Anhang: Interview mit Harrison White Wir ergänzen unsere Einführung und Interpretation von Whites Perspektive um eine direkte Auseinandersetzung. Im März 2011 (kurz nach seinem 81. Geburtstag und vor seiner offiziellen Emeritierung) führten wir ein mehrstündiges Interview PLWLKPLQ]ZHL7HLOHQLP'HSDUWPHQWRI6RFLRORJ\GHUUniversity of Arizona und in seinem Haus in Tucson. Im Folgenden präsentieren wir Auszüge aus dem mehr- stündigen Interview in übersetzter und leicht umsortierter Fassung. Frage$OV6LHDQGLH+DUYDUG8QLYHUVLW\NDPHQGRPLQLHUWHQGRUW7DOFRWW Parsons und der Strukturfunktionalismus. Lässt sich Ihre Theorieentwicklung als eine Antwort auf Parsons lesen? White: Parsons erschien mir nie sehr wissenschaftlich. Das hängt wahrscheinlich PLWPHLQHU$XVELOGXQJLQ3K\VLNDP0,7]XVDPPHQ,FKZDUPHKUEHU]HXJW von Karl Deutsch, der mehr empirisch („data-driven“) orientiert war. Frage 'HXWVFK ZDU MHGRFK NHLQ 1HW]ZHUNDQDO\WLNHU:HVKDOE LQWHUHVVLHUWHQ 6LH sich gerade für Netzwerke als soziales Phänomen? White: Ich komme ja aus dem elektrischen Ingenieurwesen und dann später aus dem Operations Research, und da spielen Stochastik und Netzwerke eine Rolle. $EHULFKZDUNHLQ1HW]ZHUNDQDO\WLNHUPLFKLQWHUHVVLHUWHPHKUGLH)UDJHZLH sich soziale Phänomene erklären lassen. Ich wollte bei Null anfangen und nicht bei Parsons oder Homans. Homans hätte sicher mehr genutzt. Damals waren ja weniger Netzwerke son- dern Kleingruppen im Fokus der Forschung. Meine ersten Forschungen über Verwandtschaft waren sowohl linguistisch als auch auf Netzwerke hin orien- tiert. Ich war immer problemorientiert und nicht speziell auf Netzwerke hin orientiert in meinen Arbeiten innerhalb der Organisationsforschung. Aus meiner 6LFKWHUJDE]XP%HLVSLHOGLH$QDO\VHGHU1HW]ZHUNHNOHLQHU*UXSSHQEHLGHQ Impressionisten, dass nicht Netzwerke und nicht kleine Gruppen entscheidend © Springer Fachmedien Wiesbaden 2015 177 M. Schmitt, J. Fuhse, Zur Aktualität von Harrison White, Aktuelle und klassische Sozial- und Kulturwissenschaftler|innen, DOI 10.1007/978-3-531-18673-3 178 Anhang: Interview mit Harrison White ZDUHQVRQGHUQÄLQVWLWXWLRQDOV\VWHPV³)UPLFKZDULPPHUGDV6XFKHQLQWHU- essanter Probleme die Hauptaufgabe der Soziologie. Daher auch mein Interesse an Luhmann, der immer auf der Suche nach Problemen ist. Frage: Noch einmal zum Kontrast zu Parsons: Würden Sie sagen, dass Sie sich eher für empirisch beobachtbare Strukturen auf der sozialen Meso-Ebene inter- essieren, als für theoretisch abgeleitete soziale Strukturen auf der Makro-Ebene der Gesellschaft? White: Ja. Hier ist Luhmann Parsons viel ähnlicher als ich. Frage: Während Parsons sich vor allem für das Phänomen sozialer Ordnung in- teressierte, kommen in ihrer Theorie sehr viel stärker sozialer Wandel und Ab- weichung zu ihrem Recht. Würden Sie da zustimmen, soziale Ordnung versus Unordnung? White: Das entsprach nicht etwa nur meinen theoretischen Vorlieben. Aus mei- ner Sicht musste man dort beginnen, denn das soziale Leben ist einfach unor- dentlich („Life is a mess.