nach Bedarf zuzuspitzen, abzumildern oder Rüstungsproduktion flossen, bedrohte die Legitimität des Regimes im umzudeuten. Auch in diesem Sinne spielten Ressourcenkonflikte im Kriegsalltag. Regionale und lokale Rationierungsverwaltungen muss- machtpolitischen Gefüge der deutschen Kriegswirtschaft eine wichtige ten hier zwischen den politischen Vorgaben und den Bedürfnissen der Rolle. Bevölkerung vermitteln. Dabei nutzten und erweiterten sie Entschei- Der anschließende Kommentar von BERNHARD GOTTO (Mün- dungsspielräume und kooperierten mit anderen Herrschaftsträgern, chen) ordnete die Thesen der Referenten noch einmal in übergeordnete um die Widersprüche und Defizite der Wirtschaftspolitik auszuglei- Fragestellungen zur Funktionsweise der NS-Diktatur ein und leitete chen. Gleichzeitig untergrub diese zuweilen freihändige Umsetzung in eine lebhafte Diskussion im vollbesetzten Hörsaal über. Begriffli- die Kohärenz und Effizienz der Konsumregulierung des zentralen Len- che Schärfe forderte Gotto etwa im Hinblick auf die „Selbstmobilisie- kungsapparats, vielfach ohne den Lebensstandard effektiv heben zu rung“. Ausgehend von Gottos Definition, der in der Mobilisierung können. Brinkhus machte deutlich, dass Behörden wie die regionalen des eigenen Selbst einen inneren Widerspruch sah, entspann sich ei- Wirtschaftsämter Ressourcenkonflikte am Ende nur entschärfen, aber ne Diskussion im Publikum, in der unter anderem angeregt wurde, nicht lösen konnten. Gleichwohl waren sie ein wichtiger symbolischer Selbstmobilisierung nicht nur im Hinblick auf die Frage, wer bzw. was 297 298 Kriegsmobilisierung und Ressourcenkonflikte im Christiane Kuller Nationalsozialismus 1936-1945 mobilisiert würde, sondern auch mit Bezug auf die innere Motivati- die Kriegsmobilisierung auf einer spezifischen Mischung aus Kriegs- on als treibende Kraft der Mobilisierung zu deuten. So verstanden orientierung und Rassismus basierte, die sie von früheren Zeiten und betone der Begriff der Selbstmobilisierung, dass der Impuls für die anderen Ländern unterschied. Mobilisierung nicht nur von außen kommen könne. Zusammenfassend lässt sich festhalten, dass die Sektion darauf Gotto regte auch eine weitere Perspektive zur Untersuchung der zielte, Ressourcenkonflikte in der Kriegsmobilisierung nicht nur in ih- Debatten um Ressourcenmobilisierung im NS-Staat an: Bereits das rer wirtschaftlichen Dimension zu vermessen. Vielmehr ging es darum, Reden über Mobilisierung müsse demnach als Kommunikationscode die Arrangements der Konflikteinhegung auch auf ihre symbolische gedeutet werden. Mit ihm konnten die Akteure vermeintlich rational Bedeutung hin auszuloten und sie als Indikatoren für die staatliche argumentieren, sich auf die Leistungsfähigkeit als hohen ideologischen Herrschaft im „Dritten Reich“ zu interpretieren. Mit diesem Blick auf Wert der NS-Zeit beziehen, und es sei möglich gewesen, das eigene die konkreten institutionellen Geflechte der Konfliktaustragung und Handeln bis in die letzten Kriegsmonate regimekonform zu präsen- ihre Wahrnehmung durch die Akteure schlug die Sektion einen Bogen tieren. Als Kommunikationsform erfüllte der Mobilisierungsdiskurs zu zwei aktuellen Debatten der NS-Forschung: Zur Diskussion über nach Gottos Ansicht zwei Funktionen: Zum einen diente er als Sinn- Motivation und Mitwirkung von „Volksgenossen“ bei der Austragung zuschreibung für das eigene Handeln, zum anderen als Beleg einer von Ressourcenkonflikten und zur Frage nach den – vielfach hochef- ideologischen Kohärenz mit der politischen Führung. Auf diese Weise fizienten – Formen nationalsozialistischer Staatlichkeit, die in diesen habe bereits das Reden über Mobilisierung einen Beitrag zur Bewäl- Konflikten sichtbar werden. Wie Thomas Schaarschmidt am Ende fest- tigung einer Krise staatlicher Legitimation geleistet. Zudem forderte hielt, müssen die Ergebnisse künftig in einen erweiterten zeitlichen Gotto dazu auf, größeres Augenmerk auf die Frage zu legen, inwie- und international vergleichenden Rahmen eingeordnet werden. fern die dargestellten Konflikte und Lösungsstrategien NS-spezifisch Sektionsübersicht: seien. Ressourcenkonflikte und Vermittlungsversuche durch regionale Koordination, wie sie die Beiträge von Brinkhus und Werner vorge- Thomas Schaarschmidt (Potsdam): Einführung stellt hatten, seien teilweise kein NS-Spezifikum, sondern auch schon Adam Tooze (New Haven): Geräuschlose Krise? Das Problem der vor 1933 eine etablierte Form zur Lösung von Ressourcenkonflikten Rüstungsfinanzierung im Nationalsozialismus 1935-1945 gewesen. Ein weiterer Aspekt, den Gotto ansprach, bezog sich auf die latent in den Vorträgen mitschwingende Frage der Verbrechensdimen- Rüdiger Hachtmann (Potsdam): Mobilisierung und Ressourcenver- sion der Kriegsmobilisierung. Hier regte er an, die Grenze zwischen schiebung in den Wissenschaften unter dem Primat des Bellizismus „Normalität“ und verbrecherischem Normbruch – sowohl im zeitge- Jörn Brinkhus (Bremen): Regionale Behörden als Lösungsinstanzen nössischen Selbstverständnis als auch in der heutigen Bewertung – für Ressourcenkonflikte. Das Beispiel der Versorgungspolitik des NS- genauer zu definieren. So wies er darauf hin, dass im Denk- und Er- Staats, 1933-1944/45 fahrungshorizont der Zeitgenossen der Krieg keine verbrecherische Dimension haben, somit eine bellizistische Ausrichtung der Mobilisie- Oliver Werner (Berlin): Das Ministerium Speer. Lösung oder Verlage- rung keine normative Barriere bedeuten musste. Hier wurde in der rung von Ressourcenkonflikten? Diskussion allerdings darauf hingewiesen, dass im „Dritten Reich“ Bernhard Gotto (München): Kommentar 299 300 Lebensraum Meer. Umwelt- und entwicklungspolitische Ressourcenfragen in den 1960er und 1970er Jahren Tagungsbericht Kriegsmobilisierung und Ressourcenkonflikte im Na- Zunft langsam aufbricht: In den letzten Jahren gewinnt das Meer als tionalsozialismus 1936-1945. 25.09.2012-28.09.2012, In: H-Soz-u-Kult globaler Raum, der gerade eine Renaissance als umkämpftes Terrain 12.03.2013. der Rohstoffausbeutung erlebt1 , an historischer Aufmerksamkeit. Die Sektion begann recht außergewöhnlich mit einer Art Medley der einzelnen Referate, in denen die Referentinnen und Referenten kurz, knapp und treffend bebildert die naturalen Mitspieler und Ge- Lebensraum Meer. Umwelt- und entwicklungspolitische gebenheiten wie Plankton, Meeresboden, Makrelen, Krill und Felsen Ressourcenfragen in den 1960er und 1970er Jahren vorstellten und das Publikum auf das inhaltliche Zusammenspiel der Beiträge einstimmten. In dieser Eingangssequenz zeichnete sich Leitung: Christian Kehrt (Hamburg) / Franziska Torma (München) schon das stringente Konzept hinsichtlich der Nutzbarmachung und Bericht von: Anna-Katharina Wöbse, Bremen Erschließung der Weltmeere ab – die Referentinnen und Referenten hatten mit einem gemeinsamen Fragenkatalog gearbeitet. 1973 spielte Charlton Heston die Hauptrolle in dem Science fiction ARIANNE TANNERs (Zürich) Referat beleuchtete die Entdeckung „Soylent Green“. In dem Film ist die Welt von 2022 ein überbevölkerter des Planktons als epistemisches Objekt und wirtschaftliche Größe. und restlos ausgeplünderter Planet, dessen Bewohnerinnen und Be- Das Plankton als Gesamtmenge winzig kleiner Organismen wurde wohner angeblich mit Plankton-Chips ernährt werden. Im Laufe des in den biologischen Wissenschaften des 19. Jahrhunderts zum Unter- Films wird allerdings klar, dass auch die Ozeane längst erschöpft sind: suchungsgegenstand, der über den Ursprung des Lebens, natürliche Die Welt ist an ihr Ende gekommen und die einzige Masse, die über- Selektion und den „Stoffwechsel der Meere“ Auskunft geben sollte. haupt noch zur Nahrungsmittelproduktion eingespeist werden kann, Nach dem Zweiten Weltkrieg, als angesichts einer rasch wachsenden ist Menschenmaterie. Der Spielfilm spiegelte drastisch herrschende Weltbevölkerung Fragen nach globaler Nahrungssicherheit auf die po- Umweltängste, die sich aus den Debatten über globalen ’Bevölkerungs- litische Agenda kamen, erschien das Plankton als „photosynthetische druck’, Ressourcenmangel und die Grenzen des Wachstums speisten. Wundermaschine“. Besonders amerikanische Forscher entdeckten in Die von Franziska Torma und Christian Kehrt organisierte Sektion der ozeanischen Bioproduktion ein neues Forschungsfeld: Es wurde „Lebensraum Meer. Umwelt- und entwicklungspolitische Ressourcen- davon ausgegangen, dass eine bestimmte Art des Phytoplanktons, die fragen in den 1960er und 1970er Jahren“ wandte sich eben dieser Phase Alge Chlorella, aufgrund ihres hohen Eiweißgehaltes eine adäquate zu und blätterte das Potential der ozeanischen Sphäre als historischem Antwort auf den weltweit diagnostizierten Proteinmangel geben könn- Untersuchungsobjekt auf. Der an diesem Vormittag mehrfach zitierte te. Unter der technokratischen Maßgabe, die „thermodynamische Ma- Film war die massentaugliche Adaption dieser zwischen Utopie und schine Mensch“ mit passgenauer Energie aus dem Labor versorgen zu Katastrophe changierenden Erzählung. In besagter Zeitspanne lässt können, wurden große Versuchsanordnungen für die Züchtung dieser sich eine enorme Beschleunigung der Aushandlungsprozesse über Alge vorangetrieben. Allerdings hielt die technikoptimistische Uto- die Reichtümer des Meeres und die Neuverhandlungen maritimer pie der Nahrungsmittelingenieure der Realität nicht stand. Ende der Räume in geostrategischer, ökologischer, globalwirtschaftlicher aber 1 Vgl. beispielsweise Sarah Zierul, Der Kampf um die Tiefsee. Wettlauf um die Roh- auch kultureller Hinsicht beobachten. Die Sektion war gleichzeitig ein stoffe der Erde, Hamburg 2010. deutlicher Hinweis darauf, dass die terrestrische Fokussierung der 301 302 Lebensraum Meer. Umwelt- und entwicklungspolitische Anna-Katharina Wöbse Ressourcenfragen in den 1960er und 1970er Jahren 1960er-Jahre war klar, dass die Züchtung unverhältnismäßig energie- ZISKA TORMAs (München/Boston) Beitrag über das Engagement aufwändig war. Sojabohne und leistungsstarke Hybridgetreidesorte deutscher Fischereiexperten am von ihnen als besonders fischreich lieferten eine wesentlich kostengünstigere Alternative – und schie- ausgemachten Golf von Thailand, auseinander. Hier ging es keines- nen zudem wesentlich besser zu den Geschmacksgewohnheiten der wegs nur um die Unterstützung beim Ausbau der Fischfangindustrie, menschlichen Spezies zu passen als Algenmehl. In den 1970er-Jahren um die die thailändische Regierung in Deutschland angefragt hatte, wurden gezüchtete Algen vor allem als Tierfutter, als Basisprodukt sondern auch um den Transfer von westlicher Wachstumsideologie für die Pharmazie und vor dem Hintergrund der Ölkrise vor allem als in einer Zeit, in der die Grenzen eben solchen Wachstums längst ihre potentieller Treibstoff projektiert – eine Diskussion, die auch in die ak- Schatten voraus warfen. Darüber hinaus war diese Entwicklungspoli- tuelle Diskussion über das konfliktträchtige Verhältnis von Nahrungs- tik ein zentraler Bestandteil der westlichen Diplomatie in Zeiten des zu Treibstoffproduktion eingeschrieben ist. Kalten Krieges: Hunger zu stillen schien ein wichtiges Bollwerk gegen SVEN MESINOVIC (Florenz) beschäftigte sich mit der Territoriali- etwaige kommunistische Annäherungsversuche. Die Auswirkungen sierung des Meeresbodens und der damit einhergehenden rohstoffbe- der deutschen, auf die Ausbeutung natürlicher Ressourcen fixierten zogenen Meeresforschung der BRD. 1964 proklamierte die Bundesre- Entwicklungspolitik zeigten sich in kurzer Zeit. Thailändische Werften publik Ansprüche auf die bis dato „staatenlosen“ Kontinentalschelfe bauten Trawler nach deutscher Anleitung, die traditionellen Fangtech- vor ihrer Küste. Diese nationalen Aneignungsinitiativen gingen einher niken für die lokalen Märkte wurden rasch auf Schleppnetzfischerei mit einem global rasch ansteigenden Interesse an einer zukünftigen und die Binnen- auf Weltproduktion umgestellt. Das mit dieser Mo- Nutzung der bisher ungenutzten Meeresrohstoffe, die sich auch in dernisierung einhergehende Versprechen einer endlos wachsenden den UN-Verhandlungen zur Reformierung der Seerechtskonvention Wirtschaft wurde bald konterkariert. In Thailand konnten die deut- widerspiegelte. Mesinovic illustrierte, wie eng maritime Wissenschafts- schen Fischereiexperten das Erreichen der ökologischen Grenzen „in förderung mit nationalen Wirtschaftsinteressen in der Bundesrepublik, Echtzeit erleben“ oder wie es in einer bundesdeutschen Quelle hieß: die sich als sogenannter Kurzküstenstaat vielen Entwicklungsländern „Auch mit den besten Plänen und Netzen können wir hier keine Fische gegenüber diskriminiert sah, Hand in Hand gingen. Am Beispiel der mehr fangen, es sind einfach keine mehr da.“ Während die westdeut- Einrichtung von Forschungseinrichtungen und dem sprunghaften schen Experten in der von ihnen (mit-)verursachten Überfischung Anstieg von Fördermitteln (wurden 1969 noch 45 Millionen DM für schließlich den Beweis sahen, dass die „Grenzen des Wachstums“ be- rohstoffbezogene Meeresforschung ausgegeben, waren es 1971 bereits reits weit überschritten seien, hielt man auf thailändischer Seite an den 75 Millionen DM) wurde deutlich, wie sich nationale Interessen – nicht mitgelieferten Fortschrittsideologien fest. An dem konkreten Beispiel zuletzt durch den omnipräsenten Diskurs über das globale Bevöl- zeigt sich, wie Fisch gleichermaßen als lebende Ressource als auch als kerungswachstum – in der Meereskunde Bahn brachen. Mesinovic symbolisches Kapital genutzt wurde. Beides erwies sich als endlich. beleuchtete damit die Vorgeschichte der zur Zeit heiß geführten De- CHRISTIAN KEHRT (Hamburg) folgte den Spuren des Krill und batte über das Abstecken von Claims zum Beispiel zur Ausbeutung identifizierte den eiweißhaltigen Kleinkrebs als Schlüsselobjekt, das von Erzen und Manganknollen auf dem internationalen Meeresboden. Akteure aus Politik, Wissenschaft und Wirtschaft interessierte und zu- Mit den Vieldeutigkeiten des Meeres als Projektionsfläche für poli- nehmend miteinander in Verbindung setzte. Auch der Krill weckte als tische Interessen und konkreter Ausbeutung setzte sich auch FRAN- potentielle Proteinquelle neue Begehrlichkeiten, zumal die Hauptkon- 303 304 Lebensraum Meer. Umwelt- und entwicklungspolitische Anna-Katharina Wöbse Ressourcenfragen in den 1960er und 1970er Jahren sumenten – die Wale der antarktischen Welt – längst massiv dezimiert erwähnten Films Soylent Green auseinander, der die apokalyptischen waren. Anfang der 1970er-Jahre, als sich die Verhandlungen um das Ängste der 1970er-Jahre mit zeitgenössischen technikorientierten For- Internationale Seerecht und die Debatten um die Überfischung der schungen verband und visualisierte. Die Hollywoodproduktion hatte Meere beschleunigten, sah die bundesdeutsche Fischereiforschung allerdings die dräuende Endlichkeit der Meere und die Grenzen dieses eine gute Gelegenheit, ihre politische Relevanz zu beweisen. Einer maritimen Wachstums vorweg genommen und in eine Horrorvision der Hauptprotagonisten, der Meeresbiologe Gotthilf Hempel, war zu- eingebettet. nächst an der Entwicklung einer ressourcenschonenden Krillfischerei Die Sektion bot einen dichten, spannenden und sehr unterhalt- interessiert. In dieser heißen Phase der biologischen Kartierung der samen Aufriss einer neuen Meeresgeschichte, der die See als einen Welt war die BRD an zahlreichen auch internationalen Forschungspro- historischen Raum besonderer Art präsentiert. Dieser wurde hier nicht jekten in der Antarktis beteiligt. Ähnlich wie in Mesinovics Beitrag nur als Abbaugebiet für mobile und immobile Rohstoffe oder als poli- tritt die enge Verwobenheit zwischen Wissenschaft, Diplomatie und tischer Schauplatz im Kalten Krieg sondern auch als utopischer Ort Tagespolitik deutlich hervor, wenn gezielt auf die Bedeutung von gelesen, der eine eigene Historizität aufweist. Darüber hinaus führte ökosystemarer Forschung für die längerfristige Erschließung und Zu- die Sektion das Publikum ins Hier und Jetzt: Angesichts der prägnan- griffsmöglichkeiten auf marine Ressourcen in der Antarktis verwiesen ten, teilweise allerdings auch sehr bizarren technischen Visionen, die in und damit die Bereitstellung von Finanzmitteln eingefordert wurde. allen Texten aufschienen, lag die Parallelität zu heutigen Angstreflexen Denn die Beteiligung am antarktischen Vertragswerk erforderte eine und technischen Bewältigungsstrategien aktueller „Krisen“ sehr nah. permanente Präsenz am anderen Ende der Welt. Die Ende der 1970er- Die Beiträge zollten nicht nur den Meeresbewohnern Tribut, sondern Jahre mit von Hempel angestoßene Gründung des Alfred Wegener bewiesen auch, wie reichhaltig und zielführend konkrete Fallbeispiele Instituts und der Beitritt zum Antarktisvertrag schlossen diesen Insti- sind, wenn es darum geht, die Abstraktheit globaler Prozesse fassbar tutionalisierungsschub der bundesdeutschen Polarforschung ab. zu machen und ihre Bedeutung vor Ort zu verstehen. Man kann sich In ihrem Kommentar leitete SABINE HÖHLER (Stockholm) aus nur wünschen, dass die Beiträge gemeinsam publiziert werden, um den Beiträgen die Neuentdeckung des Meeres als „Lebensraum“ im das neue bewegte Bild des Meeres zugänglich zu machen. sogenannten „Ökologischen Zeitalter“ der 1970er-Jahre ab. Nicht nur Sektionsübersicht: verwoben sich zu diesem Zeitpunkt verstärkt biologische mit politi- schen Fragen. Das Meer rückte auch näher an den Menschen heran – Christof Mauch (München): Moderation unter anderem als Endabnehmer von Plankton und Krill. Der Techni- Ariane Tanner (Zürich): Nahrung für Milliarden Menschen, aber von koptimismus erschloss das Meer als sich selbst reproduzierende Roh- Auge nicht zu sehen: Plankton als epistemisches Objekt und ökonomi- stoffquelle: Eine Vision, die auch als Reaktion auf die als dramatisch scher Faktor erlebte Begrenzung der terrestrischen, der „irdischen“ Welt zu verste- hen ist. Höhler sezierte aus den Beiträgen vier kennzeichnende Punkte Sven Mesinovic (Florenz): Meeresbodenschätze: globale Güter und – Metabolismus, Gemeinschaft, Substitution und Restlosigkeit –, die territoriale Ansprüche in der BRD 1960-1970 ein neues Verhältnis zwischen Mensch und Umwelt kennzeichneten. Franziska Torma (München): Lebende Ressourcen und symbolisches Am Ende setzte Höhler sich noch einmal mit der Vision des eingangs Kapital: Westdeutsche Fischereiexperten am Golf von Thailand (1959- 305 306 Macht und Gegenmacht im Konfliktraum der Volksrepublik Polen: Kulturelle Ressourcen für Formen des politischen Widerstands 1974) Grundlagen der Oppositionsbewegungen unter einer zusammenfas- senden Perspektive zu bewerten, die eben die diskursive Konstruktion Christian Kehrt (Hamburg): „Dem Krill auf der Spur“. Ressourcenfra- und Nutzung dieser Ressourcen hinterfragt. gen als Leitmotiv für die Institutionalisierung der deutschen Polarfor- Bei diesem Befund setzte das Konzept der von BIANKA PIETROW- schung in den 1970er Jahren ENNKER (Konstanz) geleiteten Sektion an, in der die kulturellen Sabine Höhler (Stockholm): Kommentar Ressourcen der Opposition hinterfragt und benannt werden sollten. Schließlich sei im Konfliktraum Polen die Produktion von Kultur dis- Tagungsbericht Lebensraum Meer. Umwelt- und entwicklungspolitische kutiert worden. Sie habe die Formierung von Opposition überhaupt Ressourcenfragen in den 1960er und 1970er Jahren. 25.09.2012-28.09.2012, erst ermöglicht, wobei aber dieser Zusammenhang bislang nicht aus- In: H-Soz-u-Kult 13.11.2012. reichend beforscht worden sei. Bianka Pietrow-Ennker verdeutlichte in ihrer Einführung das An- liegen der Sektion, demzufolge die Beschäftigung mit Polen auf Grund der Verflechtung mit der deutschen Geschichte eine Grundvorausset- Macht und Gegenmacht im Konfliktraum der Volksrepublik Polen: zung für das Verständnis von Deutschland und Europa sei. Wie in Kulturelle Ressourcen für Formen des politischen Widerstands einem Prisma könne man Faktoren erkennen, die die europäische Geschichte beeinflusst hätten. Hierbei stelle Kultur eine bedeutsame Leitung: Bianka Pietrow-Ennker (Konstanz) Ressource dar, deren Nutzung eine dynamische Entwicklung bewirkt Bericht von: Heidi Hein-Kircher, Herder-Institut für historische Ost- habe. mitteleuropaforschung – Institut der Leibniz-Gemeinschaft, Marburg Ziel der Sektion war es also das herauszuarbeiten, was in den zeit- genössischen Diskursen als kulturelle Ressource aufgefasst wurde, Ende der 1980er-Jahre war Polen der erste volkssozialistische Staat, und zugleich die entsprechenden Gegenstrategien des Regimes aufzu- dem es gelang, das sozialistische System durch Strukturwandel abzu- zeigen. Der diskursive Prozess, so die Grundannahme und Leitfrage schütteln. Weil dieses System durch die Sowjetunion gestützt wurde, der Sektion, ließe verschiedene Formen von „Eigen-Sinn“, „widerstän- konnten sich verschiedene hegemoniale Herrschaftspraktiken gegen- diger Abgrenzung“ und damit zusammenhängend Konstruktionen über der Bevölkerung – bis hin zur Gewaltausübung während des von Gegenstrategien und oppositionellen Praktiken erkennen. Es ging Kriegsrechts – entwickeln. Es gelang dem Regime aber nicht, die seit der Sektion also darum, neue Erkenntnisse darüber zu liefern, welcher den 1970er-Jahren immer stärker werdende Oppositionsbewegung ein- Art die kulturellen Ressourcen waren, welche Symbolvorräte für die zudämmen. Die mit deren Formierung zusammenhängende Ereignis- Bildung kollektiver Identität durch kulturelle Ressourcen entstanden, geschichte ist gut erforscht, während das Traditionsbewusstsein und welche Gruppen Zugang dazu fanden und welche subversiven Prak- der Nationalismus der Polen lediglich als bloße Voraussetzung und tiken sich in regionalen, nationalen sowie transnationalen Räumen nicht als diskursiv gestaltete Ressource gesehen werden. Sie werden daraus ergaben. daher nicht weiter hinterfragt. Es gab jedoch spezielle Diskursräume, Eine solche subversive Praktik stellte der Jazz dar, der nirgends die bestimmte kulturelle Grundlagen nutzten, aber auch in spezifi- in Europa eine derartige Breitenwirkung erzielte wie in Polen. Daher scher Form weiterentwickelten. So ist es ein Desiderat, die kulturellen 307 308 Macht und Gegenmacht im Konfliktraum der Volksrepublik Polen: Heidi Hein-Kircher Kulturelle Ressourcen für Formen des politischen Widerstands stellte GERTRUD PICKHAN (Berlin) den Polski Jazz als eine solche Polen als Ausdruck der Freiheit zugenommen und als Möglichkeit für kulturelle Ressource vor, indem sie wesentliche Ergebnisse eines von alternative Lebensentwürfe gegolten. Insofern hätten es auch Repres- ihr geleiteten Forschungsprojektes, das über mehrere Jahre von der sionen nicht verhindern können, dass sich der Polski Jazz als kulturelle VW-Stiftung gefördert wurde, zusammenfasste. Ausgehend von der Alternative entwickelt habe. Feststellung, dass Jazz als Musik der Freiheit und des American Way of Kulturelle Gegenstrategien entstanden aber auch im polnischen Life eine Art mythische Verklärung erfahren habe, stellte sie zunächst Untergrund. ROBERT BRIER (Warszawa) diskutierte die nationalen die Entwicklung des Jazz und der Jazz-Szene in Polen dar, die in der und transnationalen Untergrunddiskurse und stellte damit die gän- Entstehung einer eigenen polnischen Jazz-Schule gemündet sei. gige Interpretation der polnischen Zeitgeschichte in Frage, die die Nach 1945 sei er zum Symbol der Demokratie, der Moderne und Solidarność einerseits mit Blick auf die Ereignisse des Jahres 1989 der westlichen Werte geworden und seine Bedeutung sei in dem Ma- und andererseits als eine auf die Romantik hin reduzierte polnische ße gestiegen, wie die Freiheit eingeschränkt wurde – insofern habe Nationalgeschichte sieht. Um Kultur als Ressource für die politische der Jazz sich in Polen einer Beliebtheit und Vitalität erfreut wie in Opposition untersuchen zu können, definierte Robert Brier zunächst kaum einem anderen europäischen Land. Als kulturelle Alternative zu den Ressourcen-Begriff als Mittel, um eine Handlung zu tätigen oder dem offiziell propagierten sozialistischen Kulturmodell sei der Polski ein Ziel zu erreichen, wies auf die Abhängigkeit vom Kontext hin und Jazz zum wichtigsten kulturellen Exportschlager neben den Plakaten verdeutlichte, dass (knappe) Ressourcen stets im Zentrum von Konflik- und dem polnischen Film avanciert. Diese Bedeutung als kulturelle ten stehen. In den 1970er-Jahren sei der öffentliche Raum durch den Alternative habe aber „naturgemäß“ das Regime gestört. sozialistischen Erfolgsdiskurs der Industrialisierung dominiert wor- Gertrud Pickhan zeigte die im Jazz bzw. in der Jazz-Szene inhä- den, doch sei in ihrer zweiten Hälfte zunehmend deutlich geworden, rente Ambivalenz auf: Problematisch sei ein staatliches Eingreifen dass dieser Diskurs im Widerspruch zur Wirklichkeit stand. Dagegen insofern gewesen, als der Jazz eben nicht nur als amerikanische Musik, seien religiöse Handlungsweisen eine Erfahrung von Authentizität sondern auch als die Musik des unterdrückten schwarzen Proleta- gewesen, was zu einer Graswurzelbewegung, die sich für den Bau riats wahrgenommen wurde. Zugleich habe aber die körperbetonte von Kirchen einsetzte, geführt habe. Lebensfreude des Jazz, die häufig als „pornografisch“ verbrämt wur- Diese Form der Selbstorganisation habe dem kulturellen Erbe einen de, das Regime provoziert, während die mit dem Jazz verbundene festen Rahmen verliehen und zu einer wechselseitigen Verstärkung religiös-spirituelle Dimension wiederum auf fruchtbaren Boden in geführt. Mit dem Menschenrechtsdiskurs sei aber ein transnationaler der vom Katholizismus geprägten polnischen Gesellschaft gefallen Aspekt hinzu gekommen: Die Menschenrechte seien durch die Kirche sei. Sie betonte aber auch, dass der Polski Jazz keine Formen offenen als Wert übernommen worden, sie hätten die Legitimität des Systems Widerstands propagiert, sondern scheinbar apolitisch agiert habe. Die in Frage gestellt. Dies habe wiederum zu einer symbolischen Koalition Jazzszene sei insgesamt nur schwer zu kontrollieren und Keimzelle mit Menschenrechtsbewegungen in anderen Staaten geführt. In einem einer Alternativkultur gewesen. Insofern habe der Jazz in den 1950er- weiteren Schritt zeigte Brier dann auf, dass Kultur fortan nicht als und 1960er-Jahren, in denen er sich allmählich institutionalisiert habe, eine gegebene Größe angesehen worden sei und sich daher zu einer einen „eigen-sinnigen“ Charakter angenommen. Die genuin amerika- umkämpften Ressource entwickelt habe: Die Kultur sei innerhalb der nische Musik habe in Ostmitteleuropa insgesamt und insbesondere in Oppositionsbewegung ebenso umkämpft gewesen wie die National- 309 310 Macht und Gegenmacht im Konfliktraum der Volksrepublik Polen: Heidi Hein-Kircher Kulturelle Ressourcen für Formen des politischen Widerstands kultur zwischen Regierung und Opposition. Schließlich sei mit den DIETER BINGEN (Darmstadt) betonte in seinem die Sektion zu- Menschenrechten eine weitere umkämpfte Ressource hinzugekom- sammenfassenden Kommentar, dass angesichts des totalitären An- men. spruchs jeder Ausdruck von kultureller, religiöser oder gesellschaftli- Der wichtigste Gegenspieler der Polnischen Vereinigten Arbeiter- cher Ausstrahlung immer politisch sei, so wie etwa die Musikästhetik partei (PZPR) war die katholische Kirche, auch wenn sie keine po- die Parteiwerte durchbrochen habe. Insofern habe es insgesamt eine litische Macht angestrebt habe. KLAUS ZIEMER (Warszawa/Trier) Ambivalenz des Widerständischen gegeben, die etwa auch am Selbst- diskutierte daher ihre Rolle bei der Entwicklung oppositionellen Den- verständnis der Kirche deutlich geworden sei. So habe die katholische kens. Die katholische Kirche habe sich dem sozialistischen Gesell- Kirche mit dem Anspruch spiritueller Macht gegenüber dem Regime schaftsentwurf entgegenstellt und alternativ die traditionellen Werte agiert, aber die nationale Rolle der Institution Kirche habe eine größe- der Nation propagiert. Diese Entwicklung zeichnete Ziemer in dem re Bedeutung gehabt und es sei der Kirche nicht gelungen, wirklich ersten Teil seines Vortrags nach und kam zu dem Schluss, dass sich mit diesen Ressourcen zu arbeiten. Die Kirche als zeitweise system- der Primas als der eigentliche Repräsentant der Nation betrachte- stabilisierende Kraft habe aber letztlich die Niederlage des Systems te, aber lediglich Maßstäbe für die Gestaltung des gesellschaftlichen herausgezögert. Ihre Transnationalität sei für die PZPR die größte Lebens aufgezeigt habe. Die katholische Kirche habe das staatliche Herausforderung gewesen, jedoch habe die Kirche ihr transnationales Informationsmonopol leichter als andere gesellschaftliche Gruppen Potential bis 1989 nicht genutzt. Zugleich habe es eine das System durchbrechen können. Immer wieder, beispielsweise durch die Grün- bedrohende Wiederherstellung von Werten, Codes und Mentalitäten dung der Klubs der Katholischen Intelligenz (KIK) 1956 oder auch durch die Oppositionsbewegung gegeben. Jede der diskutierten kultu- durch den Versöhnungsbrief an die deutschen Bischöfe 1965 habe rellen Praktiken hätte daher auch die Rolle eines Ventils verschiedener sie alternative Denkmodelle zur parteioffiziellen Interpretation der gesellschaftlicher Gruppen übernommen. zeitgenössischen Kultur geliefert, die einen Monopolanspruch vertrat. Die sich anschließende Diskussion kreiste zunächst vor allem um Mit der Etablierung der politischen Oppositionsbewegung habe die die Bedeutung der katholischen Kirche im heutigen Polen und ihre am- katholische Kirche eine neue Funktion erhalten. So habe sie einerseits bivalente Haltung während der Volksrepublik Polen. Eher kursorisch in Teilbereichen einer Kooperation mit dem Staat zugestimmt, um be- wurde der Blick auf die Leitfragen und das Oberthema der Sektion ge- stimmte Ziele zu erreichen, andererseits hätten zahlreiche Priester die legt. Eine notwendige Erweiterung der Vorträge bzw. der Diskussion Solidarność unterstützt. Etwa durch Wallfahrten und ein landesweites hätte sicherlich der entfallene Vortrag von KRZYSZTOF RUCHNIE- Netz von katechetischen Punkten habe sie die Gesellschaft mobilisie- WICZ (Wrocław) gebracht, in dem oppositionelle Ausprägungen der ren können, wodurch sie spirituelle Ressourcen zur Verfügung gestellt Erinnerungskultur diskutiert werden sollten. habe, in denen sich religiöse und nationale Elemente verbunden hät- Erst abschließend wurde der Ressourcen-Begriff, dem die Sekti- ten. Schließlich hätten die „Pilgerreisen“ Johannes Pauls II. für die on zugrunde lag, durch die diskutierenden Zuhörer in Frage gestellt. Kirche integrierend und das Selbstbewusstsein stärkend gewirkt. Das Hierbei wurde insbesondere der Mehrwert des Begriffs der kulturellen so gefestigte Ansehen, das 1989 seinen Höhepunkt erreicht habe, habe Ressourcen kritisch erörtert. Bianka Pietrow-Ennker als Sektionsleite- es der Kirche ermöglicht, während der Verhandlungen zum Runden rin und die Beitragenden verdeutlichten in ihren Wortbeiträgen, dass Tisch eine Schlüssel- und Vermittlerrolle einzunehmen. in bestimmten Konstellationen Kultur zur Ressource geworden sei. 311 312 Heidi Hein-Kircher Aktiv sei sie etwa für die Wandlung der Kirche genutzt worden. und die Gemeinsamkeiten mit anderen Oppositionsbewegungen her- Bianka Pietrow-Ennker betonte hierbei mit Blick auf Pierre Bour- auszuarbeiten zu können. dieu die Bedeutung von immateriellen Ressourcen, demzufolge kultu- Sektionsprogramm: relles Kapital diskursiv gestaltet werden könne. So seien Werte und insbesondere das Verständnis von Freiheit, Nation und Unabhängig- Bianka Pietrow-Ennker (Konstanz): Einführung keit durch die kulturellen Ressourcen in Polen in gewisser Weise mo- Gertrud Pickhan (Berlin): „Body and Soul“. Eigensinn im Polski Jazz dernisiert worden. Insofern sei der Ressourcen-Begriff für die weitere Beforschung der kulturellen Grundlagen der Oppositionsbewegung Krzysztof Ruchniewicz (Wrocław): Widerständige Abgrenzung – Räu- in Polen inspirierend. me der Gegenerinnerung (entfallen) Zusammenfassend stellten die Vorträge dieser Sektion für einschlä- Robert Brier (Warszawa): Kultur als Ressource von Oppositionspolitik. gig arbeitende Historiker/innen kaum neue (faktische) Ergebnisse Nationale und transnationale Bezüge des Untergrunddiskurses der dar, sondern fokussierten bisherige Forschungsschwerpunkte der Vor- 1980er Jahre tragenden unter der neuen Perspektive der „kulturellen Ressourcen“. Hierzu wurden die mit den „kulturellen Ressourcen“ verbundenen Im- Klaus Ziemer (Warszawa/Trier): Die Katholische Kirche als Gegen- plikationen als Leitfragen angewendet, was leider durch die anschlie- macht zur Polnischen Vereinigten Arbeiterpartei ßenden Diskussionen wieder aus dem Fokus der Aufmerksamkeit Dieter Bingen (Darmstadt): Diskutant/Kommentar geriet. Deutlich wurde der Berichterstatterin durch die Vorträge und Dis- Tagungsbericht Macht und Gegenmacht im Konfliktraum der Volksrepu- kussionen abschließend, dass der Begriff „Ressource“ notwendigerwei- blik Polen: Kulturelle Ressourcen für Formen des politischen Widerstands. se weiter geschärft und definiert werden muss, um ihn auch außerhalb 25.09.2012-28.09.2012, In: H-Soz-u-Kult 09.11.2012. wirtschaftlicher Zusammenhänge und vor allem in Verbindung mit kulturellen Grundlagen wirklich produktiv für die kulturwissenschaft- liche Forschung nutzbar machen zu können – der Bezug allein auf Pierre Bourdieu genügt hierfür sicherlich nicht. Diese Perspektive kann aber zu pointierteren Bewertungen der Bedeutung oppositionel- Medialer Geschichtsunterricht: Innovation statt Beliebigkeit – ler Kultur führen, wenn diese Schärfung erfolgt ist. Öffentlich-rechtliche Medien und Geschichte Zu hoffen bleibt daher, dass diese Sektion einen Einstieg hierzu Leitung: Christian Jung (Neckargemünd) / Niko Lamprecht (Wiesba- bietet. Zu hoffen bleibt auch, dass die Vorträge und anschließenden den) Diskussionen der Sektion zu weiteren Arbeiten anregen, die verdeut- Bericht von: Christian Jung, Verband der Geschichtslehrer Deutsch- lichen, wie sehr politischer Widerstand durch kulturelle Grundlagen lands angeregt werden kann und auf diese zurückwirkt – und dies in einem vergleichenden Rahmen, um die Besonderheiten im polnischen Fall Über 30 Millionen Mal wurde bisher das Online-Portal „Die Deut- schen“ im Internet unter http://www.diedeutschen.zdf.de angeklickt. 313 314 Medialer Geschichtsunterricht: Innovation statt Beliebigkeit – Christian Jung Öffentlich-rechtliche Medien und Geschichte Rund 150.000 Mal wurden nach Angaben des ZDF zudem die beglei- wohnten Quellen des Historikers seinen Platz im Unterricht behalten – tenden Handreichungen des Verbandes der Geschichtslehrer Deutsch- auch durch stetige Übung im Unterricht – „behalten müsse“, biete der lands (VGD) für Lehrer heruntergeladen. In der sehr gut besuchten VGD Projekte an, welche die Neuen Medien und speziell das Internet Sektion „Medialer Geschichtsunterricht: Innovation statt Beliebigkeit – mit sinnvollen und pädagogisch nutzbaren Inhalten füllen wollen. In- Öffentlich-rechtliche Medien und Geschichte“ stellte der VGD auch haltlich ging es in der Folge um ein Internetportal zur DDR-Geschichte deshalb beim Historikertag in Mainz Ende September 2012 seine Ko- („Eure Geschichte“, MDR) und ein großes Zeitzeugenprojekt zur jün- operationsprojekte „Die Deutschen“ und „Gedächtnis der Nation“ geren deutschen Geschichte („Gedächtnis der Nation“, ZDF) sowie (ZDF) sowie „Eure Geschichte“ (MDR) vor. Dabei wurden diese auf ih- die Geschichtsserie „Die Deutschen“ (ZDF). re didaktische Wirksamkeit durchleuchtet. Bei der Veranstaltung konn- STEFAN BRAUBURGER (Mainz), stellvertretender Leiter der ZDF- ten viele jüngere Geschichtslehrer, Dozenten und Studierende begrüßt Redaktion Zeitgeschichte, stellte in seinem Vortrag heraus, dass mit werden, die insbesondere in der anschließenden Diskussion zeigten, der Kooperation seines Senders mit dem Geschichtslehrerverband dass im Internet- und Youtube-Zeitalter multimediale Angebote für Brücken zwischen dem Bild-Medium Fernsehen und der Bildung an einen aktuellen und einen die Lebenswirklichkeit der Schülerinnen den Schulen geschlagen werden solle. Wie beim Onlineportal „Die und Schüler erreichenden Unterricht unverzichtbar sind. Deutschen“ gebe es bewusst weitere Möglichkeiten für Bildungszwe- Sektionsleiter und VGD-Bundesvorstandsmitglied NIKO LAM- cke. „Es sind interaktive Module, die Wissenschaft, Medium und Di- PRECHT (Wiesbaden) sagte in seiner Einführung, an „den Neuen daktik verbinden sollen und Möglichkeiten aufzeigen für künftige Medien kommt kein Unterricht mehr vorbei – dies gilt in jedem Formen der Wissensvermittlung“, sagte Brauburger. Anders als die Fall, wenn man die Mediennutzung von Schülern beziehungswei- Wissenschaft oder das Fernsehen, erreiche die Schule nahezu alle Ju- se deren Lebenswirklichkeit ernst nimmt.“ Laut einer Studie des IZI- gendlichen, was einen Ausbau der Zusammenarbeit nahelege. Medienforschungsinstituts aus München hatten nach Darstellung Lam- Für Brauburger steht die Vermittlung von Geschichte in Medien prechts im Jahr 2000 bei der berühmten „Inselfrage“ („Was würden Sie und Unterricht im digitalen Zeitalter vor neuen Herausforderungen. als Gestrandeter auf einer Insel vermissen?“) nur etwa 20 Prozent der „Die Erwartungshaltung gerade junger Menschen ist geprägt von der Jugendlichen einen nicht mitgenommenen oder fehlenden Computer extensiven Nutzung audiovisueller Medien. (. . . ) So zeigt sich etwa bei bedauert. der Akzeptanz historischer Fernsehsendungen, dass gerade jüngere 2010 lag dieser Wert schon bei 70 Prozent. Die tägliche Online- Zuschauer durch die Filme nicht nur gut informiert werden möchten. nutzung von Jugendlichen erreiche mittlerweile einen Wert um 140 Sie wünschen sich auch eine anschauliche Darstellung, hervorragende Minuten – 2006 waren es „nur“ 99 Minuten gewesen. So seien die Bilder, eine gute Erzählung, aufwendige Computergrafiken, Spielsze- Computer durch die Verschmelzung der Medien mit dem Internet nen - und Elemente von Spannung und Unterhaltung. Längst sind die dem Fernsehen dicht auf den Fersen beziehungsweise auf der Über- aufwendigen Historienfilme im Kino der Maßstab“, betonte der ZDF- holspur, was nicht nur wegen der Aufmerksamkeitsspanne neue Un- Historiker. Dadurch ergebe sich unter anderem die Chance, Inhalte terrichtsformen mit durchdachten multi-medialen Inhalten auch für interessant darzustellen. So habe man früher gerne einen Bogen um den Geschichtsunterricht erforderlich mache. die Revolution von 1848 geschlagen, welche aber durchaus darstellbar Auch wenn das Buch und ebenso der sonstige Umgang mit den ge- sei. 315 316 Medialer Geschichtsunterricht: Innovation statt Beliebigkeit – Christian Jung Öffentlich-rechtliche Medien und Geschichte Anschließend zeigte er mit Ausschnitten aus der dreiteiligen ZDF- Inhalten angelegten Fernsehproduktionen stehe eines jedoch deutlich Reihe „Die Machtergreifung“ (2008), dem Film „Die Odyssee der Kin- fest: „Schülerinnen und Schüler nehmen solche Darstellungen zur der“ (2008) und den beiden Staffeln von „Die Deutschen“ sowie dem Kenntnis und tragen Emotionen, Halbwissen und Fragen bei passen- dazugehörigen dreidimensionalen Onlinemodul, wie verschiedene der Gelegenheit in die Klassenräume hinein. Lehrerinnen und Lehrer ZDF-Geschichtsproduktionen zielgerichtet im Unterricht eingesetzt stehen dann vor der Alternative, diese entweder zu ignorieren oder werden können. Auch beim Projekt „Der Heilige Krieg“ (2011), ei- eben für den Unterricht fruchtbar zu machen“, sagte Erbar. Gerade ner Reihe über die Geschichte von Christen und Muslimen, habe der für „Die Deutschen“ gewählte Zugriff der Personalisierung mache man ein umfangreiches Begleitportal geschaffen, das ebenfalls rege es jüngeren Schülern leichter, einen Einstieg in die oft verworrenen benutzt werde. Mit dem groß angelegten Zeitzeugenprojekt „Unsere Stränge der Vergangenheit zu finden, ohne dass dies deshalb einen Geschichte. Das Gedächtnis der Nation“ verstärke das ZDF neben der Rückfall in Zeiten darstellen solle, in denen „nur große Männer große Programmarbeit bewusst den Kontakt zu den Schulen. Geschichte“ machten. Zu vielen Themen des 20. Jahrhunderts werden seit 2011 im mo- Für Erbar sind die Wirkungen auf junge Menschen durch ein- bilen Studio Interviews für eine große Online-Zeitzeugendatenbank drucksvolle Bilder von Napoléon oder Robert Blum eine große di- geführt, in welche auch das Zeitzeugenarchiv des ZDF überführt wer- daktische Chance, „ein Sprungbrett für den Unterricht“. Denn oftmals den soll. Schwerpunktthemen der Interviews waren im Sommer 2012 würden die Schüler im Unterricht mit kleinen und kleinsten Quellen- die deutsch-deutschen Erfahrungen entlang der innerdeutschen Gren- splittern konfrontiert, die völlig aus dem historischen Zusammenhang ze und Berichte von Mitbürgern ausländischer Herkunft zu Fragen gerissen seien. „Dann kostet es einiges an Zeit und Mühen, die Quellen von Migration und Integration. wieder in den Kontext einzubetten um sie überhaupt verstehbar zu RALPH ERBAR (Mainz), seit dem Historikertag 2012 neuer stell- machen. Auch hier können Filmsequenzen nützlich sein, indem sie vertretender Bundesvorsitzender des VGD, untersuchte als nächster Schülerinnen und Schülern helfen, ein ‚Bild zu bekommen‘“, sagte Referent die didaktischen Aspekte zu den ZDF-Projekten. Die seit 2008 Ralph Erbar weiter. bestehende Zusammenarbeit habe dazu geführt, dass mittlerweile Durch die medienkritische Analyse von Filmsequenzen könnte die rund 40 Einzelproduktionen und Reihen von Mitgliedern des VGD ZDF-Serie auf unterschiedliche Weise genutzt werden, um die Medien- gesichtet, mit didaktisch-methodischen Erläuterungen versehen und kompetenz zu schärfen, das Methodenrepertoire zu erweitern und durch Arbeitsblätter für den Unterricht aufbereitet wurden. Weitere die zugrundeliegende Intentionalität des Gesehenen zu hinterfragen. Projekte seien bereits angedacht. „Es soll nicht verschwiegen werden, Beim Langzeitprojekt „Gedächtnis der Nation“ sei der Geschichtsleh- dass diese Kooperation neben viel Zustimmung auch auf kritische rerverband ebenfalls mit von der Partie. Die Verbandsarbeitsgruppe Stimmen innerhalb und außerhalb des Verbandes stieß, die gehört „Rundfunk und Fernsehen“ liefere für das Zeitzeugenportal zusätzli- wurden. Ohne Zweifel besteht ein gewisses Spannungsverhältnis, aber che Materialien wie Kontextualisierungen der Interviews und stelle keineswegs ein Widerspruch zwischen der Darstellung historischer lehrplanbezogene Arbeitsaufträge für die Sekundarstufen I und II zur Ereignisse und Persönlichkeiten in den Medien, hier beschränkt auf Verfügung. das ZDF, und den Aufgaben des Geschichtsunterrichts“, sagte Erbar. Als Beispiel nannte er in der Folge die kritische Betrachtung von Trotz der unterschiedlichen Meinungen zu den auf Reduktion von Zeitzeugeninterviews des ZDF, die auf dem „Gedächtnis der Nation“ 317 318 Medialer Geschichtsunterricht: Innovation statt Beliebigkeit – Christian Jung Öffentlich-rechtliche Medien und Geschichte nun in voller Länge abrufbereit seien und dadurch auch besser in rische Wahrheit vor, die in Wirklichkeit nicht mehr als subjektives Erle- Wissenschaft und besonders im Unterricht „ohne Clip-Charakter“ auf- ben sei“, sagte Ulrich Brochhagen. Die Erzählungen von Protagonisten bereitet und auf ihren subjektiven Charakter hinterfragt werden könn- in einer entsprechenden Einordnung seien trotzdem ein ideales Mittel, ten. Ebenso gelte es in Zukunft, im Unterricht gezeigte Filme auf ihre um im miteinander immer mehr verschmolzenen TV und Internet Ge- Bedeutung als künstliches und künstlerisches Produkt zu analysieren schichte zu vermitteln. „Wir bemühen uns somit um Attraktivität, um und ebenso zu enttarnen. Abschließend war es für Erbar von enormer Flexibilität, um unterschiedliche Nutzungs- und Anspruchsebenen - Bedeutung, dass Fernsehdokumentationen und Geschichtsunterricht vom traditionellen Einsatz (Website als Ergänzung im normalen Unter- nicht gegeneinander ausgespielt werden dürften. Es gelte vielmehr, richt) bis zum Stationen-Lernen oder Rechercheaufträgen/-projekten“, die jeweiligen Stärken des Mediums und des Unterrichts zu erkennen sagte Niko Lamprecht. und miteinander in Verbindung zu bringen. Der Kommentar von VADIM OSWALT (Gießen) umriss das Be- ULRICH BROCHHAGEN (Leipzig) und Niko Lamprecht stellten zugsfeld der Medienprojekte anhand von drei Ansatzpunkten und im zweiten Teil der Sektion das neue Lernportal zur DDR-Geschichte ihrer Schnittflächen: Erstens der Geschichtskultur, zweitens der histori- „Eure Geschichte“ vor. Dieses entstand in Kooperation von VGD und schen Bildung in der Schule und drittens der jugendlichen Lebenswelt. MDR und mit großzügiger Unterstützung der Bundesstiftung Aufar- So bestimme etwa die Zielvorstellung, die historisches Lernen im Hin- beitung der SED-Diktatur (Bundesstiftung Aufarbeitung). „Das Portal blick auf geschichtskulturelle Kompetenz bei Schülern verfolge, die hat den Anspruch, die wichtigste Internetquelle zur DDR-Geschichte Frage, welche Aspekte in der Begegnung von schulischem Geschichts- und der Geschichte des Ostens im vereinten Deutschland zu werden“, lernen und Geschichtskultur im Zentrum stünden. Ein partizipatives sagte Brochhagen. Deshalb seien die dargebotenen Materialien von Konzept, das Schüler kompetent machen wolle für den Umgang mit Pädagogen und Medienmachern gemeinsam erstellt und für den Un- Geschichtskultur, mache eine Berücksichtigung geschichtskultureller terricht und andere Bildungszwecke zugänglich. „Das entstandene Manifestationen zwingend notwendig. Dies führe zu einer Begeg- Portal nutzt einerseits die medialen Möglichkeiten im Internet. Die nung unterschiedlicher Welten mit ihren jeweils eigenen Logiken im nach Themenfeldern geordneten Bausteine bieten ein vernetztes und Umgang mit Geschichte: Die strukturgeschichtliche Ausrichtung schu- komplettes Angebot, welches direkt und flexibel im Unterricht ein- lischen Lernens stoße auf die personalisierende Geschichtsdarstellung setzbar ist – von motivierenden Anregungen für Hausaufgabe oder der Dokudramen, analytische Distanzierung und Alteritätserfahrung Projektarbeit bis zum ‚gediegenen‘ historischen Kontext“, fügte Niko auf eine möglichst „nahe“ Vergangenheit, die durch Emotionalisie- Lamprecht hinzu. Danach stellten die beiden Referenten ausführlich rung, Identifikation und Authentizitätsfiktionen gekennzeichnet sei. das Portal vor und zeigten Möglichkeiten der Unterrichtsgestaltung Gerade diese unterschiedlichen Logiken müssen nach Meinung mit exemplarischen Videoaufnahmen von einer Rede Erich Honeckers von Oswalt im Lernprozess reflektiert werden, um das Dokudrama auf den Weltjugendtagen 1973 (kombiniert mit einer Sequenz Walter als sehr spezifische Form geschichtskultureller Konstruktion zu ver- Ulbrichts) bis zu einem Kirchentagsbericht vor. stehen und zum Beispiel den Luther des Dokudramas wieder in einen Brochhagen und Lamprecht reflektierten gemeinsam das entstan- möglichen Luther zurück zu verwandeln. Ähnliche Fragen warf der dene Angebot: „Den audiovisuellen Medien wird sehr häufig der allzu Kommentar im Hinblick auf die Nutzung von Web 2.0-Formaten auf, laxe Umgang mit Zeitzeugen vorgeworfen: Diese gaukelten eine histo- die im umfassenden Prozess der Medialisierung integraler Teil der 319 320 Christian Jung Lebenswelt der Schüler seien. Deshalb müssten für das historische mitarbeiten und sinnvolle Angebote bieten – sonst verliert er selbst Lernen Kompetenzen entwickelt werden, die den fachorientierten die Zukunft. Gebrauch solcher Kommunikations- und Präsentationsformen vom Sektionsübersicht: Freizeiteinsatz qualitativ unterscheidbar machten. So stelle beispiels- weise das Hochladen eines privaten Bildes einer Party in Facebook Niko Lamprecht (Wiesbaden): Einführung in die Sektion oder eines historischen Bildes als Quelle in einer Webpräsentation tech- Christian Jung (Neckargemünd): Geschichtsunterricht über die VGD- nisch den identischen Vorgang dar; jedoch lägen inhaltlich zwischen Website beiden Vorgängen Welten, die Schülern erst bewusst werden müssten. Insgesamt sei die Schere zwischen fachspezifischen Anliegen und Stefan Brauburger (Mainz): Geschichte im ZDF – Chancen für die Darstellungsformen im Internet noch recht groß – etwa bei der Frage, Bildung was eine 140 Zeichen Nachricht bei Twitter gewinnbringend vermit- Ralph Erbar (Mainz): Didaktische Aspekte zu den ZDF-Projekten teln könne. Völlig neue Erzählweisen zeigten Formen des vor allem (Zeitzeugen-Projekt, Die Deutschen I und II, weitere Filmprojekte) in den USA praktizierten „Digital Storytelling“. Der Umbau der Er- innerungskultur schaffe zudem neue virtuelle Erinnerungsräume im Ulrich Brochhagen (Leipzig) / Niko Lamprecht (Wiesbaden): DDR- Internet, an denen sich Schüler unmittelbar beteiligen könnten. Im Geschichte und die trimediale Zukunft (Mitteldeutscher Rundfunk & Sinne der Begegnung historischen Lernens und geschichtskulturel- Geschichtslehrerverband): „Eure Geschichte“ als Unterrichtsangebot ler Institutionen seien die Kooperationen zwischen Sendeanstalten mit Zeitzeugen-Videochats und Geschichtslehrerverband zu begrüßen und die Portale und An- Vadim Oswalt (Gießen): Kommentar: Neue Medienprodukte und Ge- gebote durch Evaluation im Sinne einer Modernisierung historischer schichtsunterricht aus geschichtsdidaktischer Perspektive Lernangebote weiterzuentwickeln. Die Sektion führte im letzten Teil zu Fragen aus dem Plenum, die Diskussion neben einzelnen thematisch orientierten Rückmeldungen ebenso die Frage nach der medialen „Verzerrung“ oder „Überzeichnung“ von Tagungsbericht Medialer Geschichtsunterricht: Innovation statt Beliebigkeit Geschichte aufwarfen. Andere Beiträge dokumentierten ein hohes Ver- – Öffentlich-rechtliche Medien und Geschichte. 25.09.2012-28.09.2012, In: ständnis für die Nutzung der Neuen Medien im Geschichtsunterricht, H-Soz-u-Kult 19.12.2012. die aber noch nicht richtig an den Schulen angekommen seien oder zweifelhaft verwendet würden. Der Geschichtsunterricht sollte sich infolgedessen weiterhin inten- siv dem Thema der Mediendidaktik widmen – mit gewiss nötiger kri- Nachhaltigkeit im Energieverbrauch des Mittelalters und der tischer Reflexion und Filterung im Bereich der elektronischen Medien, frühen Neuzeit? Interdisziplinäre Zugänge zu einem aktuellen welche aber nach Meinung der Sektionsleiter nicht zu einer medialen Thema Abstinenz in diesem Bereich führen dürfen. Wer in Sichtweite der Ju- gend bleiben will, muss im Bereich der Online- und TV-Medien aktiv Leitung: Oliver Auge (Kiel) 321 322 Nachhaltigkeit im Energieverbrauch des Mittelalters und der frühen Martin Göllnitz Neuzeit? Interdisziplinäre Zugänge zu einem aktuellen Thema Bericht von: Martin Göllnitz, Historisches Seminar, Christian- nachhaltiger Wirtschaft quellenmäßig bis zum 15. Jahrhundert zurück Albrechts-Universität zu Kiel verfolgbar (Waldweistümer und Forstordnungen). In den folgenden Jahrzehnten und Jahrhunderten habe vor allem die Forstwirtschaft Als Schlagwort ist „Nachhaltigkeit“ (sustainable development) in den den Begriff immer wieder aufgegriffen: Nachhaltigkeit als Realisie- heutigen Medien, in der Politik sowie der Wirtschaft allgegenwär- rung einer systematischen Holzwirtschaft. In diesem Punkt sah Auge tig. Motiviert durch die aktuelle Energiedebatte befasste sich die von auch das Dilemma der bisherigen Forschung zum Begriff der Nach- Oliver Auge organisierte Sektion über „Nachhaltigkeit im Energie- haltigkeit. Gerade mit Blick auf die mediävistische Forschung gebe verbrauch“ mit Fragen zur Umwelt- und Ressourcengeschichte im es noch großen Nachholbedarf zu dem Thema, das in der Forschung Mittelalter und der frühen Neuzeit. Damit sollte eine durchaus kon- zur frühen Neuzeit bereits einen höheren Stellenwert einnehme. Mit troverse Diskussion über die Möglichkeiten und Chancen der histo- seiner Hinführung gab Auge den weiteren Referenten das theoretische rischen Analyse mittels des Begriffs der Nachhaltigkeit angestoßen Rüstzeug an die Hand, um dem weichen Nachhaltigkeitsbegriff auf werden. seine analytische Funktion zu hinterfragen. In seiner Einleitung skizzierte OLIVER AUGE (Kiel) den diffizi- FRANK UEKÖTTER (München) bettete mit seinem Vortrag das len Charakter des Modewortes „Nachhaltigkeit“, das Eingang in alle aktuelle Energieverständnis in eine kontroverse Diskussion zum Ver- Bereiche des öffentlichen Lebens gefunden habe.1 Seine inflationäre ständnis über Energie in der Vormoderne ein. Dabei war seine Haupt- Verwendung erschwere die analytische Funktion des Begriffs. Nach- annahme, dass die Zeit des Mittelalters und der frühen Neuzeit nicht haltigkeit könne demzufolge auf die ganze Wirtschaft oder auf einen als eine gewissenhafte Nachhaltigkeitsepoche angesehen werden kön- einzelnen Sektor angewendet werden. Für Joachim Radkau stelle er ne, da sie einem grundsätzlich anderen Ressourcenstil unterlegen sogar ein in der Zeit enormen Holzbedarfs für Flottenbau und Eisen- habe. Dies führte Uekötter auf die Verfügbarkeit von Ressourcen, verhüttung geformter „Begriff der Macht“ dar.2 Dabei betonte Auge, die in Konnexen zueinander standen und dadurch eine ständige Er- dass zwar die von den Vereinten Nationen eingesetzte Weltkommis- wartungshaltung unmöglich machten, zurück. So musste in der frü- sion für Umwelt und Entwicklung unter Vorsitz der ehemaligen nor- hen Neuzeit und dem Mittelalter mit dem knappen Rohstoff Energie wegischen Ministerpräsidentin Gro Harlem Brundtland dem Begriff noch bedächtig umgegangen werden, die menschliche Arbeitskraft des „sustainable development“ zum Durchbruch verholfen habe, dass (Stichwort „Sklavenhandel“) war hingegen als billige Ressource all- der Begriff „Nachhaltigkeit“ jedoch keine Neuschöpfung aus der eng- gegenwärtig, wie Uekötter darlegte. Innerhalb eines geographischen lischen Begrifflichkeit sei. Und schon bevor der Nachhaltigkeitsbegriff Raumes, beschränkt durch natürliche Grenzen, seien die vormodernen in Hans Carl von Carlowitz´ forstwirtschaftlichem Werk „Sylvicultura Energieregime freilich nur phasenweise systemisch vernetzt gewesen. oeconomica“ aus dem Jahr 1713 Verwendung fand3 , sei der Gedanke Diese direkte eindimensionale Beziehung von Ressourcen habe eine 1 Karin Wullenweber, Wortfang. Was die Sprache über Nachhaltigkeit verrät, in: abstrakte Kategorie wie Energie überflüssig gemacht. Demgegenüber Politische Ökologie 63/64 (2000), S. 23f. im krassen Widerspruch würde die moderne Zeit mit ihrer ständig 2 Joachim Radkau, ‘Nachhaltigkeit‘ als Wort der Macht. Reflexionen zum methodi- verfügbaren Energie und sich fortwährend verteuernder Arbeitskraft schen Wert eines umweltpolitischen Schlüsselbegriffs, in: Francois Duceppe-Lamarre / Jens Ivo Engels (Hrsg.), Umwelt und Herrschaft in der Geschichte: Environnement et und Naturgemäße Anweisung zur Wilden Baum-Zucht, Reprint der Ausgabe Leipzig pouvoir: une approche historique. München 2008, S. 131-136. 