Andrij Portnov, Tetjana Portnova Der Preis des Sieges Der Krieg und die Konkurrenz der Veteranen in der Ukraine In der Ukraine leben noch über 2,5 Millionen Veteranen des Zweiten Weltkriegs, darunter allerdings nur noch einige zehntausend Frontsolda- ten. Der Krieg bleibt ein zentrales Element für die historische Identität der Gesellschaft. Die Auflösung der Sowjetunion hat auch zur Auflösung des monolithischen Kriegsbilds geführt. In der Ukraine rückten die Ukrai- nische Aufstandsarmee (UPA) und ihre Kämpfer in den Blick. Heute konkurrieren Sowjetveteranen und U PA-Bruderschaften um Anerken- nung und Privilegien. Den Veteranen ist gemeinsam, dass sie sich nicht als Opfer verstehen und der propagandistischen Rhetorik der Kriegszeit verpflichtet sind. Das Schicksal der Zwangsarbeiter, der Holocaust-Opfer und der Kriegsgefangenen ist kaum mehr präsent. Offiziell stellt sich die Ukraine als Opfer zweier totalitärer Regimes dar. Der Zweite Weltkrieg ist in der Erinnerungspolitik der meisten postsowjetischen Staaten weiterhin ein zentrales Thema. Die schrittweise „nationale Ausdifferenzierung" des monolithischen sowjetischen Bildes vom „Großen Vaterländischen Krieg" vollzog sich in unterschiedlicher Weise, doch die Entwicklungs verlaufe ähneln sich. In Belarus, Moldova und der Ukraine erfolgte die Entwicklung von stark akzentuierten nationalen Schemata und Interpretationen Anfang der 1990er Jahre über eine partielle Resowjeti- sierung hin zu einer Suche nach Interpretationsmodellen, die eine Grundlage zur Identi- tätsstiftung der politisch verfassten Staatsnation und Zivilgesellschaft bieten. In Russ- land ist das Jahr 1995 eine Zäsur. Zum 50. Jahrestag des Sieges wurden das Denkmals- ensemble auf dem Verneigungshügel (Poklonnaja gora) in Moskau eingeweiht und Militärparaden zum 9. Mai wieder eingeführt. Seitdem stellt die heroisch-patriotische Behandlung des Kriegs wieder eine Schlüsselkomponente der staatlichen Identitätsstif- tung dar. Die Versuche in den anderen postsowjetischen Staaten, nationale Kriegsnarra- tive zu schaffen, rückten andere Fragen und Kriegsteilnehmer, Täter und Opfer in den Blick. Der Versuch, diese neuen historischen Erzählungen in die bestehenden Ge- schichtsbilder zu integrieren, sensibilisierte auch für die sozialen Probleme der Vetera- nen. Häufig traten verschiedene Veteranengruppen in ein zähes Ringen um symboli- sches Kapital wie Anerkennung, aber auch um staatliche Privilegien ein. Andrij Portnov (1979), Dr. phil., Historiker, Chefredakteur der Zeitschrift Ukrcüna Moderna, Kiew Tetjana Portnova, Dr. phil., wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Nationalen Universität Dnipropetrovs'k Von Andrij Portnov erschien zuletzt in Osteuropa: Pluralität der Erinnerung. Denkmäler und Geschichtspolitik in der Ukraine, in: Geschichtspolitik und Gegenerinnerung. Berlin 2008 [= OE, 6/2008], S. 197-210. Osteuropa, 60. Jg., 5/2010, S. 27-41 This content downloaded from 192.55.244.3 on Sat, 23 Apr 2022 10:20:17 UTC All use subject to https://about.jstor.org/terms 28 Andrij Portnov, Tetjana Portnova Zur Geschichte des Veteranenstatus in der Sowjetunion Nach der Demobilisierung Ende der 1940er Jahre wurde die rechtlic der Kriegsteilnehmer in der Sowjetunion aufgehoben. Die unbedeute der Kriegsteilnehmer wurden abgeschafft. Ausnahmen bildeten die deren Zahl von offizieller Seite bewusst herabgesetzt wurde, die „H union" sowie später auch die „Ritter des Ruhmes-Ordens" aller staatliche Politik war anfangs darauf ausgerichtet, die Millionen vo rern gesellschaftlich zu integrieren, nicht aber ihnen einen Sondersta Offen auf das eigene Leid hinzuweisen galt als unzulässig. Bettelnde wurden als „antisoziale parasitäre Elemente" verfolgt. Im Unterschied zu anderen am Krieg beteiligten Staaten waren in d Veteranen- und Invalidenvereinigungen zunächst verboten. Alle der die nach Kriegsende spontan entstanden waren, wurden abgeschafft.2 sich an den Krieg zu erinnern, war bis Mitte der 1960er Jahre eine Reaktion der ehemaligen Frontsoldaten. Eine der Ursachen für dies Fehlen adäquater Mittel, um die Erfahrungen des Krieges zu artiku Brežnev-Periode bildete sich die Erinnerung an den Krieg unter Kriegsprosa, der Kriegsfilme sowie der Memoiren von Marschäll heraus.3 Die offizielle sowjetische Version der Kriegsgeschichte und mit ihr staatlichen Privilegien schloss außer den Frontsoldaten und den sowjetischen Hinterlandes praktisch alle anderen Opfergruppen aus ihnen, ihre Geschichte zu erzählen. Armeeangehörige, die in deutsc genschaft geraten waren, fanden sich nach Kriegsende nicht selten a räter" in sowjetischen Konzentrationslagern wieder. Ein ähnliches S nen bedeutenden Teil der Bevölkerung in den von den Nazis okkupi rend des Krieges an die Sowjetunion angegliederten Gebieten. In der jetischen Kriegsgeschichtsschreibung war für die Shoah und für die denserfahrung anderer nationaler Gruppen wie der Roma, oder der K Opfer nationalsozialistischer Vernichtungspolitik geworden waren, Opfer der NS-Rassenpolitik wurden in Büchern und auf Denkmäler