“). Diese klare soziale Ordnung der Gesellschaft gibt es nicht. Deswegen interessiere ich mich besonders für Organisation auf der Meso-Ebene – für mich die einzig wahre Ebene der Soziologie. Wie beobachtet man hier Kerne von Ordnung und trägt gleichzeitig der allgemeinen Unordnung Rechnung? Frage: Was halten Sie von James Colemans Mikrofundierung soziologischer Er- klärungen, also der Auffassung, dass sich jedes soziale Phänomen auf die Hand- lungsselektionen der beteiligten Individuen zurückführen lassen muss? White: Coleman war absolut brillant, aber er verschwendete ein Menge Zeit mit ideologischen Fragen, wie der Fundierung der soziologischen Theorie im „ra- tional-choice-model“. Seine Foundations [of Social Action]1 habe ich gar nicht richtig gelesen – ich konnte einfach den Punkt nicht sehen, warum man darum so viel Aufhebens machen müsste. Vielleicht hätte er sich aus dieser Sackgasse befreien können, aber er starb ja sehr früh an Krebs. Coleman hat schon wich- tige Dinge geleistet, etwa für die stochastische Modellierung in den Sozialwis- senschaften. Er war ja auch ein mathematischer Soziologie, so wie ich. Obwohl, eigentlich möchte ich mich nicht so bezeichnen. Frage: Kommen wir zu Ihren frühen Arbeiten zu Blockmodellen und struktureller Äquivalenz, mit denen aus den relationalen Daten induktiv soziale Strukturen abgeleitet werden. Kann man mit Blockmodellen soziale Phänomene auch er- klären oder nur Strukturmuster beschreiben? White0DQNDQQVLFKHUDXFK+\SRWKHVHQWHVWHQZHQQGLH6WUXNWXUHQNODUJHQXJ vorliegen. Man muss experimentieren und explorieren und dann Glück haben. 1 Eckige Klammern markieren hinzugefügte Erläuterungen des Bezugs von Äußerungen. Anhang: Interview mit Harrison White 179 Viele Leute interessieren sich nur für die technischen Feinheiten, machen Re- JUHVVLRQVDQDO\VHQXQGDQGHUHPDWKHPDWLVFKDQVSUXFKVYROOH'LQJHXQGYHUOLH- ren dabei das wichtige aus den Augen: die interessanten sozialen Phänomene. Diese sollten als Problem im Zentrum stehen. Es gab gute Gründe für mich, Verwandtschaftsverhältnisse bei den Aborigines zu studieren, denn es gab viel gute Feldforschung und die Aussicht klare Struk- turen beobachten zu können. Aber man kann sich nie sicher sein, in einem Ge- biet so klare Strukturen zu bekommen. In der Kunst ist es mir zum Beispiel nicht gelungen, obwohl die Aussichten eigentlich gut waren. So kann man die Erklärungskraft von Blockmodellen schlecht vorhersagen. Aber dafür fand ich KLHUGLH$QKDOWVSXQNWHIUGLH)UXFKWEDUNHLWLQVWLWXWLRQHOOHU$QDO\VHQ Frage: Strukturelle Äquivalenz und Blockmodelle zielen auf die Beschreibung der Struktur von Gesamtnetzwerken und damit auf die Erklärung des Verhaltens sozialer Strukturen und nicht des Verhaltens einzelner Individuen innerhalb der Netzwerke. White: Der zweite Teil des Satzes ist wahr. Man kann damit nicht das Verhalten einzelner erklären. Am ersten Teil ist jedoch der Eindruck falsch, man könnte Netzwerke in ihrer Gesamtheit klar abgrenzen. Das ist praktisch fast nie mög- lich. Das Wesentliche an Netzwerken ist, dass sie immer weitergehen, sich mehr und mehr ausbreiten, sich nicht begrenzen lassen. Frage: Die Grundidee hinter struktureller Äquivalenz besagt, dass Netzwerke durch Rollenkategorien strukturiert sind. Kommen diese Kategorien nur aus den Netzwerken selbst oder können sie auch von außen vorgegeben sein (wie z. B. Geschlecht oder Ethnie)? White: Es kann in beide Richtungen gehen. Man muss strukturelle Äquivalenz nut- zen, wenn man über soziale Rolle sprechen will. Das ganze Konzept macht ohne strukturelle Äquivalenz keinen Sinn. Man muss sich aber nicht für eine Seite entscheiden. Man muss offen bleiben für neue Ideen aus neuen Richtun- gen und nicht in die Falle tappen, sich auf eine festlegen