1713, hrsg. und bearbeitet von Klaus Irmer und Angela Kießling, mit einem Vorwort 3 Hannß Carl von Carlowitz, Sylvicultura oeconomica oder Hauswirthliche Nachricht versehen von Ulrich Grober, S. 105f. 323 324 Nachhaltigkeit im Energieverbrauch des Mittelalters und der frühen Martin Göllnitz Neuzeit? Interdisziplinäre Zugänge zu einem aktuellen Thema stehen. Die für Uekötter größte Differenz zwischen Vormoderne und deckte Kohlenmeiler zu erforschen. Eine Analyse der Holzkohle aus Moderne war, neben dem Umgang mit Reserven, das Energieverständ- solch einem Meilerplatz ermögliche Aussagen über die Waldnutzungs- nis. Die in hohem Maße lokale Gebundenheit von Energiequellen habe form sowie den jährlichen Zuwachs an Waldbeständen. In einem wei- zu einer enormen Bewirtschaftung stiller Reserven geführt, die in Kri- teren Schritt ließe sich das Waldbild, zur Unterscheidung von Stamm-, senzeiten eine wertvolle Rückversicherung gewesen sei. Erst die von Ast- und Ausschlagholz, rekonstruieren. Die Entwicklung von Wald- materieller Sorglosigkeit geprägte Nachkriegsgeneration habe eine beständen mit natürlichen Strukturen und Lebensabläufen sei auch solche Vorsorge für entbehrlich gehalten. Zum Ende seines Beitrages für die heutige Energiedebatte von besonderem Wert und werde daher appellierte Uekötter an die moderne Umweltgeschichte: Sie müsse auch häufig im Kontext der Nachhaltigkeit gesehen. Abschließend sich mit den heiklen und riskanten Themen der vormodernen Res- betonte Paysen, dass es im Kloster Ahrensbök kein spezielles Amt sourcenregime beschäftigen, vor allem jedoch über die Energie vor der zur Durchsetzung der Nachhaltigkeit gegeben habe und vielmehr der Energie nachdenken. Denn die vormodernen und modernen Ressour- „kollegiale“ Umgang mit den Pachtdauern den nachhaltenden Nutzen censtile hätten auch politische Verhaltensweisen, Mentalitäten und der Waldstücke gewährleistete, da man sich allein schon aus kaufmän- gesellschaftliche Strukturen geprägt. Nur so könne sie ihren Beitrag nischem Interesse eine gleichbleibend gute Qualität der Holzkohle zur aktuellen Energiedebatte innerhalb der Gesellschaft leisten, die erhoffte. auf einen Ressourcenmangel nicht mehr eingerichtet sei. Wie ein historisierender Umgang mit Theorien aus anderen Diszi- Die Analyse einer nachhaltigen Ressourcennutzung im ländlichen plinen aussehen könnte, illustrierte THOMAS LUDEMANN (Freiburg Schleswig-Holstein prägte den Beitrag von ARNE PAYSEN (Kiel). im Breisgau) am Beispiel der Waldköhlerei im Gebiet des Schwarz- Anhand des 150 Jahre umfassenden Köhlereiregisters des Klosters waldes. Dabei legte Ludemann den Fokus seiner Betrachtung auf Ahrensbök und archäologischer Ausgrabungen skizzierte Paysen die die frühindustrielle Zeit und konfrontierte die Zuhörer/innen mit Nutzung von Holzkohle im Mittelalter und der frühen Neuzeit im einer naturwissenschaftlichen und vegetationsgeschichtlichen Frage- Kontext klösterlicher Grundherrschaft. Das Köhlereiregister verwei- stellung zur Überlieferung der nachhaltigen Nutzung von Ressourcen se auf eine strikte Gesetzmäßigkeit bei den Einzelpachtverträgen, in durch die Köhler. So seien die Kohlplätze die bei weitem häufigsten denen ein Nachhaltigkeitsaspekt, basierend auf einem ökonomischen Zeugnisse von historischen Waldnutzungen im Gelände. Die enor- Standpunkt, deutlich erkennbar werde. Mehr als zwei Jahrhunderte me Bedeutung der Holzkohle, vor der intensiven Nutzung fossiler vor den bekannten Wald- und Forstgesetzen habe sich das Kloster also Brennstoffe immerhin der wichtigste Energieträger, werde in der heu- nachweislich schon mit einer nachhaltenden Wirtschaft auseinander- tigen Forschung immer stärker zur Kenntnis genommen und sei auch gesetzt. Dabei hob Paysen aber die ökonomische Perspektive hervor, für die aktuelle Energiedebatte von nicht unwesentlichem Interesse. da die Regenerationsphasen in der Nutzung der Holzschläge allein Anhand anthrakologischer Untersuchungen, verknüpft mit rezent- aus pachttechnischen Gründen reguliert wurden. Paysen konnte den ökologischen und vegetationskundlichen Parametern, sei es möglich, Zuhörer/innen unter Zuhilfenahme von Flurkarten und –namen so- die zellulären, holzanatomischen Strukturen der Holzkohle zu analy- wie den Beschreibungen aus dem Köhlereiregister eine Rekonstruktion sieren. Die dabei gewonnenen Ergebnisse ließen Aussagen über das der Holzschläge aufzeigen, anhand derer die Archäologen sich darum verwendete Kohlholz und damit auch über den früheren anthropo- bemühen das Prospektionsgebiet einzugrenzen und zwei bereits ent- genen Einfluss sowie die Baumartenzusammensetzung in den histo- 325 326 Nachhaltigkeit im Energieverbrauch des Mittelalters und der frühen Martin Göllnitz Neuzeit? Interdisziplinäre Zugänge zu einem aktuellen Thema rischen Wäldern zu. So seien die am häufigsten verwendeten Arten sein: So durften die Holzvorräte bei plan- und unplanmäßigen Pau- von Schlagholz im Schwarzwald Buche, Tanne und Fichte gewesen. sen des Werkes (Kriege, Katastrophen und Umweltfaktoren) nicht für In Zusammenarbeit mit der archäologischen Forschung und musealer andere Zwecke genutzt werden. Auf diese „erzwungene“ Weise habe Köhlerei könnten diese Analysen verifiziert und Auswertungen zur man die Regeneration der beanspruchten Holzvorräte unterstützt und Waldnutzung der Köhler getroffen werden. Bisherige Untersuchungen die umliegenden Waldgebiete geschont. Die Feststellung Müllers deckt hätten gezeigt, dass keine großflächige und nachhaltige Walddegrada- sich mit dem Bericht des Oberförsters Nitschke vom 11. Juni 1815, in tion der Kohlwälder im Schwarzwald stattgefunden hat. Ludemann dem dieser dem Forstrevier um das Hüttenwerk einen vorzüglichen wies zudem auf konkrete Forschungen der Geobotanik zu vergleichen- Zustand trotz des unglücklichen Raupenbefalls konstatierte. den Analysen von lokalen und überregionalen Landschaftsprofilen, in ROLF-JÜRGEN GLEITSMANN-TOPP (Karlsruhe) hob in seinem denen Waldköhlerei betrieben wurde. Resümierend stellte Ludemann Vortrag zur Energiewirtschaft des Siegerländer Montanreviers einlei- fest, dass die Entdeckung der fossilen Energieträger, die das Ende tend hervor, dass, obwohl Nachhaltigkeit in aller Munde sei, es doch der Holzkohlewirtschaft bedeutete, die Wälder Deutschlands vor den ein historisches Thema bleibe. Vor allem die Umwelt- und Ressour- heute noch im Mittelmeerraum vorherrschenden Zuständen bewahrte. cengeschichte müsse verstärkt dem Aspekt einer nachhaltenden Wirt- Die erzwungene Nachhaltigkeit des Peitzer Hüttenwerkes in der schaft in den unterschiedlichen Epochen und Regimen nachspüren. In frühen Neuzeit stand im Zentrum des Vortrags von FRANK MÜLLER seiner Darstellung, die methodisch auf das „Mehr-Säulen-Konzept“ (Cottbus). Dafür skizzierte er die Karriere des Eisenwerks in Peitz der Nachhaltigkeit zurückgriff, legte Gleitsmann-Topp den Fokus auf und dessen Versorgung mit Holzkohle. Wie schon seine Vorgänger die nachhaltigen Strukturelemente des Siegerländer Montanreviers fragte Müller nach der Nachhaltigkeit der umliegenden Holzkohle- und verfolgte deren Energiewirtschaft vom ausgehenden Mittelal- wirtschaft: Hatte die unbegrenzte und exklusive Abbauerlaubnis einen ter bis ins frühe 19. Jahrhundert. Seit dem 16. Jahrhundert habe das gravierenden Einfluss auf die Landschaft und zog somit einen Nie- Haubergswesen (Niederwaldwirtschaft) einer landesherrlichen Re- dergang der Holzvorräte durch Übernutzung nach sich? Müller gab gulierung unterlegen, die durch eine sozial öffentliche Kontrolle des dem Plenum durch seine Darstellung einen vertieften Einblick in die Holzkohlewesens das Siegerland prägte. Das Montan- und Hüttenwe- Produktionsplanung des Werkes und nahm auch Bezug auf Umwelt- sen habe den wirtschaftlichen Faktor der Region geprägt, dem sich faktoren, anthropogene Einflüsse und planmäßige Einschränkungen. alle anderen Bereiche unterordnen mussten. Die aufeinander bezogene Durch eine gesetzliche Regulierung der zu nutzenden Holzmenge Wirtschaft der Hauberge, eine genossenschaftliche Charakteristik und im Jahr 1747 und einer angewiesenen nachhaltenden Forstwirtschaft das Agieren in einem Anbietermarkt seien für den Erfolg des Montan- ab 1768 konnte Müller eine Schonung des Waldes durch festgesetzte reviers verantwortlich gewesen. Infolge hüttentechnischer Innovatio- Holzlieferungen nachweisen. So deutet der Bericht eines Försters auf nen im Holzkohlebedarf und des strikt zünftisch-merkantilistischen einen Raupenbefall des nahegelegenen Waldgebietes hin, dem man Systems habe die Holzkohlegewinnung der Hauberge nicht zu ei- durch eine Entwaldung entgegenzuwirken versuchte. In diesem Fall, ner Verkleinerung, sondern vielmehr zu einer Ausdehnung des Holz- wie auch bei Siedlungsrodungen, scheint das Peitzer Eisenwerk nur als bestandes geführt. Dabei habe es sich aber beim Siegerländer Wirt- Nutznießer aufgetreten zu sein. Die Reglementierung der Holzvorräte schaftsraum weniger um eine Wachstums-, sondern vorrangig um ei- dürfte jedoch der grundlegende Faktor zur Nachhaltigkeit gewesen ne steady-state economy gehandelt. Und so machte Gleitsmann-Topp 327 328 Nachhaltigkeit im Energieverbrauch des Mittelalters und der frühen Martin Göllnitz Neuzeit? Interdisziplinäre Zugänge zu einem aktuellen Thema die Nachhaltigkeit zum Ende seiner Ausführungen vor allem in den Mit dem Konzept, den Begriff der Nachhaltigkeit als Anregung Produktionsbegrenzungen, der strikten Mengenorientierung durch zu einer neu ausgerichteten Beschäftigung mit der Umwelt- und Res- Einbindung in natürliche Stoffkreise, im technischen Fortschritt, in sourcengeschichte zu nehmen und über den Umgang der Vormoderne politischen Ordnungsvorgaben, im traditionellen Normenverständnis mit nachhaltenden Energiekonzepten nachzudenken, wurde eine an- und in scharfen Sozialkontrollen aus. Ein unbegrenztes Wirtschafts- regende Sektion realisiert. Die interdisziplinäre Präsentation aktueller wachstum und ein nachhaltendes Wirtschaften seien nicht vereinbar, Forschungsarbeiten gab zudem Anlass zu spannenden Dialogen. Es so das ernüchternde Fazit seiner historischen Analyse. wurde deutlich, dass die in der Sektion aufgeworfene Frage nach In seinem Kommentar fasste BERND HERRMANN (Göttingen) einem Verständnis von Nachhaltigkeit in Mittelalter und früher Neu- noch einmal die wichtigsten Punkte der intensiv und teils auch kontro- zeit hilfreich sein kann, wenn man sich überhaupt mit dem Begriff vers diskutierten Vorträge zusammen, verwies andererseits aber auch Nachhaltigkeit tiefer beschäftigen möchte. auf die energetische Nachhaltigkeit der Lebenswelten anstatt der in der Sektionsübersicht: Sektion im Vordergrund stehenden wirtschaftlichen Prozesse. Er ver- deutlichte nochmals die lange Tradition des Begriffs und betonte, dass Oliver Auge (Kiel): ’Sustainable development’ als historisches Thema sich das Nachhaltigkeitsprinzip nicht der Entdeckung des Bergmanns – eine Hinführung Hans Carl von Carlowitz verdanke. Denn nur weil eine Epoche einen Frank Uekötter (München): Energie vor der Energie? Einleitende Be- Begriff neu aufwerfe, bedeute es nicht, dass es dieses Prinzip nicht merkungen zu einem anachronistischen Begriffsverständnis schon länger gegeben habe: Nachhaltigkeit wurde im Mittelalter zwar nicht als bewusstes System wahrgenommen, jedoch als Sicherung der Arne Paysen (Kiel): Die Waldwirtschaft des Klosters Ahrensbök als eigenen Bedürfnisse gelebt. Der in der aktuellen Energiedebatte ge- Beispiel für eine nachhaltige Ressourcennutzung nutzte Begriff sei dementsprechend ein von außen definierter, sprich Thomas Ludemann (Freiburg im Breisgau): Landschaftsprägende his- wissenschaftlicher und entwicklungspolitischer Begriff. Um auch den torische Bioenergie-Nutzung - Die einzigartige regionale Überliefe- Aspekt der Energiewirtschaft nicht aus den Augen zu verlieren, be- rung der frühindustriellen Holzkohle-Herstellung (Waldköhlerei) fasste sich Hermann dann mit den grundlegendsten Energiequellen und verwies auf das menschliche Streben nach Permanenz, der Exis- Frank Müller (Cottbus): Erzwungene Nachhaltigkeit? Die Peitzer tenzsicherung der Menschheit. So würde eine Subsistenzwirtschaft Amtsheiden unter dem Einfluss des örtlichen Hüttenwerkes von sich aus sparsam mit jeder stofflichen wie auch energetischen Res- Rolf-Jürgen Gleitsmann-Topp (Karlsruhe): Das Siegerländer Montan- source umgehen: Dazu müsse neben Wärme-, Wind- und Wasserkraft revier und das System einer nachhaltigen Energiewirtschaft. Zu den die menschliche Dynamik sowie die Umwandlung dieser Ressourcen Implikationen des Konzeptes eines ’Sustainable development’ durch vielfältige innovative Techniken gezählt werden. Dies würde auch den stets omnipräsenten, jedoch teuren Charakter von Energie in Bernd Herrmann (Göttingen): Synthese der vormodernen Gesellschaft verdeutlichen. Entsprechend resümier- te Hermann, Nachhaltigkeit sei eine zeitlich relationale Kategorie, die Tagungsbericht Nachhaltigkeit im Energieverbrauch des Mittelalters und kontext- und kulturabhängig sei. der frühen Neuzeit? Interdisziplinäre Zugänge zu einem aktuellen Thema. 329 330 Neue Ansätze für eine transnationale Geschichte. Das Beispiel der Deutsch-Französischen Geschichte in 11 Bänden 25.09.2012-28.09.2012, In: H-Soz-u-Kult 18.10.2012. ze für die Bearbeitung des gesamten Zeitraums von der Spätantike bis zur Gegenwart anwendbar sind. MICHAEL WERNER (Paris) stellte den maßgeblich von ihm kon- zipierten Ansatz der Histoire croisée vor. Er sprach sich gegen die Neue Ansätze für eine transnationale Geschichte. Das Beispiel der Übersetzung dieses Begriffs mit Verflechtungsgeschichte aus, da sie Deutsch-Französischen Geschichte in 11 Bänden ein homogenes Verhältnis beider Länder voraussetzt, dieses aber nicht gegeben sei. Zudem hebe die Verflechtungsgeschichte die Eigenhei- Leitung: Rainer Babel (Paris) / Rolf Große (Paris) ten der einzelnen Länder zu wenig heraus. Gleichwohl setze sich das Bericht von: Amélie Sagasser, Ecole des hautes études en sciences Konzept der Histoire croisée deutlich von dem der vergleichenden sociales; Deutsches Historisches Institut Paris Geschichte ab. Michael Werner stellte die Frage nach der Interpretati- on multidirektionaler Transferprozesse. Er wies darauf hin, dass man Im Rahmen des 49. Deutschen Historikertags in Mainz, dessen Part- Deutschland und Frankreich als nationale Untersuchungseinheiten nerland in diesem Jahr Frankreich war, veranstaltete das Deutsche mit einer Reihe von Problemen behaftet seien, und betonte, dass natio- Historische Institut Paris (DHIP) unter der Leitung von PD Dr. Rainer nale Untersuchungen als ein dynamisches Konstrukt verstehen solle, Babel (Paris) und Prof. Dr. Rolf Große (Paris) eine Sektion zu der vom die sich gegenseitig beeinflussen, aber auch zu Dichotomien führten. DHIP herausgegebenen Deutsch-Französischen Geschichte (DFG). Bei Sodann stellte er die Frage nach den nationalen Untersuchungsebenen: den Sektionsleitern und den Referent/innen handelte es sich um Au- Was passiert, wenn man die Geschichte auf regionale und auch einzel- toren dieser Reihe. ne thematische Aspekte herunterbricht? Hierzu bemerkte er, dass ge- ROLF GROSSE (Paris) erläuterte in seiner Einführung die Kon- rade nationale Ordnungen sehr unterschiedlich gewichtet werden und zeption der Reihe und ging auf die lange Geschichte des Projekts ein, manche Prozesse auf ganz verschiedenen Ebenen stattfinden. Große die sich bis in die Anfänge des DHIP 1958 zurückverfolgen lässt. Die Bedeutung im Rahmen des Transfers maß Michael Werner der Position beiden ersten Bände, aus der Feder von Rainer Babel und Rolf Große, des Beobachters bei. Die Histoire croisée berücksichtigt nicht nur die ei- erschienen 2005, und inzwischen liegen acht vor. Seit 2011 wird die gene Position, sondern zieht auch die anderen Perspektiven in Betracht. Reihe auch auf Französisch veröffentlicht. Bis 2014 sollen alle Bände Bei der Bearbeitung der DFG wird dies insofern berücksichtigt, als in beiden Sprachen zu erhalten sein. Die Sektion diente einem ersten die Autorenschaft aus beiden Ländern stammt. Das Ergebnis ist eine Fazit. Neben der Analyse der deutsch-französischen Beziehungen fasst Pluralisierung der Perspektiven und die Konstitution eines binationa- die DFG nicht nur die gegenseitigen Verflechtungen beider Länder len Forschungsraums, der eine transnationale Geschichtsschreibung sowie den Transfer in den Blick, sondern auch die unterschiedlichen ermöglicht. Diese multidirektionalen Prozesse stoßen allerdings auch Entwicklungen, um Charakteristika der deutschen und französischen auf Grenzen. Erstens sind die Ansätze in den einzelnen Bänden sehr Geschichte im direkten Vergleich aufzuzeigen. Auf der einen Seite verschieden. Dem Projekt liegt ein „gemeinsamer Horizont“, aber kein geht es um einen „Nahvergleich“, wie Marc Bloch ihn gefordert hatte. einheitlicher Theorieansatz zugrunde. Zudem sprach Michael Werner Auf der anderen soll das Konzept einer Histoire croisée berücksichtigt von der „exception franco-allemande“: Allgemein wurden gute Erfah- werden. Rolf Große warf die Frage auf, in welchem Maße diese Ansät- rungen bei der deutsch-französischen Zusammenarbeit gemacht. Aber 331 332 Neue Ansätze für eine transnationale Geschichte. Das Beispiel der Amélie Sagasser Deutsch-Französischen Geschichte in 11 Bänden diese „Zweisamkeit“ wirft auch die Frage auf, ob binationale Themen reich ihre eigene Schule nach französischem Vorbild (zum Beispiel nicht überholt sind. Andererseits führt gerade diese Art von Studien Petrus von Wien oder Albertus Magnus). Diese Schulen erreichten zu multilateralen Kooperationen. Das Interesse anderer Länder, eine allerdings nie den Rang einer Universität. Die wichtigsten deutschen vergleichbare Geschichte zu schreiben, etwa eine deutsch-polnische, Bildungsstätten jener Zeit waren vor allem Erfurt, Köln und Wien, die spricht für das der DFG zugrundeliegende Konzept. aber jeweils unterschiedlich auf den französischen Nachbarn blickten. JEAN-MARIE MOEGLIN (Paris) stellte drei verschiedene Ansät- An dieser Stelle kommt, so Jean-Marie Moeglin, die Histoire croisée ze zur Erforschung der deutschen und französischen Geschichte im zum Tragen. Nicht selten klagten deutsche Gelehrte (etwa Gerhoch Mittelalter vor: die vergleichende Geschichte, die Beziehungsgeschich- von Reichersberg) über das Superioritätsgefühl und die Arroganz der te und die Histoire croisée. Für den französischen Mediävisten sind französischen Gelehrten. In Frankreich war es kaum vorstellbar, dass sie aber nur dann ertragreich, wenn man sie miteinander kombiniert. es in Deutschland zu irgendeinem kulturellen Aufschwung kommen Er erläuterte dies anhand von zwei prägenden Begriffen des Mittel- konnte. Gerade dieser regard croisé war für die Entwicklung der deut- alters: studium und regnum bzw. imperium. Zunächst analysierte schen Bildungs- und Kulturzentren entscheidend. Spätestens mit dem Jean-Marie Moeglin die Entwicklung des geistigen Lebens in beiden Schisma und der Kirchenspaltung 1378 verfolgten die in Frankreich Ländern und bemerkte, dass der Ausgangspunkt im Frühmittelalter wirkenden deutschen Gelehrten die Absicht, in Deutschland (Köln, links und rechts des Rheins derselbe war. Mit der sogenannten karolin- Heidelberg und Wien) Universitäten nach dem Pariser Vorbild zu gischen Renaissance seien Schulen an Bischofssitzen und in Klöstern gründen, ohne sich aber (anders als die Pariser Universität) zum avi- mit Skriptorien entstanden. Ende des 11. Jahrhunderts kam es zu ei- gnonesischen Papsttum zu bekennen. Um das Konzept des Imperiums nem Umbruch, der sich mit einer vergleichenden Geschichte und einer und zugleich die Entwicklung der unterschiedlichen politischen Struk- Beziehungsgeschichte erklären lässt. In Frankreich entstanden städti- turen in beiden Ländern zu analysieren, wählte Jean-Marie Moeglin sche Schulen, aus denen sich ab dem 13. Jahrhundert die Universitäten den komparatistischen Ansatz. Beide Länder gingen aus dem karolin- entwickelten. Die Klosterschulen verloren zur selben Zeit in beiden gischen Reich hervor, doch unterscheiden sie sich in ihrer „staatlichen Ländern an Bedeutung. Während es in Frankreich gerade durch diese und nationalen Konstruktion“. So entwickelte sich die Verfassung des neuen Schulen zu einem wirtschaftlichen, sozialen, demographischen Reichs sowohl auf einer Reichs- als auch einer Länderebene, wäh- und kulturellen Aufschwung kam, verbreiteten die Domschulen in rend in Frankreich den Regionen nur geringe Bedeutung zukommt. Deutschland weiter konservative Inhalte. Als Folge dieses Phänomens Links des Rheins arbeitete man intensiv an Mythen, der Sakralität, kamen schon im 12. Jahrhundert deutsche Gelehrte (zum Beispiel den Zeremonien und herrschaftlichen Symbolen, um fast propagan- Hugo von St. Viktor oder Otto von Freising) nach Frankreich, etwa distisch in der Position des Königs das Imperium zu verkörpern. Im nach Chartres, Laon, Paris oder Reims, um an den neuen Schulen zu Deutschen Reich war man stolz, seinen Ursprung im römischen Reich studieren. Durch diesen zwar sehr asymmetrischen Transfer von Ge- Caesars und Augustus‘ zu sehen. Dies war natürlich nicht mit tatsäch- lehrten (es gab weniger französische Gelehrte, die nach Deutschland licher Macht verbunden, sondern besaß eher eine „heilsgeschichtliche kamen als umgekehrt) wurden viele französische Werke (zum Beispiel Funktion“. Abschließend betrachtete Jean-Marie Moeglin die unter- die Schriften von Abälard) in Deutschland rezipiert, und nicht selten schiedlichen Prozesse bei der Entstehung beider Länder mittels der gründeten die deutschen Gelehrten nach ihrem Studium in Frank- Histoire croisée. 333 334 Neue Ansätze für eine transnationale Geschichte. Das Beispiel der Amélie Sagasser Deutsch-Französischen Geschichte in 11 Bänden GUIDO BRAUN (Bonn) wies eingangs darauf hin, dass der von Gebieten gab es einen regen wissenschaftlichen und technologischen ihm behandelte Zeitraum in der Forschung bis jetzt noch in keinem Austausch zwischen den beiden Nachbarländern, nur blieben sie bis Gesamtwerk untersucht wurde. Zwar verbindet man mit der Epoche heute weitgehend unerforscht. Der Grund dafür liegt darin, dass die die deutsch-französischen Grenzgänger Voltaire und Friedrich II. von Geschichtswissenschaft und die historische Erinnerungskultur sel- Preußen wie auch die intensiven politischen, wirtschaftlichen, kulturel- ten den Forschungsschwerpunkt auf die Gemeinsamkeiten beider len und sprachlichen Beziehungen jener Zeit. Diese Themen wurden Ländern setzten und die nationalen Geschichtsbilder sowie die Er- aber vor allem in Detailstudien behandelt, die den Blick auf eine poli- innerungskulturen streng getrennt blieben. Guido Braun sieht dies tische Geschichte richteten. Die neuen Konzepte des Kulturtransfers zumindest teilweise dadurch bedingt, dass die kulturellen Vermittler, und der Histoire croisée ermöglichen, so Guido Braun, neue Ansätze die zu dieser Verflechtung beitrugen, etwa die Hugenotten und das zur Erforschung dieser deutsch-französischen Geschichte. Gerade die Elsass, diese Funktion heute nicht mehr ausüben. politischen Beziehungen rücken hier mit einem kulturgeschichtlichen CORINNE DEFRANCE (Paris) betonte zunächst, dass zwar der Ansatz in den Mittelpunkt. Bei der Charakterisierung der Epoche ist Hass auf den Nachbarn nach der Kapitulation 1945 sehr groß war, es darauf hinzuweisen, dass es sich bei Deutschland zum einen um kein aber recht schnell zu einer Kooperation und gegenseitigen Aussöh- einheitliches Reich handelte und zum anderen ein Bündnissystem nung kam. Wie lässt sich dieser radikale Wandel – auch als „Wunder zwischen den fünf damaligen Großmächten (Frankreich, Österreich, der Zeit“ bezeichnet – erklären? Zum einen ist das Problem der Peri- Preußen, England und Russland) die Untersuchung einer binationa- odisierung anzusprechen. Die Trennung zwischen Kriegs- und Nach- len Geschichte erschwert. Deutschland und Frankreich waren im 17. kriegszeit ist nicht einfach, denn diese Übergangszeit, welche stark von und 18. Jahrhundert Bestandteil einer komplexen europäischen Ge- seinen vielfältigen Folgen geprägt war und die die französische Ge- schichte und somit auch eng mit den anderen Ländern verflochten. schichtsschreibung als „sortie de guerre“ bezeichnet, lässt sich kaum Guido Braun stellte die von ihm in seinem Band angewandten For- an einem Datum festmachen. So war zum Beispiel das Jahr 1963 weder schungskonzepte vor. Ausgangspunkt seiner Überlegungen war der für die Geschichte Frankreichs noch für die der Bundesrepublik oder von Louis Réau verwendete Begriff einer Europe française. In diesem der DDR, aber auch nicht für den Kalten Krieg ein Wendepunkt oder Zusammenhang betonte Guido Braun, dass es sich dabei nicht um eine Zäsur. Es handelt sich bei diesem Datum ausschließlich um eine die Transponierung des französischen Modells auf Europa handelt, „symbolische Wegmarke “, einen Erinnerungsort, der erst im Nachhin- sondern dass dieser Kultureinfluss gegenseitige Transfer- und Anpas- ein als ein Wendepunkt in den deutsch-französischen Beziehungen sungsvorgänge zum Inhalt hatte. Selbst wenn der Kulturtransfer in erscheint. Tatsächlich gab es deutsch-französische Kooperationen in erster Linie von Frankreich dominiert wurde, gab es auch Bereiche, manchen Bereichen bereits vor 1963. in denen Deutschland führend war. Eine differenzierte Auseinander- ULRICH PFEIL (Metz) erinnerte daran, dass die deutsch- setzung mit dieser Frage ist somit unabdingbar, und bei dem Begriff französischen Beziehungen Bestandteil eines „mehrdimensionalen einer Europe française handelt es sich, so Guido Braun, um einen Koordinatensystems“ waren. In einer DFG sind somit folgende Punk- Mythos. Diese These belegte er anhand von zwei Fallstudien: Zum te zu beachten: Deutschland stand durch seine Zweistaatlichkeit (im einen untersuchte er die Transferleistung im Bereich der Musik und Gegensatz zu Frankreich) im Zentrum des Kalten Kriegs. Aus diesem Sprache und zum anderen im Bereich der Technologie. Auf beiden Grund muss bei einer Analyse der deutsch-französischen Beziehungen 335 336 Amélie Sagasser auch die DDR als dritte Komponente berücksichtigt werden. Des Wei- Erinnerung. Frankreich und Deutschland im Zeitalter von Barock und teren wurde durch die Bedrohung des Kalten Kriegs, aus Angst vor Aufklärung dem plötzlichen Wiederaufstieg einer Macht, der Ruf nach einem ge- Corinne Defrance (Paris); Ulrich Pfeil (Metz): Die deutsch-französische einten Europa zunehmend lauter und beschleunigte den europäischen Aussöhnung. Eine Nachkriegsgeschichte in Europa Integrationsprozess. Die zunehmende deutsch-französische Koopera- tion ist demnach eher das Ergebnis einer Interessensverlagerung denn Rainer Babel (Paris): Schlusswort ein „Wunder unserer Zeit“. Ulrich Pfeil schloss seinen Vortrag mit der These, dass die deutsch-französische Annäherung nicht alleine das Tagungsbericht Neue Ansätze für eine transnationale Geschichte. Das Verdienst einiger Staatsmänner war. Bis in die 1950er-Jahre waren die Beispiel der Deutsch-Französischen Geschichte in 11 Bänden. 25.09.2012- alltäglichen Lebensweisen und gesellschaftlichen Strukturen zwischen 28.09.2012, In: H-Soz-u-Kult 27.11.2012. den beiden Ländern so unterschiedlich, dass ein gegenseitiges Verste- hen schwer fiel. Erst das Wirtschaftswachstum und der damit über die Grenzen hinweg verbundene Massenkonsum erleichterte Mitte des 20. Jahrhundert eine Vereinheitlichung der Gesellschaften und förderte Reaktionen auf die globalen Energiekrisen der 1970/80er Jahre die deutsch-französische Annäherung. Die einzelnen Vorträge zeigten, dass es keinen spezifischen An- Leitung: Frank Bösch (Potsdam) / Rüdiger Graf (Bochum) satz für das Schreiben einer transnationalen Geschichte gibt, sondern Bericht von: Sina Fabian, Zentrum für Zeithistorische Forschung Pots- jeweils abhängig von Epochen und Themen eine Entscheidung über dam die anzuwendende Methode zu treffen ist. Die Frage, ob im Zeitalter der Globalisierung eine binationale Geschichte überhaupt noch Sinn Für die erste globale Ölpreiskrise 1973/74 haben sich besonders die macht, darf mit einem klaren „ja“ beantwortet werden. Dafür spra- Schlüsselbilder der leeren Autobahnen im kollektiven Gedächtnis chen im Übrigen auch der vollbesetzte Hörsaal und das damit zum eingebrannt. Sie wird zudem in zeitgeschichtlichen Darstellungen Ausdruck gebrachte große Interesse an der DFG. immer wieder als tiefgreifende Zäsur beschrieben. Dennoch, so beton- te FRANK BÖSCH (Potsdam), in seinen einführenden Worten, habe Sektionsübersicht: sich die Geschichtswissenschaft bisher kaum mit ihr auseinanderge- Rolf Große (Paris): Einführung setzt. Ziel der Sektion war es deshalb, sich dieser historiographischen Leerstelle anhand der Reaktionen auf die Energiekrisen der 1970er- Michael Werner (Paris): Möglichkeiten und Grenzen einer Histoire Jahre anzunähern. Bösch stellte jedoch auch fest, dass Krisen nicht nur croisée für einen Niedergang stehen, sondern zugleich Reaktionen auslösen Jean-Marie Moeglin (Paris): Welcher Ansatz eignet sich zur Erfor- können, die Neuanfänge bedeuten, wie in den folgenden Beiträgen schung der deutsch-französischen Geschichte im Mittelalter: Bezie- aufgezeigt werden sollte. hungsgeschichte, Vergleich oder Histoire croisée? Den Anfang machte der Mitorganisator dieser Sektion, RÜDIGER GRAF (Bochum), der als besonderer Kenner dieser Materie bereits Guido Braun (Bonn): Von der verflochtenen Geschichte zur geteilten 337 338 Sina Fabian Reaktionen auf die globalen Energiekrisen der 1970/80er Jahre zahlreiche einschlägige Aufsätze veröffentlicht hat.1 In seinem Vortrag als auch multilaterale Kooperationen gesucht hätten. Deshalb passe „Souveränität in einer Welt des Öls. Globale Ressourcenkonflikte und das Handeln nicht in das Narrativ eines Souveränitätsverlustes im Zu- nationale Energiesicherheit in den 1970er Jahren“ beschäftigte er sich ge wachsender Globalisierung und Niedergangs der Nationalstaaten. mit den Reaktionen der Regierungen Westeuropas und den USA auf Vielmehr seien die Regierungen immer dort zu Einschränkungen ihrer die souveränitätspolitischen Herausforderungen im Zuge der Ölkri- Souveränität bereit gewesen, wo sie sich davon an anderer Stelle einen sen. Graf betonte, dass trotz der Abhängigkeit von diesem Rohstoff Zugewinn an Souveränität erhofft hätten. die Ölkrise nicht wie ein Schock über die Regierungen der westlichen Mit der zweiten Energiekrise der 1970er-Jahre beschäftigte sich Industriestaaten hereingebrochen sei. Vielmehr habe es schon seit Be- FRANK BÖSCH (Potsdam) in seinem Vortrag „Zwischen Harrisburg ginn der 1970er-Jahre in Regierungskreisen Überlegungen gegeben, und Iran: Globale Reaktionen auf die zweite Ölpreiskrise“. Zwar sei wie einem politisch motivierten Ölembargo entgegengewirkt werden diese Krise, ausgelöst durch die iranische Revolution und flankiert könne. Dennoch hätten die Maßnahmen der OPEC unter den west- von dem bis dato schwerwiegendsten Störfall eines Atomkraftwer- lichen Staaten große Verunsicherung hervorgerufen, da viele Fragen kes in Harrisburg (USA), ökonomisch schwerwiegender als die erste offen geblieben seien und verlässliche Informationen über die Lage gewesen und zeitgenössisch durchaus auch als einschneidend erlebt auf dem Energiemarkt gefehlt hätten. Nach Graf hätten sich den Staa- worden, doch in der Öffentlichkeit und Forschung sei sie im Rückblick ten verschiedene Möglichkeiten geboten, mit den Herausforderungen kaum beachtet worden. Bösch fragte in seinem Vortrag, welche Reak- umzugehen. Die britische und französische Regierung, die von den Lie- tionen die zweite Ölkrise in den Bereichen internationale Beziehungen, ferbeschränkungen offiziell nicht betroffen waren, hätten versucht, die Energieverbrauch sowie Förderung alternativer Energien ausgelöst Erdöllieferungen durch langfristige Verträge mit den Förderländern habe. Die Energiepolitik habe zum einen neue (ökonomische) Brücken zu sichern. Die USA hingegen habe auf eine Kooperation der Erdölim- zwischen Ost und West geschlagen und damit die allgemeine Di- porteure gesetzt, die während der Washingtoner Energiekonferenz im plomatie entscheidend mitgeprägt oder sie teilweise sogar überlagert. Februar 1974 verhandelt worden sei, um Druck auf die Förderländer Bösch verdeutlichte dies am Beispiel des sogenannten „Erdgas-Röhren- auszuüben. Zwar habe die USA mit der Gründung der Internationa- Geschäfts“, einem Abkommen zwischen der Bundesrepublik und der len Energieagentur (IEA) ihr Hauptziel erreicht, doch habe sie auch Sowjetunion, wonach erstere Röhren an die Sowjetunion lieferte und ein Stückweit Souveränität eingebüßt, da sie sich verpflichtet habe, im Gegenzug Erdgas erhielt. Trotz einer Verschärfung des Kalten Krie- ihre Erdölreserven in Krisenfällen einem Verteilungsmechanismus ges im Zuge des sowjetischen Einmarsches in Afghanistan Ende 1979, bereitzustellen. Obwohl die IEA hinter den Erwartungen zurückge- sei es nach der zweiten Ölkrise zu dem bisher größten Vertrag mit einer blieben sei, habe sie jedoch durchaus fortan einen Gegenpol zur OPEC Verdopplung der Gaslieferungen aus der Sowjetunion gekommen. dargestellt und neue „Informations- und Kommunikationsstruktu- Im zweiten Feld seines Vortrags widmete sich Bösch den Folgen ren für die Abstimmung nationaler Energiepolitiken“ etabliert. Graf für den Energieverbrauch. Zwar sei bereits nach der ersten Ölkrise die bilanzierte, dass die westlichen Regierungen relativ flexibel auf die Devise „Weg vom Öl“ aufgekommen, doch signifikante Einsparungen Herausforderungen durch die Ölkrise reagiert und sowohl bilaterale hätten sich erst im Zuge der zweiten ausmachen lassen. In den Ministe- 1 Vgl. beispielsweise: Rüdiger Graf, Ressourcenkonflikte als Wissenskonflikte. Ölre- rien seien weitreichende Sparmaßnahmen diskutiert worden und ins- serven und Petroknowledge in Wissenschaft und Politik, in: Geschichte in Wissenschaft besondere bei der Wärmedämmung um 1980 auch umgesetzt worden. und Unterricht 63 (2012), S. 582-600. 339 340 Sina Fabian Reaktionen auf die globalen Energiekrisen der 1970/80er Jahre Zudem habe die Regierung vor allem mit der Automobil- sowie Haus- Nach Vorgaben aus der Politik sollte, so Köhler, der Flottenverbrauch haltegeräteindustrie feste Ziele für energieeffiziente Geräte vereinbart. (der durchschnittliche Verbrauch aller Modelle eines Herstellers) bis Dieser kooperative Weg sei, so Bösch, die bevorzugte Strategie der 1980 um 40 Prozent auf 11 Liter gesenkt werden. Die Energievorgaben bundesdeutschen Regierung gewesen. Sie habe auf eine Verbesserung der Politik hätten sich jedoch mit den bereits bestehenden Umwelt- der Technik und Markttransparenz gesetzt, statt den Konsumenten vorgaben überschnitten, die ersten umweltfreundlichen Katalysatoren rigide Sparvorschriften zu machen. Für den Bereich der alternativen beispielsweise hätten deutlich mehr Benzin verbraucht. Aufgrund Energieressourcen machte Bösch unterschiedliche Entwicklungen aus. des Widerstands der Automobilindustrie sei der Durchschnittsver- Zwar hätten westdeutsche Politiker intern eine pessimistische Haltung brauch bis 1980 letztlich nur um 20 Prozent gesenkt worden. Auch gegenüber schnellen Erträgen aus der alternativen Energiegewinnung von Seiten der Verbraucher habe die Politik keine Unterstützung zur vertreten, dennoch seien die Forschungsetats besonders für technische Durchsetzung ihrer Vorgaben erfahren. Vielmehr habe die amerika- Großprojekte massiv ausgeweitet worden. Der Störfall in Harrisburg nische Bevölkerung auch nach der ersten Ölkrise mehrheitlich große war für die USA ein Wendepunkt in der Kernkraftpolitik und in an- Straßenkreuzer gekauft. deren Ländern habe er zumindest zu einer großen Verunsicherung Im zweiten Teil seines Vortrags wandte sich Köhler der Bundesre- und Überprüfung der eigenen Atomkraftwerke geführt. Zusammen- gierung zu. Diese habe einen Kurs der Technikkonsolidierung statt der fassend merkte Bösch an, dass die beiden Ölpreiskrisen zusammen -forcierung sowie eine „Strategie der kleinen Schritte“ verfolgt. Der betrachtet werden sollten, da sich im Zuge der zweiten Krise, Ent- Automobilindustrie seien weniger verbindliche Vorgaben gemacht wicklungen, die schon während der ersten angedacht worden waren, worden, stattdessen habe man auf ein Erziehungsprogramm der Kon- nun dynamisiert hätten und neue Entwicklungspfade eingeschlagen sumenten zum Benzinsparen gesetzt. Laut Köhler sei der Erziehungsef- worden seien. fekt durchaus sinnvoll gewesen, denn Anfang/Mitte der 1970er-Jahre INGO KÖHLER (Göttingen) befasste sich in seinem Vortrag „Zwi- sei das Automobil-Leitbild der bundesdeutschen Konsumenten noch schen Regulierung und Sensibilisierung. Die Debatten über den Ben- nicht so gefestigt gewesen, wie es in den USA der Fall gewesen sei. zinverbrauch in den USA und Westdeutschland nach dem ersten Öl- Dies sei vor allem auf den geringeren Motorisierungsgrad zurückzu- preisschock“ mit den Folgen für die Automobilindustrie. Er beschrieb führen. Köhler führte die hohe Akzeptanz von Klein- und Mittelklasse- zwei generelle Vorgehensweisen, mit denen Regierungen Benzinein- wagen, wie etwa der VW-Golf, auf ein verändertes Automobil-Leitbild sparungen forcieren konnten: Zum einen die Möglichkeit auf einen zurück, das Anreize für die Automobilwirtschaft geschaffen habe, die- Technikausbau der Automobilindustrie zu setzen und benzinsparende- ses Leitbild durch vermehrte Produktion von Kleinwagen zu bedienen. re Pkws produzieren zu lassen; diesen Weg habe die US-amerikanische Die Automobilhersteller hätten sich zudem als verantwortungsvolle Regierung eingeschlagen. Die zweite Möglichkeit bestehe darin, auf Unternehmen inszeniert, die Verbraucher ihrerseits zum Sparen auf- Kooperation und „Erziehung“ zum Sparen bei den Autofahrern zu gerufen sowie die Bereitschaft signalisiert, umweltfreundliche und setzen. Das amerikanische Modell der „technology forcing policy“ sei verantwortungsvolle Pkw-Modelle zu produzieren, um dem neuen zunächst für die Smokbekämpfung angewandt und im Zuge der Öl- Leitbild zu entsprechen. Zusammenfassend bilanzierte Köhler, dass preiskrise ausgeweitet worden. Die amerikanischen Automobilherstel- es in den USA kaum zu einer Veränderung des Leitbildes gekommen ler seien angehalten worden, energieeffizientere Pkws zu produzieren. sei und die Forcierung neuer Technologien an der Inkonsistenz sowie 341 342 Sina Fabian Reaktionen auf die globalen Energiekrisen der 1970/80er Jahre mangelnder Akzeptanz der Vorgaben gescheitert sei, während Benzin- wahrgenommen worden, sondern primär als „Vertrauensdefizit in die sparen in der Bundesrepublik als ein „Gemeinschaftsprojekt“ gesehen Reaktorsicherheit“. Deutsche Versicherungsexperten betonten zwar, worden sei. so Wehner, dass Kernkraftwerke in versicherungstechnischem Sinne Der letzte Vortrag der Sektion von CHRISTOPH WEHNER (Bo- sicher seien, da es noch nie zu einem atomaren Unfall gekommen sei, chum) „Kalkulierbares Risiko? Die Versicherung der Atomgefahr“ dass ein solcher aber niemals völlig ausgeschlossen werde könne. Ge- beschäftigte sich mit der zweiten umstrittenen Energieressource der rade der letzte Punkt habe den Atomkritikern als Anknüpfungspunkt 1970er-Jahre. Er ging der Frage nach, welche unterschiedlichen Vor- gedient. stellungen über die Sicherheit von Atomkraftwerken in den Debatten Bei den bundesdeutschen Versicherern habe sich in den 1970er- über deren Versicherbarkeit verhandelt wurden. Im Zuge der ersten Jahren keine Veränderung in der Haltung zur Atomkraft vollzogen. Ölkrise sei der Ausbau der Kernenergie zunächst forciert worden, was Noch nicht einmal der Störfall in Harrisburg 1979 habe etwas daran allerdings vermehrt Atomkraftskeptiker und -gegner auf den Plan geändert. Vielmehr hätte Harrisburg die Versicherer in ihren Kalku- gerufen habe. Dabei sei die „Kardinalsfrage“ gewesen, ob es sich bei lationen bestärkt, dass ein Störunfall zwar hohe Versicherungskosten der Kernenergie um ein kalkulierbares Risiko handele. Besondere Be- verursache, aber nicht zwingend zur Katastrophe führen müsse. Die deutung in der Entwicklung der Kernenergie in der Bundesrepublik Versicherer hätten zudem in einem kulturpessimistischen Sinne die schrieb Wehner dem Atomgesetz von 1960 zu, das den Staat dazu Gesellschaft selbst als „unkalkulierbares Risiko“ gesehen. Zusammen- verpflichtete, die Haftpflichtkosten zu übernehmen. Der Gesetzestext fassend argumentierte Wehner, dass die Debatte um die Begrenztheit sowie die Haftpflichtgrenze von 500 Millionen D-Mark hätten sich der Versicherungs- und Entschädigungsmöglichkeiten sich in die ge- am US-amerikanischen Atomhaftungsgesetz orientiert, bis hin zur nerellen Diskurse über Grenzen einbetten ließen, die infolge der ersten Übernahme der gleichen Schadenssumme. Mit dem Gesetz habe sich Energiekrise aufkamen. die Risikowahrnehmung der Versicherer verändert, sie galt nun als MARTINA HEßLER (Hamburg) schlug in ihrem Kommentar vor, „weitgehend kalkulierbares Technikrisiko“. In den 1970er-Jahren sei die Energiesparmaßnahmen der Konsumenten und Produzenten ge- die Frage nach der Angemessenheit der Entschädigung im Falle ei- meinsam zu betrachten und wies auf den Rebound Effekt hin, der das nes Atomunfalls ins Zentrum des Interesses gerückt. In den USA sei Phänomen beschreibe, dass trotz Einsparmaßnahmen der Energiever- die Forderung verschiedener Gruppen lautgeworden, die staatlichen brauch steige. Des Weiteren plädierte Heßler für eine globalgeschicht- Haftungsgarantien abzuschaffen und sie stattdessen durch eine unlimi- liche Perspektive der Energiekrisen und vermutete, dass sich dadurch tierte Versicherungshaftung der AKW-Betreiber zu ersetzen. Dahinter eine andere Interpretation der Ereignisse ergeben würde. habe die Hoffnung gestanden, dass dadurch eine Kostendynamik ver- In der anschließenden Diskussion wurde die Frage aufgeworfen, ursacht würde, die letztlich die Kernenergie unrentabel erscheinen lie- inwieweit die Folgen der Energiekrisen heute insbesondere in den ße. Während in der amerikanischen Bevölkerung besonders die Angst alltäglichen Praktiken zu spüren seien und ob es nicht sinnvoll sei, vorgeherrscht habe, im Falle eines Atomunfalls nicht angemessen ent- diese in einer Langzeitperspektive zu untersuchen, da Praktiken zwar schädigt zu werden, sei diese Sorge in der bundesdeutschen Debatte länger bräuchten, sich durchzusetzen, sie aber gleichzeitig ein besserer weniger ausschlaggebend gewesen. Die Frage der Versicherbarkeit sei Indikator für gesellschaftliche Einstellungsveränderungen seien als anders als in den USA nicht als ökonomisches Entschädigungsproblem zeitgenössische Diskurse. 343 344 Recht als umstrittene Ressource: Akteure, Praktiken und Wissensordnungen des Völkerrechts in der Zwischenkriegszeit Die Sektion zeigte eindrücklich, wie omnipräsent das Thema Ener- Bericht von: Julia Eichenberg, Institut für Geschichtswissenschaften, gie in den 1970er-Jahren war und bis heute geblieben ist. Die Angst Humboldt-Universität zu Berlin vor einer Energieknappheit beeinflusste sowohl das tägliche Leben der Bevölkerung, etwa beim Tanken, als auch die höchsten Belange der Rechtsgeschichte erleidet in ihrer Position zwischen den Stühlen der Politik. Deshalb ist es umso erstaunlicher, dass dieses Thema bisher historischen und juristischen Forschung zum Teil eine stiefmütterliche noch nahezu eine Leerstelle in der Zeitgeschichtsforschung bildet. Die- Behandlung. Während die Wirtschaftsgeschichte inzwischen nicht nur se Sektion leistete einen wichtigen Anstoß zur weiteren Beschäftigung von Seiten der Ökonomen, sondern auch an eigenen wirtschaftsge- mit dieser Thematik. schichtlichen Lehrstühlen der Geschichtsfakultäten gut vertreten ist und immer stärker auch von anderen methodologischen Ansätzen Sektionsübersicht: integriert wird (Kulturgeschichte, Militärgeschichte, Stadtgeschichte, Frank Bösch (Potsdam): Einführung um nur einige zu nennen), ist die Geschichte des Rechts, der Legislati- ve und der gesetzgebenden Prozesse weitaus isolierter. Die Lehrstühle Rüdiger Graf (Bochum): Souveränität in einer Welt des Öls. Globale der Rechtsgeschichte sind den Juristen vorbehalten, viele Historiker Ressourcenkonflikte und nationale Energiesicherheit in den 1970er haben eine Hemmschwelle, sich mit juristischen Themen jenseits der Jahren Parlamentsdebatten auseinanderzusetzen. Das von KATHRIN KOLL- Frank Bösch (Potsdam): Zwischen Harrisburg und Iran: Globale Reak- MEIER (Potsdam) und MARCUS PAYK (Berlin) organisierte Panel des tionen auf die zweite Ölpreiskrise 1979 Historikertags „Recht als umstrittene Ressource: Akteure, Praktiken und Wissensordnungen des Völkerrechts in der Zwischenkriegszeit Ingo Köhler (Göttingen): Zwischen Regulierung und Sensibilisierung. (1919-1939)“ setzte sich dem entgegen – mit großer Überzeugungskraft Die Debatten über den Benzinverbrauch in den USA und Westdeutsch- und Erfolg. land nach dem ersten Ölpreisschock Die Vortragenden der Sektion, die von JULIA ANGSTER (Kassel) Christoph Wehner (Bochum): Kalkulierbares Risiko? Die Versicherung eingeführt und moderiert wurde, befassten sich mit der Politisierung der Atomgefahr des Rechts im 20. Jahrhundert, die ihrer Ansicht nach wiederum auch den Bereich und die Begriffe des Politischen selbst veränderte. Alle Tagungsbericht Reaktionen auf die globalen Energiekrisen der 1970/80er drei Vortragenden der Kurzsektion befassten sich mit der Zwischen- Jahre. 25.09.2012-28.09.2012, In: H-Soz-u-Kult 18.10.2012. kriegszeit, die sie als Kristallisationspunkt für dieses Phänomen der wechselseitigen Beeinflussung ansahen, die Thesen sollen jedoch dar- über hinaus bedacht werden. Der Blick auf die Zwischenkriegszeit diente der Analyse einer Periode, in der die Auseinandersetzung zwi- Recht als umstrittene Ressource: Akteure, Praktiken und schen Internationalismus des Völkerbundes und den sich verschärfen- Wissensordnungen des Völkerrechts in der Zwischenkriegszeit den nationalen Spannungen die Basis für die weiteren Entwicklungen (1919-1939) im 20. Jahrhundert legte. Dafür zentral ist, dass zum einen das Entste- hen rechtsfreier Räume ermöglicht wurde, zum anderen aber mit einer Leitung: Kathrin Kollmeier (Potsdam) / Marcus M. Payk (Berlin) 345 346 Recht als umstrittene Ressource: Akteure, Praktiken und Julia Eichenberg Wissensordnungen des Völkerrechts in der Zwischenkriegszeit stetigen Verrechtlichung im Rahmen einer zunehmenden Internationa- am Völkerbund angelagerten Diskussionen von handlungsleitenden lisierung und Globalisierung einherging. Das Völkerrecht wurde, so und wertenden Richtlinien hin zu einer mehr deskriptiven Darstellung die These der Organisatoren des Panels Marcus Payk und Kathrin Koll- der vorherrschenden Rechtspraxis. Kollmeier sieht hier ein Beispiel meier, zu einer „mitunter einzigen oder entscheidenden – Ressource in des Konflikts zwischen einem neuen Streben hin zum internationa- politischen Auseinandersetzungen“. Die einzelnen Vorträge diskutie- len Recht und dem zugleich betonten und eingeforderten Recht der ren in diesem Zusammenhang den Bedeutungsverlust und -zugewinn Staaten auf eine autonome Regelung ihrer Staatsbürgerfragen. Zu- juristischer Normen in politischen, gesellschaftlichen und kulturellen gleich aber wurden Rolle und Rechte der betroffenen Individuen neu Bezügen, die Wechselwirkungen zwischen nationaler und internatio- verhandelt. Menschenrechte waren nicht länger nur vom Staat garan- naler Ebene und allgemeine Prozesse der Politisierung des Rechts und tierte Bürgerrechte, sondern konnten auch auf internationaler Ebene der Verrechtlichung der Politik ebenso wie die gegenläufigen Prozesse als Schutz vor einem Staat beansprucht werden. Die Rolle des Völker- von Entrechtlichung und Entpolitisierung. bunds blieb in diesen Diskussionen stark beschränkt. Erst nach dem KATHRIN KOLLMEIER (POTSDAM) zeigte diese wechselseitigen Zweiten Weltkrieg wurden die lebhaften juristischen Diskussionen Prozesse am Beispiel der Staatenlosigkeit auf, die als neuartiges inter- der 1920er-Jahre wieder aufgegriffen und finden eine ihnen gerecht nationales rechtliches Problem die internationale Staatengemeinschaft werdende Resonanz. und insbesondere den Völkerbund herausforderte. Sie wies darauf hin, MARCUS PAYK (BERLIN) wendete sich in seinem Vortrag dem dass dieser neuartigen Problemstellung in der Zwischenkriegszeit mit Versailler Vertrag zu. Payk diskutierte anhand ausgesuchter Quellen der Einrichtung neuer Institutionen und Handlungsweisen begegnet den Gegensatz zwischen dem erhofften „Rechtsfrieden“ (Paix de la wurde: Die Schaffung eines Hohen Kommissars für Flüchtlinge, sowie Droit, Peace of the Law) und der Enttäuschung der politischen Realität, lange Diskussionen auf den Internationalen Kodifikationskonferen- die folgen sollte. Es ging ihm darum, die juristische Seite der Pariser zen für Völkerrecht. Die Diskussion um Staatenlosigkeit sei zentral Vorortsverträge zu historisieren, ohne sich von der vielumstrittene- für die Entwicklung des internationalen Rechtes, da sie, so Kollmeier, nen Nachgeschichte blenden zu lassen. Einerseits werde, betont er, der von Juristen seinerzeit als dem modernen Rechtsempfinden entgegen- Versailler Vertrag trotz aller Defizite als wichtiger Schritt der internatio- laufend wahrgenommen wurde. Die Existenz von Staatenlosigkeit nalen Verrechtlichung angesehen, als früher Vorläufer einer heutigen hinterfragte Nationalität als Konzept ebenso wie die Fähigkeit und universalen Rechtsordnung, die sich mit kollektiver Sicherheit, in- die Pflicht der Staaten, ihren Angehörigen Schutz zu bieten. Der be- ternationaler Strafverfolgung und Haftungsansprüchen beschäftigt. kannte „Nansen-Paß“ erwies sich als eine nur unzureichende Lösung, Andererseits werde die Politisierung des Rechts immer mehr in den beschränkt auf eine kleine Gruppe der Staatenlosen und mit vielerlei Vordergrund gerückt und der Vertrag, ebenso wie sein Scheitern, vor Einschränkungen für ihre Besitzer verbunden. 1930 wurde erstmals allem als Resultat nationalstaatlicher Interessenpolitik, als politisches ein allgemeines Recht auf „eine – und nur eine – Staatsangehörigkeit“ Instrument der Sieger, gesehen. Payk möchte über die Historisierung formuliert. Das Ziel, Staatenlosigkeit als rechtlichen Status abzuschaf- der juristischen Aspekte und der Aushandlungsprozesse einen dritten fen, konnte jedoch nicht erreicht werden. Neben einem Versagen der Weg aufweisen und so Recht als diskursives Produkt in den Mittel- Regierungen sahen selbst Juristen den Fehler in ihren eigenen Reihen, punkt stellen. Dafür warf er drei Schlaglichter auf die Geschichte des in ihren zu zögerlichen Forderungen. Vielmehr entwickelten sich die Vertrags: auf Wilsons Haltung zum Völkerrecht auf der Friedenskonfe- 347 348 Recht als umstrittene Ressource: Akteure, Praktiken und Julia Eichenberg Wissensordnungen des Völkerrechts in der Zwischenkriegszeit renz 1919, auf die Weimarer Revisionspolitik in den1920erJahren und aus dem Ideal eines „Rechtsfriedens“ kein „Friede durch Recht“ hatte schließlich die Interpretation des NS-Regimes als Rechtfertigung für werden können. den Zweiten Weltkrieg. DANIEL MARC SEGESSER (BERN) diskutierte als dritter Vortra- In seinem ersten Beispiel wies Payk darauf hin, dass Wilson die gender die Frage von Recht als Ressource am Beispiel der wissenschaft- Idee eines „Friedens durch Recht“ ferner stand, als allgemein ange- lichen Debatte um einen internationalen Strafgerichtshof. Die von ihm nommen. Vielmehr sei seine Politik von tiefer Skepsis gegenüber den untersuchte Zwischenkriegszeit bildet dabei die unbekanntere, aber juristischen Diskussionen geprägt gewesen, was insbesondere zum maßgebliche Vorgeschichte der internationalen Strafgerichtshöfe nach Konflikt mit der stark völkerrechtlich orientierten Politik der französi- 1945 (Nürnberg, Tokio, Den Haag, etc.). Auch Segesser sieht einen schen Regierung führte. Dass die USA den Vertrag letztendlich nicht tiefen Einschnitt in der Rechtsgeschichte mit den Pariser Friedensver- ratifizierten stehe also keinesfalls im Widerspruch zu Wilsons Nach- trägen bzw. der Pariser Friedenskonferenz von 1919. Er erwähnt die kriegsplänen, sondern lasse sich angesichts einer Auswertung der juristischen Diskussionen um Kriegsverbrechen und deren Verfolgung. internen alliierten Diskussionen vielmehr als konsequente Fortsetzung Diese zogen fachwissenschaftliche Diskussionen über die Schaffung seiner Ansichten werten. eines internationalen Gerichtshofes nach sich. Eine eigens vom Völker- Die deutsche Revisionsstrategie, das zweite Beispiel, stellt laut bund berufene Kommission von Juristen empfahl dem Völkerbund Payk das komplementäre Gegenstück zu Wilsons Plänen dar. Hier schließlich gegen einigen nationalen Widerstand die Einrichtung ei- wurde das Völkerrecht ausführlich benutzt und instrumentalisiert, nes solchen Gerichtshofes. Maßgeblich für die Untersuchung dieser um die Pariser Friedensordnung anzugreifen. Juristische Argumente Kommunikations- und Aushandlungsprozesse war, so stellt Segesser verliehen dabei den Deckmantel „unpolitisch“ zu sein und wurden heraus, dass sich die politischen und juristischen Rahmenbedingungen als moralischer Druck eingesetzt. Payk erläutert dies am Beispiel des ständig veränderten. Während noch über die Schaffung eines Strafge- Verhältnisses des Auswärtigen Amtes zur akademischen Völkerrechts- richtshofes diskutiert wurde, wurden mit dem Genfer Protokoll von wissenschaft. 1924 und der Verurteilung von Krieg als internationalem Verbrechen Eine letztendliche Infragestellung und Zerstörung der Versailler bereits völlig neue Richtlinien gesetzt. Auch der generationsbedingte Ordnung jedoch erfolgte erst durch das NS-Regime. Dabei wurde, wie Wechsel der beteiligten Akteure der Debatte wirkte hemmend. Die Payk betont, die Überwindung und Aufhebung des Vertrags jedoch juristische Rahmensetzung des Entwurfs eines internationalen Strafge- rhetorisch lange als friedliche Revision dargestellt. Erst zu Ende der richtshofes , der 1928 dem Völkerbund vorgelegt wurde, blieb daher 1930er-Jahre werden rechtliche Bindungen vollends aufgekündigt. Ty- schließlich eher allgemein gehalten. pisch sei dabei die spezifisch juristische Verschleierung der politischen An den internationalen Debatten waren deutsche und amerika- Machtinteressen bei der gewaltsamen Revision des Vertrages. nische Juristen beteiligt, jedoch mit einer deutlichen Zurückhaltung. Mit diesen Schlaglichtern stellt Payk die wechselseitigen Beein- In Deutschland war internationales völkerrechtliches Engagement flussungen von Politik und Recht als Verrechtlichung der Politik und jenseits von Revisionsdiskussionen nicht gern gesehen, in den USA Politisierung des Rechts heraus, die mit Überkreuzungen und wech- stand die Ächtung von Kriegen allgemein im Vordergrund. Darüber selseitigen Abhängigkeiten einher gehen. Nur die Untersuchung der hinaus jedoch waren von Anfang an Juristen verschiedener Länder kommunikativen Aushandlungsprozesse könnten aufzeigen, warum involviert, so dass der juristische Fachdiskurs dadurch eng mit der 349 350 Recht als umstrittene Ressource: Akteure, Praktiken und Julia Eichenberg Wissensordnungen des Völkerrechts in der Zwischenkriegszeit politisch-justitiellen Entwicklung der Zwischenkriegszeit verwoben on und nach der Notwendigkeit des Begriffs „Ressource“. Während war. letzteres wohl der Rahmenfragestellung des Historikertags geschuldet Anfang der 1930er-Jahre verschwand das Thema des Strafgerichts- war, scheint die Frage nach der Periodisierung, bzw. der Zäsursetzung hofes beinah völlig von der Bildfläche. Dies änderte sich dramatisch zentraler: Alle drei Vorträge diskutierten die klassische Zwischen- durch die Ermordung des jugoslawischen Königs Alexander und des kriegszeit, lose Enden der Vor- oder Nachgeschichte wurden (wohl französischen Außenministers Barthou durch kroatische Faschisten auch aus Zeitgründen) kaum berücksichtigt. Zudem war auffällig, 1934 und der folgenden italienischen Weigerung, den Täter auszulie- dass sich alle drei Beiträge mit einer Geschichte der Rechtsgebung bzw. fern. Nun wurde die Schaffung eines internationalen Strafgerichtsho- der Rechtswissenschaft beschäftigten. Man darf sich fragen, ob und in fes zur Ahndung und Bekämpfung des internationalen Terrorismus wieweit nicht auch die Umsetzung des Rechts zur Rechtsgeschichte gefordert und eine neue juristische Kommission vom Völkerbundsrat zählen sollte: Judikative, Exekutive, die Geschichte der Gerichte, von berufen. Die erneut aufkommenden Hoffnungen auf eine völkerrecht- Polizeiinterventionen, oder auch eine Kulturgeschichte der Rechtsge- liche Regelung von Terrorismus und Agressionskriegen ließen sich schichte. Dies bleibt jedoch die einzige kritische Anmerkung zu einer jedoch vor dem Ausbruch des Zweiten Weltkrieges nicht mehr in die ansonsten rundum gelungenen und sehr anregenden Sektion. Es ist Tat und ins Gesetz umsetzen. zu wünschen, dass sich die Rechtsgeschichte langfristig ähnlich der Segesser betonte in seinem Vortrag, dass die internationale Debatte Wirtschaftsgeschichte zu einer zentralen interdisziplinären Fachrich- vor allem von Autoren aus Großbritannien, Frankreich, Belgien und tung entwickelt, die die Arbeitsweisen beider Disziplinen und ihre einiger Staaten Osteuropas geprägt wurde, wobei die Briten sich nach Wissenschaftler vereint. einem generationellen Wechsel in den 1930er-Jahren zunehmend zu- Sektionsübersicht: rückzogen. Von deutscher Seite aus wurde die Debatte mitunter als französische Kulturmission verhöhnt. Dennoch ist die internationale Julia Angster (Mannheim): Einführung und Moderation Zusammenarbeit maßgeblich, legt wichtige Grundlagen für nach 1945 Daniel Marc Segesser (Bern): Kampf der Tatbestände. Die wissenschaft- und ist damit noch heute von großem Interesse. liche Debatte zum Zuständigkeitsbereich eines neu zu schaffenden Als einziger Redner distanzierte sich Segesser von der These der internationalen Strafgerichtshofes 1919-1937. Verrechtlichung der Politik und der Politisierung des Rechts. Er wies darauf, dass in der Debatte um die Schaffung eines internationalen Kathrin Kollmeier (Potsdam): Eine „Anomalie des Rechts“ als Politi- Strafgerichtshofes sich die Rechtswissenschaft von Anfang an in ei- kum. Die internationale Verhandlung von Staatenlosigkeit (1919-1930). nem politischen Rahmen bewegt. Gleichzeitig räumte auch Segesser Markus Payk (Berlin): Der „Rechtsfriede“: Völkerrecht, Politik und wechselseitige Beeinflussungen zwischen Recht und Politik ein. Legitimität im Streit um den Versailler Vertrag bis zum Zweiten Welt- Da der kommentierende Sprecher kurzfristig ausfiel, leitete Julia krieg. Angster zur Diskussion über, während der insbesondere die Frage nach Gemeinsamkeiten und Unterschieden der je den juristischen Kommentar von Julia Angster und Diskussion oder historischen Fakultäten zugehörigen Rechtsgeschichte ebenso aufgegriffen wurde wie die Frage nach der Periodisierung der Sekti- Tagungsbericht Recht als umstrittene Ressource: Akteure, Praktiken und 351 352 Regesta Imperii: Traditionelles Wissen und neue Herausforderungen Wissensordnungen des Völkerrechts in der Zwischenkriegszeit (1919-1939). perii als zentral angesehen werden, um auch die Herausforderungen 25.09.2012-28.09.2012, In: H-Soz-u-Kult 23.01.2013. der Zukunft zu meistern. Erstens sei dies die Digitalisierung, ein Feld, auf dem die Regesta Imperii unter den Traditionsunternehmen eine Vorreiterrolle innehaben. Erklären könne man dies möglicherweise mit der relativen Gleichförmigkeit von Regesten, wodurch die digitale Regesta Imperii: Traditionelles Wissen und neue Darstellung im Datenbankformat begünstigt wurde. Der Vortragen- Herausforderungen de nannte die Regestendatenbank (RI-Online) und den RI-Opac als Flaggschiffe des Internetauftritts der Regesta Imperii.1 Ein zweiter Leitung: Johannes Fried (Frankfurt am Main) / Klaus Herbers (Erlan- Zukunftsaspekt sei die Europäisierung, die von einigen Teilprojek- gen) / Paul-Joachim Heinig (Mainz) ten der Regesta Imperii seit längerem umgesetzt werde. Als Beispiele Bericht von: Veronika Unger, Regesta Imperii, Erlangen wurden die Papstregesten und die Regesten der Karolingerzeit ge- nannt, da dort die Böhmer’sche Begrenzung auf das Reich (daher Beim Historikertag 2012 an ihrem „Heimatort“ waren die Regesta Regesta „Imperii“) durch europaweite Kommunikationspartner und Imperii, eines der ältesten Grundlagenforschungsprojekte zur mittel- Herrschaftsgebiete außerhalb des Kernreiches aufgehoben sei. Drit- alterlichen Geschichte, mit einer eigenen Sektion vertreten. Vor einer tens gehe es den Regesta Imperii um eine allgemeine Öffnung der ansehnlichen Zuhörerschaft machte KLAUS HERBERS (Erlangen), der Perspektive, die sowohl inhaltlich gesehen wird (etwa durch das Ein- stellvertretende Vorsitzende der Deutschen Kommission für die Bear- gehen auf Fragestellungen der vergleichenden Kulturgeschichte oder beitung der Regesta Imperii e.V., deutlich, dass die Regesta Imperii anderer historischer Teildisziplinen), als auch arbeitstechnisch und auch für die Zukunft gut aufgestellt sind. Er verwies dabei unter an- methodisch. Denn die Regesten der Zukunft sollen in gemeinsamen derem auf den mit Evaluation und Verlängerungsantrag in diesem Datenbanken erarbeitet werden, so dass jeder stets auf die Fortschritte Jahr verbundenen Prozess einer gewissen Neuausrichtung des an der eines anderen zurückgreifen könne und Synergieeffekte bei komple- Mainzer Akademie der Wissenschaften beheimateten Projekts. Die- xen Ereignissen – der Vortragende nannte Canossa als Beispiel – zu ses hat eine lange Tradition aufzuweisen, wurde es doch bereits 1829 erwarten sind. Zudem wurde die alte Gliederung nach Dynastien (Ka- von Johann Friedrich Böhmer ins Leben gerufen. Ziel Böhmers war rolingerregesten, Regesten der Ottonen, Salierregesten usw.) kürzlich es, die verloren geglaubten Reichsregister zu rekonstruieren. Zwar durch eine Neuordnung in drei Module – Frühmittelalter, Hochmit- halten auch die modernen Regesta Imperii an einigen grundlegenden telalter, Spätmittelalter – flexibilisiert. Dass dadurch auch eine höhere Prinzipien Böhmers fest, doch bieten die Regestenbände – mehr als 80 Arbeitseffektivität erreicht werden könne, zeige sich an einem Italien- wurden in den Jahrzehnten seit Gründung der Deutschen Regesten- projekt innerhalb des Spätmittelaltermoduls, in dem eine gemeinsame Kommission publiziert – heute weit mehr als Zusammenfassungen Aufarbeitung der italienischen Archive und Bibliotheken für alle spät- oder Rekonstruktionen von Urkunden. Als Forschungsinstrument die- mittelalterlichen Herrscher mit verstärkten Kooperationen vor Ort nen sie der Aufarbeitung sämtlicher mit einem Herrscher oder Papst verbunden werden sollen. verbundenen Quellen, stellen ein gesichertes chronologisches Gerüst 1 RI-Opac: <http://opac.regesta-imperii.de/lang_de/> und RI-Online: zur Verfügung und bündeln zudem wichtige Forschungsliteratur. Auf <http://regesten.regesta-imperii.de/>. drei Schwerpunkte verwies Klaus Herbers, welche für die Regesta Im- 353 354 Veronika Unger Regesta Imperii: Traditionelles Wissen und neue Herausforderungen Entsprechend der neuen Projektgliederung folgten auf die Einlei- Herrscher, für die es zudem ausreichend Vorarbeiten gebe, um das Pro- tung drei Vorträge von Mitarbeitern der Regesta Imperii, die jeweils jekt realistisch und zeitnah bewältigen zu können. Die Regestenarbeit für eines der drei Module sprachen. könne hier als Movens für die bisher nur unzureichend geschehene Für das Frühmittelaltermodul fokussierte JOHANNES BERNWIE- Aufarbeitung der Austauschprozesse zwischen Karolingerreich und SER (Marburg) die bereits in der Einführung angesprochene europäi- Angelsachsen dienen. Dass Regestenarbeit in Kooperation mit euro- sche Perspektive der Regesten der Karolingerzeit. Er verwies zunächst päischen Universitäten und Wissenschaftlern und auf der Basis von auf den guten Ruf der Regesta Imperii, der sich unter anderem in eingeworbenen Drittmitteln funktionieren kann, belegte Bernwieser an zahlreichen Rezensionen aus den letzten Jahren spiegele, nannte dann der von ihm selbst und Irmgard Fees (München) angestoßenen Koope- aber die Kritik, die den Regesta Imperii beinahe ebenso oft entgegenge- ration mit der Universität Limoges für die Erarbeitung der Regesten bracht werde: Sie arbeiteten zu herrscherzentriert, positivistisch, seien des karolingischen Teilreichs Aquitanien. ein Kind des 19. Jahrhunderts und passten so gar nicht zur moder- Die Diskussion der beiden Beiträge brachte vor allem viele Anre- nen Mediävistik. Bernwieser machte es sich nun zur Aufgabe, diese gungen und Wünsche; die Aspekte Digitalisierung und Europäisie- Vorwürfe für die Karolingerzeit zu entkräften. Regesten seien keine rung stießen beim Publikum auf große Resonanz. So wurden Verknüp- Geschichtsdarstellungen im eigentlichen Sinne, sondern Ressourcen fungen mit anderen (Regesten-)Datenbanken angeregt, Kooperationen für die Arbeit des Historikers. Sie böten Quelleninterpretation, Aufar- zur Erarbeitung der Regesten der byzantischen Kaiser oder der unga- beitung von Forschungsliteratur sowie Forschungskontroversen und rischen Könige gefordert. könnten flexibel auf die Erfordernisse der Geschichtswissenschaft rea- Als Repräsentant des Hochmittelaltermoduls der Regesta Imperii gieren. Den Vorwurf der Herrscherzentriertheit konnte Bernwieser fragte anschließend DIRK JÄCKEL (Bochum) in seinem Vortrag nach mit Verweis auf die im Druck befindlichen Regesten Herbert Zielins- der Reichweite des „Imperium“ sowie nach dem Vorhandensein einer kis zum Burgunderreich relativieren. Zumal zweit- und drittrangige Imperium-Idee, also eines imperialen Anspruchs, in der Salierzeit. Die Personen als Kommunikationspartner der Herrscher durchaus in den Urkunden, insbesondere die Arengen, seien, so Jäckel, zur Untersu- Regesten vorkommen. Die Regesten der Karolingerzeit zeichneten chung eines möglichen Weltherrschaftsanspruchs der Salier bisher sich aber insbesondere dadurch aus, dass sie nicht nationalhistorisch wenig herangezogen worden. Er habe im Laufe seiner Arbeit nur ei- orientiert seien. Entsprechend der Ausdehnung des Karolingerreichs ne einzige Urkunde finden können, in der ein Imperium-Gedanke sind bereits Bände des westfränkischen Königs Karls des Kahlen, der aufscheine. Die in Mantua aufgesetzte Urkunde Heinrichs IV. für Pa- Könige und Kaiser des italischen Regnum sowie der Päpste des 9. dua sei allerdings von einem juristisch geschulten Notar geschrieben, Jahrhunderts erschienen. Bernwieser forderte angesichts der kommu- so dass wir es hier also lediglich mit einer Rezeption des römischen nikativen Kontakte und personalen Verbindungen der karolingerzeitli- Rechts zu tun hätten. Jäckel konnte auch weitere Beispiele von Urkun- chen Herrscher und Päpste nun dazu auf, noch einen Schritt weiter zu den Heinrichs IV. relativieren, in deren Arengen Heinrichs IV. einen gehen. Die Regesta Imperii sollten es aus eigenen Ressourcen und vor imperialen Anspruch sehen könnte. Den Verweis auf die allumfas- allem mittels Kooperationen mit Wissenschaftlern vor Ort angehen, sende Herrschaft des Endkaisers in einem Brief Heinrichs IV. führte auch die Nachbarreiche des Karolingerreichs in ihr Projekt miteinzu- Jäckel, den Forschungen von Hannes Möhring folgend, auf byzanti- beziehen. Der Referent verwies beispielhaft auf die angelsächsischen nischen Einfluss zurück. Einen salierzeitlichen Imperialismus könne 355 356 Veronika Unger Regesta Imperii: Traditionelles Wissen und neue Herausforderungen man, schloss Jäckel, zumindest anhand der Urkunden nicht feststellen, te Ludwig den Orden als zum Reich gehörig, also der kaiserlichen – diese ideelle Ressource scheint wenigstens dort ungenutzt geblieben nicht der päpstlichen – Oberhoheit untertan, und nicht zuletzt durch zu sein. diesen Akt wurde der Einfluss des Kaisers auf den Nordosten des In ihrem Vortrag aus dem Spätmittelaltermodul der Regesta Impe- Reiches gesichert. Abschließend stellte Bulach das kritische Votum rii zeigte DORIS BULACH (München) am Beispiel der Überlieferung Peter Moraws in Frage, Ludwig der Bayer habe letztmalig im politi- im Nordosten des Reichs, inwiefern die Regesta Imperii stark mitge- schen Stil hochmittelalterlicher Kaiser agiert, weil der Wittelsbacher wirkt haben an einer Neubeurteilung der Herrschaftszeit Ludwigs keineswegs überwiegend reaktiv tätig geworden und seine dynasti- des Bayern. Bulach verwies zuerst auf die Arbeitsweise der Regesta sche Politik wenn nicht vordergründig „modern“, so doch alles in Imperii für Ludwig den Bayern und die nachfolgenden Herrscher: allem erfolgreich gewesen sei. Diese Regesten werden aufgrund der Materialfülle aufgearbeitet nach Diese Widerlegung wurde in der anschließenden Aussprache be- den Archivlandschaften (gegliedert nach heutigen Bundesländern und zweifelt, ansonsten hob die rege Diskussion der beiden Beiträge vor Regierungsbezirken) und erscheinen in sogenannten Provenienzhef- allem auf unterschiedliche Aspekte der Erforschung von Urkunden ten. So werden die Ergebnisse der Archivarbeit der wissenschaftlichen ab. Es wurde gefragt, ob Urkunden und vor allem deren Arengen Gemeinschaft schnell zugänglich gemacht, eine chronologische Zusam- tatsächlich die richtigen Quellen sind, um nach einem Weltherrschafts- menstellung, wie man sie bei Regesten gewohnt ist, erfolgt in einem anspruch zu suchen. Verwiesen werden konnte auf die Möglichkeit der zweiten Schritt. Die Annahme der bisherigen Forschung, Ludwig der Einbindung von Urkundenabbildungen in die neueren Regestenda- Bayer habe sich für den Nordosten des Reiches wenig interessiert, tenbanken, welche neue Forschungsmöglichkeiten bereitstellten. Eine schließlich sei er persönlich nicht über Thüringen hinausgekommen, herrscherliche Erschließung von Regionen unterhalb der Ebene der kann Doris Bulach aufgrund ihrer Arbeit in den Archiven der ostdeut- Fürsten sei, was Ludwig den Bayern betrifft, anhand von Urkunden schen Bundesländer bereits jetzt relativieren. Vielmehr attestiert sie nur schwer nachzuweisen, so die Referentin Bulach auf Nachfrage, da Ludwig eine gute Kennerschaft der politischen Situation im Nordos- es etwa keine Urkunden für Klöster oder Städte gebe. ten des Reiches. Dynastische Verbindungen der Wittelsbacher kann Die Sektion machte insgesamt deutlich, dass das Fortbestehen und sie zu nahezu zu allen bedeutenden Geschlechtern dieses Raumes Fortschreiten der zumal konzeptionell weiterentwickelten „Regesta nachweisen, ja sogar eine planvolle Heiratspolitik des Kaisers. Die Imperii“ auf das rege Interesse der Forschung stoße. Vor allem die seit Archive bewahren Zeugnisse zahlreicher Bündnisse und Privilegierun- gut einem Jahrzehnt betriebene Digitalisierung im open access-Modus gen des Kaisers, sei es in Bezug auf Schlesien, Sachsen, Pommern oder sowie die forcierte Europäisierung wurden auch in dieser Sektion Polen. Dabei habe Ludwig stets das Interesse des Reiches vor Augen außerordentlich positiv konnotiert. Die in der Diskussion teils skep- gestanden, nicht nur seine Hausmacht, welcher er im Einzelfall sogar tisch beurteilte Idee einer Ausweitung der Regesta Imperii über das geschadet habe. Vor allem im Umgang mit dem Deutschen Orden habe „Imperium“ hinaus erschien manchen Teilnehmern geradezu wün- Ludwig der Bayer großes politisches Geschick bewiesen. Kurz schien schenswert unter der Voraussetzung entsprechender Kooperationen hier auch einmal das Feld durch, das sonst immer im Zentrum einer mit in- und ausländischen Partnern, welche schließlich ebenso wie Betrachtung Ludwigs des Bayern steht: sein Verhältnis zum Papsttum. die entsprechenden Arbeitsfelder – etwa Regesten der byzantinischen Durch die Belehnung des Deutschen Ordens mit Litauen reklamier- Kaiser – exemplarisch benannt wurden. 