kerung - Opfer des Faschismus" bezeichnet. Ein absolutes Tabu w schen Deportationen der Krimtataren, der Tschetschenen und ander „Verrätervölker". Auch zahlreiche Facetten der Partisanenbewegung lungen der Roten Armee in Ostmitteleuropa waren tabu. 1 Mark Edele: Soviet Veterans as an Entitlement Group, 1945-1955, 1/2006, S. 1 1 1-137. - Mark Edele: Soviet Veterans of World War H. A P in an Authoritarian Society, 1941-1991. New York 2008. Beate Fieseler: Arme Sieger. Die Invaliden des Großen Vaterländischen K der Erinnerung. Deutschland und Rußland 60 Jahre nach dem Krieg. Be ropa, 4-6/2005], S. 207-217. Lev Gudkov: Die Fesseln des Sieges. Rußlands Identität aus der Erinneru in: Kluften der Erinnerung [Fn. 2], S. 56-73, hier S. 60. - Boris Dubin: Krieges. Erinnerung als Sehnsucht nach der Brežnev-Āra, in: ebd., S. 21 This content downloaded from 192.55.244.3 on Sat, 23 Apr 2022 10:20:17 UTC All use subject to https://about.jstor.org/terms Der Preis des Sieges 29 Jindřiška Rausová (*1924) wurde 1944 zur Arbeit Nach dem Krieg half sie , vermisste jüdische Ki Australien. This content downloaded from 192.55.244.3 on Sat, 23 Apr 2022 10:20:17 UTC All use subject to https://about.jstor.org/terms 30 Andri j Portnov, Tetjana Portnova Als Propagandainstrument im Kalten Krieg wurde 1956 das Sowjetis Kriegs Veteranen gegründet, das die Veteranen dann zur Durchsetzu Interessen nutzten. Seriös konnte sich das Veteranenkomitee erst in den 1960er Jahren entwickeln. Aus Anlass des 20. Jahrestags des Sieges wurde 1965 der 9. Mai zum staatlichen Feiertag des Sieges erklärt. Und der Große Vaterländische Krieg ersetzte als Gründungsmythos der sowjetischen Ordnung de facto die Große Sozialistische Oktoberrevolution. Seit 1965 wurde die Liste der Privilegien für die Veteranen alle fünf Jahre erweitert - und das jeweils bis zum nächsten Jahrestag. Der Höhepunkt dieser Entwicklung war 1978 die Institutionalisierung der Kategorie „Teilnehmer des Großen Vaterländischen Krieges". Diese Entscheidung ging nicht auf den Druck der Veteranen auf Partei oder Staat zurück. Es handelte sich um eine Initiative von oben, mit der sich das zunehmend verunsicherte kommunistische Regime eine soziale Basis zu schaffen versuchte. Von da an verwandelten sich Personen mit dem Rechtsan- spruch auf den Status eines Veteranen in eine gut organisierte Interessengruppe. Sie war unbestritten eine Stütze des sowjetischen politischen Systems. Zu den Privilegien, welche die Mitglieder dieser Gemeinschaft genossen, gehörten eine niedrigere Miete, das Recht auf kostenlose Beförderung in städtischen und überregionalen Verkehrsmit- teln, Rentenzuschläge sowie das Recht auf bevorzugte ärztliche Behandlung. Da ein Großteil der Privilegien erst 30 Jahre nach Kriegsende in Kraft trat, konnten viele Frontsoldaten davon nicht profitieren. Nach Berechnungen von Mark Edel betrug unter denjenigen, die zwischen 1939 und 1946 kämpften, der Anteil der 30- bis 40-Jährigen 49,6 Prozent, der Anteil der Veteranen des Ersten Weltkrieges 27,5 Pro zent und der Anteil der jungen Menschen, die von der Schulbank an die Front gingen, 22,9 Prozent.4 An der Spitze der sowjetischen Veteranenorganisationen standen übri- gens niemals einfache Soldaten, sondern fast ausschließlich Generäle. Sie waren es, die vorrangig in den Genuss der staatlichen Privilegien kamen. Die Perestrojka unter Gorbačev, als der öffentliche Sektor liberalisiert wurde, aber das Lebensniveau gravierend sank, den Zerfall der Sowjetunion sowie die schmerzhafte postkommunistische Transformation nahmen die meisten sowjetischen Veteranen als eine Periode des katastrophalen Verfalls ihres Status und als Zerstörung ihrer sozialen Anerkennung und gesellschaftlichen Stellung wahr. Seit Mitte der 1990er Jahre haben die Nachfolgestaaten der UdSSR eine eigene Politik zum Umgang mit den Sowjetve- teranen sowie anderen Kriegsteilnehmern und Opfergruppen entwickelt, die nach und nach in Erscheinung traten. Die staatlichen Privilegien in der postsowjetischen Ukraine Die Ukraine hat von der Sowjetunion nicht nur gemeinsame Grenzen, eine spezifisch ethnische und soziale Struktur sowie ein Industrie- und Landwirtschaftssystem geerbt sondern auch eine im großen Maße paternalistisch denkende Bevölkerung, die hohe Ansprüche an das soziale Engagement des Staates stellt. Trotz der offiziell deklarier- ten sozialen Gleichheit gab es in der Sowjetunion ein differenziertes System von Privilegien zur Bevorzugung bestimmter Gruppen, insbesondere der Mitarbeiter des Partei- und Staatsapparates. Zu diesem Privilegiensystem der Nomenklatura gehörten 4 Edele, Soviet Veterans [Fn. 1], S. 115. This content downloaded from 192.55.244.3 on Sat, 23 Apr 2022 10:20:17 UTC All use subject to https://about.jstor.org/terms Der Preis des Sieges 3 1 eigene Krankenhäuser, Erholungsheime und die erwerben. Während der Transformation von der Planwirtschaft zur Marktwirtschaft ersetzte dieses Privilegiensystem die sozialen Sicherungssysteme. In der Ukraine gibt es gegenwärtig 136 Arten von