zu müssen. Man kann Soziologie nicht innerhalb eines netten abgeschlossenen sauberen Rahmens be- treiben, denn das entspricht eben nicht der Unordnung der sozialen Welt. Frage 6WHSKHQ %ULQW KDW DUJXPHQWLHUW GDVV GLH %ORFNPRGHOO$QDO\VH LPPHU schon einen Fokus auf die Sinnebene, die Ebene der sozialen Bedeutungen wirft. Glauben Sie, dass Identity and Control eine konsequente Weiterführung dieser frühen Ideen darstellt oder markiert es doch einen schärferen Bruch mit diesen früheren Überlegungen? White: Es ist immer noch ein unabgeschlossenes Programm. Aber sicher ist es eine Weiterführung dieser frühen Ideen. Brint liegt sicher richtig mit seiner Ein- schätzung. 180 Anhang: Interview mit Harrison White Frage: Inwiefern ist ihre „kulturelle Wende“, wenn wir sie so nennen wollen, ihre stärkere Hinwendung zur Bedeutungsebene von der Auseinandersetzung mit Pierre Bourdieu beeinflusst? In welcher Weise beziehen Sie sich auf seine Kon- zepte der sozialen Praxis und sozialen Felder? Und welche Rolle spielt Paul DiMaggio, der die Auseinandersetzung mit Bourdieu in den USA eingeführt und stark vorangetrieben hat? White: Das erinnere ich nicht mehr so genau. Ich stieß auf Bourdieu in der Ausei- nandersetzung mit Doktoranden [wie DiMaggio], und er machte einfach richtig gute Soziologie. Man muss ihm gar keine große Theorie zuschreiben, weil er einfach sehr spannende Untersuchungen vorlegt, aus denen man viel mitneh- men kann. Vielleicht gibt es so etwas wie eine kulturelle Wende bei mir. Aber es gibt keinen klaren Bruch. Die Ebene der Bedeutung war immer da, jedoch vielleicht etwas versteckter. Frage: Kommen wir nun direkt auf Identity and Control zu sprechen. Schon der Titel betont Identität und Kontrolle als grundlegende Prinzipien. Inwiefern sind sie grundlegender als andere Konzepte wie Netzwerk, Erzählung, Disziplin, In- stitution, Kontextwechsel, Sinn etc.? White: Das ist vielleicht mehr eine Frage des Geschmacks. Netzwerke haben an sich nicht genug eigenes theoretisches Potential. Was geht in den Netzwerken YRU VLFK" ,GHQWLWlW XQG .RQWUROOH VLQG GLH G\QDPLVFKHQ (OHPHQWH$OOHV DQ- dere sind Nebenprodukte. Identität und Kontrolle erschienen mir sinnvoll als Ausgangspunkte. Sie gehen immer zusammen, obwohl sie nicht dasselbe sind. Identität ist nicht Kontrolle und Kontrolle nicht Identität. Aus diesen beiden kann man alles aufbauen. Man kann sie eventuell sogar für andere Netzwerke (etwa neuronale Netzwerke) benutzen. Frage/DVVHQVLFK)RUPHQGHU.RQWUROOHJHQDXVRW\SLVLHUHQZLHGLHIQI)RUPHQ der Identität? Unterscheiden sich zum Beispiel Kontrollformen danach, ob sie sich auf Positionierung in einem Netzwerk richten oder ob es sich um nachträg- liche Rationalisierungen handelt? Oder sind die fünf Bedeutungen des Identi- tätsbegriffs von den gleichen Kontrollversuchen erzeugt? White: Das ist eine gute Frage. Darauf habe ich keine sofortige Antwort. Jede Fra- ge, auf die man nicht gleich eine Antwort findet, erfordert empirisches Arbeiten. Frage: Entspringen Kontrollprojekte einzelnen Identitäten oder bezieht sich der Kontrollbegriff immer eher auf die Wechselwirkung zwischen den Identitäten, als auf ihre Relationierung? White: Eher auf die Wechselwirkung zwischen Identitäten. Man kann sich sicher Beispiele für den ersten Fall überlegen, aber das sind Ausnahmen. Kontrolle ist immer ein hin und her, und deshalb sind