357 358 Regulating Families and Resources in American Contemporary History Sektionsübersicht: ihren massiven Konflikten um begrenzte kulturelle und gesellschaftli- che Ressourcen, wie Erziehung, Bildung, Arbeit, oder Bürgerrechte, Klaus Herbers (Erlangen): Einführung. Historische Wissensressourcen standen. in Vergangenheit und Zukunft Zwei Annahmen bildeten, so JÜRGEN MARTSCHUKAT (Erfurt) Johannes Bernwieser (Marburg): Die Karolinger und Europa. Überle- in seinen Einführungsworten, den gedanklichen Ausgangspunkt der gungen zur Erforschung von Personennetzwerken und Kommunikati- Sektion: Erstens komme der Familie bei der Verteilung, Regulierung onsstrukturen sowie zur europaweiten Erschließung von Quellen im und dem Zugriff auf Ressourcen ein besondere Bedeutung zu. Aller- Rahmen der Regesta Imperii dings seien kulturelle und gesellschaftliche Ressourcen begrenzt und Zugangsqualifikationen hingen im Wesentlichen von Kategorien wie Dirk Jäckel (Bochum): Wie weit reicht das Imperium? Überlegungen zu race, class und gender ab. Zweitens habe eine Gesellschaft eine ideale päpstlichen und kaiserlichen Ordnungsvorstellungen in der Salierzeit Vorstellung von Familie als stabilisierendem Fundament der Nation. Doris Bulach (München): Kaiser Ludwig der Bayer und der Osten Den diskursiven Referenzpunkt der Vorträge bildete die von Talcott des Reiches. Methodik und Strukturen der Erschließung regionaler Parsons 1955 beschriebene „modern isolated nuclear family“1 . Die- Herrscherüberlieferung se amerikanische ‚Idealfamilie‘, bestehend aus „breadwinner father“ und „full-time homemaker mother“ mit ihren „dependent children“, Tagungsbericht Regesta Imperii: Traditionelles Wissen und neue Herausfor- angesiedelt in der weißen Mittelschicht, ist gekennzeichnet durch He- derungen. 25.09.2012-28.09.2012, In: H-Soz-u-Kult 25.10.2012. teronormativität, Monogamie und die Ehe als Voraussetzung für eine Elternschaft. Mentale Eigenschaften als Ressourcen bildeten den Grundgedan- ken von NINA MACKERTs (Erfurt) Vortrag. So stellten in den 1950er- Regulating Families and Resources in American Contemporary und 1960er-Jahren Eigenschaften wie Liebe und Reife den Ausgangs- History punkt für eine „gute“ Ehe und eine „gesunde“ Familie dar. Ehe und Familie waren Teil und zentrale Legitimation des eigenen staatsbürger- Leitung: Jürgen Martschukat (Erfurt) lichen Selbstverständnisses. Um aufzuzeigen, wie Jugendliche diese Bericht von: Jana Hoffmann, Westfälische Wilhelms-Universität Müns- Eigenschaften erwerben konnten, analysierte Mackert Debatten über ter Dating-Praktiken, die im Untersuchungszeitraum als „kind of citizen- ship training“ angesehen wurden. Für die Analyse wählte Mackert Welche Bedeutung kommt Familien im Zusammenhang mit Ressour- Debatten in Zeitschriften aus, wobei sie Zeitschriften mit vornehmlich cen zu? Können Familien den Zugriff auf Ressourcen regeln? Welche „weißer“ Leserschaft (Life) Zeitschriften für ein „schwarzes“ Publikum Bedeutung haben Werte und Idealvorstellungen in diesem Kontext? gegenüberstellte (Ebony). Mackert stellte heraus, dass „weiße“ Zeit- Diese Fragen stellte sich die Sektion „Regulating Families and Re- schriften den Ratschlag erteilten, dass Frauen möglichst viele Männer sources in American Contemporary History“, in deren Fokus nordame- 1 Talcott Parsons, „The American Family: Its Relations to Personality and to the Social rikanische Familien, sowie die zweite Hälfte des 20. Jahrhundert mit Structure“, in Family, Socialization and Interaction Process, edited by Talcott Parsons/ Robert F. Bales, New York 1955, S. 3-33. 359 360 Regulating Families and Resources in American Contemporary Jana Hoffmann History treffen sollten, um anschließend eine freie Entscheidung im Bezug zung von Geschlechternormen und der Verhinderung des Zugangs auf den Ehepartner treffen zu können. Gleichzeitig legten „weiße“ zu kulturellen Ressourcen eine bedeutende Rolle. In den Beispielen, Zeitschriften in ihren Artikeln aber auch normierte gesellschaftliche die Heinemann anschließend präsentierte, zeigte sie erhebliche Un- Ideale in Bezug auf Ehe, Sexualität und Geschlechterrollen fest: 1) He- terschiede in Bezug auf „race“ und „class“ bei der Bewertung und terosexualität führe zu einer gesunden Ehe, 2) vorehelicher Sex gelte Wahrnehmung beruflicher und reproduktiver Entscheidungen durch als unreif, zumal „real love“ als Kennzeichen der monogamen Ehe die die Sozialexperten und durch die betroffenen Frauen selbst. Während Voraussetzung für eine befriedigende gesunde Sexualität sei und 3) bei dem Thema Frauenarbeit Sozialexperten eine ambivalente Mei- die Vermeidung vorehelicher Sexualität liege in der Verantwortung nung hatten, ob diese für die Familie zuträglich oder schädlich sei, der Frau. Ebony dagegen warnte in ihren Artikeln ihre „schwarze“ bewerteten Frauen der weißen Mittelschicht ihre Partizipation am Leserschaft, so Mackert, vor „Love Clubs“ und „oversexed girls“, wel- Arbeitsmarkt positiv, versprach Berufstätigkeit doch Gleichberechti- che die Konsequenzen dysfunktionaler Familien seien. Die Ursachen gung, Entscheidungsfreiheit und Selbstwertsteigerung. Schwarze und für dysfunktionale Familien waren, so die Zeitgenossen, unter ande- Arbeiterfrauen hingegen, für die ein Job zum alltäglichen Lebenserhalt rem Armut sowie Unreife und damit die Unfähigkeit zu lieben und nötig war, wünschten sich mehr Zeit mit ihren Kindern. der Sorgfaltspflicht nachzukommen. Somit wurde erstens „schwar- In Reproduktionsdebatten konnte Heinemann weitaus komplexe- zen“ Jungendlichen aus zerbrochenen Familien die mentale Reife zu re und dramatischere Bewertungs- und Wahrnehmungsunterschiede lieben abgesprochen. Zweitens wurde ein Bild von hypersexuellen hervorheben. Während weiße Frauen in der Zulässigkeit von Abtrei- „schwarzen“, jungen Frauen gezeichnet. Die Zeitschrift Ebony plädier- bung (Roe vs. Wade 1973) ihr Selbstbestimmungsrecht (reproductive te nicht nur für gesunde und funktionierende „schwarze“ Familien, choice) verwirklicht sahen, waren Sozialexperten um das gesellschaft- damit diese Jugendlichen an gesellschaftlichen Ressourcen teilhaben liche Wohl besorgt, weswegen Ende der 1960er-Jahre das sogenannte konnten. Vielmehr führte die „racialization“ dieses Narrativs zur Stig- „population control movement“ einsetzte. Diese Bewegung – prinzipi- matisierung „schwarzer“ Familien und zur Stärkung und Normierung ell gerichtet auf Entwicklungsländer – fand jedoch auch in den USA „weißer“ Familienstrukturen. Mackert fasste zusammen, dass nicht und der Abtreibungsdebatte dort Resonanz und zwang u.a. Frauen nur „Weiße“ Normen festsetzten, und damit entschieden, wer oder aus sozial schwachen Schichten, häufig Schwarze, zur Sterilisation, wer nicht der Norm entsprach, als legitimer Staatsbürger galt und wenn diese weiterhin Sozialhilfe in Anspruch nehmen wollten. Diesen damit Zugang zu kulturellen Ressourcen hatte, sondern dass auch Frauen wurde demnach ein Recht auf „reproductive choice“ und da- „schwarze“ Medien an der Verbreitung dieser Normen beteiligt waren. mit auch das Recht auf Kinder aberkannt. Am Beispiel der Kürzung ISABEL HEINEMANN (Münster) zeigte anhand öffentlicher De- staatlicher Sozialhilfe für alleinerziehende Mütter ab Mitte der 1970er- batten um Mutterschaft, Arbeitsmarktpartizipation von Frauen und Jahre machte Heinemann deutlich, welche Wichtigkeit Familien für die Reproduktion in den 1960er- und 1970er-Jahren, dass Familienwer- amerikanische Gesellschaft hatten, da man hoffte, die Reform führe te und Geschlechternormen am besten auf die Lebensbedingungen zu einer Stabilisierung von ‚richtigen‘ Familien mit zwei Elternteilen. der „white middle class Americans“ abgestimmt waren. Hierdurch Heinemann hielt in ihrem Fazit fest, dass in Expertendiskursen zwar wurden die Lebensbedingungen und Traditionen anderer gesellschaft- liberale Geschlechternormen Akzeptanz gewannen, dennoch am tra- licher Gruppen vernachlässigt. Sozialexperten spielten bei der Festset- ditionellen Bild der „white middle class nuclear family“ sowie der 361 362 Regulating Families and Resources in American Contemporary Jana Hoffmann History Mutterrolle als die natürliche Funktion der Frau festgehalten wurde. Familienstrukturen und traditionelle Geschlechternormen eine Mög- So wurden trotz der Bürgerrechtsbewegung die „race and class biases“ lichkeit auf, Ansprüche auf bestimmte Ressourcen geltend zu machen, verstärkt. den eigenen Status innerhalb der amerikanischen Gesellschaft zu legiti- JÜRGEN MARTSCHUKAT (Erfurt) analysierte anhand eines Bei- mieren und damit „Normalität“ zu leben. Dennoch stellt sich die Frage, spiels von „Queer Parenting“ – eines lesbischen und eines schwulen inwieweit die zwei in San Francisco interviewten Paare repräsentativ Paares, die sich gemeinsam die Verantwortung der Kindererziehung für die gesamte Homosexuellenbewegung sind. teilen – den Bedeutungswandel von Familienleben im homosexuel- SHARON ULLMAN (Bryn Mawr) eröffnete ihren Kommentar mit len Umfeld zwischen 1980 bis 2010. Dabei stellte er die Frage nach weiteren Ansatzpunkten und Gedankenanstößen im Hinblick auf die den gelebten Familienwerten und Geschlechterrollen der „Queer Pa- Familienforschung. So hob sie die Familie in ihrer Bedeutung als Teil rents“. Hier wies Martschukat darauf hin, dass die Entscheidung für der „amerikanischen Identität“ hervor. Dennoch merkte Ullman auch eine Familie einerseits zu Auseinandersetzungen innerhalb der ho- kritisch an, dass der Fokus für die Konstituierung des Familienideals mosexuellen Bewegung führte, andererseits jedoch die Teilhabe an nicht nur auf dem Kalten Krieg liegen dürfe, sondern dass auch Ab- der Gesellschaft, sowie den Zugang zu gesellschaftlichen Ressour- grenzungsprozesse beispielsweise zu ethnischen Gruppen, wie den cen zur Konsequenz hatte. Insofern sei die Bedeutung von Ehe und African-Americans, in den Blick genommen werden müssten. Im Hin- Familie seit den frühen 1990er-Jahren für Homosexuelle gestiegen, blick auf Debatten um Sexualität verwies sie auf den Kinsey Report da sie u.a. nicht mehr als Inbegriff von Heteronormativität gedeu- (Bd.1: Sexual Behavior in the Human Male (1948), Bd.2: Sexual Behavi- tet wurden. Im Hinblick auf Familienwerte und Geschlechterrollen or in the Human Female (1953)), seiner Rezeption und dem Wissen um hob Martschukat hervor, dass diese zum Teil auf sehr traditionellen gelebte Praxis. Bezogen auf den Vortrag von Heinemann hob Ullman Vorstellungen beruhten. So vertraten die von ihm 2010 interviewten die konfliktreiche Problematik hervor, dass die „white middle class“ homosexuellen Eltern folgende Ansichten: Die Voraussetzung für eine zwar in den 1950ern ihren Status mit definierten Standards erreichte Familiengründung und eine Elternschaft seien stabile Verhältnisse, hatte, die Erhaltung des Status jedoch in den Folgejahren ein zweites zudem müsse eine Familie im Voraus – aufgrund des Kontextes – Gehalt unumgänglich machte, weswegen Frauen der Mittelschicht die sehr gut geplant werden. Im Hinblick auf das Selbstbild der Väter am meisten wachsende Gruppe auf dem Arbeitsmarkt waren, was zur merkte Martschukat an, dass diese sich als „normale“ Väter betrach- Konsequenz hatte, dass Frauen das Ideal der „fulltime homemaking teten und deswegen auch am Leben ihrer Kinder teilhaben wollten. mother“ aufgeben mussten. Abschließend führte Ullman den Sekti- Dennoch liege die Hauptverantwortung der Erziehung, so die Väter, onsbesuchern vor Augen, welche Rechte mit einer Ehe verbunden bei den Müttern. Ihre Aufgabe sei es lediglich den mütterlichen Job seien (z.B. medizinische, rechtliche, finanzielle Auskunft über den zu vereinfachen. Abschließend wies Martschukat auf die Ironie hin, Partner), um zu verdeutlichen, warum das Recht auf eine eingetragene dass obwohl ein Großteil der amerikanischen Gesellschaft sowie viele Partnerschaft/Ehe für Homosexuelle von so großen Bedeutung ist. konservative Politiker homosexuelle Paare als dysfunktional und als Denn letztlich bedeute, so Ullman, der Zugang zu Familie und Ehe, Bedrohung betrachteten, diese jedoch aufgrund ihrer Lebensweise ähnlich wie beim Militärdienst, nicht nur gesellschaftliche Teilhabe und ihres selbstgewählten Familienlebens dem amerikanischen Fa- und Gleichberechtigung, sondern biete auch den Zugang zu weiteren milienideal sehr nahe kämen. Schließlich zeige die Entscheidung für kulturellen Ressourcen. 363 364 Jana Hoffmann Folgende Punkte wurden in der Sektion deutlich herausgearbeitet: Referenzpunkt in Zukunft stärker kritisch hinterfragt werden. Die Gesellschaft definiert im Zusammenhang mit Familie Werte und Sektionsübersicht: Normen, die den Zugang und Rückgriff auf kulturelle Ressourcen ermöglichen oder verhindern. Dabei stellt die „white middle class Jürgen Martschukat (Erfurt): Einführung nuclear family“ ein Ideal nicht aber die Realität dar. Sozialexperten, Nina Mackert (Erfurt): „Marriage is for adults“: Love, Maturity, and Politiker und öffentliche Medien nehmen in diesem Konstruktions- the Sexual Organization of Families in the U.S.-American 1950s and prozess eine wichtige Funktion ein, da sie Werte und Normen, sowie 1960s „funktionale“ Familienstrukturen festlegen, propagieren und protegie- ren. Dieser Prozess führt trotz sozialer Bewegungen und Wandlungs- Norbert Finzsch (Köln): „I think that it is part of human sexuality, prozesse (Bürgerrechts-, Frauen-, Homosexuellenbewegung) in der and perhaps it should be taught“: American Sex Education 1950-1970 zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts zu diskriminierenden Handlun- (entfiel) gen, Gesetzen und Ressourcenverfügung. Minderheiten und sozial dis- Isabel Heinemann (Münster): Motherhood, Fertility and Reproductive kriminierte Personen werden dazu genötigt, sich an heteronormative Choice: Expert Discourses and Women’s Agency, 1960-1980 Strukturen der weißen Mittelschicht anzupassen, damit ein Zugriff auf Ressourcen gewährleistet und ein Normalitätsstatus garantiert werden Jürgen Martschukat (Erfurt): „Here in this neighbourhood, we’re li- kann. Dies wiederum führt dazu, dass diese Strukturen gestärkt und ke stereotype“: Queer Parents and Family Transformations in San konstruierte Andersartigkeit pathologisiert werden. Gesellschaftlichen Francisco, 1980-2010 Pluralisierungsvorgängen wird so mit Homogenisierung entgegen Sharon Ullman (Bryn Mawr): Kommentar gewirkt, ohne dabei den weißen Hegemonialanspruch aus der Hand zu geben. Tagungsbericht Regulating Families and Resources in American Contempo- Im Anschluss an die Abschlussdiskussion blieben jedoch einige rary History. 25.09.2012-28.09.2012, In: H-Soz-u-Kult 11.12.2012. Fragen offen. So fragt sich erstens, ob Familiengeschichte nicht brei- ter gedacht werden muss, indem die Schwerpunktsetzung auf Frau- en/Mütter reduziert und Väter und Kinder, bzw. die ganze Familie stärker in den Blick genommen wird. Zudem blieb zweitens unklar, wie im Zusammenhang mit der Familiengeschichte der Begriff Res- Ressource Mensch. Sichtbarkeit und Unsichtbarkeit der source zu verstehen ist, da hier eine sehr offene Definition gewählt Netzwerke des europäischen Menschenhandels in der Frühen wurde, die u.a. Arbeit, mentale Fähigkeiten, Gefühle, Bürgerrechte Neuzeit und Erziehung umfasste. Um die Debatte, die von dem Historikertag Leitung: Anne Duprat (Paris) / Ludolf Pelizaeus (Mainz) geführt wurde, noch einmal aufzugreifen: Ist ein derart weitgefas- Bericht von: Hannes Alterauge, Historisches Seminar, Johannes ster, unpräziser Begriff erkenntnisbringend? Worin läge der Vorteil Gutenberg-Universität Mainz des Ressourcenbegriffs gegenüber Pierre Bourdieus Kapitalbegriff? Und schließlich sollte drittens die weiße Idealfamilie als historischer 365 366 Ressource Mensch. Sichtbarkeit und Unsichtbarkeit der Netzwerke Hannes Alterauge des europäischen Menschenhandels in der Frühen Neuzeit Der diesjährige 49. Deutsche Historikertag stand unter dem Motto entwickelten und etablierten sich vielmehr internationale Netzwerke „Ressourcen – Konflikte“. Ein Thema, welches in Zeiten des globalen des Menschenhandels über Konfessionsgrenzen hinweg nach ökono- Wandels, der wirtschaftlichen und politischen Machtverschiebungen, mischen und kommunikativen Möglichkeiten, die die Ressourcenbe- sowie der Verknappung von Rohstoffen und – zumindest in Europa schaffung innerhalb dieser Ökonomie des Menschenhandels ermögli- – Facharbeitskräften aus den aktuellen gesellschaftlichen Debatten chen und sicherstellen sollten. Um den Umgang mit der „Ressource nicht mehr wegzudenken ist. Demographischer Wandel auf der einen Mensch“ zu ergründen, müsse den in Publikationen von Propaganda Seite und prekäre Lebenssituationen auf der anderen Seite führen bis Literatur wiederkehrenden und das öffentliche Bild prägenden zu verstärkter Arbeitsmigration, die sich oftmals unter wirtschaftli- gebräuchlichen Narrativen der Zeit nachgegangen werden. chen Zwängen entwickelt und deren Freiwilligkeit somit in Frage ANNE DUPRAT (Paris) wies darauf hin, dass zu einer Neubewer- gestellt werden muss. Gleichzeitig konnte in jüngerer Vergangenheit tung des ideologischen Umgangs mit dem Phänomen des Menschen- eine Wandlung in der Rezeption der Arbeitskräfte beobachtet werden. handels in dessen Hauptphase zwischen 1550 und 1750 Berichte aus Arbeiter/innen werden zu „Humankapital“ (Unwort des Jahres 2005) englischen, spanischen und italienischen Archiven eine weite Quellen- degradiert, vermehrt nur noch als rein ökonomische Größe wahrge- basis bieten. So finde sich in der literature barbaresque, welche sich nommen und somit in gewisser Weise „entmenschlicht“. Weiter erle- nicht auf ein bestimmtes Genre festlege, jedoch in der europäischen ben wir – zumindest in den Staaten der westlichen Welt –einen stetigen Literatur des 17. und 18. Jahrhunderts stets eine bestimmte Grup- medizinischen Fortschritt und einen damit verbundenen Anstieg der pe von Narrativen beinhalte, eine Wechselwirkung von Fiktion und Lebenserwartung. Damit einher geht auch der Bedarf an der Ressource Gefangenenerzählungen und einer Diskrepanz zwischen ideologisch „menschliche Ersatzteile“, welcher sich beispielsweise in der Debatte wirkmächtigen und singulären Berichten. Dabei, so Duprat, entwickel- um die Gestaltung des „Marktes Organspende“ wiederspiegelt. ten sich die Erzählungen hin zu einer dramatischen „Theatralisierung“, Die Sektion beschäftigte sich daher mit dem Mensch als Ressource zu einer „Inszenierung als Schauspiel der Grausamkeiten“. Publikatio- und beleuchtete das geschichtliche Verhältnis zu (meist) erzwunge- nen, die dazu dienten die Tragödie der Gefangenen darzustellen und ner Arbeitsmigration, zum Menschen als handelbare Ware und zur die barbaresken Sklavenumschlagplätze an der afrikanischen Mittel- Nutzbarkeit menschlicher Körper zu kommerziellen Zwecken. Auch meerküste als symbolischen Ort zwischen Welt und Hölle erscheinen die mediale Inszenierung dieser Themen und deren Wirkung auf die zu lassen, erfüllten die Aufgabe die „Ökonomie des Loskaufs“ zu un- Gesellschaft wurden diskutiert. Die Aktualität solcher Fragestellungen terfüttern. So sei beispielsweise der Sklave als „christlicher Held“ und ist offensichtlich und es erscheint zum Verständnis dieser Phänomene als Subjekt des Austausches ein wiederkehrendes zentrales Narrativ. hilfreich, den gesellschaftlichen Umgang mit ihnen in anderen Epo- Durch Vermischung barbaresker Literatur mit Reiseberichten habe chen zu betrachten. sich dann eine Öffnung in moralischer, intellektueller und religiöser Für die europäische Gesellschaft der Frühen Neuzeit sei die Skla- Hinsicht ergeben. Das ethnozentrierte Wissen sei in ein Wissen auf verei als Raubökonomie in den Mittelmeeranrainerstaaten etwas all- Basis direkter Beobachtungen übergegangen, Erfahrungen des Un- täglich präsentes gewesen, betonte LUDOLF PELIZAEUS (Mainz) in terworfen seins und der eigenen Beschränktheit seien transportiert seiner Einführung. Dabei sei keine dichotomisch verstandene Sphäre worden und damit hätten sich die Realitäten des Menschenhandels zu zwischen Christenheit und muslimischer Welt entstanden, sondern es einem intellektuellen Erfahrungswert hin gewandelt. 367 368 Ressource Mensch. Sichtbarkeit und Unsichtbarkeit der Netzwerke Hannes Alterauge des europäischen Menschenhandels in der Frühen Neuzeit In seinem Vortrag über den Menschenhandel im osteuropäischen, ven in Europa und Nordamerika und attestierte solchen Überlegungen besonders im russischen Raum, wies CHRISTOPH WITZENRATH die Möglichkeit eines neuen, unvertrauten und aktuellen Blicks auf (Aberdeen) darauf hin, dass der Raum um die Krim quantitativ nach Renaissance und Geschichte. dem afrikanischen Kontinent den größten Sklavenumschlag aufwies In seinem Vortrag über österreichische Prostituierte im späten Os- und aus osteuropäischer Perspektive die Krim als Erinnerungsort ganz manischen Reich setzte MALTE FUHRMANN (Istanbul) den Betrach- klar fokussiert werde. Besonders zu berücksichtigen sei für den osteu- tungen des Phänomens Menschenhandel eine neue Perspektive ge- ropäischen Raum die religiöse Konnotation des Sklavenhandels bzw. genüber: die von Zwang und Freiwilligkeit. Waren die vorangegan- des Vorgehens gegen diesen, was beinhaltete, dass der Zar gesetz- genen Betrachtungen des Menschenhandels stets von Zwang, Gefan- lich zum Loskauf christlicher Sklaven verpflichtet worden sei. Das genschaft und eventuellem Freikauf geprägt, so betonte Fuhrmann, Vorgehen gegen die Sklaverei, so Witzenrath, sei ein fundamentaler dass sich während des von ihm untersuchten Übergangs vom 19. zum Bestandteil russischer Legitimationsstrategie gewesen. Die Bedrohung 20. Jahrhundert in der Metropole am Bosporus ein ganz eigens Phäno- der Christen durch den muslimischen Menschenhandel sei mit drohen- men beobachten ließ. Die Anwerbung europäischer Prostituierter nach der Apokalypse und dem Exodus des Volkes Israel, die südrussische Istanbul sei mehr als Arbeitsmigration zu verstehen und veranschauli- Steppe mit der Wüste, der Zar mit Moses und Moskau mit Jerusalem che eine verbreitete Akzeptanz und Rationalisierung im Umgang mit gleichgesetzt worden. Eine solche biblische Bildhaftigkeit diente der dem Phänomen des (freiwilligen) Menschenhandels, die sich weniger religiösen Legitimation russischer Gebietserwerbungen im Süden und in moralischen als in administrativen und rechtlichen Auseinanderset- stellte somit ein „moralisches Kapital, das es zu vermehren galt“ dar. zungen zwischen den westlichen Vertretungen und den osmanischen VALENTIN GROEBNER (Luzern) lud in seinem Vortrag dazu Behörden geäußert habe. Zu bedenken bleibe auch, so Fuhrmann, dass ein, die Blickrichtung auf das Phänomen Menschenhandel zu ändern die Betroffenen selbst, die Prostituierten, sich mit Erfolg gegen das und der Frage nach der „Macht zu töten“ nachzugehen. Mit dem moralisch motivierte abolition movement elitärer Frauenverbände, Aspekt des Menschen als Ressource, als entpersonalisiertem „Men- die den Handel mit Sexarbeiterinnen zu unterbinden suchten, stellten. schenfleisch“, verschwimme die Grenze zwischen Lebenden und To- JOACHIM CORNELISSEN (Lyon) stellte die Frage, was vom Phä- ten. Groebner rekapitulierte das gesellschaftliche Verhältnis zum Men- nomen Menschenhandel in aktuellen Schullehrplänen als Substrat schenfleisch als Ware, vom res extra mercatium, vom Handel mit den übrig bleibe. Nachdem kurz die unterschiedlichen Gewichtungen des dem Körper des Erlösers gleichgesetzten Hostien über den aus po- Themas in französischen und deutschen Lehrplänen skizziert wurden, litischen Gründen kritisierten comertium hominum der Schweizer die sich auf den unterschiedlichen Grad der Beteiligung am Menschen- Söldner hin zum frühneuzeitlichen Handel mit Körperteilen als legale handel in Frankreich und Deutschland zurückführen ließen, rekapi- Medikamentenbestandteile und zur Praxis des Bürgens mit eigenen tulierte Cornelissen die aktuelle französische Politik im Umgang mit Gliedmaßen. Er stellte weiter die Frage nach dem Wert des Menschen dem Thema der Sklaverei und des Menschenhandels. Er verwies auf als Ressource und der Akzeptanz der Verwertung menschlicher Kör- den steigenden ökonomischen Wert des Phänomens als Ressource für per. Im Hinblick auf das heutige massenhafte Vorkommen afrikani- die französische Tourismusbranche und kritisierte das Entstehen von scher oder asiatischer Einwanderer in Europa begründete Groebner „blinden Flecken“ bezüglich des Wissens um das Vorkommen und die das verstärkte Interesse an der geschichtlichen Präsenz farbiger Skla- Ausmaße des Menschenhandels in außereuropäischen Gebieten bzw. 369 370 Ressource Mensch. Sichtbarkeit und Unsichtbarkeit der Netzwerke Hannes Alterauge des europäischen Menschenhandels in der Frühen Neuzeit außerhalb von Gebieten europäischer Wahrnehmung. Diesbezüglich, überwunden werden müsse. so Cornelissen, stelle eine „korrekte Relativierung“ der Verhältnisse In der Sektion konnte anschaulich das gesellschaftliche Verhältnis ein Desiderat für die zukünftige Gestaltung von Lehrplänen dar. zum Phänomen des Menschenhandels mit dessen verschiedenen Fa- Nach den einzelnen Vorträgen kommentierte Ludolf Pelizaeus die cetten dargestellt werden. Es wurde deutlich, welch weit verzweigte Sektionsbeiträge zusammenfassend. Er stellte fest, dass der Handel und sowohl kulturelle wie religiöse Grenzen überwindende Netzwer- mit männlichen Sklaven im Gegensatz zu dem mit weiblichen eine viel ke sich, vor allem aus wirtschaftlichen Interessen heraus, im Kontext stärkere Thematisierung findet und dass, während in der Frühen Neu- des Phänomens Menschenhandel ausbildeten. Dabei wurden verschie- zeit die Beschreibung der körperlichen Nacktheit männlicher Sklaven dene Legitimationsstrategien für oder gegen den Menschenhandel klar überwog, dies in der Moderne durch das Narrativ der Nacktheit dargelegt und begründet; die Entstehung und Bedeutung der verschie- weiblicher Sklaven abgelöst wurde. Weiter wurde festgestellt, dass die denen leitenden Narrative wurde betrachtet und das zeitgenössische Legitimität und Akzeptanz des Handels mit menschlichen Ressourcen Verhältnis zum gehandelten Menschen als Ware, zur Körperlichkeit, sich unter wandelnden Umständen ebenfalls veränderte. zur Personalisierung bzw. Entpersonalisierung dieser Ware neu be- In der Überleitung zur Schlussdiskussion wurde schließlich nach leuchtet. Das Verschwimmen der Grenzen von Menschenhandel und den Schnittstellen des Phänomens des frühneuzeitlichen Menschen- Arbeitsmigration im ausgehenden 19. Jahrhundert, sowie die national handels zu aktuellen Themen gefragt und als solche Felder wie das des differierende und sich mit der Zeit wandelnde heutige Rezeption des Organhandels, der Sexarbeit oder des Einwerbens von Drittmitteln Phänomens wurden aufgezeigt. So erreichte die Sektion eine Neube- für humanitäre Zwecke identifiziert. Weiter wurde festgestellt, dass wertung der Betrachtungsschemata bezüglich des Handels mit der die narrative Unterscheidung von lebendem und totem Körper durch Ware Mensch. z.B. Entpersonalisierung aufgeweicht werden könne und dass ein sol- Sektionsübersicht: ches Verschwimmen lassen von Kategorien der Durchsetzung neuer Narrative diene, die wiederum als Legitimierungserzählungen für Anne Duprat (Paris): Structures de l’échange. Représentations du mar- den Zugriff auf den menschlichen Körper wirkten. Unter solchen, mit ché aux esclaves dans les Régences ottomanes au début de la modernité aktuellen gesellschaftlichen Fragestellungen verbundenen Blickrich- Christoph Witzenrath (Aberdeen): Ivan IV. „der Schreckliche“ als Be- tungen, beginne bereits „vertrautes Material (. . . ) anders auszusehen“. freier? Loskauf und Abwehr der Sklavenjagden in der Legitimations- Auch die Frage nach der zeitgenössischen Vereinbarkeit von weißem ideologie des Moskauer Reiches und schwarzem Sklavenhandel ist diskutiert worden und es wurde betont, dass das Narrativ des weißen Sklaven die Wertvorstellungen Malte Fuhrmann (Istanbul): „Mädchenhandel“ oder selbstbestimmte der europäischen Gesellschaften der Kolonialzeit verwarf. Nachdem periphere Mobilität? Österreichische Prostituierte im späten Osmani- Ludolf Pelizaeus darauf hingewiesen hatte, dass die Rechtfertigung schen Reich des Sklavenhandels oftmals mit einer narrativen Selbstvictimisierung Valentin Groebner (Luzern): Die unabbildbare Ökonomie. Reden über verbunden war und als Legitimation kolonialer Expansion gedient den Mensch als Ware im 16. Jahrhundert habe, äußerte Valentin Groebner, dass gerade im Schulunterricht zu- künftig eine Kategorisierung in Victimisierung vs. Selbsvictimisierung 371 372 Ressourcen – Konflikte – Regeln: Die Verteilung von Amt, Würde und Einfluss im Zeichen der Geldwirtschaft Joachim Cornelißen (Lyon): „Mettre en valeur les aspects positifs de (römische Kirche, Fürstentümer und römisch-deutsches Königtum) la colonisation“. Das Konfliktpotential bei der Vermittlung des The- und im Byzantinischen Reich des 10. bis 12. Jahrhunderts in den Blick mas Menschenhandel an deutschen und französischen Schulen im genommen wurden. Vergleich Im ersten Beitrag beschäftigte sich ANDREAS MEYER (Marburg) mit der Vergabe kirchlicher Benefizien durch die römische Kurie. Nach Tagungsbericht Ressource Mensch. Sichtbarkeit und Unsichtbarkeit der Meyer habe die Summe der verschiedenen Pfründen eine unvergleich- Netzwerke des europäischen Menschenhandels in der Frühen Neuzeit. liche Vermögens- und Verfügungsmasse gebildet, die – anders als 25.09.2012-28.09.2012, In: H-Soz-u-Kult 25.10.2012. erblich gewordene Lehen – in jeder Generation neu zu verteilen gewe- sen sei. Eingriffe der Päpste bei der Pfründenvergabe seien seit dem Investiturstreit zunehmend zentralisiert und durch das Kirchenrecht systematisiert worden. Dabei sei vor allem die Besetzung iure praeven- Ressourcen – Konflikte – Regeln: Die Verteilung von Amt, Würde tionis – also eine Exspektative auf eine noch nicht erledigte Pfründe – und Einfluss im Zeichen der Geldwirtschaft im westlichen zur üblichen Art geworden, eine Supplik an die Kurie positiv zu beant- Mittelalter und im Byzantinischen Reich worten. Der von Papst Bonifaz VIII. in Auftrag gegebene Liber Sextus Decretalium habe 1298 wirkungsvoll festgesetzt, dass eine päpstli- Leitung: Johannes Pahlitzsch / Joachim Schneider (Mainz) che Prävention stets allen anderen Anwartschaften vorgehen sollte. Bericht von: Raoul Hippchen / Max Ritter, Historisches Seminar, Jo- Allerdings sei schon unter Papst Johannes XXII. die Nachfrage nach hannes Gutenberg Universität Mainz päpstlichen Präventionen größer als die Anzahl freiwerdender Pfrün- den gewesen. Die zunächst zur Regelung angewandte chronologische Der Wettstreit um Ressourcen als Erklärungsmuster für politische Ent- Reihung der Suppliken sei schon bald angepasst worden: Die Petenten scheidungen und Entwicklungen ist in der modernen Forschung ein seien nach Entscheid des Papstes in Gruppen geordnet worden, denen relativ junges Thema. Sehr deutlich treten solche Konfliktsituationen jeweils ein Datum zugewiesen worden sei. Bei dieser Hierarchisierung bei (Neu-)Besetzungen von Ämtern zutage. Die Ämtervergabe scheint der Ansprüche hätten etwa unter Clemens VII. die eigenen Familiaren sich für eine ressourcenorientierte Perspektive anzubieten: Schon die die erste Gruppe mit dem besten Datum gebildet, während das spä- Ämter selbst können als Ressourcen gelten und waren für ihre Inhaber teste und schlechteste Datum an die armen, unbepfründeten Kleriker mit dem Zugang zu materiellem wie sozialem Kapital verbunden. gegangen sei. Dieses System habe trotz zahlreicher Detailbestimmun- Zudem konnte die Aufwendung von Ressourcen bei der Auswahl der gen immer in Kauf genommen, dass die Kurie in den Worten Meyers Kandidaten eine wichtige Rolle spielen. Die von Johannes Pahlitzsch „Schicksal spielte“. Die verschiedenen Reformen des 15. Jahrhunderts, und Joachim Schneider konzipierte Sektion näherte sich mit dieser Per- die der ordentlichen Kollatur neues Gewicht verliehen, hätten die spektive der Frage, wie in verschiedenen Kontexten Regeln entwickelt päpstliche Verfügungsmasse geschmälert, was zur Verschärfung des wurden, um die Ämtervergabe zu ordnen, und welchen Stellenwert Konflikts um das verbliebene Angebot und in der Folge zu neuen dabei verschiedene Ressourcen einnahmen. Der gewählte Ansatz ziel- Kanzleiregeln geführt habe. Da bis auf Reisekosten und die Taxen te auch auf einen geographischen und institutionellen Vergleich, so an der Kurie Geld bei der Pfründenvergabe laut Meyer keine Rolle dass Strategien der Ämterverteilung im westlichen Spätmittelalter 373 374 Ressourcen – Konflikte – Regeln: Die Verteilung von Amt, Würde Raoul Hippchen, Max Ritter und Einfluss im Zeichen der Geldwirtschaft spielen durfte, habe man über administrative Regeln andere Wege -pacht als besonders kritikwürdig erschienen seien. Gegenüber ähnli- gefunden, Konflikte zu vermeiden bzw. zu entscheiden. Die Hierar- chen Vorwürfen auf einer Sitzung des Vlies-Ordens im Mai 1473 habe chisierung habe die Vergabemechanismen automatisiert. So seien die Herzog Karl der Kühne die Ämterpacht mit dem Argument verteidigt, Stellen zwar effektiv besetzt worden, allerdings sei damit nicht über höherer Gewinn sorge für größere Bereitschaft, für Gerechtigkeit zu die Eignung der Kandidaten befunden worden, während einzelne sorgen. Das Streben nach objektivierbaren Regeln sei hier durch den Gruppen von vorne herein stark benachteiligt gewesen seien. Am En- Nutzen des Fürsten behindert worden. Gerade das hier deutlich wer- de hätten die Nachteile des Systems schließlich seinen ursprünglichen dende Zusammenspiel von (mitunter gegenläufigen) Theorien und Vorteil überwogen. Praktiken der Ressourcenverteilung werfe ein Licht auf die tatsächli- Der Beitrag von PETRA SCHULTE (Rom) wandte sich den Aus- chen Zustände und Denkweisen, so Schulte. Mit Blick auf die Frage, einandersetzungen über die Vergabe von Ämtern und Würden an welche Narrative für eine Ressourcengeschichte taugen könnten, plä- weltlichen Fürstenhöfen zu. An den Anfang stellte Schulte die Fest- dierte Schulte für eine Beschäftigung mit der jeweiligen Definition von stellung, dass die Verteilungsgerechtigkeit im Sinne der modernen Verteilungsgerechtigkeit in einer Gesellschaft. Wenn auch die spätmit- westlichen Demokratien ein Hauptthema der gegenwärtigen Politik telalterliche Theorie vielfach am höfischen System gescheitert sei, so sei. Allerdings reichten die Debatten darüber sehr viel weiter zurück wirke der damals aufgeworfene Diskurs doch bis heute nach. und ließen sich bereits im 13. Jahrhundert fassen. Die damaligen Auto- Im dritten Sektionsbeitrag behandelte JOACHIM SCHNEIDER ren hätten in Anlehnung an Aristoteles die justicia distributiva auch (Mainz) die Rolle von Ressourcen bei der Ausbildung des Kurfürs- bei der Ämterbesetzung nach dem Prinzip der Verhältnismäßigkeit tenwahlrechts. Einleitend verwies Schneider auf das grundsätzliche bewertet. Hier ging es nicht um eine Verteilung zur Veränderung so- Forschungsproblem der Entstehung des Kurfürstenkollegs und zitierte zialer Ungleichheiten, sondern um die Frage, was wie und an wen Thomas Ertls Forderung nach der Berücksichtigung möglichst vieler verteilt werden konnte. Diesen europaweiten Diskurs des Spätmittelal- Faktoren, der am ehesten durch Franz-Reiner Erkens‘ Entwicklungs- ters und seinen Einfluss untersuchte Schulte vor allem am Beispiel des theorie entsprochen würde. Mit dem Ziel einer stärkeren Akzentuie- burgundischen Hofes. In der zeitgenössischen Theorie sei die Propor- rung auch ökonomischer Faktoren in diesem Entwicklungsprozess tionengleichheit zur ethisch-moralischen Maßgabe geworden, verbun- griff Schneider die seiner Ansicht nach vernachlässigte bzw. von Hu- den mit der Forderung einer Verteilung nach rational-verbindlichen go Stehkämpfer vorschnell verneinte Frage auf, wie sich der Einsatz Kriterien. Die Ausstattung mit Ämtern und Kapital habe demzufolge von Geld und die Wahlmechanismen zueinander verhielten. Als be- nicht von persönlichen Beziehungen abhängen, sondern Qualifikation sonders relevant für diese Frage erscheine die Doppelwahl von 1257, bzw. Leistung widerspiegeln sollen. Die Praxis habe jedoch reichlich bei der erstmals die sieben Kurfürsten als entscheidendes Wahlgremi- Anlass für Kritik geliefert. Besonders deutlich werde deren Stoßrich- um erkennbar würden. Hier hätte vor allem Richard von Cornwall tung bei Guillaume Fillastre, Kanzler des Ordens vom Goldenen Vlies. seinen potentiellen Wählern hohe monetäre Angebote unterbreitet, Der gelehrte Rat habe moniert, dass die ehrlichen Diener weniger die in den verschiedenen Verträgen klar als Gegenleistungen für die verdienten als die unehrlichen, was die Gerechtigkeit pervertiere und Stimmabgaben hervortreten würden. Voraussetzung für eine solche zerstöre. Stattdessen habe Fillastre eine Verteilung der Ressourcen Einflussnahme sei die Entwicklung der Geldwirtschaft im „langen 13. nach dem Leistungsprinzip verlangt, weswegen ihm Ämterkauf oder Jahrhundert“ gewesen. Zeitgenössische Kritik an diesem Phänomen 375 376 Ressourcen – Konflikte – Regeln: Die Verteilung von Amt, Würde Raoul Hippchen, Max Ritter und Einfluss im Zeichen der Geldwirtschaft wollte Schneider vor allem als politische Aussagen verstanden wis- Begünstigten durch Vermittlung höherstehender Würdenträger ihre sen, ohne dass daraus eine Wahrnehmung als Korruption im heutigen Würden erlangten. Dies gelte ebenso für Ländereien: Der Kaiser habe Sinne abzuleiten wäre. mittels des Charistikariats über Klosterbesitz verfügt und diesen an Schneider formulierte vier Faktoren, von denen der Preis der Wahl- Günstlinge verteilt. Auch Pronoiai (Steuererträge eines Gebiets) wären stimmen abhängig gewesen sei: 1. Ressourcenpotential und soziale weitergereicht worden. Trotz weniger Zeugnisse sprach Cheynet von Geltung des Bewerbers; 2. Die Zahl der konkurrierenden Bewerber; 3. einer üblichen Praxis. Tod oder Usurpationsversuche der Begünstig- Der situationsbedingte Wille der Wähler, den Preis hochzutreiben; 4. ten hätten deren Würden/Ämter wieder auf den Kaiser zurückfallen Die Legitimität des Vorgangs in der Einschätzung der Beteiligten. Für lassen. Der sich ergebende Kreislauf von Würden und Ämtern habe diese als überzeitlich angenommenen Faktoren und ihre Bandbreite sichergestellt, dass der Kaiser beständig seine Unterstützer bedenken lieferte Schneider Beispiele aus verschiedenen Wahlen. Im Zusammen- konnte. hang mit der Ausbildung der Regeln der Königswahl seien vor allem Des Weiteren bezog Cheynet jene Titel- und Ämtervergaben ein, zwei Entwicklungen wichtig. Zum einen seien die der Wahl vorange- die im Verlaufe von Rebellionen erfolgten. Sowohl Usurpatoren wie henden Absprachen durch die fixen Kosten kalkulierbar geworden. auch die vom Sturz bedrohten Kaiser hätten mittels Ernennungen von Zum anderen ließe sich ein ressourcengeschichtliches Argument für Schlüsselfiguren im feindlichen Lager gesucht, die Macht des Gegners die schnelle Ausbildung eines exklusiven Wählerkollegs finden. Der zu untergraben, wobei der Usurpator sich auf Zusagen prospekti- Ressourcenfluss an die „Vorwähler“ (insbesondere die rheinischen ver Zahlungen habe beschränken müssen. Die hierfür ausgefertigten Erzbischöfe und der Pfalzgraf bei Rhein) habe deren Hervorhebung Chrysobulla seien blank ausgestellt gewesen; einerseits um Verhand- begünstigt und gefestigt, auch weil andere potentielle Wähler auf- lungsspielraum zu erhalten, andererseits um das Enttarnungsrisiko für grund fehlender Anreize das Interesse an der Wahlbeteiligung verloren den avisierten Überläufer zu mindern. Zudem habe die Titelvergabe hätten. Damit ließe sich der Entwicklungstheorie eine ökonomisch- eine gewichtige Rolle bei der Integration von Armeniern und Bulga- anthropologische Komponente hinzufügen. Die Geldflüsse seien keine ren, sowie im diplomatischen Verkehr gespielt. Beispielsweise habe unregelmäßigen, nebensächlichen Korruptionsaffären gewesen, son- Michael VII. an Robert Guiscard Ernennungsurkunden übersandt, wel- dern ein wichtiger Faktor bei der Ausbildung und Funktionalisierung che der Normannenherzog nach eigener Maßgabe unterverteilte. Der des Kurfürstenwahlrechts. Vorteil gegenüber einer Tributzahlung sei die nominelle Loyalitätsbe- Abschließend sprach JEAN-CLAUDE CHEYNET (Paris) zur Si- ziehung zwischen Kaiser und normannischen Adel gewesen, obgleich tuation im Byzantinischen Reich im 10. bis 12. Jahrhundert. Jegliche aufgrund der Rogai de facto eine tributäre Beziehung entstanden sei. Ämter und Privilegien seien vom Kaiser ausgegangen. Durch Psel- Insgesamt habe der Kaiser stets einen enormen Vermögensvorsprung los‘ Zeugnis sei deutlich, dass Würden (Axiomata) mitsamt deren vor der Aristokratie zu behaupten vermocht. Im Falle einer bedrohli- Vergütung (Rogai ) weitergereicht werden konnten, und dadurch zu chen Vermögensakkumulation in einer Adelsfamilie sei der Kaiser zur einem Tauschgut gerieten, welches aufgrund des festgelegten Salärs Konfiskation geschritten. Vermittelt durch den Adel habe das gesamte zu einem Investment werden konnte. Solche Transfers habe es nicht Reich an der Ressourcenverteilung partizipiert und in indirekter Ab- nur in Konstantinopel, sondern auch in den Provinzen gegeben, wie hängigkeit zu kaiserlichen Gunstbezeugungen gestanden, wodurch Eustathios Boïlas zeige. Cheynet vermutet deshalb, dass die meisten der Zusammenhalt zwischen Provinz und Zentrale gewährleistet wur- 377 378 Ressourcen – Konflikte – Regeln: Die Verteilung von Amt, Würde Raoul Hippchen, Max Ritter und Einfluss im Zeichen der Geldwirtschaft de. man das Generieren von Ressourcen durch den häufig gerügten Äm- Als erster der beiden Diskutanten konstatierte WOLFRAM BRAN- terkauf durchaus auch als Faktor der inneren Staatswerdung begrei- DES (Frankfurt am Main), dass zumindest drei Forschungsperspek- fen könne. Den Geldeinsatz bei der römisch-deutschen Königswahl tiven auf die Problemstellung nicht angesprochen worden seien: 1. bezeichnete er als stabilisierenden Faktor, der – mit Wahlnorm und Das römische Recht könne die ideellen Ursprünge einer ‚gerechten‘ -praxis ins Verhältnis gesetzt – einen Zugang zum Gefüge zwischen Ressourcenverteilung aufdecken; 2. Eine christlich-theologische An- König und Fürsten bieten könne. Eine Gemeinsamkeit der Fürsten, näherung könne lohnend sein – hätten sich doch bereits Kirchenväter Könige, Kaiser und Päpste sei die Tatsache, dass für sie die Verfügung wie Gregor von Nyssa zur Verteilungsgerechtigkeit geäußert; 3. Der über Ämter eine ganz wesentliche Ressource dargestellt habe. Die Korruptionsbegriff sei insgesamt zu verwerfen, weil er durch Vorstel- Verleihung eines Amts sei stets auch eine Maßnahme zum Gewinn lungen des 19. Jahrhunderts überformt worden sei. Da beinahe jede von Loyalität bzw. politischer Unterstützung gewesen, mit der bereits Amtsbesetzung mit einem Ressourcenaustausch verbunden gewesen erbrachte oder noch zu erwartende Leistungen verknüpft worden wäre, ginge eine Deutung als korrumpierender Akt an der historischen seien. Abschließend benannte Rogge drei heuristische Möglichkeiten Realität vorbei. Er pflichtete Cheynet insgesamt bei und unterstrich, ressourcengeschichtlicher Ansätze zur mittelalterlichen Ämtervergabe: dass das Byzantinische Reich (bis 1204) im Unterschied zum lateini- 1. Eine stärkere Beachtung der materiellen Dimension des Sozialen; 2. schen Westen ein vormoderner Zentralstaat gewesen sei, der deshalb Eine Auseinandersetzung mit der Anwendbarkeit moderner Begriffe andere Formen und Möglichkeiten der Ressourcenverteilung gehabt wie Korruption; 3. Eine Beschäftigung mit der zeitgenössischen Kri- habe. Die Konzentration Cheynets auf das 11. und 12. Jahrhundert sei tik an der Vergabepraxis, die auch die konkrete Agenda der Kritiker richtig und unumgänglich, weil aus der Zeit davor relevante Quel- einbeziehen müsste. lennachrichten marginal seien. Dies bringe zwar die Schwierigkeit Die auf reges Publikumsinteresse gestoßene Sektion zeigte neben mit sich, dass Pronoia und Charistikariat erst zur behandelten Zeit unterschiedlichen Problemfeldern bei der Verteilung von Ressourcen aufgekommen seien, dennoch wäre eine ähnliche Situation in früheren nicht nur Mechanismen zur Lösung von Ressourcenkonflikten auf, Jahrhunderten ableitbar. Insgesamt sei der Ressourcenzugang über so- sondern auch unterschiedliche Herangehensweisen an den Gegen- ziale Netzwerke sowie den persönlichen Zugang zum Kaiser bestimmt stand. Dabei machte die Sektion den Gewinn einer ressourcenorien- worden. Bei Ämtern sei die Erblichkeit üblich gewesen, obgleich sie tierten Perspektive auf die Vergabe von Ämtern sowie auf soziale erst für die Zeit ab dem 11. Jahrhundert wegen der sich entwickelnden Beziehungen im Allgemeinen deutlich. Als fruchtbar erwies sich auch Gentilnamen offenkundig wird. der transdisziplinäre Blick auf sowohl den lateinischen Westen als In seiner abschließenden Stellungnahme sah JÖRG ROGGE (Mainz) auch Byzanz. durch die mediävistischen Beiträge insbesondere diverse Möglichkei- Sektionsübersicht: ten illustriert, den Zugang zur Ressource „Amt“ zu rationalisieren. Bei seinem Fazit stellte er heraus, dass das päpstliche Präventionssystem Andreas Meyer (Marburg): Konfliktvermeidung durch Hierarchisie- durch die systematische Anwendung objektivierbarer Kriterien im rung von Ansprüchen. Prärogativen im Kampf um kirchliche Benefizi- Ansatz ein ideales Verteilungssystem gewesen sei. Hinsichtlich der en im Spätmittelalter Praxis in den westlichen Fürstentümern verwies Rogge darauf, dass Petra Schulte (Rom): Der Fürst und die Verteilung knapper Ressourcen 379 380 Ressourcen von Geschichtslehrkräften – Ressourcen für den Geschichtsunterricht im europäischen Spätmittelalter gen der sie unterrichtenden Lehrpersonen zurückzuführen“ sind.1 Insofern ist es ausgesprochen positiv, dass auch die Geschichtsdidak- Joachim Schneider (Mainz): Das Kurfürstenkolleg oder: Von der Orga- tik neuerdings ein gesteigertes Interesse an Fragen der Professions- nisation politischer Entscheidungen bei knappen Ressourcen forschung zeigt2 : Über welches Wissen, über welche Kompetenzen Jean-Claude Cheynet (Paris): Recevoir pour donner au sein de l’élite und Einstellungen verfügen Geschichtslehrerinnen und -lehrer? Wie aristocratique byzantine (Xe-XIIe s.) bzw. auf Grundlage welcher Ressourcen werden bestimmte Wissens- bestände, Kompetenzen und Einstellungen erworben, welche Rele- Diskutanten: Wolfram Brandes (Frankfurt am Main); Jörg Rogge vanz haben sie für die berufliche Praxis, und welche diesbezüglichen (Mainz) Veränderungen ergeben sich im Laufe der professionellen Sozialisa- tion? Wie lassen sich verschiedene Wissenstypen, Kompetenzberei- Tagungsbericht Ressourcen – Konflikte – Regeln: Die Verteilung von Amt, che und Einstellungsdimensionen theoretisch plausibel modellieren Würde und Einfluss im Zeichen der Geldwirtschaft im westlichen Mittelalter und empirisch zuverlässig überprüfen? Und nicht zuletzt: Wie kön- und im Byzantinischen Reich. 25.09.2012-28.09.2012, In: H-Soz-u-Kult nen diejenigen, die für die verschiedenen Ausbildungsphasen ver- 17.10.2012. antwortlich sind, auf Wissen, Kompetenzen und Einstellungen von Lehrerinnen und Lehrern erfolgreich Einfluss nehmen, um historische Lehr-Lernprozesse zu optimieren und Geschichtsunterricht nachhaltig zu verbessern? Das sind fundamentale Fragen, vor denen die Ge- Ressourcen von Geschichtslehrkräften – Ressourcen für den schichtsdidaktik derzeit steht. MARKO DEMANTOWSKY (Basel) und Geschichtsunterricht MANFRED SEIDENFUSS (Heidelberg) haben in ihrer Sektion auf dem Mainzer Historikertag versucht, auf einige dieser Fragen eine Ant- Leitung: Marko Demantowsky (Basel) / Manfred Seidenfuß (Heidel- wort zu geben. Sie haben damit ein zentrales Forschungsdesiderat berg) Bericht von: Holger Thünemann, Institut für Politik- und Geschichts- 1 Sigrid Blömeke, Voraussetzungen bei der Lehrperson, in: Karl-Heinz Arnold / Uwe wissenschaft, Pädagogische Hochschule Freiburg im Breisgau Sandfuchs / Jürgen Wiechmann (Hrsg.), Handbuch Unterricht, 2. aktual. Aufl. Bad Heilbrunn 2009, S. 122-126, hier S. 123. 2 Vgl. zuletzt Wolfgang Hasberg, Historiker oder Pädagoge? Geschichtslehrer im Die deutschsprachige Geschichtsdidaktik hat sich in den vergange- Kreuzfeuer der Kompetenzdebatte, in: Zeitschrift für Geschichtsdidaktik 9 (2010), S. 159- 179; Holger Thünemann, „Ganz, ganz historisch gedacht“. Merkmale guten Geschichts- nen Jahren nicht nur intensiv mit dem Thema Kompetenzen befasst, unterrichts aus Lehrerperspektive, in: Johannes Meyer-Hamme / Holger Thünemann / sondern sie interessiert sich endlich auch (wieder) verstärkt für den Meik Zülsdorf-Kersting (Hrsg.), Was heißt guter Geschichtsunterricht? Perspektiven im Bereich der Unterrichtsforschung. Anders als zeitweise angenommen Vergleich, Schwalbach/Ts. 2012, S. 39-54, hier S. 40-42 und S. 51-52; Manfred Seidenfuß / Markus Daumüller, The Teacher: A Decisive Variable for Innovations in Teaching Histo- („Teachers make no difference!“), wird inzwischen kaum noch bestrit- ry, in: Yearbook of the International Society for the Didactics of History 33 (2012), S. 81-97; ten, dass ungefähr „30 Prozent der Unterschiede in Schülerleistungen Michael Sauer, Kompetenzen für Geschichtslehrer – was ist wichtig und wo sollte es gelernt werden? Ergebnisse einer empirischen Studie, in: Geschichte in Wissenschaft [. . . ] auf Unterschiede im Wissen, im Handeln und in den Einstellun- und Unterricht 63 (2012), S. 324-348, besonders S. 324-327; vgl. außerdem Susanne Popp u.a. (Hrsg.), Zur Professionalisierung von Geschichtslehrerinnen und Geschichtslehrern. Nationale und internationale Perspektiven, Göttingen 2013 [im Druck]. 381 382 Ressourcen von Geschichtslehrkräften – Ressourcen für den Holger Thünemann Geschichtsunterricht aufgegriffen und, wie bereits die Abschlussdiskussion zeigte, dem ge- rerinnen und Lehrer so verändern lasse, „dass die Lernenden eigen- schichtsdidaktischen Forschungsdiskurs wichtige Impulse verliehen. ständig Wissen konstruieren und Erkenntnisse metakognitiv verbali- Nach einer kurzen Einführung der Sektionsleiter, in der unter an- sieren, und zwar in Geschichtsstunden, in denen den Schülerinnen und derem darauf hingewiesen wurde, dass empirischen Befunden zufolge Schülern der Konstruktcharakter von Geschichte nahegebracht werden rund 50 Prozent der Lehrerinnen und Lehrer sich nur unzureichend soll“.3 Bei Fenns Forschungsvorhaben, das in theoretischer Hinsicht auf den Lehrerberuf vorbereitet fühlen, stellten zunächst GEORG KA- an Jürgen Baumerts Modell „professioneller Handlungskompetenz“ NERT und MANFRED SEIDENFUSS Ergebnisse ihrer ambitionierten, anschließt und das auf die Modifikation subjektiver Theorien und zu Recht um fachliche Profilierung bemühten Heidelberger Langzeit- vor allem Skripts, das heißt Muster für Handlungsroutinen, abzielt, studie vor. Mit Hilfe von Fragebögen (geschlossene und offene Items) handelt es sich also um eine der ganz wenigen geschichtsdidaktischen wollen sie herausfinden, wie wirksam die baden-württembergische Interventionsstudien. In einem aufwändigen Pre-Post-Testverfahren Geschichtslehrerausbildung ist. Über einen Zeitraum von acht Jahren (Experimentalgruppe: n=28; Kontrollgruppe: n=25) hielten Studieren- werden insgesamt 259 Geschichtslehrerinnen und Geschichtslehrer de einerseits selbst Unterrichtsstunden, die zwecks Auswertung auf- befragt, erstmals am Ende des Referendariats und danach während gezeichnet wurden. Andererseits kamen als Instrumente Fragebögen der sich anschließenden professionellen Sozialisationsphase. Die von und Leitfadeninterviews zum Einsatz. Was die Ergebnisse der Studie Kanert und Seidenfuß vorgetragenen Befunde deuten unter anderem betrifft, so konnte Fenn plausibel machen, dass die subjektiven Theori- darauf hin, dass sich Geschichtslehrkräfte durch die im Fach Geschich- en sich zwar in beiden Gruppen veränderten, dass aber nur diejenigen te intensive Unterrichtsplanung zwar stark belastet fühlen, dass fachli- Studierenden, die zuvor unter anderem an einem speziellen Videocoa- che Aspekte aber insgesamt eine weniger wichtige Rolle spielen als ching teilgenommen hatten, auch ihr tatsächliches Unterrichtshandeln überfachliche. Außerdem zeichnet sich den Referenten zufolge ab, modifizierten. Allein in dieser Gruppe sei eine signifikante Präferenz dass die befragten Lehrerinnen und Lehrer einige Forschungsfelder, für problemorientierte und konstruktivistische Lehr-Lernformen er- die die Geschichtsdidaktik als Wissenschaftsdisziplin stark interes- kennbar gewesen. Auf der Grundlage dieser Befunde plädierte Fenn sieren (zum Beispiel Kompetenzmodelle, transnationale Geschichte, abschließend für eine engere Verzahnung von geschichtsdidaktischer Gender), offenbar für wenig relevant halten. Wichtiger seien ihnen Theorie und Schulpraxis sowie für eine intensivere und innovativere dagegen Themen wie außerschulische Lernorte oder virtuelles his- Betreuung studentischer Praktika. torisches Lernen. Abschließend warnten Kanert und Seidenfuß aus Im Anschluss daran warf MARKUS DAUMÜLLER (Heidelberg) guten Gründen jedoch vor Generalisierungen und räumten zugleich die komplexe (und von ihm selbst allenfalls ansatzweise beantwortete) ein, dass die Ressourcenfrage noch nicht endgültig zu beantworten Frage auf, ob die Konstruktion einer „gelingenden“ Berufsbiografie sei. Insgesamt griffen die Ressourcen der Lehrerbildung in der Berufs- und die erfolgreiche Verarbeitung von Berufserfahrungen Ressourcen einstiegsphase aber wohl „nur bescheiden – bei nicht einmal jedem seien, die Geschichtslehrerinnen und Geschichtslehrern bei der Be- zweiten bei den fachlichen und nur bei jedem fünften bei den über- wältigung ihrer beruflichen Herausforderungen helfen könnten. Zur fachlichen Schwierigkeiten.