Zuschlägen, Vergünstigungen, Zuzahlungen und Subventionen. Die größten Gruppen von Begünstigten sind: • Kriegsveteranen (2,8 Millionen, 6,1 Prozent der Bevölkerung); • „Kriegskinder" (6,1 Millionen, 13,2 Prozent) • Opfer von Tschernobyl (1,9 Millionen, 4,1 Prozent der Bevölkerung); • Invaliden (2,6 Millionen, 5,6 Prozent); • Veteranen der Arbeit; Personen, die beim Eintritt in das Rentenalter 40 (Männer) und 30 (Frauen) Berufsjahre nachweisen können (etwa 4,6 Millio- nen, zehn Prozent der Gesamtbevölkerung). Zu diesen Begünstigten kommen noch 10,5 Millionen Rentner (13,2 Prozent der Be- völkerung), die Anspruch auf verbilligte Nutzung von Verkehrsmitteln haben, sowie besonders arme Personen, die vom Staat Unterstützung fur Miete und Nebenkosten erhalten. Das sind noch einmal drei bis vier Millionen Menschen (bis zu acht Prozent der Bevölkerung).5 Die „Kriegsveteranen" bestehen in der Ukraine aus mehreren Gruppen: Teilnehmer an Kriegshandlungen. Das waren über Jahrzehnte jene, die im Zweiten Weltkrieg ge- kämpft hatten. 1990 wurde diese Gruppe um Veteranen des Afghanistan-Krieges 1979- 1989, Beteiligte an den sowjetischen Interventionen in Ungarn 1956 und der Tschecho- slowakei 1968, an Militäroperationen auf Kuba und um ukrainische UN- Friedenssoldaten und Beteiligte an anderen Kampfhandlungen außerhalb der Ukraine erweitert. Dazu kommen Kriegsinvaliden sowie Kriegsteilnehmer. Das sind Personen, die bis 1932 geboren wurden und während des Zweiten Weltkrieges im Hinterland gearbeitet hatten. Die Zahl der Veteranen nimmt von Jahr zu Jahr ab. Während vor fünf Jahren in der Ukraine etwa 4,5 Millionen Veteranen lebten, waren es 2006 3,2 Millionen, 2007 2,9 Millionen, und zu Beginn des Jahres 2008 lebten nur noch 2,6 Millionen Veteranen in der Ukraine.6 2006 lebten die meisten von ihnen im Gebiet Donec'k (306 000 Perso- nen), im Gebiet Dnipropetrovs'k (245 000 Personen) und im Gebiet Charkiv (191 751 Personen).7 Unter den Millionen Personen mit Veteranen status sind nur noch wenige, die an Kriegshandlungen teilgenommen hatten. Am 1. Januar 2004 waren es knapp über 371 000 Menschen.8 Wenn man die niedrige durchschnittliche Lebenserwartung in der Ukraine (62 Jahre fur Männer und 73 Jahre fur Frauen), den schlechten Zustand des Gesundheitssystems und die Tatsache, dass die jüngsten Kriegsteilnehmer 2010 86 Jahre alt sind, in Betracht zieht, kann die Zahl der lebenden Frontsoldaten des 5 Pifgy: komu, za ščo i skifky?, <www.newday.kherson.ua/2010/01/06/>. <www.vinrada.gov.ua/zasidannya_koordinaciynoi_radi_z_pitan_realizacn_socialnoi_ politiki_shodo-veteraniv_viyni.htm>. Holovne upravlinnja ochorony zdorov'ja, <www.kharkivoda.gov.ua/show.php ?page=4849>. 8 Opika nad veteranamy - svjatyj obov'jazok kožnoho, <http://moz.gov.ua/ua/main/press/? docID=1577>. This content downloaded from 192.55.244.3 on Sat, 23 Apr 2022 10:20:17 UTC All use subject to https://about.jstor.org/terms 32 Andrij Portnov, Tetjana Portnova Zweiten Weltkrieges unmöglich höher als einige Zehntausend sein.9 ranengruppe sind die „Kriegsteilnehmer" (über 2,5 Millionen Mensc nen, die 1941-1945 im Hinterland tätig waren. Zu dieser Gruppe geh nen, die in diesem Zeitraum in Gefängnissen oder Lagern Strafen v und Personen, die nach dem 9. September 1944 aus anderen Ländern umgesiedelt wurden sowie Familienmitglieder der genannten Gruppe Sämtlichen Kriegsveteranen in der Ukraine werden Privilegien garan kostenlos Medikamente, dürfen kostenlos zur Kur und Heilbehandlu ten eine 75-prozentige Ermäßigung auf Miete und Nebenkosten, kehrsmittel kostenlos benutzen, sind von der Einkommensteuer be jährlich eine symbolische materielle Zuwendung, deren Betrag zwis Hryvnja (5 bis 40 Euro) schwankt.11 Von Zeit zu Zeit werden Vorschläge laut, die Gesetzgebung zu d systematisieren und die Zahl der anspruchsberechtigten Personen z gegenwärtig gehören 28 Prozent der ukrainischen Bevölkerung zu ein Gruppe, und für ihre sozialen Bedürfnisse werden 21 Prozent des B duktes aufgewendet.12 Aber aufgrund der Brisanz der Sozialpolitik u teilen Nutzens der Privilegien im Kampf um die Wählergunst hat bis rung konkrete Schritte in dieser Richtung gewagt. Ein besonders d ist das Gesetz „Über die soziale Absicherung der Kriegskinder", am Vorabend der Orangen Revolution unterzeichnete.13 Dieses Gese Bürgern der Ukraine, die zum 1. September 1945 das 18. Lebensjahr endet hatten, den Status „Kriegskind". So konnten 2004 fast acht M von folgenden Privilegien Gebrauch machen: Sie erhalten einen Ren Höhe von zehn Prozent, haben das Recht auf Wohngeld, auf vorran und Arbeitsplatzgarantie bei Stellenabbau, sowie auf vorrangi Grundstücken. Obwohl der Beschluss absurd ist, da ständig die Mitt Vorschriften zu erfüllen, ist das Gesetz weiterhin in Kraft. Das Statusproblem der UPA- Veteranen Der ukrainische nationalistische Untergrund war bis Ende der 1950 erfasste Teile der Gebiete, die 1939 nach dem Stalin-Hitler-Pakt des deutschen und dann des sowjetischen Überfalls auf Polen an gliedert worden waren. Im Verlauf der Kämpfe und der Sowjetisier raine wurden in den Nachkriegsjahren 153 000 Personen umgebrach 9 Zur demographischen Entwicklung in der Ukraine: Ella Libanova: Quali Chancen der demographischen Entwicklung, in: Schichtwechsel. Politisc in der Ukraine, [= Osteuropa, 2^1/2010], S. 413^125. Gesetz „Über den Status der Kriegsveteranen und die Garantien ihres s 22. 