DIPLOMARBEIT Umkämpfte Interventionen: Eine Kriegstopographie. Strategien und Taktiken der Stadterneuerung in Istanbul. ausgeführt zum Zwecke der Erlangung des akademischen Grades einer Diplom-Ingenieurin unter der Leitung Ao.Univ.Prof. DI Mag.phil. Dr.phil. Peter Mörtenböck 2641 Institut für Kunst und Gestaltung-Zeichnen und Visuelle Sprachen eingereicht an der Technischen Universität Wien Fakultät für Architektur und Raumplanung von Kamile BATUR 0027396 Wien, am 27. Oktober 2015 A B ST RAC T Türkische Städte werden seit 2003 einer neuen Welle räumlicher und gouvernementaler Restrukturierungen ausgesetzt. Istanbul nimmt mit mehr als hundert Stadterneuerungs- projekten einen besonderen Platz in diesem Prozess ein. Die aus einer breiten Platte von Gründen initiierten Projekte laufen aber nicht einfach reibungslos ab, sondern stellen ei- nen durch diverse Akteure und verschiedene Praktiken umkämpften Bereich dar. In die- ser Arbeit wird daran anknüpfend die Stadterneuerung und die Gegenpraktiken dazu als ein ungleicher “Krieg mit anderen Mitteln” untersucht. Die Metapher des Krieges ermög- licht es, die verschiedenen Praktiken anhand der Begrife Strategie und Taktik zu disku- tieren. Dabei werden zwei Projekte in den historischen Vierteln im Stadtkern, Sulukule und Tarlabaşı, ausführlich behandelt. Beide Viertel beherbergten eine physisch verfallene Bausubstanz, was für die arme Bevölkerungsschicht der Stadt Überlebensmöglichkei- ten bot. Beide Projekte haben nicht nur diese Bausubstanz zerstört, sondern auch die Bewohnerstruktur des Viertels vollkommen verändert. Beide Stadterneuerungsprojek- te haben zwar in dieser Hinsicht Ähnlichkeiten, weisen aber unterschiedliche Strategien und Taktiken auf – sowohl von den Initiatoren der Stadterneuerung als auch den Bewoh- nern und Aktivisten. A B ST RAC T Title: „Contested Interventions: The Topography of a War. Strategies and Tactics of the Urban Transformation in Istanbul“ Since 2003 Turkish cities have undergone a new wave of spatial and governmental re- structuring. Istanbul has a special place in this process with more than one hundred ur- ban transformation projects. The implementation of these projects, initiated for a broad range of reasons, is not simply smooth nor without tensions; diverse actors contest them through diferent practices. This work considers Urban Transformation and the counter practices as an uneven “war by other means”. The metaphor of war enables analysis of the diferent practices with the help of notions of strategy and tactic. Two urban renewal projects in the historical neighborhoods of the city center, Sulukule and Tarlabaşı were analyzed in depth. Both neighborhoods contained physically deteriorated building stock that provided the urban poor with means to survive. The new projects not only destroyed the building stock, but also changed the inhabitant proile entirely. The urban renewal processes in both neighborhoods have similarities in this regard; however they demonstrated diferences in terms of strategies and tactics used by the initiators of the urban renewal, as well as by residents and activists. Abb. 1: Abriss in der Hatice Sultan Mahalle (Sulukule), Mai 2009. UMKÄMPFTE INTERVENTIONEN: EINE KRIEGSTOPOGRAPHIE S T R AT E G I E N U N D TA K T I K E N D E R S TA DT E R N E U E R U N G I N I S TA N B U L K A M I L E B AT U R Meinen Eltern in tiefer Dankbarkeit gewidmet. DANKSAGUNG Diese Arbeit bin ich meiner Mutter und meinem Ehemann schul- dig; ohne sie wäre diese Arbeit nicht zustande gekommen. Außerdem möchte ich meinen Freunden und meiner Cousine danken, die mich in Istanbul während meiner Feldarbeit unter- stützt haben. Darüber hinaus bin ich meinen zahlreichen Inter- viewpartnern und informellen Gesprächspartnern dankbar, deren Zeit ich in Anspruch nehmen durte und die mir die aus ihrer urbanen Praxis hervorgegangenen Erfahrungen übermittelt ha- ben. Darunter möchte ich Neşe Ozan besonders hervorheben. Sie war eine der ofenherzigsten Menschen, die mir je begegnet sind. Möge Sie in Frieden Ruhen. I N HA LT S V E R Z E IC H N I S 1. EINLEITUNG 1 2 . K R I E G V E R SU S A L LTAG ? 7 2.1. Strategie und Taktik 8 2.1.1. Die Strategie 9 2.1.2. Die Taktik 14 2.2. Taktik versus Strategie? 16 2.3. Das Biotaktische 21 3 . U R BA N E R E / S T RU K T U R I E RU N G E N – Akteure und rechtliche Ordnungen der Stadterneuerung 25 3.1. Akteure 29 3.1.1. Öfentliche Akteure 29 3.1.2. Der private Sektor 34 3.2. Die Stadterneuerung legalisieren 35 3.2.1. Das Erneuerungsgesetz 36 4 . T R A N SF O R M AT IO N E N D E S H I S T O R I S C H E N S TA D T K E R N S 41 4.1. Gesellschatliche Umbrüche und urbane Transformationen 42 4.2. Strategische Diskurse: Die Wahrheiten der Stadt produzieren 50 4.3. Aktuelle Entwicklungen und Projekte – zwei Exkursionen 55 Exkursion 1: Projekte auf der historischen Halbinsel 55 Exkursion 2: Projekte in Beyoğlu 57 5 . E I N E UM KÄ M P F T E G E G E N ST R AT E G I E – SU LU K U L E 61 5.1. Die Konstruktion des Ortes und des Lokalen 65 5.1.1. Multiple Grenzverläufe und umkämpte Identitäten 67 5.1.2. Die umkämpte Strategie der Sulukule-Plattform 69 5.2. Zerstörung des Lebensraums und Taktiken des Überlebens 71 5.2.1.Die Taktik der Mieter: Liquidierung der „Sozial“wohnungen in Taşoluk 74 5.3.Die taktische Nutzung eines strategischen Mittels: Der Abriß 75 5.4.Archäologie und historisches Erbe zwischen Strategie und Taktik 77 5.5. Planung versus Planung 78 5.6. Denkmalschutz als taktisches Mittel? 84 5.7. Das Biotaktische: Beweise zum Ort des Körpers 85 6 . E I N E N E U E S T R AT E G I E D E S E R N E U E R N S – TA R L A BA ŞI 93 6.1. Ge/schichten von Tarlabaşı 94 6.2. Multikulturelle Nachbarschat vs. strategischer Kosmopolitanismus 96 6.2.1. Strategischer Kosmopolitanismus und visuelle Technologien als strategische Mittel 96 6.2.2. Multikulturelle Nachbarschat der Armen als Gegenstrategie und Eigenproduktion der Wahrheit über sich selbst 99 6.3. Das zusammengesetzte Problem Tarlabaşı? Produktion einer strategischen Problemstellung 102 6.3.1. Die zusammengesetzte Lösung: eine neue Strategie 105 6.3.2. Das neue Bauprojekt und die Architektur als strategisches Mittel 107 6.3.3. Bürokratische Taktiken 110 6.4. Verhandeln mit der Bauirma 111 6.5. Das Recht als Schlachtfeld 114 7 . FA Z I T 117 Anmerkungen 122 Literaturverzeichnis 128 1. EINLEITUNG „Wir müssen tatsächlich Schlachtenforscher werden, da der Krieg nicht zu Ende ist...“ (FOUCAULT 1999: 68) Seit dem Jahr 2003 sind unter dem klingenden Namen Stadterneuerung alle Städte in der gesamten Türkei einer Reihe von urbanen Restrukturierungen ausgesetzt, die am intensivsten in der „Hauptstadt der Stadterneuerung“ (Şen 2010: 318) Istanbul spürbar geworden sind. Aber diese Restrukturierung laufen nicht etwa reibungslos ab; ganz im Gegenteil gibt es eine Vielzahl an heterogenen Akteuren, die mit unter- schiedlichen Mitteln, Gegenstrategien und -diskursen diesen Prozess herausfordern und damit die Stadterneuerung selbst zu einem umkämpten Feld machen. An diesem Punkt stellt sich schon die Frage, ob man denn nicht die Stadterneue- rung und den Widerstand dagegen unter der Metapher des Krieges betrachten kann. Wenn das möglich ist, wie kann man dann das Kriegsfeld, die Strategien, Taktiken und Mittel der jeweiligen Akteure miteinander in Beziehung setzen, bzw. diese inner- halb ihrer multiplen Beziehungsstränge verstehen? Können für die Praktiken inner- halb dieses “Krieges” heorien von Strategie und Taktik angewendet werden? Foucault fragt in seinen in den Jahren 1975-1976 im Collège de France gehaltenen Vorlesungen, ob es möglich sei, die Gesellschat in Begrifen des Krieges zu verstehen und ob für die Analyse von Machtverhältnissen und Herrschatstechniken von der “Kriegskunst” hergeleitete Begrife “ein gültiges und taugliches Instrument” abgeben würden. (1999: 62) Ist es möglich, dass auch auf die urbanen Restrukturierungen in Istanbul anzuwenden? 1 EINLEITUNG 1 4 3 6a 5 2 6b 1 7 8 9 Abb. 2: Das Ziel dieser Arbeit soll es jedoch nicht sein, eine Antwort auf die Frage zu inden, Studienfälle: ob die Stadterneuerung ein „Krieg“ ist oder nicht. Es ist auch nicht das Ziel den 1. Sulukule 2. Tarlabaşı Begrif des Krieges zu verallgemeinern und auf alle Formen von Konlikten zu erwei- 3. Karanilköy tern. So wie Foucault das Panoptikum als ein Beziehungsgelecht verstanden hat, um 4. Derbent die Disziplinargesellschat intelligibel zu machen, versucht diese Arbeit den Krieg 5. Tozkoparan 6a. Ayazma als Paradigma zu verwenden.1 Die Verwendung der Kriegsterminologie ist in die- 6b. Bezirganbahçe sem Sinne eine methodologische Präferenz, die es ermöglichen soll, eine Reihe von 7. Başıbüyük 8. Gülsuyu-Gülensu bestimmten Machtverhältnissen verstehbar zu machen. Darüber hinaus stellt es eine 9. Yakacık Untersuchung des Potentials zur instrumentellen Verwendung dieser Terminologie für den Abbruch, die Umkehrung oder die Umwandlung von Machtverhältnissen und den Widerstand dagegen dar. Nur eins muss vorweg noch bemerkt werden: Wenn „Stadterneuerung“ hier der Name eines Krieges sein soll, dann ist es – wie im Falle der Besetzung des Iraks – ein Krieg aus „humanitären“ Gründen. Wie die USA, die mit der Besetzung des Iraks Demokratie für den gesamten Nahen Osten in Aussicht stellte, begann auch die Stad- terneuerung mit der Verkündigung einer frohen Botschat: „Wir werden einen hu- maneren Lebensstandard sichern...“2 So wie die Besetzung des Iraks Teil des „War on Terror“ ist, so ist auch die Stadterneue- rung Teil einer wirtschatlichen und politischen Restrukturierung, die auf einer globalen Ebene abläut. Sie spricht eigentlich nicht zu den Irakern, sie spricht zur „freien Welt“. Die Möglichkeit aktueller Stadterneuerungsprojekte hat nach jahrelangem Heranrei- fen in einer Reihe von akademischen und architektonischen Diskursen, von denen ich einige in dieser Arbeit erwähnen werde, allmählich die notwendige Reife erlangt und ist zu einer “Notwendigkeit” geworden; verschiedene Techniken und Mittel haben sich entwickelt, qualiizierte Akteure sind in den wirtschatlichen und organisationellen Prozessen nach 1980 hervorgegangen, die Grundlagen für die Verwirklichung waren schließlich gegeben. Diese Arbeit ist das erste Ergebnis, ein Zwischenbericht, einer um- fangreicheren Studie zu neun Vierteln3 in Istanbul, die direkt oder indirekt Stadterneu- erungsprozessen ausgesetzt sind. Diese erste Etappenbetrachtung beleuchtet zwei Fälle, Sulukule und Tarlabaşı, im Lichte der Informationen, die sich aus dem Gesamthinter- grund der Praktiken aller untersuchten Vierteln ergeben haben. 2 UMKÄMPFTE INTERVENTIONEN. EINE KRIEGSTOPOGRAPHIE. Ich möchte hier noch auf einige Punkte eingehen, die sich aus einer Reihe von Daten aus Abb.3: (links) der gesamten Feldstudie ergeben und dazu geführt haben, das Paradigma des Krieges Gecekonduviertel Gülsuyu-Gülensu, zu verwenden: Die materielle Destruktion von Gecekondus4, armen Vierteln im Stadt- intensiv besiedelt in den zentrum, öfentlichen Plätzen und einigen Infrastruktursystemen – also Entwicklungen, 1970er Jahren. April 2009. die dem wieder neu in Umlauf gekommenen „Urbizid“-Begrif 5 durchaus entsprechen - sind nicht der Kollateralschaden der Stadterneuerung, sondern dessen Ziel. In diesem Abb. 4: (Mitte) Sinne beherbergen alle Viertel dieser Feldstudie eine soziale, physische und architekto- Die von der TOKI errichteten Wohnblöcke nische Struktur, die aus dem urbanen Raum „verschwinden“ soll. Diese Zerstörungen im Park des Gecekondu- sind nicht nur eine Destruktion urbaner Strukturen, sondern sehen auch die Umsied- Viertels Başıbüyük. lung und Enteignung von Bewohnern vor: In Ayazma wurden alle, in Sulukule und Tar- April 2009. labaşı außer einigen Grundbesitzern fast alle Bewohner umgesiedelt oder vertrieben. Abb. 5: (rechts) Das ist die erste Phase einer gesellschatlichen Umordnung, die den Raum und die Ende der 1960er Jahre erbaute Bevölkerungsverteilung dieser Stadt neu ordnet. Diese Umordnung sieht räumli- „Sozialsiedlungen“ che Regulierungen durch eine „Grenzarchitektur“ vor, wofür als beste Beispiele die in Tozkoparan, dem „Luxus“-Projekte in Tarlabaşı oder die Sozialbauten, in die Vertriebene umgesiedelt ersten Projektgebiet zur Abwehr von Gecekondus. wurden, gelten können. Wo diese Umordnungen verhindert wurden, z.B. in Başı- Stadterneuerungsgebiet. büyük, haben sich neue Strategien entwickelt. In Başıbüyük wurde dann von einer Mai 2009. „Vor-Ort-Erneuerung“ gesprochen, die mehr oder minder auf eine Art Kolonisie- rung hinauslief: Die Viertelbewohner sollten in Wohnblöcke umgesiedelt werden, die im Parkgebiet im Zentrum des Viertels aufgezogen werden sollten, um die so entleerten Bereiche zu zerstören und neu zu strukturieren. Da sozialen Beziehungen ohne räumlichen Bezug kaum mehr aufrechtzuerhalten waren, konnte man sie als zerstört betrachten. Eine ähnliche Taktik kann in Tozkoparan beobachtet werden: Die öfentlichen Grünlächen innerhalb der Wohnblöcke sollten kolonisiert und zum Bau freigegeben werden. Hier funktioniert jedes Projekt wie ein Schlachtfeld, das zum Schauplatz verschiedener Taktiken und Strategien wird. Dieser Krieg ist ein Krieg zwischen Starken und Schwachen. Die Machtlosen sind aber nicht vollkommen machtlos. Sie fordern die Stadterneuerung heraus, indem sie einen Kampf gegen bestimmte Praktiken entwickeln. Im Gegensatz aber zur allge- meinen Annahme, dass die Akteure der Stadterneuerung und die Opposition da- gegen gänzlich voneinander getrennt sind und mit völlig unterschiedlichen Mitteln 1 EINLEITUNG 3 und Wegen operieren, soll diese Arbeit aufzeigen, dass sowohl aus Sicht der Mittel als auch der Methoden die Akteure nicht auf unterschiedlichen Ebenen agieren. Dass sie auf der gleichen Ebene agieren macht die Metapher des Krieges überhaupt erst mög- lich, sonst wäre es absolute Unterwerfung. Sowohl die Akteure der Stadterneuerung als auch die Opposition dagegen bauen in der einen oder anderen Weise ein „Außen“ und einen „Willen zur Macht“ auf – wobei nicht unterschlagen werden darf, dass die Machtverhältnisse vollkommen ungleich sind. Nur wenige Praktiken fallen an die Grenze dieser Ebene; aber genau diese Praktiken festzumachen, zu bestimmen und über deren Logiken nachzudenken, ist die interessanteste Seite dieser Arbeit. Zur Auswahl der Fälle Zwischen den vielen Istanbuler Stadterneuerungsprojekten sind jene in Sulukule und Tarlabaşı ohne Zweifel die bekanntesten und populärsten – in der Türkei und sogar weltweit. Daran hat das Interesse der Kulturelite und der Medien zweifellos seinen Anteil. Aber auch bei den umsetzenden Stellen der Stadterneuerung sind diese bei- den als wichtigste Erneuerungsprojekte in Istanbul behandelt worden – so wird das zur Durchführung dieser Projekte erlassene Erneuerungsgesetz im allgemeinen auch als „Tarlabaşı-Gesetz“ bezeichnet Der Grund, weshalb Sulukule und Tarlabaşı detaillierter behandelt werden, liegt da- rin, dass erstens in beiden Vierteln Stadterneuerungsprojekte sehr früh begonnen haben und zweitens, in diesen Vierteln sowohl in der Umsetzung als auch in der Opposition verschiedene Strategien und Taktiken zur Anwendung gekommen sind. Zunächst einmal haben beide Projektgebiete eine physisch „verfallene“ historische Umgebung und fallen in das Anwendungsgebiet des Erneuerungsgesetzes. Während Tarlabaşı aber viele unter historischem Schutz stehende Gebäude beherbergt, sind in Sulukule nicht die Gebäude selbst ausschlaggebend, sondern ihre Lage, die sie umge- benden historischen Denkmäler und die alten Stadtmauern von Bedeutung. In ihrem heterogenen Bevölkerungsaubau, ihrer Armut, ihren informellen sozialen Struktu- ren und Solidaritätsnetzwerken, ihren informellen Sektoren, ihrer Nähe zu Arbeits- plätzen im Zentrum, ihrer Verwendung der physischen Umwelt im Viertelleben und in vielen anderen Punkten sind die beiden Vierteln wenn nicht gleich, so doch sehr ähnlich. Daraus ergeben sich auch ähnliche Bedrohungsszenarien für die Bewohner von Stadterneuerungsprojektgebieten. Darüber hinaus wurden gegen diese beiden Vierteln ähnlich marginalisierende und stigmatisierende strategische Diskurse ver- wendet, mit ähnlichen Argumenten Erneuerungsprojekte gerechtfertigt und ähnli- che strategische Instrumente, wie z.B. die „dringliche Verstaatlichung“, eingesetzt. Während man aber in Sulukule das Projekt in einer public-public-partnership um- setzte, wurde in Tarlabaşı die Partnerschat mit dem Privatkapital zur fast wichtigs- ten Seite des Projekts. Die Umsetzung wurde in Sulukule durch die staatliche TOKI durchgeführt. In Tarlabaşı hingegen wurde das Projekt in einer Ausschreibung an ein Privatunternehmen übergeben. Der gesamte Prozess in Tarlabaşı wurde deshalb fast 4 UMKÄMPFTE INTERVENTIONEN. EINE KRIEGSTOPOGRAPHIE. ausschließlich darauf reduziert, das Gebiet für Privatkapital attraktiv zu gestalten. Diese Strategie sollte später auch im Fener-Balat-Erneuerungsprojekts zur Anwen- dung kommen. Vereinsbildungen, Rechtsstreit, Instrumentalisierung des öfentliches Interesse sind zwar in beiden Projekten als gemeinsame Mittel angewendet worden, in der allge- meinen Oppositionsstrategie gab es jedoch wesentliche Unterschiede: In Sulukule haben ein gegen das Projekt gegründeter Verein und „von außen“ hinzugekommene Akteure die Gegenstrategie auf kulturellen Elementen aufgebaut, wobei die lokalen und translokalen Wirkungen unterschiedlich ausgefallen sind. Die Bewohner und der Verein von Tarlabaşı hingegen haben – obwohl auch hier sehr viele gebietsfremde Akteure bereits im Feld waren – sehr früh die spekulativen Gewinnmöglichkeiten des Erneuerungsprojekts erkannt und ihre Strategie auf Verhandlungen über Beteili- gungen am Projekt aufgebaut. Die Aubau der Arbeit Das nächste Kapitel diskutiert anhand von konkreten Beispielen die theoretischen Begrife der Strategie und der Taktik. Kapitel 3 gibt allgemeine Informationen zur Stadterneuerung, wie sie sich in den 2000er Jahren in Istanbul entwickelt hat, be- schreibt die Akteure und stellt die rechtlichen Grundlagen dar. Kapitel 4 schildert den Kontext dieser Arbeit, beschreibt also die Hintergrundinformationen zur Ge- schichte der urbanen Entwicklung der historischen Bezirke, in denen sich unsere zwei Fälle beinden, rezipiert die Diskurse über die historischen Armenvierteln im allgemeinen und beschreibt weitere aktuelle Projekte im historischen Stadtkern. Die beiden nächsten Kapiteln untersuchen schließlich detailliert unsere zwei Fälle, ge- dacht als jeweils getrennte Schlachtfelder: Kapitel 5 erschließt den Prozess in Suluku- le und Kapitel 6 jenen in Tarlabaşı. Das letzte Kapitel überblickt kurz die Ergebnisse der Arbeit und schildert, welche theoretischen Hinweise für weitere Studien sich da- raus ergeben können. 1 EINLEITUNG 5 Abb. 6: Neslişah Mahalle (Sulukule). Mai 2009. 6 UMKÄMPFTE INTERVENTIONEN. EINE KRIEGSTOPOGRAPHIE. 2 . K R I E G V E R S U S A L LTA G ? Foucault behauptet, dass Clausewitz einen lange vor ihm im Umlauf gewesenen Grundsatz umgedreht hat, als er sagte, dass der Krieg die Fortsetzung der Politik mit anderen Mittel wäre. (1999: 64) Diese Formulierung entstand aus einer Entwick- lung, in der „die Ausübung des Krieges zentralisiert und an die Grenzen des Staates verdrängt“ und die Kriegspraxis „zunehmend zum professionellen und technischen Monopol eines sorgfältig deinierten und kontrollierten Militärapparats“ wurde. Mit Bespielen zeigt er, dass die mittelalterliche Gesellschat von kriegerischen Praktiken geprägt war, die zivile Ordnung eine Kriegsordnung gewesen ist und die Gesellschat durch die Metapher des Krieges zu verstehen sehr wohl möglich sei. Dadurch argu- mentiert er auch gegen die Idee der Gesellschat als einem einheitlichen Körper: „[E]ine Schlachtlinie zieht sich durchgängig und dauerhat durch die gesamte Gesellschat, und diese Schlachtlinie ordnet jeden von uns dem einen oder anderen Lager zu. Es gibt kein neutrales Subjekt. Man ist zwangsläuig immer jemandes Gegner.“ (Foucault 1999: 67)6 Damit ist es theoretisch möglich, Gesellschat als einen mit anderen Mittel geführten Krieg zu verstehen, z.B. über die Produktion von Diskursen, rechtlichen Verordnun- gen, disziplinären Mechanismen oder räumlichen (De)Strukturierungen, etc. Diese theoretische Möglichkeit erlaubt es uns erst, uns die Terminologie des Krieges anzu- eignen. Unter Bewahrung dieser theoretischen Möglichkeit, müssen wir jedoch noch einen weiteren Punkt in Betracht ziehen: die Veränderung des Krieges in neoliberalen Zei- ten. Was vor allem mit dem „War on Terror“ sichtbar wurde ist eine genauso grund- 2 K R I E G V E R S U S A L LTA G 7 legende Wandlung wie jene, die an der Schwelle zur Neuzeit zur „Verstaatlichung“ des Krieges geführt hat – nur dieses Mal von gänzlich unterschiedlicher Natur: Einer Fragmentierung, Privatisierung des Krieges und einer Verbreitung/Durchdringung desselben in den Alltag im urbanen Raum hinein und in den Körper des „Feindes“ gleichzeitig. Die verschwommenen Grenzen zwischen dem Kriegszustand und dem Alltag erfordern es, uns auch mit dem heorien des Alltags zu beschätigen – aber nicht als säuberlich getrennte Untersuchungsgegenstände, sondern als einen über- lappenden/ ineinander übergehenden Zustand. Wir sprechen demnach von einer Zone der Ununterscheidbarkeit7 zwischen Alltag und Krieg. Wir sind in dieser Studie mit einem Zustand konfrontiert, in dem die den Alltag un- terbrechenden und neuordnenden Praktiken der „Stadterneuerung“ zunehmend mit dem Alltag selbst überlappen: Stadterneuerungsprojekte ersetzen mehr oder weniger die normalen Planungsinstrumente. Darüber hinaus, wird es schwieriger die Stadter- neuerungspraktiken außerhalb des Alltages zu platzieren: sei es als Bedrohung oder als Resultat dessen, was für die Bewohner den Alltag mit Krisenhatigkeit besetzt. Die Alltagspraktiken sind gleichzeitig Praktiken der Krise. Diese Situation kann am bes- ten durch zwei Begrife und zwei ihrer wichtigsten heoretiker beschrieben werden: Strategie und Taktik als Begrife einerseits und Clausewitz als heoretiker des Krieges und de Certeau als heoretiker des Alltags andererseits. 2 . 1 . ST R AT E G I E U N D TA K T I K Dieses Begrifspaar wird zweifellos auch in anderen Bereichen verwendet – in der Wirtschat, im Spiel, im Teamsport, in politischen Protesten, etc. Das Problem in der Nutzung dieser beiden Begrifen in breiter angelegten Bereichen und im Alltag ist aber, dass sie fast austauschbar verwendet werden. Dagegen liefern Clausewitz und de Certe- au zwar voneinander verschiedene aber ganz klare Unterscheidungen zwischen diesen beiden Begrifen: Clausewitz setzt in seiner heorie, in der er Kriegspraktiken innerhalb einer zielgerich- teten Zweck-Mittel-Logik hierarchisch anordnet, Taktik und Strategie in eine ebenfalls hierarchische Beziehung.8 Nach Clausewitz ist die „[...] Taktik die Lehre vom Gebrauch der Streitkräte im Gefecht, die Strategie die Lehre vom Gebrauch der Gefechte zum Zweck des Krieges.