“ 3 Vgl. zuletzt Monika Fenn, Modifikation subjektiver Theorien von Studierenden über MONIKA FENN (Potsdam) diskutierte in ihrem Vortrag, ob und Lehren und Lernen im Geschichtsunterricht, in: Jan Hodel / Béatrice Ziegler (Hrsg.), wie sich das meist instruktionale Unterrichtshandeln angehender Leh- Forschungswerkstatt Geschichtsdidaktik 09. Beiträge zur Tagung „geschichtsdidaktik empirisch 09“, Bern 2011, S. 83-92. 383 384 Ressourcen von Geschichtslehrkräften – Ressourcen für den Holger Thünemann Geschichtsunterricht Beantwortung dieser Frage stützte Daumüller sich auf 27 Interviews, Praxisanteil des Studiums überhaupt „deutlich erhöht“ werden müsse, auf deren Basis er zehn Modi berufsbiografischer Erfahrungsorga- „um den Erwerb von didaktischem Fallwissen zu ermöglichen und zu nisation modellierte – unter anderem „Kernthema“, „Figurierung“, reflektieren“. „Distanz vs. Konformität“, „Kokonbildung“ und „Pädagogisierung Auch MARKO DEMANTOWSKY (Basel) und DIRK URBACH (Bo- des Geschichtsunterrichts“. Was den letztgenannten Modus betrifft, chum) nahmen in ihren Vorträgen Bezug auf Shulmans Wissenskon- präsentierte Daumüller den interessanten und zugleich paradoxen zeption. MARKO DEMANTOWSKY profilierte zunächst den theoreti- Befund, dass viele Geschichtslehrkräfte ihr „fachdidaktisches Han- schen Ansatz seiner im Kontext des Bochumer Forschungsverbundes deln [. . . ] vorwiegend pädagogisch begründen, ohne auf theoretische „Grundlagen fachbezogenen Lernens“ entstandenen, anspruchsvollen Konzepte einzugehen.“ Dem entsprächen eher fachunspezifische Rol- Langfriststudie, die Probanden aller Berufsphasen integriert. Im Kern, lenkonzepte („Erzieher“, „Lebenshelfer“, „Wahrheitssucher“, dagegen so Demantowsky, geht es um eine „grundlegende, induktive, lang- weitaus seltener „Fachwissenschaftler“), die im Übrigen weitgehend fristige und vergleichende Beschreibung eines geschichtsbezogenen veränderungsresistent seien. ,Pedagogical Content Knowledge‘“, das eine zugleich „individuell- In eine ähnliche Richtung wiesen auch Befunde, die THOMAS dynamische und historische Größe“ sei, „die vor allem durch soziali- SANDKÜHLER (Berlin) zur Diskussion stellte. Auf der Grundlage ei- satorische Erfahrungen geprägt“ werde. Dabei seien für die ab Herbst ner Befragung von 86 Studierenden (22 Bachelor-Studierende mit Lehr- 2013 geplante Hauptuntersuchung, die sich ganz bewusst als „Grund- amtsoption, 43 Master-of-Education-Studierende, 21 Master-of-Arts- lagenforschung ohne unmittelbaren Anwendungsanspruch“ versteht, Studierende als Kontrollgruppe) der Berliner Humboldt-Universität in methodischer Hinsicht sowohl stärker quantitativ akzentuierte Er- und in theoretischer Anlehnung an Shulmans Forschungsparadigma hebungsinstrumente (Fragebögen) als auch qualitative Zugriffe (zum des „Pedagogical Content Knowledge“ fragte er nach der Beziehung Beispiel Experteninterviews) geplant. Ausgehend von diesen Vorüber- von Fachwissen und fachdidaktischem Wissen und nach den Bedin- legungen, stellte Demantowsky dann erste Ergebnisse einer Vorstudie gungen, unter denen beide Wissensformen im Studium erworben wer- zur Diskussion, an der sich sowohl Studierende für das Lehramt Ge- den. Einerseits konstatierte Sandkühler eine „erkennbare Tendenz zur schichte der Ruhr-Universität Bochum (n=382) als auch Geschichtslehr- Entprofessionalisierung“. Andererseits hob er einen bemerkenswerten kräfte des mittleren und östlichen Ruhrgebiets (n=66) beteiligten. Im Widerspruch hervor: Die meisten Lehramtsstudierenden verfügten Rahmen dieser Vorstudie wurde unter anderem danach gefragt, wel- zwar über ein Konzept von Geschichte, das den Positionen moderner che Informationsressourcen die Probanden nutzen, um sich historisch Geschichtsdidaktik durchaus entspreche und durch geschichtsdidakti- zu informieren, wie sie die Glaubwürdigkeit der von ihnen benutzten sche Lehrveranstaltungen wohl auch positiv beeinflusst sei; aber den- Ressourcen einschätzen und welche Nutzungsempfehlungen sie an noch stehe die Fachdidaktik bei ihnen „kaum höher im Kurs“ als bei Schülerinnen und Schüler aussprechen würden. Auf große Resonanz den Master-of-Arts-Studierenden, die überhaupt keine geschichtsdi- bei den Teilnehmern der Sektion stieß dabei vor allem der Befund, daktischen Lehrveranstaltungen besuchten. Das ändere sich erst nach dass das Internet sowohl von Novizen als auch von Experten zwar dem Blockpraktikum. Ähnlich wie Monika Fenn plädierte daher auch nachdrücklich zur Informationsaneignung empfohlen wird, dass seine Thomas Sandkühler in überzeugender Weise für eine systematischere Zuverlässigkeit seitens der Probanden aber zugleich auf erhebliche Verbindung von geschichtsdidaktischer Theorie und Praxis, wobei der Vorbehalte stößt. Diesen Befund deutete Demantowsky als Argument 385 386 Ressourcen von Geschichtslehrkräften – Ressourcen für den Holger Thünemann Geschichtsunterricht dafür, dass geschichtskulturelle Medien und deren geschichtsdidakti- lehrkräfte hinsichtlich der Wissenschaftsdisziplin Geschichte haben, sche Reflexion in der Geschichtslehrerausbildung (auch weiterhin) eine sich von denen für das Schulfach Geschichte möglicherweise grundle- wesentliche Rolle spielen sollten. Den Faktor Geschichtskultur betonte gend unterscheiden. anschließend auch DIRK URBACH. Als erstes Ergebnis seines Pro- Die abschließende Diskussion, in der die Wahl des Sektionsthemas motionsprojekts (Interview-Vorstudie, n=10; die Hauptuntersuchung, gerade auch von den Kolleginnen und Kollegen aus der Praxis posi- n=24, ist für 2013-2015 geplant), das vor dem Hintergrund berufsbio- tiv hervorgehoben wurde, hatte vor allem vier Schwerpunkte. Zum grafischer Entwicklungsprozesse auf die Rekonstruktion von Fach- einen ging es um Methodenaspekte, also beispielsweise um Fragen und Selbstkonzepten zielt, formulierte Urbach die Hypothese, dass des Samplings oder der Passung von Fragestellung und Erhebungs- berufsbezogene Überzeugungen gemeinsam „mit den Erzählungen instrumenten. Dann wurde mehrfach nach dem Grad der Domänen- [. . . ] über vergangene Begegnungen mit Geschichtskultur stabile und spezifität der vorgestellten Befunde und dem Konzept geschichtsdi- konsistente Konstrukte und GeschichtslehrerInnen-Biografien“ bilde- daktischer Fachlichkeit gefragt. Außerdem wurde diskutiert, ob sich ten, „an denen sich sowohl Fach- wie auch Selbstkonzepte ablesen“ die Geschichtsdidaktik in Zukunft nicht stärker von ihrer bisherigen ließen. Bezüglich der Genese dieser Konzepte betonte Urbach dabei Fokussierung auf individuelle Einstellungen bzw. Überzeugungen die mutmaßliche „Wirksamkeit non-intentionaler Bildungsprozesse“. (beliefs) von Lehrerinnen und Lehrern lösen müsse, um Geschichtsun- BJORN WANSINK (Utrecht) ergänzte den deutschsprachigen Dis- terricht tatsächlich verbessern zu können. Und schließlich wurde die kurs schließlich um eine aufschlussreiche geschichtsdidaktische Per- Frage aufgeworfen, inwieweit es zulässig sei, aus ersten empirischen spektive aus den Niederlanden. Wansink hob zunächst hervor, dass Befunden bereits ausbildungspragmatische Konsequenzen abzulei- man dort – im Gegensatz zur deutschen Kompetenzdebatte – im Mo- ten. In forschungsstrategischer Hinsicht wäre – darauf sei ergänzend ment eine intensive Kanon-Diskussion führe. Danach präsentierte er hingewiesen – nicht zuletzt zu überlegen, wie es der Geschichtsdidak- dann theoretische Grundannahmen seines Dissertationsprojektes, in tik angesichts ihrer notorisch begrenzten Ressourcen gelingen kann, dessen Zentrum die Frage steht, wie sich die auf Geschichte/ Ge- vielversprechende, aber insgesamt eher noch disparate Forschungsvor- schichtsschreibung und Geschichtsunterricht bezogenen epistemolo- haben so effizient zu bündeln, dass sie auf dem enorm relevanten Feld gischen Überzeugungen zukünftiger Geschichtslehrer in ihrer postu- der Professionsforschung in naher Zukunft einen deutlichen Schritt niversitären Ausbildung und den ersten Jahren ihrer Berufstätigkeit vorankommt. Die Mainzer Historikertagsektion hat dazu einen wichti- entwickeln bzw. verändern und welche Faktoren (Persönlichkeits- gen Anstoß gegeben. merkmale, Schul- und Universitätsausbildung) für diese Entwicklung Sektionsübersicht: relevant sein könnten. Erste Untersuchungsergebnisse deuten Wan- sink zufolge darauf hin, dass die meisten Lehrerinnen und Lehrer Manfred Seidenfuß (Heidelberg); Marko Demantowsky (Basel): Ein- Geschichte als Ergebnis von Deutung und Interpretation vermitteln führung. Der gläserne Lehrer? Lehrerforschung im nationalen und wollen und den Methoden kritisch-historischen Denkens daher sehr interdisziplinären Rahmen große Bedeutung zumessen. Besonders interessant war die von Wan- Georg Kanert / Manfred Seidenfuß (Heidelberg): Auf dem Weg in den sink formulierte These eines „double epistemic standard“. Damit ist „Praxisschock“? Die Ressource Lehrerbildung für die Berufseinstiegs- gemeint, dass die epistemologischen Überzeugungen, die Geschichts- 387 388 Schrift und Buch als Ressourcen des späten Mittelalters phase MÄRTL (München) in ihrer Einleitung hervorhob. Dabei seien Res- sourcen nicht rein wirtschaftsgeschichtlich zu fassen, vielmehr hätten Monika Fenn (Potsdam): Ressource Erfahrung und Stil. Berufliche sie auch eine politisch-kulturelle Dimension. Sie stellten, mit Werner Selbstverständnisse von Lehramtsstudierenden des Faches Geschichte Plumpe, Mittel und Möglichkeiten für unsere kulturellen Vorstellun- Markus Daumüller (Heidelberg): Strategien der Organisation berufli- gen bereit. Märtl hob hervor, es gehe den Sektionsteilnehmern/innen cher Erfahrungen – eine Ressource von Geschichtslehrkräften? nicht um eine affirmative Anpassung an den Zeitgeist und das Propa- gieren eines rein ökonomistischen Ansatzes. Vielmehr vermöge der Marko Demantowsky (Basel); Dirk Urbach (Bochum): Ressourcen Begriff „Ressource“ den forschenden Blick zurück auf die Materia- berufsbezogener Überzeugungen angehender und praktizierender lität der Phänomene sowie deren wirtschaftliche und soziale Funk- Geschichtslehrkräfte im mittleren/östlichen Ruhrgebiet 2011/12 tionalisierung zu lenken. Buchbesitz habe nicht nur im Mittelalter Thomas Sandkühler (Berlin): Die Ressource Fachlichkeit bei Berliner als Statussymbol gedient, Kommunikationswege reguliert, Wissen Studierenden zur Verfügung gestellt oder bestimmten Publika vorenthalten. Bü- cher seien allein schon aufgrund der Knappheit des Pergaments, aber Bjorn Wansink (Utrecht): Diversity in prospective history teachers’ auch im beginnenden Papierzeitalter begrenzte Ressourcen gewesen, (epistemological) beliefs about history and history education die verwandelt oder vernichtet werden konnten, etwa in Gestalt von Palimpsesten. Im Spätmittelalter sei eine Dynamisierung von Buchpro- Tagungsbericht Ressourcen von Geschichtslehrkräften – Ressourcen für den duktion wie -verbreitung durch den Druck geschehen, es sei darüber Geschichtsunterricht. 25.09.2012-28.09.2012, In: H-Soz-u-Kult 21.12.2012. hinaus insgesamt zu einer gesteigerten Schriftproduktion gekommen. Die Entstehung von Büchern sei stets normativ reguliert und prakti- schen Zwängen unterworfen gewesen, woraus beständig Spannungen und Konflikte entstanden seien, weswegen das gesamte Feld einer Schrift und Buch als Ressourcen des späten Mittelalters beständigen Dynamik unterworfen gewesen sei. Diesen allgemeinen Rahmen zu füllen, unternahm zunächst CAR- Leitung: Claudia Märtl (München) LA MEYER (Heidelberg), die am Beispiel der Grafen von Württemberg Bericht von: Jan-Hendryk de Boer, Seminar für Mittlere und Neuere Schriftlichkeit als Ressource in ihren Dynamiken akribisch nachzeich- Geschichte, Universität Göttingen nete. Es ging ihr darum zu erklären, wie sich Verwaltungshandeln schriftlich niederschlage. Durch statistische und inhaltliche Auswer- Mit Buch und Schrift standen Ressourcen im Mittelpunkt der Sekti- tungen des altwürttembergischen Bestands im Hauptstaatsarchiv Stutt- on, die früher ein beliebter Forschungsgegenstand der Historischen gart mit der Signatur A602 wurde deutlich, wie die Materialien Papier Hilfswissenschaften waren und nun im Rahmen des wieder erwachten und Pergament die Glaubwürdigkeit der transportierten Inhalte mit- Interesses an Materialität auf teils an die älteren Ansätze anknüpfende, bestimmten. Allgemein ließ sich ein enormer Anstieg der Schriftpro- teils neuartige Weise mit neuer Intensität erforscht werden. Insofern er- duktion im 15. Jahrhundert erkennen, erst am Ende des Jahrhunderts schien es nur folgerichtig, ihnen im Rahmen eines Historikertages, der kam es zu einem leichten Rückgang. Dass solche statistischen Eviden- sich mit Ressourcen befasste, eine Sektion zu widmen, wie CLAUDIA 389 390 Jan-Hendryk de Boer Schrift und Buch als Ressourcen des späten Mittelalters zen immer vorgebliche sind, wurde nicht nur in der anschließenden Untertanen idealerweise schreiben und lesen können sollten. Für die Diskussion, sondern bereits von Meyer selbst entschieden hervorge- Stadt Stuttgart wurde erstmals ein Ausweispapier eingeführt. Um dem hoben. Nicht nur wurde der von ihr untersuchte Bestand erst nach erhöhten Bedarf an dieser Ressource entsprechen zu können, wurde dem Zweiten Weltkrieg in der jetzigen Form zusammengeführt; auch in den 1470er-Jahren in Urach eine Papiermühle eingerichtet. Papier hatten Kriege für Verluste gesorgt, spätere Abschriften waren umge- war dabei der Beschreibstoff für die Alltagsschriftlichkeit. Nicht nur kehrt kontinuierlich dazugekommen, um Lücken zu füllen. Kassati- die Schriftlichkeit im Allgemeinen wurde von Eberhard als wichtiges onsmaßnahmen schlugen sich ebenfalls nieder: So hatten ökonomische Medium erkannt, auch die neue Technik des Drucks wurde von ihm Quellen grundsätzlich schlechtere Überlieferungschancen gehabt als begierig aufgenommen. Insgesamt, so konnte Meyer resümieren, war rechtsrelevante. Archivare neigten dazu, eher Pergament als Papier der Beschreibstoff ein wichtiger Grund für Aussortierung und Nicht- zu bewahren. Der vermeintliche statistisch konstatierte Rückgang der überlieferung, womit sich Papiergeschichte nur als Verlustgeschichte Schriftproduktion Ende des 15. Jahrhunderts war tatsächlich die Aus- schreiben lasse. wirkung der Einführung des Amts eines Registrators in der Kanzler, EVA SCHLOTHEUBER (Düsseldorf) widmete sich der Rolle von der gezielt auswählte, was bewahrt und was aussortiert werden sollte. Büchern im Franziskanerorden, ein gerade in den ersten Jahrzehnten Doch all dieser Einflüsse auf den Quellenbestand zum Trotz, ließen der Ordensgeschichte und im Rahmen der Observanz heftig umstritte- sich allgemeine Entwicklungslinien aufzeigen: Im 14. Jahrhundert wur- nes Thema. So warfen die Franziskanerobservanten ihren Mitbrüdern de die Verwaltung unter Eberhard II. dem Greiner mit dem Stuttgarter im Umfeld des Konstanzer Konzils vor, zu leicht Kinder anzuwerben Schloss als Mittelpunkt ortsfest; Mitte des 14. Jahrhundert entstand und sie unter anderem mit dem Versprechen zum Ordenseinritt zu eine organisierte Schreibstube, Ende des Jahrhunderts die Kanzlei als verführen, dass sie als Brüder über die Bücher des Ordens verfügen festes Gebäude. Damit verbunden war das Auftauchen neuer Gat- könnten. Grundsätzlich standen Franziskaner Büchern und insbeson- tungen, vorrangig der Amtsbücher in Gestalt von Lehnsbüchern und dere wertvollen Büchersammlungen in verschiedenen Abstufungen Urbaren. Mit einem Brief von 1358 hielt das Papier als Beschreibstoff skeptisch gegenüber. Die frühen Mendikanten führten Bücher mit sich, Einzug, doch die eigentliche Papierzeit verortete Meyer erst ab den wobei diese nicht als Privat-, sondern als Ordensbesitz galten. Aus- 1380er-Jahren im Gefolge der neuen Gräfin Antonia da Visconti. Wäh- wahl, Bereitstellung und Beschränkung von Büchern war Sache des Ge- rend Italiener zur Zeit Antonias rechtsverbindliche Geschäfte bereits samtordens, wie immer wieder von den Generalkapiteln eingeschärft auf Papier ausfertigen, war man in Württemberg skeptischer und blieb wurde. Statuten versuchten, den privaten Buchbesitz zu regulieren zunächst beim Pergament. Mit der Landesteilung des 15. Jahrhunderts und zurückzudrängen. Doch gab es innerhalb des Ordens auch andere wurde auch die Verwaltung auf mehrere Zentren verteilt, womit eine Stimmen: David von Augsburg etwa verstand Armut als Konnex zu Zunahme des Schreibbedarfs korrelierte, die nun immer stärker auch spirituellem Reichtum, und Berthold von Regensburg konnte darle- die Lokalverwaltung einschloss. Innerhalb der Kanzlei wurde der gen, dass sich gerade deshalb Armut und Buchbesitz verbinden ließen. Landschreiber zu einem eigenen Ressort. Für die Zeit Eberhards im Die Armutslehre praktisch umsetzend, blieben franziskanische Bücher Barte machte Meyer eine „regelrechte Bürokratisierungswut“ aus, die betont einfach ausgestattet, der Inhalt wurde bereits in Schriftbild und sich in zahllosen Erlassen, Registern und Amtsbüchern niederschlug. Textgestaltung als das Entscheidende hervorgehoben. Ende des 13. Schreibkenntnisse wurden für alle Amtsleute zur Pflicht, wie auch die und zu Beginn des 14. Jahrhunderts nahm die Zahl gelehrter Brüder 391 392 Jan-Hendryk de Boer Schrift und Buch als Ressourcen des späten Mittelalters zu, worauf man mit der Einrichtung von Schulen in den einzelnen Die Nutzungsbedingungen sahen vor, dass Bücher nur in Bibliotheks- Provinzen reagierte, um Konvente mit Lektoren, Priestern, Beichtigern räumen eingesehen werden dürften. Für viel Ärger, unter anderem etc. versorgen zu können. Damit war nahezu unausweichlich die Ge- bei Conrad Celtis, sorgte die Beschränkung des Bibliothekszugangs, fahr verbunden, dass Brüder abweichende Lehren verträten, worauf bevorzugt wurden Magister, die Mitglied im fakultären Leitungsgre- der Orden mit einer bewussten Theologisierung reagierte: Geeignete mium waren. Studenten konnten die Bestände grundsätzlich nicht nut- Brüder wurden an Studienhäuser und Universitäten geschickt, das zen, auch für Mitglieder höherer Fakultäten stand der Zugang nicht Studium wurde zur Voraussetzung für die Übernahme ordensinter- automatisch offen. Bekanntermaßen ist der Diebstahl von Büchern ner Ämter. Konsequenterweise forderten die Ordines Benedikts XII. aus Universitätsbibliotheken bis heute ein Problem geblieben. Die In- die Einrichtung von Bibliotheken in den Konventen. Wichtige Häuser golstädter Bibliothekare kennzeichneten ihre Bücher gleich vierfach: richteten zwei Sammlungen ein, eine für das Generalstudium, eines mit einem Besitzvermerk, einem Ex libris-Wappen, einem Sichtver- für die Provinz/Kustodie. Weiterhin behielt der Orden die Bücher- merk auf fol. 10 sowie einem Schlussvermerk nach dem Kolophon. auswahl und die zentrale Prüfung ihrer Inhalte in der Hand. Im 15. An mehreren Exemplaren konnte Schuh zeigen, dass solche Vorsicht Jahrhundert bemühte man sich, private und selbstgeschriebene Bücher durchaus berechtigt war: Zahlreiche Bände hatte er ihm Rahmen sei- in Konventsbibliotheken einzugliedern, was nicht immer ohne Schwie- ner Recherchen aufgespürt, bei denen Besitzvermerk und Wappen rigkeiten ablief und beständigen Drucks der Ordensoberen bedurfte. herausgeschnitten waren, häufig ermöglichte es aber zumindest eine Die in Folge all dieser Maßnahmen häufig sehr gut ausgestatteten erhalten gebliebene Kennzeichnung, bestimmte Bücher Ingolstadt zu- Franziskanerbibliotheken übten große Auswirkungen auch über den zuordnen. Nur etwa 25% der Bestände der Fakultätsbibliothek waren Orden hinaus aus und verbanden die Konvente mit der jeweiligen Handschriften, es dominierten Inkunablen. Auch inhaltlich war man, Stadt. Durch zurückkehrende Studenten wurden die Konvente regel- entgegen mancher (bereits von zeitgenössischen Humanisten kolpor- mäßig mit neuer Literatur aus den intellektuellen Vororten versorgt. tierter) Klischees dem neuen Wissen und den neuen Techniken, wie Unter Verwendung von Ergebnissen seiner im Druck befindlichen sie aus Italien über die Alpen kamen, aufgeschlossen. Benutzungsspu- Dissertation beschrieb MAXIMILIAN SCHUH (München/Göttingen) ren zeigten, dass auch antike Texte von Artisten verwendet wurden. am Beispiel Ingolstadt das Buch als Wissensressource an der spätmittel- Die Integration humanistischen Bildungsguts war dennoch nicht un- alterlichen Universität. Dabei zeigte er, dass das Buch durch die jewei- problematisch und bedurfte pädagogischer Kunstgriffe: Studentische lige Benutzung zur kulturellen Ressource wurde. Seit 1473 unterhielt handschriftliche Anmerkungen in Marginalglossen zu den Elegantiole die Ingolstädter Artistenfakultät eine eigene Bibliothek, 1480 richtete verzeichnen zusätzliche, einfachere Beispiele, die sich dem mündli- man einen universitären Bibliotheksraum ein. Auf diese Weise wur- chen Unterricht verdankten. Einige waren der studentischen Lebens- den Texte für den Unterricht der Artesmagister bereitgestellt, da für welt entnommen. Einige Studenten fügten eigene Beispiele hinzu, in viele Magister der Erwerb von Büchern auch im Druckzeitalter nicht denen sie das Gelernte spielerisch rekapitulierten. Bei aller Einfachheit möglich war. 1490 wurde der Erwerb von Büchern für artistischen und gelegentlichen Unbeholfenheit konnte Schuh gleichwohl nachwei- Unterricht angemahnt, offenbar mit Erfolg, denn 1492 verzeichnete sen, dass sich der Stil, der im artistischen Unterricht vermittelt wurde, der Bestandskatalog 231 Bände, darunter prominent Werke, die dem konsequent am klassischen Latein orientierte. Unterricht dienten. Der Bestand war nach Sachgruppen angeordnet. Im letzten Vortrag widmete sich MARTIN WAGENDORFER (Mün- 393 394 Jan-Hendryk de Boer Schrift und Buch als Ressourcen des späten Mittelalters chen/Wien) Handschriften als Wissensressource, wobei er die Rezep- weniger in ihrem Umfang, wohl aber in ihrem starken humanistischen tion des Humanismus nördlich der Alpen in Privatbibliotheken als Einfluss für Wiener Universitätsgelehrte der Zeit ungewöhnlich. Die Beispiel wählte. Der Wechsel von gotischer zu humanistischer Schrift Artistenfakultät etwa kaufte erst ab 1467 humanistische Bücher, ers- stellte demnach eine bewusste Entscheidung dar, mit der man sich te humanistische Vorlesungen wurden ab 1451 gehalten. Wie genau zum neuen Bildungsideal bekannte. Insgesamt seien Privatbibliothe- Polczmacher seine humanistischen Interessen entwickelte, muss teil- ken zwar recht schwer zu erforschen, sie böten aber auch besondere weise Spekulation bleiben. Immerhin ist es sicher, dass er Kontakt Chancen: Während sich nämlich bei institutionellen Bibliotheken Teile mit Enea Silvio Piccolomini hatte. Eine Parallele stellte die teilwei- des Bestandes immer dem Zufall verdankten, orientierten sich Pri- se rekonstruierbare Bibliothek des Georg von Peuerbach dar. Auch vatbibliotheken an den Interessen der jeweiligen Besitzer. So könne er zeigte deutlich humanistische Interessen. In seinen Handschriften man mittelalterliche Bibliothekskataloge systematisch auf Buchbesitz finden sich frühe Belege für die humanistische Minuskel. Das in der von Humanisten auswerten und Spuren gezielter Aneignung rekon- Forschung häufig angeführte Beispiel der Melker Annalen ab 1418, struieren. Als Beispiel wählte Wagendorfer die Bibliothek des Wiener die immer wieder als erste Verwendung der humanistischen Minuskel Juristen Johannes Polczmacher. Er wurde 1424 in Wien inskribiert, in Nordeuropa angeführt werden, verwarf Wagendorfer. Tatsächlich erlangte 1432 an der juristischen Fakultät das Lizentiat und wurde ahme Petrus von Rosenheim nämlich eine ältere Minuskel (vielleicht 1434 zum Doktor des Kirchenrechts promoviert. Mehrfach bekleidete aus dem 12. Jahrhundert) nach. So ließen sich die Verwendung der Polczmacher das Amt des Dekans, 1438 war er Rektor der Universi- neuen humanistischen Schriften und damit eine aktive Zuwendung tät. Er trat als Verfasser eines umfassenden Dekretalenkommentars zum italienischen Bildungsideal für Österreich kaum vor 1450 belegen. hervor. Zwar gehörte er keinem der Wiener Humanistenkreise an Insgesamt konnte die Sektion, wie sich in der Diskussion bestätigte, und verfasste keine humanistischen Schriften. Seine Bibliothek do- schlagend unter Beweis stellen, dass die alten Interessen an Schrift und kumentierte jedoch Interessen, die über seine Tätigkeit als Jurist an Buch unter dem Zeichen der Materialitätsforschung eine eindrucksvol- der Universität hinauswiesen. Testamentarisch verfügte er, dass sei- le Revitalisierung erfahren und so ihrerseits eine wichtige Ressource ne Autographen an einen Kanonikus gehen sollten, 82 Bände seiner etwa für die Gelehrten- und Universitätsgeschichte, die Religions- und Bibliothek vermachte er dem Wiener Schottenkloster. Die sich darun- Frömmigkeitsgeschichte sowie die Ideengeschichte darstellen kann. ter befindenden juristischen Bücher sollten Universitätsangehörigen Sektionsübersicht: gegen eine Gebühr zur Verfügung stehen. Die dem Schottenkloster zu überlassenden Bände teilte er nach Sachgebieten ein, wobei er 46 Claudia Märtl (München): Einführung ins Thema der Sektion Bände als „in iure canonico“ verzeichnete und 30 als „Libri morales et Carla Meyer (Heidelberg): Ressource Schriftlichkeit im späten Mittel- poetici ac alii permixtim“. Darunter befanden sich laut Wagendorfer alter. Das Beispiel der Grafen von Württemberg 25 Bände mit humanistischen Texten (antike Klassiker, Petrarcas „De remediis“, Piccolomini). Insgesamt 29 Bände waren auf Pergament, 52 Maximilian Schuh (München/Göttingen): Das Buch als Wissensres- auf Papier geschrieben. Erhalten haben sich fast nur juristische Texte source an der spätmittelalterlichen Universität. Das Beispiel Ingolstadt und fast ausschließlich Papierhandschriften. Fast alle Handschriften Eva Schlotheuber (Düsseldorf): Die Ressource ’Buch’ im Spannungs- sind auf die frühen 1440er-Jahre zu datieren. Seine Bibliothek war 395 396 Schuld – Sühne – Recht. Gerechtigkeitsvorstellungen, Rachephantasien und juristische Interventionen um 1945/46 feld zwischen Privatbesitz und Konventsbibliothek Noch bis Kriegsende war auf allen Seiten der Alliierten sehr kontro- vers diskutiert worden, ob nicht Massenhinrichtungen von deutschen Martin Wagendorfer (München/Wien): Handschriften als Schrift- und Kriegsverbrechern der beste Weg der Vergeltung seien. Dass schließ- Wissensressource. Die Rezeption des Humanismus nördlich der Alpen lich ab Sommer 1945 der Weg der Gerichtsverfahren eingeschlagen im Spiegel von Privatbibliotheken wurde, hin zum Nürnberger Hauptkriegsverbrecherprozess vor einem Internationalen Militärtribunal, den Nürnberger Nachfolgeprozessen Tagungsbericht Schrift und Buch als Ressourcen des späten Mittelalters. und den vielen hundert Verfahren in den jeweiligen Besatzungszonen, 25.09.2012-28.09.2012, In: H-Soz-u-Kult 18.10.2012. war keineswegs so selbstverständlich, wie es uns heute erscheinen mag. Weder war die Rechtsgrundlage geklärt, noch konnten die Emp- findungen der Öffentlichkeiten eingeschätzt werden. Was für eine Strafe könnte überhaupt dem Ausmaß der Verbrechen gerecht wer- Schuld – Sühne – Recht. Gerechtigkeitsvorstellungen, den? Hatten die deutschen Massenmörder es „verdient“, vor Gericht Rachephantasien und juristische Interventionen um 1945/46 gestellt zu werden, wo sie sich öffentlich verteidigen konnten? Wider- sprach das nicht den nur zu verständlichen Rachewünschen, gerade Leitung: Stefanie Schüler-Springorum (Berlin) / Ulrike Weckel (Berlin) auf Seiten der Opfer und Geschädigten? ULRIKE WECKEL (Berlin) Bericht von: Christoph Dieckmann, Fritz Bauer Institut, Frankfurt am hob die Errungenschaft hervor, die Chefankläger Robert Jackson zu Main/Keele University, UK Beginn seiner Eröffnungsrede aussprach: „That four great nations, flushed with victory and stung with injury stay the hand of vengeance Stefanie Schüler-Springorum und Ulrike Weckel (beide Berlin) hatten and voluntarily submit their captive enemies to the judgement of law eingeladen, über das Verhältnis von Rache und Recht 1945/1946 nach- is one of the most significant tributes that Power has ever paid to zudenken, die Schuldfrage zu historisieren und selbstkritisch unser Reason.“ Moralisieren der NS-Nachgeschichte in den Blick zu nehmen. Die ex- Die Alliierten erhoben schließlich Anklage unter anderem wegen tremen Massenverbrechen der Deutschen lagen bei Kriegsende offen „crimes against humanity“. Diese beinhalteten auch die Ermordung zu Tage. Wie konnte man darauf reagieren und wie wurde reagiert? Es der europäischen Juden. Die Shoah wurde somit – entgegen manchen ging in dieser Sektion um verschiedene zeitgenössische Perspektiven, Thesen in der Historiographie – beachtet, wenngleich nicht in einer vor allem aus jüdischer und deutscher Sicht, um Rachephantasien und Weise, die ihrer Bedeutung annähernd gerecht werden konnte. Gleich- -realitäten sowie die juristischen Überlegungen und Interventionen wohl kam LAURA JOCKUSCH (Haifa/Jerusalem) in ihrer Untersu- der Alliierten. Elisabeth Gallas (Leipzig/Wien) und Laura Jockusch chung, wie der 1936 in Genf gegründete Jüdische Weltkongress (World (Haifa/Jerusalem) untersuchten jüdische Institutionen, die Organisati- Jewish Congress, WJC), der sich als Nichtregierungsorganisation des on „Jewish Cultural Reconstruction“ und den Jüdischen Weltkongress. Diasporajudentums und des „geretteten Rests“ (She’erit Hapleta, die Mark Roseman (Bloomington) trug zu Täterbildern und Holocaustnar- Eigenbezeichnung der jüdischen Überlebenden) verstand, zu einem rativen der jüdischen Opfer vor und Ulrike Weckel zu Opferbildern überraschenden Ergebnis. Der WJC hatte versucht, so Jockusch, die und den diversen Rachephantasien der Deutschen. Shoah im Nürnberger Prozess sehr viel mehr herauszustellen, zeigte 397 398 Schuld – Sühne – Recht. Gerechtigkeitsvorstellungen, Christoph Dieckmann Rachephantasien und juristische Interventionen um 1945/46 sich aber durchaus zufrieden mit dem Erreichten und das, obwohl und um die Frage, ob jüdische Kultur in Europa wiederhergestellt viele seiner Initiativen gescheitert waren, weil den Alliierten aus un- werden könnte. Es war Hannah Arendt, die ab August 1944 die For- terschiedlichsten (und nicht immer guten) Gründen andere Gesichts- schungsabteilung des JCR leitete. Das Ausmaß der Zerstörung und des punkte wichtiger erschienen. Seit 1942 hatte sich das 1941 vom WJC Raubes wurde durch Recherchen immer klarer. Damit sei die Absicht gegründete Institute of Jewish Affairs mit der Dokumentation der der Wiederherstellung jüdischen kulturellen Lebens in Europa in den Shoah und den Rechtsfragen zur Strafverfolgung der Täter befasst. Es Hintergrund gerückt, und die Rückerstattung sollte an die neu entste- sei dem WJC aber weder gelungen, als nichtstaatliche Organisation henden Zentren jüdischen Lebens außerhalb Europas erfolgen. Wie einen Sitz in der im Oktober 1943 in London gegründeten United War aber konnte das nichtstaatliche, transterritoriale Kollektiv der Juden Crimes Commission (UWCC) zu erhalten, noch die Strafverfolgung als Rechtssubjekt anerkannt werden, da Rückerstattungsvereinbarun- von deutschen Verbrechen gegen deutsche und österreichische Juden gen seit 1907 auf dem Territorialprinzip beruhten? Arendt hatte schon in das Mandat der UWCC einzubeziehen, da nur Kriegsverbrechen seit 1941 für die Aufstellung einer jüdischen Armee plädiert, um so das an Bürgern feindlicher Staaten verfolgt werden sollten. Ende 1944 Recht zu erstreiten, eine gestaltende Rolle in der Nachkriegsordnung forderte der WJC eine offizielle jüdische Vertretung bei der Strafver- einzunehmen. Da dies nicht geschah, war ab 1945 ganz unklar, an wen folgung der Täter, weil das jüdische Volk ein besonderes Schicksal geraubte jüdische Kulturgüter zurückgegeben werden sollten. Die JCR erlitten habe. Im Juni 1945 sprach der WJC mit Robert Jackson über habe daher auf eine Treuhandorganisation gedrängt und sich 1947 einen separaten Prozess zur Ermordung der Juden, und schließlich mit 17 weiteren jüdischen Organisationen zusammengeschlossen; das stand die Möglichkeit im Raum, den Präsidenten der Zionistischen „European“ verschwand aus dem Namen, Hannah Arendt übernahm Weltorganisation, Chaim Weizman, als Zeugen auftreten zu lassen. die Geschäftsführung. 1949 wurde die JCR tatsächlich als Treuhände- Zwar schlugen all diese Initiativen fehl. Aber Jackson nutzte gerne rin für erbenlose jüdische Kulturgüter anerkannt, allerdings nur in das vom Institute of Jewish Affairs zusammengestellte Material, und der amerikanischen Zone. In diesem Zusammenhang, so Gallas, reiste der Leiter des Instituts, Jacob Robinson, formulierte alle diejenigen Arendt Ende 1949 nach Deutschland und schrieb ihre niederschmet- Passagen der Anklagerede Jacksons, die sich auf Juden bezogen. Das ternden Erfahrungen in ihrem Essay Besuch in Deutschland auf. Ihr war vielleicht schon mehr als der WJC realistischerweise erwarten zentrales Anliegen, die Anerkennung des universellen „Rechts, Rechte konnte, so Jockusch. Denn das jüdische Volk stellte zu diesem Zeit- zu haben“, fand seinen Ausdruck in ihrer Arbeit für die JCR. punkt noch kein „Rechtssubjekt“ dar, die Staatsgründung Israels stand In den Vorträgen von MARK ROSEMAN (Bloomington) und UL- noch bevor, es gab keine offizielle jüdische Delegation. Daher seien RIKE WECKEL (Berlin) ging es weniger um Rechtsfragen als viel- jüdische Vertreter auf die Gunst anderer staatlicher Repräsentanten mehr darum, welche Rolle Rachewünsche und Rachephantasien bei angewiesen gewesen. Juden und Deutschen gespielt haben. Roseman illustrierte das in Frage Dieses Problem beschäftigte auch die Ende 1943 gegründete und stehende Problem mit einem Witz, den überlebende Juden in Israel vom Historiker Salo Baron geleitete Organisation „Commission on erzählten: Hitler, trying to hide his post-war identity, enters a Café European Jewish Cultural Reconstruction“ (JCR), wie ELISABETH in Prague and sees a survivor reading the daily newspaper. „Could I GALLAS (Leipzig/Wien) herausstellte. Der JCR sei es um die Auf- borrow your paper?“ whispers Hitler politely. The Jew, recognizing findung und Rückgabe geraubter jüdischer Kulturgüter gegangen Hitler, answers in fury: „No, Herr Führer, you will never get a newspa- 399 400 Schuld – Sühne – Recht. Gerechtigkeitsvorstellungen, Christoph Dieckmann Rachephantasien und juristische Interventionen um 1945/46 per from me after what you have done to my people during the war.“ Gerichtsverfahren zu ermöglichen. Das heißt, der brennende Wunsch Der Mangel an Rache wurde ironisiert. Und tatsächlich sind nicht nach Rache konkretisierte sich womöglich in den Aufzeichnungen viele Quellen überliefert, in denen Rache an den nationalsozialisti- selbst, ohne ausdrücklich Rachewünsche zu artikulieren. schen Deutschen eine Rolle spielt, weder zeitgenössisch, noch nach Es gab also durchaus Anlass für die Ängste von Deutschen vor Kriegsende. Aber stimmt es wirklich, so fragte Roseman, dass die Rache von Juden, gerade vor dem Hintergrund, dass Rache gewisser- ungeheuren Ohnmachts- und Verlusterfahrungen der jüdischen Opfer maßen als normal und gerechtfertigt angesehen wurde („Wir haben nicht zu mehr Wut, Zorn und Rachewünschen geführt haben? Ist die das getan, und das ist jetzt die Quittung dafür“). Aber diese Ängste weitgehende Abwesenheit von Rache, oder besser die Nichtthema- waren verbunden mit der antisemitischen projektiven Phantasie einer tisierung von Rachebedürfnissen, nicht vielleicht eher ein Resultat „jüdischen Weltmacht“, die die Bomben der Alliierten dirigieren kön- von Selbstzensur auf allen Seiten und hat mehr mit Wünschen nach ne. An diese Frage nach den deutschen Vorstellungen zu „jüdischer“ dem Bild vom schwachen, aber „edlen“ Opfer zu tun? Einige israe- Rache schloss ULRIKE WECKEL (Berlin) an, indem sie Quellen zu An- lische Historiker weisen auf die Fülle von letzten Worten der Opfer geklagten und Verteidigern im Hauptkriegsverbrecherprozess sowie hin, in denen der Schrei nach Rache und Vergeltung deutlich sei, oft Kommentare zum Prozess aus der deutschen Bevölkerung untersuch- geradezu als bleibende Verpflichtung für die Überlebenden formu- te. Glaubten Deutsche, in Nürnberg würden Juden Sühne fordern oder liert. Erst seit einigen Jahren ist bekannt, dass es auch organisierte Rache nehmen? Sie stellte den pauschalisierenden Antisemitismusver- Versuche gab, Rache an Deutschen und Nazis zu üben; erinnert sei dacht in Frage und kam zu differenzierten Ergebnissen. Zwar schürte an die Versuche jüdischer Partisanen aus Litauen und Polen, sechs die NS-Propaganda ab 1943 eine Weile gezielt Ängste vor der Rache Millionen Deutsche zu vergiften, die bis zu 150 Hinrichtungen von von Juden, interessanterweise weniger als Drahtzieher des Bolsche- österreichischen SS-Männern durch Mitglieder der Jüdischen Brigade wismus denn als Hintermänner der westlichen Regierungen. Aber im und die jahrzehntelang weltweit agierenden jüdischen Untergrund- Propagandaministerium hielt man das schließlich für kontraproduktiv kommandos, die führende Nazis jagten. Die Nichtthematisierung von und setzte auf Ermahnungen zu heldenmütigem „Abwehrkampf“. Rachebedürfnissen und -aktionen wirft die Frage nach der Gestaltung Inwiefern war den Deutschen klar, dass Nürnberg gerade einen Ver- von Erinnerungen und Holocaustnarrativen auf. Die Unterschiede in zicht auf Rache darstellte? Von den Angeklagten ereiferte sich nur der jiddischen und der englischen, bzw. französischen Version der Julius Streicher, dass der Prozess „ein Triumph des Weltjudentums“ Erinnerungen von Eli Wiesel verdeutlichen das Problem: Hieß es auf sei. Weder bei Robert Ley noch bei Hermann Göring, Baldur von Schi- Jiddisch: „Am Morgen des nächsten Tages machten sich die jüdischen rach, Joachim von Ribbentrop oder Hans Fritzsche lassen sich ähnlich Jungs auf nach Weimar, um Kleidung und Kartoffeln zu stehlen. Und eindeutige Äußerungen finden, ebenso wenig bei ihren Verteidigern. deutsche Schicksen zu vergewaltigen“, lautete die englische Fassung: Die amerikanische Militärregierung versuchte zu ermitteln, wie die „On the following morning, some of the young men went to Weimar to deutsche Bevölkerung über den Prozess dachte, sofern sie ihn nicht – get some potatoes and clothes – and to sleep with girls. But of revenge, wie so viele – schlicht zu ignorieren suchte. Erstaunlicherweise sank not a sign“. Roseman verwies in diesem Zusammenhang auch auf die die Quote derjenigen, die angaben, den Prozess für fair zu halten, seit Beginn des 20. Jahrhunderts entstehende jüdische Tradition, anti- nie unter 75 Prozent; die Urteile hielten 55 Prozent für gerecht, Kri- jüdische Greueltaten in „objektiver“ Weise festzuhalten, um spätere tik gab es vor allem an den drei Freisprüchen. In Tagebüchern und 401 402 Christoph Dieckmann Briefen ist eine Vielzahl unterschiedlicher Stimmen zu finden. Am sungslosigkeit eher noch zu, je mehr Details man erfahre. Der Be- auffälligsten erscheint dabei, dass zum einen die Sorge vor kollektiven richterstatter kann sich dem nur anschließen und konstatieren, dass Schuldzuschreibungen kursierte, zum anderen, dass viele sich selbst die Sektion der Komplexität des spannenden Themas gerecht wurde zum Opfer der Nationalsozialisten stilisierten. Daher entwickelten sie durch vier nachdenklich stimmende Vorträge, die neues Quellenma- ihrerseits Rachegelüste gegen prominente Nationalsozialisten. Rela- terial vorstellten, den abrundenden Kommentar und eine lebhafte, tiv wenige Quellen belegen antisemitische Verschwörungsannahmen. interessante Diskussion. So sollten Sektionen auf dem Historikertag Weckel kam zu dem Schluss, dass, obwohl der Mord an den Juden sein! Europas in Nürnberg nicht zu einem eigenständigen Anklagepunkt Sektionsübersicht: geworden war, den meisten Deutschen 1945/1946 klar war, dass der Judenmord ein ungeheuerliches, nicht angemessen zu sühnendes Ver- Mark Roseman (Bloomington): Zwischen Rache und Schweigen. Zum brechen darstellte. Täterbild der Opfer Dass viele Deutsche daher Gerichtsprozesse, Rache und Vergel- Elisabeth Gallas (Leipzig/Wien): Recht und kulturelles Erbe. Hannah tung in gewisser Hinsicht als erwartbar und normal ansahen, stellte Arendt und die Initiativen der Jewish Cultural Reconstruction nach MICHAEL STOLLEIS (Frankfurt am Main) in seinem Kommentar dem Zweiten Weltkrieg einleitend heraus. Er wies vor allem auf die Schwierigkeit hin, Ge- rechtigkeitsvorstellungen und Rachephantasien für 1945/1946 zu re- Laura Jockusch (Haifa/Jerusalem): Ein Anwalt der Opfer? Der Jüdi- konstruieren. Je mehr Quellen man studiere, desto vielfältiger und sche Weltkongress und das Problem jüdischer Interessenvertretung uneinheitlicher werde das „Stimmengewirr“. bei den Nürnberger Prozessen Er griff vor allem den Gedanken auf, dass Rache meist nicht thema- Ulrike Weckel (Berlin): Phantasien über „jüdische Rache“ in Nach- tisiert wurde. Enorme psychische Energien seien darauf verwandt wor- kriegsdeutschland: Latentes Unrechtsbewusstsein oder eine weitere den, Rache-, Schuld- und Schamgefühle gleichsam einzusargen, nicht Variante von Antisemitismus? nur auf Opfer-, sondern auch auf Täterseite. „Der Feind als Frage nach der eigenen Gestalt“ habe bei den Tätern zur Epoche des „kollektiven Michael Stolleis (Frankfurt am Main): Kommentar Beschweigens“ geführt, die erst in den 1960ern aufgebrochen wor- den sei. Das Problem, dass die jüdischen Opfer im damals geltenden Tagungsbericht Schuld – Sühne – Recht. Gerechtigkeitsvorstellungen, Völkerrecht kein „Rechtssubjekt“ darstellten, erfuhr gerade durch die Rachephantasien und juristische Interventionen um 1945/46. 25.09.2012- internationalen Reaktionen auf die Verbrechen der Nationalsozialisten 28.09.2012, In: H-Soz-u-Kult 29.11.2012. eine grundlegende Veränderung, wie die UN-Menschenrechtscharta von Dezember 1948 zeige. STOLLEIS endete seinen Kommentar mit dem Plädoyer, Historiker möchten sich angesichts der Komplexität der zu untersuchenden Geschehnisse nicht mit vorschnellen und simpli- Social Conflicts and Internationalism in the Twentieth Century. fizierenden Antworten zufrieden geben. Gerade bei der Erforschung Towards a Transnational History of Social Movements von Massenverbrechen und ihren Nachwirkungen nehme die Fas- Leitung: Stefan Berger (Bochum) 403 404 Social Conflicts and Internationalism in the Twentieth Century. Ulf Teichmann Towards a Transnational History of Social Movements Bericht von: Ulf Teichmann, Institut für soziale Bewegungen, Ruhr- von Internationalismus als Prozess, als politisches Programm oder als Universität Bochum individuelle oder kollektive Identität erweitert werden müsse. Inter- nationalismus lasse sich am besten als Ansammlung verschiedener Zu Beginn verortete STEFAN BERGER (Bochum) die Sektion im For- Aktivitäten verstehen, die in verschiedenen Räumen, in verschiedenen schungskontext. Hierbei ging er zunächst der Frage nach, inwiefern es Geschwindigkeiten und Intensitäten und mit unterschiedlicher Dauer Sinn macht, das Konzept der sozialen Bewegungen, das zumeist auf von statten gingen. Bezüglich des auf Parteien basierenden Internatio- die ‚Neuen sozialen Bewegungen‘ jüngeren Datums bezogen wurde, in nalismus schrieb Imlay dem sozialistischen Internationalismus eine einer längeren diachronen Perspektive auch auf die Arbeiterbewegung Sonderstellung zu. Für internationale Netzwerke christdemokratischer zu beziehen. Da die andauernde Beweglichkeit des Gegenstandes eine Politiker habe dieser eine Vorbildfunktion gehabt, vom kommunis- präzise Definition sozialer Bewegungen erschwere, plädierte er dafür, tischen Internationalismus habe er sich durch den grundsätzlichen die Grenzen des Begriffes nicht zu eng zu ziehen und auch die Arbei- Aspekt der Freiwilligkeit unterschieden und vom heutigen Internatio- terbewegung als eine Ansammlung verschiedener Organisationen und nalismus, der sich idealtypisch in einen staatszentrierten und einen Institutionen als soziale Bewegungen zu fassen. Entsprechend sollte nicht-staatszentrierten Internationalismus einteilen lasse, grenze er die Sektion zeigen, dass es sich lohnt, die ‚Neuen sozialen Bewegun- sich ab durch einen Mittelweg aus diesen beiden Möglichkeiten. In gen‘ in einer longue-durée-Perspektive mit den traditionellen sozialen Bezug auf die Spezifika von Nachkriegsperioden bestätigt Imlay die Bewegungen in einen Zusammenhang zu setzen. Als einen zweiten These von diesen Zeiträumen als Momente vergrößerter Möglichkei- Anspruch formulierte er die Diskussion der Bedeutung internationalis- ten. Hieraus folgert er zwei Thesen: Erstens seien die Nachkriegsperi- tischer Überzeugungen und Praktiken in sozialen Bewegungen, da es oden für europäische Sozialisten Zeiten erheblicher Hoffnungen und trotz des zumeist nationalen Bezugsrahmens ein Charakteristikum vie- Erwartungen gewesen und zweitens sei der sozialistische Internationa- ler sozialer Bewegungen gewesen sei, über nationale Grenzen hinweg lismus ein Ergebnis der Kriege gewesen, weswegen seine Geschichte zu kommunizieren und ihren Zielen globale Relevanz zuzuschreiben. mit und zwischen den Kriegen beginnen müsse. Abschließend ging TALBOT IMLAY (Quebec) stellte zu Beginn seines Vortrages zwei Imlay der Frage nach, wo die Ursachen für den Rückgang des so- zentrale, den Gegenstand einrahmende Thesen auf: Erstens, dass der zialistischen Internationalismus in den Nachkriegsperioden gelegen sozialistische Internationalismus in beiden Nachkriegsperioden ange- haben könnten und schlug hierfür drei mögliche Gründe vor: erstens regt wurde durch eine Praxis des Internationalismus, getragen von den mit dem Ende der Nachkriegsperioden sinkenden Handlungs- einer kollektiven Bereitschaft innerhalb der Parteien, sich bezüglich druck; zweitens die Bindekraft des nationalen politischen Kontextes der dringlichen internationalen Fragen der Zeit miteinander auseinan- und drittens die gerade aus der internationalen Zusammenarbeit er- derzusetzen und zweitens, dass diese Praxis in den 1930er-Jahren und wachsene Erkenntnis, dass es einfacher gewesen sei, eigene Positionen in den späten 1950er-Jahren jeweils zurückging. Im weiteren Verlauf auch zu internationalen Themen zu formulieren, als sich miteinander konzentrierte sich Imlay auf drei Bereiche: Internationalismus im All- auseinanderzusetzen. gemeinen, auf nationalen Parteien aufbauender Internationalismus im ANDREAS WIRSCHING (München) suchte in seinem Vortrag Speziellen und die Besonderheiten von Nachkriegsperioden. Im Bezug „Communism and Internationalism in the Twentieth Century“ nach auf den ersten Punkt stellte er heraus, dass das bisherige Verständnis neuen Forschungsfeldern im Bezug auf kommunistischen Internatio- 405 406 Social Conflicts and Internationalism in the Twentieth Century. Ulf Teichmann Towards a Transnational History of Social Movements nalismus im 20. Jahrhundert. Dessen Entwicklung habe sich stets in Abschließend besprach Wirsching die Auswirkungen der ‚nationalen einem Spannungsfeld befunden zwischen dem universellen und damit Frage‘ auf den Universalismus der kommunistischen Idee. Schon im transnationalen Charakter der Idee des Kommunismus und der sowje- multi-ethnischen Staatsgebiet Russlands hätten Regionalismus und tischen Macht, die auch immer ihre eigenen staatlichen Interessen ver- Nationalismus ein Problem für den sowjetischen Staat dargestellt und folgte. Er konzentrierte sich in seinen Ausführungen auf die konkreten zu improvisierten, taktischen Wendungen im Umgang mit diesem Erfahrungen der Handelnden und entwickelte vier Gedankengänge, in gezwungen. Auch in kommunistischen Parteien außerhalb der Sowjet- denen sich deren historische Erfahrungen des Kommunistischen Inter- union habe ein taktischer Umgang mit diesem Problem vorgeherrscht. nationalismus darstellten und die vielversprechende Ansätze für neue FRANZ-JOSEF BRÜGGEMEIER (Freiburg im Breisgau) begann sei- Forschungen seien. Zuerst entwickelte er den Gedanken die Komin- nen Vortrag „The ecological movement and internationalism“ mit der tern als Lebenswelt aufzufassen. Den vielen Linkssozialisten und Syn- Frage, was unter Umweltbewegung als sozialer Bewegung überhaupt dikalisten, die sich enttäuscht von den Nachkriegsentwicklungen in zu verstehen sei. Trotz weit zurückgehender Vorläufer sprach Brügge- Mittel- und Westeuropa Moskau zuwandten, habe die Komintern er- meier von einer Umwelt- oder einer ökologischen Bewegung erst ab möglicht durch internationale Kontakte und Reisen, nicht zuletzt in den 1960er-Jahren. Erst nach dem Zweiten Weltkrieg seien verschiede- die Sowjetunion, internationale Erfahrungen zu machen, die sonst ne Umweltprobleme systematischer vernetzt worden, habe sich der nicht möglich gewesen wären. Dies alles habe der kommunistischen Begriff ‚Umwelt‘ überhaupt erst durchgesetzt, habe sich die Zusam- Bewegung „den Geschmack eines wahrhaft trans- und multinationa- mensetzung der zuvor sehr elitären Umweltorganisationen durch ein len Unternehmens“ gegeben. Als zweiten Punkt beschrieb Wirsching rasches Anwachsen der Mitgliederzahlen erweitert. Der schon zeitge- die Bedeutung von Kommunikation für diese transnationale Lebens- nössisch empfundene Bruch in den Aktionsformen – weg von enger welt. Für diese sei eine gemeinsame Sprache notwendig gewesen. Hier Kooperation mit staatlichen Stellen, hin zu spektakulären Aktionen formulierte er als künftige Forschungsaufgabe zu untersuchen, wie zur Generierung von Öffentlichkeit – solle jedoch nicht überbewertet ein von Moskau ausgehendes kommunistisches, linguistisches System werden, da auch die Vorläufer schon die Öffentlichkeit adressierten durch die verschiedenen Ebenen der Parteienorganisationen vermittelt und auch die neue Umweltbewegung teils eng mit staatlichen Institu- wurde, aber auch wo diese Vermittlung gestört wurde. Als drittes Feld tionen zusammenarbeitete. Brüggemeier vermutete hierzu, dass der des kommunistischen Internationalismus untersuchte Wirsching ob Erfolg einer Umweltbewegung von der Zusammenarbeit mit etablier- dieser ‚lieux de mémoire‘ (Erinnerungsorte) herausgebildet hatte und ten und offiziellen Kräften abhängig gewesen sei. Bezüglich der Frage entdeckte für die Zeit bis 1945 derer drei, die eine negative Entwick- nach internationaler und transnationaler Zusammenarbeit zeichne- lung des kommunistischen Internationalismus anzeigten: Erstens den te Brüggemeier ein vielfältiges bis widersprüchliches Bild. Auf der Spanischen Bürgerkrieg mit den Roten Brigaden als starkem Symbol einen Seite seien Bewegungen zum Schutz von Umwelt und Natur kommunistischer, internationaler Solidarität; zweitens das Hotel Lux von Beginn an lokal oder regional orientiert gewesen. Auf der anderen in Moskau, in dem internationale kommunistische Funktionäre beher- Seite seien die Probleme, gegen die die Umweltbewegungen angingen, bergt wurden und häufig fürchten mussten Opfer des stalinistischen immer tendenziell global, was auch schon früh von den Bewegungen Terrors zu werden und drittens den Molotov-Ribbentrop-Pakt, der wahrgenommen worden sei. Zu einer stärkeren auf dieser Erkennt- einen dramatischen Verlust kommunistischer Solidarität darstellte. nis aufbauenden internationalen Kooperation sei es jedoch erst nach 407 408 Social Conflicts and Internationalism in the Twentieth Century. Ulf Teichmann Towards a Transnational History of Social Movements dem Zweiten Weltkrieg gekommen, wobei Brüggemeier verschiede- welche ihre Büros häufig in Genf eröffnet hätten, um mit dem Völker- ne Gründe und Entwicklungslinien nachzeichnete: die gemeinsame bund zu kooperieren. Mit dem second-wave-feminism habe sich in Betroffenheit durch die gleichen Umweltprobleme; die Förderung der der Nachkriegszeit der Charakter der Frauenbewegung hinsichtlich internationalen Zusammenarbeit durch EG, UNO und die internatio- der Themen und der Organisationsformen maßgeblich verändert. Neu nalen Konferenzen; Netzwerke von Wissenschaftlern und Fachleuten; entstandene Gruppierungen seien durch lose Organisationsformen die internationale Orientierung der Berichterstattung in den Medien oder private Freundschaften zusammengehalten geworden, was sie und die Internationalisierung des Aktionsrepertoires der Bewegun- für die historische Analyse schwieriger greifbar mache. Abschließend gen, wenn auch die große Mehrzahl der Konflikte lokal oder regional benannte Cowman offene Fragen und Aufgaben der Forschung. Als geprägt geblieben sei. erste Herausforderung nannte sie, die Pluralität der Frauenbewegun- KRISTA COWMANS (Lincoln) Beitrag „The women’s movement gen zu erfassen. Des Weiteren identifizierte sie eine Unterschätzung and internationalism“ gab einen Überblick über internationale Zusam- der Aktivitäten von Frauen zwischen den ‚Wellen‘, in die die Frauen- menarbeit in der Frauenbewegung mit einem Schwerpunkt auf der bewegungen gemeinhin eingeteilt werden. Zuletzt nannte sie die Auf- alten Frauenbewegung. Hierbei unterschied sie zwischen der bürgerli- gabe, die internationalen Dimensionen der Neuen Frauenbewegung chen und der sozialistischen, später kommunistischen Frauenbewe- zu erfassen. Hätten sich Studien zum Internationalismus in der Frau- gung, die unterschiedliche Ansätze zur Emanzipierung der Frauen enbewegung der Vor- und Zwischenkriegszeit noch an Befunden und entwickelt hätten: Während die bürgerliche Frauenbewegung Kon- Methoden von Studien zu politischen Parteien und Organisationen troversen über politische Fragen vermieden habe, um möglichst viele orientieren können, bedürfe es zur Erforschung der unzähligen inter- nationale Organisationen international zu verbinden, habe die sozialis- national agierenden Gruppen der jüngeren Frauenbewegung einen tische Frauenbewegung die Unterdrückung der Frauen mit der Klas- grundsätzlich anderen Ansatz. senfrage verbunden und sich auch in Anlehnung an die sozialistische HOLGER NEHRING (Sheffield) beschäftigte sich in seinem Vor- Bewegung organisiert. Dieser grundsätzlichen Trennung zum Trotz trag „Peace Movements and Internationalism“ mit den internationalen habe es im Bereich des Antimilitarismus und Pazifismus Kooperatio- Verbindungen der Friedensbewegungen und mit deren wichtigsten nen von Feministinnen verschiedener politischer Traditionen gegeben. grenzübergreifenden Austauschprozessen. Schon in der frühen bürger- Pazifistische Frauen, die sich gegen den Ersten Weltkrieg engagierten, lichen Friedensbewegung aus der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts hätten schnell internationale Kontakte über politische Grenzen hinweg sei es, erleichtert durch die homogene bürgerliche Zusammensetzung geknüpft. Ihr Status als Nicht-Kriegsteilnehmerinnen habe den Frauen der Bewegungen, zu internationalen Kontakten gekommen. Mit Blick hierbei erleichtert, ihre internationale Kommunikation fortzuführen. auf internationale Aspekte habe die Zwischenkriegszeit den Friedens- Mit der Gründung der Komintern habe sich die Rolle der Frauen in- bewegungen zwei wesentliche Veränderungen gebracht: zum einen nerhalb der Internationalen geändert. Das Ziel der Frauenorganisation neue nationale Akteure durch den Prozess der Dekolonisation und innerhalb der Komintern sei nun eher gewesen die Frauen für den zum anderen eine Abkehr vom Nationalstaat innerhalb der Friedens- Kommunismus zu mobilisieren als für die weiter gesteckten Ziele der bewegungen durch die Erfahrungen des Ersten Weltkrieges. Anhand Vorkriegsfrauenbewegung einzutreten. Die erfolgreichsten Organisa- des Transfers von Gandhis Strategie der gewaltfreien Aktion zeigte tionen dieser Zeit seien die parteipolitisch unabhängigen gewesen, Nehring auf, dass internationale Austauschprozesse historisch be- 409 410 Ulf Teichmann dingt und komplex gewesen seien, dass die Ideen zunächst hätten forderungen, die ein solcher Ansatz mit sich bringt. Hierzu gehört erfasst, dann übersetzt und zuletzt neu entwickelt werden müssen beispielsweise, das Konzept der sozialen Bewegungen im von Stefan und nicht einfach einzelne Pakte von Ideen und Praktiken hin und Berger einleitend erläuterten Sinn gewinnbringend und den Vergleich her verschoben worden seien. Für Friedensbewegungen nach dem ermöglichend auch auf die ‚alten‘ Bewegungen zu übertragen und Zweiten Weltkrieg stellte Nehring zwei besondere Herausforderungen sich von der Fokussierung einzelner Organisationen, wie Parteien, fest: erstens die Gefahr globaler Zerstörung durch Nuklearwaffen und zu lösen. Dies wiederum erschwert die Erforschung einer inter- oder Rüstungswettlauf und zweitens die Diskreditierung des Konzeptes transnationalen Geschichte, da es die Akteure und Akteurinnen weni- Pazifismus, der für den Aufstieg des aggressiven Nationalismus und ger greifbar und kategorisierbar macht, was Krista Cowman auch in Rassismus in Deutschland, Italien und Japan verantwortlich gemacht ähnlicher Form als Problem formulierte. worden sei. Auch in der Friedensbewegung hätten transnationale Or- Sektionsübersicht: ganisationen nach dem Zweiten Weltkrieg an Bedeutung verloren. Für die transnationale Geschichtsschreibung empfahl Nehring deshalb Stefan Berger (Bochum): Einführung Pazifismus als soziale Bewegung zu fassen, deren Transnationalismus Talbot Imlay (Quebec): Socialism and Internationalism hauptsächlich von gegenseitiger Beobachtung mit Hilfe der Massenme- dien und der Definition der eigenen Anliegen als grenzübergreifend Andreas Wirsching (München): Communism and Internationalism in gelebt habe. Abschließend skizzierte Nehring die Hauptentwicklun- the Twentieth Century gen des Internationalismus in der Friedensbewegung: den Wandel Franz-Josef Brüggemeier (Freiburg im Breisgau): The Ecological Move- der organisatorischen Form von Mittelschichts-Organisationen hin zu ment and Internationalism dynamischen und flexiblen sozialen Bewegungen; den Wandel der Bedeutung grenzüberschreitender Austauschprozesse; den Wandel Krista Cowman (Lincoln): The Women’s Movement and Internationa- des Friedenskonzeptes und den Wandel des ‚Framings‘ der Art des lism Krieges, gegen den sie opponierten. Holger Nehring (Sheffield): Peace Movements and Internationalism In seinem abschließenden Kommentar verwies Stefan Berger auf die zahlreichen synchronen und diachronen Verbindungen zwischen Tagungsbericht Social Conflicts and Internationalism in the Twentieth den besprochenen Bewegungen, insbesondere auf die in einer longue- Century. Towards a Transnational History of Social Movements. 25.09.2013- durée-Perspektive deutlich werdenden Verbindungen der neueren 28.09.2013, In: H-Soz-u-Kult 28.02.2013. Bewegungen zur Arbeiterbewegung. Zudem stellte er die Frage, in- wiefern es für den Erfolg dieser Bewegungen von Bedeutung gewesen sein könnte, ob es ihnen gelang auch in ihrer jüngeren Geschichte ein Bündnis mit den Organisationen der Arbeiterbewegung einzugehen. In diesem Sinne zeigte die Sektion, wo die Chancen einer zeitlich Sound History und definitorisch breiter aufgestellten Geschichte sozialer Bewegun- Leitung: Gerhard Paul (Flensburg) gen liegen können. Darüber hinaus zeigten sich auch die Heraus- 411 412 Christoph Hilgert Sound History Bericht von: Christoph Hilgert, Historisches Institut, Fachjournalistik die „Sprache der Glocken“ in den mittelalterlichen und frühneuzeit- Geschichte, Justus-Liebig-Universität Gießen lichen Anwesenheitsgesellschaften2 , das Heulen von Industrie- oder Luftschutzsirenen sowie die akustische Inbesitznahme öffentlicher Geräusche, Töne und Klänge machen, ob bewusst oder unbewusst Räume durch lautsprechergestützte Parteikundgebungen oder durch wahrgenommen, einen erheblichen Teil der menschlichen Weltaneig- Jugendliche samt dudelndem Transistorradio und knatterndem Mo- nung aus und sind dabei, ebenso wie die Praxis des Hörens selbst, ped bedenkt. Schallereignisse, seien sie natürlichen oder künstlichen historisch überaus spezifisch. Diese nur vordergründig triviale Feststel- Ursprungs, beeinflussen Erfahrungsraum und Erwartungshorizont, lung wird seitens der Geschichtswissenschaft bislang nicht sonderlich Emotionen und Denken ihrer Hörer, so Paul. Als Mittel zwischen- oft zur Kenntnis genommen. Meist fehlt in der traditionell auf schrift- menschlicher Kommunikation, manchmal als Waffen der Auseinan- liche Quellen fixierten Disziplin das Bewusstsein für die Relevanz der dersetzung, könne mit ihnen daher auch Politik gemacht werden. Akustik und des Hörsinns. Aber auch methodische Fragen und prakti- Einzelne Klänge, Stimmen und musikalische Tonfolgen trügen zur sche Schwierigkeiten bei der Identifizierung, Nutzung und Analyse Identitätsstiftung, gar zur Nationsbildung bei. So seien verschiedene, geeigneter Klangartefakte spielen hier eine gewichtige Rolle. gegebenenfalls medial aufgezeichnete, gespeicherte und übertragene Gleich zu Beginn seiner Einführung in die Sektion „Sound History“ akustische Eindrücke tief im individuellen und oft auch kollektiven auf dem 49. Deutschen Historikertag in Mainz betonte GERHARD Gedächtnis verankert. Joseph Goebbels „Wollt ihr den totalen Krieg“?