10. 1993, <http://zakon.rada.gov.ua/cgi-bin/laws/main.cgi ?nreg=355 1- fOm7xBWMkFUEZiH5JdtPH4qks80msh8Ie6>. 11 Ebd. 12 Viktorija Poda: L'gotnikov stanet men' še, in: Kommentarii, 3.7.2009. Gesetz „Über die soziale Absicherung der Kriegskinder44, <http://zako bin/laws/main.cgi?nreg=2 1 95- 1 5&zahyst=4/UMfPEGznhhkFU.ZiH5Jdt This content downloaded from 192.55.244.3 on Sat, 23 Apr 2022 10:20:17 UTC All use subject to https://about.jstor.org/terms Der Preis des Sieges 33 tiert und mehr als 203 000 Bewohner der Reg deportiert. Die sowjetischen Repressionen erfass kerung der westukrainischen Gebiete.14 Diese T dächtnis der ortsansässigen Bevölkerung fest ei über der Ukrainischen Aufstandsarmee (UPA), w ten, „sich aus dem nationalen Bewusstsein und a aber aus der Unterstützung für unser politisches Ende der 1980er, Anfang der 1990er Jahre wur schen Tätigkeit der UPA zu einem äußerst wich wurden in Ostgalizien und Wolhynien die ersten andere Führer der Organisation Ukrainischer sollten die demonstrative Abkehr von der Sow demonstrieren. Da das Aufstellen von Denkmäle Machtorgane fiel, war es nicht nötig, dazu in K ausgerechnet Stepan Bandera zum Haupthelden a Ergebnis der Sowjetpropaganda. Obwohl er bei w sowjetischen Geheimdienste war und praktisch kriegs im Konzentrationslager Sachsenhausen in von der sowjetischen Propaganda zum Antihelde jetisierung erfolgte durch einen radikalen Wand mente, das vielleicht nicht immer bewusst eing Denkmäler zu errichten, die im Stil den Denkm Partisanen glichen.16 Die regionalen Ehrenbezeugungen für Bandera u dem rechtlichen Status der Veteranen dieser Or staatlichen Anerkennung oder Nichtanerkennung der Punkt 16 der Liste von Personen, die zu den gehören, im Gesetz der Ukraine „Über den Statu tien ihres sozialen Schutzes" vom 22. Oktober 19 diesem Punkt wurde „Kämpfern der Ukraini Kampfhandlungen gegen die faschistischen deut lich besetzten Territorium der Ukraine in den J und keine Verbrechen gegen den Frieden und d der Veteranen status zuerkannt. Voraussetzung die Rehabilitation der Opfer politischer Repress worden waren.18 Das Gesetz verleiht denjenigen 14 Grzegorz Motyka: Ukraińska partyzantka 1942- auch: Der Hitler-Stalin-Pakt. Der Krieg und die [= Osteuropa, 7-8/2009], hier v.a.: Grzegorz Hryciu und Ukrainer im September 1939, S. 173-186. Motyka, Ukraińska partyzantka [Fn. 14], S. 185. Andnj Portnov: Pluralitat der Erinnerung. Denkmaler Geschichtspolitik und Gegenerinnerung. Berlin 2008 ' Zum historischen Hintergrund: Wilfried Jilge: Na Umwertung des Zweiten Weltkriegs in der Ukraine, <http://zakon.rada.gov.ua/cgi-bin/laws/main.cgi ?nr MkFUEZiH5JdtPH4qks80msh8Ie6>. This content downloaded from 192.55.244.3 on Sat, 23 Apr 2022 10:20:17 UTC All use subject to https://about.jstor.org/terms 34 Andri j Port nov, Tet j ana Portnova die gegen die „faschistischen deutschen Eroberer" kämpften, trifft aber sagen über die antisowjetischen Aktionen der Partisanen, insbesondere n Die erste parlamentarische Kommission zur Untersuchung der Tätigkeit listischen Untergrundes wurde bereits 1991 einberufen, aber der von de Viktor Kovalev vorgelegte, übertrieben glorifizierende und vollkommen Bericht über die Geschichte der UPA fand unter der kommunistischen Mehrheit keine Zustimmung.19 Es war dieselbe Mehrheit, welche die grundlegenden Beschlüsse zur Unabhängigkeit der Ukraine verabschiedet hatte. Unter Präsident Leonid Kučma, der nicht nur außenpolitisch, sondern auch geschichtspolitisch „Multivektorenorientie- rung" vertrat, wurde eine Regierungskommission gegründet, welche die Tätigkeit der UPA juristisch bewerten sollte. Zur Kommission gehörte eine Arbeitsgruppe von Historikern unter Stanislav Kul'cyc'kyj. Ihr Abschlussbericht erkannte den autoritär- nationalistischen Charakter der Ideologie der Organisation der Ukrainischen Nationalisten (OUN) prinzipiell an, rief aber gleichzeitig zur Wiederherstellung der historischen Gerechtigkeit auf: Die UPA-Kämpfer sollten offiziell als Kriegsveteranen anerkannt werden.20 Im Juli 2004, ein halbes Jahr vor den Präsidentschaftswahlen, brachte der frühere Ministerpräsident Anatolij Kinach im Parlament den Antrag ein, den UPA-Kämpfern den Veteranen status zu verleihen. Dieser Antrag fand keine Zustimmung unter den Abgeordneten, was offensichtlich davon zeugte, dass weder Präsident Kučma noch die ihm loyalen Abgeordneten an einem solchen Beschluss interessiert waren. Der nächste Präsident, Viktor Juščenko, der nach der Orangen Revolution auf dem Majdan , auf dem übrigens auch die rot-schwarzen Fahnen der UPA wehten, an die Macht gekommen war, versuchte, den Feierlichkeiten zum Tag des Sieges am 9. Mai eine andere Stoßrichtung zu verleihen. Er rief die Veteranen zur gegenseitigen