“ (2003: 65) Die Taktik ist also dem Gefecht, und das Gefecht der Strategie untergeordnet. Diese beiden Begrife werden bei Clausewitz also von zwei in Konfrontation stehenden „Willen zur Macht“ gebraucht. de Certeau hingegen verwendet diese beiden Begrife strategisch gegen eine Vorstellung, in der die alltäglichen Praktiken als passive und durch gesetzte Regeln vollständig de- terminierte Praktiken von Menschen gesehen werden. Die beiden Begrife sind bei de Certeau gegensätzlich zueinander in Beziehung gesetzt: Strategie ist demzufolge eine 8 UMKÄMPFTE INTERVENTIONEN. EINE KRIEGSTOPOGRAPHIE. Kalkulation/Manipulation von Machtbeziehungen, die möglich wird, wenn ein Subjekt mit Willen und Macht von seiner Umgebung isoliert wird. (1984: xix-xx und 35-36 ) Strategien sind Top-down-Praktiken, sie gehen von einem Ort aus, der als angemes- sen angesehen werden kann und als Basis dafür dient, Beziehungen mit einem von ihr unterschiedenen Äußeren zu begründen. Dazu de Certeau (1984: xx): „Strategies, in contrast, conceal beneath objective calculations their connection with the power that sustains them from within the stronghold of its own ‚proper‘ place or institution.“ Mit diesem strategischen Modell wird eine politische, wirtschatliche und wissenschatliche Rationalität geschafen. Die Taktik hingegen ist eine Kalkulation, die sich nicht auf eine räumliche oder institutionelle Lokalisierung stützen kann oder eine Kalkulation, in der der Andere nicht als ein sichtbares Ganzes getrennt werden kann: „he place of a tactic belongs to the other.“ Die Taktik hat keinen eigenen Ort; sie beruht auf der Zeit – also auf der Suche nach und der Ergreifung von Gelegenheiten. Das Ergrifene ist aber weniger etwas, das im Besitz bleibt; vielmehr werden alle Ereignisse, mit denen man konfrontiert wird, manipuliert und in eine Gelegenheit verwandelt. Das Taktische ist der Hauptcha- rakter von Alltagspraktiken. (1984: xix-xx) So ist beispielsweise die Stadtplanung stra- tegisch, während der Gebrauch des städtischen Raumes durch Menschen taktisch ist. An dieser Stelle ist es nützlich, auf die Clausewitzsche Unterscheidung von Zweck und Mittel einzugehen. Die Mittel der Taktik sind Streitkräte, während der Zweck der Sieg ist. Die Mittel der Strategie hingegen sind die Siege, also taktische Erfolge. Der Erfolg beim Einsatz dieser Mittel hängt in jedem Fall von den Bedingungen des Einsatzes ab. (Clausewitz 2003: 79-80) Für de Certeau hat diese Art von Zweck-Mittel-Beziehung für Strategien Gültigkeit, während bei taktischen Praktiken des alltäglichen Lebens eine Trennung zwischen Mittel und Zweck kaum möglich erscheint und vielmehr von ei- ner Überlappung beider gesprochen werden kann. Natürlich muss man bei dieser Be- grifsbildung auch die Unterschiede zwischen den beiden Denkern in Betracht ziehen. Während Clausewitz’ Begrifsbildung die eines Experten ist, der praktische Ergebnisse erzielen möchte, ist de Certeaus Ansatz der eines Denkers, der über die Populärkultur eine Art Erklärungsmodell entwickeln will. Es wäre nicht ausreichend, nur einen die- ser Ansätze in die Studie zu übernehmen, da wir davon ausgehen, dass die Grenzen zwischen dem oben beschriebenen Normalzustand und dem eine Restrukturierung bezweckenden Krisen-/Diskontinuitätszustand verschwimmen. Wir entlehnen daher die beiden Begrife der Taktik und Strategie, versuchen sie aber im Lichte unserer Vor- arbeiten zur Stadterneuerung neu zu denken und miteinander in Beziehung zu setzen. 2 . 1 . 1 . D I E ST R AT E G I E Zunächst ist weder die Strategie noch die Taktik in diesem ungleichen Konlikt eine Kalkulation, die jeweils entweder von der einen oder von der anderen Seite allein in Anspruch genommen wird. So kann man im Zusammenhang mit der städtischen Opposition von einer Rückkehr der Strategie sprechen. Es geht dabei aber nicht nur 2 K R I E G V E R S U S A L LTA G 9 darum, dass sie zur Logik strategischer Berechnung zurückgekehrt ist, sondern v.a. darum, dass es zugleich auch ein „Subjekt der Macht/des Willens“ vorsieht bzw. zu gründen versucht, einen „angemessenen“ Ort konstruiert, einen grenzziehenden Dis- kurs entwickelt, die Kampfmechanismen auf ein Ziel hin ausrichtet und ein Wissen über den Anderen als Ganzes produziert. Nicht, dass das alles bei allen städtischen Bewegungen als Ganzes schon gegeben wäre; es geht darum, dass es als Möglichkeit gegeben ist und es ein Bestreben in dieser Richtung gibt. Obwohl es viele heterogene Akteure gibt, mit fragmentierten Bestrebungen und Arbeiten in unterschiedlichem Ausmaß, wird trotzdem versucht, eine Allianz zwischen ihnen zu bilden. Strategie ist also nicht nur ein Instrument der „Mächtigen.“ Wir können das anhand einiger konkreter strategischer Praktiken diskutieren, in denen jeder Punkt ein Schlachtfeld und zugleich ein Instrument der Schlacht ist: Das Recht: Um ein konkretes Beispiel zu geben: Das Recht ist für beide Seiten ein „contest of will of power“, bei dem strategisch vorzugehen ist. Die Zentralregierung bereitet für die Stadterneuerung die nötigen gesetzlichen Rahmenbedingungen vor, vergibt Befugnisse, schat die Mittel oder setzt die vorhandenen instand. Sie deiniert also über den Gesetzestext den „angemessenen“ Ort, wie auch die „angemessenen“ Mittel. Beispielsweise wird die Beschreibung, wo und mit welcher Begründung eine Stadterneuerung durchgeführt werden kann, möglichst breit angelegt, damit für die zuständigen Verwaltungseinheiten viel Spielraum bleibt. Außerdem gibt es letzteren die Befugnis, schon bestehende Mittel wie die Verstaatlichung und die „dringliche“ Verstaatlichung zu nutzen. Aber auch die Opposition bekämpt einerseits politisch die Zwecke und Techniken bei dem Erlass von Gesetzen und stellt deren Legitimität infrage, andererseits bekämpt es die Projekte auf der Basis eben dieser Gesetze. Die Praktiken des rechtlichen Kampfes müssen in einem institutionalisierten Bereich, mit bestimmbaren Grenzen und deinierten Parteien, also am „angemessenen“ Ort und mit „angemessenen“ Mitteln durchgeführt werden. Die Codes der Praktiken des rechtlichen Kampfes zu kennen, ist von lebenswichtiger Bedeutung. Das Gemeinwohl: Der rechtliche Kampf bei Verlautbarung einer Stadterneuerung oder bei einer Entscheidung zur Verstaatlichung läut über die Rechtmäßigkeit, wo- bei der seit dem Tanzimat, dem osmanischen Reformprozess, im Umlauf beindliche und seitdem als kapitalistisches Instrument der Planung und Neuordnung angewen- dete Begrif des „Gemeinwohls“ eine bedeutsame Rolle spielt. In kapitalistischen Ge- sellschaten, die auf Eigentum basieren, werden die Grenzen dieses Eigentums durch das Gemeinwohl gezogen. Die beiden Begrife – Eigentum und Gemeinwohl – stehen in begrilicher Opposition zueinander und bilden jeweils die Grenze des anderen. Die Verstaatlichung, die einen Eingrif in das Privateigentum bedeutet, kann nur un- ter Berufung auf das Gemeinwohl durchgeführt werden. Eine Verstaatlichung, die für den Tourismus, die Wirtschat oder den privaten Wohnbau gemacht wird, wider- 10 UMKÄMPFTE INTERVENTIONEN. EINE KRIEGSTOPOGRAPHIE. spricht sich selbst. In solchen Fällen wird schließlich meist der „Schutz des histori- schen Erbes“ oder „die urbane Wirtschatsentwicklung“ als Gemeinwohl dargestellt. Hier kann man also eigentlich von einem ernsthaten Wandel in der Bedeutung des Gemeinwohls sprechen. (Vgl. Kaya 2011: 198) In diesem Sinne ist das Gemeinwohl sowohl für die Verwaltung als auch für die Opposition ein wichtiges Mittel: Während die Verwaltungen die städtische Erneuerung per deinitionem als Gemeinwohl de- klarieren, behauptet die Opposition, dass wegen einer Reihe bestimmter Funktionen für bestimmte private Personen und Institutionen bei diesen Projekten nicht von Ge- meinwohl gesprochen werden kann. Das Gemeinwohl ist also nichts empirisch ge- gebenes, sondern einerseits Mittel im rechtlichen Kampf, andererseits ein politischer Kampbereich, in der es um die Bestimmung ihrer Bedeutung geht. Das historische Erbe: Ein weiteres Beispiel für ein Mittel im strategischen Kampf der Stadterneuerung wie auch der Opposition ist „das historische Erbe.“ Die Ver- wendung des gleichen strategischen Mittels hat manchmal die Stadterneuerung wie auch die Opposition in einen diskursiven Kampf auf der gleichen „abstrakten“ Ebene verwickelt. So wurde z.B. in Sulukule der Schutz des historischen Erbes die Basis der Verhandlungen zwischen der Gemeinde Fatih und der Sulukule Plattform. Ein Kampf auf der gleichen Ebene bedarf einer strategischen Komplizenschat, also einer minimalen Übereinkunt über das, was „angemessen“ ist. Strategien konstruieren: Subjekt, Ort und Organisation Strategie ist, die vorhandenen Mittel, unter Berücksichtigung der Bedingungen und Machtverhältnisse, auf ein Ziel hin berechnend zu organisieren. Aber diese Bedin- gungen, Machtverhältnisse und Mittel sind nicht vorgegeben, sie werden vielmehr gleichzeitig durch die Strategie produziert und konstituiert. Wenn wir also von einer vorhandenen Strategie in der Stadterneuerung ausgehen, dann berechnet diese Stra- tegie nicht einfach nur die Bedingungen, die Parteien, den Ort und das zu erreichen- de Ziel der Stadterneuerung, vielmehr konstruiert sie rückwirkend das, was sie be- rechnet. Die zu beseitigenden ungesunden und sich planlos entwickelnden Gebiete, der Schutz des historischen Erbes, die Armenviertel im Stadtzentrum, die verfallene, risikobehatete Bausubstanz werden von dem Moment an, ab dem eine Stadterneue- rung für nötig erachtet wird und auf die Tagesordnung kommt, produziert. Das be- deutet nicht, dass es sie nicht schon vorher gibt, aber sie sind noch nicht als Objekte der Stadterneuerung in Verwendung gekommen. Das Subjekt: Das „angemessene“ Subjekt bestimmt das – von ihr unterschiedene – Objekt der Stadterneuerung durch die Konstruktion des Ortes als erneuerungsbe- dürtig. Aber die Opposition konstruiert ebenso einen Gegen-Ort, und schat dabei ein unterschiedenes, eigenständiges Subjekt. Die Schafung des Subjekts fördert die Existenz einer Strategie/ das Bestreben einer strategischen Bewegung zutage. Die 2 K R I E G V E R S U S A L LTA G 11 Schafung des Subjekts ist über zwei, zueinander parallel verlaufende Praktiken mög- lich: Mit einem Diskurs, der das Innen wie auch das Außen konstituiert,9 es von sei- ner Umwelt abkoppelt und abschließt und das Innere homogenisiert. Wenn wir hier generalisierend von Opposition sprechen, reden wir natürlich eigentlich von einer Ansammlung heterogener Akteure. Deshalb können wir nur davon sprechen, dass gegen die Stadterneuerung und ihren angepeilten Ort, bzw. den Ort den sie als „an- gemessen“ konstruiert hat, distinkte Subjekte entstehen, die auch jeweils von mehre- ren „angemessenen“ Orten in unterschiedlichen Maßstäben operieren. Beispielswei- se sind das Viertel/die Viertel-Identität und die Stadt/die Urbanität in diesem Sinne zwei ähnliche Praktiken in unterschiedlichen Maßstäben. Diese sind aber eben den o.g. Prozessen ausgesetzt, selbst wenn sie Mittel zur Erschafung eines Subjekts sind, das möglichst Viele umfasst. Wie wir bei dem nächsten Punkt sehen werden, ist diese strategische Konstruktion sehr stark von der Konstruktion des Ortes abhängig. Der Ort: Die Konstruktion des Ortes kann dagegen in unterschiedlicher Weise er- folgen. Beim Sulukule Projekt hat die Gemeinde die formellen Namen der Mahalles benutzt und mit einer Betonung des historischen Erbes auf die Armut und die Kri- minalität der Gebiete verwiesen. Die Gegenkonstruktion hat hingegen den informel- len Namen Sulukule strategisch eingesetzt, den Ort homogenisierend mit einer spe- ziischen Interpretation der Roma-Identität verlochten und das ins Zentrum ihrer Kampagne gestellt. In Tarlabaşı hat die Gemeinde für das Projekt nicht die oiziellen Namen der vier Mahalles, sondern den informellen Namen des Viertels verwendet und alle Assoziationen im kollektiven Gedächtnis, die mit dem Namen Tarlabaşı verknüpt waren, aktiv genutzt: Kriminalität, Unsicherheit, Armut, die glorreiche, „kosmopolitische“, aber verlorengegangene Vergangenheit. Die Bewohner von Tarla- başı hingegen haben es vermieden – trotz einer großen Anzahl von politisch aktiven Opfern der Zwangsmigration – im Gebiet und im Verein, ein ethnisches/homogenes Bild von ihrem Viertel zu zeichnen und eher über Assoziationen wie Armut, Zwang, Überleben und „Multikulturalität“ einen heterotopischen10 Ort konstruiert. Es wur- de auch nicht zu einer ähnlich großen Kampagne wie in Sulukule. Ein weiteres Beispiel ist Karanilköy. Es wurde schon sehr früh Druck auf Karanil- köy ausgeübt, aber nichtsdestotrotz ist es bis heute nicht zum Stadterneuerungsge- biet erklärt worden. Gegen alle negativen Assoziationen, die aus dem „Gecekondu- und Migrantendasein“ abgeleitet werden, hat Karanilköy ein „neutrales“ Bild der Zugehörigkeit zum Viertel entworfen, das über Landmannschatsbeziehungen und politische/ideologische Unterschiede hinaus im Viertel ein Bestreben für eine umfas- sende Beteiligung ausdrücken sollte.(Şener 2009) Diese neutrale Zugehörigkeit zum Viertel sollte nicht nur zeigen, dass die Viertelbewohner nicht mehr Zugewanderte, sondern Istanbuler geworden waren. Es sollte auch aufzeigen, dass die Menschen im Viertel erst das Gebiet zu einem Ort gemacht hatten und dass sie als Besitzer dieses Ortes das Subjekt desselben sind. Dass man der Schöpfer dieses Ortes ist bedeutet, 12 UMKÄMPFTE INTERVENTIONEN. EINE KRIEGSTOPOGRAPHIE. dass man das Sagen hat und Subjekt des Kampfes ist. In Gecekondu-Vierteln wird immer wieder erzählt, wie schwierig es war, das Viertel aufzubauen, wie viel Arbeit in die Entwicklung und Infrastruktur gesteckt werden musste. Diese Geschichten basieren auf den realen Erfahrungen der Menschen, sie werden aber nicht aus diesem Grund wiederholt erzählt. (Vgl. Göral 2011) Die Erzählungen über ihre Anstrengun- gen belegen, dass sie die Besitzer dieses Ortes sind, dass dieser Ort seine Existenz ihren Praktiken schuldet und dass sie sich diesen Ort verdient haben. Das ist ein Gegendiskurs von „innen“, der gegen einen Diskurs von „außen“ produziert wird, der die Gecekondu-Bewohner als Besetzer und die Gecekondu-Viertel als Objekte der Stadterneuerung in ihren gesellschatlichen wie in ihren physischen Eigenschaten mit negativen Assoziationen belegt. Diese diskursiven Praktiken ermöglichen es, das Subjekt des Kampfes zu begründen, in dem sie das Innere homogenisieren, die Kon- likte unterdrücken/verdrängen. Das ist eigentlich auch die Hauptstrategie der Verei- ne in vielen Gecekondu-Vierteln, die gegen die Stadterneuerung aktiv sind. Der Verein/Die Organisation: Als Produkte von Institutionalisierungsbestrebungen sind die Vereine routinisierte strategische Mittel zur Gründung und Repräsentierung dessen, was de Certeau „den Willen zur Macht“ genannt hat. Die meisten Viertel, die mit der Stadterneuerung konfrontiert werden, gründen Vereine und versuchen den Kampf von diesem Verein aus zu führen. Vereine sind die am meisten verbreitete Form der Organisation in den Vierteln. Es gibt auch Strukturen, die nicht zu for- mellen Vereinen geworden sind, wie z.B. die Opfer von Ayazma, und auch informell gebliebene Initiativen, wie auch Vereine, die um eine bestimmte Identität herum or- ganisiert sind, wie der Roma-Verein in Sulukule. Es gibt verschiedene Formen der allgemein als Viertelvereine bezeichneten Organi- sationsformen, die sich meistens um den Muhtar, den Bürgermeister des Mahalles, herum entwickeln: Entweder wird ein bereits bestehender Verein in seinen Aktivitä- ten auf die Stadterneuerung hin ausgerichtet, oder die bei der Gründung des Viertels zur Ortsbildplege dienenden Vereine werden reaktiviert, oder es wird überhaupt ein neuer, nur auf die Problematik der Stadterneuerung ausgerichteter Verein gegründet. Bei der Entwicklung der immer mehr werdenden Viertelvereine lässt sich manch- mal ein Einluss von zivilen Initiativen außerhalb des Viertels erkennen,11 manchmal auch Einwirkungen vierteleigener linker Organisationen. Der Viertelverein ist ein strategisches Mittel, um im Viertel selbst organisiert zu sein, einen institutionalisierten Ansprechpartner für die durchführenden Verwaltungen zu schafen, den Kampf zu verbreiten und mit anderen oppositionellen Gruppen Kommu- nikation aufzubauen. Auch Faruk Göksu (2002), der professionelle Governance-Strate- gien für die Verhandlungen zwischen den ausführenden Verwaltungen und der lokalen Bevölkerung entwickelt hat, führt ebenfalls an, dass Viertelvereine „für die Umsetzbar- keit und richtige Ausführung von Stadterneuerungsprojekte“ wichtig seien. Auch wenn die Gründung eines Vereins alleine noch nicht für den Erfolg des Kampfes 2 K R I E G V E R S U S A L LTA G 13 ausreicht und kein Indiz für die Beteiligung der Bevölkerung am Kampf darstellt, er- höht es doch die Möglichkeiten, die dem Viertel zur Verfügung stehen. (Göral 2011: 71) Sie erhalten Anerkennung und werden zu legitimen Ansprechpartnern für die Gemeinde, die TOKI, die Medien und Aktivisten der städtischen Oppositionsbewe- gung. Die lokalen Vereine werden von fast allen, die Gemeinde und die dazwischenge- schalteten Institutionen eingeschlossen, als strategische Partner gesehen.12 Aus diesen Gründen sollte die Vereinsbildung als strategisches Mittel gesehen werden, von der angenommen wird, dass sie die Handlungsfähigkeit der Viertelbewohner steigert. 2 . 1 . 2 . D I E TA K T I K Die Strategie operiert in abstrakten Begrifen, ordnet die Praktiken hierarchisch an und hat langfristige Ziele. Dagegen hat die Taktik weniger einen übergeordneten Zweck, sondern vielmehr sehr kurzfristige Ziele und unabsehbare Konsequenzen. Sie ist meist etwas anderes, als es scheint. Beispielsweise hat in Başıbüyük die Gemein- de auf den Widerstand der Bevölkerung gegen die Umsiedlung mit einem taktisch entwickelten Modell der „Vor-Ort-Erneuerung“ reagiert: Sie wollte im Parkbereich des Viertels Blöcke hochziehen, in der die ursprünglichen Viertelbewohner unterge- bracht werden sollten. Als dann die Baumaschinen und –materialien ins Viertel ge- bracht werden sollten, hat es einen unerwarteten kollektiven Widerstand der Bevöl- kerung ausgelöst. Aber auch in den Praktiken des Widerstands kann bei der Taktik – im Unterschied zur Strategie – am Ende etwas Unerwartetes herauskommen. Bei dem angeführten Beispiel war das Ziel, den Subunternehmen der TOKI den Zugang zum Viertel und die Eröfnung einer Baustelle zu verwehren. Unerwarteterweise hat es dazu geführt, dass mit einer Reihe taktischer Praktiken sich das gesamte Viertel zusammengeschlossen hat und es sogar in ganz Istanbul einen politischen Efekt er- zeugte. Diese Erfolge sind aber nur temporär. Es werden zwar immer Wege gesucht, diese überraschenden Entwicklungen dauerhat zu machen, aber taktische Erfolge zu bewahren, ist kaum möglich. Dauerhatigkeit ist eher eine Eigenschat der Strategie, die Strategie ist auf Dauerhatigkeit hin ausgerichtet. Taktische Erfolge hingegen kön- nen meist nicht bewahrt oder transferiert werden. Taktiken ersetzen meist erwartete/ vorgesehene Praktiken und sind „indissociable from particular moments and ‚opportunities’.“ (de Certeau 1984: 35) Aus diesem Grund ist es meist schwierig, taktische Erfolge und Mittel „strategisch“ zu wieder- holen. Beispielsweise wurde es in Sulukule durch eine Gesetzeslücke möglich, eine kleine Anzahl von Häusern zu retten. Das gleiche wurde in Tarlabaşı versucht, aber da das Tarlabaşı-Projekt eine andere Strategie verfolgte, wurde der Versuch abge- lehnt. Weil die Taktiken auf Ergreifung von Gelegenheiten beruhen, können sie, auch wenn sie grundsätzlich wiederholbar wären, meist nicht wiederholt werden, weil die ermöglichenden Bedingungen bei einem anderen Projekt beseitigt werden. heore- tisch mag es zwar denkbar sein, Taktiken wiederholt einzusetzen, praktisch scheint es 14 UMKÄMPFTE INTERVENTIONEN. EINE KRIEGSTOPOGRAPHIE. aber kaum möglich zu sein. Die Taktik „is always on the watch for opportunities that Abb.7: (links) must be seized ‚on the wing.‘“ (de Certeau 1984: xix) Wiederholbarkeit und Möglich- Frauen aus Başıbüyük, die versuchen die keit zur Verbreitung sind meist Eigenschaten der Strategie. Baustellenabsperrung niederzureißen. Akgün, Muhsin. Die Taktik ist im Grunde abhängig von ihrem eigenen Kontext und an die damit RADIKAL, 17. MAI 2008. zusammenhängende Konstellation vieler materieller Bedingungen. Nur durch Ge- legenheiten, die aus dieser Konstellation entstehen, kann die Taktik stattinden. Die Abb. 8: (rechts) Başıbüyük, Mai 2008. Strategie schat ihre eigenen Bedingungen und trit gegebenenfalls Vorkehrungen WWW.MIMDAP.ORG und setzt strategische Mittel ein gegen taktische Widerstände, mit denen sie bereits konfrontiert war. Aber genau weil sie im Grunde die eigenen Bedingungen schat und ihren eigenen Kontext bestimmt, wird sie in den meisten Fällen blind für die Re- alität.13 Hier könnte der von Bülow beschriebene Unterschied zwischen Taktik und Strategie interessant sein. In seiner heorie ist der Raum und die Konfrontation im Raum die Grundlage für eine viel bedeutendere Unterscheidung: Mit Bülow können wir nämlich sagen, dass die Strategie die Wissenschat von der Gesamtheit der Prak- tiken ist, die der Konfrontation vorhergehen, während die Taktik die Wissenschat der Praktiken ist, die aus der Wechselwirkung dieser Konfrontation heraus entste- hen. (Vgl. Bülow 2013: 86-87)14 Eine weitere, in diesem Zusammenhang interessante theoretische Unterscheidung indet sich bei de Certeau (1984: 35, 119): die Unterscheidung zwischen Karte und Wegstrecke. Während die Stadtkarte beispielsweise als Repräsentation eine totalisie- rende Planprojektion der Stadt ist, stellt die Wegstrecke als temporäre Bewegung das Spazieren durch die Stadt dar. Von der Stadt eine Karte zu machen oder eine Karte zu lesen ist eine Arbeit, die auf einer abstrakten Ebene vor sich geht, den Anderen als Gan- zes sieht und den Raum „meistert“. Aber eine begangene Wegstrecke in der Stadt ist eine taktische Praxis, die durch die Konfrontationen am Ort, in dem man lebt, geformt wird. Aus der Konfrontation der Strategie mit dem Ort, in dem man lebt, entsteht ein Exzess. Der abstrakte Ort, den die Strategie begründet, ist nämlich blind für den Ort, der durch die alltäglichen Praktiken entsteht. Die so entstehende Lücke kann dann nur mit Taktiken geschlossen werden. Deshalb ist die Strategie stetig auf die Ergänzung durch Taktiken angewiesen. 2 K R I E G V E R S U S A L LTA G 15 In der Durchführung von Stadterneuerungsprojekten mussten die durchführenden Verwaltungen bei Konfrontationen mit der Bevölkerung eine Reihe von taktischen Maßnahmen entwickeln. Aber taktische Praktiken produzieren unentwegt einen un- absehbaren Exzess, deswegen bleibt die Strategie immer hinter der Taktik zurück. Aus diesem Grund suchen die Verwaltungen und die Opposition Wege, sich diesen Exzess entweder anzueignen oder ihn zu disziplinieren. Ab diesem Punkt tritt dann aber wieder die Strategie auf den Plan. Die Verwaltungen der Stadterneuerung haben so gegen oppositionelle Taktiken, mit denen sie in einem Projekt konfrontiert waren, in einem anderen Projekt Lösungen entwickelt. 