“, PAUL (Flensburg) daher, wie lohnend das historisierende „Nachhören“ Herbert Zimmermanns „Aus dem Hintergrund müsste Rahn schie- vergangener Klangwelten ist. Historische Schallereignisse erlaubten ßen – Rahn schießt – Tooooor! Tooooor! Tooooor! Tooooor!“ oder Uwe – ebenso wie die Formen ihrer Wahrnehmung und Verarbeitung – Barschels „Ich gebe Ihnen mein Ehrenwort“ sind, so ist Paul zuzustim- allerlei Rückschlüsse auf die „natürlichen“, sozialen, kulturellen, poli- men, in ihrer Indexikalität längst zu deutschen Klang-„Ikonen“ des 20. tischen, religiösen, ökonomischen, technischen oder generationellen Jahrhunderts geworden. Entsprechend könne die Untersuchung von Bedingungen menschlicher Existenz in der Vergangenheit. Sie könnten historischen Höreindrücken beispielsweise auch der Erinnerungskul- dabei aber nicht nur als Quellen für die Erforschung bestimmter histo- turforschung neuen Schwung verleihen, wie Paul andeutete. Anspruch rischer Phänomene dienen, sondern müssten auch an sich als eigen- der sehr gut besuchten Sektion war es, auf die Bedeutung des Akus- ständige, Geschichte beeinflussende und gestaltende Faktoren ernst- tischen in der Geschichte hinzuweisen und unterschiedliche damit genommen werden. Generell verspricht sich Paul, der bereits einer verknüpfte Forschungsfelder vorzustellen. „Visual History“ zu breiter Beachtung verhalf1 , von der Erforschung Einen konzisen Überblick über den bisherigen Stand der historischer Klangerfahrungen nicht zuletzt auch neue Erkenntnisse Klang(geschichts)forschung gab DANIEL MORAT (Berlin). Da die über den Umgang mit (audio)visuellen Materialien. Geschichtswissenschaft bei der Erforschung auditiver Kulturen in Die Bedeutung des Akustischen für das Verständnis geschichtli- theoretischer und methodischer Hinsicht bislang nur wenig eigene cher Lebens- und Erfahrungswelten wird deutlich, wenn man etwa Erfahrungen und Ergebnisse vorweisen kann, ist nach seiner Ansicht die Auswirkungen sich wandelnder städtischer Klanglandschaften, ein Austausch mit einschlägig interessierten Nachbardisziplinen ge- 1 Siehe etwa Gerhard Paul (Hrsg.), Visual history: ein Studienbuch, Göttingen 2006; 2 Vgl. die klanggeschichtliche Pionierstudie: Alain Corbin, „Die Sprache der Glocken“. ders., Das Jahrhundert der Bilder. 2 Bde., Göttingen 2008-2009. Ländliche Gefühlskultur und symbolische Ordnung im Frankreich des 19. Jahrhunderts. Aus dem Französischen von Holger Fliessbach, Frankfurt am Main 1995. 413 414 Christoph Hilgert Sound History boten – wie so oft. Generell handelt es sich bei der Erforschung des „Der grüne Heinrich“ skizzierte er das heuristische Potenzial einer Akustischen um ein dezidiert interdisziplinäres Forschungsfeld, wie klanggeschichtlichen Perspektive. Die sich im Bereich der Akustik auch der international gebräuchliche, letztlich aber wenig konkrete niederschlagenden Elemente eines widersprüchlichen und von Un- Sammelbegriff der „sound studies“ anzeigt. Auf das klar umrissene gleichzeitigkeiten geprägten Modernisierungsprozesses im 18. und 19. Instrumentarium einer allgemeinen Klangwissenschaft könne derzeit Jahrhundert sind aber auch jenseits solcher literarischen Schilderungen jedenfalls nicht zurückgegriffen werden. Stattdessen kämen Anleihen bestechend. Vor allem die von Missfelder beschriebenen Versuche zur aus Kulturanthropologie und Medienwissenschaft, dort vor allem aus Durchsetzung von „Ruhe und Ordnung“ als politischem Klangideal musik- und filmbezogenen Studien, aber auch aus gegenwarts- und an- der Zürcher Ratsobrigkeit sind hier aufschlussreich. Einem allzu aus- wendungsorientierte Disziplinen wie Tontechnik, Raumakustik oder schweifenden Freizeitverhalten von ledigen Handwerksgesellen sollte „sound/acoustic design“ sowie aus künstlerischen Annäherungen an durch eine ausgefeilte akustische Regulierung des Nachtlebens so- Klang in Betracht. Dieser Transfer gestalte sich jedoch oft schwierig, wie der Sonn- und Feiertage mittels Versammlungsverboten, Glocken- wie selbst an der zumeist eher mäßigen Rezeption musikgeschichtli- und Trompetensignalen ein Riegel vorgeschoben werden. Wie wie- cher Arbeiten zu beobachten ist. Historische Forschungen zu früheren derkehrende Anordnungen bezeugen, waren diese Versuche letztlich Klangwelten und Praktiken und Kontexten des Hörens seien nach wie aber allenfalls partiell erfolgreich. Auch der Arbeitslärm von Hand- vor selten. Sogar Arbeiten zur Geschichte des Radios, die prädestiniert werkbetrieben und Manufakturen erwies sich im Sinne der Sonntags- für klang- und hörgeschichtliche Sondierungen erscheinen, kreisen heiligung zunehmend als Problem für den städtischen Klangraum. aus Morats Sicht vielfach noch zu sehr um Institutionen, Programme Gleichfalls eindrücklich waren die Aufzeichnungen Leonard Köchlis, und politische Rahmenbedingungen, anstatt den medienspezifischen der als Augen- und Ohrenzeugen des Revolutionszeitalters und der „sound“ und den Akt des Hörens systematisch in die Überlegungen französischen Fremdherrschaft in Zürich detailreich die unterschiedli- einzubeziehen. Letztlich müsse sich die Geschichtswissenschaft durch chen akustischen Regime von Schweizern und Franzosen schilderte. die Artikulation eigener Thesen und Erkenntnisse stärker an der Profi- Das alltägliche Ringen um die politische Oberhoheit wird darin gerade lierung der „sound studies“ beteiligen, forderte Morat in Anlehnung auch im Ringen um Vorherrschaft auf akustischer Ebene deutlich. an den amerikanischen Historiker und Pionier einer umfassenden GERHARD PAUL zeichnete in seinem Vortrag die populärkultu- Sinnesgeschichte Mark M. Smith.3 relle Aneignung und Vereinnahmung von Richard Wagners „Ritt der Dass die Erforschung historischer Klanglandschaften auch für vor- Wallküren“ und die Wanderung dieser tonmalerisch dramatischen moderne Epochen Sinn macht, die nicht mit Tonaufzeichnungen im Melodie durch unterschiedliche Medienformate und Verwendungs- engeren Sinn aufwarten können, verdeutlichte JAN-FRIEDRICH MISS- kontexte im 20. und 21. Jahrhundert nach. Es handele sich um ein be- FELDER (Zürich) in seinem Vortrag über neue Klänge und altes Hören sonders eindrückliches Beispiel einer „Schizophonie“ im Sinne des ka- in der Schweiz um 1800 eindrucksvoll. Ausgehend von einer syn- nadischen Komponisten und Klangforschers Raymond Murray Scha- ästhetisch geschilderten Bootspartie auf dem Zürichsee in Gottfried fer, also um die Herauslösung eines Klangobjekts aus seinem origi- Kellers Mitte des 19. Jahrhunderts erstmals veröffentlichten Roman nären Kontext.4 Im Zeitalter der elektroakustischen Reproduzierbar- 3 Vgl. etwa: Mark M. Smith, Sensing the past. Seeing, hearing, smelling, tasting, and 4 Raymond Murray Schafer, Klang und Krach. Eine Kulturgeschichte des Hörens, touching in history, Berkeley et al. 2008; ders., Hearing history: a reader, London et al. Frankfurt am Main 1988, S. 119ff. 2004. 415 416 Christoph Hilgert Sound History keit könnten musikalische Tonfolgen beziehungsweise Klänge frei um der Aussage Gehör und mache ein Verstehen oft erst möglich. Die den Erdball flotieren, multimedial adaptiert und multimodal genutzt Überlebenden verliehen daher partiell auch den Ermordeten eine Stim- werden, ohne dass ihr ursprünglicher Aufführungs-, Verwendungs- me, konstatierte Marszolek im Anschluss an Jorge Semprún. Daraus und Aussagezusammenhang noch eine nennenswerte Rolle spiele. ergeben sich zahlreiche Fragen für den quellenkritischen Umgang mit Paul konnte beispielhaft aufzeigen, wie der emotionalisierende „Ritt medialisierten Zeitzeugenaussagen, wie sie etwa in KZ-Gedenkstätten der Wallküren“ gewissermaßen vom Orchestergraben des 19. Jahr- oder in Fernsehdokumentationen Verwendung finden. So müssten hunderts vor allem über das Medium Film, und hier längst nicht nur Zeitzeugenaussagen etwa immer in Hinblick auf das Mediendisposi- in Francis Ford Coppolas „Apocalypse Now“, auf die Schlachtfelder tiv der Interview- und Aufnahmesituation sowie auf die Effekte der des 20. und 21. Jahrhunderts wanderte, um dort, etwa im Irak und in weiteren Speicherungs- und Reproduktionstechnik untersucht werden. Afghanistan, als Aufputschmittel für Soldaten oder gar als akustische Dies gelte insbesondere für audiovisuelle Aufnahmen, in denen die Waffe eingesetzt zu werden. Stimmen der Zeitzeugen von der visuellen Ebene überformt werden. HEINER STAHL (Erfurt) unterstrich in seinem Vortrag, dass die HANS-ULRICH WAGNER (Hamburg) wies in seinem hörfunkbe- Wahrnehmung von „sound“ als akustische Störung beziehungsweise zogenen Vortrag ebenfalls darauf hin, dass die jeweilige Medialität von Lärm historisch spezifisch ist und ebenso wie die Etablierung von Tonaufzeichnungen zwingend in eine klanghistorische Betrachtung Lärmschutzmaßnahmen oder Lärmgrenzwerten der kontinuierlichen einbezogen werden muss. Die Präsenz von Klangkonserven der Ver- gesellschaftlichen Aushandlung unterliegt. Am Beispiel des betrieb- gangenheit in der Gegenwart sei durchaus trügerisch. Zwischen dem salltäglichen und staatlichen Umgangs mit den auditiven Belastun- Originalklang und seiner (späteren) elektroakustischen Wiedergabe gen an sogenannten Lärmarbeitsplätzen im Thüringer Kalibergbau bestehen sehr wohl Unterschiede. Entsprechend bedürfen apparativ- zwischen 1950 und 1980 wurde dabei abermals das Potenzial einer technisch übermittelte Schallereignisse immer einer quellenkritischen, systematischen Einbeziehung klanggeschichtlicher Fragen in sozial- gewissermaßen klangarchäologischen Würdigung der in sie einge- und alltagsgeschichtliche Studien deutlich. Die Auswertung sonst eher schriebenen akustischen Spuren der Aufzeichnungs-, Speicher-, und unergiebiger ingenieurwissenschaftlicher und arbeitsmedizinischer Reproduktionsmedien. Zugleich erinnerte Wagner daran, dass auch Dokumente im Hinblick auf akustische Aspekte erlaubt es etwa, in der Akt des Anhörens solcher medialisierten Klangartefakte historisch der Bereitschaft der Kalikumpel, Lärm auszuhalten, neue Facetten sehr spezifisch ist. Ein aktueller Klangwahrnehmungsdiskurs kann männlicher Körperpolitik zu entdecken. Überdies können praktische daher zwangsläufig nicht historischen Klangwahrnehmungsdiskursen Erfordernisse von Mensch-Maschine-Beziehungen im Arbeitsalltag entsprechen, sondern allenfalls eine Annäherung sein. jenseits arbeitsschutzrechtlicher Ideale und Bestimmungen herausge- Generell wurde in der theoretisch und methodisch sehr reflektier- arbeitet werden. ten Sektion deutlich, dass eine den von ihr betrachteten Gegenständen INGE MARSZOLEK (Bremen) zeigte in ihrem Vortrag über die angemessene Klanggeschichtsschreibung durchaus anspruchsvoll ist. akustischen Dimensionen der Aussagen von Holocaust-Überlebenden Ein Grundproblem besteht nicht zuletzt auch darin, dass die mittelba- auf, dass die menschliche Stimme nicht nur ein Medium faktischer ren und unmittelbaren Höreindrücke wiederum schriftlich niederge- Aussagen, sondern in ihrer Individualität, Subjektivität und Emotio- legt werden müssen, also eine weitere Medialisierungsstufe erreicht nalität immer auch ein Medium des Nacherlebens ist. Dies verschaffe wird. Zugleich kann eine „Inventarisierung des Verklungenen“, wie 417 418 Christoph Hilgert sie Paul anregte, immer nur ein Aspekt der Historisierung vergange- den 21. Jahrhunderts“ ner Lebens- und Erfahrungswelten sein, weil es sich in aller Regel um hybride sinnliche Erfahrungen handelt. Tagungsbericht Sound History. 25.09.2012-28.09.2012, In: H-Soz-u-Kult Zu Recht plädierten alle Referenten dennoch dafür, die „sound his- 26.10.2012. tory“ als eine zusätzliche Möglichkeit zur Erforschung der (Zeit-)Ge- schichte und Klangartefakte als wertvolle „Ressource“ der Geschichts- wissenschaft zu begreifen. Die in Mainz diskutierten Beispiele belegen, dass die Mühe lohnt. Praktischen Niederschlag werden die bisherigen Sozialstaatliche Verteilungskonflikte in globalhistorischer Überlegungen unter anderem im kommenden Jahr in einer volumi- Perspektive nösen Multimediapublikation Gerhard Pauls in Kooperation mit der Bundeszentrale für politische Bildung und der ARD finden: „Der Leitung: Ulrike Lindner (Bielefeld) / Martin Lengwiler (Basel) Sound des Jahrhunderts. Ein akustisches Porträt des 20. und beginnen- Bericht von: Roberto Sala, Departement Geschichte, Universität Basel den 21. Jahrhunderts“. Man darf darauf gespannt sein. Die methodologischen Debatten über „transnationale Geschichte“, Sektionsübersicht: die die deutschsprachige Geschichtswissenschaft über mehrere Jahre Gerhard Paul (Flensburg): Sound History – Einführung prägten, haben keine Heiligtümer unberührt gelassen: Obwohl oder gerade weil der Sozialstaat als eine „Bastion des Nationalen“ erscheint, Daniel Morat (Berlin): Sound Studies und Geschichtswissenschaft: Der wurde die Notwendigkeit hervorgehoben, sozialpolitische Konzepte Beginn einer wunderbaren Freundschaft und Praktiken verstärkt im Hinblick auf die Zirkulation von Model- Jan-Friedrich Missfelder (Zürich): Multiple akustische Modernisierung. len und insbesondere die Akteure von Transnationalität – seien dies Neue Klänge und altes Hören in der Schweiz um 1800 internationale Organisationen, Expertennetzwerke, philanthropische Einrichtungen oder auch Migranten – zu untersuchen.1 Gerhard Paul (Flensburg): „Walkürenritt“. Aus dem Orchestergraben In diesem Geist strebte die interdisziplinär besetzte und im Rah- auf das Schlachtfeld des (post-)modernen Krieges men des Deutschen Historikertags veranstaltete Sektion „Sozialstaat- Heiner Stahl (Erfurt): Lärmfilter. Klangereignisse und die gesellschaft- liche Verteilungskonflikte in globalhistorischer Perspektive“ an, zur lichen Aushandlungen auditiver (Stör-)Erfahrungen (1950-1980) Überwindung von auf nationalstaatliche Grenzen fokussierenden bzw. eurozentristischen Deutungsmustern sozialpolitischer Entwicklung Inge Marszolek (Bremen): Die Stimme des Zeitzeugen – und das Hören beizutragen. In ihrer Einleitung betonten ULRIKE LINDNER (Biele- der Überlebenden des Holocaust feld) und MARTIN LENGWILER (Basel), die jüngste Forschung habe Hans-Ulrich Wagner (Hamburg): Klangarchäologie der Radio- erhebliche Fortschritte in diese Richtung geleistet, sodass es nun mög- Stimmen lich sei, diverse innovative Zugänge zu präsentieren und traditionelle 1 Christoph Conrad, Vorbemerkung zum Themenheft „Sozialpolitik transnational“, Gerhard Paul (Flensburg): Vorstellung des Multimedia-Projektes „Der in: Geschichte und Gesellschaft, 32/4, S. 437-444. Sound des Jahrhunderts. Ein akustisches Porträt des 20. und beginnen- 419 420 Sozialstaatliche Verteilungskonflikte in globalhistorischer Roberto Sala Perspektive Annahmen zu hinterfragen. Eine binneneuropäische Differenzierung Entwicklung des deutschen Sozialstaates auch mit Orten zusammen- erlaube es beispielsweise, die gängige, mit der (nord-)westeuropäi- hing, die außerhalb Deutschlands liegen. Hierbei machte Paulmann schen Entwicklung gekoppelte Periodisierung einer Expansion-Krise- aus ungewohnter Perspektive deutsch-deutsche Parallelen im Kalten Bedrohung des Sozialstaates in Frage zu stellen. Darüber hinaus könne Krieg sichtbar, die er insbesondere in Bezug auf Mosambik skizzierte. das verbreitete Bild des Sozialstaates als erfolgreiches europäisches Zunächst ging er auf den Anwerbevertrag ein, der an der Schwelle zu Exportprodukt revidiert werden, wenn man eigenständige Entwick- den 1980er-Jahren zur Arbeitsaufnahme von über 20.000 mosambika- lungspfade nichtwestlicher Makroregionen wie Lateinamerikas und nischen Arbeitskräften in der DDR führte. Aufgrund des Abkommens Afrikas in Betracht ziehe. übertrug die DDR dem mosambikanischen Staat finanzielle Mittel, In ihrem Vortrag setzte sich ULRIKE LINDNER anschließend mit die zur Sicherstellung von Sozialleistungen für die angeworbenen den gesundheitspolitischen Maßnahmen britischer Kolonialbehörden Arbeiter vorgesehen waren. Dass die Zahlungen über einen längeren auseinander, die sie hinsichtlich ihres Umgangs mit Schwangerschaft Zeitraum ganz ausblieben und später nur einen Teil der Betroffenen und Mutterschaft in Nigeria während der Zwischenkriegszeit unter- erreichten, zeugt nach Paulmann von der dem Diskurs internationaler suchte. Am Beispiel dieser Fallstudie beabsichtigte Lindner zu zeigen, Solidarität verpflichteten, dem Vertrag zugrunde liegenden Fiktion, unter welchen Modalitäten sozialpolitische Konzepte des Mutterlan- in beiden Staaten seien vergleichbare Bedingungen vorhanden. Nach- des im „ressourcenknapperen“ kolonialen Kontext angepasst wurden. dem Paulmann den Blick auf das Engagement westdeutscher Firmen Die Bemühungen der Kolonialmacht gegenüber Schwangeren und wie Siemens bei Großbauprojekten in Mosambik während der 1960er- Säuglingen sollten nach Lindner das infolge sinkender Geburtsraten und 1970er-Jahre richtete, unterstrich er, dass die bundesrepublikani- vermeintlich bedrohte Arbeitskräftepotential stabilisieren und setzten sche Öffentlichkeit trotz der intensiven und kontroversen Debatten erst nach einer langen Phase ein, in der die nigerianische Bevölkerung über Entwicklungshilfe und Modernisierung die sozialpolitischen Im- prinzipiell nicht an medizinischen Maßnahmen beteiligt war. Im Rah- plikationen bezüglich der Lage der betroffenen mosambikanischen men der Einführung von Diensten für Schwangere und Mütter sei es Arbeitskräfte völlig ignorierte. Dabei behandelten westdeutsche Fir- zu komplexen Interaktionsformen zwischen den bestehenden rassisti- men deutsche und afrikanische Arbeiter auf völlig unterschiedliche schen Deutungsmustern und den paternalistischen bevormundenden Weise, da für Erstere großzügige Leistungen, für Letztere hingegen Perspektiven gegenüber unterprivilegierten Schichten gekommen, die sehr schlechte Arbeitsbedingungen galten. Bei der Einbettung der sich in Großbritannien bei der Entwicklung jener vor allem an die von ihm ausgewählten Beispiele in größere sozialpolitisch relevante Arbeiterklasse gerichteten Dienste durchgesetzt hatten. Insgesamt Zusammenhänge betonte Paulmann die Notwendigkeit, zum einen betrachtet zeigte Lindners Beitrag, dass der Transfer gesundheitspoli- die von transnationalen Erfahrungen betroffenen Gruppen – seien tischer Konzepte nicht lediglich äußerst selektiv war, sondern dass er dies Arbeitsmigranten, Spätaussiedler oder ehemalige Zwangsarbeiter sich unterschiedlichen herrschaftsstabilisierenden Diskursen bediente. – verstärkt in die Analyse einzubeziehen, zum anderen die globale Den transnationalen Verflechtungen des deutschen Sozialstaates Dimension des Kalten Krieges im engeren Zusammenhang mit der im 20 Jahrhundert wandte sich JOHANNES PAULMANN (Mainz) zu. Wechselbeziehung zwischen Nord und Süd der Welt zu betrachten. Dem Referenten ging es nicht um eine umfassende Darstellung, son- Der Vortrag von MARTIN LENGWILER hinterfragte das Deu- dern vielmehr darum, schlaglichtartig zu veranschaulichen, dass die tungsmuster, wonach Sozialversicherungssysteme bis in die frühen 421 422 Sozialstaatliche Verteilungskonflikte in globalhistorischer Roberto Sala Perspektive 1970er-Jahre zum einen stets expandiert und sich zum anderen von und Spardiskurse in nordeuropäischen Ländern, die wie Lengwiler korporatistischen hin zu universalistischen Ansätzen bewegt hätten, betont, bereits während des Booms begannen, in neuem Lichte er- während sie nach dem Ende des Wirtschaftsbooms in eine sich im scheinen: Trotz der wirtschaftlichen Erfolge, die die südeuropäischen Zeitverlauf verschärfende Krise gerieten. Dieses an den (nord-)west- Staaten nach den 1970er-Jahren teilweise verbuchen konnten, können europäischen Fall gekoppelte Narrativ könne nach Lengwiler durch alleine ökonomische Zwänge nicht die von jenen Debatten herbei- eine binneneuropäische Differenzierung der Betrachtungsweise über- geleitete Stagnation, wenn nicht Regressionsspirale des Sozialstaates wunden werden. Dabei sei vor allem die Analyse der südeuropäischen in „Nordeuropa“ einerseits und die massive Expansionsdynamik in Entwicklung von Relevanz, die im Rahmen einer Reihe von für die his- „Südeuropa“ andererseits erklären. torische Forschung anschlussfähigen sozialwissenschaftlichen Studien Der Beitrag von PATRICK HARRIES (Basel) untersuchte die Ent- vorangetrieben worden sei und sich speziell zur Kritik an einer allzu wicklung sozialstaatlicher Strukturen in Südafrika. Harries begann schematischen Typologisierung des Sozialstaates eigne, wie diese ins- mit einem Verweis auf die aktuelle Situation des Landes, das sich besondere von Esping-Andersen formuliert worden sei. Der Referent infolge der ungelösten radikalen sozialen Ungleichheit in einer Lage hob hervor, dass der Vergleich zwischen nord- und südeuropäischen ununterbrochenen Notstandes befinde. Dabei betreffe die vor allem Ländern in Zusammenhang mit unterschiedlichen Hypothesen ge- von Massenarbeitslosigkeit verfestigte soziale Benachteiligung nach bracht worden ist: eine größere Bedeutung informeller Beziehungen wie vor überwiegend die schwarze Bevölkerung. Anschließend bot bzw. eine schwächer entwickelte Staatlichkeit im südeuropäischen der Referent eine überblicksartige Rekonstruktion sozialpolitischer Kontext sowie auch die Existenz von wohlfahrstaatlichen Makroregio- Maßnahmen im 20. Jahrhundert und zeigte, wie diese – trotz der nen und Zentrum-Peripherie-Dynamiken. Erfordern diese Annahmen teilweisen Einbeziehung benachteiligter Gruppen etwa während der zwar noch klärende Untersuchungen, ermögliche es die allgemeine Un- wirtschaftlichen Boomphase im Zweiten Weltkrieg – in sehr engem Zu- tersuchung des Sozialstaates in südeuropäischen Ländern aber bereits, sammenhang mit ethnischer Diskriminierung standen: Während um die übliche, auf der Expansion-Krise-Bedrohung-These basierende Pe- 1900 sowohl eine „schwarze“ als auch eine „weiße“ Armut vorhanden riodisierung radikal in Frage zu stellen. In Südeuropa lasse sich eine gewesen sei, sei die weiße Bevölkerung später häufig zur privilegier- erhebliche Expansionsdynamik sozialstaatlicher Leistungen auch und ten Empfängerin sozialstaatlicher Leistungen geworden, obwohl sie vor allem in den 1970er- und 1980er-Jahren feststellen, während in den immer mehr von einer absoluten sozio-ökonomischen Besserstellung ersten Jahrzehnten der Nachkriegszeit sozialstaatliche Ausgaben eher profitiert habe. Das Ende des Apartheid-Regimes in den 1990er- Jah- gering blieben. Erhebliche Parallelen weisen nach Lengwiler Spanien ren habe zu grundlegenden Veränderungen geführt, denn die neue und Italien auf, wobei diese noch einsetzten, bevor das iberische Land Regierung habe auch dank der positiven Wirtschaftskonjunktur das zur Demokratie zurückkehrte. Im Vergleich zu diesen beiden Staaten Niveau sozialstaatlicher Leistungen massiv angehoben und somit ei- sei das Niveau sozialstaatlicher Leistungen in Portugal und Griechen- ner Radikalisierung sozialer Konflikte entgegenwirkt; dennoch weise land über einen längeren Zeitraum geringer geblieben, aber auch für das krasse Missverhältnis zwischen Steuerzahlern und reinen Leis- diese Länder würden sich spätestens nach dem Fall der Diktaturen tungsempfängern darauf hin, dass die sozial benachteiligten Bevölke- massive Ausbauschritte des Sozialstaates ausmachen lassen. Die im rungsgruppen vom gesellschaftlichen Wohlstand weiterhin exkludiert Vortrag vorgeschlagene vergleichende Perspektive lässt die Effizienz- werden. Das von Harries abschließend skizzierte Bild deutet auf ein 423 424 Sozialstaatliche Verteilungskonflikte in globalhistorischer Roberto Sala Perspektive klassisches Dilemma des Sozialstaates hin, denn die unmittelbare Lin- kert werde. Darüber hinaus betonte er, dass der Anspruch, den natio- derung sozialer Notlagen geht häufig mit der mittel- und langfristigen nalstaatlichen Käfig zu verlassen, nicht die Feststellung ausschließe, Aufrechterhaltung sozialer Differenz einher. wie stark doch der Nationalstaat ist – was von den Beiträgen eindeutig In ihrem Vortrag ging INGRID WEHR (Berlin) von dem Anspruch belegt worden sei. Die große Frage betreffe die Zirkulation geltender aus, die Debatten über entangled modernities in Zusammenhang mit Normen. Hierbei wies Eckert auf im Panel nicht vordergründig be- den Typologisierungsmodellen des Sozialstaates zu bringen. Wehr handelte, aber die restliche Forschung dominierende Schwerpunkte ging auf die Frage ein, ob Lateinamerika im Hinblick auf dessen sozial- hin – internationale Organisationen einerseits und Expertennetzwerke staatliche Systeme als Makroregion betrachtet werden könne bzw. ob andererseits – und setzte sich mit diesen kritisch auseinander. Sein die Existenz einer solchen Region mit dem gängigen Bild „peripherer Anliegen sei nicht, den entscheidenden Einfluss dieser Akteure zu Sozialstaaten“ kompatibel sei. Nachdem sie die weitgehende Homoge- verneinen, sondern auf die Gefahr zu verweisen, dass die echten Prak- nität lateinamerikanischer sozialpolitischer Settings bestätigte, betonte tiken in den unterschiedlichen Ländern infolge der Fokussierung auf Wehr, dass die klassischen Klassifikationsmodelle zu dekonstruieren einzelne Wissenszentren ausgeblendet werden. Eine ausgewogene Be- seien. Diese wohlfahrtstaatliche Makroregion lasse sich nämlich nicht trachtungsweise könne durch die Erweiterung auf andere Forschungs- mit den Kategorien beschreiben, die etwa Esping-Andersen formuliert gegenstände, wie unter anderem Krieg, Generation und Gender sowie habe. Darüber hinaus verdeutliche ein Blick auf die langfristige his- auch Kirchen, gewährleistet werden. Ein besonders vielversprechen- torische Entwicklung, dass lateinamerikanische Länder wesentliche des Objekt sei zudem „Arbeit“, das nicht lediglich mit sozialstaatlichen Teile sozialstaatlichen Schutzes Anfang des 20. Jahrhunderts vor euro- Leistungen gekoppelt sei, sondern auch die Hinterfragung dichoto- päischen Staaten eingeführt hätten. In dieser Hinsicht sei die Vorstel- mischer Deutungsmuster etwa in Bezug auf den Gegensatz zwischen lung des Sozialstaates als Exportprodukt der westlichen Moderne zu Formellem und Informellem ermögliche. hinterfragen, da sozialstaatliche Strukturen nicht einer westlichen Ex- Im zweiten Kommentar betonte LUTZ LEISERING (Bielefeld), ein klusivität, sondern einer Folge kapitalistischer Ordnung entsprochen gemeinsamer Punkt der Vorträge sei die Diversität sozialpolitischer hätten. Wohlfahrtsstaat ist dabei nach Lehr nicht nur als Umvertei- Erscheinungen. Die Vielfalt der Sozialpolitik ermögliche es, klassische lungsmechanismus, sondern als ein die Verankerung des Kapitalismus Narrative der westlichen Moderne in Frage zu stellen und diese zu ermöglichendes Herrschaftsdispositiv zu betrachten. Dies werde vom relativieren und zu erweitern (Lengwiler) oder sie gar „abzuservieren“ lateinamerikanischen Fall eindeutig belegt: Jene Wohlfahrtsstaaten (Wehr). Diese Infragestellung führe zur Überwindung der Untertei- haben zwar finanziell hohes Leistungspotential, funktionieren aber lung zwischen moderner und traditioneller Sozialpolitik. Ausgehend als Stratifizierungsmaschinen, die die Besserstellung privilegierter von der Feststellung der Mannigfaltigkeit der Sozialpolitik machte Schichten verfestigen. Leisering drei Dimensionen aus, die doch einen einheitlichen Blick Die Sektion wurde von zwei Kommentaren abgeschlossen. Im ers- auf den Sozialstaat ermöglichen würden. In Bezug auf Periodisierung ten Kommentar erläuterte ANDREAS ECKERT (Berlin) das Potential sei zum einen nötig, das bislang auf die ersten drei Jahrzehnte der und zugleich die Engpässe globalgeschichtlicher Perspektiven: Der Nachkriegszeit fokussierende Narrativ der Expansionsgeschichte zu transnational turn könne schnell verblassen, wenn die Kooperation öffnen und insbesondere die späteren Expansionsdynamiken des Sozi- zwischen area studies nicht in der konkreten Forschungspraxis veran- alstaats im globalen Süden zu berücksichtigen. Im Hinblick auf Raum 425 426 Roberto Sala stelle sich zum anderen die Frage, wie die Bindung der Sozialstaatsge- transnationaler Verflechtung3 , über das Kaiserreich hinaus bzw. im schichte an Europa bzw. dem (nordwest-)europäischen Nationalstaat Hinblick auf die spezifische Entwicklung sozialstaatlicher Strukturen revidiert werden könne. Wenn man Südeuropa und den globalen zu vertiefen. Süden in die Analyse einbeziehe, werde es möglich, eine klassische Sektionsübersicht: eurozentrische Perspektive zu überwinden. Dies gehe jedoch nicht mit einer verminderten Bedeutung des Nationalstaates einher, da sich Ulrike Lindner (Bielefeld): Der Transport von Sozialstaatskonzepten gerade in Bezug auf den globalen Süden von einer „socialization of vom affluenteren europäischen Mutterland in ressourcenknappe Kolo- national politics“ sprechen lasse. Hinsichtlich der Notwendigkeit ei- nien. Das Beispiel Großbritannien - Nigeria 1920-1940 ner allgemeinen Definition von Sozialpolitik plädierte Leisering für Johannes Paulmann (Mainz): Wohlfahrt ohne Grenzen? Globale Ver- einen eng gefassten, auf Ideen von Franz-Xavier Kaufmann aufbau- strickungen deutscher Sozialstaatlichkeit im 20. Jahrhundert enden Sozialstaatsbegriff, der aus drei Elementen bestehe: kollektive Verantwortlichkeit, Anerkennung einer sozialen Frage und Institutio- Martin Lengwiler (Basel): Sparen im Ausbau: Spar- und Effizienzde- nalisierung von deren Lösung. batten im europäischen Sozialstaatsboom (1945-1975) Die vom Panel offerierten Einblicke sind auf theoretischer Ebene Patrick Harries (Basel): Welfare regimes in South Africa in the second in zweierlei Hinsicht von Interesse. Zum einen wurde deutlich, dass half of the 20th century vorhandene sozialwissenschaftliche Modelle und Reduktionen – die auch die historische Sozialstaatsforschung tiefgehend beeinflussen – Ingrid Wehr (Berlin): Lateinamerikanische Sozialstaaten, Verteilungs- ungeeignet sind, um die tatsächlichen Entwicklungspfade sozialstaat- konflikte und verwobene Ungleichheitsstrukturen: eine Annäherung licher Strukturen zu eruieren. Diese Einsicht bedeutet nicht, dass von aus globalgeschichtlicher und dekolonialer Perspektive der Erarbeitung umfassender Deutungsmuster abzusehen ist, sondern Andreas Eckert (Berlin): 1. Kommentar dass diese eine theoretische Neufundierung erfordern. Zum anderen machte das Panel fassbar, dass die Überwindung nationalstaatlich Lutz Leisering (Bielefeld): 2. Kommentar: Globale Sozialpolitik? Ein zentrierter Perspektiven nicht mit einer Loslösung der Analyse vom Ausblick auf das 21. Jahrhundert Nationalstaat als Gegenstand der Zeitgeschichte einhergehen kann2 – wie dies von Befürworterinnen und Befürwortern transnationaler An- Tagungsbericht Sozialstaatliche Verteilungskonflikte in globalhistorischer sätze gelegentlich suggeriert wird. Vielmehr können globalhistorisch Perspektive. 25.09.2012-28.09.2012, In: H-Soz-u-Kult 06.11.2012. orientierte Studien der transnationalen Zirkulation sozialpolitischer Konzepte nur gerecht werden, wenn sie die Bedeutung nationalstaatli- cher Strukturen adäquat gewichten. Hierbei wäre Sebastian Conrads 3 Sebastian Conrad, Globalisierung und Nation im deutschen Kaiserreich, München These, Nationalisierung stehe in einer engen Wechselbeziehung mit 2006. 2 Vgl. Hans-Ulrich Wehler, Transnationale Geschichte historischer Forschung. Der neue Königsweg?, in: Gunilla Budde/Sebastian Conrad/Oliver Janz (Hrsg.), Transnatio- nale Geschichte. Themen, Tendenzen und Theorien, Göttingen 2006, S. 161-174. 427 428 Taufe in Alter und Neuer Welt. Zur Bedeutung eines Sakraments für Simon Groth, Dennis Majewski die Rechte des Individuums zwischen Spätantike und Früher Neuzeit Taufe in Alter und Neuer Welt. Zur Bedeutung eines Sakraments von der Konstantinischen Wende und durch verschiedene Konzilien für die Rechte des Individuums zwischen Spätantike und Früher normiert, lasse sich ab dem 4. Jahrhundert ein Trend zur Vereinheit- Neuzeit lichung der Taufform beobachten. Dabei sei die Taufe anfangs keine zwingende Voraussetzung für eine zivile oder militärische Karriere im Leitung: Thomas Duve (Frankfurt am Main) Römischen Reich gewesen, wenngleich die Mitglieder anderer Religio- Bericht von: Simon Groth / Dennis Majewski, Max-Planck-Institut für nen in Ausnahmefällen hohe Positionen bekleidet hätten. Erst gegen europäische Rechtsgeschichte, Frankfurt am Main Ende des 6. Jahrhunderts und im Zusammenhang mit der Verfolgung von ‚Heiden‘ habe sich dies geändert. Brandes betonte, dass neben die- Im Mittelpunkt dieser Sektion stand die Taufe als Initiationsritus, wo- se innenpolitische Dimension auch eine außenpolitische getreten sei. durch ein Mensch nicht nur Christ, sondern zugleich auch Glied der Durch die Taufe eines auswärtigen Herrschers in Konstantinopel sei Kirche wird. Unter der von THOMAS DUVE (Frankfurt am Main) dieser in das römisch-byzantinische Bündnissystem integriert worden. formulierten Leitfrage: „Welche Folgen hatte die Taufe für den Ein- Hierauf aufbauend wandte er sich Franz Dölgers Konzept der „Familie zelnen als Teil einer rechtlich geordneten Gemeinschaft in Gestalt der der Könige“ (1940) zu, mit dem dieser eine wiederholt aufgegriffene Kirche und des Staates, der Gläubige wie Ungläubige umfassen konn- Formulierung für eine von ihm konzipierte hierarchische Weltordnung te?“ sollten hierbei – im Gegensatz zu traditionellen soziologischen der byzantinischen Könige etablierte habe. In der Tradition des Histori- oder theologischen Perspektiven – die rechtlichen Implikationen des kertages von 1998 stellte Brandes die Zeitgebundenheit dieses Modells Taufsakraments in den Mittelpunkt gerückt werden. Dadurch erhiel- heraus, indem er die nationalsozialistischen Zusammenhänge, in die ten die in sehr unterschiedlichen Kontexten angesiedelten Beiträge Dölger eingebunden war, skizzierte und die These einer gegenseiti- eine verbindende Klammer. Auf der anderen Seite bedingte die in- gen Beeinflussung von historischer Forschung und konzeptioneller terdisziplinäre Zusammenstellung der Referenten (Rechtsgeschichte, Arbeit für ein künftiges Südosteuropa unter nationalsozialistischer Byzantinistik, Kanonistik, Theologie und Mediävistik) eine multiper- Hegemonie formulierte. spektivische Betrachtung. Moderiert wurde die Sektion von HARALD CHRISTOPH MEYER (Frankfurt am Main) wandte sich in seinem SIEMS (München). Beitrag der „Taufe im Rechtsleben des ersten Jahrtausends“ zu. Aus- Die Reihe der Vorträge eröffnete WOLFRAM BRANDES (Frankfurt gangspunkt seines Vortrages war die Feststellung, dass die „Statuskate- am Main), der über die Taufe als Instrument der sozialen Inklusion gorie Bürgerrecht“ im Römischen Reich, spätestens seit der Constitutio und Exklusion in der Spätantike sprach. Brandes betonte, dass die Antoniniana von 212, zu einer universellen Größe geworden sei. Im Taufe, aufbauend auf dem neutestamentlichen Missionsauftrag (Mt Zuge des Untergangs des Römischen Reiches sei nicht nur die Rechts- 28, 19f.) den zentralen Zugang zur christlichen Gemeinde darstelle. einheit zerbrochen, sondern auch die rechtliche Bedeutung der Taufe Vorbild und Ausgangspunkt sei die Taufe Jesu im Jordan durch Johan- als Initiationsritus in den Vordergrund gerückt. Die Vorstellung, die nes den Täufer gewesen, bei der die eschatologischen Konsequenzen Taufe präge der menschlichen Seele ein Merkmal auf und besiegele der Taufe bereits vorhanden und von Jesus akzeptiert worden seien. so die Ausrichtung des Menschen auf die göttliche Heilsordnung, sei Durch die Institutionalisierung der Kirche habe die Taufe dann – in re- eine neue Vorstellung gewesen, und die damit einhergehende Sorge gionaler Differenz – eine ekklesiologische Bedeutung erhalten, indem um das Seelenheil habe zu einer Wahrnehmung des Menschen als hierdurch der Zugang zur Kirche reguliert worden sei. Ausgehend 429 430 Taufe in Alter und Neuer Welt. Zur Bedeutung eines Sakraments für Simon Groth, Dennis Majewski die Rechte des Individuums zwischen Spätantike und Früher Neuzeit Individuum geführt. Der Gruppe der Getauften habe nun die Gruppe ment der Taufe in fünf verschiedenen Punkten mit dem Sakrament der der Ungetauften gegenüber gestanden. Ehe, indem er Unterschiede und Gemeinsamkeiten beider Sakramente Die Situation un- und neugeborener Kinder sei insofern prekär aufzeigte. Erstens: Voraussetzung der Taufe wie auch der Ehe sei das gewesen, als dem ungetauften Kind der Weg zum Heil verschlossen gesprochene Wort gewesen. Im Gegensatz zur Ehe, bei der lediglich gewesen sei. Wenngleich auf dieses Problem in frühmittelalterlichen die Absicht eindeutig erkennbar sein müsse, bedürfe die Taufe einer Rechtsquellen nur ausnahmsweise näher eingegangen werde, zeigten exakten sprachlichen Formel (Trinitätsformel), um Gültigkeit zu ge- die darin getroffenen Regelungen doch, dass der Eintritt ins Rechts- nerieren. Zweitens: Der Empfang beider Sakramente sei bereits im leben zunehmend über die Taufe erfolgte und sie insofern zu einer Kindesalter möglich gewesen, wobei das Mindestalter für die Ehe bei Voraussetzung wurde, um überhaupt am Rechtsleben teilzunehmen. sieben Jahren gelegen habe. Im Gegensatz zur Taufe hätten die Betrof- Im Folgenden verglich er die christliche Taufe mit einem in manchen fenen mit Erreichen der Pubertät die im Kindesalter geschlossene Ehe Leges nichtrömischer Gentes zumindest ansatzweise noch erkennba- aber aufheben können. Drittens: Zum Erhalt der beiden Sakramente ren vorchristlichen Weg ins Rechtsleben. Diesem wohne – im Gegen- sei der freie Wille der Betroffenen zwar notwendig gewesen, wobei satz zur Taufe – ein „Moment der Ungleichheit“ inne, da das ihm auch eine mittels Täuschung oder Zwang gespendete Taufe – im Ge- zugrunde liegende „funktionale Statusmodell“ die rechtliche Stellung gensatz zu einer in Ausnahmefällen anfechtbaren Ehe – ihre Gültigkeit des einzelnen Menschen von physischen, materiellen oder sonstigen behalten habe. Viertens: Die aus beiden Sakramenten resultierenden Voraussetzungen abhängig gemacht habe. Dem gegenüber stände die Rechte und Pflichten seien prinzipiell unaufhebbar und ewig gültig Taufe mit ihrer aus dem gespendeten Sakrament resultierenden Gleich- gewesen. Im Gegensatz zu der lebenslang gespendeten Taufe habe das heit und dem rechtlichen Schutz des ungetauften Kindes aus Sorge um Sakrament der Ehe jedoch Möglichkeiten des Widerrufs offen gehalten. dessen Seelenheil. Abschließend machte Meyer den Bedeutungsver- Fünftens: Während die Taufe eines Kindes abhängig von elterlicher lust des römischen Bürgerrechts als Statuskategorie und den Aufstieg Kontrolle (Privileg und Pflicht) gewesen sei, habe die Entscheidung des Christentums für die Bedeutungszunahme der Taufe im weltli- über eine Ehe bei den Betroffenen gelegen. Wenn lediglich einer der chen Rechtsleben des ersten Jahrtausends verantwortlich. Unabhängig beiden Eltern christlichen Glaubens gewesen sei, habe die Entschei- von den historischen Rahmenbedingungen käme dem übergeordneten dung bezüglich der Taufe vom christlichen Elternteil alleine getroffen religiösen Zweck des Sakraments eine zentrale Bedeutung zu. werden können. In seiner Zusammenfassung unterstrich Helmholz Es folgte der amerikanische Rechtshistoriker RICHARD HELM- die Unterschiede und Gemeinsamkeiten beider Sakramente. Die Taufe HOLZ (Chicago), der in seinem Vortrag herausarbeitete, dass das ka- sei als höchstes Gut im Gegensatz zur Ehe als eine Institution aufge- nonische Recht spätestens seit dem 12. Jahrhundert als eigenständiger fasst worden, nach der jeder Mensch streben solle. Das kanonische Bereich anzusehen sei, der sich von seinem theologischen Ursprung Recht habe in erster Linie nicht darauf abgezielt, eine gesellschaftliche emanzipiert habe. Gleichwohl komme dem Sakrament der Taufe eine Ordnung herzustellen, sondern die Menschen zu ihrem Seelenheil zu nicht unerhebliche Behandlung innerhalb des Corpus Iuris Canonici führen. zu. Im ersten Teil seines Vortrages stellte Helmholz die die Taufe be- CHRISTIANE BIRR (Frankfurt am Main) erweiterte die von Helm- treffenden Stellen des Decretum Gratiani und der Decretales Gregorii holz für das mittelalterliche Europa dargelegte theologisch-juristische IX. vor. Im zweiten Teil seiner Ausführungen verglich er das Sakra- Argumentation durch eine Analyse der Antworten der Schule von 431 432 Taufe in Alter und Neuer Welt. Zur Bedeutung eines Sakraments für Simon Groth, Dennis Majewski die Rechte des Individuums zwischen Spätantike und Früher Neuzeit Salamanca auf die durch die politischen Rahmenbedingungen aufge- chen Glauben entfernenden Menschen, habe dabei in der Schule von worfenen Fragen im Zusammenhang mit der Taufe von Erwachsenen Salamanca zu unterschiedlichen Antworten geführt. und ihren Wirkungen. Während mittelalterliche Theologen Taufritus Im letzten Beitrag der Sektion widmete sich MICHAEL SIEVER- und Idoneität des Taufenden thematisiert hätten, trete bei spätscholas- NICH SJ (Mainz) der christlichen Initiation in der Neuen Welt. Da- tischen Autoren die „psychologische Disponiertheit“ des Täuflings hin- bei führte er aus, dass in den mexikanischen Chroniken von einem zu. Dieser erfülle im Idealfall drei verschiedene Voraussetzungen, die enormen Andrang der Indios und von Massentaufen die Rede sei. Birr als „spirituell“ (Glaube und Reue über die begangenen Sünden), Entsprechend rudimentär sei die Taufe ausgefallen, da außer dem „kognitiv“ (Bewusstsein der Bedeutung der Taufe und der elementaren Kernritual kaum weitere Riten ausgeführt worden seien. Neben dem Glaubensinhalte) und „voluntativ“ (Freiwilligkeit der Taufe/Wille) offensichtlichen Grund des Andrangs habe auch die chiliastische Prä- bezeichnete. Hiervon ausgehend untersuchte sie die Antworten spani- gung der ersten Franziskaner in Mexiko für eine reduzierte Taufpraxis scher Juristen und Theologen auf etwaige Defizite bei den einzelnen gesorgt. Im Folgenden stellte Sievernich die Reaktion der Europäer Anforderungen. Der Aspekt des Glaubens und der Reue habe dabei auf die verkürzte Taufpraxis dar. Die Frage nach der Rechtmäßigkeit eine rechtlich untergeordnete Rolle gespielt, indem die Taufe in jedem und Gültigkeit dieser Taufen habe die rechtliche Diskussion bestimmt. Fall als wirksam verstanden worden sei und den Getauften zum mem- Anschließend thematisierte er den Aspekt der „Instruktion durch Spra- brum ecclesiae gemacht habe. Auf der ‚kognitiven‘ und ‚voluntativen‘ che“, und betonte, dass die Taufe an die freiwillige Zustimmung der Ebene hingegen bedinge die politische Situation vor dem Hintergrund Person gebunden sei. Diese setze ein Grundverständnis des Rituals von Massentaufen in der Neuen Welt und Zwangstaufen auf der ibe- voraus und bedürfe somit einer prä- und postbaptismalen Unterwei- rischen Halbinsel präzisere Antworten. Nach einem Gutachten der sung. Diese wiederum sei an die Sprache gebunden, was erhebliche theologischen Fakultät der Universität Salamanca über die missio- linguistische Anstrengungen voraussetze. Die kirchliche Sprachpolitik narische Taufpraxis aus dem Jahre 1541 könne erst ein im Glauben habe dabei nicht auf Hispanisierung der Indios gesetzt, sondern auf und den christlichen Sitten ausreichend unterrichteter Kandidat die die linguistische Indigenisierung der Missionare. Der Religionswech- Bedeutung der Taufe einschätzen, so dass eine derartige Unterwei- sel durch die Taufe habe also den Wechsel vom illiteraten zum literaten sung, auch wenn sie den Prozess der Mission verlangsame, notwendig Status gefördert. Im letzten Teil seines Vortrages stellte Sievernich auf sei. Bezüglich des Aspektes der voluntas habe sich bei Zwangstau- die durch den individuellen Vorgang einer Konversion vollzogene fen die Problematik ergeben, dass auf der theoretischen Ebene zwar Inklusion der Indios durch die Taufe ab. Diesem Wechsel religiöser immer wieder der Grundsatz der Freiwilligkeit betont worden sei, in und sozialer Welten sei ein neuer Status mit Rechten und Pflichten der Praxis jedoch Zwangstaufen gleichwohl als wirksam verstanden gefolgt, der mit Prozessen der Abkehr ebenso verbunden gewesen worden seien. Auch wenn die Taufe, als Tor zur Kirche wie zu den sei wie mit der Hinwendung zur neuen Gemeinschaft und ihren Par- Sakramenten, einen unwiderruflichen Status generiere, so konstituiere tizipationsformen. Die Rechte der Getauften auf Partizipation seien dieser keineswegs automatisch allen Christen gleichermaßen zuer- weitgehend durch das kanonische Recht normiert gewesen, wären kannte Rechte, für die eben auch Rechtgläubigkeit und christlicher aber durch die regionale konziliare Gesetzgebung modifiziert und Lebenswandel notwendig seien. Das damit aufgeworfene Problem der dabei meist eingeschränkt worden. Andererseits seien die Rechte der Zugehörigkeit zur Kirche von getauften, sich aber wieder vom christli- Indios durch konziliare Bestimmungen geschützt worden. 433 434 Taufe in Alter und Neuer Welt. Zur Bedeutung eines Sakraments für Simon Groth, Dennis Majewski die Rechte des Individuums zwischen Spätantike und Früher Neuzeit BERNHARD JUSSEN (Frankfurt am Main) beschloss die Sektion die Organisation der Erziehung rituell an den Eintritt in die christliche mit einem ausführlichen Kommentar. Hierbei griff er die zugrunde- Gemeinschaft gebunden gewesen sei. Das von Duve vorangestellte liegende Leitfrage auf, welche Funktionen die Taufe bezogen auf die Ziel der Sektion, weniger eine große Entwicklungslinie nachzuzeich- normative Erfassung der menschlichen Person in rechtlichen und nen, als die bisher nur teilweise untersuchte gemeinschafts- und rechts- außerrechtlichen (etwa sozialen) Zusammenhängen erfülle. Bezugneh- stiftende Wirkung der Taufe als Mittel zur normativen Erfassung der mend auf den Vortrag von Meyer beleuchtete Jussen die Möglichkeit, menschlichen Person in den Blick zu nehmen, wurde eingelöst. Diesem dass mit der Durchsetzung der Säuglingstaufe das ins Bürgerrecht Ansatz war es auch geschuldet, dass die einzelnen Beiträge, unabhän- geboren Werden mit der Taufe zusammenfalle. Er führte jedoch an, gig von jeweils spezifischen Detailbeobachtungen, Anknüpfungspunk- dass die Säuglingstaufe erst seit dem 5. Jahrhundert ein durchgängi- te zu weiteren Forschungen anboten, Desiderate aufzeigten und so ges Normalformat gewesen zu sein scheine, während das Bürgerrecht das Potenzial dieser Fragestellung sichtbar machten. In diesem Zu- hingegen schon seit Beginn des 3. Jahrhunderts zunehmend bedeu- sammenhang fragte Siems nach den Möglichkeiten der Übertragung tungslos geworden sei. Weiter richtete er den Blick auf ritualisierte und auf weitere Räume und Zeiten. Hervorzuheben waren die von Bran- nicht ritualisierte Eintritte. Hierbei verwies er auf die Änderungen, die des vorgenommene wissenschaftsgeschichtliche Kontextualisierung durch die Ritualisierung eines Überganges entstünden, indem es hier- des Konzeptes der „Familie der Könige“, die in der Dekonstruktion durch zu einer Bedeutungszuschreibung käme. Dagegen stünde ein eines Forschungsstereotyps mündete sowie der von Helmholz vorge- negativer Befund bezüglich der in der Metapher des Corpus Christi nommene Vergleich der Sakramente Ehe und Taufe. Nicht nur dieser ausgedrückten Gleichheitsanthropologie. Die Gleichheit generierende innovative Ansatz lohnt einer vertiefenden Betrachtung; gleiches gilt Taufe habe zwar Ungleichheit hervorgebracht (getauft/ungetauft), sei für die von Siems skizzierten Spannungslagen zwischen Glaube und aber nicht als Argument in der Diskussion um Sklaven- oder Men- Taufe oder Recht und Religion. Es ist daher zu begrüßen, dass Duve schenrechte eingesetzt worden. Dagegen habe der Aspekt der indi- eine vertiefende Tagung zum Phänomen der Taufe ankündigte. Diese viduellen Heilssicherheit eine bedeutende Rolle in den theoretischen ist für 2014 am Max-Planck-Institut für europäische Rechtsgeschich- Reflexionen gespielt. Nachfolgend wandte sich Jussen den Effekten te geplant. Die Beiträge des Historikertages sollen in der Zeitschrift des Rituals und hier der sozialen Distinktion zu. Das Distinktionspo- „Legal history“ publiziert werden. tential der Taufe sei in Kerneuropa seit dem 5. Jahrhundert „gleich Sektionsübersicht: Null“ gewesen, während es im Römischen Imperium und in Randge- bieten des lateinischen Europas sowie in der Neuen Welt überhaupt Harald Siems (München): Moderation die Möglichkeit der sozialen Distinktion zwischen Getauften und nicht Wolfram Brandes (Frankfurt am Main): Taufe und soziale Inklusi- Getauften durch öffentlichen Vollzug eines Ritus gegeben habe. Im Fol- on/Exklusion in der Spätantike genden ging Jussen auf die erzieherische Erfassung der Person ein und konstatierte als vortragsübergreifende Gemeinsamkeit, dass die Taufe Christoph Meyer (Frankfurt am Main): Die Taufe im Rechtsleben des immer ein sehr stark an religiöse und moralische Wissensvermittlung ersten Jahrtausends gebundener Ritus gewesen sei. Richard Helmholz (Chicago): The Law of baptism in medieval Europe: Mit Blick auf die Sektionsfrage hielt Jussen abschließend fest, dass 435 436 Verbotene Passagen. Strategien der Verweigerung, Verhinderung und Unterbrechung von religiösen Transfer- und Transformationsprozessen im transkulturellen Vergleich Practical problems and their solution In seiner Einleitung führte MATTHIAS TISCHLER (Dresden) in die sogenannte ‚ungeschehene‘ oder ‚verhinderte Geschichte‘ ein, die Christiane Birr (Frankfurt am Main): „Titulus ad regnum coelorum“. in der Geschichtswissenschaft seit Jahrzehnten betrieben wird, und Zur Taufe und ihren Wirkungen in der theologisch-juristischen Argu- schlug geschickt den Bogen zum Sektionstitel „Verbotene Passagen“ mentation der Schule von Salamanca und zum Generalthema des 49. Historikertags 2012 „Ressourcen – Michael Sievernich (Frankfurt am Main): Baptismus Barbarorum. Konflikte“. Denn die Ausdehnung des Ressourcenbegriffs auf immate- Christliche Initiation in der Neuen Welt rielle Güter wie Zeit, Erfahrung, kulturelles oder religiöses Wissen und seine mediale Aufbereitung wirft zusammen mit dem Geschichtsbil- Bernhard Jussen (Frankfurt am Main): Kommentar der dekonstruierenden Ansatz der ‚verhinderten Geschichte‘ die Frage nach der Kontrolle, der Unterbindung und des Verbotes von fremden Tagungsbericht Taufe in Alter und Neuer Welt. Zur Bedeutung eines Sa- Wissensressourcen in einer Gesellschaft auf. Die Sektion sollte den kraments für die Rechte des Individuums zwischen Spätantike und Früher Akzent auf die Generierung, Verteilung und Kontrolle von religiösen Neuzeit. 25.09.2012-28.09.2012, In: H-Soz-u-Kult 12.11.2012. Wissensressourcen in den verschiedenen Gesellschaften des Mittelal- ters legen. Als Beispiel für eine Ressourcenknappheit nannte Tischler fehlende Übersetzungen zentraler Texte anderer Religionen. So fehle es – abgesehen vom Koran – an umfassenden lateinischen Übertragungen Verbotene Passagen. Strategien der Verweigerung, Verhinderung von Tafsı̄r, Talmud, Midrashim und Targumim im mittelalterlichen und Unterbrechung von religiösen Transfer- und Europa und auf der anderen Seite Übersetzungen biblischer Bücher Transformationsprozessen im transkulturellen Vergleich und christlicher wie jüdischer Literatur im Nahem Osten und Nord- afrika. Für die Suche nach den Ursachen der Ressourcenknappheit Leitung: Matthias Tischler (Dresden) schlug Tischler drei den christlichen Mehrheitsgesellschaften Europas Bericht von: Mohammad Gharaibeh, Annemarie Schimmel Kolleg, vertraute Phänomene als Ausgangspunkte vor. Zum einen die Frage, Universität Bonn inwieweit die religiösen ‚Kultsprachen‘ Arabisch, Hebräisch, Latein und Griechisch in der jeweils anderen religiösen Kultur in kulturel- Diese Sektion knüpfte inhaltlich an die transkulturelle Sektion „Passa- ler Distanz wahrgenommen wurden, wodurch ihnen kein Platz im gen über Grenzen“ des 48. Deutschen Historikertags in Berlin an und jeweiligen Bildungswesen eingeräumt worden ist. Zum zweiten der nahm Strategien der Verweigerung, Verhinderung und Unterbrechung Umstand, dass die Wahrheitsansprüche im Augenblick der wechsel- von religiösen Transfer- und Transformationsprozessen in den Blick. seitigen Deutung Fragen nach der Adaption, nach der Transformation Aus Sicht der Islamwissenschaft, der Judaistik, der transkulturellen des Anderen ins Eigene und nach der Unterwanderung des Eigenen Mediävistik und der historischen Theologie wurden dabei nicht nur durch das Andere aufwerfen. Und zum dritten die Frage danach, wel- die Reduktion der Komplexität von fremdem religiösen bzw. kultu- che Personen und Institutionen über die Autorität zur Formulierung, rellen Wissen, sondern auch seine kontrollierte Integration für die Durchsetzung und Sanktionierung von religiöser Normativität ver- Selbstvergewisserung, die Stabilisierung und die Handlungsfähigkeit fügten und die Aufsicht über die Reinheit der Lehre übernahmen. An gesellschaftlicher und religiöser Systeme erörtert. 