Netzwerke so wichtig. Anhang: Interview mit Harrison White 181 Frage: Sie sprechen von der dritten Form von Identität als einer Spur [„trace“] der Bewegung durch unterschiedliche Netzwerkdomänen. Wie kommt es zu dieser Spur und wie kann man ihr folgen? White: Zum einen durch Kommunikation, Gedächtnis und Handeln. Spur meine ich in einem phänomenologischen Sinne. Es passiert, und man kann es beob- achten. Frage: Wo sehen Sie die größten Unterschiede zwischen der ersten und der zwei- ten Auflage von Identity and Control? White: Das kann ich nicht so genau sagen. Die zweite Auflage wurde mit einer Reihe von Ko-Autoren geschrieben. Die offensichtlichste Umstellung, über die ich immer noch nachdenke und auch verwundert bin, ist: In der ersten Auflage habe ich mit Disziplinen angefangen. In der zweiten Auflage habe ich dann die Netzwerke viel stärker in den Fokus gerückt. Ich kam also zurück auf Netz- werke. Ich war zunächst unglücklich mit der zunehmend rein technischen und mechanistischen Verwendung des Netzwerkbegriffs. Disziplinen erschienen mir daher 1992 als ein besserer Ausgangspunkt, weil in ihnen mehr Bedeutung und Bewegung zu modellieren ist. Aber später konnte man den Netzwerkbegriff stärker gegenüber seiner mechanistischen Interpretation öffnen, und er ist ein- fach sehr viel breiter angelegt als das Disziplinen-Konzept. Der Nachteil von Disziplinen besteht darin, dass sie zwar nicht streng begrenzt sein sollen, aber dennoch als klar abgegrenzt wahrgenommen werden. Der Vor- teil der Disziplinen ist jedoch, dass sich hier so etwas wie Wechsel zwischen Netdoms viel einfacher modellieren lassen als in den unabgeschlossenen Netz- werken. Netdom-Wechsel ist als Begriff einfach zu sagen. Aber es ist eine wahnsinnig komplizierte Sache, das zu modellieren. Und man braucht Leute wie Douglas White, John Padgett oder William Powell, um das mit Computertechnologie zu simulieren, um zu Ergebnissen zu kommen. Und wenn man dann noch Sprache in die Gleichung miteinbezieht, kommt alles zusammen, und es wird sehr, sehr unordentlich. Frage: Wie wichtig waren in der Entwicklung von der ersten zur zweiten Auflage die Arbeiten von Ann Mische und David Gibson? Insbesondere da die beiden nun sehr zentralen Begriff des Stils (Mische) und des Kontextwechsels (Gib- son) sehr eng mit diesen Namen verbunden sind. White: Ich denke beide Begriffe sind bei mir auch schon in den 90er Jahren promi- nent. Aber ich denke, dass gerade der Stilbegriff nun für mich viel wichtiger ge- worden ist, und das hat viel mit den Arbeiten von Ann Mische zu tun. Ihre Arbei- ten machten es möglich, sehr viel genauer zu zeigen, wie sich Netdom-Wechsel zu Stilen verdichten können. Auch David Gibson war sicher sehr wichtig für 182 Anhang: Interview mit Harrison White diese Weiterentwicklung, aber auch die Arbeiten von Sophie Mützel und meine Zusammenarbeit mit Frédéric Godart. Viele sind an den Ideen beteiligt, da sie häufig in Gruppendiskussionen geboren werden. Daher stört es mich immer ein wenig, wenn mir diese Ideen zugeschrieben werden. Das war übrigens auch bei GHQIUKHQ,GHHQZLHGHU%ORFNPRGHOO$QDO\VHVFKRQVR6LHLVWHLQ(UJHEQLV von Identität und Kontrolle in Gruppen. Deswegen kann man die Ideen nicht individuell zuschreiben. Frage: Wir haben nun einige Fragen zum Verhältnis von Kommunikation und Kontextwechseln. Was sind die Prozesse, die diese Kontextwechsel