2 . 2 . TA K T I K V E R SU S ST R AT E G I E ? Von der Disziplinargesellschat zur Kontrollgesellschat De Certeau versucht gegen das „starke“ Subjekt der Disziplinargesellschat eine he- orie der Praktiken des „schwachen“ Subjekts zu entwerfen, das in der Disziplinarge- sellschat ohne eigenen Raum eingeschlossen ist. Strategie als die Praxis eines dis- ziplinären Mechanismus stützt sich de Certeau zufolge auf den Raum, während die Taktik als Gegenpraxis sich auf die Zeit stützt. (Vgl. de Certeau 1984: 36) In der be- grilichen Formung von Foucault (1977: 284) meint „Disziplin“ in unterschiedlichen Institutionen einsetzende “einheitliche technische Verfahren“ der Normalisierung im 18. Jahrhundert und der daraus entstehenden politischen Ökonomie zur efektiven Nutzung der Körper. Disziplin kann am Besten durch das Panoptikum verständlich gemacht werden, das vielseitig einsetzbar ist: in Gefängnissen zur Besserung der In- sassen, in Krankenanstalten zur Heilung der Kranken, in Schulen zur Belehrung der Schüler, in Fabriken zur Beaufsichtigung der Arbeiter, etc. Es geht dabei um die Nor- malisierung durch Einschluss und Strukturierung des Raums und Verteilung der In- dividuen in bestimmten Anordnungen und Hierarchien. (1977: 264) Aber Disziplin wirkt über diesen Einschluss hinaus: „Während sich auf der einen Seite die Disziplinarinstitutionen vervielfältigen, tendieren ihre Mechanismen dazu, sich über die Institutionen hinaus auszuweiten, sich zu ‚desinstitutiona- lisieren‘, ihre geschlossenen Festungen zu verlassen und ‚frei‘ zu wirken. Die massiven und kompakten Disziplinen lockern sich zu weichen, geschmeidigen, anpassungsfähigen Kont- rollverfahren auf.“ (Foucault 1977: 271) Deleuze (1995: 178) geht davon aus, dass sich das noch intensiviert hat und wir jetzt in einer „Kontrollgesellschat“ leben: Was wir die Krise der Disziplinargesellschat nennen, ist eigentlich der Aubau eines neuen Regimes, in dem man nicht von einem geschlossen Establishment zum anderen übergeht. Die Kontrolle ist allen Praktiken und Räumen des Menschen „eingeschrieben“. (Rose 1999: 234) Es geht nicht mehr um den Einschluss und die Normalisierung des „Individuums“, sondern um die Kal- 16 UMKÄMPFTE INTERVENTIONEN. EINE KRIEGSTOPOGRAPHIE. kulation der Ströme und Risiken des „Dividuums.“ Die Kontrolle ist eigentlich nicht mehr an seinen Subjekten interessiert, vielmehr geht es ihm um Codes, Stichproben, Daten und Proile. Sind die Produktion und Fabriken noch Sinnbild der Disziplinar- gesellschat, so sind es in der Kontrollgesellschat die Transaktionen und der Markt. Den Nomadismus sehen Deleuze und Guattari zwar als Praxis gegen die Disziplin; dieser wird aber von der Kontrollgesellschat gefangengenommen und für seine ei- genen Zwecken eingespannt. (Deleuze und Guattari 1987: 387 zitiert in Diken und Laustsen 2005) Man kann also sagen, dass in Kontrollgesellschaten die Macht die Zeit dem Raum vorzieht – sie selbst stützt sich auf die Zeit. Die Macht ist nicht mehr interessiert in ixierte räumliche Anordnungen, es geht ihr vielmehr um das Einfan- gen von Strömen. Macht versucht also nicht mehr bewegliche Entitäten zu ixieren, sie selbst wird nomadisch. Flexible Arbeitspraktiken als Alternative zu ehemaligen fordistischen Arbeitspraktiken kommen heute in allen Bereichen des Kapitalismus zur Anwendung, genauso wie bestimmte Praktiken, die ehemals nicht zur Arbeit ge- rechnet wurden, heute Teil der Arbeitsanforderungen geworden sind. (Vgl. Virno 2003) In ähnlicher Weise wird die Opposition Freiheit-Disziplin mit einem Regieren durch Freiheit ersetzt. (Vgl. Rose 1999) Strategie und Taktik zwischen Disziplin und Kontrolle Wir müssen im Lichte dieser Wandlungen und kritischen Herangehensweisen noch einmal einen Blick auf die Begrife Taktik und die Strategie werfen: Ist die Macht heute nicht selbst eine Wegstrecke? Ist bei manchen Praktiken überhaupt eine Un- terscheidung zwischen Taktik und Strategie möglich? Können wir sagen, dass heute die Macht taktisch wird? Ein ähnlich gelagertes Problem spricht auch de Certeau von Clausewitz ausgehend an: “In short, a tactic is an art of the weak. Clausewitz noted this fact in discussing deception in his treatise On War. he more a power grows, the less it can allow itself to mobilize part of its means in the service of deception (…) Power is bound by its very visibility. In contrast, trickery is possible for the weak, and oten it is his only possibility, as a ‚last resort‘: ‚he weaker the forces at the disposition of the strategist, the more the strategist will be able to use deception.‘ I translate: the more the strategy is transformed into tactics.” (1984: 37) Die Macht ist noch immer das Subjekt der Strategie, aber sie löst sich immer mehr vom Ort, fragmentiert sich und beginnt mobil zu werden. Die Macht gibt damit zwar nicht gänzlich ihre strategisch organisiertes Gefüge auf, aber eignet sich mehr und mehr taktische Praktiken an. Die Stadterneuerung im allgemeinen ist nicht mehr daran interessiert, einen „verfal- lenen“ Ort zu gestalten, um die ansässigen Individuen zu disziplinieren. Während sie versucht, die Eigentümer zum Teil ihrer eigenen Marktlogik zu machen, siedelt sie die Mieter in disziplinäre Sozialbauten an der städtischen Peripherie an. Sozialbauten und Verschuldung sind zwar disziplinäre Mechanismen, aber die Stadterneuerung scheint sich nicht dafür zu interessieren, dass die Individuen dort auch bleiben: So sind in den 2 K R I E G V E R S U S A L LTA G 17 Abb.9: Stadterneuerungsprojekten in Ayazma und Sulukule auch Mechanismen geschafen TOKI-Bauten in worden, die es den Menschen erleichtern die Wohnungen, in die sie umgesiedelt wor- Bezirganbahçe, 2009. den sind, zu verkaufen und von dort wegzuziehen. Wo diese Bewohner in dieser Phase ixiert werden sollten, scheint die Stadterneuerung auch nicht mehr zu interessieren. Der Abriss: Ein detaillierteres Beispiel kann vielleicht über die eingesetzten Mittel ge- geben werden. Die Taktik setzt im allgemeinen nur selten unterschiedliche Mittel ein, vielmehr basiert sie auf dem Missbrauch „vorhandener“ Mittel – und das ist nicht nur ein allein von der Opposition eingesetzte Methode. Strategische Mittel disziplinärer Institutionen werden immer öter von taktischen Praktiken missbraucht. Schauen wir uns beispielsweise das wichtigste strategische Instrument des mit Hauss- mann einsetzenden modernistischen Traums an: den Abriss. Etwas Neues aufzubau- en ist nur mit dem Abriss möglich. Die meisten Abrissarbeiten in Istanbul wurden für die Liebe zum Automobil gemacht. Um die Verkehrsnetze der Stadt dem Auto- mobil zu öfnen wurden breite Boulevards angelegt. Die Vatan Caddesi, die Millet Caddesi, etc., der Atatürk Boulevard, die Küstenstraßen und die Tarlabaşı Caddesi. Der Abriss hat manchmal mehrere Zwecke gleichzeitig erfüllt: In Tarlabaşı hat es eine Verkehrsader eröfnet und war zugleich ein Mittel um das „dunkle Unterhaltungs- viertel“ der Stadt zu säubern, es zu ixieren. In Gecekondu-Vierteln war die Androhung des Abrisses im allgemeinen ein Mittel, um die Bautätigkeit unter Kontrolle zu halten. Vor den Wahlen führen absichtlich ge- lockerte Kontrollen, die zu verstehen geben, dass man „die Augen zudrücken wird“, zur Beschleunigung der informellen Bautätigkeit, um später teilweise wieder dem Abriss zugeführt zu werden. Der Abriss wurde meist zum Ereignis und führte zum Widerstand der informellen Hausbesitzer, manchmal sogar des ganzen Viertels. Der Abriss bietet sich auch als ofensichtliches Beispiel dafür an, die Terminologie vom und die Analogie zum Krieg aufzuzeigen. Die Abrisseinheiten umstellen im all- gemeinen das Viertel mithilfe von tausenden Polizisten und Ordnungshütern. Bei- spielsweise wurden 1996 in Karanilköy Abrissarbeiten wie folgt durchgeführt: „Mit 4.000 Polizisten, 500 Gemeindepolizisten, Panzern, Baggern und vielen anderen ‚Aus- rüstungen‘ haben sie Karanilköy angegrifen, als würden sie in den Krieg ziehen.“ (“Karanil- köy Kendini Anlatiyor”, abgedruckt in Özdemir 2005: 227-28) 18 UMKÄMPFTE INTERVENTIONEN. EINE KRIEGSTOPOGRAPHIE. Im gleichen Text werden bei der Beschreibung der Ereignisse Ausdrücke wie „Zerstö- Abb.10: (links) rungseinheiten“ verwendet. Bei der Verhinderung von Abrissarbeiten kommen auch Ayazma nach dem Abriß. Fotosammlung „Kuşbakışı viele Taktiken zum Einsatz, z.B. nicht sein Haus zu verlassen, oder auf das Dach zu stei- İstanbul“. gen und Widerstand zu leisten. In Karanilköy sind viele Frauen in die Häuser ihrer WWW.TO P LU M U N S E H I RC I L I K HA R E KE TI .O RG Nachbarn gegangen, die gerade nicht zuhause waren, haben sich zusammengesetzt und versucht so die Abrissarbeiten zu verhindern. Die Praxis der gegenseitigen Hausbesuche Abb.11: (rechts) transformierte sich zu etwas anderem und ist zu Widerstand geworden. (Çiçek 2009) Oizielle Webseite von „My World Europe“, Also ist der Abriss weit davon entfernt, nur eine einfache technische Arbeit zu sein ein neu errichtetes und vielmehr ein strategisches Instrument. Aber der Abriss wird auch taktisch ein- Bauprojekt in Ayazma. gesetzt. In der Stadterneuerung ist der Abriss im allgemeinen ein Instrument, um ein Siedlungsgebiet zu „säubern“ und in ein Grundstück umzuwandeln. Es ist vorgesehen, dass es nach der durch „Überzeugungsarbeit“ und andere Mitteln erreichten Räumung des Gebiets einsetzt. So sind in Ayazma nach der Räumung im ganzen Gebiet Abriss- arbeiten durchgeführt worden und die gesamte Fläche in ein „leerstehendes Grund- stück“ umgewandelt worden. In Sulukule aber wurden die Abrissarbeiten von 2007 bis 2009 Schritt für Schritt durchgeführt, obwohl das Gebiet noch bewohnt war. Nach den einzelnen Abrissarbeiten wurde der Bauschutt nicht geräumt. Diese Abrissarbeiten lassen erahnen, dass sie als Mittel für einen anderen Zweck dienen könnten: Ein Mittel, um der Bevölkerung zu signalisieren, dass auch ihr Haus jederzeit abgerissen werden könnte und um eine Panik zwischen den Menschen zu verbreiten. Außerdem hatte der liegengelassene Bauschutt auch die Funktion, das Leben im Viertel zu erschweren und den Wegzug der Bevölkerung zu beschleunigen. Das historische Erbe: Die Praktiken zum Schutz des historischen Erbes sind auch ähnliche Beispiele. Mit der Erklärung zum Denkmalschutzgebiet werden jegliche Bau- und Planungsarbeiten an die Erlaubnis der Denkmalschutzkommission ge- bunden. Das hat meistens dazu geführt, dass in diesen Vierteln die Bewohner ihre Häuser nicht mehr renovieren konnten und zum physischen Verfall beigetragen. Mit dem Erlass des Erneuerungsgesetzes im Stadterneuerungsprozess wurde die Denk- malschutzkommission de facto aufgehoben, ohne dass sie abgeschat werden musste. Erneuerungsarbeiten mussten nun durch die noch zu gründenden Erneuerungskom- 2 K R I E G V E R S U S A L LTA G 19 missionen bewilligt werden. Das Erneuerungsprojekt in Tarlabaşı beispielsweise hat den Abriss des zu schützenden historischen Baubestand bereits damals eingeplant. Trotzdem hat sie die von ihr strategisch außer Krat gesetzte Denkmalschutzkommis- sion taktisch so eingesetzt, dass sie vereinbarungsunwilligen Eigentümern im Gebiet Strafen für zuvor gemachte Renovierungsarbeiten geschickt hat. Sie hat damit also den „Schutz des historischen Erbes“ in der „Überzeugungsarbeit“ taktisch eingesetzt. Der Kampf um Grundrechte: Im politischen Kampf mit den Mitteln der verfassungs- mäßig geschützten Grundrechte auf Wohnen und Eigentum kann man auch beobach- ten, dass die Grenzen zwischen Strategie und Taktik zeitweise ineinander übergehen. Marxistische Gruppen problematisieren das Eigentumsrecht und operieren eher mit Verweis auf das Wohn- und Wohnungsrecht. Die Besitzer der Gecekondus hingegen fordern im Kampf gegen die Stadterneuerung, dass ihnen Grundbucheintragungen gegeben und ihre Eigentumsrechte garantiert werden. Diese beiden Positionen haben innerhalb der Opposition zu einem Konlikt geführt, der nur dadurch gelöst werden konnte, dass die Diskurse zum Wohn- und zum Eigentumsrecht in den Gecekondus derart vage geworden sind, dass sie schließlich fast deckungsgleich zu sein schienen. Auch in den Berufskammern, in denen meist eine linke ideologische Tradition vor- herrscht, hat man aus politisch taktischen Gründen auf die Verletzungen des verfas- sungsmäßig geschützten Eigentumsrecht in den Stadterneuerungsprojekten verwiesen. Um es zusammenzufassen kann man sagen, dass die Strategie sich auf das „Ange- messene“ lehnen muss, während die Taktik auf den Missbrauch der Mittel und den Missbrauch der Situation des Anderen beruht. - Die Taktik ist temporär und vorübergehend und basiert auf Improvisation. Weder sie selbst noch ihre Folgen sind absehbar, ihre Ergebnisse zu sichern oder zu trans- ferieren ist sehr schwierig, denn man trit die Taktik auf dem Weg oder entdeckt sie im Kontext. Sie ist auch nicht auf der abstrakten Ebene der Strategie, sie entsteht vielmehr aus der materiellen Konstellation von Kräteverhältnissen. Deswegen ist die Taktik entgegen der Deinition von de Certeau nicht nur von der Zeit, sondern von der Raum/Zeit abhängig. Gebunden an das Zusammenkommen singulärer Be- dingungen ist die Wiederholbarkeit einer Taktik theoretisch gesehen möglich, prak- tisch aber sehr unwahrscheinlich. Meistens hat die Taktik andere Funktionen als es scheint. Sie ist objektzentriert. - Die Strategie ist eine Kalkulation, die subjektzentriert ist und auf Machtbeziehun- gen beruht, die mittels abstrakter Kategorien als gegeben angenommen werden. Sie ist linear, produziert Diskurse, ordnet Zwecke an und ist normativ. Zwischen ihren Stufen stellt sie Zweck-Mittel-Beziehungen her. Sie sucht nach Dauerhatigkeit und versucht sie herzustellen. Die Strategie ist abstrakt und geht den Praktiken und ihren Objekten voraus. Durch abstrakte Kategorien schat sie ihre eigenen Objekte. - An diesem Punkt scheint weder Clausewitz’ hierarchisch angeordnete noch de Certeaus als Gegensatz bestimmte Beziehung zwischen Strategie und Taktik sinnvoll 20 UMKÄMPFTE INTERVENTIONEN. EINE KRIEGSTOPOGRAPHIE. zu sein. Die beiden letzteren sind vielmehr unterschiedliche Operationsformen. Die Strategie ist sogar in ihrer einfachsten Form auf die Vervollständigung durch die Tak- tik angewiesen. Damit wird die seit den 1980er Jahren Positionierung der Taktik als oppositionell problematisch. Im Zusammenhang mit der Stadterneuerung kann man beobachten, dass die Opposition versucht hat, strategisch vorzugehen, während in der Stadterneuerung als Herrschatsmechanismus die Akteure sehr ot auf Taktiken zurückgreifen mussten. Diese Arbeit versucht nicht einem von beiden den Vorzug zu geben. Vielmehr rut sie dazu auf, die als gegeben angenommenen Kategorien nochmals zu überprüfen. 2 . 3 . DA S B IO TA K T I S C H E Zum Abschluss möchte ich mir einige Praktiken in Ayazma und Sulukule anschauen, bei denen mir aufgefallen ist, dass sie in keine der beiden oben beschriebenen Kate- gorien passen. In Ayazma, einem der ersten Projektviertel der Stadterneuerung, haben die Mieter keine Optionen präsentiert bekommen und wurden von der Verwaltung, wie auch den Hausbesitzern vom Prozess komplett ausgeschlossen. (Aydın 2009) Nach der Räumung in Ayazma sind die Gecekondus abgerissen worden, einige Mieter haben bei Bekannten Unterkunt gefunden. Jene Mieter, die niemanden hatten, haben sich mit dem Bauschutt im Abrissgebiet Baracken aufgebaut und versucht ihr „alltägli- ches Leben“ fortzuführen. Diese Baracken wurden zweimal abgerissen, wobei mit ernsthater Gewalt vorgegangen wurde. Dass die Menschen am Punkt ihrer Niederlage ihr alltägliches Leben weiterzuführen versuchten ist – obwohl es nicht so gedacht war – von der Gemeinde als groß angelegter Widerstand erachtet worden. Mit dementsprechender Gewalt ging sie auch gegen die- sen Widerstand vor. Dieser Widerstand, der später in Zelten fortgeführt wurde, endete, als die Mieter in die Wohnungen der TOKI in Bezirganbahçe einquartiert wurden. Der Unterschied dieses Ereignisses ist nicht, dass es mit Erfolg endete, sondern ihr einholender Charakter: Auf dem ersten Blick scheint die Stadterneuerung von dem eingeholt zu werden, was sie bekämpt – der „Ur“-Form des Gecekondus, die sie in den Städten ausrotten möchte. Aber die Bedeutung dieses Ereignisses geht darüber hinaus, denn die einholende Sache ist nicht das Band zwischen Verwaltung/Privatkapital und Gecekondu-Bewohner – das zu säubernde und auszuschreibende Grundstück konnte ja nicht gesäubert werden. Was an diesem Ereignis tatsächlich wichtig ist, ist der bio- politische Charakter der derart enthüllten Politik: Die tiefgreifende Umwandlung, in der der Alltag mit der Ausnahme zur Deckung kommt und der Bürger vom animal laborans (Arendt 1998) der frühen Gecekondu-Phase zum homo sacer (Agamben 1998) wird. Der „Widerstand“ der Opfer von Ayazma lässt genau das zutage treten. Es hat den 2 K R I E G V E R S U S A L LTA G 21 Abb.12: gesamten, aus Strategien und Taktiken geformten Prozess plötzlich unterbrochen. Es ist Baracken in Ayazma. an dem Punkt, an dem alle Optionen ausgeschöpt waren, also am Punkt der komplet- AYAZ M A M AGD UR LA R I . WOR D PR E SS.COM ten Niederlage, aus Notwendigkeit hervorgegangen. Es ist ein Kampf ums Überleben, es ist aber auch so weit Alltag, als Kinder vorbereitet und in die Schule geschickt wer- den. Hier wird klar, dass dieses Ereignis weder innerhalb noch außerhalb des Systems ist, sondern genau an seiner Grenze stattindet. Es zeigt damit den eigentlichen Gehalt des Systems auf, es zwingt das System zur Konfrontation mit es selbst. Es passt weder in Subjekt-Objekt-Kategorien, noch in das Schema des „Willens zur Macht“ – es zeigt vielmehr den Bedeutungsverlust dieser Kategorien auf: denn nor- malerweise macht die Macht jene, die sie unterwirt, zu Subjekten. (Subjektivierung) Bei diesem Ereignis zeigt sich, dass die Macht subjugiert, also unterwirt, ohne zu subjektivieren. (Vgl. Agamben 2007) Die Macht ist taktisch geworden, sie hat eine kurzfristige taktische Marktlogik übernommen und den Körper des Alltags und des- sen „eigentlichen“ Raum, das „Haus“, zum Zentrum der Politik gemacht und damit die Politik in das Regieren des biologischen Lebens verwandelt. Im Regieren nach Marktlogik setzt es verschiedene Strategien und Taktiken ein, wobei disziplinieren- de Räume nur eines davon darstellen. Problematisierungen, die nur disziplinieren- de Räume thematisieren, müssen deshalb unzureichend bleiben. In diesem Ereignis inden sich vielleicht auch die Spuren dafür, dass die „Handlungsmacht“ im gleichen biopolitischen Raum beginnt, also im biologischen Körper und im Alltag, der mit dem Ausnahmezustand zur Deckung kommt. In Sulukule hingegen haben die Mieter das Recht auf eine „Sozialwohnung“ in Taşoluk erhalten. Dieses Recht wurde auf die Anwesenheit im Gebiet während einer Umfrage im Viertel gebunden. Aus diversen Gründen wurden 400 Mieter von diesem Recht ausge- schlossen. Die Mieter, die ohnehin verloren haben, haben die Wahrscheinlichkeit, dass sie in ihren alltäglichen Praktiken und Biographien durch oizielle Stellen erfasst sein könnten, in ein bürokratisches Instrument verwandelt. Um den Nachweis zu bringen, dass sie im genannten Zeitraum Mieter waren, haben sie die Beziehung eines ihnen fremden „oiziellen“ Bereiches mit ihrem Leben genutzt. Damit hat es die Form und den Gehalt einer weiter gefassten Beziehung ofengelegt: Die Beziehung zwischen dem 22 UMKÄMPFTE INTERVENTIONEN. EINE KRIEGSTOPOGRAPHIE. Recht und der physischen Anwesenheit des Körpers. Souveränes Recht und biologischer Abb.13+14: Körper. Darauf wird später noch einmal detaillierter eingegangen. Polizisten, die während der Abrissarbeiten in Ayazma eine Kette vor den Bewoh- Diese Situation können wir provisorisch das Biotaktische nennen. Wenn wir sie formal nern bilden. betrachten, mag es vielleicht plausibel erscheinen, sie einfach als Taktiken anzusehen. AYA ZMA M AG D U RLA RI . WO R DP R E SS .CO M Aber auch wenn sie Taktiken ähnlich sehen, stützen sie sich nicht auf den Missbrauch der Mittel, sondern auf deren pure Form. Sie legen ihre Genealogie ofen: Baracken/Zel- te/Besetzung sind hier nicht taktisch eingesetzt worden. Ähnlich in Sulukule: Die Ver- wendung eines, aus der unvermeidlichen Beziehung mit der Bürokratie entstandenem Dokument zum Nachweis des Aufenthaltes im Gebiet um einen Rechtsanspruch einzu- fordern, verweist auf die eigentliche, pure Form und Funktion dieses Dokuments – der Fixierung des biologischen Körpers in einer Raum/Zeit-Achse. Diese Enthüllung oder genealogische Konfrontation ist unvorhersehbar, und geht über eine genutzte Gelegen- heit – und sei es als taktische Praxis – hinaus, entsteht aus der Erschöpfung aller sonsti- gen Möglichkeiten und ist begründet in einer biopolitischen Beziehung. Es beginnt dort, wo gedacht wird, dass Widerstand und Handlungsmacht enden. Sie indet nicht mit den Mitteln oder im Feld des Souveräns statt, sondern geschieht vielmehr an den konstituie- renden Grenzen des Souveräns. 2 K R I E G V E R S U S A L LTA G 23 Abb. 15: Visualisierung des Derbent-Stadterneuerungsprojektes. Arima Mimarlik, 2014. 24 UMKÄMPFTE INTERVENTIONEN. EINE KRIEGSTOPOGRAPHIE. 3. URBANE RE/STRUKTURIERUNGEN - Akteure und rechtliche Ordnungen der Stadterneuerung Die Stadterneuerung ist eigentlich ein Phänomen der 2000er Jahre. Die Diskussion haben aber schon früher begonnen15 und die ersten Umsetzungen in den 1990er Jah- ren angefangen. Die Vorgänger der Stadterneuerung in der Türkei sind in Ankara umgesetzt worden: In einigen Gecekondu-Vierteln wurden kleine Parzellen zusam- mengefasst und in einem public-private-partnership zwei Projekte aufgezogen – die Portakal-Çiçeği-Vadisi (Orangenblumental) und die Dikmen-Vadisi (Dikmen-Tal). (Göksu 2006: 42-43)16 In den 2000er Jahren setzt sich dann die Stadterneuerung als vorrangige Stadtpolitik in der Agenda von Staat und Stadtverwaltungen durch, und ersetzt sogar gänzlich herkömmliche Stadtplanungsinstrumente. Die Stadterneue- rung hat in der Türkei die gewohnte kleinparzellig ausgerichtete Gliederung durch eine von wirtschatlich und räumlich größer dimensionierten Projekten dominierte Re-/Strukturierung ersetzt. Als Hauptgründe für die Stadterneuerung werden neben dem seit dem Marma- ra-Erdbeben vom August 1999 wieder aktuellen hemas des Katastrophenrisiko, der Bedarf an qualitativ hochwertigen Wohnungen, die ungeplante Urbanisierung und 3 URBANE RE/STRUKTURIERUNGEN 25 der Schutz des historischen Erbes genannt. Die unter dem Begrif „ungeplante Ur- banisierung“ zusammengeführten Phänomene – das unter dem Druck einer schnel- len Urbanisierung zustandegekommene „schlechte“, dichte urbane Gelecht und der „qualitätslose“ Baubestand, der wirtschatliche und soziale „Niedergang“ und das Ansteigen von Kriminalitätsraten in manchen urbanen Gebieten – wurden in vielen akademischen und städtebaulichen Diskursen zur Sprache gebracht, so dass die Stad- terneuerung ausgereite Argumente zur Hand hatte. Daneben wird als Begründung angeführt, dass die globale Konkurrenzfähigkeit und das Potential im Netz globaler Städte Investitionen an Land zu ziehen, die Städte dazu zwinge, sich solchen neuen Funktionen entsprechend neu zu gestalten. Formen Eine grobe Kategorisierung der Interventionen, die unter dem Namen Stadterneue- rung laufen, könnte wie folgt aussehen: 1. Transformation der Gecekondus: Gecekondus sind in den 1950er Jahren an der städtischen Peripherie ungeplant entstanden und haben nach den Amnestien nach 1980 eine vertikale Verdichtung durchgemacht. Işık (Vgl. 1995: 45) zufolge ist es ei- nes der größten urbanen Probleme, dass diese Transformation bis heute mithilfe des Kleinkapitals, mit minderwertigen Materialien und „unqualiizierter“ Arbeitskrat durchgeführt wurde und auf Parzellenbasis aneinandergereihte Bauten entstanden sind. Dieses Gelecht ist für städtische Dienstleistungen und Investitionen unzurei- chend bzw. nicht hochwertig genug und hat somit in den Städten „Risikobereiche“ entstehen lassen. (Balamir 2005) Die Projekte, die zu der Transformation der Gece- kondus gezählt werden können, sind nach der Verabschiedung des „Katastrophenge- setzes“ im Jahr 2012 in eine neue Phase übergegangen. 