437 438 Verbotene Passagen. Strategien der Verweigerung, Verhinderung Mohammad Gharaibeh und Unterbrechung von religiösen Transfer- und Transformationsprozessen im transkulturellen Vergleich einigen Themenfeldern veranschaulichte Tischler dabei seine Ausfüh- und der Philosophie zu mehr Einfluss zu verhelfen, allerdings war rungen. (1) Im diplomatischen Verkehr fränkisch-deutscher Herrscher sein Versuch langfristig nicht von Erfolg gekrönt, und die Philoso- seit dem 8. Jahrhundert fehlen fast vollständig präzise Informationen phie wurde lediglich in ihrer eingeschränkten Rolle in die normativen zu den Glaubensvorstellungen der muslimischen Herrscher des Mittel- Werke aufgenommen. Der Grund für diese Entwicklung ist in der meerraums. (2) In der christlichen Geschichtsschreibung ist seit dem 8. islamwissenschaftlichen Forschung nicht eindeutig geklärt. Ein mögli- Jahrhundert eine große Zurückhaltung zu konstatieren, Muh.ammads cher Erklärungsansatz könnte sein, dass die Rezeption der Antike, die Leben und Werk zu integrieren. (3) Die christlich-jüdischen Glaubens- unter den ,Abbāsiden begann, eine andere Entwicklung nahm als sie gespräche (sogenannte Religionsdialoge) seit dem ausgehenden 11. beispielsweise unter den Karolingern erfuhr. Wurde unter letzteren die Jahrhundert waren in der Regel bereits asymmetrisch konstruiert, so Antike positiv in die eigene Kultur aufgenommen, das antike Wissen dass ein Scheitern des Austauschs die Gespräche prägte. sakralisiert und das Griechische als Gelehrtensprache übernommen, so STEPHAN CONERMANN (Bonn) ging der Frage nach, warum blieb die Antike im islamischen Raum zwar ‚nützlich‘, aber fremd. Es sich der Religionsgelehrte al-Ġazālı̄ (gestorben 1111) mit seinen fand kein Sprachwandel vom Arabischen zum Griechischen statt, und traditionalistisch-religions-philosophischen Ansichten gegen den isla- der Koran blieb die erste Quelle gültigen Wissens. Zudem empfand mischen Philosophen Averroës (gestorben 1198) durchgesetzt hat und man den Islam in Abgrenzung zur vorislamischen Zeit der Ǧāhilı̄ya die griechische Philosophie dadurch keine nennenswerte Berücksich- bereits als einen Neuanfang, in dessen Kultur die Antike keinen Platz tigung mehr im „Mainstream“ islamischer Theologie fand. Zunächst fand. Man scheute sich zwar nicht vor einer intensiven Beschäftigung brach Conermann die Thematik auf das Grundproblem herunter. Im 7. mit der griechischen Philosophie, im selben Moment erachtete man Jahrhundert begann mit der Gründung Bagdads eine intensive Rezep- sie aber nicht als eigen. tion antiken Wissens. In einer ersten Übersetzungsbewegung wurden In seinem Vortrag mit dem Titel „Abgrenzungsstrategien. Moses griechische Wissenstexte ins Arabische übertragen und studiert. Im Maimonides und das Christentum“ legte GÖRGE HASSELHOFF (Bo- Zentrum dieser Bewegung stand vor allem Aristoteles bzw. dessen chum) sein Augenmerk auf die Kontaktmöglichkeiten zwischen Chris- Rezeption in der Spätantike. Die Beschäftigung mit der Philosophie ten und Muslimen in den Schriften des Maimonides, auf die Frage, ob wurde allerdings rasch auch von der Frage begleitet, welcher Weg in Anlehnung an eine Aussage von Maimonides die Rede von ‚Chris- zur Wahrheit führt. Der Philosophie stand die Offenbarung gegen- ten als Götzendienern‘ sachgemäß ist, sowie auf die Wahrnehmung über, die ebenfalls den Anspruch auf Wahrheit erhob. Al-Ġazālı̄ wird von Christentum und Islam in weiteren Texten des Maimonides. Mo- als ein Wendepunkt in dem Widerstreit zwischen Philosophie und ses Maimonides, der im andalusischen Córdoba zwischen 1132/1135 Offenbarung gesehen. In seinen Schriften betonte er zwar, dass die und 1138 geboren wurde, lebte überwiegend in Regionen mit musli- Wahrheit ausschließlich von der Offenbarung ausgehe, jedoch band mischen Mehrheitsgesellschaften. Kontakt mit Christen als Vertretern er die Philosophie in sein theologisches System mit ein. Allerdings einer Mehrheitsreligion scheint er hingegen nur wenig gehabt zu ha- geschah dies nur eingeschränkt. Er bediente sich der Logik, der Ma- ben. Ab etwa 1168 lebte Maimonides bis zu seinem Tod im Dezem- thematik, der Politik und der Ethik, schloss allerdings die Physik und ber 1204 in Fustat (bei Kairo) und gehörte ab den 1170er-Jahren zum Metaphysik aus seinem System aus. Averroës versuchte zwar mit ei- Leibärzte-Kollegium der Wesire von Kairo. Bezüglich der Christen nigen Gegenschriften, gegen al-Ġazālı̄s Ansatz Einspruch zu erheben lässt sich in Maimonides‘ Werken keine einheitliche Position herausle- 439 440 Verbotene Passagen. Strategien der Verweigerung, Verhinderung Mohammad Gharaibeh und Unterbrechung von religiösen Transfer- und Transformationsprozessen im transkulturellen Vergleich sen. Zwar bezeichnet er sie im halakhischen Kontext als Götzendiener, kann. Diese Übersetzung wird in der Folgezeit allerdings nur wenig allerdings sind diese Aussagen traditionell und spiegeln weitestge- gewürdigt. Zwischen der Originalhandschrift von Cluny und den hend die Diskussionen aus dem Babylonischen Talmud wider. Zudem nächst jüngeren Handschriften aus der 2. Hälfte des 13. Jahrhunderts muss berücksichtig werden, dass Maimonides seine halakhischen Wer- tut sich eine Überlieferungs- und Rezeptionslücke von über 100 Jahren ke als Kompilationen versteht und der vorgegebene Stoff aus Mischna auf. Diesen Befund zu erklären, versuchte Tischler über zwei Ansätze: und Gemara ähnlich lautet. Darüber hinaus erlaubt es Maimonides Zunächst scheint das Projekt auf Grund der starken Kritik von Petrus‘ den Christen, die Gebote und Kommentare zu lehren, was Maimoni- reformbenediktinischem Gegenspieler Bernhard von Clairvaux unter des den Muslimen nicht erlaubt, was darauf hindeutet, dass er die enormen Startschwierigkeiten gelitten zu haben. Zum anderen gebe es Christen hinsichtlich des Schriftstudiums nicht als Götzendiener be- zahlreiche Spuren interner Konflikte in Cluny selbst, die zeigen, wie trachtet. Der Blick auf die Muslime stellt sich in Maimonides‘ Schriften sehr man sich gegen eine intellektuelle Auseinandersetzung mit dem noch schwieriger dar. Auf der einen Seite könne mit den Muslimen Islam gewehrt hat. So verwundere es wenig, dass die erste Fassung zwar nicht diskutiert werden, da die Schriftgrundlage, anders als bei der Vorarbeiten zu einer Widerlegung des Islam ‚verloren‘ ging. Im den Christen, zu verschieden sei und der Koran und die Thora nicht Ganzen betrachtete Tischler das Islamprojekt des Petrus Venerabilis als gleich seien. Auf der anderen Seite sieht Maimonides das muslimi- ein gescheitertes. Alle Versuche des Abtes von Cluny, den übersetzten sche Bekenntnis zu dem einen Gott (Allah) nicht als Götzendienst. Koran in den lateinischen Wissenskosmos zu integrieren, führen nicht Hasselhoff betonte dennoch, dass aus zeitgenössischen Berichten über zum gewünschten Erfolg. Seine Mitbrüder entschieden sich lieber für Maimonides bekannt sei, dass er auf der alltagspraktischen und auf den Zugriff auf vorgegebene Polemiken statt für eine Beschäftigung der wissenschaftlichen Ebene in einem regen Austausch mit seinen mit dem schwierigen authentischen Text selbst, wenn eine Auseinan- nicht-jüdischen Zeitgenossen stand. dersetzung mit den Muslimen schon unausweichlich war. Erst mit MATTHIAS TISCHLER (Dresden) machte den Titel „Das verbotene der Wiederentdeckung des Originalcodex im 2. Viertel des 13. Jahr- Gesetz. Wie Christen im Mittelalter versucht haben, die Übersetzung hunderts entfaltet er eine erste Wirkung. Eine entscheidende Rolle und Lektüre des Koran zu verhindern“ zum Programm seines Vor- kommt hierbei dem Dominikanerorden zu, der nach einem gescheiter- trages. Indem Tischler zunächst eine förmliche Islamunwissenheit im ten, ordenseigenen Arabischstudium in Tunis auf das Islamprojekt des Mittelalter unter Christen anhand von Zitaten von Personen wie Jo- Petrus Venerabilis angewiesen war, um erstmals missionstheoretische hannes von Segovia, Humbert von Romans und Petrus Venerabilis und -praktische Handbücher und Glaubenssummen entwickeln zu feststellte, leitete er zum Gegenstand seines Vortrags über. Es ging können. ihm um die Überlieferungs- und Rezeptionsgeschichte von Projekten KRISTIN SKOTTKI (Rostock) nahm in ihrem Vortrag das lateini- zur Übertragung des Koran ins Lateinische, anhand derer sich ‚ver- sche Fürstentum Antiochia in der ersten Hälfte des 12. Jahrhunderts hinderte Geschichte‘ exemplarisch zeigen lasse. Dabei nannte er unter und damit die Anfangszeit der sogenannten Kreuzfahrerstaaten in anderem das Projekt des Abtes von Cluny, Petrus Venerabilis. Wäh- den Fokus. In der modernen Kreuzzugsforschung gilt dieser Kreuz- rend einer Spanienreise trifft Petrus auf Robert von Ketton und andere fahrerstaat als ein gelungenes Exempel kultureller und religiöser Aus- internationale Gelehrte, die er unter Einsatz von erheblichen Geld- tauschprozesse und des friedfertigen Miteinanders unterschiedlicher mitteln zur ersten lateinischen Vollübersetzung des Koran bewegen Religionen und Kulturen. In ihrem Vortrag ging Skottki der Frage nach, 441 442 Verbotene Passagen. Strategien der Verweigerung, Verhinderung Mohammad Gharaibeh und Unterbrechung von religiösen Transfer- und Transformationsprozessen im transkulturellen Vergleich ob und wie sich dieser Charakter der Stadt auch in der lateinischen His- versprachen. Dem Zuhörer wurden neben konkreten Beispielen für toriographie spiegelt, ob die Quellen den Wissenschaftsdiskurs bestim- „verhinderte Geschichte“ aus verschiedenen Disziplinen eine Reihe men und wie die Forschung selbst auf unser Verständnis der Quellen von Anregungen vermittelt, die den Forscher für diese spannende Pro- zurückwirkt. Dazu stellte Skottki unter anderem die Geschichte eines blematik sensibilisieren. Auch wenn sich dabei manche Phänomene Mannes in den Mittelpunkt ihres Vortrags, um den sich verschiedene nicht immer erklären lassen, wie die Frage, warum sich al-Ghazālı̄ Narrative gebildet haben. Es ging um einen Mann namens Fîroûz, gegenüber Averoës durchgesetzt hat, so haben doch alle Vortragenden der die Stadt Antiochia an die Kreuzritter verraten haben soll und verdeutlichen können, dass sich auch bereits bekanntes und erschlos- anschließend mitsamt seinem ganzen Haus von Bohemund von Tarent senes Quellenmaterial in einer neuen Dimension kritisch hinterfragen getauft wurde. Dabei wird vor allem die Konversion des Fîroûz in den lässt. Dabei ermutigen sie den Wissenschaftler, sich genauer mit Über- Chroniken unterschiedlich dargestellt und von der Geschichtswissen- lieferungsgeschichte von Quellen zu beschäftigen sowie bestehende schaft kontrovers beurteilt. In einer Chronik heiße es, dass Bohemund Geschichtsbilder und historische „Selbstverständlichkeiten“ zu hinter- den Konversionswunsch zwar begrüßt, sich aber ansonsten nicht son- fragen, um zu innovativen und neuen Fragestellungen zu gelangen. derlich um die Konversion bemüht habe. In einer anderen Chronik Sektionsübersicht: heiße es stattdessen, dass die Taufe der ‚Heiden‘ die Kreuzfahrer mehr erfreute als die Eroberung Antiochias selbst und die Kreuzfahrer sie Matthias Tischler (Dresden): Verbotene Passagen. Eine neue Perspekti- entsprechend feierten. In der Forschung allerdings wurde die Freude ve auf das methodische Problem der verhinderten Geschichte der Kreuzfahrer kaum berücksichtigt, und die Historiker heben die Stephan Conermann (Bonn): Der Bruch mit der griechischen Philo- Konversion des Fîroûz nicht gesondert hervor. Skottki sieht den Grund sophie im islamischen theologischen Diskurs. Warum sich al-Ġazālı̄ hierfür in dem scheinbar unter den Kreuzzugsforschern herrschenden (gest. 1111) gegen Averroës (gest. 1198) durchgesetzt hat Konsens, dass der ‚Traum von der Konversion der Muslime‘ erst ein Phänomen des 13. Jahrhunderts gewesen sei. Aus ihrer Sicht gebe es Görge Hasselhoff (Bochum): Abgrenzungsstrategien. Moses Maimoni- aber in der ersten Standarderzählung des Ersten Kreuzzugs deutliche des und das Christentum Hinweise dafür, dass bereits in der ersten Hälfte des 12. Jahrhun- Matthias Tischler (Dresden): Das verbotene Gesetz. Wie Christen im derts ein großes Interesse an einer Konversion der Muslime bestand. Mittelalter versucht haben, die Übersetzung und Lektüre des Koran Hier hat es den Anschein, so Skottki, als ob die Kreuzzugsforschung zu verhindern zu sehr auf die Vorstellung fixiert sei, dass die ursprüngliche Kreuz- zugsidee nicht mit Mission bzw. Konversion zusammenpasse. Skottki Kristin Skottki (Rostock): Die Gefahr des Kontakts. Bewertungen von formulierte daher die provokante Behauptung, dass auch die moderne interkulturellen Begegnungen und Konversionen in der lateinischen Forschung in Einzelfällen den Darstellungen in den mittelalterlichen Historiographie der frühen Kreuzfahrerstaaten Texten und ihrer historischen Realität auf der Deutungsebene nicht die angemessene Bedeutung beimesse und so selbst die Anerkennung Tagungsbericht Verbotene Passagen. Strategien der Verweigerung, Ver- von religiösen Transferprozessen in der Kreuzzugszeit behindere. hinderung und Unterbrechung von religiösen Transfer- und Transforma- Die Vorträge dieser Sektion konnten im Ganzen halten, was sie tionsprozessen im transkulturellen Vergleich. 25.09.2012-28.09.2012, In: 443 444 Verrat! Geschichte einer diskursiven Ressource von der Renaissance bis zur Gegenwart H-Soz-u-Kult 20.12.2012. Göttlicher Komödie ist für Verräter der tiefste Höllenkreis vorgesehen. Hoffmann zeigte an zwei literarischen Texten unterschiedliche Verrä- terdiskurse auf. Als erstes widmete er sich dem Verräter Genelun im Rolandslied. Dieser habe in der Erzählung Karl den Großen aus Rache Verrat! Geschichte einer diskursiven Ressource von der an die Heiden verraten, wodurch dessen Nachhut, angeführt von Ro- Renaissance bis zur Gegenwart land, von den Heiden in einen Hinterhalt gelockt und besiegt worden sei. Genelun jedoch sei für seinen Verrat durch die Rechtsprechung Leitung: André Krischer (Münster) / Peter Hoeres (Mainz) Karls und einen verlorenen Zweikampf mit dem Tode bestraft worden. Bericht von: Sina Fabian, Zentrum für Zeithistorische Forschung Pots- Nach Hoffmans Interpretation habe Geneluns Verrat zum einen ein dam Erklärungsmodell für die verlorene Schlacht von Roncesvalles gebo- ten, zum anderen aber habe gerade die gerechte Strafe Geneluns das Der Begriff „Verrat“ erfreut sich gerade in letzter Zeit großer Beliebt- Ordnungsmodell des höfisch-christlichen Lebens, in der Treue eine heit. Die sogenannten „Vatileaks“- und „Wikileaks“-Affären nehmen herausragende Bedeutung zukam, gefestigt. breiten Raum in der aktuellen Medienberichterstattung ein. In die- Verrat spiele auch im Prosa-Lancelot, der die Geschichte König sem Sinne konnte die Sektion „Verrat! Geschichte einer diskursiven Artus erzählt, eine zentrale Rolle. Im Verrat Mordrets an seinem Vater Ressource von der Renaissance bis zur Gegenwart“ tatsächlich eine König Artus liefen, so Hoffmann, verschiedene Verratsnarrative zu- Brücke vom Mittelalter bis heute schlagen. André Krischer wies in sammen. Mordret habe, den Tod Artus‘ vorgebend, Briefe gefälscht, seiner Einleitung darauf hin, dass Verrat zwar zum Vokabular der Mo- in denen dieser Mordret als seinen Nachfolger einsetzte, der zudem derne gehöre, aber in der Wissenschaft bisher wenig beachtet worden auch noch seine Frau Ginover ehelichen sollte. Es sei zu einer fina- sei, obwohl, wie diese Sektion zeigen wolle, dieser Terminus als kul- len Schlacht zwischen den Heeren Mordrets und Artus‘ gekommen, turelles Deutungsmuster seit der Antike immer wieder eine wichtige in der Artus, tödlich durch Mordret verwundet, seinen Sohn besiegt Rolle gespielt habe. Die Sektion habe zum Ziel, so Krischer, Verrat in habe. Während der Verrat im Rolandslied klaren Kausalitäten folge, einen breiten Kontext zu setzen und sich damit von der Definition werde der Verrat im Prosalancelot, so Hoffmann, als unabwendbares Margret Boveris, die Verrat als Produkt der Modernisierung und Sä- Schicksal dargestellt. Dies werde in Artus‘ Traum vom Rad der Fortu- kularisierung im 20. Jahrhundert verstand1 , etwas abzusetzen. Alle na deutlich. Auf diese Weise erscheine der Verrat als eine Laune des Vorträge gingen der diskursiven Ressource Verrat anhand von Dis- Schicksals, die nicht verhindert werde könne. kursanalysen nach, so dass sie nicht nur thematisch, sondern auch Zusammenfassend, beschrieb Hoffmann, diene die Figur des Ver- methodisch sehr ähnlich gelagert waren. räters kontrastierend zur Darstellung unbedingter Treue, „indem sie ULRICH HOFFMANN (Münster) beschäftigte sich in seinem Vor- andere Figuren in ihrer Größe nur umso deutlicher herausstellen lässt.“ trag „Verrat als narrative Ressource der höfischen Literatur“ mit Ver- Verratsnarrative böten zweitens auch immer eine Erklärung für das räterdiskursen im Mittelalter. Verrat, definiert als Treuebruch, galt Unerklärliche, anhand dessen Grundfragen der höfischen Kultur wie im Mittelalter als eines der schwerwiegendsten Vergehen. In Dantes Treue und Repräsentation aber auch Untreue und Untergang verhan- 1 Margret Boveri, Der Verrat im XX. Jahrhundert, 4 Bde., Hamburg 1956-1960. delt würden. 445 446 Verrat! Geschichte einer diskursiven Ressource von der Sina Fabian Renaissance bis zur Gegenwart Im zweiten Vortrag der Sektion befasste sich ANDRÉ KRISCHER nicht mehr nur gegen den König sondern gegen die englische Nation (Münster) mit „Britischen Verratsdiskursen im Zeitalter der Glorious selbst gerichtet. Revolution“. Als Erklärung für das verdichtete Aufkommen von Ver- Krischer betonte die Rolle der gedruckten Flugschriften, ohne die ratsdiskursen in dieser Zeit sieht Krischer die normative Tradition die Verbreitung von Verratsdiskursen und deren Durchsetzung nicht von Verratsgesetzen. Anders als auf dem Kontinent habe schon der möglich gewesen seien. Allerdings hätten die Pamphlete auch Hin- bloße Gedanke oder die Planung des Königsmords als Verrat gegolten. weise auf etwas juristisch Verwertbares beinhalten müssen, damit sich Der Verratsbegriff sei im frühen 17. Jahrhundert zudem sehr häufig ein Verratsdiskurs etablierte. Reine Spekulationen hätten dafür nicht mit dem Begriff „Papismus“ kombiniert worden. Als Papisten seien ausgereicht. Vielmehr hätten die Jakobiten eine Zeit lang erfolgreich nicht nur Katholiken bezeichnet worden, sondern beispielsweise auch spektakuläre Verratsprozesse nutzen können, die auf reinen Speku- Puritaner und Presbyterianer, da sich auch diese teilweise gegen die lationen und fingierten Beweisen beruhten, um einen Gegendiskurs etablierte Ordnung aufgelehnt hätten. Verratsdiskurse seien zumeist aufzubauen. Doch mit dem Assasination Plot von 1696 habe sich das mit Verschwörungsdiskursen einhergegangen, da die Bedrohungs- Verräternarrativ für Jakobiten endgültig durchgesetzt. Dieses Mal sei szenarien teilweise so ausufernd gewesen seien, dass man sich nicht tatsächlich ein Mordanschlag auf König Wilhelm geplant gewesen, nur einen Einzeltäter hätte vorstellen können. Krischer machte an doch seien die Pläne rechtzeitig verraten und den Verschwörern der mehreren Beispielen deutlich, dass Verräter immer diskursiv ermittelt Prozess gemacht worden. Auch in diesem Fall sei den gedruckten Me- worden seien und es in hohem Maße darauf angekommen sei, welche dien eine hohe Bedeutung zugekommen, die Flugschriften, die diesen Gruppe (Whigs oder Tories) gerade die Meinungshoheit besessen habe. Fall beschrieben, seien ins Niederländische und Deutsche übersetzt So seien etwa verurteilte Verräter nach der Glorious Revolution und worden und der Prozess habe sich so quasi zu einem europäischen dem Machtwechsel teilweise wieder freigesprochen worden. Nach der Medienereignis entwickelt. Zusammenfassend hielt Krischer fest, dass Glorious Revolution sei zudem eine neue Gruppe ins Zentrum der die Verratsdiskurse als Instrument der Revolution gesehen werden Verratsdiskurse gerückt, die Anhänger des abgedankten/geflohenen müssten, mit denen die neue Regierung ihre Macht zu sichern versucht König Jakob II., die sogenannten Jakobiten. Allerdings habe es zu- habe. Doch ohne die Etablierung der Drucktechnik sei eine Durchset- nächst zumindest einiger empirischer Hinweise bedurft, um Jakobiten zung der Verratsdiskurse unmöglich gewesen. als Verschwörer und Verräter zu brandmarken. Im Dezember 1690 In seinem Kommentar zu den beiden ersten Vorträgen machte sei die sogenannte Preston-Bande aufgegriffen worden, in deren Be- GERD SCHWERHOFF (Dresden) die Verratsdiskurse charakterisieren- sitz sich Hinweise auf eine Verschwörung gegen den König und die den Merkmale aus, die sich über mehrere Epochen erstreckten. So sei Königin gefunden hätten. Diese hätten ausgereicht, um einen Hoch- eine „dominant moralische Konnotation“ sowie deren „starke religiöse verratsprozess zu inszenieren. Die Ankläger hätten argumentiert, dass Färbung“ ein transepochales Charakteristikum. Ein Verrat habe zu- die Verschwörung sich nicht nur gegen das Königspaar gerichtet habe, meist eine triadische Struktur, die aus Verräter, Verratenem und einer sondern einer Bedrohung ganz Englands gleich gekommen sei, da die Person, an die verraten wird, bestehe. Zudem verfolge ein Verrats- Verschwörer ihre Pläne mithilfe Frankreichs in die Tat hätten umsetzen diskurs immer auch eine Funktion, die entweder erklärend sei oder wollen. Die „Nation“, so Krischer, sei dabei als ein neues Paradigma der politischen oder sozialen Inklusion sowie Exklusion diene. Des in den Verratsdiskursen aufgekommen und der Verrat habe sich nun Weiteren sei ein Verratsvorwurf immer wechselseitig konstruierbar. 447 448 Verrat! Geschichte einer diskursiven Ressource von der Sina Fabian Renaissance bis zur Gegenwart ANDREAS OBERHOFER (Innsbruck) befasste sich in seinem Vor- Den letzten Vortrag hielt PETER HOERES (Gießen/Mainz). Er trag „Verräter und Helden während der Befreiungskriege“ mit dem befasste sich in seinen Ausführungen zum „Verrat der Neuen Ost- „Judas von Tirol“, Franz Raffl, der den Freiheitskämpfer Andreas Ho- politik – Die Mobilisierung einer diskursiven Ressource“ mit einem fer, der sich gegen die napoleonische und bayerische Besetzung Tirols Verratsdiskurs im 20. Jahrhundert. Hoeres machte eine periodische auflehnte, 1809 an die Besatzungsmacht verraten haben soll. Oberhofer Wiederholung der Forderung nach Abschaffung der Arkanpolitik aus, zeichnete die Rezeptionsgeschichte des Verrats überzeugend nach und die bereits von Kant erhoben worden war. Mit dem Amtsantritt Willy argumentierte, dass in der zeitgenössischen Rezeption der Verräter Brandts sollte „eine neue Ära der öffentlichen Partizipation begin- Raffl nahezu keine Rolle gespielt habe. Hofer habe als Held im Vor- nen“, nicht zuletzt mit Hilfe von Conny Ahlers, dem ehemaligen dergrund gestanden. Der Verratsdiskurs habe sich vielmehr um den Spiegel-Chefredakteur, der im Zuge der Spiegel-Affäre verhaftet wor- Verrat am „Vaterland“ gedreht, zu denen all jene gehört hätten, die den war und nun zum Regierungssprecher berufen wurde (in der Hofers Kampf nicht explizit oder implizit unterstützt hätten. Hofer Großen Koalition war er schon stellvertretender Regierungssprecher habe die Tiroler zudem als das auserwählte Volk gesehen, das durch gewesen). Doch stattdessen sei es zu einem neuen Verratsdiskurs die Besatzung von Gott auf die Probe gestellt werde. Bei den Verrätern gekommen, der von linksliberaler Seite gegen die konservative Oppo- habe es sich zu dieser Zeit jedoch noch um ein „verschwommenes sition, insbesondere „deren“ Medien vorgebracht worden sei. Nach Kollektiv“ gehandelt. Zeitgenössisch sei Hofer teilweise sogar negativ der Regierungsübernahme der linksliberalen Koalition habe sich die als Kriegshetzer gesehen worden. Die Impulse, ihn als Helden zu stili- deutsche Medienlandschaft in zuvor unvorstellbarer Weise polarisiert. sieren, seien von außen gekommen, insbesondere von englischen und Als Oppositionsmedien seien der Springer-und Bauer-Verlag sowie deutschen Romantikern. Gerhard Löwenthals ZDF-Magazin aufgetreten. Diesen Medien sei Um 1900 habe sich der Mythos des christusähnlichen Leidens An- es wiederholt gelungen, die Brandt-Regierung durch gezielte Veröf- dreas Hofers herausgebildet, das stellvertretend auch als das Leiden fentlichungen interner außenpolitischer Dokumente in Bedrängnis zu des ganzen Tiroler Volkes gesehen werden könne. Wenn allerdings bringen. Nachdem Geheimdokumente über deutsch-sowjetische Ver- Hofers Leiden mit dem Leiden Christi gleichgesetzt werden sollte, handlungen über einen Gewaltverzichtsvertrag an die oppositionellen so habe es auch einer Judas-Figur bedurft. Dazu habe sich der bis Medien geleakt worden waren, habe Der Spiegel 1972 gegen die kon- dahin kaum beachtete Franz Raffl geeignet, der als Verräter und da- servative Opposition und die konservativen Medien unter dem Titel mit als Antipode zu Hofer erst konstruiert werden musste. Die Figur „Verrat in Bonn“2 den Verratsvorwurf mobilisiert. Das Magazin habe des Raffls sei in den folgenden Jahren mit charakterlichen und physi- versucht, den „Verrat“ zu skandalieren und sei auch vor haltlosen schen Merkmalen und Schwächen belegt worden. Er sei ein Feigling Anschuldigungen nicht zurückgeschreckt. und Deserteur gewesen und habe zudem einen roten Bart (so wie Ju- Eine ganze Serie von Leakings führten zu einer vom Kanzler- das!) gehabt. Raffl sei im 20. Jahrhundert zum prototypischen Verräter amt veranlassten Durchsuchung verschiedener Büros der Illustrierten geworden, zu einem Bruch mit diesen Diskursen sei es erst in den Quick, die zum Bauer-Verlag gehörte, sowie zur Hausdurchsuchung 1980er-Jahren gekommen. Seitdem finde eine Entwicklung hin zur eines Quick-Korrespondenten. Die Welt und Quick versuchten, laut Rehabilitation statt, die Raffl als Opfer der Gesellschaft darstelle, die Hoeres, dieses Vorgehen als „Quick-Affäre“ zu skandalisieren, doch ihn als Außenseiter nicht akzeptiert habe. 2 Der Spiegel, 24.4.1972. 449 450 Sina Fabian hätten sie damit bei Weitem nicht die Aufmerksamkeit erreicht, die zu machen. Diesem gelungenen Ansatz wird auch in Form eines ent- die „Spiegel-Affäre“ seinerzeit bekommen habe. Auch sei die parla- sprechenden Sammelbandes nachgegangen, der im kommenden Jahr mentarische Aufklärung der Durchsuchungen weitgehend im Sande erscheinen wird.3 verlaufen. Sektionsübersicht: Hoeres bilanzierte, dass sich die Verratsdiskurse aus der „inner- medialen Polarisierung über die Neue Ostpolitik“ ergeben hätten. André Krischer (Münster); Peter Hoeres (Gießen/Mainz): Einführung Während zu Beginn der 1960er-Jahre noch der Spiegel selbst am Ver- Ulrich Hoffmann (Münster): Verrat als narrative Ressource der höfi- ratspranger gestanden habe, sei der Verratsvorwurf innerhalb einer schen Literatur Dekade politisch gewandert. Nun hätten die linksliberalen Medien, allen voran der Spiegel, den Verratsvorwurf gegen die konservativen André Krischer (Münster): Britische Verratsdiskurse im Zeitalter der Journalisten und Politiker gewendet. Diese jedoch hätten sich selbst Glorious Revolution als Investigatoren gegen die Arkanpolitiker der Regierung gesehen, Gerd Schwerhoff (Dresden): Kommentar die mit der Neuen Ostpolitik Kernziele der deutschen Politik verraten würden. Andreas Oberhofer (Innsbruck): Verräter und Helden während der Abschließend stellte Hoeres heraus, dass die Verratsdiskurse nicht Befreiungskriege nur den Modalitäten des Kalten Krieges geschuldet seien, sondern sich Peter Hoeres (Gießen/Mainz): Verrat der Neuen Ostpolitik – Die Mo- wieder großer Beliebtheit erfreuten und Verrat auch heute noch als dis- bilisierung einer diskursiven Ressource kursive Ressource zur „moralischen und rechtlichen Diskreditierung der Illoyalität“ diene. Frank Becker (Duisburg-Essen): Kommentar Im abschließenden Kommentar betonte FRANK BECKER (Duisburg-Essen) noch einmal, dass Verratsvorwürfe immer perspekti- Tagungsbericht Verrat! Geschichte einer diskursiven Ressource von der visch seien und Historiker diese deshalb auf einer Metaebene analysie- Renaissance bis zur Gegenwart. 25.09.2012-28.09.2012, In: H-Soz-u-Kult ren müssten. Gerade in der Moderne käme dem Verrat eine wichtige 24.10.2012. moralische Funktion zu, dieser solle die vielfältigen Entscheidungs- optionen eindämmen bzw. aufzeigen, dass nicht alle Entscheidungen als gleich gut zu bewerten seien. Des Weiteren wies Becker daraufhin, dass Verrat nur eine begrenzte Ressource sei, die nicht zu oft genutzt Vertrauen als immaterielle Ressource der politischen und werden könne, weil der Verratsvorwurf sonst wirkungslos oder sogar wirtschaftlichen Beziehungen der Bundesrepublik seit den kontraproduktiv sei. 1970er-Jahren Der Anspruch eine transepochale Sektion sinnvoll zu gestalten, konnte überzeugend erfüllt werden. Dieses Panel zeigte, wie frucht- Leitung: Philipp Gassert (Augsburg) / Reinhild Kreis (Augsburg) bringend es sein kann, einen Diskurs über mehrere Jahrhunderte hin- 3 André Krischer (Hrsg.), Verräter. Archäologie eines Deutungsmusters, Wien, Köln, weg zu analysieren und nicht an künstlichen Epochengrenzen Halt Weimar (erscheint 2013). 451 452 Vertrauen als immaterielle Ressource der politischen und Arvid Schors wirtschaftlichen Beziehungen der Bundesrepublik Bericht von: Arvid Schors, Historisches Seminar, Albert-Ludwigs- ihre Außenpolitiker ergeben, nur durch eine ‚weiche’ Vorgehensweise Universität Freiburg die begrenzten außenpolitischen Handlungsspielräume erweitern zu können. Gassert formulierte in diesem Zusammenhang dann auch In den Sozialwissenschaften wird das gesellschaftliche und politische seine Kernthese, dass Vertrauen hier als Code für Einfluss, Macht und Phänomen des Vertrauens seit geraumer Zeit diskutiert. In der Ge- Recht auf Mitsprache zu fungieren begann. Im Rahmen der allgemei- schichtswissenschaft erfährt Vertrauen jedoch erst seit jüngerer Zeit nen ‚Krise der Erwartungen‘ in den 1970er-Jahren sei der ursprünglich erhöhte Aufmerksamkeit.1 Zwar ist das verstärkte Interesse an dieser für private Beziehungen reservierte Begriff des Vertrauens nicht nur schillernden Kategorie nicht gleichzusetzen mit Forschungsströmun- zunehmend auf die Politik übertragen worden, sondern habe dabei gen, die für eine kulturgeschichtliche Perspektive auf politische und auch mehr und mehr eine auf einzelne Politikerpersönlichkeiten und diplomatische Vorgänge plädieren oder auf eine ‚Geschichte der Emo- ihre Beziehung zueinander – etwa zwischen Adenauer und dem fran- tionen’ abheben. Unverkennbar aber steht die Entdeckung von Ver- zösischen Außenminister Schuman – bezogene Bedeutung erlangt. trauen als für die historische Forschung relevanter Begriff, Phänomen Gassert wies dabei nachdrücklich auf die sich hierbei manifestierende und Kategorie in – mal mehr oder weniger direktem – Zusammenhang Funktion von Vertrauen in der Politik als „rhetorische und semantische mit diesen einflussreichen Forschungskonjunkturen. Krücke“ hin, die von der Bundesrepublik gezielt als eine mit emotiona- Die von Philipp Gassert und Reinhild Kreis (beide Augsburg) or- len Elementen spielende Kommunikationsstrategie eingesetzt worden ganisierte und von Julia Angster (Mannheim) moderierte Sektion dis- sei. Während bis in die 1960er-Jahre das Werben um Vertrauen für die kutierte vor diesem Hintergrund Vertrauen als immaterielle Ressour- Bundesrepublik vor allem als ein rhetorisches Mittel des Schwäche- ce der politischen Außenbeziehungen der Bundesrepublik seit den ren zur Überbrückung des Machtgefälles gegenüber den westlichen 1970er-Jahren. Im Mittelpunkt von PHILIPP GASSERTS programmati- Partnern gedient habe, habe sich die Vertrauenssemantik gleichzeitig schem Eröffnungsvortrag stand dementsprechend Vertrauen als Zen- zu einem integrativen Bestandteil und einer zentralen Traditionslinie tralbegriff und Schlüsselkategorie der bundesdeutschen Außenpolitik der bundesrepublikanischen Außenpolitik fortentwickelt – eine Tra- in den 1970er- und 1980er-Jahren, wobei er zunächst dessen Entste- ditionslinie, die nun auch nach der sukzessiven Rückerlangung von hungsgeschichte aus der demonstrativen Distanzierung zur deutschen ökonomischer und politischer Potenz seit den 1970er-Jahren weiter Außenpolitik vor 1945 heraus nachzeichnete. Gassert verstand seine Bestand gehabt habe und auch nach Ende des Kalten Krieges sowie Überlegungen grundsätzlich als einen Beitrag zur Ergründung der der deutschen Teilung bis heute die deutsche Außenpolitik präge. Frage, inwiefern sich die Geschichte der internationalen Beziehungen ULRICH LAPPENKÜPER (Friedrichsruh) nahm im Anschluss die unter Rückgriff auf psychologische und kulturelle Faktoren besser deutsch-französischen Beziehungen nach 1945 in den Blick, wobei erklären ließe. Denn gerade aus der empfindlich eingeschränkten Sou- er seinen Schwerpunkt auf François Mitterrands Rolle seit 1971 leg- veränität der jungen Bundesrepublik habe sich die Notwendigkeit für te. Zunächst betonte Lappenküper, dass bei diesem langen Prozess 1 Vgl. dazu beispielhaft Ute Frevert (Hrsg.), Vertrauen. Historische Annäherungen, von der Erbfeindschaft zur Partnerschaft von Beginn an gegenseitiges Göttingen 2003. Ein Sammelband zu historischen Perspektiven auf Vertrauen wäh- Vertrauen als Ziel propagiert worden sei. Allerdings sei dieses ange- rend des Kalten Krieges befindet sich in Vorbereitung: Reinhild Kreis/Martin Klim- strebte Vertrauen auf beiden Seiten immer prekär gewesen und von ke/Christian Ostermann (Hrsg.), ‘Trust, but Verify’: The Politics of Uncertainty and the Transformation of the Cold War Order, 1969-1991 (i. E. 2013). Furcht gespeisten Akten des Misstrauens begleitet worden. Dieses tief 453 454 Vertrauen als immaterielle Ressource der politischen und Arvid Schors wirtschaftlichen Beziehungen der Bundesrepublik wurzelnde Misstrauen gegenüber der Bundesrepublik habe sich für Einen zweifachen Perspektivwechsel nahm REINHILD KREIS vor, Mitterrand persönlich vor allem auch aus fehlender Kommunikati- insofern sie sich in ihrem Beitrag weniger auf die Spitzendiplomatie, on weiter genährt, denn vor 1971 – dem Jahr seines Amtsantritts als sondern vielmehr auf die breitere Bevölkerungsschichten umfassen- Vorsitzender der Sozialistischen Partei und der in diesem Zuge aufge- den „menschlichen Beziehungen“ zwischen den USA und der Bundes- nommenen Kontakte zur SPD-Führung – besuchte er das Nachbarland republik Anfang der 1980er-Jahre fokussierte. Ausgangspunkt ihrer kaum. Mitterrand habe zwar die Bundesrepublik als wichtigen Bünd- Überlegungen bildete dabei die ausgeprägte Krisenrhetorik, die zu nispartner Frankreichs, aber auch als wirtschaftlichen Konkurrenten diesem Zeitpunkt die transatlantischen Beziehungen gekennzeichnet angesehen und habe vor allem die deutschlandpolitischen Vorstellun- und durch die erneute Verschärfung des Kalten Krieges seit 1979 eine gen der Bundesrepublik mit großem Misstrauen betrachtet. Deshalb Zuspitzung erfahren hatte. So sei auf beiden Seiten des Atlantiks ange- habe er etwa 1963 den von Adenauer und de Gaulle ausgehandel- sichts der Wahrnehmung von aufflackerndem Antiamerikanismus in ten Elysée-Vertrag abgelehnt. Erst mit seiner Wahl zum Präsidenten der Bundesrepublik und stärker eigennützig motivierten außenpoliti- im Jahr 1981 hätten sich seine Kontakte nach Bonn weiter verstärkt. schen Entscheidungen in den USA von Entfremdung, Distanzierung Als eigentlichen Impuls für Mitterrands Kurswechsel gegenüber der und einer Vertrauenskrise die Rede gewesen. Darüber hinaus konzen- Bundesrepublik machte Lappenküper aber die sich wandelnden histo- trierte Kreis ihre Analyse auf Vertrauen als zentrale politische Ressour- rischen Rahmenbedingungen aus. So habe insbesondere der Protest ce und handlungsleitende Kategorie, wobei sie gezielt den Blick auf der Bevölkerungen gegen den NATO-Doppelbeschluss Mitterrand die wechselseitigen Bemühungen um die Verbesserung der deutsch- und Helmut Kohl zusammengeschweißt, wobei Kohls standhafte Hal- amerikanischen Beziehungen richtete.2 Wie sie herausarbeiten konnte, tung gegen alle Widerstände in dieser Frage bei seinem französischen gründete die Krisenperzeption bei Politikern, Diplomaten und Me- Gegenüber als wichtige vertrauensbildende Maßnahme gewirkt habe. dienvertretern in beiden Ländern insbesondere auch auf Misstrauen Dieses Vertrauen habe sich allerdings, so schränkte Lappenküper ein, gegenüber der so genannten „successor generation“ bzw. „Nachfolge- primär auf die persönliche Beziehung der beiden Spitzenpolitiker aus- generation“ der unter 40-Jährigen. Diese Generation hatte die Anfänge gewirkt – und sei von Seiten Mitterrands nicht etwa auf die gesamte des Kalten Krieges nicht selbst miterlebt und neige deshalb, so der politische Elite der BRD übertragen worden. Auch habe schließlich zeitgenössische Verdacht und Vorwurf, nicht nur zur Unterschätzung die deutsche Wiedervereinigung, der Mitterrand keinerlei positive der von der Sowjetunion ausgehenden Gefahr, sondern zeichne sich Prädispositionen entgegengebrachte, dieses persönliche Vertrauens- zudem durch einen latenten Mangel an Wertschätzung für Freiheit und verhältnis auf eine harte Probe gestellt. Denn Mitterrand habe lange Demokratie aus. Vor diesem Hintergrund entstand ab 1979 eine von Zeit die Hoffnung gehegt, die deutsche Einheit im Rahmen der 2+4- den Regierungen beider Länder gemeinsam getragene Initiative, bei Verhandlungen über Jahre verzögern zu können. Erst in seinen letzten der persönliche Kontakte und die Wissensvermittlung im Mittelpunkt Amtsjahren habe sich Mitterrand dann zu einem öffentlichen Wahrer stehen und das Bewusstsein für das gemeinsame Wertefundament ge- der deutsch-französischen Freundschaft gewandelt, was jedoch vor schärft werden sollten – etwa durch verstärkte Austauschprogramme allem auch von seinem Wunsch motiviert gewesen sei, als Versöhner in 2 Damit setzte sie auch bewusst einen Kontrapunkt zu bisherigen Interpretationen, die Geschichte einzugehen. Vertrauen zur Bundesrepublik, so schloss die vornehmlich die Krise des transatlantischen Verhältnisses in den Mittelpunkt stellen. Lappenküper, sei für Mitterrand letztlich stets prekär geblieben. Vgl. hierzu etwa Klaus Wiegrefe, Das Zerwürfnis. Helmut Schmidt, Jimmy Carter und die Krise der deutsch-amerikanischen Beziehungen, Berlin 2005. 455 456 Vertrauen als immaterielle Ressource der politischen und Arvid Schors wirtschaftlichen Beziehungen der Bundesrepublik und gemeinsame Schulbuchprojekte, bei denen es um die Korrektur gewesen. Letztlich, so fasste Peter zusammen, habe es sich bei Ver- von stereotypen Geschichtsbildern gehen sollte. Dabei seien, wie Kreis trauen um den Schlüsselbegriff des KSZE-Prozesses gehandelt, wobei betonte, in kürzester Zeit beträchtliche finanzielle Mittel eingesetzt jedoch zugleich berücksichtigt werden müsse, dass es hierbei auch und ganz neuartige Verbindungslinien und Foren geschaffen worden, immer um die Deutungshoheit zwischen Ost und West über die Ent- um dieser Krisenwahrnehmung aktiv entgegen zu wirken. In ihrer spannungspolitik gegangen sei. Analyse dieser wechselseitigen deutsch-amerikanischen Anstrengun- In seinem Kommentar würdigte KIRAN KLAUS PATEL (Maas- gen, auf gesellschaftlicher Ebene „Vertrauen durch Vertrautheit“ herzu- tricht) zunächst das Verdienst der Sektionsbeiträge, Vertrauen als er- stellen, gelang es Kreis schließlich zu illustrieren, dass Ähnlichkeit als tragreiche Kategorie für die internationale Geschichte in den Fokus ein wichtiger Faktor für die Ausbildung von Vertrauen berücksichtigt gerückt zu haben. Im Weiteren griff er die von Peter verwandte For- werden muss. mulierung der außenpolitischen Gratwanderung der Bundesrepublik Die Vortragsreihe beschloss MATTHIAS PETER (Berlin) mit sei- auf und nutzte sie, um darauf hinzuweisen, dass vor allem die In- nem Beitrag zur Rolle der Bundesrepublik im KSZE-Prozess und der teraktion der verschiedenen Dimensionen von Vertrauen genauer in Bedeutung von Vertrauen als Ressource der Diplomatie. Dabei wies er den Blick genommen und schärfer erfasst werden müsse. Dabei mach- zunächst darauf hin, dass es aus bundesrepublikanischer Perspektive te er zwei unterschiedliche Zugriffsformen aus, die im Rahmen der von Beginn an die Zielsetzung des KSZE-Prozesses gewesen sei, syste- Sektion vorgeführt worden seien: zum einen die Semantik des Vertrau- mübergreifendes Vertrauen herzustellen. Mit der KSZE-Schlussakte ens und ihre instrumentelle Nutzung, die wiederum in den Beiträgen von Helsinki 1975 habe die BRD, so Peter, ein wichtiges Etappenziel methodisch stärker ausgeführt worden sei und eine kulturhistorische dieser Strategie erreicht, sei doch mit ihr eine Vertrauensgrundlage Perspektive widerspiegele; zum anderen die Frage nach Kausalitä- auf militärischem und humanitärem Gebiet geschaffen worden. Der ten, die letztlich darauf abziele, wie Vertrauen als Ressource generiert sowjetische Einmarsch in Afghanistan 1979 habe dann allerdings ei- und ausgehandelt worden sei. Dabei rief Patel zur Reflexion darüber ne tiefe Vertrauenskrise zur Sowjetunion herbeigeführt. In diesem auf, ob diese beiden ‚Schulen‘ auseinandergehalten werden müssten Zusammenhang habe sich die BRD in der Verantwortung gesehen, oder ob man diese doch – und wenn ja, wie – kombinieren könne? die Sprachlosigkeit zwischen den Blöcken zu verhindern, wobei auch Desweiteren fragte Patel nach der spezifischen Relevanz des Falles hier die bestehenden Kommunikationslinien des KSZE-Prozesses im der Bundesrepublik in den 1970er- und 1980er-Jahren und regte an, Mittelpunkt ihrer Aktivitäten gestanden hätten. Und auch während den Blick beispielsweise vergleichend auch auf andere Länder des der krisenhaften Entwicklung in Polen ab 1981 habe die Bundesrepu- westlichen Bündnisses auszudehnen. Zusätzlich warb er dafür, neben blik die KSZE-Schlussakte als zentralen Bezugspunkt und Ressource den politischen Spitzenakteuren auch stärker Akteursgruppen aus des Vertrauens für ihre außenpolitischen Initiativen zur Verhinderung der zweiten und dritten Reihe auf der politischen Arbeitsebene sowie einer weiteren Eskalation begriffen. Hierbei wies Peter ausdrücklich aus dem Umfeld von (Sozial-)Wissenschaften und Think-Tanks ein- darauf hin, dass es sich bei diesen Bemühungen für die BRD um ei- zubeziehen. Denn, so Patel, gerade deren Interaktion als ‚epistemic ne Gratwanderung der Bündnissolidarität gehandelt habe und dabei communities‘ könne möglicherweise besonders relevante Aufschlüs- insgesamt ihre Strategie als „Vertrauensvermittler“ nicht ohne Risiko se über Vertrauen zulassen. Außerdem machte er auf die wichtige gewesen sei. Darüber sei man sich jedoch in Bonn durchaus bewusst Rolle des Rechts aufmerksam und unterstrich, dass in den internatio- 457 458 Arvid Schors nalen Beziehungen keine einfache Dichotomie zwischen Recht und werden könnte.“3 Insbesondere mit der von Phillipp Gassert in den Vertrauen bestehe. Vielmehr existiere hier ein vielgestaltiges Wechsel- Mittelpunkt gerückten Perspektive auf die Semantik von Vertrauen – verhältnis, das gerade im Zusammenhang mit der explosionsartigen und damit auf seine zeitgenössischen Deutungen und Instrumentalisie- Zunahme an internationalen Organisationen und NGOs in dem in rungen – ist es der Sektion indes gelungen, die Eckpfeiler eines genuin dieser Sektion im Mittelpunkt stehenden Zeitraum betrachtet werden historischen Zugriffs auf Vertrauen in der internationalen Geschichte müsse. Abschließend plädierte Patel mit Nachdruck für eine Ausdeh- zu skizzieren, mit dessen Hilfe derartige Fallstricke möglicherweise nung des Untersuchungszeitraumes über die 1970er- und 1980er-Jahre umgangen werden könnten. hinaus und verband diese Anregung mit der Vermutung, dass eine Sektionsübersicht: zeitlich länger angelegte Perspektive sich als besonders gewinnbrin- gend erweisen könnte. Julia Angster (Mannheim): Moderation Insgesamt führte die Sektion das erhebliche Potential vor Augen, Philipp Gassert (Augsburg): „Vertrauen, Einsicht und guten Willen zu das in der Analyse von Vertrauen für die internationale Geschich- wecken“: Vertrauen als Zentralkategorie deutscher Außenpolitik in te schlummert. Dabei konnte anschaulich gezeigt werden, dass der den 1970er- und 1980er-Jahren Einsatz von und Rückgriff auf Vertrauenssemantik zeitgenössisch mit- nichten ein Randphänomen für die außenpolitischen Kontakte der Ulrich Lappenküper (Friedrichsruh): Prekäres Vertrauen. François Bundesrepublik und den öffentlichen Diskurs darstellte. Vielmehr Mitterrand und Deutschland seit 1971 kam ihr oftmals eine zentrale Bedeutung zu, die auch unmittelbar Reinhild Kreis (Augsburg): Entfremdete Partner? Deutsch- mit realpolitischen Interessen und Handlungen zusammenhing – und amerikanische Vertrauenswerbung in den frühen 1980er-Jahren auf diese erhebliche Wirkung entfaltete. Über diese Erkenntnis wird etwa eine umsichtig konzipierte Diplomatiegeschichte kaum hinweg- Matthias Peter (Berlin): Vertrauen als Ressource der Diplomatie. Die gehen können. Zugleich wurden aber auch die Begrenzungen und Bundesrepublik Deutschland im KSZE-Prozess 1975-1983 Risiken des Ansatzes sichtbar: So ist noch genauer zu ergründen, in- Kiran Klaus Patel (Maastricht): Kommentar wiefern die verstärkte Vertrauenssemantik eigentlich mit dem Kalten Krieg zusammenhängt – und ob sie sich vielleicht (deshalb) in anderen Tagungsbericht Vertrauen als immaterielle Ressource der politischen und Epochen und Konstellationen, beispielsweise in Bismarcks Außen- wirtschaftlichen Beziehungen der Bundesrepublik seit den 1970er-Jahren. politik, gar nicht finden lässt? Auch muss Kiran Patels Plädoyer für 25.09.2012-28.09.2012, In: H-Soz-u-Kult 18.10.2012. analytische Disziplin im Umgang mit Vertrauen besonders ernst ge- nommen werden, wobei speziell die wichtige, von ihm aufgeworfene Frage nach Kausalitäten noch unterbelichtet blieb. Denn gerade ein 3 Ralf Stremmel: Rezension zu: Frevert, Ute (Hrsg.): Vertrauen. Historische Annä- so enigmatisches Phänomen wie Vertrauen steht immer auch in der herungen. Göttingen 2003, in: H-Soz-u-Kult, 13.01.2006, <http://hsozkult.geschichte. Gefahr, erkenntnistheoretisch überdehnt und zu einem „archimedi- hu-berlin.de/rezensionen/id=6335>. sche[n] Punkt“ stilisiert zu werden, „von dem aus die Welt erklärt 459 460 Ulrike Schröber Von der „Erbfeindschaft“ zur „Erbfreundschaft“? Von der „Erbfeindschaft“ zur „Erbfreundschaft“? Neuere persönliche Faktoren für das Gelingen der Partnerschaften wichtig sei- Forschungen zur Geschichte der deutsch-französischen en. Zudem sei die Angleichung der Gesellschaftsstrukturen zwischen Annäherung und Aussöhnung Deutschland und Frankreich für die Befriedung der Nachbarn bedeu- tend gewesen. Pfeil warnte vor einem teleologischen Geschichtsbild Leitung: Michael Kißener (Mainz) / Peter Steinbach (Mannheim) und der moralischen Überhöhung der deutsch-französischen Bezie- Bericht von: Ulrike Schröber, Graduiertenkolleg „Die christlichen Kir- hungen. Beide Länder hätten immer auch nach eigenen Interessen chen vor der Herausforderung Europa“, Universität Mainz, Leibniz- gehandelt. Die deutsch-französische Versöhnung sei kein einmaliger Institut für Europäische Geschichte Akt gewesen, sondern in einem Prozess durch die Interaktion von Menschen entstanden. Sie sei auch kein auf ewig zementierter Zu- Das Partnerland des diesjährigen Deutschen Historikertages war stand, sondern käme nur durch die stetige Pflege der Beziehungen zu Frankreich, was jedoch gegenüber dem Rahmenthema „Ressourcen – ihrem Ziel. Konflikte“ deutlich zurücktrat. Neben vier weiteren Panels, die das Dass Musik ein signifikanter Bereich der deutsch-französischen Partnerland Frankreich einbezogen1 , beschäftigte sich besonders die Beziehungen im 19. und 20. Jahrhundert war, zeigte ANDREAS LIN- von Peter Steinbach und Michael Kißener initiierte Sektion „Von der SENMANN (Mainz). Er untersuchte Musik als ein soziokulturelles „Erbfeindschaft“ zur „Erbfreundschaft“?“ mit den Beziehungen zwi- Phänomen in wirtschaftlichen, gesellschaftlichen und politischen Kon- schen Deutschland und dem Partnerland Frankreich. In der wissen- texten.2 Gerade im 19. Jahrhundert verstand sich Deutschland als Mu- schaftlichen Erforschung dieser deutsch-französischen Beziehungs- siknation und wurde auch von Franzosen so gesehen. Hieraus seien geschichte standen lange die großen Männer im Mittelpunkt. Erst identitätsstiftende sowie abgrenzende Narrative entstanden. Diese Ko- Mitte der 1990er-Jahre kamen zivilgesellschaftliche Annäherungsbe- dierungen im Bereich der Musik waren für die deutsch-französischen mühungen in den Blick. Die Sektion versammelte Vertreter dieser Beziehungen von Bedeutung, wovon die neuere Forschung ein diffe- verschiedenen Richtungen und schuf so einen Diskussionsrahmen für renziertes Bild zeichnet. Linsenmann verwies auf Untersuchungen zur soziokulturelle, wirtschaftliche, zivilgesellschaftliche und staatliche Rezeption von Richard Wagner, der in Frankreich als Repräsentant der Ansätze. deutschen Musikkultur und als Symbol des deutschen Militarismus Diese unterschiedlichen Schwerpunkte der Forschung führte UL- gebrandmarkt war. Er stellte dar, dass musikalische Veranstaltungen RICH PFEIL (Metz) in der Einführung zusammen. Er betonte, dass es als Ausdruck französischer Überlegenheit im besetzten Rheinland der bereits vor dem Elysée-Vertrag von 1963 eine breite zivilgesellschaftli- Zwischenkriegszeit von Deutschen oft boykottiert wurden. Während che Basis der deutsch-französischen Beziehungen gegeben hätte. So sei der deutschen Besatzung in Frankreich 1940 bis 1944 sei Musik genutzt von der mythenbesetzten Personifizierung der deutsch-französischen worden, um Kooperation zu begünstigen. Für die französische Besat- Beziehungen auf Ebene der Staatsmänner abzurücken. Dennoch blie- zungspolitik nach 1945 spielte die Umerziehung der Deutschen eine be die diplomatisch-politische Sphäre weiter zu beachten wie auch große Rolle. Hier sollten auch durch musikalische Erfahrungen Wert- 1 Weitere Sektionen mit einem Bezug zu Frankreich waren: „Europäische Geschichts- haltungen geändert werden. Die Konzerte in der französischen Zone bücher, digitale Lernplattformen oder bilaterale Schulbuchprojekte?“, „Geschichtswis- 2 Andreas Linsenmann, Musik als politischer Faktor: Konzepte, Intentionen und senschaft digital in Deutschland und Frankreich“, „Neue Ansätze für eine transnationale Geschichte“ sowie „Ressourcen diesseits und jenseits des Rheins“. Praxis französischer Umerziehungs- und Kulturpolitik in Deutschland 1945-1949/50, Tübingen 2010. 461 462 Ulrike Schröber Von der „Erbfeindschaft“ zur „Erbfreundschaft“? stießen meist auf positive Resonanz; die Musik diente als Brücke, über Basis und blieb nicht ohne Rückwirkung auf die politische Ebene. sie kamen Kulturtransfers zustande. Linsenmann zeigte in seinem FLORIAN SEILLER (Berlin) lenkte seinen Blick auf die militä- Vortrag einerseits einen Zusammenhang zwischen Konflikten und rischen Rüstungskooperationen von Anfang der 1950er- bis in die kulturellen Faktoren auf, da sich Abgrenzungen und nationale Orien- 1970er-Jahre.4 Für die Rüstungsindustrie habe die deutsche Seite eine tierungen auch über die Musik vollzogen. Andererseits konnte Musik dezentrale und marktwirtschaftliche Ausrichtung verfolgt und forder- den kulturellen Dialog befördern und hatte Verständigungspotential. te gegenüber Frankreich Gleichbehandlung ein. Bei den Franzosen MICHAEL KIßENER (Mainz) widmete sich der Rolle der katholi- waren Zentralismus, Kontrolle und Planwirtschaft sowie das Streben schen Bischöfe in der deutsch-französischen Annäherung am Beispiel nach Sicherheit vor Deutschland bestimmend. Auch wenn in der An- des Bistums Mainz.3 Er nahm damit Akteure in den Blick, die bisher fangsphase der 1950er-Jahre Spannungen nicht ausblieben, sei eine kaum von der Forschung beachtet wurden. Von Seiten der Besatzungs- konstruktive, kameradschaftliche Zusammenarbeit im Rüstungsbe- mächte und auch Frankreichs habe man nach dem Krieg auf die Mitar- reich möglich gewesen. Für Deutschland waren die USA aber immer beit der deutschen Kirchen beim Wiederaufbau Deutschlands gezählt ein wichtiger Partner und man wollte sich daher nicht allzu fest an und behandelte daher die Bischöfe zuvorkommend. Die Beziehungen Frankreich binden. Zudem war der finanzielle Spielraum der Deut- blieben aber gerade bei der Frage der Kriegsgefangenen, des Saarlan- schen durch die Devisenausgleichsverpflichtungen eher gering. Die des und in der Schulpolitik problembehaftet. Dies wies Kißener an der Zurückhaltung der Deutschen bis 1956 führte bei Frankreich, das an Person des Mainzer Bischofs Albert Stohr nach, der durch traditionelle einem engeren Zusammenschluss interessiert war, zu großen Enttäu- Vorbehalte gegen Frankreich geprägt war und sich in einer betont schungen. Erst die Furcht vor einem Aufweichen des amerikanischen nationalen Haltung als Wahrer deutscher Interessen profilierte. Erst Schutzes habe Deutschland an Frankreich herangeführt. Man berief allmählich wandelte sich dessen Einstellung, wobei einerseits die Reise einen gemeinsamen Militärausschuss ein, viele Projekte existierten des Bischofs zu deutschen Kriegsgefangenen in Frankreich von Bedeu- jedoch nur auf dem Papier. Für die Anfangsphase der 1950er-Jahre tung war. Hier sammelte Stohr gute Erfahrungen und bewertete den sei die deutsch-französische Rüstungskooperation dennoch ein großer Einsatz der Franzosen für die Gefangenen positiv. Anderseits spielte Schritt gewesen. der oberste französische Militärgeistliche in Deutschland, Robert Pi- Zu Beginn ihres Beitrages stellte CORINE DEFRANCE (Paris) card de la Vacquerie, eine wichtige Rolle. Er stellte die Beziehungen die Ebene der staatlich-politischen Akteure derjenigen der nicht- auf eine für die Kirche passendere Basis und suchte durch Austausche staatlichen gegenüber. Durch die Konzentration auf die großen Män- über die Seelsorgearbeit und auf der Grundlage katholischer Werte die ner und den Elysée-Vertrag bliebe alles, was vor 1963 in den deutsch- Annäherung. Die Bemühungen aus dem Kreis der Kirchen waren nach französischen Beziehungen geschehen sei, verdeckt. Dieses Primat Kißener ein Teil der breiten zivilgesellschaftlichen Annäherungsarbeit, der Politik sei erst Mitte der 1990er-Jahre aufgelöst worden und neue die vor politischen Initiativen ansetzte. Hier sollte nicht Politik be- Akteure seien in den Blick gekommen.5 Im Folgenden zeigte sie vier trieben, sondern ein Projekt der christlichen Versöhnung verwirklicht 4 Eine Zusammenfassung der Dissertation von Florian Seiller zu dem Thema findet werden. Dieses hatte durch die Teilhabe vieler Gläubigen eine breite sich hier: Florian Seiller, Rüstungsintegration. Frankreich, die Bundesrepublik und die Europäische Verteidigungsgemeinschaft, 1950-1954, in: Arbeitskreis Militärgeschichte 3 Michael Kißener, Die Bischöfe und die deutsch-französische Annäherung nach dem e.V. (Hrsg.), Newsletter 66 (2011) Nr. 2, S.18f. Zweiten Weltkrieg, in: Historisches Jahrbuch 132 (2012), S. 110-123. 5 Corine Defrance / Ulrich Pfeil, Eine Nachkriegsgeschichte in Europa, 1945-1963, 463 464 Ulrike Schröber Von der „Erbfeindschaft“ zur „Erbfreundschaft“? Perspektiven der aktuellen Forschung auf: 1) Für die institutionelle Beitrag einer Politikerpersönlichkeit zu6 , die sich selbst als Protago- Dimension verwies sie auf überregionale Gesellschaften und Organi- nist der deutsch-französischen Annäherung stilisiert hat. Francois sationen, die Austausche und Begegnungen zwischen Deutschen und Mitterrands Wandlungen und die Widersprüchlichkeiten in seiner Franzosen förderten, die Jugend und Mittler ansprachen und über Zeit- Person haben auch auf sein Verhältnis zu Deutschland gewirkt. Mit- schriften in die Öffentlichkeit wirkten. Sie fanden auf lokaler Ebene terrand sei in einer Familie mit festem Feindbild von Deutschland eine breite Ergänzung. 2) Ein Blick auf die Akteure des Annäherungs- aufgewachsen und habe dieses übernommen. Seine ersten persönli- prozesses zeige, dass katholische und evangelische Kreise besonders chen Eindrücke von Deutschland gewann er in Kriegsgefangenschaft hervortraten. Des Weiteren spielte die Erfahrung des Widerstandes ei- 1940. In einem Bericht über diese Zeit sei ein Wandel in der Perzeption ne wichtige Rolle. So waren ehemalige Konzentrationslager auch Orte von Deutschland erkennbar; Mitterrand blicke darin auch kritisch auf der Begegnung zwischen Deutschen und Ausländern. Zudem lohne sein eigenes Volk. Zurück in der Heimat stellte sich Mitterrand in den ein Blick auf die ehemaligen Kriegsteilnehmer, da die gemeinsame Dienst von Vichy, wechselte dann rechtzeitig die Seiten und wurde Erfahrung der Gefangenschaft Verständnis förderte. Bei Anhängern jung Abgeordneter der Assemblée Nationale und bald Minister unter des NS-Regimes und der Vichy-Regierung lassen sich ebenfalls Konti- mehreren Regierungen. Zu dieser Zeit sei Deutschland für ihn nur nuitäten der Kooperation über 1944/45 hinweg finden. 3) Das gesell- ein zweitrangiges Thema gewesen. Die deutsche Teilung verstand schaftliche Engagement nach 1945 habe neue Formen angenommen. er als gerechten Preis für den verlorenen Krieg und als Garantie für Kollektive Treffen zielten auf die Demokratisierung der Beziehungen den Frieden. Eine Annäherung zwischen Deutschland und Frankreich und unterschieden sich vom Kulturelitismus der Zwischenkriegszeit. hieß er zwar gut, konnte die enge Beziehung Bonn-Paris aber nicht Städtepartnerschaften entstanden dabei schon vor dem Elysée-Vertrag unterstützen, da Deutschland darin zu viel Macht zukam. Hier spielte und bekamen durch diesen noch weitere Schubkraft. Immer wieder die Konkurrenz zu de Gaulle ebenfalls eine gewisse Rolle. Mit der gab Defrance auch Hinweise auf die DDR, durch die die deutsch- Präsidentschaft Mitterrands erhielt seine Einstellung zu Deutschland französischen Beziehungen zu einer Dreiecksbeziehung wurden. 4) eine neue Dimension. Auch die internationalen Umstände zwangen zu Durch eine Kartografie der deutsch-französischen Annäherung kön- Änderungen. So trat Mitterrand 1984 für einen engen Bilateralismus ne geklärt werden, wie Entfernung und Nähe sowie regionale Gege- mit Deutschland und die Weiterführung der europäischen Einigung benheiten Kulturkontakte beförderten. Ihr Vortrag schloss mit zwei ein. Mit der Deutschen Einheit war eine Machtverlagerung in den Hinweisen: Zum einen sei für die Annäherung zwischen Deutschen Beziehungen der beiden Länder zu Gunsten Deutschlands eingetreten, und Franzosen auch die Angleichung der Gesellschaftssysteme und der Mitterrand mit einer wirtschaftlichen und politischen Union in Lebensformen wichtig gewesen. Zum anderen plädierte sie dafür, sich Europa – dann umgesetzt durch den Maastrichter Vertrag – begegnen die Interaktionen und Interdependenzen zwischen politischen und wollte. Lappenküper stellte die Deutschlandpolitik Mitterrands als gesellschaftlichen Initiativen bewusst zu machen und so staatliches vielschichtig, wechselhaft und doppelbödig dar und verwies auch Handeln und Aktionen von unten in Verbindung zu setzen. auf Zusammenhänge des Dreiecks-Verhältnisses BRD, Frankreich und ULRICH LAPPENKÜPER (Friedrichsruh) wandte sich in seinem DDR. Die deutsch-französische Annäherung sei für den Politiker zur Darmstadt 2011; Corine Defrance u.a. (Hrsg.), Wege der Verständigung zwischen Deut- 6 Ulrich Lappenküper, Mitterrand und Deutschland: die enträtselte Sphinx, München schen und Franzosen: zivilgesellschaftliche Annäherungen, Tübingen 2010. 2011. 465 466 Ulrike Schröber Überwindung der traditionellen Auseinandersetzungen zwischen den france durch Anmerkungen zu den begrifflichen Beschreibungen der „Erbfeinden“ und den Frieden in Europa durch die Festigung des deutsch-französischen Beziehungen einen wichtigen Punkt auf. Die unruhigen deutschen Volkes nötig gewesen. In Deutschland habe Mit- Frage, wann bzw. mit welchen Hintergrundvorstellungen die Begriffe terrand immer einen wichtigen, wenn auch unsicheren Bündnispartner Annäherung (rapprochement) und Versöhnung (réconciliation) von gesehen. Wenn er sich auch gerne so stilisierte, sei er aber kein echter den Akteuren der geschichtlichen Prozesse genutzt wurden, muss in „Freund“ Deutschlands gewesen. der Forschung noch weiter vertieft werden. Da die Beiträge der Sektion zum Großteil auf die Zeit nach 1945 Sektionsübersicht: beschränkt waren, wurde besonders der erfolgreiche Teil der deutsch- französischen Annäherung beschrieben. Durch eine Gegenüberstel- Ulrich Pfeil (Metz): Einführung lung zum Beispiel mit der Zwischenkriegszeit hätten Unterschiede Andreas Linsenmann (Mainz): „Deutschland in Frankreich – Frank- und Kontinuitäten dieser beiden Annäherungsphasen stärker betont reich in Deutschland“: Zur Beziehungsgeschichte der deutsch- und so das Bild von der geglückten Annäherung nach 1945 nuancierter französischen Kultur dargestellt werden können. Die von Ulrich Pfeil schon in der Einlei- tung beschworene Gefahr einer teleologischen und mythenbesetzten Michael Kißener (Mainz): „Vom Altar aus versöhnen?“ Kirche und Erfolgsgeschichte der deutsch-französischen Beziehungen konnte den- deutsch-französische Aussöhnung am Beispiel des Bistums Mainz noch gebannt werden. Zum einen nahmen die Beiträge bis weit in die Florian Seiller (Berlin): „Aus Gegnern werden Kameraden?“: Die Mitte des 20.Jahrhunderts hinein bestehende Feindzuschreibungen – deutsch-französische Rüstungskooperation bis 1975 wie bei Linsenmann bis zurück in das 19.Jahrhundert –, unterschiedli- che, gar gegensätzliche Prägungen – wie im Beitrag Seillers – sowie Corine Defrance (Paris): „Versöhnung von unten“: Neue Forschungen Nutzenerwägungen in den Blick. Zum anderen wurde der Meisterer- zur Rolle der Zivilgesellschaft im deutsch-französischen Annäherungs- zählung von der Rolle der großen Männer – wie in den Beiträgen von prozess Kißener und Defrance – Initiativen von unten gegenübergestellt oder Ulrich Lappenküper (Friedrichsruh): Protagonist der deutsch- dieses Narrativ – wie bei Lappenküper – durch ein Hinterfragen der In- französischen Versöhnung? Francois Mitterrand und Deutschland szenierung der politischen Ebene von seiner moralischen Überhöhung befreit. In den Beiträgen und Diskussionen, die JEAN-PAUL CAHN Jean-Paul Cahn (Paris): Kommentar (Paris) kenntnisreich führte, ließ sich das Gegenüber von Bewertungen der entscheidenden Rolle der politisch-diplomatischen oder zivilgesell- Tagungsbericht Von der „Erbfeindschaft“ zur „Erbfreundschaft“? Neuere schaftlichen Akteure im deutsch-französischen Annäherungsprozess Forschungen zur Geschichte der deutsch-französischen Annäherung und erkennen. Hier scheint die Diskussion, wer denn Vorreiter der Aussöh- Aussöhnung. 25.09.2012-28.09.2012, In: H-Soz-u-Kult 24.10.2012. nung war, weiterhin aktuell, auch wenn sich in der Forschung – wie ebenfalls von Defrance und Pfeil betont – in letzter Zeit die Einsicht durchsetzt, dass Wechselwirkungen und Zusammenhänge der beiden Ebenen wichtig waren. Abschließend griffen Lappenküper und De- 467 468 Sebastian Haumann „What’s the matter?“ Die Provokation der Stoffgeschichte „What’s the matter?“ Die Provokation der Stoffgeschichte Kakao und dessen Verarbeitung, so Epple. Dies wiederum schlug sich in Entwicklung und Relationen des globalen Warenstroms nieder. Leitung: Frank Uekötter (München) Der Übergang von Schokolade zu Asbest, mit dem sich PAUL Bericht von: Sebastian Haumann, Institut für Geschichte, Technische ERKER (München) befasste, erwies sich als weniger abrupt als zu ver- Universität Darmstadt muten war. Zwar setze Erker Asbest als „prekären Stoff“ von anderen Stoffen ab, doch konzentrierte er sich gleichwohl ebenso auf die soziale Die Sektion des diesjährigen Historikertages, die mit dem Unterti- Konstruktion von Wissen über und den gesellschaftlichen Umgang tel „Die Provokation der Stoffgeschichte“ angekündigt war, weckte mit dem Stoff. „Prekär“ sei Asbest deshalb, weil dessen Eigenschaften von vorneherein hohe Erwartungen. Diese Erwartungen gründeten extrem divergierende Interpretationen zulassen. In der ersten Hälfte sich nicht nur auf dem Versprechen provokanter Fragen oder Thesen, des 20. Jahrhunderts als feuerfestes Baumaterial gefeiert, rückten in der sondern auch darauf, dass die Stoffgeschichte einem Forschungsfeld zweiten Hälfte des Jahrhunderts dessen krebserregenden Wirkungen zuzurechnen ist, das zur Zeit en vogue ist. Frank Uekötter (München), in den Mittelpunkt der öffentlichen Wahrnehmung. der die Sektion leitete, verwies gleich in seiner Einführung auf das BERND-STEFAN GREWE (Freiburg im Breisgau) eröffnete seinen wachsende Interesse am „materiellen Substrat“ historischer Prozesse.1 Vortrag über Gold mit dem Hinweis auf eine Divergenz anderer Art, Die aktuelle Herausforderung an die Geschichtswissenschaft bestehe nämlich die Diskrepanz zwischen der „Faszination“ des Stoffes und darin, die Bedeutung dieses „materiellen Substrats“ auszuloten, kon- seinem äußerst geringen Gebrauchswert. Grewe blieb aber nicht dabei zeptionell fassbar zu machen und in empirischen Studien zu überprü- stehen, diese Diskrepanz auf kulturell konstruierte Zuschreibungen fen – genau darin liege das Potenzial der Geschichte einzelner Stoffe, zurückzuführen, sondern erklärte sie mit den Eigenschaften des Ma- von denen in der Sektion Schokolade, Asbest, Gold und Sojabohnen terials, das über lange Zeiträume und unter widrigen Bedingungen vorgestellt wurden. seinen Glanz behält. Ebenso beschrieb er Abbau- und Verarbeitungs- Wie weit die Auswahl der Beiträge die Definition von „Stoffen“ prozesse insbesondere mit Blick auf die materiellen Eigenschaften von als gegenständliche Produkte vorzeichnete wurde bereits in ANGELI- Gold wie dessen Vorkommen in extrem geringer Konzentration im KA EPPLES (Bielefeld) Untersuchung zu Schokolade deutlich. Epple Untergrund und dessen guter Verarbeitungsfähigkeit. Entscheidend zeichnete den Weg der Schokolade von ihren mittelamerikanischen sei, dass diese Eigenschaften gesellschaftliche und auch politische Ent- Ursprüngen bis zur Etablierung als standardisiertes Konsumprodukt wicklungen beeinflussten, wie Grewe eindrucksvoll am Scheitern des des 20. Jahrhunderts nach. Ihr kam es dabei insbesondere auf die (west- indischen Importverbots für hochkarätiges Gold in den 1960er-Jahren liche) Definition dessen an, was „Schokolade“ ist. Die Herausbildung demonstrierte. einer einheitlichen Vorstellung von der Zusammensetzung des Stoffes, INES PRODÖHL (Washington) ergänzte die Gruppe der vorgestell- gefördert durch den zeitgleichen Aufstieg der Lebensmittelchemie als ten Stoffe um die Sojabohne. Deren Geschichte sei, ähnlich wie die Wissenschaft, sei nicht nur wissens- und konsumgeschichtlich inter- der Schokolade, von globalen Transfers und Rekontextualisierungen essant, sondern prägte auch zunehmend die Beschaffung des Rohstoffs gekennzeichnet. In den USA, heute führender Produzent des Stoffes, 1 Vgl.HSK Redaktion: H-Soz-u-Kult Debatte zu „Ressourcen“ in den Geschichts- sei die Bohne als Ersatzstoff wegen ihres Ölgehalts eingeführt wor- wissenschaften: 1. Teil, in: H-Soz-u-Kult, 20.09.2012, http://hsozkult.geschichte.hu- den, während sie in ihren asiatischen Herkunftsländern als ganzes berlin.de/forum/id=1876&type=diskussionen (09.10.2012). 