tragen? In neueren Artikeln (mit Godart) werden Interaktionen erwähnt, während es im Artikel zur Auseinandersetzung mit Luhmann und auch schon bei den ersten Artikeln zum Kontextwechsel in den 90er Jahren unmittelbar Kommunikati- onsprozesse sind. Wie lassen sich Kommunikation und Kontextwechsel in Be- ziehung setzen? White: Für mich sind Kontextwechsel und Kommunikation unterschiedliche Seiten derselben Sache. Kommunikation ist selbst ein stetiges Wechseln. Ich denke, dabei bin ich nicht weit entfernt von Luhmann. In Soziale Systeme sagt er ganz ähnliche Dinge, denke ich. Frage: Sind diese Wechsel eine spezielle Form von Kommunikation? White: Für mich ist es eher anders herum. Kommunikation ist eine besondere Form des Kontextwechsels. Wechseln ist das universellere Konzept. Ich spielte mit der Idee, „Nähen“ statt „Wechseln“ zu nehmen [„stitching instead of switching“]. Unerwarteter und unvorhergesehener Wandel. Ein Wandel der Perspektiven und des Kontextes. Identitäten können aus solchen Wechseln entstehen. Frage: Sie definieren dieses Wechseln als das Hin- und Herspringen von Kon- versationen zwischen unterschiedlichen Netzwerkdomänen. Das kann einen Wechsel des Netzwerks bedeuten, wenn zum Beispiel ein Knoten in ein anderes Netzwerk wechselt bzw. eine andere Form von Beziehung ins Spiel gebracht wird. Oder es kann einen Wechsel der Domäne anzeigen, etwa wenn zwischen einem öffentlichen und einem privaten Thema gewechselt wird. Aber beides sind Formen des Wechselns? White: Ja, aber sie sind immer aus diesen zusammengemischt. Es gibt nicht diese puren Netzwerk- oder Domänenwechsel. Beides geschieht zusammen. Frage: Gibt es nicht-sprachliche Vollzüge von Wechseln? Z. B. wenn eine Person den Raum betritt? White: Sicher. Frage: Und wie produzieren diese Wechsel tatsächlich neue Bedeutungen oder neuen Sinn? Anhang: Interview mit Harrison White 183 White: Sie produzieren das nicht, sie sind neue Bedeutung oder neuer Sinn. Wann immer Partner und Gegenstände der Unterhaltung gewechselt werden, kommt dabei etwas Neues heraus. Die Bedeutungen ändern sich. Das ganze darf aber nicht zu sauber gedacht werden. Dabei spielen auch immer Gedanken an andere eine Rolle. Besser ist vielleicht sogar „twitching“ [zupfen, zurechtrücken]. Frage: Wie können wir diese Wechsel empirisch untersuchen? Wie sollen wir vor- gehen, um sie zu erforschen? White: Man kann heute einfach ins Internet gehen und die Leute dabei beobachten, wie sie es tun. Man hat ein praktisch perfektes Luhmannsches Umfeld, in dem man gerade ablaufende Kommunikation in mehr oder weniger geschlossenen Kontexten beobachten kann. Frage: Was ist die Beziehung zwischen den Konzepten des Wechselns und dem .RQ]HSWGHVÄ*HWWLQJ$FWLRQ³>GHP(U]HXJHQYRQ'\QDPLN@" White: Diese Wechsel mögen eine Form des „Getting Action“ sein, in einem sehr kleinen, sehr stark komprimierten Sinn. Aber Getting Action geht sehr viel wei- ter, denn es beinhaltet immer den Bruch mit dem wahrscheinlichen Verlauf der Dinge, dem, wie es eigentlich ablaufen sollte. Wenn ich über Getting Action rede, dann meine ich einen Kontext, in dem versucht wird, Dinge anders zu machen. Einen Kontext, der das ermöglicht. Frage: Wir kommen jetzt zu einem anderen wichtigen Bereich Ihrer Theorie, dem Bereich, in dem es um Erzählungen, Netzwerke und Domänen geht. Sie defi- nieren Domäne ja als die Ebene der