2. Urbane Erneuerung: Urbane Restrukturierungen in Gebieten, die im historischen Stadtkern liegen, wo vorwiegend ärmere Bevölkerungsschichten leben und die Ge- bäude physisch abgenutzt sind. Diese Gebiete konnten nicht wie andere Bereiche seit den 1980ern über Gentriizierungsprojekte oder markteigene Dynamiken von sich aus gentriiziert werden. 3. Städtische Projekte der öfentlichen Hand: Städtische Projekte der öfentlichen Hand sind in einer breiten Palette vorzuinden. Sie reichen von Infrastruktur- bis zu Wohnbauprojekten und sind unmittelbar mit den beiden oberen Punkten verbun- den. Infrastrukturprojekte in der urbanen Geographie schafen eine Wertverände- rung der betrofenen Gebiete. In diesem Sinne kann z.B. ein Gecekondu-Viertel, dass zuvor schwer zugänglich war, in kurzer Zeit eine Wertsteigerung erfahren und die Interessen des privaten Sektors wecken. Oder es kann die Inhalte und die Motivatio- nen der Restrukturierungsprojekte der öfentlichen Hand verändern und das Ziel auf 26 UMKÄMPFTE INTERVENTIONEN. EINE KRIEGSTOPOGRAPHIE. gewinnbringende Investitionen hin ausrichten. Neben den genannten Infrastruktur- Abb.16: (links) projekten sind noch großangelegte Wohnbauprojekte in der städtischen Peripherie Stadterneuerungsprojekt Kartal, Zaha Hadid, 2006. zu nennen. Als Beispiele kann das mit Kosten von 4 Milliarden Dollar errichtete Kayabaşı-Projekt genannt werden, eine Satellitenstadt mit 60.000 Wohnungen und Abb.17: (rechts) Stadterneuerungsprojekt 250.000 Einwohnern. In diesem, in der Peripherie errichteten Baubestand wurden Kücükcekmece, Kean teilweise jene verarmten Mieter oder Grundstückseigentümer untergebracht, die von Yeang, 2006. den Erneuerung der o.g. beiden Kategorien betrofen waren, und weder als Mieter noch als Teilhaber Teil dieser Stadterneuerungsprojekte sein konnten. 4. Wohnungs- und Wirtschatsbauprojekte des privaten Sektors: Der private Sek- tor wurde über public-private-partnership-Modelle in die Projekte der ersten beiden Kategorien miteinbezogen. Hier wurden v.a. Wohnbauten für die gehobene Mit- tel- und Oberschicht, Einkaufszentren, Bürogebäude und innerstädtische, mehrere Funktionen vereinigende hybride Projekte entwickelt. Innerstädtische öfentliche Flächen wurden umgewidmet und für den privaten Sektor ausgeschrieben, so z.B. die Grundstücke des Ali-Samiyen-Stadions, der Blindenschule, der Polizeischule, etc. Viele Gecekondu-Viertel waren bereits dem Druck des privaten Sektors ausgesetzt; so z.B. durch viele festungsähnliche Gated-Community-Bauten an den unmittelba- ren Grenzen von Gecekondu-Vierteln.17 Andererseits gab es die Erwartung vom Staat städtische Baulächen zu schafen. (Esen 2009) Das Ayazma-Tepeüstü-Stadterneue- rungsprojekt ist ein gutes Beispiel dafür, wie der Staat städtische Flächen von Gece- kondus und der sonstigen ansässigen Bevölkerung „säubert“ und privaten Unterneh- mern für Luxusprojekte ausschreibt. 5. Prestigeprojekte: Auch diese Projekte müssen in zwei Unterpunkte gegliedert werden: Zum einen werden innerstädtische Industrie- oder Transportlächen funk- tionell neu konzipiert. Als Beispiele können dafür folgende Projekte genannt wer- den: das Galataport-Projekt, das von Tophane bis zu Karaköy reicht; das Haydar- paşaport-Projekt, das den ehemaligen gleichnamigen Bahnhof und seine Umgebung miteinschließt; die Neukonzipierung der Fläche der ehemaligen Wert in Haliç. Zum anderen gibt es sehr großlächige Umstrukturierungsprojekte einerseits im anatoli- 3 URBANE RE/STRUKTURIERUNGEN 27 schen Teil Istanbuls, das Kartal-Pendik-Projekt und im europäischen Teil das Küçü- kçekmece-Projekt, die beide neue städtische Zentren werden sollen. Diese Großpro- jekte sind in internationalen „Wettbewerben“ ausgeschrieben worden und sollen als urbane Nebenzentren das städtische Zentrum selbst entlasten. 6. Die “wahnwitzigen“-Projekte: Im Jahr 2011 wurden im Zuge der Wahlkampagne der Regierungspartei eine Reihe von großangelegten Projekten der Bevölkerung vor- gestellt. Das spektakulärste davon ist der Istanbul-Kanal, ein parallel zum Bosporus angelegter Kanal zwischen dem Marmarameer und dem Schwarzen Meer. Weitere Projekte, die in diese Kategorie fallen, sind der dritte Flughafen in Istanbul, mit dem die dritte Brücke über den Bosporus zusammenhängt und zwei neue Städte im Nor- den Istanbuls, einmal auf der europäischen und einmal auf der anatolischen Seite. Die gesamte Forschungsarbeit umfasst die ersten beiden Kategorien. In diesen beiden Kategorien wurden in ganz Istanbul mehr als hundert Projekte durchgeführt, bzw. an- gekündigt. (Çalışkan et al. 2012)18 In dieser Arbeit wurden nur zwei Beispiele aus der zweiten Kategorie detailliert behandelt. Obwohl die anderen Kategorien teilweise un- mittelbar, teilweise indirekt auf die ersten beiden Kategorien mit einwirken, wurden nur einige, einander tangierende Beispiele genannt und auf eine ausführliche Beschrei- bung verzichtet. Zweifellos müsste insbesondere in Istanbul auf die Interventionen in ihrer gesamten Komplexität eingegangen werden, da v.a. in den letzten Jahren Istanbul zum Schauplatz immer weitreichenderer Interventionen und immer breiter werdender Opposition dazu geworden ist. Das würde aber den Rahmen dieser Arbeit übersteigen. Probleme der Periodisierung Die türkische Geschichtsschreibung zur Verstädterung teilt klassischerweise die städ- tische Geschichte in drei Phasen ein: Von der Gründung der Republik Türkei bis zum Übergang zum Mehrparteiensystem, von dort bis zum Putsch 1980 und vom Putsch bis in die 2000er Jahre. Es gibt je unterschiedliche Bezeichnungen für diese Phasen und teilweise auch weitere Untergliederungen. Die seit den 2000er Jahren einsetzen- de Umwandlung der Stadtpolitik wird von manchen als die Fortführung des seit dem Putsch von 1980 einsetzenden Liberalisierung betrachtet, von anderen hingegen als eine neue Phase im Bereich der Politik wie auch der Stadtgestaltung angesehen. Es ist aber hilfreich, sich der Periodisierung der Stadtpolitik mit Vorbehalt zu nähern. So geht z.B. Şentürk in seiner detaillierten Dissertation zu städtischen Interventionen in Istanbul davon aus, dass es eine Kontinuität dieser Interventionen seit dem Osmani- schen Reich, ja sogar seit der Gründung dieser Stadt, gibt. So wurde z.B. in den städ- tischen Interventionen seit den 1950ern Jahren in der Menderes-Zeit die vorher ent- wickelten Proust-Pläne angewandt; und nach 1980 wurden die Ende der 1970er Jahre gefassten Beschlüsse umgesetzt. Şentürk zufolge sind die städtischen Interventionen jeweils mit ähnlichen Vorstellungen von städtischem Raum durchgeführt worden, 28 UMKÄMPFTE INTERVENTIONEN. EINE KRIEGSTOPOGRAPHIE. allein die Geschwindigkeit der Umsetzung habe sich mit der politischen Durchset- zungskrat der jeweiligen Regierung verändert. Von Konstantin bis Mehmet II., von Mustafa Kemal bis Adnan Menderes hat sich Istanbul immer parallel zum politi- schen Willen entwickelt. Şentürk sieht dabei einen Konlikt v.a. darin, welche Identi- tät dieser Stadt aufgeprägt werden soll. (Şentürk 2011: 481f) Aber Interventionen in den städtischen Raum formen nicht nur die Stadt, sondern versuchen auch Lösungen für „Probleme“ zu inden, bringen dabei neue administrative Visionen hervor und schafen neue Subjektivitäten. Egal ob die 2000er Jahre nun ein Wendepunkt oder doch nur die Verdichtung vorangegangener Politiken sind, die hervorgegangenen neuen politischen Handlungsräume und die neu geschafenen Subjektivitäten sind die eigentlichen Kernproblematiken, denen sich aber diese Arbeit leider nicht wid- men kann.19 Aber bei der Untersuchung verschiedener Strategien und Taktiken wird es möglich werden, Hinweise auf die o.g. tiefgreifenden Veränderungen zu erhalten. 3.1. AKTEURE 3 . 1 . 1 . Ö F F E N T L IC H E A K T E U R E 3.1.1.1. Zentralregierung Neben dem Erlass für die Stadterneuerung benötigter Gesetze und Verordnungen, ist die Zentralregierung v.a. deswegen von überragender Bedeutung, weil Zustimmun- gen zu städtischen Erneuerungen und Deklarationen von Risikogebieten einerseits und dringliche Verstaatlichungsentscheidungen andererseits von dem Entschluss des Ministerrats abhängen. Auch wenn die unmittelbare Befugnis zur Stadterneuerung zunächst den Gemein- den übertragen wurde, ist mit der Stärkung von Akteuren wie der staatlichen Wohn- baubehörde (Toplu Konut İdaresi – TOKI) und der Schafung des “Ministeriums für Umwelt und Stadtplanung” der Großteil der Befugnisse wieder in der Zentralregie- rung gebündelt worden. V.a. eine Reihe von Maßnahmen der Regierung, die sie im Rahmen der “Wohnbauinitiative” gesetzt hat, hat die Beziehung zwischen dem Staat, der Verstädterung und dem Wohnbausektor verändert. Zunächst und zuvorderst hat der Staat zum ersten Mal als Wohnungsproduzent eine “gänzlich neue Herangehens- weise” entwickelt. (Özdemir 2011: 1100) Diese Rolle wurde mithilfe der bereits beste- henden, aber nun mit besonderen Befugnissen ausgestatteten TOKI erfüllt. Außerdem gibt es noch eine Reihe anderer zentralstaatlicher Akteure, wie z.B. den Erneuerungsausschuss, der Erneuerungsprojekten zustimmen muss oder die Son- derprovinzialverwaltung, die in Bereichen außerhalb von Gemeindezuständigkeiten mit der Stadterneuerung beautragt wird. 3 URBANE RE/STRUKTURIERUNGEN 29 Toplu Konut İdaresi – TOKI (Staatliche Wohnbaubehörde) Der wichtigste Akteur der Stadterneuerung ist die von der Zentralregierung mit neuen Befugnissen ausgestattete und gestärkte Wohnbaubehörde (TOKI). Die TOKI wurde 1984 mit dem Ziel gegründet, Lösungen für die mit einer rasanten Verstädter- ung einhergehenden Wohnungs- und Urbanisierungsprobleme zu inden.20 Noch im Gründungsjahr wurde mit dem Wohnbaugesetz Nr.2985 ein Wohnbaufonds außer- halb des normalen Budgets eingerichtet, um Wohnbauprojekte inanzieren zu kön- nen. 1990 wurde sie untergliedert in zwei Unterbereiche: der Wohnbauabteilung und der Abteilung für öfentliche Beteiligung. 1993 wurde der Wohnbaufonds wieder in das allgemeine Budget eingegliedert und die Mittel dadurch reduziert. Schließlich wurde der Fonds 2001 komplett abgeschat und die Wohnbaubehörde von Zuschüssen abhängig. Von ihrer Gründung bis zum Jahr 2002 hat die Wohnbaubehörde 950.000 Woh- nungen inanzielle Unterstützungen gesichert und auf ihren eigenen Grundstücken 43.145 Wohnungen selbst errichtet. Sie hat aber ihre ursprüngliche Mission, Woh- nungen für untere Einkommensgruppen, nicht erfüllen können. (Kahraman 2013: 35) Dass die TOKI Ende der 1990er Jahre ihre soziale Ausrichtung verloren hat, war Grund für breite Kritik. (Pérouse 2013a: 83) Balaban zufolge ist die TOKI stattdessen zum wichtigsten Faktor im Wachstum des Bausektor seit den 1980er Jahren gewor- den. (2011: 23) Schon bei ihrer Gründung war die TOKI darauf ausgerichtet, den Bausektor zu fördern, indem sie den Wohnbau gefördert hatte. Sie sollte damit die Arbeitslosenrate senken und die Wirtschat im allgemeinen fördern. Die wichtigste Entwicklung machte die TOKI im Jahr 2003, in dem die damals neu gewählte Regierung im Rahmen ihrer Sofortmaßnahmen eine Wohnbauinitiative gestartet hatte, in der „Maßnahmen in allen Bereichen des Wohnungsbaus und in Angelegenheiten der Urbanisierung erforderlich“ sein würden.21 In der Folge dieser Initiative hat die TOKI bis zum Jahr 2015 670.000 Wohnungen gebaut und plant, diese Zahl bis zum Jahr 2023 auf eine Million zu vervollständigen.22 In der TOKI do- miniert seither ein politischer Erfolgsdruck, der auf Geschwindigkeit und Quantität basiert. (Çavdar 2011: 60) 2003 wurde mit dem Gesetz Nr.4966 Änderungen eingeführt, die den Aufgabenbe- reich der TOKI ausdehnen. Die TOKI hat seitdem ganz neue Aufgabengebiete, wie Wohnbauunternehmen zu gründen bzw. sich an bereits bestehenden Unternehmen zu beteiligen; Wohnbauprojekte, Projekte für die Umstrukturierung von Gecekon- du-Vierteln und Projekte zum Schutz und Neuaubau des historischen Gelechts über Kredite zu inanzieren; Wohnbau- und Infrastrukturvorhaben im In- und Aus- land durchzuführen; gewinnbringende Projekte zur „Eigeninanzierung“ durchzu- führen; Infrastrukturprojekte, soziale Einrichtungen und Wohnungen in Naturka- tastrophengebieten zu errichten und zu fördern. Außerdem hat sie die Berechtigung erhalten, mit dem Antrag des betrefenden Ministers und des Finanzministers und der Erlaubnis des Premierministers staatliche Grundstücke kostenlos zu erwerben. 30 UMKÄMPFTE INTERVENTIONEN. EINE KRIEGSTOPOGRAPHIE. Mit der Schließung der öfentlichen Immobilienbank im Jahr 2001 sind dazu noch ein Teil der Vermögenswerte dieser Bank der Wohnbaubehörde TOKI übertragen worden. Diese Vermögenswerte konnten aber erst dann verwaltet werden, nachdem die TOKI eine Privatgesellschat gegründet hatte – die Emlak Konut GYO. (Pérouse 2013a: 84) 2004 wurde die Grundstücksbehörde geschlossen und ihre Befugnisse in der TOKI eingegliedert. Der TOKI wurde 2004 das Recht zugesprochen, in Gecekondu-Vierteln in jedem Maßstab Bauten durchzuführen bzw. durchführen zu lassen und das Ei- gentum von natürlichen und juristischen Personen zu verstaatlichen.23 Das in ihrem Eigentum beindliche Grundstücksläche ist von 16,5 Millionen auf 194 Millionen Quadratmeter gestiegen und die TOKI zum wichtigsten Planungsinstitut des Staates überhaupt geworden. (Çavuşoğlu and Yalçıntan 2010) Außerdem ist mit der Aulassung des Staatssekretariats für Wohnbau und der Ge- neraldirektion der Grundstücksbehörde und schließlich mit der Herausnahme der TOKI von dem Gesetz für öfentliche Ausschreibungen und der inanziellen Kon- trolle des Rechnungshofs der öfentlichen Kontrolle entzogen worden. Als einzige Kontrollinstanz ist der Staatliche Aufsichtsrat übriggeblieben. (Eşkinat 2012: 163) Mit dem Ziel, Wohnbauprojekte für die Unter- und Mittelschicht zu inanzieren, hat die TOKI angefangen, gewinnorientierte Wohnbauprojekte mit Modellen der „Ge- winnbeteiligung“ zu beginnen. (Balaban 2013: 64) Bei Grundstücken mit hohem Spekulationswert erhöht die TOKI mit den aus- schließlich ihr zugestandenen Baurechten die Bebauungsrechte, und überträgt die- se zur „Ertragsbeteiligung“ an private Unternehmen. Wohnbauten in diesem Sinne sind zu 90% in Istanbul vorzuinden. (Kahraman 2013: 39) Solche Projekte führt die TOKI mit Unternehmen, wie der in ihrem Besitz beindlichen Emlak Konut GYO, durch. Sie wird wegen ihrer Monopolisierungstendenzen kritisiert. (Pérouse 2013a: 92) Aber auch im allgemeinen agiert die TOKI nicht wie eine klassische öfent liche Einrichtung, sondern vielmehr wie ein „Wirtschatsunternehmen“ (Penpecioğlu 2011: 67) – das wird auch daran deutlich, dass sie seit den 2000er Jahren zur „größten produzierenden ‚Firma‘“ (Şen 2010: 320) aufgestiegen ist. Mit einer Gesetzesänderung im Jahr 200824 hat die TOKI die Befugnisse erhalten, in Gecekondu-Erneuerungsgebieten Pläne in allen Formen und Größenordnungen zu erstellen, erstellen zu lassen oder zu verändern. Zwei Paragraphen, die dem gleichen Gesetz hinzugefügt wurden, erlauben der TOKI Erneuerungsprojekte durchzuführen, die mit Erdbebenrisiken zusammenhängen25, und übertragen dafür staatliche Immobi- lien in ihren Verfügungsbereich.26 Während vorher nur öfentliche Wohnbauprojekte außerhalb des Gesetzes zur öfentlichen Ausschreibung standen, stehen seit 2011 alle Bauauträge außerhalb des Wohnbaubereiches außerhalb dieses Gesetzes. Die TOKI, die auch im Ausland viele Projekte betreibt, ist nicht nur im Wohnbau tätig. Vom Stadium zum Krankenhaus, vom hemenpark zum Gendarmerieposten ist sie in fast allen Baubereichen aktiv. (Pérouse 2013a: 85) 3 URBANE RE/STRUKTURIERUNGEN 31 Abb.18: 3.1.1.2. Kommunalverwaltungen Der Bürgermeister von In den ersten Phasen sind die wichtigsten entscheidenden und durchführenden Ak- Istanbul bei der Internati- onalen Immobilienmesse teure die Gemeinden. In der Verordnung zum Nord-Ankara-Portal-Stadterneuerungs- in Cannes, 2013. Vorne projekt (2006) wurde sowohl die Planungs- als auch die Projektzustimmung der Ge- im Bild das Modell des meinde Ankara zugestanden. In Gesetzen zu Gemeinden und Großstadtgemeinden27, Stadterneuerungsprojekt Derbent. haben diese die Berechtigungen erhalten, Stadterneuerungsprojekte durchzuführen. WWW. I B B.G OV.T R Stadterneuerungsgebiete werden mit der absoluten Mehrheit des Gemeinderates de- klariert. Darüber hinaus haben sie im Stadterneuerungsprozess verschiedene Rollen: Die Gemeinde von Kücükçekmece hat z.B. in Ayazma die Räumung des Gebietes und den Abbau der Gecekondus durchgeführt und die Baulächen der TOKI übergeben. Die Gemeinde von Maltepe hat für die Erneuerungsgebiete Gülsuyu-Gülensu die Planung durchgeführt. Die Gemeinde von Beyoğlu hat im Erneuerungsprojekt in Tarlabaşı unternehmerisch gehandelt, um Privatkapital anlocken zu können und später als Me- diator zwischen „Partnern“ agiert. So wie die Rollen der Gemeinden unterschiedlich ausfallen können, so ändern sich auch die angewandten Strategien in den Stadterneue- rungsprojekten, in denen diese Gemeinden Initiative zeigen. Mit der Gründung des Ministeriums für Umwelt und Stadtplanung und des danach erlassenen Gesetzes zum Katastrophenschutz zeigte sich wieder eine Tendenz zur Zentralisierung der Entscheidungs- und Durchführungsbefugnisse für die Stadter- neuerung. Die Institutionen der Zentralverwaltung sind in vielen Bereichen stärker geworden, die ehedem den Kommunalverwaltungen überlassen waren, und sind schließlich in die Lage gekommen, Gemeinden gänzlich zu umgehen. Mit dem Ge- setz zum Katastrophenschutz sind die Gemeinden sogar von der Beautragung durch das Ministerium für Umwelt und Stadtplanung abhängig geworden. 28 In dieser Situa- tion ist es dem Ministerium z.B. möglich geworden, eine regionale Stadtgemeinde zu übergehen und dafür die nächstzuständige Großstadtgemeinde zu beautragen, bzw. überhaupt die TOKI zu ermächtigen. Das Planungsbüro Metropolregion Istanbul (IMP) In der Stadterneuerung in Istanbul hingegen können sogar private Unternehmen Rollen übernehmen bzw. Einluss ausüben. Ein privatwirtschatlich organisiertes 32 UMKÄMPFTE INTERVENTIONEN. EINE KRIEGSTOPOGRAPHIE. Unternehmen der Gemeinde Istanbul, das Planungsbüro Metropolregion Istanbul (Istanbul Metropoliten Planlama – IMP) hat z.B. die Landschatsplanung im Maß- stab 1:100.000 in Istanbul erstellt. In diesem Plan werden die allgemeinen Entwick- lungsstrategien der Stadt bestimmt. Dieser 2009 gebilligte Plan, richtet den Haupt- strang der „notwendigen“ Restrukturierung Istanbuls auf das Modell der „globalen Stadt“ aus und legt die neu zu strukturierenden Punkte fest. Eine der wichtigsten Entscheidungen ist die ohnehin bereits ansetzende Dezentralisierung der Indust- rie in die Marmara-Region vorzunehmen und Wirtschatssektoren im Bereich der Dienstleistungen, der Finanz, der Wissensproduktion, der Kommunikation und des Transports dichter im innerstädtischen Raum anzusiedeln. Dieser Plan ist aber kurze Zeit später durch die Pläne der Regierung, eine dritte Brücke über den Bosporus zu bauen, durchkreuzt worden. (Karabey 2010) Neben der Festlegung von Stadterneu- erungsgebieten hat dieser zwei große Erneuerungsprojekte vorgesehen: Die beiden urbanen Entwicklungszentren Kartal/Pendik und Kücükcekmece. Für diese Projekte wurden in internationalen Wettbewerben Stararchitekten eingeladen.29 Das von der gleichen Institution vorbereitete Erneuerungsprojekt in Süleymaniye wird auch un- ter Beteiligung einer Reihe von Institutionen und Firmen im Besitz der Gemeinde durchgeführt. KİPTAŞ (İstanbul Konut İmar Plan Sanayi ve Ticaret A.Ş./Istanbul Wohnbaupla- nungs-, Industrie- und Handels-AG) Eine weitere Institution, die Istanbul neu strukturiert ist die KİPTAŞ, eine privat- wirtschatlich organisierte Firma der Großstadtgemeinde Istanbul. KİPTAŞ ist nach dem Vorbild der TOKI unter dem Bürgermeister Erdogan neu strukturiert worden und wurde unter die Leitung von dem späteren Vorsitzenden der TOKI und ersten Minister für Umwelt und Stadtplanung, Erdoğan Bayraktar, gestellt. Das Anwen- dungslabor der damaligen KİPTAŞ, der Bezirk Başakşehir, scheint noch immer als Modell für die TOKI zu dienen. Der Gründungszweck der KİPTAŞ, die als Modell für die TOKI der 2000er Jahre dienen sollte, war – wie die Journalistin Ayşe Çavdar aus ihren Gesprächen erfuhr – Istanbul von der „Gecekondisierung“ zu befreien und die Bevölkerung vor „Bau-und-Verkaufe“-Unternehmen und Genossenschaten, die die Stadt in planloses Chaos versinken lassen und die „Menschen für ihre eigenen spekulativen Gewinne betrügen“, zu schützen. (Çavdar 2011: 55f) Die anfängliche Vision in Başakşehir, nämlich Sozialbauten und Villen zu errichten, damit „Arm und Reich zusammen leben“ sollten (Çavdar 2011), wurde allmählich vom heutigen Modell der segregierten und verschlossenen Stadt verdrängt. KİPTAŞ hat in den letzten 15 Jahren in Istanbul 50.000 Wohnungen errichtet. (Çavuşoğlu and Yalçıntan 2010) Das wichtigste Projekt, an das heute noch die KİPTAŞ beteiligt ist, ist das Süleymaniye-Erneuerungsprojekt im historischen Stadtkern auf der Halbinsel. 3 URBANE RE/STRUKTURIERUNGEN 33 3 . 1 . 