Versöh- nung auf und bot eine neue Interpretation des Krieges an. Die Ukrainer hätten zwar auf verschiedenen Seiten der Front gekämpft - aber für dasselbe Ziel: die „unabhängige Ukraine". Vielleicht war dieses strategische Ziel der Grund, warum Juščenko zu Beginn seiner Amtszeit nicht darauf bestanden hatte, den UPA-Kämpfern den juristischen Sta- tus von Kriegsveteranen zuzuerkennen. Wenige Jahre später, als er Vertrauen verloren hatte, fand er für dieses Projekt im Parlament bereits keine Mehrheit mehr. Nach der ersten Runde der Präsidentschaftswahlen 2010, bei der Juščenko nur noch 5,45 Prozent der Stimmen erzielte, verlieh er plötzlich Stepan Bandera den Orden „Held der Ukraine". Dieses Ereignis löste einen Sturm negativer Reaktionen im Aus- land aus, vor allem in Polen, Russland und Israel. Das Europaparlament hat den neuen Präsidenten Viktor Janukovič gebeten, diese Entscheidung zu überprüfen. Interessant ist, dass Juščenkos Erlass vom 12. Oktober 2007 über die posthume Verleihung des Titels „Held der Ukraine" an den Oberkommandierenden der UPA Roman Šuchevyč, der 1950 in einem Schusswechsel mit sowjetischen Soldaten ums Leben gekommen war, weniger Aufsehen erregte. 19 Wilfried Jilge: The Politics of History and the Second World War in Post-Communist Ukraine (1986/1991-2004/2005), in: Jahrbücher für Geschichte Osteuropas, 1/2006. S. 56-57. Promiznyj zvit robocoji hrupy dlja pidhotovky ístorycnoho vysnovku pro dijal nist OUN- UPA (poperednij variant). Kyïv 2000. OUN i UPA. Fachovyj vysnovok robočoji hrupy istorykiv pry urjadovyj komiciji z vyvčennja dija'nosti OUN i UPA. Kyïv 2005. Zur Bewertung: Jilge, The Politics of History [Fn. 19], S. 73-74. This content downloaded from 192.55.244.3 on Sat, 23 Apr 2022 10:20:17 UTC All use subject to https://about.jstor.org/terms Der Preis des Sieges 35 -sí 2 •S 2 'ES CO ^ 7 O & v g 3 a: g * ■& ¿ <*> <ą o- <ą ÌT è 1. «--S S- o 5< Ï .Sí <X. ^ Sí •5 -5 5I ^ 4-4 2 -Sí 4-4 <L> -£} -S¿ <L> £ Sí 3 -2 ć> CM -Sí OS o * ^ o S ^ Sí ^ Š 'S ^i 11 s .1 Ö ^ 2 ^ 2 This content downloaded from 192.55.244.3 on Sat, 23 Apr 2022 10:20:17 UTC All use subject to https://about.jstor.org/terms 36 Andrij Portnov, Tetjana Portnova Diese Präsidentenbeschlüsse beenden nicht den juristischen und sy darüber, welche Stellung die nationalistischen Untergrundkämpfe Geschichtsbild des Zweiten Weltkrieges haben sollen. Auch der in seiner Amtszeit von Juščenko unterzeichnete Erlass vom 28. Januar 2010 über die „Ehrung der Kämpfer für die ukrainische Unabhängigkeit im 20. Jahrhundert" ändert daran nichts. Faktisch ist der Erlass eine Aufforderung an die Regierung, einen Ge- setzentwurf „Über den rechtlichen Status der Teilnehmer im Kampf um die Unabhän- gigkeit der Ukraine im 20. Jahrhundert" vorzulegen.21 Die Frage, warum Juščenko diese Forderung erst am Ende seiner Amtszeit erhob, ist rein rhetorischer Natur. Während über den rechtlichen Status und die Vergabe von Privilegien die Verchovna Rada als Legislative entscheidet, fällt die Umsetzung des Gesetzes von 1993 und die Zuerkennung materieller Hilfen für einzelne Bevölkerungsgruppen in die Kompetenz der örtlichen Machtorgane. Die Vergabe von Privilegien und Sozialleistungen für frühe- re UPA-Kämpfer hängt also wesentlich von einzelnen kommunalen Amtsträgern ab. In L'viv erhalten die etwa 590 UPA- Veteranen monatlich zusätzlich zu ihrer Rente 500 Hryvnja (ca. 45 Euro) aus dem städtischen Haushalt und sind von der Zahlung der kommunalen Nebenkosten befreit. In den Dörfern im Raum L'viv, in denen die mate- riellen Möglichkeiten der Lokalbehörden bescheidener sind, betragen die Rentenzuzah- lungen zwischen 50 und 200 Hryvnja.22 Im August 2005 erkannte der Rat des Gebietes Wolhynien die UPA als Kampfpartei im Zweiten Weltkrieg und ihre Veteranen als „Kämpfer für die Freiheit und Unabhängigkeit der Ukraine auf dem Territorium Wol- hyniens" an. Damit sind entsprechende Privilegien verbunden, die denen der Veteranen des Zweiten Weltkrieges ähneln, allerdings aus dem regionalen Haushalt bestritten werden.23 Am 17. Juni 2009 sprach der Rat des Gebietes Ternopil' die Empfehlung aus, den UPA- Veteranen aus dem Gebietsbudget Rentenaufschläge von 100 Prozent zu gewähren.24 Die Höhe der Unterstützung variiert je nach Gebiet und materiellen Mög- lichkeiten der lokalen Behörden. Ex-UP A-Kämpfer beklagen sich mitunter, dass sie und ehemalige politische Gefangene in der Ukraine weiterhin wesentlich niedrigere Renten beziehen als ehemalige Mitarbeiter des KGB oder sowjetischer Straforgane. Die Veteranenorganisationen und ihre Rolle in der ukrainischen Politik Die Organisation der Veteranen der Ukraine , an deren Spitze bis zu seinem Tod 2008 der General der Sowjetarmee und Abgeordnete der Kommunistischen Partei der Uk- raine (KPU) in der Verchovna Rada Ivan Herasymov stand, ist nach wie vor eine Bastion der sowjetischen Sichtweise auf die Kriegsgeschichte. Sie tritt als ein Sprach- rohr der KPU auf. Im Oktober 1996 wurde in Kiew die alternative Allukrainische Vereinigung der Veteranen des Zweiten Weltkrieges