Bedeutungen oder Regeln, die in einem Netzwerk oder für eine bestimmte Art von Beziehung gelten. Inwiefern unter- scheidet sich der Begriff der Domäne von dem der Kultur? White: Sie sind sehr ähnlich, aber der Domänenbegriff kommt mit weniger Ballast. Zur Kultur gehören so viele Dinge, die mit dem Begriff gleich mit angespro- chen sind. Eine Kultur beinhaltet einfach so viel mehr, was man zur Beschrei- bung einer Domäne nicht unbedingt braucht. Frage:HQQZLU6LHULFKWLJYHUVWHKHQN|QQHQ(U]lKOXQJHQVRZRKOG\DGLVFKVHLQ – also eine Beziehung zwischen zwei Identitäten im Netzwerk betreffen – als auch sich auf eine Vielzahl von Identitäten beziehen. Was könnte ein Beispiel für eine solche Geschichte sein, die viele Identitäten involviert? Wären Fami- lien oder Institute an einer Universität gute Beispiele? White: Es ist, glaube ich, besser, hier zu kleinen Gruppen zurückzugehen. Die- se sind weniger durchsetzt von anderen sozialen Formen wie etwa Verwandt- schaft. Es ist wichtig, entweder sehr klare oder sehr obskure Bereiche des Sozi- alen auszuwählen, um zu empirischen Ergebnissen zu können. Ansonsten wird man von der alltäglichen Unsauberkeit des sozialen Lebens einfach aufgesaugt. 184 Anhang: Interview mit Harrison White Frage: Wie weit geht die Trennung von Domänen, Institutionen und Kontrollregi- men. Sind das klar unterscheidbare Konzepte oder gibt es nicht eine beträcht- liche Überschneidung? White: Sie überlappen sich sicher. Domänen entscheiden aber nur sehr wenig darü- ber, wie Dinge ablaufen, üben eher wenig Kontrolle aus. Kontrollregime gehen da weiter. Sie sind mehr wie Disziplinen. Wobei Disziplinen interaktive Gebilde sind, bei denen sich die Identitäten beobachten können. Netzwerke sind hier anders, greifen weiter aus und überschreiten Grenzen. Disziplinen sind die Ge- genseite dazu. Ein Kontrollregime kann sehr viele verschiedene Ebenen haben und liegt daher auf einer völlig anderen Skalierungsebene als Disziplinen. Frage: Kommen wir noch einmal zum Stilkonzept. Stile sind Signale für Identi- täten und zum anderen Profile von vollzogenen Wechseln. Wie sind diese zwei Seiten von Stilen zusammenzudenken? White: Sie gehören zusammen. Wenn man einen Stil sieht, gehört beides zusam- PHQ(LQ6WLONRPPWGHPG\QDPLVFKHQ3URILOHLQHU,GHQWLWlWVHKUQDKH Frage: Wenn Identitäten routinemäßig über ihre Stile identifiziert werden, passiert das eher im Rahmen von bewusstem Wissen um relevante Verteilungen oder eher als praktischer sozialer Sinn wie bei Bourdieu? White: Letzteres. Frage: Sollten wir auf Identitäten oder auf Kommunikation schauen, um Stile zu DQDO\VLHUHQ" White: Hauptsächlich können wir Stile in der Kommunikation beobachten. Wenn sie in Kommunikationen auftauchen, ist das gut für uns. Frage: Was können wir tatsächlich mit dem Konzept Stil erklären? White: Wir können erklären, was sich selbst konsistent erhalten, also reproduzieren kann. Man erkennt Barock, selbst wenn man es nicht mag – und zwar immer wieder. Der Stilbegriff enthält die ganze Zeitproblematik. Viele soziologische Kategorien konzentrieren sich auf den Raum und nicht auf die Zeit, obwohl die Zeit mindestens ebenso wichtig ist wie der Raum. All das ist sehr schwer zu DQDO\VLHUHQHEHQZHLOGLHVH'LQJHVHKUNRPSOL]LHUWVLQG Frage: Stile können Netzwerke definieren – wie etwa der Impressionismus – und können so einer Domäne gleichgesetzt werden, oder es