2 . D E R P R I VAT E SE K T O R Neben Investoren, Konstrukteuren, Immobilienfonds, Finanzinstitutionen und weite- ren Akteuren übernehmen seit den 1980er Jahren große Bauunternehmen in dieser Kategorie die wichtigste Rolle. In den vorangegangen Perioden waren die Hauptakteu- re der städtischen Erneuerung kleine Bauunternehmer (Müteahhit), die v.a. auf schnel- le Verkäufe ausgerichtet waren. Diese wurden durch Immobilien-Investment-Partner- schaten (Gayri Menkul Yatırım Ortaklıkları – GYO) abgelöst, deren Entstehung durch den Ausbau der institutionellen Basis in den 1990ern und durch Zusammenbringung von größerem Kapital gefördert wurden. Das auf kleinteilige Parzellen ausgerichtete Geschät der kleinen Bauunternehmer dauert noch an, aber der Bausektor wird mitt- lerweile von großdimensionierten Projekten bestimmt. (Esen 2009) Die erste Immobilien-Investment-Partnerschaten (GYO) wurde 1996 auf der Ba- sis eines 1992 erlassenen Gesetzes gegründet, das dem Finanzkapital die Möglichkeit bot, in den von Großprojekten dominierten Teil des Immobiliensektor zu investieren. (Candan and Kolluoğlu 2008: 16) Die als GYO sich neu organisierenden Bauunterneh- men sehen sich nicht mehr als Müteahhit sondern benennen sich mit einer aus dem Englischen übernommen Bezeichnung als Immobilienprojektentwickler („Real Estate Developer“ – Gayrimenkul/ Konut gelistiricisi). Diese Unternehmen verlagern die ei- gentliche Bauarbeit auf eine unübersichtliche Subunternehmerkette und haben ihre ei- gentliche Aufgabe darin, Wohnprojekte als Waren zu vermarkten, das nötige Finanzka- pital aufzustellen, die politischen Beziehungen herzustellen und die Werbekampagnen für den Verkauf der Wohnungen zu organisieren. (Gülhan 2011: 31f) Dieser speziische Privatsektor ist seit den 2000er Jahren der wichtigste Akteur in der Stadterneuerung. (Penpecioğlu 2011: 66) Der Privatsektor übt Druck aus, um öfentliche Grundstücke für den Bau umwidmen zu lassen, an der Stadterneuerung zeigt sie jedoch kaum Interesse und bleibt unter den Erwartungen des Staates zurück. Das Interesse an wertvollen, pro- blemlosen und mit spezieller Bauwidmung versehenen Flächen übersteigt das Interesse an Stadterneuerungsgebieten – was darauf zurückzuführen ist, dass die Erneuerungsge- biete in gesetzlicher und eigentumsrechtlicher Sicht problematisch erscheinen und der Privatsektor sich nicht damit beschätigen will. Die nicht enden wollenden Aufrufe der TOKI-Leitung und der Bürgermeister, dass auch der „Privatsektor ihren Teil überneh- men muss“; der Versuch, durch neue Gesetze alle Probleme aus dem Weg zu räumen; der Umstand, dass die Entscheidungen in der Stadterneuerung noch vor der Bevölke- rung mit dem Privatsektor besprochen werden; das alles deutet auf den oben erwähnten Umstand hin, dass der Privatsektor nicht von sich aus Interesse an diesen Projekten zeigt. So ist denn auch - Özden zufolge - der Staat dazu aufgerufen, die nötigen Ent- scheidungen zu trefen und die notwendigen Schritte zu setzen, um den Privatsektor in diese Erneuerungsgebiete zu holen. Wo hingegen kein Gewinn in Aussicht steht, soll die öfentliche Hand investieren. (Özden 2007 zitiert in Üstün 2009: 121) Im Stadterneuerungsprojekt Ayazma beispielsweise hat der Privatsektor Interesse ge- zeigt, da die Bevölkerung zuvor umgesiedelt worden war und die Flächen dadurch 34 UMKÄMPFTE INTERVENTIONEN. EINE KRIEGSTOPOGRAPHIE. stark an Wert gewonnen hatten. Die umgesiedelte Bevölkerung hingegen wurde in Abb.19: neuen Wohnprojekten untergebracht, die von der TOKI gebaut wurden. Das Projekt Ein Zeitungsinserat von Ali Ağaoğlu, dem in Sulukule wurde von der TOKI erbaut, die Erneuerungsprojekte in Tarlabaşı und Immobilienentwickler Fener-Balat hingegen wurden ausgeschrieben, da sie trotz einiger Probleme hohe par exellence der 2000er Jahre. Auf dem Inserat spekulative Gewinne erwarten ließen. Trotzdem haben die größten Bauunterneh- steht: „In diesem Land hat men Istanbuls für diese Projekte nicht das nötige Interesse gezeigt, da trotz hoher JEDER das Recht, gut zu spekulativer Gewinnerwartungen das Projekt viele Ungewissheiten in sich barg und leben. Ali Ağaoğlu“ MUTLUKENT.WORDPRESS.COM aus eigentumsrechtlicher Sicht problematisch war. (Demirdizen 2009) 3.1.2.1. Der Finanzsektor Das nationale und internationale Finanzkapital ist über die Verschuldung sowohl der privaten Firmen als auch der einzelnen Wohnungskäufer in diesen Prozess als einer der wichtigsten Akteure integriert worden. Der globale Kapitalluss ist der bedeu- tendste Faktor in dieser hematik: Das ohnehin vorhandene Interesse des Finanz- sektors am Bausektor, die verschwindend geringen Zinsen für westliche und japa- nische Banken, die sich Kapital aus der Zentralbank leihen (Gürkaynak 2013: 13), die Garantie des Rücklusses des als Wohnkredit ließenden Kapitals durch das 2007 erlassene „Mortgage“-Gesetz sind wichtige Faktoren in diesem Zusammenhang. In der Begründung für das genannte „Mortgage“-Gesetz wird explizit erwähnt, „dass der Wohnbaumarkt unter die Kontrolle der internationalen Kapitalmärkte gestellt werden“, um das Problem illegaler Baustrukturen zu lösen.30 Das zeigt einerseits, wie groß das Interesse des Finanzkapitals am Bausektor ist und andererseits, dass der Staat versucht, das Kapital für seine eigene Agenda zu aktivieren. 3 . 2 . D I E STA D T E R N E U E RU N G L E G A L I SI E R E N Das erste Gesetz zur Stadterneuerung ist das 2004 erlassene Gesetz für das Stadterneu- erungsprojekt Nord-Ankara31, das speziell nur für dieses eine Projekt verfasst wurde. Das Gesetz regelt die Verwaltungsprinzipien, die Einkünte und die Finanzierung der 3 URBANE RE/STRUKTURIERUNGEN 35 Projekte im Umfeld der “Protokollstraße” – einer Straße, die den Ankaraner Flugha- fen Esenboğa mit der Stadt verbindet. Das Nord-Ankara-Stadterneuerungsprojekt und die Projekte im Rahmen des Erneuerungsgesetzes sind eine Art Laboratorium für die Stadtentwicklung geworden. Die Verordnungen der Verwaltung zur Lösung von autretenden Schwierigkeiten in diesen Prozessen haben sich auf spätere gesetz- liche Bestimmungen ausgewirkt. Wenn auch versucht wurde, ein allgemeines Gesetz zur Stadterneuerung zu erarbeiten, konnte in einem ersten Schritt nur ein Gesetz zum Schutz der historischen Stadtstruktur erlassen werden. Der „Gesetzesentwurf zur urbanen Transformation und Stadtentwick- lung“ vom März 2005 ist zwar ans Parlament gegangen, erhielt aber am Ende der par- lamentarischen Diskussionen einen neuen Namen und wurde im Juni 2005 als „Gesetz betrefend die schützende Erneuerung und den wiederbelebenden Gebrauch verfallener historischer und kultureller, unbeweglicher Güter“32 erlassen. Die Stadterneuerungsge- biete wurden auf die historisch und kulturell denkmalgeschützten Bereiche beschränkt und der Begrif der urbanen Transformation durch den Begrif Erneuerung ersetzt.33 Im Paragraph 73 des im Juli 2005 erlassenen Gemeindegesetzes34 wird zwar den Ge- meinden die Befugnis erteilt, Stadterneuerungsprojekte durchzuführen, es wird jedoch nicht detailliert beschrieben, nach welchen Kriterien Stadterneuerungsgebiete festzule- gen sind. Der nächste Schritt ist dann der „Gesetzesentwurf zu Erneuerungsgebieten.“ Dieser Entwurf wurde nicht zum Gesetz, aber Teile davon wurden in das 2008 erlas- sene Mantelgesetz35 aufgenommen. Das „Gesetz betrefend die Transformation von Katastrophenrisikogebieten“36, das 2012 erlassen wurde, wurde über alle anderen Stad- terneuerungsgesetze gestellt. Dieses Gesetz regelt die Erneuerungen in Katastrophenri- sikogebieten und in Grundlächen, auf denen risikobehatete Gebäude vorhanden sind. Das Gesetz behandelt das Risiko in zwei Dimensionen: „Risikogebiete“ und „Risiko- behatete Bauten“.„Risikogebiete“37 sind solche, in denen aufgrund der „Bodenstruk- tur“ und der „Bebauung“ ein Risiko für Leib und Leben besteht und Hab und Gut gefährdet sind. Wenn ein Gebiet oder ein Gebäude als riskant eingestut wird, was beim Gebiet durch einen Beschluss des Ministerrats erfolgen muss, hat das ernsthate rechtliche Folgen. Dieses Katastrophenschutzgesetz hat zwar mit den hier behandel- ten Erneuerungsprojekten in Sulukule und Tarlabaşı nicht unmittelbar etwas zu tun. Ein wichtiger Punkt für die Erneuerungsgebiete ist jedoch, dass dieses Gesetz im gegebenen Fall Regelungen anderer Gesetze – wie z.B. jene, die in den Bereich des Erneuerungsgesetzes fallen – auheben kann. 3 . 2 . 1 . DA S E R N E U E RU N G S G E SE T Z 3 8 Das Erneuerungsgesetz wurde in einer informellen Kooperation entwickelt, an der der Premierminister persönlich und die Bürgermeister der beiden zentralen histo- rischen Bezirke, in denen auch Sulukule und Tarlabaşı liegen, teilgenommen ha- ben. Das Anwendungsgebiet dieses Gesetzes sind „die durch die Kommissionen für 36 UMKÄMPFTE INTERVENTIONEN. EINE KRIEGSTOPOGRAPHIE. Kulturdenkmal- und Naturschutz zu Denkmal- oder Naturschutzgebieten erklärten Bereiche und die in diese Bereiche fallenden Schutzgebiete“. Das Gesetz bezweckt „Flächen für den Wohnbau, die Wirtschat, den Tourismus und Sozialeinrichtungen zu schafen, indem sie entsprechend der Entwicklung des Gebiets diese neu errichtet und restauriert; desweiteren bezweckt sie Vorkehrungen für Naturkatastrophenrisi- ken zu trefen, historische und kulturelle, unbewegliche Güter schützend zu erneuern und wiederbelebend zu gebrauchen.“39 Das Gesetz wurde kritisiert, weil es sich in Erneuerungsgebieten zu sehr auf die bauphysische Erneuerung konzentriert und die sozioökonomischen Dimension ausblendet. (Dinçer et al. 2008: 2) Die Befugnisse wurden den Gemeinden, der Großstadtgemeinde und – in Bereichen außerhalb der Gemeindezuständigkeit – der Sonderprovinzverwaltung zugeteilt. Dass die Sonderprovinzverwaltung Befugnisse erhalten hat, zeigt, dass nicht nur im städtischen Bereich, sondern auch im ländlichen Bereich Erneuerungen durchge- führt werden können. (Üstün 2009: 87) Die Bestimmung des Gebiets wird durch die einfache Mehrheit des Gemeinderats bzw. des Provinzparlaments beschlossen und durch den Ministerrat bestätigt.40 Die Verwaltungen erhalten sehr breit angelegte Be- fugnisse, was die Bestimmung der Erneuerungsgebiete anbelangt. Daneben gibt das Gesetz den Verwaltungen für die Durchführung von Erneuerungs- projekten sehr strategische Mittel in die Hand und hebt bestehende Hürden auf: Zunächst wird das bis jetzt in Schutzgebieten zur Anwendung gekommene Kultur- denkmal- und Naturschutzgesetz41 und die in diesem Rahmen agierende Regional- kommission für Kulturdenkmal- und Naturschutz „aufgehoben.“ (Aybek 2009) Das Zustimmungsrecht zu Erneuerungsprojekten wird mit dem Erneuerungsgesetz auf die noch zu gründenden Erneuerungskommissionen übertragen. Alle Prozeduren in Schutzgebieten im Rahmen des Schutzgesetzes sind in den Autoritätsbereich der Flächennutzungspläne zu Schutzzwecken übertragen worden. In Anwendungen in Schutzgebieten werden die Beziehungen zu übergeordneten Plänen aufgehoben und so die Hürden durch die Schutzvorschriten abgebaut. Während die als Hürden für die Stadterneuerung angesehenen Gesetze und Institutionen strategisch aufgehoben werden, ist die „Überzeugungsarbeit“ der Gemeinde gegenüber den Eigentümern taktisch dazwischen geschoben worden. Ein weiterer wichtiger Punkt ist folgender: Die zuständigen Verwaltungen können die Projekte selbst erstellen oder erstellen lassen; sie können das Projekt auch selbst in public-public- oder in public-private-partnerships umsetzen oder die Durchfüh- rung an andere staatliche Stellen (z.B. die TOKI) oder private Unternehmen weiterge- ben.42 Beispielsweise wurde in Sulukule das Projekt in einer public-public-partnership durchgeführt: Zwischen der Großstadtgemeinde Istanbul, der Gemeinde Fatih und der TOKI wurde ein Protokoll unterzeichnet und das Projekt von der TOKI durch- geführt. In Tarlabaşı, und später auch in Fener-Balat wurde das Projekt für private Firmen ausgeschrieben. Genau aus diesem Grund wird das Gesetz auch „Beyoğlu-Ge- 3 URBANE RE/STRUKTURIERUNGEN 37 setz“ oder „Tarlabaşı-Gesetz“ genannt. Die private Firma hat nicht nur die Durchfüh- rung übernommen, sondern auch die Planung. Das hat wiederum dazu geführt, dass das Projekt weniger vom Gemeinwohl als von Proitstreben bestimmt werden konnte. Dazu kommt, dass mit diesem Gesetz die Ausführung, die Beschafung von Gütern und Dienstleistungen in Erneuerungsgebieten außerhalb des Gesetzes für öfentliche Ausschreibungen gestellt wurden.43 Ein weiteres wichtiges Instrument ist die „dringliche Verstaatlichung“. Auch wenn das Erneuerungsgesetz für Erneuerungsprojekte vorsieht, dass zunächst der Weg der Einigung gesucht werden muss, gibt es den Verwaltungen für den Fall einer Nichteinigung aber die Möglichkeit, Verstaatlichungen nach Paragraph 3 des Ver- staatlichungsgesetzes durchzuführen.44 Dieses Gesetz regelt die Verstaatlichungen bei großen Energie- und Bewässerungsprojekten, sowie bei Siedlungsprojekten. Die Erneuerungsprojekte, die auch touristische, wirtschatliche und wohnbauliche Funk- tionen beinhalten, sind in diesem Sinne als große Siedlungsprojekte kategorisiert worden. Das bedeutet, dass mit diesem Gesetz nicht nur die Möglichkeit geschafen wurde, Privateigentum zu verstaatlichen, sondern verstaatlichte Gebiete auch an drit- te Parteien weiterzuverkaufen. (Dinçer et al. 2008: 8) Der Gegenwert der Verstaatli- chung wird durch einen an das Kapitalmarktgesetz gebundenen Gutachter bestimmt. Der Paragraph 24 der Verordnung zum Erneuerungsgesetzes führt die Möglichkeit ein, im Falle einer Verzögerung des Projektes, nach dem Paragraph 27 des Verstaat- lichungsgesetzes eine „dringliche Verstaatlichung“ durchzuführen. Die dringliche Verstaatlichung ist eine Art Ausnahmezustand. Als Anwendungsgründe wird im Ge- setz folgendes genannt: „Im Falle der Landesverteidigung, oder in Situationen, deren Dringlichkeit durch den Ministerrat festgestellt werden, oder in außerordentlichen Situationen, die durch speziische Gesetze bestimmt sind“, kann eine dringliche Ver- staatlichung erfolgen. V.a. Energieprojekte spielten in den durch den Ministerrat be- schlossen dringlichen Verstaatlichungen eine große Rolle. In letzter Zeit haben sich aber vermehrt Verstaatlichungen bei Projekten bemerkbar gemacht, die im Rahmen des Erneuerungs- oder Katastrophengesetzes durchgeführt werden.45 Das bedeutet eigentlich im wesentlichen, dass Erneuerungsprojekte als Ausnahmesituationen ka- tegorisiert werden. Mit der dringlichen Verstaatlichung wurde den ausführenden Parteien der Stad- terneuerung ein ernstzunehmendes strategisches Instrument in die Hand gegeben: Das man für die Zahlung des zugesprochenen Gegenwerts für die Verwaltungen die Möglichkeit geschafen hat, diese auf fünf Jahre gestreckt in Ratenzahlung auszuzah- len, hat viele Hausbesitzer in Panik versetzt. Dieses Instrument, das als Druckmittel für vereinbarungsunwillige Hausbesitzer eingesetzt wurde, musste in den meisten Fällen gar nicht umgesetzt werden, um seine Funktion auszuüben. V.a. in Sulukule haben sich mit der Verlautbarung der dringlichen Verstaatlichung die Verkäufe er- heblich gesteigert. 38 UMKÄMPFTE INTERVENTIONEN. EINE KRIEGSTOPOGRAPHIE. Das Gesetz hat für Erneuerungsprojekt die Befreiung von jeglichen Steuern, Aula- gen, Gebühren oder Entgelten vorgesehen. Diese Regelung würde unter normalen Umständen, also wenn die Projekte unter Beteiligung der Hausbesitzer stattinden würden, den Bewohnern Vorteile verschafen. In der Praxis sind jedoch die ausfüh- renden Parteien fast ausschließlich staatliche Stellen wie die TOKI oder Privatun- ternehmen. Deswegen kann man diesen Paragraphen dahingehend interpretieren, dass er helfen soll, Privatkapital für das Projekt zu gewinnen und dass es dazu dient, öfentliche Mittel an die ausführenden Parteien zu transferieren. Außerdem wird das Gesetz dahingehend kritisiert, dass es die Beteiligung der Be- wohner auf eine „Vereinbarung“ reduziert und die umsetzenden Verwaltungen als Hauptakteure bestimmt. Das Gesetz sieht als Ansprechpersonen lediglich Haus- und Wohnungseigentümer an, in der Verordnung sind aber auch für sie keine Mechanis- men für die Sicherung der Beteiligung entwickelt worden. Das Gesetz scheint weni- ger den Schutz des historischen Erbes zu sichern und funktioniert vielmehr wie ein „verdeckter“ Flächennutzungsplan. (Aybek 2009) Auf der einen Seite werden diese Gebiete als „kulturelles Accessoire“ (Yardımcı 2005: 164) für das Image der Stadt und den Tourismus wiederverwertet, andererseits wird durch die Öfnung für Bebauung die ehemaligen Bewohner vertrieben. 3 URBANE RE/STRUKTURIERUNGEN 39 Abb. 20: Die Bildunterschriften v.l.n.r.: Gestern, Heute, Morgen. Eine Visualisierung des Süleymaniye Erneuerungsprojektes. IMP. WWW. FAT I H . BE L .T R 40 UMKÄMPFTE INTERVENTIONEN. EINE KRIEGSTOPOGRAPHIE. 4 . T R A N S F O R M AT I O N E N D E S H I S T O R I S C H E N S TA D T K E R N S Erneuerungsprojekte werden insbesondere in Gebieten mit historisch-städtischer Struktur durchgeführt oder kommen in Gebieten zur Anwendung, die ehemals In- dustrie-, Dienstleistungs- oder Transportfunktionen erfüllt hatten. Auch wenn letz- teres sehr ernsthate Auswirkungen auf die städtische Umstrukturierung gehabt hat, und auch in dieser Arbeit indirekte Beispiele angeführt werden, fokussiert dieser Teil nur auf zwei Beispiele aus dem o.g. ersten Punkt, also auf Sulukule und Tarlabaşı als Projekte in Gebieten mit historischer Stadtstruktur. Die historischen Viertel Istanbuls und die Stadterneuerung Die innerstädtische historische Stadtstruktur, die großteils ein Erbe des 19.Jahrhun- derts ist, hat ihre ehemalige Bevölkerung und ihre vormalige Bedeutung verloren. Dadurch ist ein Wertverfall zwischen ihr und den umliegenden Wohnbaulächen entstanden. Seit Ende der 1970er Jahre und verstärkt dann in den 1980er Jahren hat die kulturelle Elite der Stadt diese Viertel für sich entdeckt. Es verbreitete sich ein nostalgischer Diskurs über das alte Istanbul, die Viertel wurden für den Tourismus entdeckt und die Kulturelite, das Privatkapital und die Stadtverwaltung haben im- mer mehr den kosmopolitischen Hintergrund dieser Stadt in den Vordergrund ge- stellt. Diese Viertel dienten dafür als Instrument. Die Vision städtischer Entwicklung wurde seit den 1990er Jahren immer mehr um Bereiche wie Finanzdienstleistungen, 4 T R A N S F O R M AT I O N E N D E S H I S TO R I S C H E N S TA DT K E R N S 41 Kongresstourismus, Tourismus im allgemeinen und Dienstleistungen herum konst- ruiert (Aksoy 2008: 3) und die Kulturindustrien gewannen immer mehr an Bedeu- tung. Außerdem hat einerseits das hohe „symbolische Kapital“ (Bourdieu 1984) und andererseits die erwarteten hohen Mietlücken, die „Rent Gaps“46 dazu geführt, dass ein Teil dieser Viertel schon in den 1980er und 1990er Jahren gentriiziert wurden, und in den 2000er Jahren dann in public-private-partnerships erneuert wurden. Die historische Stadtstruktur kann ein Instrument für den „Dialog“ einer Stadt mit ihrer Vergangenheit werden. (Kusno 1998 zitiert in Yeoh 2005: 947) In einem Pro- zess, in der eine Stadt ihre internationale Anerkennung wiedergewinnen will, kann diese Neuentdeckung der historischen Viertel auch die Rückkehr unterdrückter kul- tureller Formen bedeuten. Das heißt aber nicht unbedingt, dass sie ihre Würdigung erhalten, sondern meistens verkommen sie nur zu einem „kulturellen Accessoire“ einer Großstadt. (Vgl. Yardımcı 2005: 164f) 4 . 1 . G E SE L L S C HA F T L IC H E UM B RÜ C H E U N D U R BA N E T R A N SF O R M AT IO N E N Seit Konstantin I. ist Istanbul eine Stadt, die eine durch politische, religiöse und wirtschatliche Faktoren geformte (Şentürk 2011: 107f) heterogene Bevölkerung aufweist. Die im 5.Jh. errichteten Stadtmauern haben bis zum 20.Jh. die westliche Stadtgrenze gebildet. (Çelik 1986: 15f) Die stärksten Entwicklungen fanden erst im 20.Jh statt. Seit den 1940er Jahren ist die Stadt durch Einwanderung aus Anatolien um das Zehnfache seiner jahrhundertelang fast gleich gebliebenen Fläche gewach- sen. Dieser Bereich, der mittlerweile in der enorm ausgedehnten Fläche Istanbuls sehr klein wirkt, ist mit der Innenstadt, der historischen Halbinsel und Beyoğlu zwar lächenmäßig der kleinste, aber von der Bevölkerungszahl her gesehen das dichteste Gebiet – hier sind auch die meisten Erneuerungsprojekte verortet. Die Entstehung der „dualen“ Stadt Bis in die letzte Zeit des Osmanischen Reiches hatten religiöse Gemeinschaten im städtischen Raum eigene Bereiche, in denen sie lebten und eine gesellschatliche Or- ganisation, in der sie pädagogische, religiöse und lokale Dienste selbst organisieren konnten.47 Die Vierteln waren daher sozial sehr heterogen geschichtete städtische Räume, in denen staatliche Interventionen auf ein Minimum reduziert waren. Die Bevölkerung-Raum-Struktur, die entlang der religiösen Zugehörigkeit organisiert war, änderte sich erstmals mit dem Auszug von wohlhabenden, nicht-muslimischen Familien aus der historischen Halbinsel nach Galata und Pera Mitte des 19.Jh. Das markiert auch den Beginn eines Wandels, in der die klassenorientierte Ansiedlung die Struktur der Stadt zu bestimmen beginnt. 42 UMKÄMPFTE INTERVENTIONEN. EINE KRIEGSTOPOGRAPHIE. Galata, dessen Geschichte bis ins 13.Jh. zurückreicht und das im byzantinischen Reich ein kommerzielles Zentrum war (Çelik 1986: 17), führte seine Funktion als Handels- und Finanzzentrum auch im Osmanischen Reich fort. Pera hingegen war seit dem 16.Jh. der Wohnort von v.a. Konsularbeamten, da viele ausländische Bot- schaten ihren Standort in Pera wählten. (Türkün and Sarıoğlu 2014: 274) Der Aus- zug des Palastes aus der historischen Halbinsel, die Niederlassung der herrschen- den und wohlhabenden Klasse rund um den neuen Palast und die Ansiedlung der nichtmuslimischen und levantinischen Bevölkerungsteile in Pera führten dazu, dass dieses Gebiet sich zum neuen Zentrum entwickelte und die historische Halbinsel an Bedeutung verlor, was den Prozess der Verarmung und physischen Verwahrlosung dieses Gebiets beginnen ließ. Mit einem Bevölkerungsproil, das aus nichtmuslimi- schen, levantinischen und ausländischen Bürgern bestand, waren Galata und Pera das nach Westen gerichtete Gesicht des Osmanischen Reiches. Für die Teile der Be- völkerung, die sich „verwestlichen wollten“ (Yardımcı 2005: 83), waren Galata und Pera die Tore zum Westen. Neben Banken und Versicherungen verdichteten sich in diesen Gebieten auch eu- ropäische Bildungs-, Gesundheits-, Kultur- und Freizeiteinrichtungen und verbrei- teten sich westliche Unterhaltungs-, Kultur- und Konsumgewohnheiten. In dieser Periode, die auch als erste Globalisierungsphase angesehen wird (Yeldan 2001: 15), verläut die Entwicklung von Kapital und Markt einerseits und die Veränderung der Konsumgewohnheiten in der Stadt andererseits parallel zur beginnenden Dominanz vom westlichen („alafranga“) Lebensstil (Türkün and Sarıoğlu 2014: 274) und Kul- turkonsum (Yardımcı 2005: 47). Auch wenn Beyoğlu und die historische Halbinsel mit dem Bau der Galatabrücke zwischen Eminönü und Galata im Jahr 1846 mitei- nander verbunden werden, ist mit den oben beschriebenen Entwicklungen eine bis heute bestehen gebliebene antagonistische Dualität zwischen diesen beiden Gebieten geschafen worden. (Çelik 1986: 160) Gesellschat und Verwaltung im Umbruch Diese Periode ist zugleich auch der Beginn einer veränderten Sichtweise auf die Stadt und die Stadtverwaltung. Hier beginnen auch erste Experimente, mit Pera und Ga- lata – dem Sitz des Kapitals – als Ort dieser Entwicklungen: Die erste moderne Ge- meindeverwaltung wird gegründet, die städtischen Reformen nehmen ihren Anfang in Pera. Das Projekt der „Nouvelle Ville“, der „Neuen Stadt“ wird begonnen. Mit dem Bau eines Tunnels zwischen Karaköy und der La Grande Rue de Pera (Istiklal Caddesi) und dem Errichten einer elektrischen Straßenbahn wird der moderne öf- fentliche Verkehr begründet. (Türkün and Sarıoğlu 2014: 275) In der historischen Halbinsel, in der die Zivilarchitektur vorrangig Holz als Bauma- terial verwendete, werden Hausbrände das wichtigste Instrument der Erneuerung. Nach jedem Brand wird das betrofene Gebiet und dessen Umgebung neu geplant und geordnet. Das organisch gewachsene Straßengelecht wird durch rechtwinkelig 4 T R A N S F O R M AT I O N E N D E S H I S TO R I S C H E N S TA DT K E R N S 43 Abb.21: angeordnete Straßen ersetzt. Die Sackgassen, die ein wichtiges Element für das cha- Der Prost Plan von rakteristische osmanische Viertel waren, verschwinden. (Şentürk 2011: 161) Istanbul. In: L‘œuvre de In der Stadt werden in- und ausländische Industrieanlagen angesiedelt. Als erste Henri Prost: architecture et urbanisme. (Paris : wichtige Industrieanlage wird die Feshane in Haliç, also am Goldenen Horn, eröf- Académie d‘architecture, net. In der Folge steigt die Dichte industrieller Anlagen rund um das Goldene Horn. 1960). Dieser Umstand bestimmt lange Zeit die städtebauliche Situation der zwei Gebie- WWW.CC A .Q C .C A te, zwischen denen sich das Goldene Horn beindet. Immer mehr europäische Bür- ger kommen als qualiizierte Arbeiter in die Stadt. Im Ersten Weltkrieg gibt es eine Migrationswelle aus den Balkanländern und in der Russischen Revolution eine wei- tere aus Russland. (Sakızlıoğlu 2007: 170) Die Bevölkerung in dem Gebiet steigt an und bis heute sind die am dichtesten besiedelten Viertel hier vorzuinden. Die aka- demische Stadtplanung nimmt an, dass v.a. die historische Halbinsel einer solchen Dichte nicht standhalten kann.