469 470 Sebastian Haumann zubereitet würde. Die Einführung im Kontext der Kriegswirtschaft sei als auch Prozesse der Rekontextualisierung. Diese Prozesse führten auch ein wesentlicher Grund dafür, dass die kulturelle Bedeutung der dazu, wie Prodöhl für die Sojabohne zeigte, dass Stoffströme zwar Sojabohne in den USA – etwa im Vergleich zu Mais – deutlich hinter zur globalen Integration beigetragen haben, aber diese Integration ihrer ökonomischen Bedeutung zurückbleibe. Dieses Beispiel zeige, so durch spezifische Bedeutungszuschreibungen überlagert war. Allge- Prodöhl, dass die Untersuchung einzelner Stoffe neue Erkenntnisse mein bestand Einigkeit darüber, dass Stoffgeschichten ein geeignetes am Schnittpunkt von Wirtschafts- und Kulturgeschichte liefern könne. Mittel seien, um Untersuchungen auf der Makro- und Mikroebene Während Uekötters Diagnose des wachsenden Interesses der Ge- miteinander zu verknüpfen. Über die Auseinandersetzung mit einem schichtswissenschaften an „Materialität“ durch die Sektion eindrucks- Stoff sei es möglich, lokale Bedingungen von Herstellung, Transport voll belegt wurde, zeigten die einzelnen Präsentationen und die an- und Konsum detailliert zu betrachten und gleichzeitig wechselseitige schließenden Diskussionsbeiträge, dass man sich dieser Herausfor- Abhängigkeiten und die globale Relevanz dieser Abhängigkeiten in derung eher tastend annähert. Tatsächlich erscheint es so, als ob die den Blick zu nehmen. Insgesamt lässt sich als Ergebnis der Sektion kulturwissenschaftliche Prägung historischer Forschung bei der Analy- festhalten, dass das unumstrittene Potenzial der Stoffgeschichte darin se von Stoffen bestimmte Interpretationen vorzeichnet. So standen bei liegt, ein probates Narrativ für die Globalgeschichte zu bieten. Das den einzelnen Beiträgen überwiegend nicht die Stoffe selber, sondern ist eine nützliche Erkenntnis, befriedigt aber nicht ganz die hohen genaugenommen die Wahrnehmung von und der Diskurs über diese Erwartungen an die angekündigte „Provokation der Stoffgeschichte“. Stoffe im Vordergrund. Weitergehenden Anregungen, materielle Ei- Sektionsübersicht: genschaften als eigenständige Faktoren in die Analyse einzubeziehen, wie dies etwa Grewe am Beispiel von Gold nahegelegt hatte, wurde Angelika Epple (Bielefeld): Schokolade auch in der Diskussion kaum nachgegangen. In dieser Beziehung war Paul Erker (München): Asbest eine gewisse Skepsis des Podiums wie des Publikums unverkennbar – und dies vermutlich auch zu Recht. Denn die Forderung danach, Bernd-Stefan Grewe (Freiburg im Breisgau): Gold Stoffen eine gewisse „Agency“ zuzuerkennen, steht zwar im Raum – Ines Prodöhl (Washington): Mehr als Tofu? Kultur- und wirtschaftsge- auch in dieser Sektion fiel der Name Latour –, aber wie sich dies in schichtliche Herausforderungen an die Sojabohne historischen Studien konkret umsetzen lässt und worin der Erkennt- nisgewinn bestehen kann, wurde auch hier nicht hinreichend deutlich. Tagungsbericht „What’s the matter?“ Die Provokation der Stoffgeschichte. Wenn die Sektion nicht weiter auf das Desiderat einging, das „ma- 25.09.2012-28.09.2012, In: H-Soz-u-Kult 18.10.2012. terielle Substrat“ der Stoffgeschichte zu diskutieren, so bot sie doch wichtige Einsichten in das, was eine Stoffgeschichte leisten kann. Alle Referenten verwiesen explizit auf die globale Dimension der von ihnen untersuchten Stoffströme und hoben hervor, dass sich an Hand der Untersuchung des jeweiligen Stoffes komplexe Verflechtungen rekon- Wiedergänger und Neugeborene. Das Renaissance-Narrativ in der struieren ließen. Darunter fassten die Beiträge sowohl Spannungsver- (post-)modernen Historiographie hältnisse zwischen Orten der Gewinnung und Orten des Verbrauchs Leitung: Anja Rathmann-Lutz (Basel) 471 472 Wiedergänger und Neugeborene. Das Renaissance-Narrativ in der Sita Steckel (post-)modernen Historiographie Bericht von: Sita Steckel, Westfälische Wilhelms-Universität Münster einem sinnstiftenden Spannungsverhältnis zu derjenigen Moderne des 19. Jahrhunderts, in der sie populär wurden. Sie müssen auch Das Narrativ von der ‚Renaissance’ ist ein Erbe, das die Geschichts- in Zusammenhang mit einer Gegenwart gebracht werden, die man wissenschaft seit ihrer Konstitution als Disziplin im 19. Jahrhundert neuerdings als Teil einer Multiplen Moderne oder als Postmoderne in ewiger Jugendlichkeit neu hervorzubringen scheint. Bis heute gibt betrachten kann. Problematischer denn je würden derzeit etwa die die Erzählung der Wiedergeburt des Alten als zeitlos Guten nicht nur traditionell auf nationale Sinnstiftung ausgerichteten Bezüge von Re- die Grenzen diverser historischer Forschungsfelder von der Spätan- naissance(n). Demgegenüber sei das Renaissance-Narrativ in einigen tike bis zur Aufklärung vor. Trotz zumeist kritischer Diskussion der historischen Teildisziplinen, nicht zuletzt in kunstgeschichtlichen Ar- Fachwissenschaft zu Mittelalter und Frühneuzeit hat das Narrativ der beiten zur Zeitenwende um 1500, zuletzt dezentriert und durch neue Renaissance(n) vor allem das populäre Geschichtswissen in ewiger Blickpunkte angereichert worden. In der Mediävistik werde dage- Wiederkehr des Ähnlichen zutiefst durchdrungen. gen eine solche ‚befreiende’ Dezentrierung des Narrativs noch nicht Die von ANJA RATHMANN-LUTZ (Basel) unter dem Titel „Wie- ausreichend genutzt – obwohl sie vielfältige Potentiale berge. dergänger und Neugeborene. Das Renaissance-Narrativ in der (post-) Wie die weiteren Überlegungen zum Narrativ von der ‚Renaissance modernen Historiographie“ organisierte Sektion brachte die Thema- des 12. Jahrhunderts’ deutlich illustrierten, problematisierte die medi- tik angesichts aktueller Debatten um die Moderne und ihre Peri- ävistischen Fachdebatte bislang vor allem die Frage, ob der frühzeitig odisierung und Lokalisierung erneut auf die Tagesordnung. Aus- bis auf das Früh- und Hochmittelalter ausgeweitete Begriff und das drücklich wollten die durchgängig mediävistisch ausgewiesenen Spre- Konzept einer ‚Renaissance’ für diese Zeiten inhaltlich passend seien. cher/innen die Reflexion des Faches über Metaerzählungen fortsetzen, Demgegenüber etablierte Rathmann-Lutz nachdrücklich die Frage, die sich etwa auf dem Historikertag 2004 in der Sektion „Meisterer- was die Renaissance-Erzählung so attraktiv mache. Sie hob einerseits zählungen vom Mittelalter“ geäußert hatte.1 Die Akzente lagen hier die pragmatische Faszinations- und Durchsetzungskraft hervor, die allerdings sehr viel deutlicher auf forschungsstrategischen und prag- die Erzählung eines kreativen, flexiblen, individuellen Neuanfangs aus matischen Aspekten. einer Zeit archaischer Starre nun einmal berge. Sie betonte jedoch ande- Den ersten Schwerpunkt der Sektion bildeten die einleitenden rerseits die Fruchtbarkeit, die das in allen historischen ‚Renaissancen’ Überlegungen von Anja Rathmann-Lutz, die durch eine Fallstudie wiederkehrende Element eines kreativen Umgangs der Zeitgenossen zum Narrativ des „12. Jahrhunderts im Strudel der Geschichtsbilder“ mit Anachronismen und der Gleichzeitigkeit verschiedener kultureller verdeutlicht wurden. Wie Rathmann-Lutz programmatisch äußerte, Traditionen für neue Formen der Geschichtsdarstellung berge.2 ergebe sich aktueller Reflexionsbedarf einerseits aus der unauflös- Auf eine stärkere und gewissermaßen klügere Nutzung solcher dy- baren Verbindung, die identitätsstiftende Erzählungen über die ‚Re- namisierenden Ansätze lief auch ihr Plädoyer hinaus: Wie Rathmann- naissance’ (sowie über mehrere mittelalterliche ‚Renaissancen’ seit Lutz nachvollzog, ist in der Forschung schon vielfach versucht wor- dem frühen Mittelalter) mit Erzählungen über die Moderne eingegan- 2 Vgl. für dem zugrundeliegende Überlegungen zur Erforschung historischer Zeit- gen sind: Vormoderne Renaissancen stehen mittlerweile nicht nur in konzepte die Überlegungen im Rahmen des von Anja Rathmann-Lutz und Miriam Czok (Duisburg-Essen) geleiteten DFG-Netzwerks ‚ZeitenWelten’ (<http://www. 1 Frank Rexroth (Hrsg.), Meistererzählungen vom Mittelalter. Epochenimaginationen zeitenwelten.unibas.ch>) sowie die Links ebd. (<http://zeitenwelten.unibas.ch/?page und Verlaufsmuster in der Praxis mediävistischer Disziplinen, Historische Zeitschrift – _id=51>) (20.11.2012). Beihefte N.F. 46, München 2007. 473 474 Wiedergänger und Neugeborene. Das Renaissance-Narrativ in der Sita Steckel (post-)modernen Historiographie den, den Begriff der ‚Renaissance’ durch andere Bildungen zu ersetzen. Kennzeichen europäisch-westlicher Geschichtsschreibung sehen müs- Man hat ihn innerhalb der Mittelalterforschung durch Differenzierung se. Wie er postulierte, könnte man der Vorstellung einer Renaissance von ‚Renaissance’, ‚Reform’, ‚renascence’ etc. zu präzisieren versucht. möglicherweise sogar spezifische, handlungsleitende Wirkung und Nur stark modernisierungstheoretische Darstellungen nutzten ihn tat- damit besondere Wirkmächtigkeit attestieren, da sie implizit zur (Wie- sächlich überhaupt im Sinne einer strikt abgrenzenden Periodisierung der-)Herstellung eines als ‚golden’ angesehenen Zustands auffordere. und Verknüpfung verschiedener linearer Tendenzen der Innovati- In dieser Wendung könne also die im Renaissance-Narrativ transpor- on (typischerweise Rationalisierung, Bürokratisierung, Individuali- tierte Defizienzerfahrung (einer Vorstellung eines bereits verlorenenen sierung, Säkularisierung, Professionalisierung und andere). Potential goldenen Zeitalters) als mögliche Ursache für europäische Besonder- liege demgegenüber darin, das ‚Gefäß’ des Renaissance-Narrativs neu heiten gesehen werden. Er sprach sich daher für einen Ausbau der zu füllen. Gerade weil die Beschäftigung mit ‚Renaissance’ im Bereich Erforschung des Narrativs in der vergleichenden Historiographiege- des Handbuch- und Populärwissens so etabliert sei, eigne sich das schichte aus. Narrativ dazu, neuartig additives, komparatives und polyzentrisches Der Vortrag von STEFFEN PATZOLD (Tübingen) widmete sich Erzählen von Geschichte zu ermöglichen eher den inhärenten Problematiken des Renaissance-Narrativs als dem Der Vortrag von JAN RÜDIGER (Frankfurt am Main) zu „Defi- Begriff selbst. Er stellte unter dem Titel „Rückkehrfiguren heute: Re- zienzdynamiken oder: Warum eine Renaissance nicht gelingen darf“ naissancen des Mittelalters in der Nachmoderne?“ konsequent die baute die Frage nach Nutzen und Attraktivität des Motivs der Re- Abgrenzung Moderne/Vormoderne in den Vordergrund. In direktem naissance aus. Wie Rüdiger eröffnend an Beispielen verdeutlichte, Bezug auf die ‚Revolte der Mediävisten’ zu Beginn des 20. Jahrhun- teilen Darstellungen der Renaissance typischerweise bestimmte Moti- derts mahnte Patzold aufgrund aktueller Entwicklungen ebenfalls ve positiver oder nostalgischer Vergangenheitsdarstellungen, die etwa erneute Reflexion an: Wenn Erzählungen vom Beginn der Moderne auch in der Darstellung der zukunftsfreudigen 1960er-Jahre begeg- formuliert oder eine Unterscheidung von Moderne und Vormoderne nen. In letzteren wurde freilich wiederum auf die Golden Twenties vorgenommen werden solle, müsse durchaus mitreflektiert werden, als Zeit eines Aufbruchs und einer kulturellen Jugendlichkeit verwie- was man unter Moderne verstehen will. Die derzeitige Dichotomie sen. Wie verschiedene historische Konzepte zyklischer oder kreisender von Moderne und Vormoderne werde jedoch durch zahlreiche ‚viru- Zeitalter transportiere das Renaissance-Narrativ auch Motive der Ju- lente Rückkehrfiguren’ in Frage gestellt. Sie reichten von Szenarien gendlichkeit und Vergreisung, die anthropologisch verankert wirken. eines Neomedievalismus, in dem aufgrund des Verschwindens von Demgegenüber zeichne sich die Vorstellung von einer Renaissance Nationalstaaten mit entgrenzten Kriegen zu rechnen sei, bis zu Paralle- jedoch auch durch Linearität und Bewußtsein des Verlustes des Alten lisierungen von Moderne und Mittelalter, die sich auf Phänomene des aus – das Rad der Geschichte lasse sich nicht zurückdrehen, und die Medienwandels und der Performanz beziehen. Angesichts dieser ‚Mo- Wiedergeburt der Antike werde innerhalb des Euromediterraneum dernen ohne Fortschrittsoptimismus’ stelle sich die Frage, inwiefern typischerweise eben nicht als Restitution, sondern als Überbietung auch Mediävisten ihre typischen Annahmen und Darstellungsgewohn- gedacht. Dem schloss Rüdiger die Frage an, ob man möglicherweise heiten überprüfen müssten. Wenn die Moderne nicht länger durch die Linearität und die Konzeption eines eng mit der eigenen Gegen- Charakteristika wie feste Staatlichkeit oder strikte Einhegung von Reli- wart verzahnten ‚goldenen Zeitalters’ der Renaissance als besonderes gion konturiert werde, mache es weniger Sinn, ein ebenfalls ohne feste 475 476 Wiedergänger und Neugeborene. Das Renaissance-Narrativ in der Sita Steckel (post-)modernen Historiographie Staatlichkeit oder Einhegung von Religion gedachtes Mittelalter als Öffentlichkeit aber als knappe Chiffre für ein bestimmtes Wertsche- Epoche der Alterität dagegenzuhalten. ma, in dem etwa den Faktoren der Bildung bzw. generell der Ideen Aus den entsprechenden Verschiebungen ergebe sich für Mediävis- hohe gesellschaftliche Wirkung zugesprochen würde oder Präferen- ten daher die Notwendigkeit oder zumindest das Potential, aus aktu- zen für Säkularität, Pluralisierung etc. geäußert würden. Gerade diese ellen Gegenwartsdiagnosen neue Fragestellungen abzuleiten. Beispiel- grundlegenden Annahmen (etwa, dass ein Aufschwung des Bildungs- haft verwies Patzold auf Ansatzpunkte, wie sie Giddens zur Erklärung wesens historisch mehr Säkularität hervorbringt) würden aktuell je- der Dynamik der Moderne heranzieht (Trennung von Raum und Zeit, doch entkoppelt, was auch Rückwirkungen habe. Bei der weiteren Entbettung und Umordnung sozialer Beziehungen durch symbolische Untersuchung von Renaissance-Narrativen könnte es sich als hilfreich Zeichen und Expertensysteme). Fragen nach solchen Mechanismen erweisen, die verschiedenen Ebenen historischer Sinnstiftung stärker könnten eine genauere Darstellung und Graduierung bestimmter Dy- zu trennen. namisierungsperioden erlauben, wobei die vorhandenen Ergebnisse Insgesamt wurde in der Sektion somit nicht nur die Forderung nach zu mittelalterlichen Renaissancen wie der ‚karolingischen Renaissance’ einer produktiven Beschäftigung mit der Historiographiegeschichte als eine Art Testfälle gebraucht werden könnten. der jüngsten Vergangenheit erhoben, die über die bisherige kritische In seinem Schlusskommentar fasste FRANK REXROTH (Göttin- Begriffsreflexion zu den ‚Renaissancen’ innerhalb hochspezialisierter gen) kommentierend die Problemfelder zusammen, die in den Vorträ- Zusammenhänge hinausgeht. Explizit wie implizit wurde auch die gen angesprochen worden waren. Wie er hervorhob, war die Sektion Frage aufgeworfen, wie sich die aktuelle Geschichtswissenschaft an- vor allem durch die Abwendung von einem kritisch-historisierenden gesichts eines sich wandelnden Gegenwartsverständnisses öffentlich Ansatz gekennzeichnet und eröffnete mit der Frage nach Attraktivität positionieren kann. Müssen neue Narrative für die Fachwissenschaft und Nutzen des Renaissance-Narrativs ein breiteres Feld. Auf diesem oder – wie mehrfach angedeutet wurde – für eine breitere Öffent- Feld, so Rexroth, könne in der Beurteilung von Potential und Proble- lichkeit produziert werden? Sind nach Verabschiedung eines linearen matik des Renaissance-Narrativs die etablierte Unterscheidung von Modernisierungsmodelles dabei neue Formen eines polyzentrischen ‚Geschichtsforschung’ und ‚Geschichtserzählung’ hilfreich sein. Eine Erzählens aufzugreifen, wie von Rathmann-Lutz gefordert? Was wä- Beschäftigung mit Problematiken älterer Renaissance-Narrative zeige ren Themen und Anordnungskategorien solcher Narrative? Können schnell, dass diese vor allem auf der Ebene der Geschichtserzählung Erzählungen über ‚Renaissancen’ dazu dezentriert und angereichert lokalisiert würden. Aus Geschichtserzählungen diffundierten zudem werden, oder sparen sie zu deutlich bestimmte Bereiche aus? Es mag einschlägige narrative Strukturen auch in die populäre Geschichtsdar- etwa gestattet sein, nach Episoden ‚religiöser Bewegungen’ und politi- stellung. Auf diesen unterschiedlichen Ebenen gebe es jedoch ganz scher wie religiöser Vereindeutigungsprozesse zu fragen, die zwischen unterschiedliche Weisen der Nutzung und unterschiedliche Proble- Spätantike und Aufklärung stets gewissermaßen das ‚Andere’ der matiken des Narrativs. Die amerikanische Mediävistik habe etwa das zahlreichen Renaissancen des 9., 12. und 14.-16. Jahrhunderts bilden. Narrativ von der ‚Renaissance des 12. Jahrhunderts’ erfolgreich ge- Doch scheint es durchaus möglich, diejenigen Dynamiken ins Zen- gen die ältere ‚Italienische Renaissance’ in Stellung gebracht, um so trum differenzierender Untersuchungen und Darstellungen zu rücken, Legitimität für ihren Gegenstand zu erzeugen. Darüberhinaus fun- die bislang vor allem in ‚Renaissance’-Motivik verhandelt wurden – giere der Verweis auf ‚Renaissance’ in der breiteren amerikanischen und so nicht nur von einer multiplen Moderne, sondern gewisserma- 477 478 Sita Steckel ßen auch von einer multiplen Vormoderne auszugehen, die sowohl Jan Rüdiger (Frankfurt am Main): Defizienzdynamiken oder: Warum von Pluralisierungs- wie von Vereindeutigungsprozessen gekennzeich- eine Renaissance nicht gelingen darf net ist.3 Dazu boten die Vorträge eine Reihe von Ansatzpunkten: Im Steffen Patzold (Tübingen): Rückkehrfiguren heute: Renaissancen des Sinne Rüdigers und Rexroths wäre sicherlich zunächst noch einige Mittelalters in der Nachmoderne? Historisierungsarbeit und Funktionsbestimmung an älteren Narrati- ven zu leisten. Wie Rathmann-Lutz und Patzold betonten, bieten sich Frank Rexroth (Göttingen): Kommentar aber auch verschiedene Neufokussierungen von Mechanismen der Transformation an, die beispielsweise an Pluralisierung, gewandel- Tagungsbericht Wiedergänger und Neugeborene. Das Renaissance-Narrativ ten Zeit- und Anachronismuskonzepten, Entbettungsprozessen oder in der (post-)modernen Historiographie. 25.09.2012-28.09.2012, In: H-Soz- globalen und lokalen Verflechtungen festgemacht werden können.4 u-Kult 21.11.2012. Überholte ältere Renaissance-Narrative wird man so zwar sicherlich nicht völlig überschreiben oder gar aus dem Bereich des populären Geschichtswissens verdrängen können. Wie die Sektion zeigte, könn- ten kritisch unterfütterte Neuentwürfe aber über den bisherigen, eher Zeitgeschichte ohne Ressourcen? Probleme der Nutzung dekonstruierenden Umgang mit Renaissance-Narrativen deutlich hin- audiovisueller Quellen ausführen. Leitung: Christoph Classen (Potsdam) Sektionsübersicht: Bericht von: Kirsten Moritz, Seminar für Mittlere und Neuere Ge- Anja Rathmann-Lutz (Basel): Einführung schichte, Abteilung Didaktik der Geschichte, Universität Göttingen Anja Rathmann-Lutz (Basel): Das 12. Jahrhundert im Strudel der Ge- „Theater ist Kunst, Film ist Unterhaltung und Fernsehen ein Möbel.“ schichtsbilder CHRISTOPH CLASSEN (Potsdam) verdeutlichte gleich zu Beginn 3 Vgl. zur Problematisierung von Pluralisierung und Vereindeutigung in Renaissance der Sektion, dass dieses von ihm zitierte Urteil zum Massenmedium und Reformation etwa James Simpson, Reform and Cultural Revolution 1350-1547 (The Fernsehen für die Zeitgeschichtsschreibung durchaus problematisch Oxford English Literary History, 2), Oxford 2004; mit Überlegungen zum Verhältnis ist: Audiovisuelle Quellen seien nicht nur für Medienhistoriker rele- von säkular-pluralisierenden und religiösen Tendenzen im Mittelalter Sita Steckel, Sä- kularisierung, Desakralisierung und Resakralisierung. Transformationen hoch- und vant, da spätestens seit der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts von spätmittelalterlichen gelehrten Wissens als Ausdifferenzierung von Religion und Politik, medialisierten Gesellschaften auszugehen sei. Eine Zeitgeschichte, die in: Karl Gabriel, Christel Gärtner / Detlef Pollack (Hrsg.), Umstrittene Säkularisie- Massenmedien nicht berücksichtige, könne daher nur unzureichend rung. Soziologische und historische Analysen zur Ausdifferenzierung von Religion und Politik, Berlin 2012, S. 134-175 sowie Alexandra Walsham, The Reformation and the geschrieben werden. Gleichwohl würden Historiker/innen die Frage Disenchantment of the World Reassessed, in: Historical Journal, 51.2 (2008), s. 497-528. nach Überlieferung und Archivierung von Fernsehproduktionen viel 4 Vgl. mit ähnlichen Überlegungen Antje Flüchter, Tagungsbericht The Making of Religion? Re-Describing Religious change in Pre-Modern Europe. 29.04.2011- zu wenig ernst nehmen. Um so unverständlicher sei dieses Desinteres- 30.04.2011, Harvard, in: H-Soz-u-Kult, 01.08.2011, <http://hsozkult.geschichte.hu- se, wenn man die Probleme betrachte, die ein/e Wissenschaftler/in berlin.de/tagungsberichte/id=3751>. habe, wenn er/sie Fernsehquellen in die Forschung einbeziehen möch- te. 479 480 Zeitgeschichte ohne Ressourcen? Probleme der Nutzung Kirsten Moritz audiovisueller Quellen Die Frage nach der wissenschaftlichen Nutzung audiovisueller die Deutsche Nationalbibliothek als auch die Archivgesetze der Län- Quellen – darauf verweist bereits der Titel der Sektion – ist eine Frage der würden die Rundfunkarchivierung entweder unerwähnt lassen nach verschiedenen Problembereichen. Diese Ausgangslage brachte oder dezidiert ausschließen. Als Kontrastbeispiel führte Kramp dazu es mit sich, dass sich die als Podiumsdiskussion angelegte Sektion we- unter anderem Frankreich an, wo die Sender zu einer Abgabe an den niger als kontroverse Debatte, sondern eher als Erfahrungsaustausch Staat verpflichtet seien. Hier sei das Institut national de l‘audiovisuel und Problemartikulation erwies. als zentrales audiovisuelles Archiv seit 1974 per Gesetz für die Samm- Eines dieser zentralen Probleme besteht nach Classen darin, dass lung und Bereitstellung von Fernsehproduktionen zuständig. Auch die Verantwortung zur Sicherung des audiovisuellen Materials allein die freiwillige Selbstverpflichtung, die ARD und ZDF 2004 im Sinne bei den Anbietern liegt, an die der/die Forscher/in sich wenden muss. der Erhaltung von Fernsehproduktionen abgegeben hätten, würden Eine zentrale Anlaufstelle für audiovisuelle Quellen fehle nämlich und an der primären Bedeutung der Archive als Produktionsarchive wenig die Archivlandschaft sei darüberhinaus unübersichtlich und zersplit- ändern.2 tert. Das Deutsche Rundfunkarchiv (DRA), dessen Name eine solche An diesen (Problem-)Aspekt der Überlieferung schloss sich die für Funktion als zentrale Instanz suggerieren mag, verfüge nur über be- den/die an audiovisuellen Quellen interessierte/n Wissenschaftler/in grenzte Bestände vor allem aus der DDR sowie der Zeit des National- vermeintlich zentralste Frage an: Inwiefern besteht ein Zugang zu dem sozialismus. Dass die Produzenten selbst für die Archivierung ihrer so überlieferten Material? Nach FRANK BÖSCH (Potsdam) ist dieser Sendungen zuständig seien, habe zur Folge, dass die vorhandenen Ar- Zugang extrem eingeschränkt. Ein wesentliches Problem dabei seien chive in erster Linie als Produktionsarchive der Sender dienen würden. die teils sehr hohen, von Sender zu Sender schwankenden Kosten VEIT SCHELLER (Mainz) gewährte zu diesem Aspekt als Leiter des der Bereitstellung audiovisuellen Materials. Außerdem gebe es keine ZDF-Unternehmensarchivs einen Einblick in die Praxis. Der Archivar einheitlichen Zugangsregelungen und somit würden die einzelnen wies daraufhin, dass die Lage bei den öffentlich-rechtlichen Sendern Sender mit Anfragen zu Sendungen ganz unterschiedlich umgehen. aus seiner Perspektive vergleichbar gut ist, denn das audiovisuelle Teilweise seien hier sogar Unterschiede innerhalb derselben Institution Material seit Ende der 1980er-Jahre liegt nahezu geschlossen vor. Schel- festzustellen. Hinsichtlich der Frage des Zugangs tauschten sowohl ler räumte jedoch auch ein, dass in den frühen Jahren des Fernsehens Podium als auch Auditorium entsprechend uneinheitliche Erfahrun- einige aus heutiger Sicht interessante Sendungen gar nicht erst aufge- gen miteinander aus: von freundlicher und kostenfreier Bereitstellung zeichnet oder im Nachhinein überspielt wurden. Weit schlechter ist die des Materials bis hin zu ergebnislosen Versuchen, die letztlich mit Ver- Lage hingegen bei den privaten Sendern, wie Classen am Beispiel von weis auf die personelle und finanzielle Ausstattung der Sendearchive RTL verdeutlichte. LEIF KRAMP (Bremen) ergänzte diese Ausführun- scheiterten. Unter anderem ANDREAS FICKERS (Maastricht) wies gen zur Sammlung des audiovisuellen Materials um Anmerkungen suellen Materials einnehmen kann: Leif Kramp, Gedächtnismaschine Fernsehen, Bd. 2: zur Rechtslage sowie um einen internationalen Vergleich. Deutschland Probleme und Potentiale der Fernseherbe-Verwaltung in Deutschland und Nordamerika, zähle dabei in der Frage, inwiefern die audiovisuelle Überlieferung Berlin 2011, S. 54-69. 2 Christoph Classen / Thomas Großmann / Leif Kramp, Zeitgeschichte ohne Bild und staatlich reglementiert sei, zu den „schwachen Staaten“ und überlasse Ton? Probleme der Rundfunk-Überlieferung und die Initiative „Audiovisuelles Erbe“, die Archivierung komplett den Anbietern.1 Sowohl das Gesetz über in: Zeithistorische Forschungen/Studies in Contemporary History 8 (2011), S. 130-140, hier S. 135; auch online unter <http://www.zeithistorische-forschungen.de/16126041- 1 Zu den verschiedenen Rollen, die ein Staat hinsichtlich der Archivierung audiovi- Classen-Grossmann-Kramp-1-2011> (03.10.2012). 481 482 Zeitgeschichte ohne Ressourcen? Probleme der Nutzung Kirsten Moritz audiovisueller Quellen daraufhin, dass persönliche Beziehungen ganz wesentlich dazu beitra- werden, würde bei den Redaktionen selbst liegen. Nur in Ausnah- gen können, dass der Zugang zu audiovisuellen Quellen erfolgreich mefällen greife das Archiv in die Sicherung der Bestände ein. Für ist. Mit finanzieller Unterstützung und persönlichen Kontakten sei die ARD scheint die Situation indes problematischer, da – so führte die Situation anscheinend leichter – eine Erkenntnis, die vor allem für Classen an – nur einige Landesrundfunkanstalten überhaupt über die anwesenden Nachwuchswissenschaftler/innen, die nicht über die Unternehmensarchive verfügen. nötigen finanziellen Mittel und Kontakte verfügen, eher entmutigend Zusätzliche Schwierigkeiten bei der Nutzung audiovisueller Quel- gewesen sein dürfte. Auch im Sinne der Nachvollziehbarkeit wis- len wurden beim Bereich der rechtlichen Fragen gesehen: Kramp unter- senschaftlicher Arbeiten, dies führte Bösch an, ist dieser privilegierte schied dabei verschiedene Rechtsgrundlagen hinsichtlich der Sichtung, Zugang zum Material durchaus bedenklich. der Zitation sowie der Sammlung und Reproduktion audiovisueller Außer dem zentralen Aspekt des Zugangs zu Fernsehquellen wur- Quellen. In der Diskussion wurde erkennbar, dass es sich hierbei den weitere Probleme diskutiert, die den Handlungsbedarf auf diesem um ein höchst komplexes Feld handelt. Vor allem die Reproduktion Feld verdeutlichten. Unter anderem Kramp führte die grundlegende und Weitergabe des Materials sei durch Fragen des Urheberrechts Schwierigkeit der Auffindbarkeit an: Da eine umfassende Programm- eingeschränkt. Bösch machte am Beispiel von Fernsehmitschnitten in chronik fehle, könne der/die Forscher/in sich nur schlecht orientieren Mediatheken, die es an vielen Universitäten mittlerweile als Notlö- und nicht wissen, welche relevanten Beiträge überhaupt gesendet wor- sung gibt, deutlich, dass sich die Verbreitung von Fernsehquellen im den seien. Um den Zugang zu audiovisuellen Quellen zu erleichtern, wissenschaftlichen Raum häufig in rechtlichen Grauzonen bewege.3 sei es laut Scheller notwendig, ein solches Programmverzeichnis zu Es könne in diesem Bezug hilfreich sein, wenn Regeln systematisiert schaffen, da Programmzeitschriften ein höchst unzuverlässiges Recher- und so der Umgang mit dem Material formalisiert werden würde. chemittel seien. Bösch verwies hinsichtlich dieser Frage auf die beiden Scheller ergänzte die prekäre Frage nach dem Urheberrecht um die Standorte des DRAs in Frankfurt am Main und Potsdam-Babelsberg, Perspektive einer Sendeanstalt: Durch urheberrechtliche Regelungen die gute Möglichkeiten zur Recherche bieten würden. Allerdings ist mit Produzenten und Schauspielern seien die Sender daran gehindert, darauf zu verweisen, dass das DRA in seiner Datenbank ausschließ- den Wissenschaftlern/innen das Material völlig frei und auch zum lich Sendungen verzeichnet, welche auf der ARD oder den Dritten Zweck der Reproduktion und Weitergabe zur Verfügung zu stellen. Programmen ausgestrahlt worden sind. Neben den verschiedenen Problemen wurden auf dem Podium Ferner wurde der Zugang zu den redaktionellen Begleitquellen, auch Auswege aus dieser Situation besprochen. Fickers stellte dabei den Kontextquellen, angesprochen: Nach Bösch sind auch bei die- den Anwesenden zunächst Alternativen und Zukunftsperspektiven sem für Historiker/innen besonders relevanten Schriftgut die Über- vor: Nach dem History-Boom und der Vorrangstellung des Fernsehens lieferung sehr uneinheitlich und die Zugangsmöglichkeiten enorm sei das Internet die zukünftige Plattform der Geschichtsvermittlung. eingeschränkt. Beim ZDF sind die relevanten Unterlagen zu Fernseh- Mit diesem neuen Forum seien besondere Herausforderungen ver- produktionen durchaus vorhanden, aber das Problem bestehe hier bunden, zu denen die Findbarkeit des Materials im World Wide Web, vor allem in der Frage des Zugangs, so Scheller. Der Leiter des Unter- der quellenkritische Umgang mit diesem und letztlich die Notwendig- nehmensarchivs gab einen Einblick in die Praxis der Sicherung dieser keit einer neuen Erzählform der Forschung zähle. So sei es geboten, Kontextquellen: Die Entscheidung, welche Unterlagen aufgehoben 3 Classen/Großmann/Kramp, Zeitgeschichte, S. 137-138. 483 484 Zeitgeschichte ohne Ressourcen? Probleme der Nutzung Kirsten Moritz audiovisueller Quellen dass sich die wissenschaftliche Argumentation auf der narrativen me zu beseitigen. Kramp hob hervor, dass es nötig ist, das vorhandene Ebene der Onlineumgebung anpasse – eine Aufgabe, die für Histori- Problembewusstsein zu nutzen und auf dieser Ebene gezielt Lobbyar- ker/innen sicherlich besondere Schwierigkeiten darstellt. Ein Trend beit zu betreiben. Als Adressaten wurden dabei sowohl die verschie- im Netz geht nach Fickers zu virtuellen Ausstellungen, die auch audio- denen Ansprechpartner/innen der Bundestagsfraktionen genannt als visuelle Quellen einbeziehen. Anhand verschiedener multimedialer auch Mitglieder der Rundfunkräte. Als schlagendes Argument, um Plattformen verdeutlichte der Medienhistoriker diese Möglichkeit des auf diesen Ebenen erfolgreich sein zu können, sollte laut Bösch vor Internets.4 Der große Vorteil dieser Ausstellungen im Vergleich zu allem der internationale Vergleich dienen. Daneben seien Appelle an anderen Anbietern (z.B. YouTube) läge darin, dass die Metadaten des die Anbieter audiovisueller Quellen sinnvoll: Das Bewusstsein auf Materials (Ausstrahlungszeitpunkt, Produzenten usw.) vorliegen wür- Seite der Produzenten, dass ihre Sendungen geschichtlich bedeutend den. Kramp gab zu diesem Trend zu bedenken, dass in der Breite vor und es wert seien, aufbewahrt und ausgewertet zu werden, müsse allem wegen rechtlicher Schranken die Zukunft der audiovisuellen gestärkt werden. Letztlich nahmen die Diskussionsteilnehmer auch Überlieferung nicht im Netz liege, auch wenn die Verbreitung des den Veranstalter selbst in die Verantwortung: Es wurde in der Diskus- Materials auf Projektebene sicher möglich sei. sion mehrfach bedauert und als unverständlich erklärt, dass auf dem Vor allem zum Ende der Sektion stand die Frage im Mittelpunkt, Historikertag 2006 eine Resolution in der Mitgliederversammlung des was aus den konstatierten Problemen abzuleiten ist: Was kann getan Historikerverbandes gescheitert war, die darauf abzielte, den Zugang werden, um die problematische Situation für die Forscher/innen bei zu audiovisuellen Quellen für Wissenschaftler/innen zu erleichtern. der Nutzung audiovisueller Quellen zu verbessern? Die diskutierten Die zahlreichen Probleme, die ein/e Wissenschaftler/in hat, Lösungsvorschläge waren auf unterschiedlichen Ebenen angesiedelt: der/die mit audiovisuellen Quellen arbeiten möchte, wurden in der Ganz konkrete Maßnahmen regte vor allem Bösch an, der einen wich- Sektion deutlich. Der Handlungsbedarf, der auf diesem Feld besteht, tigen Schritt in der Bereitstellung von Sichtplätzen vor Ort bei den kann spätestens nach dieser Podiumsdiskussion nicht mehr bestritten Sendern sah. Aber auch die Möglichkeit zu Recherche und Kauf audio- werden. Für all jene im Raum – und dies dürfte die große Mehrheit visuellen Materials über das Internet, wie es bei der BBC derzeit bereits gewesen sein –, die mit audiovisuellen Quellen arbeiten oder bereits möglich ist, wurde vom Potsdamer Historiker befürwortet. Dies sei für gearbeitet haben, war jedoch wenig Neues zu erfahren. Vielmehr dürf- die Sendeanstalten wirtschaftlich rentabel und erleichtere den Zugang ten sie ihre eigenen Erfahrungen bestätigt gesehen haben. Gleichwohl für die Wissenschaftler/innen. Fickers sprach sich daneben für den war eine gewisse Aufbruchstimmung zu spüren, die problematische Si- weiteren Auf- und Ausbau von Netzwerken aus, die Hürden zwischen tuation zu verbessern. Es bleibt zu hoffen, dass diese nutzbar gemacht Archiven und Forschern abbauen könnten. Auch Scheller sah solche werden kann und dass den Handlungsoptionen auf den verschiedenen Formen der Kooperation als wichtigen Faktor, um bestehende Proble- Ebenen erfolgreich nachgegangen wird. Dass die Podiumsdiskussion 4 Dazu zählt die Plattform Europeana, die unter anderem verschiedene virtu- bereits von der fachwissenschaftlichen Auseinandersetzung in eine elle Ausstellungen zu bestimmten Themen zusammenfasst. <http://exhibitions. breitere Öffentlichkeit getragen wurde, ist in diesem Sinne sehr zu europeana.eu/> (03.10.2012). Für den Bereich der audiovisuellen Überlieferung ist begrüßen und gibt Grund zur Hoffnung.5 zudem vor allem das an Europeana angegliederte und auf televisuelle Überlieferung konzentrierte Portal euscreen relevant, das Fickers ebenso vorführte <http://www. 5 Sven Felix Kellerhoff, Der Zeitgeschichte gehen die Bilder aus, in: <http://www. euscreen.eu/> (03.10.2012). welt.de/kultur/article109486086/Der-Zeitgeschichte-gehen-die-Bilder-aus.html> (03.10.2012). 485 486 Zeitgeschichte, Archive und Geheimschutz – Ressourcen und Konflikte bei der Nutzung von Quellen Es wäre wünschenswert gewesen, wenn neben den Aspekten der Zeitgeschichte, Archive und Geheimschutz – Ressourcen und Archivierung, der Auffindbarkeit, des Zugangs und der Reproduk- Konflikte bei der Nutzung von Quellen tion die Frage nach dem methodischen Umgang diskutiert worden wäre. Dieser macht einen wesentlichen Teil der Nutzung audiovisu- Leitung: Rainer Hering (Hamburg) / Robert Kretzschmar (Tübingen) eller Quellen aus und hätte demnach laut Titel der Sektion zum The- / Edgar Wolfrum (Heidelberg) menfeld gehört. Obwohl – darauf wurde in der Diskussion vermehrt Bericht von: Elsbeth Andre, Landeshauptarchiv Koblenz hingewiesen – Historiker/innen dazu übergegangen sind, methodi- sche Anleihen aus anderen Disziplinen für ihre Forschung nutzbar Gezielte Aktenvernichtungen beim Verfassungsschutz und die dar- zu machen, hätte eine fachspezifische Systematisierung und Diskus- aufhin erfolgte Strafanzeige des Vereins deutscher Archivarinnen und sion des methodischen Repertoires die Sektion sicher bereichert. Es Archivare wegen Verwahrungsbruchs – (Nicht-)Zugänglichkeit von ist anzunehmen, dass die Frage danach, wie Fernsehquellen analy- Unterlagen der Nachrichtendienste: die Aktualität des Themas war siert werden können, Historiker/innen teilweise immer noch davon zum Zeitpunkt der Sektionsplanung nicht absehbar gewesen, wie RO- abschreckt, diese zu nutzen. Eine stärkere Einbindung methodischer BERT KRETZSCHMAR (Stuttgart/Tübingen) in seiner Einführung Fragen in die Diskussion um audiovisuelle Quellen könnte daher dazu heraushob. Die Relevanz des Themas konnte er angesichts der politi- beitragen, dass die Forderung, dieses Material auch außerhalb der Me- schen Vorfälle der letzten Wochen und Monate so zusätzlich untermau- diengeschichte zu berücksichtigen, in zukünftigen Forschungsarbeiten ern. Er beschrieb die virulente Debatte um die Zugänglichkeit des Teils vermehrt umgesetzt wird. der Unterlagen von Behörden und Gerichten, die als VS (Verschluss- sachen) der Geheimhaltung unterliegen und somit auch nach Ablauf Sektionsübersicht: „normaler“ Fristen der zeitgeschichtlichen Forschung nicht zugäng- Podiumsdiskussion lich sind. In der gemeinsam von Forschung und Archiven geplanten Sektion werde folgender Bogen geschlagen: Neben sich abzeichnen- Frank Bösch (Potsdam) den Lösungswegen im Konflikt zwischen Forschungsinteressen und Andreas Fickers (Maastricht) Geheimschutz erfolge auch eine Darstellung der bestehenden recht- lichen Voraussetzungen sowie der in Archiven benutzten Verfahren Leif Kramp (Bremen) und Kriterien zur Bildung einer aussagekräftigen Überlieferung. Ziel Veit Scheller (Mainz) sei es, Möglichkeiten und Wünsche von Forschung und Archiven auszutauschen und ihre Positionen aneinander anzunähern. Christoph Classen (Potsdam): Moderation Vorweg erinnerte Kretzschmar daran, dass Archive neben ihrer Bedeutung für die Forschung auch eine demokratische Funktion und Tagungsbericht Zeitgeschichte ohne Ressourcen? Probleme der Nutzung au- Verantwortung haben. Verwaltungshandeln nachvollziehbar zu halten diovisueller Quellen. 25.09.2012-28.09.2012, In: H-Soz-u-Kult 18.10.2012. sei zentraler Auftrag der Archive, wozu auch die Verschlussunterlagen gehören.1 1 Kretzschmar verwies auf eine Publikation, die im Nachgang zu einer Tagung er- 487 488 Zeitgeschichte, Archive und Geheimschutz – Ressourcen und Elsbeth Andre Konflikte bei der Nutzung von Quellen JOSEF FOSCHEPOTH (Freiburg im Breisgau) forderte in seinem der – noch nicht komplett – zugänglichen staatlichen Überlieferung. pointierten und zunächst fast provokant erscheinenden Beitrag einen „Historische Kontextualisierung“, das heißt Sammeln von Quellen, völlig neuen Ansatz der zeitgeschichtlichen Forschung. Unter beson- die Auswertung der durch die digitale Revolution neuen Kommunika- deren Auflagen war ihm seit dem Jahr 2009 der Zugang zu grund- tionsmedien (Fax, SMS, Mail) ist für ihn der Weg, auf den sich Archive sätzlich (noch) nicht zugänglichen Verschlussunterlagen seitens des und Forschung gemeinsam begeben sollen. Bundesarchivs ermöglicht worden (dazu auch Beitrag Hollmann). Er formulierte fünf Forderungen an eine interdisziplinäre zeitge- Seine Forschungen führten ihn zur Einschätzung, dass ca. 1,5 Mio. schichtliche Forschung: 1. Forderung nach Empathie: Wertung der Verschlusssachen allein im Bestand des Bundesinnenministeriums ver- Zeitzeugenschaft als Vorteil, sich der jüngsten Zeitgeschichte zuzu- wahrt sind, deren systematische Erschließung und Auswertung er (für wenden. 2. Interviews: Für die Nutzung der „Oral History“ (natürlich alle Ressorts) forderte. Seine These: Durch Analyse des Quellenkor- unter Beachtung der Quellenkritik) sprach er sich aus, ebenso auch für pus Verschlusssachen seien völlig neue ergänzende Erkenntnisse zum 3. die Historisierung sozialgeschichtlicher Erkenntnisse („Aufbrechen politischen System der BRD, zu den einzelnen Politikfeldern (zum der Narrative der Sozialgeschichte“ und so der Kontextualisierung von Beispiel Autonomie der Bundeswehr) und der politischen Prozesse Zeitgeschichte) 4. Historiker sollen sich verstärkt auf die Suche nach (tatsächliche Anteile der verschiedenen Akteure) zu gewinnen. Die Quellen begeben, sich als „Spürhunde“ betätigen (zum Beispiel ver- Rolle der BRD, die Rechtsstaatlichkeit ihrer Exekutive werde in völlig stärkt Bildmaterial heranziehen oder auch Tagebuchaufzeichnungen neuem Licht erscheinen. Er plädierte für eine neue Politikgeschichte, „aus der zweiten Reihe“ nutzen). 5. Die Aussagekraft/der Informati- die die Wirkmächtigkeit der Prozesse auf Grundlage des erweiterten onsgehalt der Presse gehe vielfach über den der archivischen Quellen Quellenkorpus analysiert. Diese beweisen das „Scheitern des Staates“. hinaus beziehungsweise die Presse eröffne andere Facetten. Nötig sei Durch Öffnung für interdisziplinäre Ansätze (also Erweiterung der deshalb der Ansatz eines „investigativen Journalismus“. Inhalte), durch eine Positionierung der Politikgeschichte als Kultur- Die skizzierten Möglichkeiten sah Wolfrum nicht als Ersatz, son- geschichte müsse die Erforschung der BRD an ihren eigenen Werten dern als Ergänzung der archivischen Quellen. und Normen gemessen werden und so die Geschichte der BRD als „Er- JAN PHILIPP WÖLBERN (Potsdam) veranschaulichte an der The- folgsgeschichte“ auf den Prüfstand gestellt werden. Der Staat müsse matik des Häftlingfreikaufs durch die BRD die bestehende Verschluss- „neu entdeckt“ werden. sachenproblematik. Er beschrieb die „archivarische Asymmetrie“ (Her- Als „komplexitätsreduzierte Wertung“ kritisierte EDGAR mann Weber), das heißt unterschiedliche Aussagekraft und Überliefe- WOLFRUM (Heidelberg) sofort die Ausführungen Foschepoths, vor rungsdichte der Quellen aus Ost- und Westdeutschland, aber auch die allem die Darstellung, dass die Zeitgeschichtsforschung sich auf die sehr schwierige Zugänglichkeit gerade der westdeutschen Quellen im Erfolgsgeschichte der BRD beschränke. Gegensatz zu den in ostdeutschen Archiven verwahrten Unterlagen. Wolfrums eigener Beitrag behandelte die der Zeitgeschichtsfor- Die sich daraus ergebenden Probleme für die Forschung liegen auf schung zur Verfügung stehenden Möglichkeiten „vor der Zeit“, das der Hand. Thematisch relevante Akten (sowohl westdeutsche Über- heißt die mögliche Quellensuche und Auswertung von Quellen neben lieferungen) (Gesamt- und Innerdeutsches Ministerium) aber auch Bestände des Bundesbeauftragten für die Unterlagen des Staatssicher- schienen ist: Jens Niederhut / Uwe Zuber (Hrsg.), Geheimschutz transparent?: Ver- schlusssachen in staatlichen Archiven, Essen 2010. heitsdienstes der ehemaligen DDR (BSTU) sind vielfach noch als VS 489 490 Zeitgeschichte, Archive und Geheimschutz – Ressourcen und Elsbeth Andre Konflikte bei der Nutzung von Quellen eingestuft und infolge archivgesetzlicher Vorschriften teilweise nur der aktuellen Nutzungsabläufe fasste er zusammen: Es gibt keinen Ge- eingeschränkt – mit Wartezeiten von oft mehr als neun Monaten – nutz- gensatz zwischen Archivaren und Zeitgeschichte, auch wenn zuweilen bar. Wölbern wies auf die jüngste Publikation des Bundesarchivs hin.2 unterschiedliche Perspektiven und Darstellungen in den Medien den Für sein Forschungsvorhaben hatte er diese Unterlagen vorab einsehen Eindruck einer Polarität vermitteln. dürfen, wurde jedoch auf ihre Ausschnitthaftigkeit hingewiesen. Seine Betreffend der VS präzisierte Hollmann: Diese sind wie normales These: Die Öffnung von VS werde weitreichende Erkenntnisgewinne Schriftgut dem zuständigen Archiv anzubieten, das allein für Bewer- für die politische Geschichte und ihre Abläufe mit sich bringen, aber tungsentscheidungen zuständig ist. Diesem Schritt muss jedoch eine auch Betroffenen (freigekauften Häftlingen) ihr „Recht auf Wahrheit“ Rücknahme der VS-Einstufung durch die einstufende Behörde oder verschaffen. ihre Nachfolgebehörde vorausgehen (Herausgeberprinzip). MICHAEL HOLLMANN (Koblenz) erläuterte zunächst kurz die Nun ist durch die VSA von 1995 grundsätzlich die Öffnung von VS besonderen Möglichkeiten, die das Bundesarchiv Josef Foschepoth für nach 30 Jahren festgelegt. Dies gilt aber nicht für die vor dem Jahr 1995 seine Forschungen eingeräumt hatte (dazu erster Beitrag der Sekti- angelegten VS, mithin also für die zur Erforschung der Zeitgeschichte on). Im Rahmen von Veränderungen der gültigen Verschlusssachen- besonders interessanten Unterlagen. Anordnung (VSA) 2010 (die in den einstufenden Behörden umgesetzt Nachdem das Bundeskabinett im Dezember 2009 („unter öffent- werden sollen), konnte dem Forscher der Zugang zu VS-Unterlagen lichem Druck“) alle VS-produzierenden Stellen angewiesen hat, die ermöglicht werden. Die von Foschepoth genutzten Akten sind nun ältere VS-Schicht freizugeben oder aber die Fristen zu verlängern allgemein zugänglich. (und Frist bis zum Dezember 2012 gesetzt hat) ist Hollmann als Leiter Hollmann gab eine präzise Analyse der bestehenden rechtlichen des Bundesarchivs „verhalten optimistisch“, dass bis Jahresende alle Rahmenbedingungen (Übernahme behördlichen Schriftguts, das für Bundesbehörden ihre Entscheidung getroffen haben und äußerte die die aktive Arbeit nicht mehr benötigt wird, durch die Archive nach Hoffnung, dass zukünftig die Alt-VS komplett an das Bundesarchiv erfolgten Bewertungsentscheidungen; bestehende Nutzungsfristen abgegeben werden. (überwiegend 30 Jahre); Sonderfälle (Sperrfristenverkürzungen oder Mit einem Appell an die Forschung schloss Hollmann: Er bat um Regelungen des Informationsfreiheitsgesetzes (ISG) unterliegende Un- weitere beharrliche Nachfragen, um gemeinsame Forschung und Zu- terlagen)). Er erinnerte daran, dass Archivgut der Erforschung der sammenarbeit. Konkrete Kooperationen, wie im Beispiel Foschepoth Geschichte und der Sicherung von Belangen der Bürger diene. Die sollen jedoch nicht in den Verdacht geraten, auf „geheimer Ebene“ Archive seien Dienstleister für die Benutzer (sie bewerten, edieren, stattzufinden, sondern bedürfen klarer rechtlicher Vorgaben um trans- geben Aufschluss über die Überlieferungskontexte), aber auch Dienst- parent und entsprechend dem demokratischen Auftrag der Archive leister für die Behörden. Im Interesse der öffentlichen Sicherheit und jedermann möglich zu sein. der internationalen Beziehungen sei es bisweilen geboten, Unterlagen ANDREAS PILGER (Düsseldorf) gelang es in der ihm zur Verfü- der verschiedensten Behörden (durch Einstufung als Verschlusssa- gung stehenden knappen Zeit die Ausführungen Hollmanns unter chen) der Öffentlichkeit wirksam vorzuenthalten. Nach Schilderung dem Aspekt der Überlieferungsbildung zu ergänzen. 2 Michael Hollmann / Eberhard Kuhrt (Hrsg.), „Besondere Bemühungen“ der Bun- Er stellte die wichtigsten Methoden vor, deren sich die Archivare desrepublik, Band 1: 1962 bis 1969. Häftlingsfreikauf, Familienzusammenführung, Agen- bedienen, wenn sie die in den Behörden entstandenen Unterlagen auf tenaustausch, München 2012. 491 492 Zeitgeschichte, Archive und Geheimschutz – Ressourcen und Elsbeth Andre Konflikte bei der Nutzung von Quellen ihre Archivwürdigkeit bewerten und mit deren Hilfe sie ihre Entschei- Pilgers Resümee lautete: Durch Transparenz in der Übernahme- dungen transparent halten. Diese wichtigen, weil nicht revidierbaren entscheidung sowie das Einbeziehen der und die Zusammenarbeit Festlegungen der Bewertung („Macht zur Definition der Quellen“) mit Forschung und Öffentlichkeit, durch die faktische Öffnung und werden immer subjektiven Einschätzungen oder nicht zu steuernden Erweiterung der Überlieferungsbildung gibt es eine bereits starke äußeren Einflüssen unterliegen, sollten aber nachvollziehbar und be- Zusammenarbeit, die sowohl ein Erfordernis der partizipatorischen gründet sein. Demokratie ist, aber auch den Anforderungen der Forschung an Ar- Umfassende archivische Bewertungsmodelle für einzelne Verwal- chivquellen gerecht wird. tungszweige oder Themenfelder basieren vielfach auf dem Konzept Zu Beginn der von RAINER HERING (Schleswig/Hamburg) ge- der horizontalen und vertikalen Bewertung (nach Analyse der Un- leiteten Diskussion tauschten Foschepoth und Wolfrum noch einmal terlagen auf den verschiedenen hierarchischen Ebenen folgt Entschei- kurze Einschätzungen aus: Dass die Zeitgeschichte neu geschrieben dung für Übernahme, die möglichst aussagekräftig das Verwaltungs- werden müsse, wollte auch Foschepoth nicht mit der von ihm ein- handeln abbildet und Informationsflüsse und Entscheidungswege gangs vertretenen Vehemenz fordern. Er verwies aber auf die durch nachvollziehbar hält). – Als „Komplementärmodell“ stellte er den An- den immens großen neuen Quellenkomplex bestehende Bereicherung, satz einer auf Dokumentationsprofilen basierenden Bewertung vor. die es erforderlich mache, dass zum Beispiel das Verhältnis der drei Ge- Auf der Grundlage der Analyse der Lebenswelt werden Bewertungs- walten zueinander neu geprüft werde – womögliche Neudefinitionen ziele/Dokumentationsinteressen formuliert. Entsprechend der so be- eingeschlossen (als Beispiel nannte er die Vorbereitungen Adenauers stimmten Ziele und Inhalte wird eine Auswahl einschlägiger Regis- für das Ende der Vorbehaltsrechte der Franzosen, diese Bemühungen traturbildner und Unterlagengruppen konkretisiert. Auf die diesem scheiterten zunächst. Über den Umweg der Akzeptanz zusätzlicher Modell immanente Problematik (das formulierte Spektrum zielt oft- Vorbehaltsrechte gelang es langfristig jedoch, die Souveränität der BRD mals über die eigene Zuständigkeit hinaus) wies Pilger hin und zeigte zu erreichen). VS-Unterlagen, insbesondere nachrichtendienstliche Ak- den Lösungsweg der Archivsparten übergreifenden Abstimmung auf. ten belegen bislang nicht bekannte Zusammenhänge, Abhängigkeiten Die „Überlieferungsbildung im Verbund“ ist breit angelegt, benutzer- und Zufälle, die die Nachkriegsgeschichte bestimmen. Auf dieser Linie /forschungsorientiert und schließt die Offenlegung und Begründung trafen sich die Einschätzungen Foschepoths und Wolfrums wieder. von Formalprinzipien ein. Hering bat die Referenten um Einschätzung des Aussagegehalts Die Abstimmung zwischen Archiven verschiedener Träger und Be- von „zukünftigen“ VS, wenn diese im Bewusstsein einer späteren, ei- rücksichtigung der Vorstellungen der Forschung dürften nicht darüber ner schnelleren Öffnung entstehen. Die Sorge um verminderte Aussa- hinwegtäuschen, dass es vollständige Objektivität nicht geben kann. gefähigkeit der Unterlagen hielten jedoch Hollmann (Vertrauen in die So gelangte Pilger zur Forderung, dass Archive nicht umhinkommen, VS-bildenden Stellen; Notwendigkeit der Quellenkritik und -analyse eigene Kriterien und inhaltlich wertende Grundannahmen zu entwi- in jedem Fall), Foschepoth (Hinweis auf die Ministerialebene als Ent- ckeln, um die administrativen Prozesse zu verdichten. Angesichts stehungsort des Großteils der VS-Unterlagen, d. h. die politischen der „Gefahr von Dogmatismus“ hält er Austausch mit der und die Akten machen ohnehin nur einen Bruchteil der VS aus) und Pilger Beratung durch die historische Forschung sowie die Berücksichtigung (Entstehung der VS-Akten erfolgt nicht im Hinblick auf antizipierte gesellschaftlicher Teilhabe für weiterhin notwendig und zielführend. Auswertung) für nicht nötig. 493 494 Zeitgeschichte, Archive und Geheimschutz – Ressourcen und Elsbeth Andre Konflikte bei der Nutzung von Quellen Die Frage Herings nach der möglichen Auswirkung elektronischer Berliner Republik hin („Wer nutzt wem?“). Speicherung auf die Überlieferungsbildung wurde von Hollmann Hering resümierte in seinem Schlusswort die zunehmende Bedeu- als technische und finanzielle Herausforderung bewertet. Die vom tung des medialen Bereiches, die bereits bestehende und verstärkte Bundesamt für Sicherheit in der Informationstechnik erstellten Anfor- gegenseitige Kenntnisnahme und die verstärkte Zusammenarbeit von derungen für elektronische VS-Unterlagen zum einen aber auch das Archiv- und Geschichtswissenschaft. Der politische Auftrag, das Er- Interesse an VS-Berichten (unabhängig von benutzten Medium) als möglichen der Kontrolle der Exekutive sei das eine, das andere jedoch Beleg der Diensterfüllung und somit Entlastung durch diese „Verant- die stete Erinnerung daran, dass nicht alles in den schriftlichen oder wortungsabgabe“ lasse keine inhaltlichen Veränderungen erwarten. digitalen Quellen zu finden ist. Insofern ist die Bedeutung der thema- Foschepoth sah ebenfalls keine gravierenden qualitativen Verände- tisch breitgefächerten Überlieferungsbildung zentral. Deshalb die Bitte rungen von VS im Laufe der Jahre. Diese seien ohnehin nicht durch- der Archive: die Forschung solle die Diskussion um die Quellen der gehend als inhaltsreich zu bewerten. Nicht systematische und nicht Zukunft eng begleiten und hartnäckig sein. rationale Aktenanlage trage auch nach seiner Einschätzung zur Entste- Die sehr gut besuchte, ausgesprochen anregende und lebhafte Sek- hung von oft inhaltsleeren VS-Akten bei, während durchaus brisante tion leistete einen wichtigen Beitrag zum eingangs formulierten Ziel: Informationen in nicht VS-klassifizierten Akten zu finden seien. Die Kenntnisse von Geschichts- und Archivwissenschaft umeinander Auf die Frage, warum erst 1988 ein Bundesarchivgesetz erlas- sind wichtig, um gemeinsame Ziele und Inhalte zu erkennen und sen worden sei, wies Hollmann auf Bemühungen um eine rechtliche weiter auszubauen, aber auch um die jeweiligen Ressourcen, Möglich- Grundlage seit den 1970er-Jahren hin. Da diese Bemühungen jedoch keiten und (rechtlichen) Grenzen zu definieren. keine politische Priorität hatten, habe sich die Entstehung hingezogen. Sektionsübersicht: Hollmann betonte noch einmal die geltenden Rahmenbedingungen und Ziele, die die Belange des Staatsschutzes definieren, auch wenn Robert Kretzschmar (Stuttgart/Tübingen): Einführung sich dessen Interessen in den letzten Jahrzehnten geändert haben. Der Josef Foschepoth (Freiburg im Breisgau): Geheimes Deutschland. Ist (archivische) Umgang mit VS-Unterlagen bleibe „hoch formell“ und die Geschichte der Bundesrepublik schon geschrieben? an Gesetze gebunden. Die Archive werden aber ihre Entscheidung zur Nutzung von VS-Akten transparent halten, sowohl was mögliche Frei- Edgar Wolfrum (Heidelberg): Von der Frist. Wie lässt sich gegenwarts- gaben – sprich: das Zugänglichmachen – angeht, aber auch in Fällen nahe Zeitgeschichte erforschen? etwaiger Zugangsverweigerungen. Jan Philipp Wölbern (Potsdam): Quellen und Forschungsbedingungen Der Themenkreis Politik und (internationale) Medien stand am zum Freikauf von politischen Gefangenen durch die Bundesrepublik Ende der Sektion. Hollmann, Foschepoth und Wolfrum gingen auf Deutschland den grundsätzlich „provokanten“ Charakter von Verschlusssachen für Journalisten ein, erinnerten an die Folgen, die die Spiegel-Affäre Michael Hollmann (Koblenz): Zugänglichkeit zu VS-Unterlagen in gehabt habe und sahen die föderale Entwicklung der BRD gerade den Archiven. Rechtslage und Perspektiven vom Spannungsverhältnis der Politik zum investigativen Journalismus befördert. Wolfrum wies auf die Potenzierung dieses Faktors in der 495 496 Zeitpolitik und Zeit-Geschichte im 20. Jahrhundert Andreas Pilger (Düsseldorf): Grundsätze, Methoden und Strategien Standardisierung, den Umgang mit Zeit, die zugleich mit einer Dis- der Überlieferungsbildung in Archiven ziplinierung einhergingen. Zum anderen sei Zukunftsoffenheit und die Dynamisierung der Wahrnehmung von Zeit zentrales Merkmal Rainer Hering (Schleswig/Hamburg): Moderation Podiumsdiskussion der modernen Industriegesellschaften. Durch die explizite Beschäf- Rainer Hering (Schleswig/Hamburg), Edgar Wolfrum (Heidelberg): tigung mit Zeitkonzepten und -konflikten, mit Widerständen und Schlusskommentar Widersprüchen in Zeitpolitik sollte in der Sektion nichts weniger als diese klassische Beschreibung der Moderne für das 20. Jahrhundert Tagungsbericht Zeitgeschichte, Archive und Geheimschutz – Ressourcen hinterfragt werden. Dazu hatten Geppert und Kössler Vorträge aus und Konflikte bei der Nutzung von Quellen. 