können mehrere Stile innerhalb einer Domäne vorkommen – wie etwa die besonderen Stile einzelner Künstler –, und man könnte diese dann vergleichen. White: Eben das wird mit dem Stilbegriff erreicht, diese Vergleichsperspektive auf- zumachen. Aber ich bin mit der Darstellung nicht ganz einverstanden, weil sie Domänen sehr unabgeschlossen erscheinen lassen kann. Aber Domänen sind meist sehr fokussiert. Anhang: Interview mit Harrison White 185 Frage: Würde ihre Theorie vorhersagen, dass strukturell äquivalente Identitäten ähnliche Stile aufweisen? White: Es gäbe sicher eine Tendenz in diese Richtung, aber nie komplett. Es gibt immer Abweichungen durch Friktion und Nischen, in die Kontrollversuche aus- greifen können. Man müsste diese Fragen an einem klaren empirischen Gegen- stand untersuchen, weil es sonst viele mögliche Antworten gibt. Frage: Zum Abschluss einige Fragen zur Zukunft der relationalen Soziologie: Wie können die Untersuchung von Sprache und Bedeutung zur soziologischen Netzwerkforschung beitragen? White: Das müssen jeweils empirische Beispiele zeigen, sonst wäre die Antwort K\SRWKHWLVFK Frage: Sollten wir etwa mehr qualitative Methoden verwenden? White,FKVHKHGLHVH8QWHUVFKHLGXQJDOVHLQ0LVVYHUVWlQGQLV4XDOLWDWLYH0HWKR- GHQEH]LHKHQVLFKDXI*HJHQVWlQGHGLHVLFKELVODQJHLQHUTXDQWLWDWLYHQ$QDO\VH versperrt haben. Aber durch die immer stärkere Leistung von Computern, könn- ten hier sehr bald quantitative Zugänge möglich sein. Das ist nur ein gradueller, kein essenzieller Unterschied. Frage: Sie insistieren darauf, den Kontext mehr zu kontextualisieren. Aber die 1HW]ZHUNDQDO\VHOHEWELVODQJGDYRQNQVWOLFKGLH1HW]ZHUNH]XEHJUHQ]HQXQG nur den nahen Kontext zu berücksichtigen, den weiteren Kontext aber auszu- schließen. Sollte dieser weitere Kontext eine wichtigere Rolle spielen? White: Ich denke schon. Das passiert schon gerade. Durch bessere Software, etwa bei John Padgett. Frage: Was halten sie von Bestrebungen wie der von Luhmann oder Bourdieu, den größeren gesellschaftlichen Zusammenhang darzustellen, um dann relevante Netzwerke auch besser lokalisieren zu können? White: Das macht eine Menge Sinn. Das habe ich auch selbst versucht. Ich habe mich schon sehr früh für Luhmann interessiert – auch für Bourdieu – und war dann ja auch nach Bielefeld eingeladen. Luhmann führt [wie ich] die Sinnebene in seine Theorie ein. Aber für mich entsteht Bedeutung staccato-artig in der )RUPYRQ.RQWH[WZHFKVHOQZlKUHQG/XKPDQQQLFKWGLHVHG\QDPLVFKH(EHQH im Blick hat. Aber Luhmann ist nicht einfach zu lesen, und er hat so viele Ideen, die sich überschneiden oder miteinander zusammenhängen. 0HLQH]HQWUDOH%HREDFKWXQJLVWGDVVGLH6\VWHPWKHRULHLKPQLFKWJHKROIHQKDW (UZDUEHVHVVHQ>ÄREVHVVHG³@PLW6\VWHPHQ6HLQH)XQNWLRQVV\VWHPHVLQGVHKU plausibel. Aber wie sie sich überlagern und zusammenarbeiten, ist völlig unklar XQGVHKUXQRUGHQWOLFK6LFKHUJLEWHV6\VWHPH$EHUGLHVHYHUVWHLQHUWH/HVDUW ist ein großes Problem bei Luhmann. Und auch die Orientierung an [der Form- 186 Anhang: Interview mit Harrison White theorie von] Spencer Brown war kein sinnvoller Weg. Luhmann hatte so viele spannende Einsichten, die sich in seiner Arbeit verteilen, aber dann musste er VLHLQVLHLQGLHVH6\VWHPVSUDFKHHLQRUGQHQ$EHUHULVWHLQH$UWJHLVWLJHU9HU- wandter, da er auch auf der Suche nach Problemen war. Probleme zu finden ist häufig und besonders in der Soziologie schwieriger, als sie zu lösen.
US