(Demirdizen 2009) Ein weiteres bis heute anhaltendes Charakteristikum dieses Gebietes ist die hohe Zahl von Junggesellenwohnungen, die sich rund um die Gewerbegebiete verdichtet hat. (Erkilet 2009) Von der imperialen zur nationalen Stadt Eine der bedeutendsten Wendepunkte in der Geschichte der Stadt ist zweifelsohne die mit der Gründung der Republik Türkei begonnene Verlegung der Hauptstadt nach Ankara. Die unmittelbare Folge war die Übersiedlung der politischen Klasse und der ausländischen Vertretungen. Aber der ideologische Wandel, der mit der Re- publik einherging, hat für Istanbul weitreichendere Folgen gehabt: In die oizielle Ideologie der neu gegründeten Republik passte Istanbul nämlich so gar nicht rein: 44 UMKÄMPFTE INTERVENTIONEN. EINE KRIEGSTOPOGRAPHIE. Die junge Republik hatte eine westlich ausgerichtete Ideologie, aber die am meis- Abb.22: (links) Der Taksim-Platz und der ten verwestlichte Gruppe, die Nichtmuslime, passten nicht in den Nationalismus der Gezi-Park. Photographi- neuen Türkei. Andererseits hatten die „national integrierbaren“ Muslime zu starke en, die den Wandel von religiöse Bindungen für den ausgeprägten Laizismus dieses neuen Staates. (Keyder Taksim entsprechend dem Prost-Plan zeigen. 2000a: 17f) Auch aus diesen Gründen wird die Stadt bewusst zuerst dem Verfall Aus dem 1944 erschie- überlassen. Anschließend wird versucht, sie der neuen Ideologie entsprechend räum- nen Band „Istanbul wird schöner“ („Güzellesen lich und bevölkerungsmäßig neu zu strukturieren.48 Das wichtigste Instrument ist Istanbul“). dabei die Planung. Galata und Pera werden 1924 zu Beyoğlu zusammengefasst. Der SA LT O NL I NE: WWW.GO O G L E .CO M /C U LT U RA- Beyazit-Platz wird neu geordnet, am Taksim-Platz wird ein Denkmal für die Repub- L I NSTI TU TE / lik erbaut. Im folgenden wird dann nach den Plänen von Henri Prost eine Reihe von Modernisierungsprojekten durchgeführt. Prost versucht, dem ideologischen Stand Abb.23: (rechts) Die Vatan Caddesi in den der damaligen Stadtplanung entsprechend, breite Boulevards anzulegen, um die 1960er Jahren. Im Bild Stadt für den Automobilverkehr zu adaptieren, und Bereiche nach ihrer Funktion zu mitte oben, am Ende des trennen – doch seine Pläne werden nicht alle umgesetzt. Auf der historischen Halb- bebauten Gebietes, rechts von der Vatan Caddesi insel wird mithilfe von Abrissarbeiten der Atatürk-Boulevard gebaut, in Eminönü, liegt Sulukule. Karaköy, Besiktas und Üsküdar werden um den Bosporus und dem Goldenen Horn Akin Kurtoglu Archiv, 1991. herum Plätze eröfnet. In Taksim wird die Topçu-Kaserne niedergerissen und dort WWW.TU MB L R.CO M der Gezi-Park errichtet. Diese Entwicklungen zeigen, wie ernst es der neuen republi- kanischen Ideologie mit ihrem angestrebten radikalen gesellschatlichen Wandel war. (Bilsel 2011: 48) Auch nach der Kündigung von Prost werden in den 1950er Jahren seine Pläne um- gesetzt und auf der historischen Halbinsel die Hauptverkehrsstraßen Vatan Caddesi, Millet Caddesi, Ordu Caddesi, Sahilyolu und der Barbaros-Boulevard gebaut und wei- träumige Abrissarbeiten dafür durchgeführt. Industriegebiete am Goldenen Horn wer- den erweitert und ein weiteres Industriegebiet am Pendik-Tuzla-Gürtel errichtet. (Gül 2009: 138-39) In dieser Periode konzentrieren sich die Investitionen in Istanbul darauf, die Stadt für den Automobilverkehr tauglich zu machen. In der Zwischenzeit verlagert sich das Handelszentrum der Stadt von Galata und Pera nach Şişli in Beşiktas; von da an verliert auch Pera seine wohlhabende Bevölkerungsschicht.49 4 T R A N S F O R M AT I O N E N D E S H I S TO R I S C H E N S TA DT K E R N S 45 Doppel-„Migration“und Nationalisierung In der Republik wird sich Istanbul von einer kosmopolitischen osmanischen Stadt lang- sam zu einer modernen Stadt der jungen türkischen Nation verwandeln. Diese Ausnahme zur oiziellen Ideologie wird durch eine Reihe von Entwicklungen, die die Bevölkerungs- struktur und die Vermögensverteilung verändern, schließlich nationalisiert werden: Im Jahr 1927 ist der christliche Bevölkerungsanteil in Istanbul von 450.000 auf 270.000 ge- sunken, obwohl die Griechen Istanbuls vom Bevölkerungsaustausch 1923 ausgenommen waren50. Dazu kommt die während dem Zweiten Weltkrieg eingeführte „Varlık Vergisi“, eine spezielle „Vermögenssteuer“, die v.a. die nichtmuslimische wohlhabende Bevölke- rung traf. Sie hat diesen Teil der Bevölkerung dazu gezwungen, ihr Hab und Gut zu ver- kaufen. Die 6.000 – 8.000 Menschen, die das Geld nicht aubringen konnten, wurden in Arbeitslager nach Aşkale in Erzurum geschickt.51 Das zerstörte das Vertrauen in die Re- gierung nachhaltig und führte dazu, dass viele Juden und Griechen das Land verließen. (Keyder 2000a: 20) Obwohl damit die Stadt zwischen 1920 und 1945 den Großteil seiner nichtmuslimischen Bürger verloren hat, blieb die Stadtbevölkerung durchweg gleich, da es – noch relativ gering ausfallende – Zuzüge aus dem Balkan und Anatolien gab.52 Die historische Halbinsel und Beyoğlu haben die seit den 1950er Jahren verstärkt auf- tretenden Migrationsströme vorübergehend beherbergt. Das ergab sich v.a. daraus, weil sowohl die Arbeitsplätze als auch die Wohngebiete der wohlhabenden Schichten sich nach Norden verlegten und daher die Bedeutung dieser Gebiete sank, was für die aus Anatolien kommenden Familien eine Reihe von Möglichkeiten autat: Leistbare Unter- künte zu haben, kleine Manufakturen und Geschätslächen anmieten zu können und die Möglichkeit, von Arbeitsplätzen in der Industrie rund um das Goldene Horn zu proitieren. Diese Gebiete hatten die Funktion eines Sprungbrettes; Die Menschen, die sich hier mit der Stadt vertraut machten und ihre Beziehungen ausbauten, sind wegge- zogen und haben sich in den neu entstehenden Gecekondu-Vierteln ein Haus gebaut. (Türkün and Sarıoğlu 2014: 277) Das in der Türkei als „Ereignisse vom 6.-7. September“ bekanntgewordene Pogrom von Istanbul im Jahr 1955 und der aus ihr folgenden Veränderung im Bevölkerungsproil von Pera, bildet im Grunde die Verwandlung Istanbuls von einer imperialen zu einer nationalstaatlichen Stadt ab. (Arkan 1993 zitiert in Bartu 2000: 46) 1964 ereignet sich dann noch in Zypern das unter dem Namen „Blutige Weihnachten“ bekannt geworde- ne Massaker an ethnisch türkischen Zyprioten. Als Antwort darauf werden griechische Staatsbürger in Istanbul gezwungen, die Stadt zu verlassen.(Demir and Akar 2004) Die- se Entwicklungen haben in der Stadt einen großen Mangel an Händlern, Handwerkern und Unternehmern hinterlassen, (Keyder 2000a: 19) doch das widersprach ohnehin nicht der importsubventionierenden Wirtschatspolitik der neuen Republik, die eine nationale Bourgeoisie aufzubauen versuchte. Außerdem verstärkte die Aneignung staatlicher und von den Minderheiten entleerter Flächen und Grundstücke durch neu hinzugezogene Migranten den nationalistischen Diskurs, was der jungen Republik nur förderlich war. (Vgl. Keyder 2000b: 177) 46 UMKÄMPFTE INTERVENTIONEN. EINE KRIEGSTOPOGRAPHIE. Neuentdeckung der historischen Viertel und Gentriizierung Am Ende der 1970er Jahre werden die alten nichtmuslimischen Viertel von der Kul- turelite der Mittelschicht neu entdeckt, das Interesse an historischen Gebäuden und Vierteln steigt53 und der Schutz von alten Holzbauten wird gefordert.54 Das noch weiter ansteigende Interesse in den 1980ern führt zu ersten Beispielen der Gentriizierung. Is- lam (2005: 129f) identiiziert – in periodischer und motivationeller Hinsicht unterteilt – drei Wellen bei den Gentriizierungen in Istanbul: Die erste Gentriizierungswelle indet in den am Bosporus liegenden Regionen wie Kuzguncuk, Ortaköy und Arna- vutköy statt, wobei der Schutz der bebauten und natürlichen Umwelt dabei eine Rolle spielt. In der zweite Welle zieht die Entstehung von Kultur- und Unterhaltungslächen Gentriizierer in Regionen wie Cihangir, Galata und Asmalımescit. Die letzte Welle beginnt Ende der 1990er in Fener und Balat auf der historischen Halbinsel. Ähnlich wie in Beispielen aus westlichen Ländern sind auch hier ein niedriger Mietzins und die kosmopolitische Struktur der Viertel ausschlaggebende Motivationen der Gen- triizierung. Die Arbeiten der ersten Phase der Gentriizierung haben das Interesse des Privatkapitals an diesen Regionen geweckt. In der so initiierten zweiten Phase werden die Häuser einer nach dem anderem restauriert und der im Dienstleistungsgewerbe beschätigten „neuen Mittelschicht“ angeboten. (Vgl. Uzun 2001: 366)55 Die ersten Ak- teure der Gentriizierung waren berühmte Schauspieler und Architekten. Es folgten die Kulturelite und schließlich Fachleute und Investoren.56 In Galata und Asmalımescit sind diese Prozesse ineinander übergegangen, die kommerzielle und die wohnbauba- sierte Gentrizierung haben sich parallel entwickelt. (İslam 2005: 131) In Beyoğlu wurde die Gentriizierung durch eine Reihe von Projekten der Gemein- deverwaltung initiiert. So wurde das Gebiet rund um Bereiche wie Kultur, Tourismus und Unterhaltung neu konzipiert, die Istiklal Caddesi in diesem Sinne zur Fußgän- gerzone deklariert und die dortige Umgebung restauriert. Dies führte zur Steigerung der materiellen und immateriellen Konsummöglichkeiten, was wiederum das Inte- resse der Kulturelite und der seit den 1980ern langsam entstehenden neuen Mittel- schicht an diesem Gebiet verstärkt hat. Während die mit der fortschreitenden Gen- triizierung steigenden Mieten die alten Viertelbewohner langsam verdrängte, führte der Einzug von Investoren in das Gebiet dazu, dass Wohneigentümer mit niedri- gem Einkommen ebenfalls die Viertel verließen.(Türkün and Sarıoğlu 2014: 269) In diesem Prozess veränderte sich das Bevölkerungsproil dieser Viertel. In manchen Vierteln, wo Privatinvestoren reges Interesse zeigten, mussten sogar die Akteure der ersten Welle der Gentriizierung diesen neuen Akteuren weichen.57 Liberalisierung und Urbanisierung Parallel zu Gentriizierungsbewegungen in historischen Stadtteilen nach den 1980ern ist Istanbul zur Schaubühne einer Reihe von verwaltungstechnischen Veränderungen geworden. Eine zweigegliederte Stadtführung ist eingeführt worden, die einzelnen Gemeinden haben größere Autonomie gegenüber der Zentralverwaltung erhalten 4 T R A N S F O R M AT I O N E N D E S H I S TO R I S C H E N S TA DT K E R N S 47 und ihr Budget hat sich vergrößert. Parallel zur Liberalisierung der Gesamtwirtschat haben die Gemeinden mehr und mehr unternehmerische Rollen übernommen und eine Reihe von Dienstleistungen privatisiert. (Candan and Kolluoğlu 2008: 12) Eine Vision von Istanbul als regionales Finanz-, Handels- und Kulturzentrum, das von Europa bis zum Nahen Osten reichen soll, wurde das erste Mal in dieser Zeit ent- wickelt (Öktem 2005: 45) und die Istanbuler Stadtverwaltung erhält im Zuge dessen inanzielle Mittel in einer Höhe, die es in der Geschichte der Republik nicht gegeben hatte. (Keyder 2000a: 26) Der ehemalige Bürgermeister von Istanbul, Bedrettin Da- lan, war die ideale Verkörperung dieser neuen Aufassung von Stadtverwaltung: Er begann mit der Dezentralisierung der Industrie, startete Reinigungsprojekte am Gol- denen Horn, rehabilitierte Beyoğlu und begann mit der Umwandlung dieses Gebiets zu einem Unterhaltungs- und Kulturzentrum. Währenddessen sind für die Gecekondu-Gebiete in der städtischen Peripherie eine Reihe von Amnestien erlassen worden. 1984 wurden für Gecekondu-Gebiete Bau- bewilligungen erteilt und umfangreiche Bauarbeiten folgten. In den alten Gecekon- du-Vierteln wurde die Bevölkerungsverteilung und die Baustruktur stark verdichtet. Mit dem Bau der zweiten Brücke über den Bosporus entwickelte sich die Stadt ent- lang des Meeres und wuchs schließlich auch in Richtung ihrer ökologischen Schwel- len im Norden. Die zentralen Gewerbe- und Industriegebiete wuchsen ebenfalls weiter in den Norden. Die Umstrukturierung der städtischen Peripherie hat dazu ge- führt, dass parallel zu Gecekondu-Gebieten Genossenschatsbauten der Mittelschicht und Gated-Communities der Oberschicht entstanden sind und dadurch einerseits die schichtspeziische Segmentierung vorangetrieben und andererseits die städtische Geographie weiter fragmentiert wurde. Binnenlucht und neue Migrationswellen Die Ende der 1980er Jahren beginnend stetig ansteigende Binnenlucht aufgrund des bewafneten Konlikts im türkischen Kurdistan hat parallel zu den o.g. Entwicklun- gen einen starken Einluss auf die Entwicklung der Stadt. Die Menschen, die mit die- ser zumeist unvorbereitet stattindenden und ganze Familien betrefenden Migration nach Istanbul gekommen sind, bildeten in der Stadt die am meisten benachteiligte Gruppe.58 Neoliberale urbane Politiken und die Erschwerung des Gecekondu-Baus einerseits und die unterschiedliche Natur dieser neuen Migration und der gesell- schatliche und politische Status der Migranten andererseits haben dazu geführt, dass die Armut der Viertel im historischen Stadtzentrum sich verstetigte. „Nicht-gentriizierbare“ Viertel Die Gentriizierung in Beyoğlu ist entweder dem privaten Sektor überlassen oder mit initiierenden Projekten unterstützt worden.(Türkün and Sarıoğlu 2014) Aber in den zentralen historischen Stadtteilen ist der Anteil der Gebiete, die durch die Dy- namiken des privaten Sektors gentriiziert worden sind, sehr gering. Je weiter die 48 UMKÄMPFTE INTERVENTIONEN. EINE KRIEGSTOPOGRAPHIE. Auswanderung der Mittel- und Oberschicht in den einzelnen Gebieten zurückreicht, desto größer ist auch der Verfall geworden. Für einen Akteur der Gentriizierung aus der Mittelschicht wurde dadurch die klassischen Mittel der Erneuerung schwieriger einzusetzen und individuelle Initiativen in dieser Richtung entsprechend schwieriger umzusetzen. (Esen 2009) Für das Privatkapital hat der Unterschied zwischen aktuel- len und potentiellen spekulativen Gewinnerwartungen eigentlich eine günstige Ge- legenheit geboten. Aber das Fehlen einer Pionier-Gentriizierung hat dazu geführt, dass Anleger aus anderen Gebieten, die auf der Basis von Gebäuden und Parzellen arbeiten, diese Gebiete als risikobehatet wahrgenommen haben. Die oben beschriebenen Faktoren führen dazu, dass in den 2000er Jahren viele his- torische Stadtviertel v.a. auf der historischen Halbinsel noch nicht gentriiziert sind. Der Staat intensiviert deshalb seine Bemühungen, das Proil dieser Gebiete zu verän- dern. Es werden initiierende Projekte gestartet, die das Privatkapital anlocken sollen, und mithilfe des Stadterneuerungsgesetzes und ähnlicher rechtlicher Schritte ver- sucht, eine legale Basis für die Erneuerung des Gebiets und die Veränderung des Be- völkerungsproils zu schafen. Beispiele dafür sind die Viertel Süleymaniye, Sulukule, Ayvansaray und Fener-Balat auf der historischen Halbinsel und Tarlabaşı in Beyoğlu. Diese groß angelegten Erneuerungsprojekte, die mit staatlichen Mittel bzw. mit pu- blic-private-partnership-Modellen durchgeführt werden, sind als staatlich gelenkte Gentriizierung in Arbeiten zur Stadterneuerung integriert worden.59 Auch wenn sie manche Eigenschaten mit der Gentriizierung teilen, sollten sie doch eher im Rah- men anderer Stadterneuerungsprojekte, wie der Erneuerung der Gecekondu-Gebie- te, betrachtet werden.60 Diese Erneuerungsprojekte in Kategorien der Gentriizierung zu denken, würde den Rahmen der Analyse ungemein einschränken und die eigentlich stattindenden gouvernementalen/strukturellen Veränderungen ausblenden. Die Gentriizierung ist nicht nur aus dem Blickwinkel zu betrachten, in der sie das Interesse des Privatkapi- tals und der Führungselite weckt und Druck ausübt – vielmehr stellt sie gleichzeitig auch die Diskurse und Mittel für die umsetzenden Akteure zur Verfügung. In dieser Arbeit ist nicht so sehr die Gentriizierung selbst, sondern vielmehr die Ideologie der Akteure der Gentriizierung von Bedeutung. Während einerseits die Werte und Konsumgewohnheiten der Kulturelite die gentrifzierten Viertel rasant veränderte, wirkten die von ihnen parallel dazu entwickelten Diskurse auch auf die Stadtent- wicklungspolitik ein. Der Gentriizierungsdiskurs und die akademische urbane Wis- sensproduktion haben in verschiedener Hinsicht dazu gedient, Interventionen nach den 2000er Jahren in noch nicht gentriizierte Gebiete durchzuführen. 4 T R A N S F O R M AT I O N E N D E S H I S TO R I S C H E N S TA DT K E R N S 49 4 . 2 . ST R AT E G I S C H E D I SK U R SE : D I E WA H R H E I T E N D E R STA D T P R O DU Z I E R E N Die frühe türkischsprachige akademische Literatur zur Stadt ist in einer gewissen Weise von Entwicklungstheorien geprägt gewesen. Als direkte Folge davon wurde v.a. über Gecekondus geschrieben und die Stadtzentren in dieser Phase eher vernach- lässigt. Erst parallel zu Gentriizierungsbewegungen ist auch die Zahl von Arbeiten zum städtischen Zentrum angestiegen, die sich dann v.a. auf hemen wie Armut und heorien des städtischen Verfalls konzentriert haben. Als so das städtische Zentrum mehr und mehr an Bedeutung gewann, ist es – mit Alev Erkilet (2013: 78) gespro- chen – als „jahrzehntelanges Randviertel“, als „Verfallgebiet“ „problematisiert“ wor- den. Solche wissenschatlichen Wahrheiten sind keine neutralen Begrife, die etwa später von der Politik instrumentalisiert werden würden. Ganz im Gegenteil: Sol- che Begrife, die als strategische Instrumente der modernen Stadtplanung fungieren, ermöglichen es erst, dass wir „die Notwendigkeiten“ kapitalistischer Urbanität „als wissenschatliche Wahrheiten verinnerlichen können.“ Der Glaube daran, dass diese Begrife Produkte einer modernen, objektiv wissenschatlichen Erkenntnis sind, ver- hindert die Problematisierung ihrer selbst. (Erkilet 2013: 78) Diese Begrife werden dann nicht als das, was sie sind, gesehen, nämlich als Mittel zur Intervention für das Erreichen einer normativ gesetzten idealen Urbanität, sondern als ein empirisches Wissen über den Ort. Urbane Probleme repräsentieren sich dabei nicht selbst als sol- che für politische Entscheidungsträger; sie werden vielmehr in verschiedenster Weise deiniert und die Mediation entsprechend dem speziischen Fokus der Stadtpolitik variiert. (Hall 2006: 60) Also wenn sich der Fokus der Stadtpolitik verschiebt, ändert sich auch die Produktion der urbanen Probleme als „Wahrheiten.“ Eine urbane Inter- vention geschieht nicht ohne die Produktion von Wahrheiten. „Diese Gebiete sind nicht nur physisch verfallen, sie sind dadurch auch zu Gebieten gewor- den, in denen es großteils ineinandergreifende sozioökonomische und soziokulturelle Pro- bleme gibt. Diese Gebiete sind durch eine Zuwanderung von außen und einer Ansiedlung der armen und einkommensschwachen städtischen Bevölkerung gekennzeichnet. Die Eigen- tum-Besitzer-Beziehung ist entweder durchbrochen oder nicht vorhanden. Es sind Gebiete, die von einer kulturell und sozial unterschichteten Bevölkerung benutzt bzw. besetzt wird, die kein Zugehörigkeitsgefühl zur Stadt oder zur städtischen Bevölkerung entwickelt und nur die Unterkunt als Bleibegrund hat.“(Hervorh. d. Verf.)61 Der „Verfallsgebiet“-Diskurs geht nicht nur von Umweltbedingungen aus, sondern auch von sozialen, wirtschatlichen und kulturellen Kriterien. Das arme, einkom- mensschwache oder zugewanderte Menschen dort leben oder der Prozentsatz an Eigentümer unter den Bewohnern, erscheinen als Kriterien für den Verfall eines Ge- biets oder – noch wichtiger – scheint den Verfall eines Gebiets einzuleiten.62 Trotz gegenteiliger Behauptungen63 kann gesagt werden, dass dieser Diskurs unter der „Verbesserung“ eines Gebiets nicht nur die physische Erneuerung versteht, sondern 50 UMKÄMPFTE INTERVENTIONEN. EINE KRIEGSTOPOGRAPHIE. auch eine Erneuerung des Bevölkerungsproils vorsieht. Genau deshalb darf man das nicht als eine Initiative des Staates missverstehen, das seine Mittel für die Bedürf- nisse seiner Bürger einsetzt und ein vom Ideal abweichendes, im Verfall beindliches Stadtgebiet für dessen Wohl erneuert. Es scheint eher wahrscheinlich, das als einen gegen die Armen gewendeten Krieg zu verstehen. Auch Neil Smith (1996: 207) hat in seinem Buch „he New Urban Frontier: Gentri- ication and the Revanchist City“, in dem er die Gentriizierung in amerikanischen Städten theoretisch zu fassen versucht, mit dem Modell der „sich revanchierenden Stadt“ einen ähnlichen Ansatz für diesen Punkt gewählt.64 Die Ansichten von Gentri- izierern über die arme Bevölkerung in den Stadtzentren ist ähnlich der Vorstellungen von jenen, die die Stadterneuerung durchführen. Wie ich bereits erwähnt habe, sind ohnehin die Diskurse rund um die Stadterneuerung nicht unabhängig zu betrachten von jenen der Gentriizierungsbewegung. Behar (2006: 168) führt beispielsweise dazu an, dass die aus der Kultur- und Wirtschatselite stammenden Gentriizierer auch ei- nen diskriminierenden Diskurs über Migranten, Arme und andere marginalen Grup- pen in Nachbarvierteln mit sich gebracht haben und sie als „störend“ empinden. Armut Wie wir schon in vorhergehenden Kapiteln gesehen haben, war durch eine Reihe von Entwicklungen die historische Halbinsel einem physischen Verfall und einer Verar- mung ausgesetzt. Obwohl es in diesen Gebieten eine schwerwiegende Armut gibt, ist Erkilet (2011: 144) zufolge – trotz entgegengesetzter Annahmen65 – keine Situa- tion gegeben, die dem in der westlichen Literatur geprägten Begrif der Unterklasse entsprechen würde. „Es beinhaltet noch immer Mechanismen, die die Armut aus- gleichen, dessen Schaden begrenzen und die Hofnung aufrechterhalten.