gegründet, die den Willen äußer- te, „sich von den proimperialen Aktionen und Absichten zur Wiederbegründung der 21 Ukaz prezydenta Ukrainy "Pro vnašuvannja učasnykiv boroťby za nelaležnisť Ukrainy u XX stolitti, <http://zakon.nau.ua/doc/?code=75/2010>. Bojcov OUN-UPA prikazali ljubiť, <www.segodnya.ua/news/141 1 1446.html>. Na Volyni veterány UPA budut polučať l'goty naravne s veteranami VOV, < w w w . otechest vo. org. ua/mai n/2005 8/1613. htm>. Na Ternopil' ščyni veteranam OUN-UPA vdviči zbil' šať pensil, <www.zaxid.net/newsua/ 2009/6/1 7/ 185650/>. This content downloaded from 192.55.244.3 on Sat, 23 Apr 2022 10:20:17 UTC All use subject to https://about.jstor.org/terms Der Preis des Sieges 37 Sowjetunion der von Genossen Herasymov geleit tanzieren" und „die Kräfte aller Veteranen zu ver ne und ihre Unabhängigkeit anerkennen und un rung der ukrainischen Gesellschaft dienen".25 übernahm der Rotarmist und berühmte theoreti mit seinen patriotischen Äußerungen als Abgeord später, 2006, übernahm er die Leitung des Ukrain rung. Die Allukrainische Vereinigung der Veteran ihre staatsfreundliche Position und unterstützte den Kriegs Veteranen. Obwohl die Allukrainisch die Mitgliederzahl und den Einfluss der Orga vergrößert sie in der politischen Arena den Mei Der Charakter der Beziehungen zwischen den gesagt der Nicht-Beziehungen lassen sich an der kos, Stepán Bandera den Titel „Held der Ukra Schreiben der Organisation der Veteranen , abg ganda, heißt es, dass es gegenwärtig wohl kein anderes Land gibt, i schismus hofiert und die entscheidende Ro sondere des ukrainischen Volkes beim Si Schmutz gezogen wird, und das auch noch z In der Stellungnahme der Allukrainischen Verei unversöhnlichen propagandistischen Geist atme renzorganisation vertrete ausschließlich Kollaborateure, treu totalitären Kommunistischen Partei der ebenjene „Leninisten" und „Stalinisten", die Holodomor und der Massenmorde mit Gräb Doch der Einfluss der Veteranenorganisationen ne ist ziemlich begrenzt. Das unterscheidet die U eine grundlegende Überarbeitung der Geschicht Verfolgung von Zeitschriften, Internetseiten un nicht genehm sind, mit „Interventionen von Ve rere Millionen umfassende Gruppe der „Veteran hend amorph und passiv. Als einziges nennensw Drucks lässt sich die Rückkehr zum Begriff G Geschichtslehrbüchern nennen. Parlamentarisch wurde dieses Thema Mitte der 25 Vladyslav Hrynevyč: Gespaltene Erinnerung: Der zweite Weltkrieg im historischen wusstsein der Ukraine, in: Kluften der Erinnerung [Fn. 2], S. 88-102, hier S. 99. <www.comintormua.com/cgi-bin/show.pl /iang=ru&action=showstat&sndir=2UU9_l l<x razd= 1 0&stat=4 1 2>. <http://maidan.org.ua/static/news/2010/126708948 1 .html>. This content downloaded from 192.55.244.3 on Sat, 23 Apr 2022 10:20:17 UTC All use subject to https://about.jstor.org/terms 38 Andrij Portnov , Tetjana Portnova 1990er Jahre diskutiert. Aber die Wiedereinführung des Terminus h auf das Interpretationsschema in den Lehrbüchern, die konsequent genz sowjetischer und nationalistischer Kriegsnarrative ausgeri lediglich zu grotesken terminologischen Satzmonstern wie „Der na tergrund in den Jahren des Großen Vaterländischen Krieges 44 gefüh So wenig es eine einheitliche Organisation der sowjetischen Veteran gibt es eine einheitliche Vereinigung der UPA- Veteranen. Mehr noc Krieg Organisationen, die aus einer der beiden OUN-Fraktionen her und sich bis heute feindlich gegenüberstehen. Bei den Strömungen h die Bandera-Fraktion, die immer als revolutionärer und radika Mel'nyk-Fraktion, der nachgesagt wurde, gemäßigter und komp sein. Dazu kommt, dass die Anzahl der UPA-Veteranen einige Zehn nicht überschreitet, die aber in den Augen eines Teils der ukrainis über beträchtliche Anerkennung verfügen. Vor der Präsidentschaftswahl 2010 rief die Vseukrains je bratst samtukrainische Bruderschaft OUN-UPA) in einem Schreiben das u und alle „patriotischen44 Präsidentschaftskandidaten dazu auf, gem datur von Viktor Juščenko zu unterstützen, da er nach ihrer Meinu der Lage sei, Medvedev und Putin Widerstand zu leisten und die Un Ukraine zu garantieren44.28 Der Aufruf enthielt eine scharfe Kritik dem in seiner Rhetorik radikalsten Präsidentschaftskandidaten, der Wahlkampfes stark auf den Kampf der UPA berief und gleichzeiti fremdenfeindlichen Schlagworte ultrarechter europäischer Politik nutzen. Die Verfasser des Aufrufs warfen Tjahnybok vor, zum Scha nicht auf die eigenen Ambitionen verzichten zu wollen. Gleichzeitig nyboks Stab einen anderen „Aufruf der UPA-Veteranen an die Ukr aufforderte, ausschließlich für Tjahnybok zu stimmen, da er als ein UPA „echte Ehrenbezeugungen44 entgegenbrachte.29 Tjahnybok er dentschaftswahlen 1,43 Prozent der Stimmen. Andere Kategorien von Kriegsopfern In einem Lied von Bulat Okudžava, das er 1970 für den Film B (Weißrussischer Bahnhof) schrieb, ist eine der wichtigsten Idee Kriegsbildes genial erfasst: „Wir brauchen also einen Sieg/einen fü werden wir schon zahlen.44 Die Formel „den Preis werden wir scho erstaunlich deutlich, welcher Platz den Opfern