25.09.2012-28.09.2012, In: unterschiedlichen geographischen Räumen chronologisch zusammen- H-Soz-u-Kult 07.11.2012. gestellt. Das Interesse an dieser Fragestellung war so groß, dass zu Beginn der Sektion in einen größeren Raum gewechselt werden muss- te. VANESSA OGLE (Philadelphia) eröffnete die Sektion mit einem Zeitpolitik und Zeit-Geschichte im 20. Jahrhundert Vortrag, der die Standardisierung der Zeit um 1900 in globalgeschicht- licher Perspektive beleuchtete. Nach einer allgemeinen Einführung in Leitung: Alexander Geppert (Berlin) / Till Kössler (Bochum) die zunehmende globale Vernetzung durch Verkehr, die neuen Kom- Bericht von: Lisa Dittrich, Historisches Seminar, Ludwig-Maximilians- munikationsmittel und die imperiale Politik, welche sie als Vorausset- Universität München zung für die aufkommende Auseinandersetzung mit der Ressource Zeit ausmachte, zeichnete Ogle den Zeitdiskurs der Jahrhundertwen- Zeit hat als historisches Thema in jüngster Vergangenheit zunehmend de nach. Europäische und amerikanische Wissenschaftler, Politiker Interesse hervorgerufen. Die Beschäftigung mit Zeit war in historiogra- und Diplomaten definierten damals im Zusammenhang der Einfüh- phischen Arbeiten lange zumeist auf Debatten um Epochen, Zäsuren rung und Durchsetzung des Zeitzonensystems Zeit vor allem als eine und Kontinuitäten beschränkt. Die historische Zeit-Forschung selbst durch die Neuerung zu gewinnende Ressource und setzten die welt- konzentrierte sich vor allem auf den Übergang zur sowie von der weite Standardisierung erfolgreich durch. Anhand zweier Beispiele Frühen Neuzeit. Eine systematische Historisierung von Zeit als Ge- außerhalb Europas und den USA zeigte Ogle dann, dass zu dieser genstand der Zeitgeschichte beginnt gerade erst. Ausgehend von die- bis heute in der Historiographie dominierenden Geschichte der Stan- ser Überlegung schlugen ALEXANDER GEPPERT (Berlin) und TILL dardisierung auch eine Gegenerzählung gehört. Nach einigen ersten KÖSSLER (Bochum) in ihrer Sektion Zeitgeschichte und Zeitpolitik gescheiterten lokalen Bemühungen führte die britische Regierung in vor, Zeit als eine zentrale Ressource im 20. Jahrhundert zu untersuchen. Indien ab 1905 für Eisenbahnen und Telegraphie eine an das Zonen- Denn Zeit sei bereits seit dem 19. Jahrhundert eine Verfügungsmasse system angepasste Zeit ein, es blieb aber den lokalen Regierungen von unterschiedlichen sozialen Gruppen und politischen Regimen überlassen, inwieweit diese auch für den alltäglichen Gebrauch über- gewesen. In ihrer Einführung konstatierten Geppert und Kössler zwei nommen wurde. So passten die lokalen Autoritäten in Kalkutta ihre Tendenzen, die Zeit in der industriellen Moderne bestimmen. Zum Alltagszeit gar nicht an das Zonensystem an, während in Bombay die einen prägten neue Formen der Zeitmessung, Synchronisierung und 497 498 Lisa Dittrich Zeitpolitik und Zeit-Geschichte im 20. Jahrhundert neue Zeit durchaus in bestimmten Bereichen implementiert wurde. se Vermehrung als Konzentration und damit als Beschleunigung zu Die Reformen scheiterten dort allerdings an Protesten seitens von Ar- interpretieren sei oder eher für eine Ausdehnung und damit für eine beitern der Baumwollindustrie und indischer Nationalisten, wobei Verlangsamung der Zeitwahrnehmung stehe, wollte Lüdtke nicht ent- letztere die Auseinandersetzungen politisierten. In Gegenüberstellung scheiden. Stattdessen gab er die Anregung, zukünftig nicht nur mit zu den Widerständen in den indischen Kolonien skizzierte Ogle die dem Parameter Schnelligkeit zu arbeiten, sondern Zeitwahrnehmung Reaktionen der arabischen Provinzen des osmanischen Reiches als nach Intensitätsgraden zu messen. Darüber hinaus kritisierte er das eine Aneignung des europäischen Modells. Die Standardisierung sei klassische Narrationsmuster der Gleichzeitigkeit des Ungleichzeitigen, hier als Teil einer Erfolgsgeschichte Europas rezipiert und mit der Idee da die Aufzeichnungen verdeutlichen würden, dass es sich vielmehr der Aufgabe individuellen Zeitmanagements in Lebenszeitperspektive um verschiedene Rhythmen in unterschiedlichen Handlungsfeldern verbunden worden. Die arabischen Begrifflichkeiten des Diskurses handele, die parallel abliefen. Dabei sei etwa in der Thematisierung hätten sich dabei allerdings an lokale Zeitvorstellung im Sinne des von Freizeit durchaus auch ein Bestreben zu vermerken, sich zeitlicher Schicksals und nicht der Uhrzeit angelehnt und so die Übernahmen Verfügbarkeit zu entziehen. Die vermehrten Notate könnten zudem regional eingefärbt. Ogle verdeutlichte mit beiden Fällen, dass die mit der Frage nach der Selbstmobilisierung im Nationalsozialismus Einführung der Zeitzonen von Widerständen und alternativen Zeit- in Verbindung gesetzt werden. Sein Beispiel, so schloss Lüdtke, la- definitionen begleitet war und plädierte deshalb dafür, den Umgang de bei aller methodischer Problematik solcher Einzelzeugnisse und mit Zeit um 1900 eher als Pluralisierung denn als Standardisierung zu ihrer tentativ bleibenden Interpretation dazu ein, sich intensiver mit charakterisieren. individueller Zeitwahrnehmung zu beschäftigen. Der zweite Vortrag wendete sich von der Rahmenfragestellung Im dritten Vortrag untersuchte TILL KÖSSLER (Bochum) die Zeit- nach Zeitkonzepten und -konflikten etwas ab, nahm aber zugleich von diskurse und die gescheiterten Reformen in der Zeitpolitik des Franco- einer anderen Perspektive die übergreifende Fragestellung nach der Regimes. Er legte in seinem Beitrag überzeugend dar, dass die klas- Moderne als Zeitalter der Beschleunigung auf. ALF LÜDTKE (Erfurt/ sische Interpretation einer sich zunehmend dynamisierenden Gesell- Seoul) analysierte ein „Aufschreibebuch“ eines angelernten Drehers schaft, die einem statisch bleibenden politischen Regime gegenüber- bei Krupp und stellte die Frage nach der individuellen Wahrnehmung stand, nicht für alle Bereiche der Franco-Diktatur galt. Nach einer kur- von Zeit in der Zwischenkriegszeit und im Nationalsozialismus jen- zen Einführung in den spanischen Zeitdiskurs der Jahrhundertwende, seits des Elitendiskurses. Das „Aufschreibebuch“ diente dem Arbeiter der Spanien im Vergleich zum Resteuropa als archaisch charakteri- dazu, zentrale Ereignisse seines Lebens mit Ort und Uhrzeit festzu- sierte, beschrieb Kössler den Wandel in den Argumentationslinien halten und gab Auskunft über Geschehnisse der höheren Politik, des seit Beginn des Franco-Regimes. Um die Jahrhundertwende sei der persönlichen und familiären Kreises, der lokalen Betriebspolitik sowie zurückgebliebene Charakters Spaniens allgemeiner Konsens gewesen. der saisonalen Abläufe wie Aussaat und Ernte im heimischen Garten. Während Liberale diese angebliche spanische Eigenheit jedoch kriti- In der Zunahme der notierten Ereignisse, im Aufschreiberhythmus sierten und sie durch Reformen überwinden wollten, hätten Konser- und der Hierarchisierung der Notate durch Schriftart, Größe und An- vative darin ein bewahrenswertes nationales Spezifikum erblickt. Das ordnung insbesondere während des Krieges im Zusammenhang der junge Franco-Regime habe sich dagegen mit revolutionärem Gestus Luftangriffe las Lüdtke einen Wandel in der Wahrnehmung. Ob die- als Beginn einer neuen Zeitrechnung präsentiert. Nach dem Ende des 499 500 Lisa Dittrich Zeitpolitik und Zeit-Geschichte im 20. Jahrhundert Zweiten Weltkriegs wandelte sich die Argumentationsstrategie. Der erarbeitslosigkeit zunehmend unter geringer werdender Arbeitszeit. spanische Weg war für das Regime im Vergleich zu Europa und den Dagegen könne für die oberen Mittelschichten eine Ausweitung der USA nun nur ein alternativer Pfad in die Moderne. Dadurch habe der Arbeitszeit beobachtet werden, die sich quantitativ in einer längeren neue Staat sich als zukunftsoffene Entwicklungsdiktatur präsentiert Tages- Wochen- und Lebensarbeitszeit niederschlage. Diese Skizze neu- und sei so der zunehmend drängenden Frage nach dem politischen er sozialer Differenzen ergänzte Nolte im zweiten Teil seines Vortrages System nach Francos Tod begegnet. Im zweiten Teil seines Vortrags durch einige Überlegungen zur geschlechterspezifischen Verortung stellte Kössler dann das realpolitische Pendant dieses neuen Zeitdis- der Umkehrungen der Zeitregime. Zum einen habe das Ernährermo- kurses vor. Die Regierung verfasste 1961/62 verschiedene Erlasse, die dell lange Zeit die Position der Gewerkschaften bestimmt und dadurch die spanischen Arbeitszeiten an das westeuropäische Modell anpas- Flexibilisierungen und die Integration von Frauen in den Arbeitsmarkt sen sollten und bemühte sich in den gelenkten Medien, diese Reform verhindert. Zum anderen beträfe die sich verkürzende Arbeitszeit als Europäisierung Spaniens zu verteidigen. Auf Grund vielfältiger der Unterschichten in einem überdurchschnittlichen Maße Frauen, Widerstände von Kino- und Theaterbetreibern, Arbeitern, Falangisten während die Ausweitung der Arbeitszeit auf Grund der Kinderbe- sowie Hausfrauen seien die Reformen allerdings wieder zurückge- treuungsfrage vor allem ihre Geschlechtsgenossinnen aus den oberen nommen worden. Hier setzten Debatten ein, die bis über das Ende des Mittelschichten vom Arbeitsmarkt fernhielte. In übergreifender Per- Regimes hinaus anhielten und in denen der Verlust der Verfügbarkeit spektive schloss Nolte seinen Beitrag mit der These, dass die Inversion von Zeit von linken Positionen als negative Entwicklung der Moderne nicht die Vorstellung einer sich schlicht verstärkenden Beschleunigung charakterisiert wurde. Diese Diskussionen zeigen wie die Zeitpolitik nach dem Strukturbruch in den 1970er-Jahren unterstütze, sondern des Regimes, so schloss Kössler seinen Vortrag, die Auflösung der klas- diese vielmehr zugleich von Entschleunigungsprozessen überlagert sischen links-rechts Aufteilung, wie wir sie aus anderen europäischen werde, die entlang schichts- und geschlechtsspezifischer Bruchlinien Ländern kennen. verlaufen. Seine präzise Beschreibung dieser neuen Ungleichheiten Der vierte Vortrag des Panels führte zurück in den deutschen Raum. lädt dazu ein, in Zukunft die unterschiedlichen ökonomischen, kultu- PAUL NOLTE (Berlin) nahm in vorwiegend sozialgeschichtlicher Ma- rellen sowie politischen Faktoren und Gründe dieser Entwicklung, die kroperspektive das Verhältnis zwischen Arbeits- und Freizeit von Nolte nur kursorisch anführte, zu systematisieren. Unter- und oberen Mittelschichten sowie Männern und Frauen in der Der letzte Vortrag der Sektion widmete sich nochmals Zeitdiskur- Bundesrepublik in den Blick und stellte die These auf, dass sich die sen und stellte die Debatten um Zeit im Space-Age vor. ALEXAN- schichtspezifischen Zeitregime seit den 1970er-Jahren umgekehrt ha- DER GEPPERT (Berlin) fragte ausgehend von Reinhart Kosellecks ben und so eine neue soziale Ungleichheit hinsichtlich der Ressource Überlegung, dass von Zeit grundsätzlich in räumlichen Metaphern Zeit entstanden sei. Das Bürgertum habe bis in die klassische Hochmo- gesprochen werde, nach der Beziehung zwischen der zunehmenden dern hinein über viele Mußestunden verfügt und lange Arbeitszeiten Erschließung des Weltraumes und dem Zeitbegriff seit der Nachkriegs- seien dementsprechend das Merkmal der Unterschichten gewesen. zeit. Im ersten Teil seiner Ausführungen arbeitete er das Zeitdenken Letztere litten allerdings nun im postfordistischen Zeitalter auf Grund in den Weltraumdebatten der 1950er- und 1960er-Jahre heraus. In der von Teilzeit, sich vermehrender marginaler Beschäftigungsverhält- Folge des Literaturwissenschaftlers De Witt Douglas Kilgore zeigte nisse, Vorruhestandsregelungen sowie der sich ausbreitenden Dau- er, dass Expertenkreise wie die NASA und ähnliche Organisationen 501 502 Lisa Dittrich Zeitpolitik und Zeit-Geschichte im 20. Jahrhundert bzw. Netzwerke Zukunftsbeherrschungsphantasien entwickelten, die on direkt in die neuesten Debatten der Zeitgeschichtsschreibung. Im auch Allgemeingut breiterer Bevölkerungskreise wurden. Diese Sze- Einzelnen verdeutlichten die Vorträge für Geyer vor allem dreierlei. narien entwarfen Vorstellungen der sukzessiven und vollständigen Erstens unterliegen „Zeitarrangements“ insbesondere in der Zeitge- Eroberung des irdischen und außerirdischen Raumes. Durch die ra- schichte Versuchen politischer Steuerung, die zugleich Widerstände sante ‚realhistorische‘ Entwicklung der Raumfahrt seien die Expansi- verschiedener Akteure hervorriefen. Zweitens sei die Kategorie Zeit onsphantasien dann scheinbar belegt worden und damit das Gefühl auf das engste verbunden mit der Schaffung unterschiedlicher Räu- entstanden, in einer Zeit radikal beschleunigter Entwicklung zu leben, me etwa in nationaler, privater oder globaler Hinsicht. Und drittens die in einer absoluten Kontrolle des Raumes und zugleich der Zeit könne in der Folge der vorgestellten Befunde, die These der zuneh- münden würde. Der zweite Teil des Vortrages drehte die Fragestellung menden Beschleunigung für das 20. Jahrhundert nicht in ihrer Eindi- um und ging dem Einfluss der Weltraumerschließung auf Zeitvorstel- mensionalität aufrechterhalten werden. Zugleich vermisste Geyer in lungen nach. Geppert erläuterte, dass die Sicht auf die Erde von außen den vorgestellten Ansätzen allerdings eine klare methodische Syste- die Vorstellung des menschlichen Raumes grundlegend gewandelt matik, die durch eine konzeptionelle und theoretische Debatte über habe, sich die Eroberung des Weltalls und die damit einhergehende eine Historiographie der Zeit in Anlehnung an Diskurse um 1900 Entdeckung der Unermesslichkeit der Zeit aber kaum Einfluss auf und seit den 1970er-Jahren zu erarbeiten sei. Über die Kritik Geyers konkrete Zeitvorstellungen gehabt zu haben scheint. Dieser enttäu- hinaus erscheint es für die eingangs gestellte Frage nach der großen schende Befund führte ihn dazu, einen Sprung zu vollführen und Erzählung der Beschleunigung notwendig, den in der Sektion vorge- eine Beobachterperspektive jenseits der historischen Debatten einzu- schlagenen Perspektiven der Zeitkonzepte und -konflikte trotz der nehmen. Zum einen entstünde in der globalisierten Welt durch die von Alf Lüdtke vorgeführten methodischen Probleme noch die Ebe- satellitengestützten Navigations- und Kommunikationssysteme eine ne der individuellen Wahrnehmung hinzuzufügen. Die methodische bisher unbekannte Gleichzeitigkeit. Zum ersten Mal sei eine weitge- Komplexität des Themas verdeutlichte auch die Diskussion, in der hende Verortung aller möglich und zwar in Zeit und Raum zugleich. die Motive und Motoren der Veränderungen in den Zeitregimen, die Zum anderen blieben die praktischen Konsequenzen der Vorstellung grundsätzliche Möglichkeit des Sprechens über Zeit sowie konkreter räumlich begrenzter Zeitlichkeiten nach wie vor unklar. Damit verwies die Einordnung diktatorischer Zeitpolitik im 20. Jahrhundert themati- Geppert auf einen fundamentalen Wandel, dessen Folgen bislang nicht siert wurden. Zugleich machten die Fragen wie die fünf, jeweils für abzuschätzen sind und ließ seinen Vortrag bewusst offen enden. sich aufschlussreichen Beiträge deutlich, wie viele interessante Ansatz- MARTIN GEYER (München) begann sein Kommentar mit einigen punkte Zeit als Thema der Zeitgeschichte aufwirft, die die Geschichte skeptischen Bemerkungen zur methodischen Problematik hinsichtlich der Moderne noch einmal anders beleuchten lassen. von Zeit als historischem Gegenstand an sich und betonte zugleich, Sektionsübersicht: dass die Frage nach der Kategorie Zeit in der Zeitgeschichte berechtig- terweise gestellt werde. Die Diskussion um den Bruch der 1970er- und Alexander Geppert (Berlin), Till Kössler (Bochum): Einführung 1980er-Jahre thematisiere nicht nur eine neue Periodisierung, sondern Vanessa Ogle (Philadelphia): Standardisierung vs. Pluralisierung gehe auch von einem Wandel kollektiver und individueller Zeitregime aus und damit stoße die von Geppert und Kössler konzipierte Sekti- Alf Lüdtke (Erfurt / Seoul): Beschleunigung vs. Verlangsamung 503 504 Zensur – Konflikte um die intellektuelle Ressource Wissen in Mittel- und Osteuropa 1945–1989 Till Kössler (Bochum): Stillstehen vs. Aufholen JAKUB TYSZKIEWICZ (Breslau) eröffnete die Sektion mit einem kompakten Überblick über vier Jahrzehnte Zensurpraxis in Polen. Die Paul Nolte (Berlin): Verkürzung vs. Ausweitung Machtübernahme der Kommunisten in Polen bedeutete die Einfüh- Alexander Geppert (Berlin): Lokalisierung vs. Universalisierung rung der Präventivzensur nach sowjetischem Muster. Das zu diesem Zweck 1946 gegründete „Hauptkontrollamt für Presse, Publikationen Martin Geyer (München): Kommentar und Aufführungen“ sollte einerseits systemrelevante Inhalte in der Öffentlichkeit durchsetzen und Entscheidungen der Regierung in der Tagungsbericht Zeitpolitik und Zeit-Geschichte im 20. Jahrhundert. Gesellschaft positiv darstellen. Andererseits sollten alle regimekriti- 25.09.2012-28.09.2012, In: H-Soz-u-Kult 03.12.2012. schen Äußerungen durch Interventionen und Verbote eliminiert wer- den. Manipulation und Selektion von Informationen erfolgten auch über die Selbstzensur der Autoren und die Personalpolitik der Regie- rung, die leitende Positionen durch Mitglieder der kommunistischen Zensur – Konflikte um die intellektuelle Ressource Wissen in Partei besetzte. Mit einem besonderen Schwerpunkt ging der Referent Mittel- und Osteuropa 1945–1989 auf die Einflussnahme des Regimes im Wissenschaftsbereich ein. Vor allem die polnisch-russischen Beziehungen seit dem Mittelalter wur- Leitung: Konrad Gündisch (Oldenburg) den im Sinne der sozialistischen Verbrüderungsideologie umgeschrie- Bericht von: Gerald Volkmer, Institut für deutsche Kultur und Ge- ben. Polnisch-russische Konflikte, zum Beispiel die Teilungen Polens schichte Südosteuropas, Ludwig-Maximilians-Universität München im späten 18. Jahrhundert oder der Polnisch-Sowjetrussische Krieg 1919–1921 wurden weitgehend verschwiegen. Gerade am Beispiel der Die vom Bundesinstitut für Kultur und Geschichte der Deutschen Ereignisse des Zweiten Weltkriegs konnte Tyszkiewicz das enorme im östlichen Europa durch KONRAD GÜNDISCH (Oldenburg) und geschichtspolitische Konfliktpotenzial aufzeigen, das von der Zensur BURKHARD OLSCHOWSKY (Warschau) initiierte Sektion verfolg- „entschärft“ werden musste – vom im Auftrag Stalins begangenen te das Ziel, Zensur als Mittel zur Beschneidung und Kontrolle von Massenmord in Katyn 1940 bis zum Verlust der polnischen Ostgebiete Wissen in den kommunistischen Regimen Mittel- und Osteuropas zu an die Sowjetunion. Schließlich ging der Referent auf die wichtige untersuchen und diese als Indikator für die politische Handlungsfä- Rolle der 1945 „wiedergewonnenen“, ehemals zu Deutschland gehö- higkeit der jeweiligen Systeme zwischen 1945 und 1989 zu deuten. renden, polnischen Westgebiete für die Legitimation der kommunisti- In seiner Einführung hob Moderator Burkhard Olschowsky die Un- schen Regierung ein, die 1946 ausdrücklich Berichte über „negative terschiede in der Zensurpraxis der einzelnen Staaten hervor, die sich Ereignisse“ aus Ostpreußen, Pommern oder Schlesien untersagte. Zu- vor allem in den Konflikten und Aushandlungsprozessen zwischen sammenfassend beschrieb Tyszkiewicz die verschiedenen Rollen, die Staatsapparaten und verschiedenen Gruppen (Schriftsteller, Künst- ein Zensor einnehmen konnte: diskreter Aufseher, Berater, Staatsan- ler, Publizisten, Historiker) manifestierten. Olschowsky betonte vor walt, Verifizierender und schließlich Koautor. Eine Missachtung der diesem Hintergrund die Bedeutung des Vergleichs, den die Sektion Zensurbestimmungen hatte für den Betreffenden die Einschränkung zwischen der DDR, der Tschechoslowakei, Polen und der Sowjetunion oder ein Verbot von Meinungsäußerungen in den Medien der staatlich ziehen wolle. 505 506 Zensur – Konflikte um die intellektuelle Ressource Wissen in Mittel- Gerald Volkmer und Osteuropa 1945–1989 kontrollierten Öffentlichkeit zur Folge. Diese Sanktionsmechanismen migen. Ivo Bock ging auch auf Fälle ein, in denen Zensoren mit den und Disziplinierungsmaßnahmen änderten sich unter dem Druck der Zensierten Kompromisse schließen mussten. Dies betraf in einigen Fäl- Entstalinisierung von 1956 und vor allem der Solidarność-Revolution len die tschechoslowakische Filmbranche, vor allem wenn es sich um von 1980. Ursprünglich wurden Eingriffe der Zensur in Publikationen Regisseure mit guten Kontakten zur Parteispitze handelte. Die Angst nicht vermerkt. Unter dem Druck der Gewerkschaft „Solidarność“ vor Kritik im Westen machten sich einige Autoren zu Nutze, indem sie wurde 1981 das Zensurgesetz dahin gehend geändert, dass entfernte mit den Zensoren Freiräume für ihre Werke aushandelten, nachdem Textfragmente gekennzeichnet werden mussten. Im Gegensatz zu an- sie zum Beispiel mit der Absage ihrer Veranstaltungen gedroht hatten. deren kommunistischen Staaten konnte ab Mitte der 1970er-Jahre die Diese Vorgänge illustrieren die zumindest phasenweise vorhandene Zensur zum Teil durch Untergrundpublikationen umgangen werden, Bereitschaft der Funktionäre, die Existenz von Nischen im Kulturleben die von einer unabhängigen, in den 1980er-Jahren an Breite gewinnen- hinzunehmen. Die „liberalere“ Zensurpraxis war meistens selektiv den Verlagslandschaft herausgegeben wurden. und von kurzer Dauer. In Übergangs- und Schwächeperioden der IVO BOCK (Bremen) lenkte den Blick auf Zensurkriterien und Zen- kommunistischen Regime, in der Tschechoslowakei in den 1960er- surpraxis in der Sowjetunion und der Tschechoslowakei. Besonders für und 1980er-Jahren sowie in der Sowjetunion in den frühen 1960er- und die Periode zwischen dem Beginn der 1960er- und den frühen 1980er- ab Ende der 1970er-Jahre, stellte diese Praxis aber auch ein Indiz für Jahren stellte der Referent fest, dass die Zensurpraxis keineswegs einer deren nachlassendes Steuerungsvermögen dar, das sich vor allem im konsequenten Anwendung der von den kommunistischen Parteien Kulturleben bemerkbar machte. ersonnenen ideologischen Kriterien entsprach. Im Gegensatz zu den SIEGFRIED LOKATIS (Leipzig) widmete sich in seinem Vortrag Massenmedien, vor allem Funk und Fernsehen, die bis zum Ende dem Verlagswesen in der DDR und der hier vorherrschenden Zensur- der kommunistischen Herrschaft einer strikten Kontrolle unterworfen praxis. Der Referent betonte zu Beginn seiner Ausführungen die große blieben, taten sich im Kulturbereich Freiräume auf. Zensoren geneh- wirtschaftliche Bedeutung des Buchhandels für die SED. Über 50 Pro- migten manchmal literarische Werke und Theateraufführungen, die zent ihrer Einnahmen bezog die Staatspartei aus dem Verkauf von den Mustern des „sozialistischen Realismus“ mehr oder weniger deut- Zeitungen und Büchern, vor allem Kinderbüchern. Einerseits sollten lich widersprachen. Dabei handelte es sich einerseits um Fehlentschei- die mehr als 100 Mitarbeiter der DDR-Zensurbehörde eine regimekon- dungen oder Unterlassungen einzelner Kontrolleure, die meistens im forme Überwachung des Buchmarktes sicherstellen, andererseits be- Nachhinein als solche erkannt und sanktioniert wurden. Andererseits deutete eine zu scharfe Zensurpraxis eine empfindliche Beschneidung sah sich die Zensur gezwungen, aus ihrer Sicht problematische Publi- der Parteieinnahmen, so dass die Zensurbehörde das „Gleichgewicht kationen, Aufführungen oder Ausstellungen zu genehmigen, weil sie zwischen Ökonomie und Ideologie“ aufrechterhalten musste. Die Len- dazu von Parteiorganen oder prominenten Kommunisten angehalten kung der zahlreichen DDR-Verlage erfolgte durch die Zuteilung der wurde. Parteifunktionäre setzten Publikationen gegen das Votum der Themenbereiche und vor allem der Papiermengen durch die so ge- Zensurbehörde durch, um politischen Gegnern im Zentralkomitee der nannte „Papierkommission“ im Zentralkomitee der SED. Druckpapier Partei zu schaden. Gerne mischte sich Chruščev in Entscheidungen erwies sich als eine zentrale strategische Ressource zur Steuerung über die Freigabe von Filmen ein, so zum Beispiel 1963, als er die des Buchmarktes. Auch durch die Zuweisung guter bzw. schlechter Zensoren anwies, die Aufführung des Fellini-Films „8 ½“ zu geneh- Papierqualität konnten Verlage gefördert oder benachteiligt werden. 507 508 Zensur – Konflikte um die intellektuelle Ressource Wissen in Mittel- Gerald Volkmer und Osteuropa 1945–1989 Gegen Ende der 1950er-Jahre hatten sich die den Verlagen zugeteil- deutsche Zweistaatlichkeit und der westliche Literaturmarkt übten auf ten Papiermengen eingependelt. Trotz der Ausdifferenzierung eines die Zensoren in der DDR, zu denen Dahne zeitweilig zählte, indirekt arbeitsteilig konzipierten Verlagssystems besaßen die großen Verlage Druck aus, da prominente DDR-Schriftsteller ihre Werke nicht selten in wie „Aufbau-Verlag“, „Volk und Welt“, „Reclam“ oder „Inselverlag“ der Bundesrepublik veröffentlichten oder zu veröffentlichen drohten. in den verschiedenen, von ideologischen Kurswechseln geprägten Pha- Dahne nahm für sich als „Literaturpolitiker“ sowohl in Anspruch, das sen sehr unterschiedliche Handlungsspielräume. Zum Schluss wies humanistische Erbe durch die Herausgabe der Klassiker der Weltlite- der Referent auf die mannigfaltigen Möglichkeiten der Zensurbehörde ratur gefördert als auch kleine Impulse zur weiteren Entwicklung der zur Steuerung der Autoren hin, die von der „Strafversetzung“ in einen DDR-Literatur gegeben zu haben. unbedeutenden Verlag bis zum völligen Publikationsverbot reichten. Im abschließenden Kommentar betonte JAN KUSBER (Mainz), Trotz der strengen Organisation der Belletristik-Zensur in der DDR dass in der Geschichte die Zeiten ohne Zensur eher die Ausnahme ergaben sich seit den 1960er-Jahren Freiräume im Bereich der schönen dargestellt hätten. In der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts hätten Literatur, welche die Funktion einer „kritischen Ersatzöffentlichkeit“ neue Formen der Kommunikation, zum Beispiel das Fernsehen, die erfüllte. Wie in den sozialistischen „Bruderländern“ konnten sich die Zensur besonders herausgefordert und auch den Umgang der Medien DDR-Bürger oft besser aus Büchern als aus Zeitungen informieren, mit der Zensur verändert. Kusber hob den interdisziplinären Zugang da allen Regimen gemeinsam war, dass Massenmedien einer deut- der Sektion zum Thema Zensur über die Geschichts-, Literatur- und lich schärferen Zensur unterlagen als der Literaturbetrieb. Lokatis Buchwissenschaften anerkennend hervor und regte eine Erweiterung hob aber hervor, dass im Unterschied zur Sowjetunion, zu Polen oder durch die rechtswissenschaftliche Perspektive an, die das bis 1989 zur Tschechoslowakei „die DDR-Zensur stets in einem gemeinsamen geltende Recht in den Blick nehmen sollte. Ein Vergleich, der die DDR, Sprachraum mit dem ‚Klassenfeind‘ in der Bundesrepublik operierte“, die Tschechoslowakei, Polen und die Sowjetunion einschließe, sei nicht so dass sich die Frage stelle, „worin eigentlich genau noch die für eine nur aufgrund der unterschiedlichen Phasen, in denen sich die kommu- realsozialistische Buch- und Verlagswirtschaft typischen, die einzelnen nistischen Regime nach Stalins Tod befunden hätten, problematisch, Länder übergreifenden Gemeinsamkeiten bestanden“. sondern auch aufgrund der schwierigen Anwendung von Kategorien Abgerundet wurde die Sektion durch den Vortrag des Zeitzeu- der Rationalität, wie das Beispiel Chruščevs zeige. gen GERHARD DAHNE (Berlin), der über seine Erfahrungen als In der Diskussion wurden die unterschiedlichen Bedingungen Verlagsleiter in der DDR und als langjähriger Mitarbeiter im DDR- deutlich, die bezüglich Forschungsstand und Quellenlage in den vier Kulturministerium sprach. Dort war Dahne seit 1959 tätig und leitete behandelten Staaten heute vorherrschen. Die Referenten betonten, von 1974 bis 1979 die Abteilung „Belletristik, Kunst- und Musiklitera- dass die Archive in Deutschland, Tschechien und Russland überaus tur“ der Hauptverwaltung „Verlage und Buchhandel“. Der Referent reiche Bestände zum Thema bereithielten; Jakub Tyszkiewicz bedauer- schilderte die Unwägbarkeiten, die kulturpolitischen Konjunkturen te größere Überlieferungslücken in Polen. Der Stand der Forschung und die variierenden ideologischen Vorgaben beim Verlegen von Bü- sei insbesondere in Deutschland und Polen fortgeschritten, aber auch chern in der DDR. Die in der Bundesrepublik erschienene Prosa, deren in Russland sei eine größere Anzahl von Studien erschienen, obwohl Verbreitung in der DDR ihm wichtig gewesen sei und die er verlegt der Zugang zu den dortigen Archiven gerade im letzten Jahrzehnt habe, wurde im DDR-Kulturministerium besonders beargwöhnt. Die wieder eingeschränkt worden sei. Darüber hinaus wurden in der Dis- 509 510 Gerald Volkmer kussion verschiedene Aspekte der Aushandlungsprozesse zwischen lungszwänge und Spielräume Zensurbehörden und Schriftstellern, die Frage nach der Koautoren- Gerhard Dahne (Berlin): Einsichten in den Literaturalltag der DDR. schaft des Zensors sowie die beim Verstoß gegen Zensurauflagen Ein Zeitzeugenbericht verhängten Strafen angesprochen. Trotz aller – auch in der Diskussion deutlich gewordenen – unterschiedlichen Entwicklungen sei in allen Jan Kusber (Mainz): Kommentar kommunistischen Zensurbehörden der Trend zu beobachten gewesen, zunehmend Akademiker einzustellen, um versteckte Regimekritik in Tagungsbericht Zensur – Konflikte um die intellektuelle Ressource Wissen literarischen Werken erkennen und die Autoren in der Art und Weise in Mittel- und Osteuropa 1945–1989. 25.09.2012-28.09.2012, In: H-Soz-u- ihres Schreibens beeinflussen zu können. Der Kulturbetrieb war in Kult 06.12.2012. den „Ostblockländern“ einer weniger scharfen Zensur unterworfen als die Massenmedien Funk, Fernsehen und die Tageszeitungen – eine Erkenntnis, die alle Referenten teilten. Gerhard Dahnes Äußerungen waren – anders als die übrigen Referate – von der Subjektivität eines Zur Ökonomie römischer Nahbeziehungen Zeitzeugen bestimmt. Bei aller Detailkenntnis entstand der Eindruck eines Mangels an kritischer Distanz zum DDR-Literaturbetrieb mit Leitung: Elke Hartmann (Darmstadt) seinen repressiven Seiten und zu seinem eigenen Wirken als Zensor. Bericht von: Jan Meister, Institut für Geschichtswissenschaften, Die Frage nach der Rolle der Staatssicherheit im DDR-Zensurbetrieb Humboldt-Universität zu Berlin blieb unbeantwortet. Insgesamt boten die Referate einen differenzier- ten Einblick in die Konflikte um die intellektuelle Ressource Wissen. In vormodernen Gesellschaften werden Nahbeziehungen kaum je als Die Sektion zeigte auf überzeugende Art die Möglichkeiten und Gren- rein emotionale Bindungen gesehen, sondern sind gleichzeitig Netz- zen dieses Vier-Staaten-Vergleichs auf, der nicht nur gewinnbringende werke, über die Ressourcen verhandelt und ausgetauscht werden. Erkenntnisse im Bereich der Zensurpraxis einbrachte, sondern auch Dabei kann es sich um materielle Güter, aber auch um persönliche die Veränderungen in der politischen Handlungsfähigkeit der kom- Dienste oder Unterstützung handeln. Dieser Austausch erfolgt zwar munistischen Regime beleuchtete. auf der Basis einer grundsätzlich anerkannten Reziprozität, das heißt der Erwartungshaltung, dass auf eine Gabe auch eine Gegengabe folgt, Sektionsübersicht: doch weder die Art der Gegengabe noch der zeitliche Rahmen ist Burkhard Olschowsky (Warschau): Einführung fix vorgegeben. So können solche Austauschbeziehungen sowohl als egalitäre Freundschaften wie auch als asymmetrische Abhängigkeiten Jakub Tyszkiewicz (Breslau): Zensurpraxis in Polen und seinen West- strukturiert sein. Im antiken Rom sind solche Nahbeziehungen in den gebieten Quellen – auch im Vergleich zu anderen vormodernen Gesellschaften Ivo Bock (Bremen): „Wie auf dem Basar?“ Zensurkriterien und Zen- – auffallend präsent. Die Frage, inwiefern dies eine Besonderheit der surpraxis in der Sowjetunion und der Tschechoslowakei römischen Gesellschaft oder gar der Schlüssel zu deren Verständnis sei, ist dementsprechend in der Forschung ein schon lange kontrovers Siegfried Lokatis (Leipzig): Zensur und Verlage in der DDR – Hand- diskutiertes Thema. Die von Elke Hartmann geleitete Kurzsektion zur 511 512 Jan Meister Zur Ökonomie römischer Nahbeziehungen „Ökonomie römischer Nahbeziehungen“ am diesjährigen Historiker- aber die Rezeption der Arbeit entscheidend bestimmte. Bekanntlich tag in Mainz hat sich zum Ziel gesetzt, diese Debatten neu zu beleben, folgte in den 1980er-Jahren eine angelsächsische Reaktion auf die an- etablierte Prämissen zu hinterfragen und neue Perspektiven zur Dis- gebliche „deutsche Orthodoxie“, der vorgeworfen wurde, sie würde kussion zu stellen. Diesem Anspruch wurde die Sektion eindeutig das Funktionieren der Republik einzig über starre Klientelbindungen gerecht, was nicht nur an der durchwegs hohen Qualität der einzelnen erklären.2 Doch auch wenn Peter A. Brunt die Belege für eine Klien- Beiträge lag, sondern auch am gewählten Format der Kurzsektion, tel der Frühzeit quellenkritisch zerpflückte, so widerlegte er damit das ein hohes Maß an innerer Stringenz sicherstellte. Der Fokus lag dennoch nicht das, was Gelzer eigentlich untersucht hatte, nämlich dabei ausschließlich auf Nahbeziehungen zwischen einzelnen Per- die Verflechtungen der Oberschicht in spätrepublikanischer Zeit. Man sonen – also unter bewusster Ausklammerung anderer Phänomene redete, so Nippels Resümee, schlicht aneinander vorbei. wie beispielsweise Stadtpatronaten. Ferner standen nicht die in man- In den letzten Jahren freilich haben sich neue Perspektiven er- cherlei Hinsicht problematischen „Klientel“-Beziehungen, sondern die öffnet. Hier nannte Nippel die Arbeiten von Aloys Winterling und Netzwerke der Oberschicht im Zentrum und diese wiederum wurden Fabian Goldbeck, die den Blick auf die Bedeutung von Interaktion vornehmlich in Hinblick auf ökonomische Aspekte untersucht. beispielsweise bei der Salutatio richten.3 Der Fokus dieser Arbeiten Den Auftakt machte WILFRIED NIPPEL (Berlin) mit einem For- liegt vor allem auf der „symbolischen Dimension“ von Nahbeziehun- schungsüberblick vom 19. Jahrhundert bis in die Gegenwart. Dabei gen, also dem Prestige, das die Inszenierung von Freunden vermitteln machte Nippel drei Perspektiven aus, welche die Debatten prägten. So konnte. Eine der zentralen Thesen, nämlich dass diese symbolische suchte man im 19. Jahrhundert primär nach dem Ursprung römischer Dimension gegenüber der instrumentellen mit dem Wechsel von der Klientelverhältnisse. Dabei ging man von der Prämisse aus, dass die Republik zur Kaiserzeit an Bedeutung gewann, relativierte Nippel Klientel in grauer Vorzeit ein rechtlich definiertes Abhängigkeitsver- freilich: Dies entspreche zwar der Sicht des Gebenden, vernachlässi- hältnis gewesen sei, das sich (zumindest teilweise) bis in historisch ge aber, dass für den Nehmenden die instrumentelle Dimension von hellere Zeit erhalten habe. Freilich sind die Indizien für solche „survi- Nahbeziehungen nach wie vor bedeutsam blieb. Möglicherweise, so vals“ eher dünn und Rekonstruktionen der Frühzeit müssen zwangs- Nippels abschließende Überlegungen, böten sich in diesem Bereich läufig spekulativ bleiben. Zu Beginn des 20. Jahrhunderts vollzog auch Anknüpfungspunkte an die auf den ersten Blick gänzlich anders sich dann mit Matthias Gelzers einflussreicher Habilitationsschrift zur gelagerten Untersuchungen Koenraad Verbovens, der gerade die mate- Nobilität der römischen Republik ein Perspektivenwechsel.1 Gelzer riellen Aspekte römischer „Freundschaft“ betont.4 Auch wenn Nippel interessierte sich nicht für frühere Rechtsverhältnisse, sondern unter- in seinem Überblick auf klare Thesen verzichtete, so ließ sich doch suchte die horizontalen Verflechtungen der römischen Oberschicht eine Linie herauslesen, die in Hinblick auf die nachfolgenden Beiträge zur Zeit der späten Republik. Das Problem, so Nippel, sei jedoch ge- 2 Nebst der Demokratie-Debatte um Fergus Millar sind hier primär zu nennen: Peter wesen, dass Gelzer es nicht dabei beließ, sondern behauptete, diese A. Brunt, Amicitia in the Late Roman Republic, in: Ders., The Fall of the Roman Republic Verflechtungen hätten nicht nur die Oberschicht, sondern die gesamte and Related Essays, Oxford 1988, S. 351-381 sowie Ders., Clientela, in: ebd., S. 382-442. 3 Aloys Winterling, Freundschaft und Klientel im Kaiserzeitlichen Rom, in: Historia Gesellschaft durchdrungen – eine Behauptung, die durch die tatsächli- 57 (2008), S. 298-316; Fabian Goldbeck, Salutationes. Die Morgenbegrüßungen in Rom chen Indizien seiner Untersuchung jedoch kaum gedeckt wurde, die in der Republik und der frühen Kaiserzeit, Berlin 2010. 4 Koenraad Verboven, The Economy of Friends. Economic Aspects of Amicitia and 1 Matthias Gelzer, Die Nobilität der römischen Republik, Leipzig 1912. Patronage in the Late Republic, Brüssel 2002. 513 514 Jan Meister Zur Ökonomie römischer Nahbeziehungen zentral war: Deutlich wurde, dass Nippel Versuche, Nahbeziehungen zu pflegen. Für die Entwicklung des römischen Erbrechts habe dies pauschal für die gesamte Gesellschaft zu postulieren, für einen Irrweg ferner die Konsequenz, dass wohl nicht das agnatische Prinzip als hält und stattdessen eine Beschränkung favorisiert, entweder auf die je- das ältere anzusehen ist, sondern das kognatische, das zwar in der weiligen Kontexte, in denen Nahbeziehungen eine Rolle spielen, oder Rechtssprechung erst später auftaucht, von seiner Stoßrichtung her aber auf konkret fassbare Personenkreise, also vornehmlich die römi- aber der umfassenden Testierfähigkeit des Paterfamilias wie auch der sche Oberschicht. Die beiden nachfolgenden Beiträge zeigten denn Erb- und Testierfähigkeit der Frauen entspricht. Anders als moderne auch Perspektiven auf, die genau diesen Problemen der bisherigen Bestrebungen, die unter dem Motto „keeping it in the family“ Ver- Forschung Rechnung trugen. mögen über Generationen zu erhalten suchen, hätten die Römer, so ANN-CATHRIN HARDERS (Bielefeld) analysierte das Erbverhal- Harders, wohl eher von einem „keeping it in the peer-group“ gespro- ten der römischen Elite aus einer sozialanthropologischen Perspektive. chen: Vermögenswerte sollten möglichst breit innerhalb einer Elite Im Gegensatz zu modernen Bestrebungen, Vermögen in der Familie zu zirkulieren und so ein Netz aristokratischer Nahbeziehungen festigen halten, so ihre einleitenden Überlegungen, scheinen sämtliche Modi und perpetuieren. des römischen Erbrechts darauf ausgelegt gewesen zu sein, Vermö- Dass diese Form des Vererbens zu Problemen führen konnte, zeigte gen nicht kompakt in der Familie zu halten, sondern im Gegenteil der abschließende Vortrag von ELKE HARTMANN (Darmstadt). Aus- möglichst breit über ein Netz von Freunden und Verwandten zu ver- gangspunkt ihrer Überlegungen bildete ein Epigramm Martials (Mart. teilen. So wurden bei der Intestaterbfolge ursprünglich alle Hauserben, 2,26), in welchem sich die reiche Naevia vom Erbfänger Bithynicus um- Männer wie Frauen, zu gleichen Teilen berücksichtigt – anthropolo- sorgen lässt. Das dort verhandelte Phänomen der Erbfängerei begegnet gisch gesehen ein egalitäres Erbrecht. Das alternative Modell wäre ein in der kaiserzeitlichen Literatur häufig und hat bislang vergleichsweise nicht-egalitäres Erbrecht gewesen, bei dem ein Haupterbe bestimmt wenig Beachtung gefunden: Während die ältere Forschung, insbeson- und so der ungeteilte Fortbestand des Hauses garantiert wird. Da dere Friedländer, dem Duktus der Quellen verhaftet blieb und das in Rom nicht nur alle Söhne als gleichberechtigte Erben fungierten, Phänomen moralisch verurteilte, tendieren neuere Studien dazu, die sondern zusätzlich auch noch die zum Haus gehörenden Frauen, kann oft in satirischen Kontexten auftretenden Erbfänger pauschal als li- dieses Erbrecht als besonders egalitär gelten. Dass Frauen nicht nur terarischen Topos abzutun. Freilich entsteht auch ein Topos nicht im erbten, sondern auch selbst ein Testierrecht besaßen und dass das weit luftleeren Raum und genau hier setzte Hartmann an, indem sie dafür gefasste Testierrecht des Paterfamilias in der Praxis nicht etwa dazu plädierte, literarische Typen wie „Naevia“ oder „Bithynicus“ nicht benutzt wurde, den Besitz beisammen zuhalten, sondern im Gegen- als historische Personen, wohl aber als Reflex realer gesellschaftlicher teil ihn durch Legate weit über die engere Verwandtschaft hinaus zu Probleme ernst zu nehmen. streuen, zeigt, dass dies durchaus gewollt war. Das Erb- und Testier- Erbfängerei , so Hartmann, müsse im Kontext aristokratischer Nah- recht von Frauen, so Harders, sei daher nicht als „Unfall“ zu sehen beziehungen gesehen werden: Gerade vor dem Hintergrund der Aus- und auch nicht als Ausdruck einer irgendwie gearteten Emanzipation, führungen Harders’ wird plausibel, wie zentral die Teilhabe an sol- sondern als Teil einer Strategie, die darauf abzielt, Vermögenswerte chen Netzwerken auch in materieller Hinsicht war. In der Kaiserzeit über ein weites Netz von Nahbeziehungen über die engere (männli- wurde dies tendenziell noch wichtiger, denn anders als noch in repu- che) Verwandtschaft hinaus zu vererben und so dieses Beziehungsnetz blikanischer Zeit fielen externe Kriege als Einnahmenquelle für die 515 516 Jan Meister Zur Ökonomie römischer Nahbeziehungen Aristokratie weitgehend weg, während gleichzeitig der demonstrative Netzwerke zu integrieren und aufzusteigen, während umgekehrt rö- Luxuskonsum zunahm und gesteigerte Ausgaben für den Statuserhalt mische Aristokraten, nicht zuletzt auch Frauen, potentielle Erbfänger verlangte. Die bei Martial vorgeführten Typen, so Hartmann, spiegeln anzulocken suchen, um sich so den Lebensunterhalt zu finanzieren. diese Probleme. So ist die vom Erbfänger umworbene Neaevia offen- Dass es der Sektion durchaus gelungen war, neue Perspektiven bar kinderlos. Dies reflektiert den Umstand, dass in der Kaiserzeit zu eröffnen, zeigte nicht zuletzt die abschließende von UWE WAL- Kinderlosigkeit in der römischen Oberschicht zunehmend als erfolg- TER (Bielefeld) geleitete Diskussion. Zu Harders Beitrag wurde unter reiche Strategie eingesetzt wurde: Kinderlose Aristokraten wurden, anderem angemerkt, dass die breite Streuung von Erbschaften nicht gerade weil natürliche Erben fehlten, von potentiellen Erbfängern als binäre Opposition zu einer geschlossenen Besitzweitergabe gese- materiell und immateriell umsorgt – in der Hoffnung, dass sich die hen werden muss, sondern auch als Diversifikation betrachtet werden daraus resultierende Nahbeziehung in reichen Legaten niederschla- kann – schließlich durfte man davon ausgehen, dass über Nahbezie- gen werde. Dass mit Naevia eine Frau begegnet, ist in Anbetracht der hungen auch wieder Vermögenswerte zurückfließen würden. Generell vollen Testierfähigkeit römischer Frauen keineswegs überraschend, scheint die römische Elite in vielerlei Hinsicht – weit über das Erbrecht Hartmann vermutete gar, dass Frauen wegen des leicht zu Geld zu hinaus – mehr auf Breitenwirkung und Netzwerkbildung als auf Be- machenden mundus muliebris als besonders attraktive Erblasser ange- sitzstandswahrung bedacht gewesen zu sein. In Bezug auf Hartmanns sehen wurden. Auch der Erbfänger Bithynicus kann ein reales Problem Beitrag wurde vor allem die Bedeutung der mit der Erbfängerei eng reflektieren: Sein Name deutet auf eine provinzielle Herkunft hin. Auf verschränkten Kinderlosigkeit hervorgehoben. Das Ausmaß der Kin- Aufstieg bedacht, versucht er, in die Freundschaftsnetzwerke der Aris- derlosigkeit in der römischen Aristokratie ist, gerade in Anbetracht des tokratie eingebunden zu werden – es geht ihm wohl also nicht nur von den Kaisern hochgehaltenen Ideals des Kinderreichtums, bemer- um das materielle Erbe, sondern auch um die durch das Erbe symbo- kenswert. Das komplexe Geflecht römischer Nahbeziehungen bietet lisierte Integration in die aristokratischen Netzwerke. Sein letztlich also noch reichlich Material für weitere Forschungen. Doch die Sektion vergebliches Bemühen um Naevia zeigt jedoch das Risiko, das Erbfän- hat einige wichtige Linien vorgegeben, an denen sich künftige Überle- ger eingehen mussten: Die Zuwendungen zu potentiellen Erblassern gungen orientieren können: Den Fokus primär auf die horizontalen konnten eine erhebliche finanzielle Belastung darstellen, doch ob und Verflechtungen innerhalb der Aristokratie zu legen, anthropologische in welcher Höhe eine Gegengabe in Form von Legaten erfolgen würde, Modelle zu verwenden und nicht zuletzt auch bislang eher vernach- war völlig offen. Manch ein Aristokrat dürfte daher reicher erschienen lässigte Quellen wie eben die Dichtung mit der nötigen methodischen sein, als er (oder sie) tatsächlich war, und sich den standesgemäßen Vorsicht fruchtbar zu machen. Luxuskonsum über die Zuwendungen potentieller Erbfänger wesent- Sektionsübersicht: lich mitfinanziert haben. Vor diesem Hintergrund erscheint es denn durchaus fraglich, wer eigentlich wen „fängt“. Und genau hier, so Elke Hartmann (Darmstadt): Einführung Hartmann, liege der Mehrwert, den die Dichtung als Quelle bietet: Die Wilfried Nippel (Berlin): Die ökonomische Dimension römischer Nah- Netzwerke aristokratischer Nahbeziehungen, über die Legate verteilt beziehungen: Forschungsperspektiven vom 19. Jahrhundert bis heute werden, sind alt, doch in der Dichtung werden signifikante Verände- rungen reflektiert. So suchen Provinziale wie Bithynicus sich in diese Ann-Cathrin Harders (Bielefeld): Keeping it in the Family – Zur Pro- 517 518 Zwischen Knappheit und Überfluss: Abfall als Problem und Ressource in der Geschichte blematik des familialen Gütertransfers in der römischen Republik der Referenten spiegele die Anforderung einer multidimensionalen Betrachtungsweise wieder. Die jeweiligen Forschungsrichtungen be- Elke Hartmann (Darmstadt): Neue Netze: Erbfängerei (captatio) und schäftigen sich laut Köster mit verschiedenen Akteuren, die Abfall ostentativer Konsum in der frühen Kaiserzeit produzierten, beseitigten oder sich theoretisch damit auseinandersetz- ten, also beispielsweise Hausfrauen, der Stadtreinigung und dem Staat, Tagungsbericht Zur Ökonomie römischer Nahbeziehungen. 25.09.2012- der vor allem in den Weltkriegen sehr stark in die Wiederverwertung 28.09.2012, In: H-Soz-u-Kult 25.10.2012. eingegriffen habe. Im Mittelpunkt der Sektion stünden demnach die Interdependenzen zwischen Akteuren, Strukturen und der Distribu- tion von Abfall vor dem Hintergrund der jeweiligen disziplinären Betrachtungsweise. Der in der Konferenzübersicht angekündigte Vor- Zwischen Knappheit und Überfluss: Abfall als Problem und trag von Reinhold Reith (Salzburg) musste aufgrund von Krankheit Ressource in der Geschichte entfallen. Eine eher alltagsgeschichtliche Betrachtungsweise nahm HEIKE Leitung: Roman Köster (München) / Heike Weber (Berlin) WEBER (Berlin) in ihrem Vortrag „Schaffet Werte aus Nichts“ ein. Im Bericht von: Julia Schnaus, Universität Regensburg Fokus ihres Vortrages standen das Mitwirken von Frauen am Recycling während des Ersten und Zweiten Weltkrieges sowie ein Vergleich der Abfall entsteht in jeder Gesellschaft durch Produktion und Konsumti- beiden Arten von Abfallentsorgung, insbesondere lag der Fokus auf on, im Laufe der Zeit hat sich der Umgang damit jedoch stark gewan- der Verwertung von Küchenresten. Im Ersten Weltkrieg war laut We- delt. Ob der Abfall eher als nutzbare Ressource oder unerwünschtes ber die Mobilisierung der Frauen für die Wiederverwertung markant. Material angesehen wird, hängt mit der gesellschaftlichen, wirtschaft- Müll sei als Ressource regelrecht ausgebeutet worden. Dies sei aber kei- lichen, politischen und kulturellen Situation eines Landes zusammen. ne neue Erscheinung gewesen, bereits im Kaiserreich sei die Sparsam- Aus diesen Aspekten folgt, dass eine multidimensionale Betrachtung keit der deutschen Hausfrau als Wert etabliert gewesen, an den man des Themas „Abfall“ sinnvoll ist, um verschiedene Facetten des Be- nur hätte anknüpfen müssen.1 Speisereste seien beispielsweise schon griffes beleuchten zu können. zu dieser Zeit an Tiere verfüttert worden und in Berlin-Charlottenburg Sektionsleiter ROMAN KÖSTER (München) ging in der Einleitung habe es ab 1907 eine Dreiteilung des Abfalls in Asche und Kehricht, zunächst auf das Definitionsproblem ein, denn was unter „Abfall“ ver- Küchenreste und „gewerbliche Abfälle“ gegeben. Weber stellte heraus, standen werde, sei keineswegs in allen Betrachtungsweisen identisch. dass die Frauen während des Ersten Weltkrieges – im Gegensatz zur Zunächst fasse man darunter alles, was keinen ökonomischen, gesell- NS-Zeit bzw. dem Zweiten Weltkrieg – nicht Handlanger staatlicher schaftlichen oder kulturellen Wert habe sowie auf dem Markt einen zu Politik gewesen seien, sondern zuerst selbst die Initiative ergriffen geringen Preis erziele. Eine wirtschaftliche Betrachtungsweise beschäf- und die Organisation der Wiederverwertung übernommen hätten. tige sich vor allem mit Marktaspekten, die allerdings nicht ausreichend Dies stellte sie am Beispiel des Nationalen Frauendienstes in Frankfurt seien, um das Phänomen „Abfall“ vollständig erklären zu können. Ne- ben die wirtschaftsgeschichtliche müsse auch eine umwelt-, technik- 1 Vgl. Nancy Reagin, Sweeping the german Nation. Domesticity and national Identity sowie alltagsgeschichtliche Herangehensweise treten. Die Auswahl in Germany, New York 2007. 519 520 Zwischen Knappheit und Überfluss: Abfall als Problem und Julia Schnaus Ressource in der Geschichte am Main dar. Zuerst hätten lokale Programme der Abfallentsorgung land, die in Frankreich eingesetzt worden seien und eine Totalität der existiert, die sich in die Bereiche trockene Küchenabfälle, Eierscha- Wiederverwertung propagiert hätten. Insbesondere seien jüdische Bür- len und Knochen unterteilen ließen. Die Reste seien zum einen für ger in großem Maße aus dem Altstoffhandel verdrängt und die vorher Viehfutter, zum anderen auch für die Herstellung von Düngemitteln dezentrale Organisation der Abfallverwertung beseitigt worden. Dass wie Phosphor verwendet worden. Die staatliche Politik sei erst 1916 die Wurzeln der Récupération in Deutschland lägen, sei der französi- mit der Reichsgesellschaft für deutsches Milchkraftfutter in die Wie- schen Bevölkerung aber verschwiegen und das Wiederverwerten als derverwertung der Abfälle eingestiegen. Die Abfallpolitik weist laut patriotischer Akt verkauft worden. Beispielsweise seien Schulklassen Weber eine Kontinuitätslinie bis zur NS-Zeit auf, im Vergleich zum in großem Stil zu Sammelaktionen eingesetzt worden. Die Sammlung Ersten Weltkrieg hätten aber während des Zweiten Weltkrieges genaue- von Alteisen und Altpapier habe beispielswiese der Bewaffnung die- re Vorschriften bestanden, das Ziel sei eine „totale Erfassung“ aller nen sollen. Die Bevölkerung wäre in Filmen und Presseslogans auf Haushalte, Gewerbe und Mülldeponien gewesen.2 Insbesondere die den Wert der Abfallwiederverwendung hingewiesen worden. Hitlerjugend und der Bund deutscher Mädel seien aus erzieherischen Während sich die vorangegangenen Vorträge mit der ersten Hälfte Gründen in den Sammelprojekten eingesetzt worden. Zum Schluss des 20. Jahrhunderts beschäftigten, nahm ROMAN KÖSTER (Mün- des Vortrages stellte Weber heraus, dass die quantitative Bedeutung chen) die Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg bis 1990 aus wirtschaftshis- der Müllentsorgung kaum eingeschätzt werden könne. Wichtiger sei torischer Perspektive in den Blick und beschäftigte sich mit der Frage, die ideologische Bedeutung der Wiederverwertung, die Mobilisierung warum die alte Form des Wiederverwertens in den 1960er-Jahren ver- an der Heimatfront gewesen, ob ökonomisch sinnvoll oder nicht, habe schwand und wie in den 1970er-Jahren eine neue Form des Recycelns eine untergeordnete Rolle gespielt. Außerdem habe eine Umdeutung entstand. Laut Köster gibt es vier Erklärungen für das Verschwin- in der Bewertung von Abfall stattgefunden. Hygienische Argumente den des Wiederverwertens in den 1960er-Jahren. Erstens nennt er den spielten, so Weber, eine weniger große Rolle, die Möglichkeit der poten- Wohlstandszuwachs, durch den der wirtschaftliche Nutzen des Recy- tiellen Verwertung beispielsweise für Viehfutter, habe an Bedeutung celns verloren gegangen sei. Zweitens die städtebaulichen Veränderun- gewonnen. gen, Dörfer seien zu Vorstädten geworden, der vorher zu jedem Haus Ebenfalls die NS-Zeit, aber aus französischer Perspektive, nahm zugehörige Misthaufen sei aus dem Stadtbild verschwunden. Drittens CHAD DENTON (Seoul) in den Blick. Er legte dar, dass sich die franzö- die Durchsetzung der Selbstbedienung im Einzelhandel und viertens sische Abfallwirtschaft bereits vor der Besatzungszeit an der deutschen die Technisierung der Hausarbeit („Wegwerfgesellschaft“). Schon En- orientiert habe, beispielsweise habe es 1939 im Elsass bereits einen de der 1960er-Jahre allerdings sei der sorglose Umgang mit Abfall Aufruf zum Lumpensammeln gegeben. Insbesondere aber während bereits wieder in Frage gestellt worden. In Folge darauf kam es laut des Vichy-Regimes ab 1940 habe sich die Wiederverwertung in weiten Köster in den 1970er-Jahren zu einem Comeback des Recycelns. Das Teilen am deutschen System der Wiederverwertung orientiert, wäh- Konzept der „verlorenen Verpackung“ sei zunehmend angeprangert rend sie vorher dezentral organisiert gewesen sei. Laut Denton bestand worden. Zur Wiederentdeckung des Recycelns trugen nach Köster vor dieses System sogar nach Ende des Kriegs bis 1946 fort. Nachzuweisen allem die Verwissenschaftlichung der Abfallwirtschaft, das steigende sei dies unter anderem an Wiederverwertungsexperten aus Deutsch- Umweltbewusstsein der Bürger sowie eine zunehmende Institutionali- 2 Vgl. sierung der Recycling-Infrastruktur (eher „Hol-“ als „Bring-„System) Klaus Ungewitter, Verwertung des Wertlosen, Berlin 1938. 521 522 Zwischen Knappheit und Überfluss: Abfall als Problem und Julia Schnaus Ressource in der Geschichte bei. Ökologische und ökonomische Faktoren hätten bei der Etablie- Altstoffsammlung in Industrie und Privathaushalten etabliert. Diese rung einer dauerhaften Recyclingstruktur eine Rolle gespielt. Köster „doppelte Zweiteilung“ bestand, so Möllers These, bis 1990 fort. Trotz betonte in seinem Resümee, dass sich das moderne Recycling vom Bemühung seitens des Staates ab den 1970er-Jahren (Maßnahmenkata- traditionellen durch mehrere Aspekte unterscheide, unter anderem loge), die vielen dezentralen Mülldeponien zu beseitigen, sei die Depo- weil es durch internationale Unternehmen geprägt und weniger durch nie die wichtigste Art der Entsorgung bis 1990 geblieben. Müllbrände ökonomische Parameter bestimmt sei. waren, so Müller, das Kennzeichen der DDR, hervorgerufen besonders Ebenfalls die zweite Hälfte des 20. Jahrhunderts betrachtete CHRIS- durch Braunkohle-Abfälle, die leicht entzündbar gewesen seien. Die TIAN MÖLLER (Bielefeld), konzentrierte sich aber im Gegensatz zu Herangehensweise des Staats war, laut Möller, durch ökonomische Köster auf die Abfallwirtschaft in der DDR. Er fragte insbesondere Zielvorstellungen gelenkt. Um den volkswirtschaftlichen Schaden des nach den Zäsuren und Wandlungsprozessen der Entsorgungssituation Abfalls zu verringern, sei die Idee eines Stoffkreislaufes entstanden, sowie den Akteuren und deren Motive. Die den Vortrag begleitende der Abfall hätte überflüssig machen sollen. Das Konzept der „geordne- Frage war, ob die staatlichen Handlungsweisen eher durch ökono- ten Deponie“ habe sich aber nicht flächendeckend durchsetzen können, mische oder ökologische Paradigmen geprägt waren. In den 1950er- da einheitliche Deponiestandards bis in die 1980er-Jahre nur mangel- Jahren habe die Altstoffsammlung in der DDR an Bedeutung gewon- haft eingehalten worden seien bzw. gar nicht existierten. Erfolge gab nen, insbesondere durch den Mangel, der durch die Demontagen es, so Möller, bei der Verwertung von Industrieabfällen durch neue hervorgerufen worden sei sowie das einsetzende Wirtschaftswachs- Verwertungsverfahren und neue industrielle Anlagen. Die Haltung tum. Beispielsweise sei in diesem Zusammenhang die Volkseigene der Bevölkerung zu den Deponien sei ambivalent gewesen. Proteste Handelszentrale Schrott gegründet worden, außerdem habe es sog. habe es durchaus gegeben, allerdings habe man oftmals eine prag- „Schrottbeauftragte“ gegeben. An der Altstoffsammlung beteiligten matische Haltung gegenüber Deponien vorgefunden, da der überall sich laut Möller aber auch private Handelsbetriebe und Schulen. Für herrschende Mangel zur Wiederverwertung gezwungen habe. die Ablieferung von Altstoffen sei eine Prämie in Aussicht gestellt Die Umwelthistorikerin VERENA WINIWARTER (Klagenfurt) plä- worden, des Weiteren hätten Altstofflotterien existiert, die zum Sam- dierte in ihrem Kommentar dafür, Abfall nicht als Randgröße histo- meln hätten anregen sollen. Zunehmend sei die Verwertung nicht- rischer Forschung zu betrachten. Sie merkte zunächst an, die Zusam- metallischer Rohstoffe wichtig geworden, die Verwertung sei aber mensetzung des Abfalls genauer zu betrachten, sich also qualitativ aufgrund der schlechten Trennung schwierig gewesen. Laut Möller mit dem Thema „Müll“ zu befassen insbesondere für die Zeit der waren die Grundprobleme zum einen, dass die Einsicht fehlte, zu Bundesrepublik, in der der Anteil an Kunststoff sehr stark zugenom- Sammeln und zu Verwerten, zum anderen Kompetenzstreitigkeiten men habe. Außerdem regte sie an, sich mit Metaphern rund um das zwischen den verschiedenen Ministerien und einzelnen Bezirken. Die Thema Abfallentsorgung näher zu befassen, wie es Heike Weber in Verwertung von Hausmüll habe kaum eine Rolle gespielt, da die Ab- ihrem Vortrag bereits getan hatte („Schaffet Werte aus Nichts“). Die fallmengen im Vergleich zu Westdeutschland gering gewesen seien. In dritte Anregung der Kommentatorin bezog sich auf die räumliche den 1950er- und 1960er-Jahren habe sich in der DDR zum einen die Dimension des Themas „Abfall“, also beispielsweise die Relationen getrennte Erfassung von metallischen und nichtmetallischen Rohstof- zwischen Stadt und Land, die Asphaltierung großer Gebiete und den fen durchgesetzt, zum anderen hätten sich unterschiedliche Arten der Transportaufwand. Des Weiteren gab sie zu bedenken, dass in einer 523 524 Zwischen Knappheit und Überfluss: Abfall als Problem und Julia Schnaus Ressource in der Geschichte Kriegssituation die marktorientierte Logik bei Privathaushalten aufge- durchaus an ein bereits zuvor etabliertes Wissen über Abfallverwer- geben und durch eine subsistenzorientierte Denkweise ersetzt werde. tung anknüpfen – sowie eine Gegenüberstellung mit anderen natio- Generell, aber auch besonders in Kriegszeiten, existieren, so Winiwar- nalen Konzepten der Wiederverwertung. Auch scheint interessant zu ter, nationalstaatliche Züge bei der Abfallverwertung, die auch als sein, in welcher Weise diese Konzepte miteinander verknüpft sind und Wertzuschreibungsprozesse betrachtet werden könnten. Im Blickfeld auf welchen Traditionen sie beruhen. Insgesamt kann man bemerken, sollte in jedem Fall die Interaktion zwischen öffentlichen und priva- dass die Abfallproblematik in der Umweltgeschichte noch nicht er- ten Akteuren bleiben, wodurch zugleich gesellschaftliche Phänomene schöpfend betrachtet worden ist, gerade auch im Hinblick auf immer betrachtet werden könnten. neue Arten von Müll und ihren negativen Folgen für Mensch und In der Diskussion wurde zunächst die Frage diskutiert, ob sich die Natur (Wissen vs. Nicht-Wissen) und in Verbindung mit dem Begriff Zusammensetzung des Abfalls sozial unterscheide. Heike Weber bejah- Energie(kosten). te diese Frage (dies gelte zumindest für die Zeit vor den 1970er-Jahren, Sektionsübersicht: danach habe eine Egalisierung stattgefunden) und betonte, dass sich bürgerliche Frauen in Verbänden engagiert hätten, Arbeiterfrauen sich Roman Köster (München): Einführung aber in großem Maße an der Wiederverwertung beteiligt hätten. Des Heike Weber (Berlin): „Schaffet Werte aus dem Nichts!“: Frauen und Weiteren wurde gefragt, inwieweit eine ideologische Aufladung des die Wiederverwertung von Küchenresten im Ersten Weltkrieg und Themas „Wiederverwertung“ nach dem Zweiten Weltkrieg fortbe- während der NS-Zeit standen habe und ob der Umweltbegriff in diesem Zusammenhang eine eigene Bedeutung habe oder eine quasi neue Ideologie darstelle. Chad Denton (Seoul): Récuperez! – Die französische Recycling- Die Referenten betonten den Eigenwert des Umweltbegriffs, der sich Kampagnen zwischen 1939-1945 und ihre deutschen Ursprünge aus der „Stadthygiene“ entwickelt habe und mit der Zeit eine Eigen- Roman Köster (München): Abschied von der „verlorenen Verpa- dynamik entwickelt habe. Inwieweit das Thema Energiekosten mit ckung“. Die Geschichte des Recyclens von Hausmüll in Westdeutsch- dem Thema „Abfall“ in Verbindung steht und untersucht werden soll- land 1945-1990 te, konnte nicht mehr abschließend geklärt werden. Betont wurde in der Diskussion ebenso, dass die Kategorie „Wissen“ eine große Rolle Christian Möller (Bielefeld): Abfallwirtschaft in der DDR. Sozialisti- spiele. Beispielsweise sei interessant zu erforschen, welche Akteure sche Verwertungskonzepte und Entsorgungspraxis zwischen Ökono- über lokale „Unorte“ Bescheid wüssten, oder ob ein Bewusstsein dar- mie und Ökologie über bestehe, welcher Abfall gefährlich sei bzw. insbesondere welche Verena Winiwarter (Klagenfurt): Kommentar Gefahren und Risiken bestünden, von denen man nichts wüsste. Die Sektion zeigte, wie unterschiedlich die Umgangsweise mit Ab- Tagungsbericht Zwischen Knappheit und Überfluss: Abfall als Problem fall im 20. Jahrhundert war und aus welchen verschiedenen Blickwin- und Ressource in der Geschichte. 25.09.2012-28.09.2012, In: H-Soz-u-Kult keln sich die Geschichtswissenschaft mit diesem Thema beschäftigen 11.12.2012. sollte. Interessant wären ein diachroner Vergleich mit früheren Epo- chen – die Wiederverwertungskampagnen in den Weltkriegen konnten 525 526 Register Schnaus, Julia 522 Thünemann, Holger 383 Autorinnen und Autoren dieser Ausgabe Schors, Arvid 455 Trieloff, Karin 202 Schröber, Ulrike 463 Siegel, Björn 287 Uekötter, Frank 3 Alterauge, Hannes 368 Johannsen, Ole 178 Sonemann, Lena 1 Unger, Veronika 355 Altmeppen, Philipp 57 Jung, Christian 316 Spreckels, Philipp 255 Andre, Elsbeth 491 Steckel, Sita 475 Verst, Eva Maria 263 Kahlert, Torsten 1, 3 Vössing, Michael 263 Steinhauer, Kathrin 89 Banken, Ralf 3 Katz, Julian 211 Vogelsänger, Chris 202 Stephan, Meta 202 Blank, Thomas 57 Kirchner, Thomas 279 Volkmer, Gerald 508 Stornig, Katharina 271 Kneitz, Agnes 127 de Boer, Jan-Hendryk 392 Kranzdorf, Anna 236 Teichmann, Ulf 407 Wöbse, Anna-Katharina 302 Dieckmann, Christoph 399 Kuller, Christiane 294 Dittrich, Lisa 500 Kuttner, Oliver 245 Dommann, Monika 3 Majewski, Dennis 431 Eichenberg, Julia 347 Meister, Jan 515 Engelen, Ute 143 Meyer, Thomas 77 Moritz, Kirsten 483 Fabian, Sina 339, 447 Müller-Henning, Markus 161 Förster, Birte 3 Prinz, Claudia 1, 3 Garske, Lucas Frederik 227 Gharaibeh, Mohammad 440 Rauthe, Simone 69 Göllnitz, Martin 324 Reichert, Sabine 169 Groth, Simon 431 Reinecke, Christiane 3 Reupke, Daniel 195 Haumann, Sebastian 471 Rischbieter, Laura 3 Hein-Kircher, Heidi 308 Ritter, Max 375 Hellberg, Florian 178 Roeder, Torsten 186 Hilgert, Christoph 415 Rürup, Miriam 111 Hippchen, Raoul 375 Hochmuth, Hanno 153 Sagasser, Amélie 332 Hoffmann, Jana 361 Sala, Roberto 422 Huff, Tobias 99 Schmidt, Christian 219 527 528