“ Daneben hat sie auch Strategien für die Aufrechterhaltung des alltäglichen Lebens entwickelt. (Şentürk 2008) Die Gemeinden haben, wie das am Beispiel Sulukule deutlich wird, in den Medien die Rolle des Wohlfahrtsstaates vermittelt, der für die verarmte Bevölkerung Stad- terneuerungsprojekte macht. Aber sowohl die Planung und Ausführung der Stadter- neuerung, als auch die Visionen für die Stadtentwicklung im allgemeinen scheinen im Widerspruch zu dieser Rolle zu stehen. Anstatt in „verfallenen“ Stadtzentren sozi- oökonomische Regenerationsprojekte einzuleiten, die die Armut beseitigen könnten, führt die Gemeinde in eben diesem Stadtzentren eine auf Tourismus und Dienstleis- tung ausgerichtete Neustrukturierung durch. Die Dezentralisierung spielt in diesem Zusammenhang eine wichtige Rolle in den Plänen der Planungsbüro Metropolregion Istanbul (IMP). Diese Dezentralisierung trit am meisten die Kleinproduzenten, da sie mit billigen Mieten ihre Existenz si- chern müssen, auf die zentrale Lage angewiesen sind und bei einem Wegzug ihre Kundschat verlieren könnten, weil sie kleinteilig aufgebaut sind und kaum Expan- sionsmöglichkeiten haben. (Erkilet 2011: 143) Diese Menschen, die den gesamten 4 T R A N S F O R M AT I O N E N D E S H I S TO R I S C H E N S TA DT K E R N S 51 Produktionsprozess vom Anfang bis zum Ende kennen und überblicken, hätten in kapitalistischen Großbetrieben nur die Chance, als ungelernte Arbeitskräte einzu- steigen. (Erkilet 2009) Neben Kleinunternehmen wären auch Menschen, die meist unversichert im informellen Sektor als Tagelöhner arbeiten, mit einer komplett hof- nungslosen Armut konfrontiert, wenn sie vom Stadtzentrum wegziehen müssten. Dazu kommt noch, dass sie von bestehenden Solidaritäts- und Überlebensmechanis- men in den Stadtzentren ausgeschlossen sein würden. Kriminalität Die Kriminalität und der dagegen aufgestellte Diskurs der „sicheren Stadt“ sind weite- re Phänomene, die in diesem Zusammenhang operieren. Das zeigt sich in der Wand- lung der Einstellung gegenüber den zugewanderten Migranten in der akademischen Literatur. (Erman 2001: 985) Wurden sie anfänglich noch als in die Stadt zu integrie- rende „rural other“ gesehen, sind sie später immer öter mit Sicherheitsproblemen in Zusammenhang gebracht worden. Hinzu kommt, dass seit den 1990er Jahren paral- lel zur Entwicklung neoliberaler Stadtdiskurse verschiedene urbane Kategorien mehr und mehr mit Kriminalität assoziiert worden sind: Die Gecekondus, die historischen Bezirke, die Junggesellenwohnungen. Der sich zwischen den mittleren und gehobe- nen Mittelschichten verbreitende Diskurs der „Angst vor Kriminalität“ und der durch die steigende Anzahl an Binnenlüchtlingen sich verbreitende Diskurs des „Angst vor Terror“ hat zur Kriminalisierung der in den o.g. Stadtgebieten lebenden armen und bestimmten Ethnien angehörigen Bevölkerung geführt. Das ist nicht nur ein in der allgemeinen, unspeziischen Öfentlichkeit verbreiteter Diskurs, sondern hat auch in akademischen und bürokratischen Institutionen Wirkung gezeigt. Im Bericht des Ur- banisierungsrats des Bau- und Infrastrukturministeriums wird die arme Bevölkerung in den Stadtzentren als „kriminalitätsaine Andere“ gesehen und die Stadterneuerung als Interventionsinstrument für die Kriminalität betrachtet. (Erkilet 2013: 84) Als ein weiterer Hinweis für die direkte Beziehung zwischen Stadterneuerung und kriminologischer Stadtplanung kann eine Arbeit von Ünlü et al. (2000: 82) angeführt werden, in der versucht wird, in zwei Vierteln von Beyoğlu – dem gentriizierten Cihangir und dessen diametralem Gegenüber Tarlabaşı – zwischen Kriminalitäts- rate und dem Wandel der physischen Umwelt und des Sozialproils eine Beziehung herzustellen. Ünlü hat später für das mit Kriminalität assoziierte Tarlabaşı ein seinen hesen entsprechendes Rehabilitationsprojekt entwickelt. So wie der kriminologi- sche Ansatz sich in der Akademie und in der Architektur bemerkbar macht, wirkt sich auch der akademische Diskurs auf die öfentlichen Sicherheitseinrichtungen aus. Das lässt sich am deutlichsten daran erkennen, dass die Polizeipräsidenten von 16 Städten Anfragen gestellt haben, in „problematischen“ Vierteln eine Stadterneuerung durchzuführen. (Akın 2012) Erkilet hingegen bestreitet den direkten Zusammenhang zwischen Armut und Krimi- nalität: In einer Untersuchung, die sie für das IMP durchgeführt hat, führt sie an, dass 52 UMKÄMPFTE INTERVENTIONEN. EINE KRIEGSTOPOGRAPHIE. in Vierteln mit schwerwiegender Armut nicht von einer ähnlich schwerwiegenden Kriminalität gesprochen werden kann. (Erkilet 2009) Trotz gegenteiliger Annahmen ist die Existenz von Arbeitsplätzen und damit Junggesellenwohnungen in Vierteln, die zu Gewerbegebieten geworden sind, ein Mechanismus, der das Viertel vor dem Abdriten in die Kriminalität hindert. Und in Vierteln, in denen arme Familien woh- nen und in denen Jugendkriminalität und Drogenkonsum voranschreiten, bekämpfen Jugendliche, die auch solche Erfahrungen gemacht haben, diese Entwicklungen selbst. Historisches Erbe Die Mittelschicht hingegen hat gegenüber dieser aus verschiedenen Ethnien stam- menden armen Bevölkerung nur eine „moralisch-verurteilende“ Haltung ein- genommen und für den Schutz des historischen Erbes es als nötig erachtet, diese Bevölkerung „aus diesen Gebieten zu entfernen.“ (Erkilet 2011: 143) Der Anstieg der Bedeutung der historischen Zivilarchitektur und die Sensibilisierung für deren Schutz fällt zusammen mit dem Beginn der Gentriizierungsbewegungen. Der erret- tende/beschützende Diskurs ist in einer gewissen Weise von der Mittelschicht pro- duziert und übernommen worden. Das Interesse an alten Vierteln, das kosmopoli- tische Image und die kosmopolitische Identität der Stadt und der dadurch erzielte touristische Mehrwert und weitere ähnliche Diskussionen haben dazu geführt, dass die Stadtverwaltung und die Stadterneuerung diese Diskurse ebenfalls übernommen haben und in die Rolle des Beschützers/Erretters geschlüpt sind: „Keiner wird mehr sagen können: ’Das ist mein Haus, ich reinige es nicht, ich renoviere es nicht – was geht Dich das an! […] Dann soll sich aber keiner beschweren, wenn ich es mir nichts dir nichts verstaatliche – keiner kann da irgendwas tun. Ein Hauseigentümer in Beyoğlu zu sein, heißt nicht willkürlich tun zu können, was man will. Das ist hier Istanbul, mein Freund, das hier ist Beyoğlu... Wir werden nicht mehr zulassen, dass diese Stadt zugrun- de geht!“ Bürgermeister von Beyoğlu Ahmet Misbah Demircan (2005) Die Mission des Beschützens/Errettens darf nicht nur in Bezug auf den physischen Zustand und auf den Schutz vor Verfall historischer Bauten gesehen und als neutral gedacht werden; im Subtext wird vielmehr suggeriert, das diese historischen Bauten von jemandem gerettet werden müssten. In diesem Sinne werden die Bewohner die- ser Viertel, die Geschätsinhaber, etc. in erster Linie verantwortlich für den Verfall und die Verwahrlosung gemacht. Die komplexe Eigentumsstruktur, der hohe Anteil an Mietern, die Armut oder die in manchen Vierteln gegebenen Produktionsfunkti- onen sind verantwortlich für den Zustand, in dem sich die Gebäude beinden. „Während wir jahrelang Istanbul in ein Spekulationsgebiet verwandelt haben, haben wir nicht gemerkt, dass wir den größten Wert dabei verloren haben. Länder wie Türkei, die alleine und schnell wachsen, merken das manchmal nicht. Aber wir verkaufen auf der historischen Halb- insel noch immer Kleinkram, Wäscheklammern und -leinen. Wir schafen es aber nicht Gucci oder Prada dorthin zu bekommen. Wir leben inmitten eines historischen Freilutmuseums, ohne es zu bemerken.“ (Altuğ 2008) 4 T R A N S F O R M AT I O N E N D E S H I S TO R I S C H E N S TA DT K E R N S 53 Diese Worte des Generalsekretärs der Europäischen Kulturhauptstadt Istanbul 2010 spiegeln die kapitalistische Logik in der Herangehensweise an die historische Stadtstruktur und das geschichtliche Erbe wider. Der wichtigste Faktor in der Ent- scheidung zur Erneuerung ist die Strategie, die Potentiale der historischen Halbinsel und Beyoğlus für den Kultur-, Unterhaltungs- und Kongress-Tourismus voll auszu- schöpfen, und sogar die ganze Stadt in dieser Richtung zu vermarkten. Für die Zen- tralregierung war die Strategie, Einkommen aus der touristischen Verwertung des Reichtums der natürlichen und historischen Umwelt Istanbuls zu generieren, im- mer wichtig gewesen. Wie auch in der weltweiten Marktrationalität nach 1980 die Nutzung des historischen Erbes und der Kulturindustrie global zu Mittel geworden sind, um die Wettbewerbsfähigkeit zu steigern, wurden auch in Istanbul dement- sprechende Strategien entwickelt. Die v.a. durch die Zentralregierung unterstützte Stadtpolitik hat versucht, Privatkapital und Bevölkerung in die Stadt zu locken und dafür eine Umstrukturierung der Stadt vorgesehen, bei der wiederum die Bedeutung der historischen Bezirke gestiegen ist. Der Glaube, dass das historische Erbe Istan- buls nicht ausreichend vermarktet wurde, ist ohnehin bei der sich globalisierenden Elite deutlich herangereit bevor es schließlich zu einer gouvernementalen Strategie wurde. Denn erst in den 2000er Jahren wird es durch die gemeinsame Anstrengung von Privatkapital, Verwaltung und Kulturelite zu einer formell organisierten Strate- gie. (Keyder 2011: 54) Mit einem kapitalistischen Pragmatismus werden Teile der Geschichte besonders be- tont, während andere Teile gänzlich unsichtbar gemacht werden. Die Geschichte der Stadt wird neu geschrieben.(Vgl. Lisiak 2009) Während Spuren von unterschiedli- chen Migrationsströmen verwischt werden, gewinnen Spuren abwesender Griechen und Armenier, die früher verwischt worden waren, neu an Bedeutung. Aber auch der Schutz der historischen Bausubstanz wird durch einen Widerspruch begleitet. Die- se Bausubstanz, die nicht immer einen vermarktbaren Komfort für die Mittel- und Oberschicht bietet, kann mit einer ernsthaten Umgestaltung konfrontiert werden: Was sich jeder detaillierten Untersuchung erschließen wird, ist, dass die Projekte, die mit dieser angeblichen Beschützer/Erretter-Rolle durchgeführt werden, einen „ernsthaten, zeitlich unterbrochenen Gedächtnisverlust“ (Pérouse 2013b: 52) her- beiführen. Das historische Erbe wird recycelt und als visuelles Element in der Image- produktion der Stadt eingesetzt und zur Wiederverwendung im ortsabhängigen Wettbewerb verwendet. Ein ähnlicher Widerspruch lässt sich im städtischen Bereich beobachten: Die Stadt muss, um gleichzeitig Tourismus und Kapital anzuziehen, „einerseits seine regio- nalen Eigenschaten in den Vordergrund rücken und andererseits wie andere Städ- te moderne und sichere Bereiche schafen.“ (Yardımcı 2005: 85f) Deswegen muss der Bau der Untergrundbahn weiter geführt werden, obwohl archäologische Funde autreten. Deswegen müssen Armut, Ungleichheit, etc. unsichtbar gemacht werden. „Ein Tourist muss den Komfort seines Heims wiederinden und ohne in einen Ge- 54 UMKÄMPFTE INTERVENTIONEN. EINE KRIEGSTOPOGRAPHIE. 15 Abb.24: Aktuelle Entwicklungen auf 2 der historischen Halbinsel 16 und in Beyoğlu: 14 12 19 1. Stadterneuerungsgebiet Sulukule - abgeschlossen. 2. Stadterneuerungsgebiet 1 6 Tarlabaşı - noch nicht 17 abgeschlossen. 5 18 3 3. Marmaray-Tunnel - 10 abgeschlossen 4. Eurasien-Tunnel - 13 geplant 5. Haliç-Brücke (U-Bahn) - 8 9 4 abgeschlossen 7 6. Haliç- Tunnelunterführung - 11 geplant 7. Stadterneuerungsgebiet Yenikapı (inklusive Yali Mahalle und Yenikapı- Transferzentrum und wissenskonlikt zu kommen und ohne eine Reiseführer zu brauchen seine Stadtrund- Archäologie-Park) gang machen können.“ (Esen 2009) All das kann dazu führen, diese Bereiche zu „ent- 8. Platzgestaltung Aksaray- völkern.“ (Karabey 2010) in Planung 9. Platzgestaltung Beyazıt- geplant 10. Transformation des 4 . 3 . A K T U E L L E E N T W IC K LU N G E N Bahnhofs Sirkeci und Umgebung - in Planung U N D P R OJ E K T E – Z W E I E X K U R SIO N E N 11. Gartenanlage Yedikule - gestoppt 12. Ayvansaray-Fener-Balat E X K U R SIO N 1 : Stadterneuerungsprojekte P R OJ E K T E AU F D E R H I S T O R I S C H E N HA L B I N SE L - gestoppt Dass das Privatkapital die historische Halbinsel ursprünglich verlassen hat, hat zwar 13. Süleymaniye Stadterneuerungsprojekt - zum Verfall des historischen Erbes geführt, aber gleichzeitig auch ermöglicht, den Be- noch nicht abgeschlossen stand überhaupt bis heute zu bewahren. In der Transformation der historischen Halb- 14. Gestaltung des insel sind die bestimmendsten Faktoren hingegen Verkehrsprojekte gewesen. Diese Taksimplatzes - Verkehrsprojekte locken heute wieder das Privatkapital auf die historische Halbin- abgeschlossen sel und stellen damit eine ernsthate Gefährdung des historischen Erbes dar. (Köksal 15. Talimhane - abgeschlossen 2014) Einige größere Verkehrsprojekte in diesem Zusammenhang sind folgende: Der Bau des den Bosporus durchquerenden Marmaray-Tunnels wurde zwar durch ar- 16. Seilbahnverbindung - abgeschlossen chäologische Funde unterbrochen, konnte aber 2013 abgeschlossen werden. Die Pla- 17. Galataport - geplant nung des Yenikapi-Transferzentrum und Archäologie-Parks, das die Untergrundbahn in Istanbul mit der Marmaray, dem geplanten Eurasien-Tunnel und dem Fähren-Ter- 18. Stadterneuerungsgebiet Perşembe Pazarı - in minal verbinden soll, wurde in einem Wettbewerb an die Architektenbüros Eisenman Planung Architects und Aytac Architects vergeben. Darüber hinaus wurde die Brücke für die 19. Haliçport - noch nicht Halic-Untergrundbahn gebaut und die Halic-Tunnelunterführung geplant. abgeschlossen Es gab aber auch in anderen Bereichen Projekte in dem Gebiet. So wurde im Bereich Fe- 4 T R A N S F O R M AT I O N E N D E S H I S TO R I S C H E N S TA DT K E R N S 55 Abb.25: (links) ner-Balat, dass sich am Goldenen Horn entlangzieht und eine historische Bausubstanz Fener-Balat beherbergt, nach Habitat II ein Rehabilitationsprojekt geplant, das mit einer Schenkung Rehabilitationsprojekt. Abgeschlossen in 2005. der Europäischen Kommission inanziert, durch internationale Akteure ausgeführt und WWW. FAT I H . B EL.T R 2008 abgeschlossen wurde. Nach dem Projekt, das aufgrund der durchgeführten physi- schen und sozialen Verbesserungen, der geschafenen Möglichkeiten für die Beteiligung Abb.26: (rechts) und der Verhinderung der Benachteiligung der Bevölkerung durch die Wertsteigerung Ayvansaray Stadterneuerungsprojekt. gelobt wurde, (Şişmanyazıcı und Yıldız 2010) folgte die Gentriizierung. WWW. FAT I H . B EL.T R Außerdem wurde der Bahnhof Sirkeci und seine Umgebung von der TCDD (Türki- sche Eisenbahngesellschat) an die Großstadtgemeinde Istanbul übergeben. Es wur- de angekündigt, dass ein Istanbuler Stadt- und Eisenbahnmuseum gebaut wird. Die Projekte zur Gestaltung des Beyazit und des Aksaray Platzes wurden verlautbart. Die Gemeinde Fatih wollte die Gartenanlagen in Yedikule zur Bebauung freigeben, das ist aber von der Großstadtgemeinde nicht genehmigt worden. Von Sulukule bis Ayvansaray-Fener-Balat wurde ein großes Erneuerungsgebiet aus- gerufen, in der ein touristischer Pfad entstehen soll. Im folgenden sollen noch einige Erneuerungsprojekte beispielhat angeführt werden: Das Ayvansaray Stadterneuerungsprojekt (Die Türkische Mahalle): Das Projekt wurde in einem Gebiet geplant, das zwischen Egrikapi und dem Goldenen Horn in unmittelbarer Nachbarschat der Gefängnisse von Anemas liegt. Es beherbergt 60 Häuser, von denen 15 denkmalgeschützt sind.66 Es besteht aus 4 Blöcken und 52 Par- zellen. Im ersten Block sollen Bürogebäude untergebracht werden, im zweiten ver- schiedene, voneinander unabhängig betrieben Hotels gebaut werden. Die restlichen Blöcke werden zur Fußgängerzone gemacht und Wohnbauten errichtet. Das Ayvansaray-Fener-Balat Erneuerungsprojekt: Das Projektgebiet erstreckt sich von dem Ökumenischen Patriarchat von Konstantinopel in Fener bis nach Ayvansa- ray. Es umfasst ein Gebiet von 80.000 m2 mit 534 Gebäuden. Es wird von einer priva- ten Bauirma vorbereitet, durchgeführt und zum Verkauf gebracht. Der von der IMP erstellte Flächennutzungsplan zum Schutz der historischen Halbinsel, der als Stütze für das Projekt diente, wurde mit einem Gerichtsbeschluss aufgehoben.67 Das Süleymaniye Stadterneuerungsprojekt: Das Erneuerungsprojekt, das in 39 56 UMKÄMPFTE INTERVENTIONEN. EINE KRIEGSTOPOGRAPHIE. Blöcken 900 Gebäude umfasst, war eines der ersten, die nach dem Erlass des Er- neuerungsgesetzes durch den Ministerrat verlautbart wurden. Es wurde in einer Ko- operation der Gemeinde Fatih, der Großstadtgemeinde Istanbul und der KIPTAŞ durchgeführt. Die bestehenden Gebäude sollten restauriert werden. Nicht mehr bestehende Gebäude, von denen aber noch Kenntnis über das Aussehen bestand, sollten ursprungsgetreu neu erbaut werden. Bei leeren Parzellen, von denen es auch keine Kenntnis mehr über die ehemaligen Gebäude und deren Aussehen gab, sollten neue Gebäude errichtet werden. Letzteres galt auch für Parzellen, die „qualitätslose“ Gebäude beherbergten. Dinçer zufolge unterscheidet sich diese Projekt von anderen Erneuerungsprojekten insofern, als es nicht von Diskursen zu Global City oder durch Immobilienwerte gesteuert ist. (Dinçer 2009) Das Erneuerungsgebiet im Viertel Yali Mahallesi: Das Projekt in der Yali Mahallesi, das gleich neben dem geplanten Transferzentrum Yenikapi liegt, umfasst ein Gebiet mit 58.000 m2, in denen sich 309 Gebäude beinden, von denen wiederum 105 denk- malgeschützt sind. Im Projekt sollen die denkmalgeschützten Gebäude ursprungs- getreu restauriert und die umliegenden Lager und logistischen Flächen aufgehoben werden. Die Projektplanung ist abgeschlossen und die Denkmalschutzbehörde hat es bewilligt. Das Projekt ist in der Phase der Verhandlung mit dem Eigentümern. 68 E X K U R SIO N 2 : P R OJ E K T E I N B EYO Ğ LU Bei der Platzierung Istanbuls im Netzwerk globaler Städte wird Beyoğlu als ein stra- tegisch wichtiges Stadtgebiet gesehen. Wegen ihres historischen Erbes und der bereits bestehenden Konzentration der Kulturindustrie im Gebiet, wird versucht eine Neu- strukturierung durchzuführen, die sich auf Kultur, Tourismus und Unterhaltung kon- zentriert. Hier ist v.a. das kosmopolitische Image von Bedeutung, das durch Referenzen auf einen bestimmten Teil der Geschichte hergestellt werden soll. Deswegen versucht die Gemeinde Privatkapital und Eigentümer dazu anzuregen, die historische Bausubs- tanz, und hier v.a. die Fassaden, zu erneuern. In diesem Sinne ist der Bezirk zur Bühne einer Reihe von Projekten mit öfentlichen oder privaten Akteuren geworden. Das Untergrundbahnnetz ist bis zum Flughafen ausgebaut worden, mit Seilbahnen wurde Taksim an die Bosporus-Küste angebunden. 2003 wurde am Goldenen Horn der Unterhaltungspark Miniatürk errichtet. Eine private Bauirma hat die Bausubs- tanz in der ehemaligen Cezayir-Gasse („Algerien“-Gasse) renoviert, die vormaligen Bewohner vertrieben und Platz für Kultur-, Mode- und Konsumlächen geschafen. Die Gasse wurde in Französische Gasse umbenannt. Die gesamte Gasse wurde in einen digital überwachten, durch Sicherheitskräte kontrollierten, sterilen und „pri- vaten“ Raum transformiert. (Sakızlıoğlu 2007: 183) Als Vorbereitung für den Nato-Gipfel 2004 im Kongresszentrum, das in der unmit- telbaren Nachbarschat von Beyoğlu in Şişli liegt, wurde Talimhane, das westlich des 4 T R A N S F O R M AT I O N E N D E S H I S TO R I S C H E N S TA DT K E R N S 57 Abb.26: Aus der Algeriengasse wird die Französische Gasse. Das Wandbild wurde später hinzugefügt. M I L L S 2005 Taksim-Platzes in der Nähe von Tarlabaşı gelegen ist, zur Fußgängerzone erklärt und für den Tourismus geöfnet. 69 In Talimhane gab es vorher kleine Autoparkanlagenbe- treiber, kleine Werkstätten und Hotels. Sie wurden durch 5-Sterne-Hotels ersetzt und die Bettenkapazität von 3.000 auf 13.000 angehoben. (Türkün and Sarıoğlu 2014) Für diese Hotelgäste wurde eine Reihe von Geschäten und Restaurants eröfnet. Das Ge- biet wurde von Bettlern und Strassenverkäufern gesäubert und in eine „hygienische“, „sichere“ Insel verwandelt. Darüber hinaus hat eine Reihe von Museen und Galerien die kulturgeleitete Trans- formation von Beyoğlu möglich gemacht: Das Narmanli Han und das Pera Museum sind Beispiele dafür. Ein im Besitz der staatlichen Schifahrtsgesellschat beindliches 58 UMKÄMPFTE INTERVENTIONEN. EINE KRIEGSTOPOGRAPHIE. Frachtlager mit 8.000 m2 Fläche wurde durch das Architektenbüro Tabanlioglu Mi- marlik in eines der wichtigsten Museen, das Istanbul Modern, umgestaltet. In der Folge ist Tophane, das in unmittelbarer Nachbarschat dieses Museums liegt und vor- her Roma, Kurden und anatolische Migranten beherbergte, zum Art Walk Istanbuls geworden, was eine Gentriizierung mit sich gebracht hat.70 In diesem Gebiet ist auch ein Anlegehafen für Kreuzfahrtschife, das Galataport-Pro- jekt mit Übernachtungs- und Konsummöglichkeiten, geplant worden, das durch den Widerstand gegen das Projekt entscheidend verzögert wurde. Mit der Seilbahn sollte sie mit dem Taksim-Platz und über die Straßenbahn mit der historischen Halbinsel verbunden werden. 2006 hat der Ministerrat beschlossen, folgende Gebiete zu Erneuerung freizuge- ben: Tarlabaşı, die Cezayir-Sackgasse (Französische Gasse) und Umgebung, Topha- ne, den Galata-Turm und Umgebung, das Rathaus in Beyoğlu und Umgebung und das Bedrettin-Viertel. Für das 1993 zum Denkmalschutzgebiet erklärten Beyoğlu wurde 2008 der „Umsetzungsplan zum Schutz des Denkmalschutzgebiets Beyoğlu“ (1/1000) und der „Flächennutzungsplan Beyoğlu“ (1/5000) fertiggestellt.71 In diesem Plan wurde Tarlabaşı zum „Sonderprojektgebiet“ erklärt. Persembe Pazari, ein Gebiet, in dessen Umfeld die Herstellung und der Verkauf von Beleuchtungsmitteln und Metallprodukten vorherrscht und in dem vorwiegend Ma- schinenteile verkaut werden, wurde ebenfalls zum Erneuerungsgebiet erklärt. Im Gebiet der im 15.Jahrhundert gegründeten Werten am Goldenen Horn72 wurde das Halicport-Projekt, in dem ein Yachthafen und der dazugehörige Komplex Platz in- den soll, entworfen und ausgeschrieben.73 Die seit langem angedachte Fußgängerzone am Taksim-Platz wurde eingeführt. Die für den Taksim Gezi-Park abgerissene Top- cular-Kaserne sollte neu errichtet werden. Die Abrissarbeiten dazu haben zunächst in Istanbul und dann in vielen weiteren Städten in der Türkei einen Aufstand ausgelöst. Mit Berufung auf das Katastrophengesetz wurden die Viertel Ok Meydani und Süt- lüce-Örnektepe zu Risikogebieten erklärt. Mit Berufung auf den Paragraphen 73 des Gemeindegesetzes wurde mit dem Kasimpasa-Stadterneuerungsprojekt begonnen. 4 T R A N S F O R M AT I O N E N D E S H I S TO R I S C H E N S TA DT K E R N S 59 Abb. 28: Die Ausstellung „Werden sie den Namen von Sulukule ändern?“ („Sulukule’nin adini degistirecekler mi?“) auf der 13. Biennale Istanbul, 2013. SU LU KUL EGUNLUGU. B LO GSP OT.CO. AT 60 UMKÄMPFTE INTERVENTIONEN. EINE KRIEGSTOPOGRAPHIE. 