im Bild des Krie Preis des Sieges, die Haltung der sowjetischen Armeeführung zum chen Soldaten, diese Themen waren während der Sowjetzeit nic Opfer unter der Zivilbevölkerung spielten vor allem dann eine Rol 28 Zvernennja Vseukrains' koho Bratstva OUN-UPA in: Ukraïns'ke slovo, <w index. php?option=com_content&view=article&id=495 :2009- 12-21-1 4-32-5 05-27- 1 6-22-08&Itemid=36>. Veterány OUN-UPA ta represovani zaklykaly pidtrymati Oleha Tjahnyboka, <www.svoboda.org.Ua/diyalnist/novyny/0 1 3420/>. This content downloaded from 192.55.244.3 on Sat, 23 Apr 2022 10:20:17 UTC All use subject to https://about.jstor.org/terms Der Preis des Sieges 39 samkeit des deutschen Okkupationsregimes vera mit der bereits erwähnten Einschränkung, dass sche Erinnerung der Juden und Roma an die na war. Und auch die Repressionen gegen die Bewo der Wiedererrichtung der Sowjetmacht, die Hal Kriegsgefangenen sowie die Massendeportatione Von 1939 bis 1945 wurden mehr als sechs Millio deutsches Territorium verschleppt, von denen 2 und 1 662 000 polnische Staatsangehörige waren eine spezielle Stiftung gegründet, um ehemalige zu zahlen. Zwischen Juli 2001 und Dezember 2006 erhielten etwa 471 000 ukraini- sche Staatsbürger finanzielle Entschädigungen von der Stiftung „Erinnerung, Verant wortung und Zukunft". Frühere Insassen von Konzentrationslagern und Ghettos be kamen je 7670 Euro, Insassen von Lagern und Gefängnissen erhielten zwischen 2500 und 6000 Euro, Zwangsarbeiter in der Industrie bekamen bis zu 2200 Euro und Zwangsarbeiter in der Landwirtschaft je etwa 750 Euro.30 Für die meisten Empfänger war diese Entschädigung eine wichtige Unterstützung in der Wirtschaftskrise in de Ukraine. Ab und zu gab es Proteste gegen die Einteilung in Opferkategorien oder di unterschiedliche Höhe der Zahlungen für frühere Staatsangehörige der UdSSR und Angehörige anderer Staaten. Die Höhe der Zahlungen variierte, da die finanziel Ausstattung der mit den Auszahlungen in den einzelnen Ländern beauftragten Part nerorganisationen auf Schätzungen der Anzahl von Leistungsberechtigten pro Land beruhte. Außerdem hatten die Partnerorgan i sationen eine gewisse Gestaltungsfreihei um zusätzliche Opfergruppen zu berücksichtigen.31 Es gab auch Versuche, die vom Gesetz über die Stiftung „Erinnerung, Verantwortu und Zukunft" vorgesehenen Zahlungen auf die sowjetischen Kriegsgefangenen a spezifische Opfergruppe des Nationalsozialismus auszuweiten. Da die Sowjetunio das Genfer Abkommen über die Behandlung der Kriegsgefangenen von 1929 nicht unterzeichnet hatte und der Nationalsozialismus mit seiner rassistischen Ideologie d Slawen als „niedere Rasse" behandelte, war das Schicksal der drei Millionen sowjeti- schen Kriegsgefangenen wirklich furchtbar. Fast 1,5 Millionen starben an Hunger oder unmenschlicher Behandlung in deutschen Konzentrationslagern, die Überleben den kamen nach Kriegsende in sowjetische Lager. Nach Schätzungen leben heu noch etwa 45-48 000. Das Verfahren zur Revision der Gesetzespassage: „Kriegsg fangenschaft begründet keine Leistungsberechtigung", endete mit einer Niederlage der Kläger.32 Bezeichnend ist, dass nicht eine Organisation von Kriegsgefangenen a Kläger auftrat, sondern eine Gruppe von deutschen und russischen Historikern und Juristen. Die sowjetischen Kriegsgefangenen sind demnach faktisch die wohl a 30 Michael Jansen Günter Saathoff (Hg.): Gemeinsame Verantwortung und moralische Pflich Abschlussbericht zu den Auszahlungsprogrammen der Stiftung „Erinnerung, Verantwortung und Zukunft". Göttingen 2007, S. 96-111. - Vyplaty ostarbaj teram: čas probyl? In Stoličnye novosti, 15.-21.5.2001, <http://cn.com.ua/N166/authors/country/country.html>. Ob edmenie ostarbaj terov trebuj ut peresmotret us lovij a vyplaty kompensacij, 5.1. 2UUz, <http://mynews-in.net/news/society/2002/01/05/46969.html>. Problema vyplaty kompenzacij sovetskim voennoplennym, <www.dw-world.de/dw/articl 0„865205,00.html>. This content downloaded from 192.55.244.3 on Sat, 23 Apr 2022 10:20:17 UTC All use subject to https://about.jstor.org/terms 40 Andri j Portnov, Tetjana Portnova stärksten benachteiligte und am wenigsten anerkannte Gruppe aller nalsozialismus.33 Während die ehemaligen Ostarbeiter Hilfe aus Deutschland und Österreich erhielten - Österreich gab 2006 25 Millionen Euro für Studienaufenthalte von Nachfahren von nach Österreich verschleppten Zwangsarbeitern aus - und die Holocaust-Opfer re- gelmäßige finanzielle Unterstützung aus den USA, Deutschland und Israel erhalten, ist die Entschädigung der Krimtataren als Opfer der sowjetischen Deportationen noch nicht einmal thematisiert worden. In der Ukraine gibt es immer noch kein Gesetz „Über die Wiederherstellung der Rechte von Personen, die auf Grund ihrer Nationali- tät deportiert wurden". Das führt auf der Krim zu Auseinandersetzungen über Grund- stücksfragen, politische und kulturelle Angelegenheiten. Die Situation verschärft sich durch die zunehmende Entfremdung und das Misstrauen zwischen den wichtigsten Bevölkerungsgruppen der Halbinsel: der russischsprachigen Mehrheit, die nach sozio- logischen Umfragen Russen und Ukrainer umfasst, und der Minderheit der Krimtata- ren, die erst Ende der 1980er Jahre die Erlaubnis erhielt, aus ihren Deportation Sorten, vor allem aus Usbekistan, auf die Krim zurückzukehren.34 Die Situation der Opfer des „Bevölkerungsaustausch s" zwischen der Sowjetunion und Polen nach Kriegsende ist insbesondere dadurch gekennzeichnet, dass diese Personen nach dem Zerfall der Sow- jetunion nicht in ihre ursprünglichen Siedlungsgebiete zurückgekehrt sind. Fazit Der Zweite Weltkrieg ist nach wie vor ein zentrales Ereignis für die historische Identität der ukrainischen Gesellschaft. Der Zusammenbruch der Sowjetunion bedeutet auch den Zusammenbruch des monolithischen offiziellen Kriegsbildes. Alternative Geschichtsbilder entstehen noch immer. In der Ukraine gibt es mehrere Gruppen von Veteranen und Kriegsopfern, die sich in ihrer Anzahl, ihrer politischen Aktivität, in ihrem symbolischen Kapital und dem Umfang der staatlichen Privilegien unterscheiden. Die meisten Veteranen - sowohl die Sowjetveteranen als auch die UPA-Veteranen - wenden sich gegen eine opferzentrierte Kriegsinterpretation. Sie sehen sich als Hel- den und Sieger, nicht aber in der Rolle von Opfern eines Kampfes politischer Syste- me. Gleichzeitig fühlen sich beide Gruppen moralisch und materiell als Verlierer. Die heutige Ukraine ist weit entfernt von dem Bild jenes Staates, für den die Rotarmisten und die UPA-Kämpfer ihr Blut vergossen haben. Jede Gruppe glaubt von sich, dass sie benachteiligt wird, während die andere Gruppe größere Privilegien und staatliche Aufmerksamkeit genießt. Demonstrativ lehnen sie die Angebote der anderen Seite zum Dialog ab. Natürlich gibt es Ausnahmen, aber diese bestätigen nur die Regel. Die Organisationen der sowjetischen Veteranen und die Bruderschaft der UPA-Kämpfer 33 Pavel Poljan: Žertvy dvuch diktatur. Sovetskie voennoplennye v Tret' em rej che i ich repatriācija. Moskva 1996. Zur Lage auf der Krim und der Stimmung in der Bevölkerung: Avtonomna Respublika Krym: Ljudy, problemy, perspektyvy, in: Nacional' na bezpeka i oborona, 10/2008, <www.razumkov.org.ua/ukr/journal.php?y=2008&cat=142>. - Gwendolyn Sasse: Stabilität durch Heterogenität. Regionale Vielfalt als Stärke der Ukraine in: Schichtwechsel. Politische Metamorphosen in der Ukraine [= Osteuropa, 2-4/2010], S. 105-121. This content downloaded from 192.55.244.3 on Sat, 23 Apr 2022 10:20:17 UTC All use subject to https://about.jstor.org/terms Der Preis des Sieges 4 1 sind der propagandistischen Rhetorik der Kriegsz sie sich sehr. Aufgrund ihrer archaischen Rhetorik und ihrer Zersplitterung spielen die Veteranen- organisationen keine wahrnehmbare Rolle in der ukrainischen Politik. Versuche, „Aufrufe der Veteranen" oder „Forderungen der Veteranen" für politische Zwecke in der Ukraine zu instrumentalisieren, sind seltener und spielen eine wesentlich geringe- re Rolle als in Russland und Belarus, wo die vom Staat kontrollierten, stärker mono- lithischen Veteranenorganisationen eine wichtige Funktion zur Legitimitätsstiftung des politischen Regimes besitzen. Die Veteranen vermeiden es, sich als Opfer darzustellen; wenn, dann nur im Zusam- menhang mit der gegenwärtigen schwachen sozialen Absicherung. Daraus erwächst nicht selten eine undifferenzierte Ablehnung gegenüber ehemaligen Zwangsarbeitern nach dem Motto „Wir haben das Land verteidigt und bekommen nur Kopeken, sie haben für den Feind gearbeitet und schwimmen im Geld". Die früheren Ostarbeiter, die Holocaust-Opfer und die sowjetischen Kriegsgefangenen sind im öffentlichen Raum der Ukraine nahezu nicht mehr präsent. Die national gefärbte Erinnerung der Juden sowie der Krimtataren an die Kriegszeit bildet die Grundlage ihrer jeweiligen Gruppenidentität, aber die Integration dieser Erinnerung in das ukrainische Narrativ des Zweiten Weltkrieges gestaltet sich weiterhin schwierig. Das ukrainische Narrativ ist im Entstehen und voller Widersprüche. Aber seit der Unabhängigkeit lassen sich einige Konstanten erkennen. Eine ist die Viktimisierung: In der offiziellen Selbstdarstellung überwiegt das Bild von der Ukraine als Opfer zweier totalitärer Regimes. Das Bild von der Ukraine als Siegerstaat treten demge- genüber zurück. Die ukrainischen Geschichtslehrbücher stellen bewusst die Verbre- chen und Fehler der sowjetischen Partei- und Heeresfuhrung den Leiden und An- strengungen der einfachen Menschen gegenüber. Die besonders vom historischen Standpunkt aus problematische These von „der Einheit des ukrainischen Volkes im Krieg" zielt darauf, die Herausbildung einer politischen Nation in der Ukraine zu befördern. Diese widersprüchlichen Entwicklungen in einem Staat, in dem das Sche- ma „eine Sprache - eine Religion - eine Nation" nicht greift, ist eines der interessan- testen politischen und kulturellen Phänomene im modernen Europa. Aus dem Ukrainischen von Claudia Dat he, Jena This content downloaded from 192.55.244.3 on Sat, 23 Apr 2022 10:20:17 UTC All use subject to https://about.jstor.org/terms