5. EINE UMKÄMPFTE G E G E N S T R AT E G I E – SU LU K U L E Die Stadterneuerungsprojekte in den Vierteln Hatice Sultan und Neslişah Sultan im Bezirk Fatih (eher geläuig unter dem Namen Sulukule-Erneuerungsprojekt) und die Organisationen im Umfeld dieses Projektes weisen zwei Dimensionen auf. Zum ers- ten unterscheidet sich dieses Erneuerungsprojekt von jenen wie in Fener-Balat oder Tarlabaşı dadurch, dass es in public-public-partnerships und ohne Gewinnerwar- tung durchgeführt wird, auch wenn es nicht – wie auch behauptet wird – das „am meisten soziale Projekt der Welt“ (Fatih Belediye Başkanlığı 2010) ist. Es wurden weder Partnerschaten mit privaten Unternehmen eingegangen, noch haben die be- teiligten öfentlichen Stellen Beteiligungen am Projekt erhalten. Islam führt in die- sem Zusammenhang verschiedene Gründe an, weshalb das Projekt in eben diesem “sozialen” Licht erscheint: Die vormaligen Grundeigentümer haben Rechte auf die gebauten Wohnungen erhalten, die ehemaligen Mieter haben die Möglichkeit gehabt, in anderen Gebieten Wohnungen zu bekommen, und zuletzt haben sich zwar beide Seiten verschuldet, aber die Ratenzahlungen dieser Schulden wurde durch öfentli- che Mittel unterstützt. (Islam 2009: 160f) Die zweite wichtige Dimension sind die Diskussionen rund um Regionalität und Aktivismus, die im Zusammenhang mit dem Sulukule-Erneuerungsprojekt zutage getreten sind. Das Sulukule-Erneuerungsprojekt ist aus verschiedenen Gründen ein Beispiel für einen stark umkämpten Bereich geworden: In keinem anderen der fast hundert Stadterneuerungsprojekte in Istanbul gab es eine derart hohe Anzahl an außenstehenden Akteuren; es gab eine außerordentliche hohe Rezeption und Wir- 5 E I N E U M K Ä M P F T E G E G E N S T R AT E G I E – S U L U K U L E 61 Abb.25: kung im akademischen, journalistischen und international politischen Bereich; und Sulukule entlang der schließlich beinhaltete es mehrere politische Agenden gleichzeitig, die sich auch auf der Theodosianischen Landmauer, die lokale Situation projizierten. Kaleboyustrasse 2008. WIK I M E DI A CO MMON S Beginn und Verlauf des Erneuerungsprojekts Sulukule ist der informelle Name von zwei Mahalles innerhalb der Festungen der historischen Halbinsel: Neslişah und Hatice Sultan. Kurz nach dem Erlass des Erneu- erungsgesetzes wurden diese zwei Mahalles, die auf einer Fläche von 90.000m2 12 Blöcke, 3 Straßen und 10 Gassen vereinen, in einem Protokoll zwischen der Bezirks- gemeinde Fatih, der Großstadtgemeinde Istanbul und der TOKI im September 2005 zum Erneuerungsgebiet erklärt. Im Projektgebiet befanden sich 354 Parzellen und 22 denkmalgeschützte Objekte. Die Ausrufung zum Erneuerungsgebiet wurde dadurch begründet, dass das “Verfallsgebiet” durch “tragfähige Gebäude und Infrastruktur erneuert wird, die sich in das historische Gelecht der Stadt integrieren und dem städtischen und historischen Erbe der historischen Halbinsel Rechnung tragen.“ (Fa- tih Belediye Baskanlığı 2008) Das Projekt ist Teil der Restaurierung der historischen Stadtmauern und der Erschließung des Gebiets für den Tourismus. Gegen Ende des Jahres 2005 erfuhren die BewohnerInnen aus den Medien, dass das Viertel zum Stadterneuerungsgebiet erklärt worden war. Dem Erneuerungsgesetz entsprechend wurde es im Ministerrat am 3.April 2006 zum Erneuerungsgebiet er- klärt. Im Mai und Juni 2006 bestellte die Fatih-Gemeinde die BewohnerInnen in Gruppen von je 12 Personen auf das Gemeindeamt. Aber in diesen Trefen wurden weder die Abrissarbeiten noch die geplante Umsiedelung erwähnt. (Foggo 2009) Un- terdessen führte die Gemeinde im Viertel eine Befragung durch. Später versucht Şükrü Pündük, ein Bewohner des Viertels, alleine einen Termin bei der Gemeinde zu bekommen. Als das nicht funktioniert, bemerkt er, dass es alleine schwie- rig werden wird und gründet mit seinen Musikerfreunden im Juni 2006 den Solidari- tätsverein für die Entwicklung der Romakultur Sulukules.74 Sie veröfentlichten eine Presseerklärung, in der sie AktivistInnen zur Solidarität mit Sulukule aufriefen. (Pün- dük 2009) Am 13. Dezember 2006 unterschrieben die TOKI, die Großstadtgemeinde Istanbul und die Bezirksgemeinde Fatih ein zweites Protokoll zu Sulukule. Dazu veröf- 62 UMKÄMPFTE INTERVENTIONEN. EINE KRIEGSTOPOGRAPHIE. fentlichte der Roma-Verein vor dem Gemeindeamt noch eine weitere Presseerklärung. Auch wenn die Gemeinde verlautbarte, dass die Bewohner im Viertel bleiben könn- ten75, war es ofensichtlich, dass die Vorgehensweise des Projekts eine solche Mög- lichkeit ausschloss. Stadterneuerungsprojekte sehen meist nur die Grund- und Wohnungseigentümer als Ansprechpartner. Aber auch hier gab es die Lage nicht so einfach: Neben dem Umstand, dass viele Bewohner dieses Viertels Mieter waren, kommt noch dazu, dass die Grund- und Hauseigentümer selbst ihre Grundstücke und Häuser meist über Generationen hinweg vererbt bekommen haben und fast die Hälte dieser Grundstücke und Wohnungen deshalb mehrere Teilhaber aufweisen. (İslam 2009: 77)76 Da die Gemeinde noch vor der Verkündigung des Projekts Erhe- bungen zu Mietern und Hauseigentümern durchgeführt hatte, also über die Situation bescheid wusste und keine neue Vorgehensweise oder Maßnahmen vorgesehen hat- te, kann man davon ausgehen, dass die Gemeinde eine zumindest indirekte Verände- rung des Bevölkerungsproils beabsichtigte. Die Gemeinde bot den Eigentümer im Projektgebiet drei Optionen an: 1. Ihr Eigentum um 500Tl/m2 an die Gemeinde zu verkaufen 2. Ihr Eigentum mit einer Wohnung im Projektbereich oder in einem anderen Gebiet zu tauschen, wobei der Wertunterschied in einem 15-jährigen Raten- plan getilgt werden konnte. 3. Im Falle einer Nichtübereinkunt sah die Gemeinde die Verstaatlichung vor. Kurze Zeit nach der Verlautbarung des Erneuerungsprojektes tauchten dritte Par- teien auf, die die Häuser in Sulukule kaufen wollten und mehr als die Gemeinde anboten. Die im Vergleich zu der unmittelbaren Nachbarschat stark unterbewer- teten Grundstücke und Wohnungen in Sulukule haben nach der Verlautbarung des Erneuerungsprojektes ihren Preis um das 10-15 fache gesteigert. 77 Dass man Grund- oder Wohnungseigentümer war, bedeutete noch nicht, dass man die von der Gemeinde angebotenen Tausch-Optionen annehmen konnte, da die meisten Bewohner nur sehr niedrige Einkünte besaßen. Die Wertsteigerung ihres Eigentums, der unmittelbare Geldluss, niedrige Einkünte, die eine weitere Verschuldung auch zu günstigen Konditionen verhinderten und eine Unbestimmtheit durch die drohen- de dringliche Verstaatlichung haben dazu geführt, dass der Verkauf von Eigentum an dritte Parteien zur am meisten bevorzugten Option wurde. Wenn man bedenkt, dass eine neue Wohnung im Projektbereich mit durchschnittlich 170.000 TL veranschlagt wurde,78 wird schnell klar, wieso kaum ein Eigentümer die von der Gemeinde ange- botene Tausch-Option angenommen hat. Am Ende des gesamten Prozesses haben 20 Personen, die mehr als ein Eigentum im Projektbereich hatten, diese Option gewählt.79 Währenddessen fanden in den Monaten Juli und August zwischen dem Roma-Ver- ein, der Insan Yerlesimleri Dernegi (Verein Menschliche Siedlungen), der Architek- tenkammer und der Bilgi Universität Diskussionen zur Bestimmung von Kampfstra- tegien im Campus der Bilgi Universität statt. Im Dezember wurde vom Ministerrat 5 E I N E U M K Ä M P F T E G E G E N S T R AT E G I E – S U L U K U L E 63 Plakate und Sticker der die Entscheidung für eine dringliche Verstaatlichung in Sulukule getrofen, was zu Sulukule Platform, 2007: einem wichtigen Wendepunkt in den Entwicklungen vor Ort wurde. Sulukule wur- Abb.30+31: (links+mitte) de zum besten Beispiel dafür, wie die dringliche Verstaatlichung als Instrument der Auf den Plakaten steht Stadterneuerung wirksam werden konnte, ohne dass sie zur Anwendung kommen groß geschrieben: musste. Die Panik, die durch die Entscheidung zur dringlichen Verstaatlichung aus- “Sulukule darf nicht abgerissen werden. gelöst wurde, beschleunigte den Wechsel der Eigentümer. Von den 106 Personen, mit Vertreibt nicht die Freude denen die Gemeinde eine Vereinbarung getrofen hatte, waren nur sechs Personen Istanbuls?“ In kleiner Schrift: „Den Abriss von der Region. (İngin 2007) Sulukules stoppen, eine Während der Verein und die Architektenkammer einerseits im Februar eine Klage Lösung inden!“ gegen die dringliche Verstaatlichung eingereicht haben, haben der Verein und Akti- Abb.32: (rechts) visten auf das Gerücht hin, dass noch 40 Tage zu den Abrissarbeiten geblieben sind, Auf den Stickern steht eine Veranstaltungsreihe ins Leben gerufen, die den Titel „40 Tage und 40 Nächte“ geschrieben: “Sulukule haben sie genommen, trug. Der Ausdruck „40 Tage und 40 Nächte“ wird meist im Zusammenhang mit meine Darbuka haben sie langen Hochzeiten oder anderen Festen verwendet.(Sulukule Platform 2007) Mit zerbrochen“. dieser Assoziation zu Unterhaltung und Feierlichkeit wollten die Aktivisten „eine „Sulukule wird nicht schweigen!“ langanhaltende, positive Stadtbewegung“ starten. Vom 24.März bis 11.Mai wurden „Istanbul! Gib Sulukule im Viertel, in Beyoğlu und auf den Universitäten Veranstaltungen durchgeführt, die nicht her!“ von Musik, Tanz, Performance, Geschichte, Film, Kunst, Architektur und Soziologie ein breites Spektrum abdeckten.80 Die „40 Tage und 40 Nächte in Sulukule“ wurden mit der Unterstützung von an die 50 Institutionen und nahezu 200 Einzelpersonen verwirklicht. Ingin (2007) zufolge haben diese Veranstaltungen die Abrissarbeiten verzögert, eine interessierte Öfentlichkeit außerhalb des Viertels gefunden und die Aufmerksamkeit der Gemeinde erregt. Schließlich wird das Sulukule-Projekt in die Agenda der Agentur Kulturhauptstadt 2010 aufgenommen, die sich mit den Vorbe- reitungen für die Kulturhauptstadt Istanbul beschätigt. 81 Ein anderer Output dieser Veranstaltungen war die Sulukule-Plattform, die durch die Vereine Sulukule Roman Kültürünü Geliştirme ve Dayanışma Derneği (Solidari- tätsverein zur Entwicklung der Roma-Kultur in Sulukule), Insan Yerlesimleri Dernegi (Verein Menschliche Siedlungen) und Ulasilabilir Yasam Dernegi (Verein Zugängliches Leben) einerseits und durch Aktivisten, Künstler, Akademiker, Studenten, Architek- ten und Juristen im Umfeld dieser Vereine geschafen worden ist. Im September 2007 64 UMKÄMPFTE INTERVENTIONEN. EINE KRIEGSTOPOGRAPHIE. wurden durch Aktivisten und Künstler dieser Plattform eine Unterschritenaktion mit dem Titel „Sulukule soll nicht verschwinden“ gestartet und der Aufruf gemacht, dass „Sulukule gerettet werden muss.“ (Sulukule Platform 2007b) 5 . 1 . D I E KO N S T RU K T IO N D E S O RT E S U N D D E S L O KA L E N Sulukule markiert weniger einen realen Ort, als vielmehr die Quelle einer Reihe von räumlichen Imaginationen. Auch wenn jeder den Namen Sulukule kennt, kann die- ser doch nicht auf einer Karte markiert werden, entzieht sich – außer für die direkt damit beschätigte Menschen – der unmittelbaren Erfahrung als Ort und ist zu einer Art Objekt der Begierde geworden. Im Gegensatz zu Menschen außerhalb des Ge- biets wird im Viertel diese Bezeichnung nicht gebraucht.82 Der Name Sulukule, von dem İslam behauptet, es „habe einen eigenen Markenwert“(2009: 60), wird nicht nur mit den dort lebenden Roma in Verbindung gebracht, sondern rut auch Assoziati- onen wie Armut, Unterhaltung, Prostitution und Drogen hervor. Fernsehserien, die öters Sulukule zum hema machen und das Roma-Ambiente dieses Viertels für den Medienkonsum öfnen, haben auf diesem Wege bestimmte Klischees reproduziert. Auch die Sulukule-Platform hat mit der strategischen Nutzung von positiv gewende- ten Assoziationen wie Unterhaltung und Musik versucht, Öfentlichkeit zu erreichen. Abgesehen davon ob diese Assoziationen positiv oder negativ sind – also ob Suluku- le damit „abgestempelt“ wird oder ein „Branding“ erhält – in beiden Fällen haben sie eines gemeinsam: Sie decken sich nicht vollständig mit der Realität des Viertels. Vielmehr bieten sie den Benutzern dieser Assoziationen eine Projektionsläche, die sie für die eigenen Bedürfnisse und Erwartungen, für ihre eigenen politischen und kulturellen Agenden nutzen und in der sie die Punkte, die einer Puriikation des Ortes in diesem Sinne widersprechen könnten, ausblenden können. Die eigentlich sehr heterogene Aubau des gesamten Projektgebietes wurde damit eher zur Bühne verschiedener Erzählungen. Die Gemeinde hat bei der Präsentation ihres Erneuerungsprojektes den Schutz des historischen Erbes, Diskurse zum baulichen Verfall und das Image vom Wohlfarts- staat mobilisiert, das Gebiet in eine auf Tourismus ausgerichtete Startegie eingeglie- dert und die „Osmanische Architektur“ als architektonischen Referenzpunkt gewählt. Das Erneuerungsprojekt wurde von der Gemeinde nicht als „Säuberung“, sondern als „Neugeburt“ kommuniziert. (İBB 2006) Sie hat damit in zweierlei Hinsicht die Rolle des Retters übernommen: Einerseits übernahm sie die Rolle der Beschützerin, der Retterin des historischen Erbes, während ihr eigentliches Interesse darin lag, die Schutzgebiete rund um die historischen Stadtmauern als touristisches Gebiet neu zu gestalten und die hier vorzuindende Armut und urbane „Hässlichkeit“ möglichst 5 E I N E U M K Ä M P F T E G E G E N S T R AT E G I E – S U L U K U L E 65 unsichtbar zu machen. Andererseits sah sie sich in der Rolle des Wohlfahrtsstaates, die die ansässige Bevölkerung aus Armut, schlechten Umweltbedingungen und Un- sicherheit befreit. „Hier ist unsere Verantwortung größer. Wir müssen unser historisches Erbe beschützen, wir müssen diese Gebiete in die Zukunt tragen.“ (İBB 2006) Diese Aussagen, die in dieser Form keinen Widerstand von der Opposition des Er- neuerungsprojektes erfahren hätte, sind die Worte des Bürgermeisters vom Bezirk Fatih. Aber trotzdem ist genau das zur Kampfzone zwischen der Gemeinde als Rette- rin und den Aktivisten, die Sulukule ebenfalls retten wollen, geworden: Wer wird das historische Erbe schützen? Das Erbe welcher Geschichte wird geschützt? Wie wird es in die Zukunt getragen und was wird damit in der Vergangenheit gelassen? Der Sulukule-Plattform zufolge ist Sulukule, weil sie aufgrund ihrer Zugehörigkeit zum Stadteil innerhalb der Stadtmauern Istanbuls zum Weltkulturerbe gerechnet wird, laut den Normen der UNESCO83 „eine Region, die nicht nur in ihrem physi- schen, sondern auch in ihrem kulturellen Bestand zu schützen und lebendig zu hal- ten ist.“(İngin 2007) Hier wurde die zu schützende lokale Kultur nach strategischen Gesichtspunkten ausgewählt beschrieben:84 Schutzbedürtig sind demnach eine spe- ziische Roma-Kultur, die sich v.a. durch ihre Musik und ihre Unterhaltungshäuser auszeichnet. In diesem Sinne sollte im Rahmen der Erneuerung die ansässige Bevöl- kerung bleiben, das Gebiet physisch und sozial verbessert werden, ohne dass ihre Grundstruktur verändert würde, und wirtschatliche Einkommensquellen geschaf- fen werden. Die Wiederbelebung der Unterhaltungshäuser ist für den Vorsitzenden des Roma-Vereins, Sükrü Pündük, in diesem Zusammenhang eine wichtige Option. (Pündük 2009) Die Gemeinde und die Plattform haben ihren jeweiligen Kampf an gleichen strate- gischen Strängen geführt. In manchen Punkten stimmen sie sogar großteils überein, wie z.B. darin, dass die Wahl Istanbuls zur Kulturhauptstadt 2010 für die Erneuerung Sulukules wie auch für die Öfnung des Gebiets für den Tourismus eine gute Gele- genheit war. In diesem Sinne indet sich eine auf das wesentliche reduzierte Aus- sage zu der Beziehung des Sulukule-Erneuerungsprojektes zum Tourismus in den rückwärtsgerichteten Worten von Özden (2008b): Sulukule war mit ihrer Roma-Kul- tur, ihrer Musik und ihren Unterhaltungshäusern im Prozess rund um die Kultur- hauptstadt Istanbul 2010 eine Gelegenheit für den Tourismus, die sie verpasst hat. In diesem Text schreibt Özden, dass fast alle Bewohner dieses Viertels mit Musik zu tun hätten.(2008b:149) Dieses völlig verzerrte Wissen hat weniger mit der Kenntnis oder Unkenntnis Özdens zu tun, als damit, dass sich die Gegenstrategie erfolgreich durchsetzen konnte. 66 UMKÄMPFTE INTERVENTIONEN. EINE KRIEGSTOPOGRAPHIE. 5 . 1 . 1 . M U LT I P L E G R E N Z V E R L ÄU F E U N D UM KÄ M P F T E I D E N T I TÄT E N Die Veranstaltungen im Rahmen von „40 Tage und 40 Nächte Sulukule“ hatten den Zweck, „das Potential der Region aufzuzeigen“ und „Sulukule mit Istanbul und Istanbul mit Sulukule bekanntzumachen.“ Sie haben das Ziel, eine Öfentlichkeit herzustellen erreicht. Dabei wurde die Musik wie ein verbindendes Mittel zwischen Sulukule, den Aktivisten und der Zielgruppe der Veranstaltungen, der Mittelschicht, eingesetzt. Die in den Debatten zwischen Pelin Tan und Asli Kiyak Ingin derart beschriebenen Veranstal- tungen, wurden im Rahmen von Lokalität und Widerstand diskutiert und mit Begrifen wie „lokale Wirklichkeit“ und „charakteristisches Speziikum der Region“ umschrieben. Das um Musik und Unterhaltungshäuser herum geschafene, nostalgische Suluku- le-Image und die darauf aubauende Roma-Identität der Region, wurde durch die Mobilisierung des Netzwerks des Roma-Vereins und der um sie herum versammel- ten „äußeren“ Akteuere und mittels einer intensiven künstlerischen Nutzung der Me- dien einer breiten Öfentlichkeit bekanntgemacht. Die Musik und die Unterhaltungs- häuser, die eigentlich nur ein Teilaspekt von Sulukule ausmachen, wurden in den Vordergrund gerückt, um „Öfentlichkeit herzustellen und der Stimme der Region Geltung zu verschafen“ (İngin 2007) Strategisch hat das dazu geführt, die Beziehung der Mittelschicht zur Region zu verstärken und das Gebiet zu einer gemeinsamen Kampfzone zu machen. Asli Kiyak Ingin betont immer wieder, dass sie „stets un- ter Beteiligung der lokalen Bevölkerung“ agiere. Wer aber die „lokale Bevölkerung“ darstellt und wie Lokalität konstruiert wird, sind, wie ich im folgenden aufzuzeigen versuche, Teile eines umkämpten Bereiches. Der Ort Im akademischen Umfeld und bei Aktivisten, die die Roma-Identität in den Vor- dergrund rücken, reicht die Geschichte der Region tausend Jahre zurück.85 In allen durch die Stadterneuerungsprojekte bedrohten Vierteln ist die Geschichte der Regi- on ein wichtiges strategisches Mittel. Sulukule hat in diesem Sinne gewissermaßen die stärksten Wafen im Arsenal. Die Sulukule-Plattform und ihr Netzwerk spricht im allgemeinen davon, dass in Sulukule „3.500 Roma und 2.500 Nicht-Roma“ leben würden. In der Feldstudie der Gemeinde von 2006 und der Studie von Tolga Islam von 2007 sind die Prozentzahlen jener, die sich als Roma deinieren mit einmal 17% (Fatih Belediye Başkanlığı 2010), und einmal 21%(Islam 2009: 69) doch sehr unter- schiedlich angegeben. Es ist aber unwesentlich, welche dieser Zahlen nun tatsächlich stimmt; vielmehr zeigt sich hierin, wie stark der Ort und die Lokalität umkämpte Bereiche darstellen. Der Unterschied in den o.g. Zahlen weist einerseits darauhin, dass die Roma-Identität im Viertel selbst ein umkämpter Bereich ist; andererseits zeigt sich darin, dass die Identität selbst kein vorgegebenes Phänomen ist, sondern vielmehr ein politisches Instrument, das mit verschiedenen Strategien von „innen“ und „außen“ verhandelt und konstruiert wird. 5 E I N E U M K Ä M P F T E G E G E N S T R AT E G I E – S U L U K U L E 67 Als einer der wichtigsten Akteure in der „Verwissenschatlichung“ der für Sulukule vorgesehenen Roma-Identität verweist Semra Somersan mit Stolz auf ihren eigenen Beitrag bei der Akzeptanz der Roma-Identität im Viertel: „We have found however, that even in informal friendly discussions, many rejected being ‚Gypsy’ and tried to convince us of their ‚One hundred percent guaranteed Moslem belonging’. Only now, ater the wider spread introduction of the term ‚Roma’ will their organic leaders (such as Mr. S. Pündük) there, say proudly ‚yes we are and have been Roma for centuries’. Hen- ce, Roma, rather than the stigmatized and stereotyped ‚Gypsy’ has now made them come to grips with their history and identity. It seems that inadvertently the recent presence of NGOs from Europe and Turkey, architects, sociologists and lawyers presence there, use of the new term by them, assurances in discussions that their negative perception by the public at large, is not their fault, but that of the state, and the media has recently convinced them to come to terms with their Roma identity.“ (Somersan 2007: 729) Somersan führt an, dass die Selbstbezeichnung als Muslime eine Strategie darstelle, um das Bild von Prostitution und Drogenkonsum zu verhindern, um als ein Teil der Mehrheit zu erscheinen und sich vor Stigmatisierungen, Diksriminierung und Vor- urteilen zu schützen. Was bedeutet es aber, dass Somersan hier die „Roma“-Identität als gegeben, die „muslimische“ Identität aber als strategisch einstut? Verweist es auf einen Mangel an Selbstrelektion? Ist es Teil einer Strategie und Taktik wissenschat- licher Wissensproduktion, oder mehr noch zeigt es die Bedeutung der wissenschat- lichen Wissensproduktion als strategisches Instrument in politischen Auseinander- setzungen auf? Oder ist es nicht vielmehr alles zusammen? Man kann Sulukule nicht als homogenen, einzelnen „Ort“ betrachten. Auch wenn Sulukule tatsächlich von ihrer Umgebung durch unsichtbare Mauern getrennt ist, werden Besucher schnell feststellen, dass auch durch Sulukule selbst nicht sichtbare Grenzen verlaufen. Dieser Grenzverlauf fällt mit der zwischen den beiden Vierteln selbst zusammen, wobei das Viertel Neslisah Statistiken zufolge den höchsten An- teil an Bevölkerung aufweist, die sich selbst als Roma bezeichnen. (Vgl. Islam 2009: 110f) Auch wenn das die beiden Vierteln voneinander unterscheidet, macht es sich doch noch nicht zu intern homogenen Gebilden. Ähnlich wie Somersan argumen- tiert auch Islam, dass „die Roma in einer groben Kategorisierung in zwei Teile zer- fallen: Jene, die ofen ihre Roma-Identität angeben und jene, die ihre Roma-Identität verbergen.“ (Islam 2009: 110) Das Selbstbild des Viertels ist jedoch um einiges komplexer. Während Mitglieder der gleichen Familie unterschiedliche „Identitäten“ annehmen können, ist die „Ro- ma-Identität“ jener, die sich als Roma bezeichnen, jeweils sehr unterschiedlich kons- truiert. Genauso wie mehrere Roma-Identitäten konstruiert werden, wird aber auch mehr als eine Identität gleichzeitig angenommen – auch wenn Somersan (2007) die eine als ein Hindernis für die andere sieht. 68 UMKÄMPFTE INTERVENTIONEN. EINE KRIEGSTOPOGRAPHIE. 5 . 1 . 2 . D I E UM KÄ M P F T E ST R AT E G I E D E R SU LU K U L E - P L AT T F O R M Somersan und Kırca-Schroeder (2007:100) zufolge ist das, was Sulukule von ande- ren Vierteln unterscheidet und es „besonders“ macht, ihre mit Musik und Unterhal- tungshäusern verlochtene Vergangenheit.86 Der Aubau einer authentischen Identi- tät für Sulukule, das eigentlich eine komplexe identitäre Landschat aufweist, ist der strategisch „schicksalshate Moment“ des Widerstandes gegen die Erneuerungspro- jekte.87 Die Unterhaltungshäuser und die Musik sind zu Hauptinstrumenten der Ro- ma-Identität von Sulukule geworden. Das Musikerdasein, das bei der Repräsentation des Lokalen als positives Instrument zur Rehabilitierung des Images dienen sollte, ist aber, wie auch Somersan/Kırca-Schoeder (2007: 101) selbst anführen, auf eine sehr kleine Gruppe beschränkt. Sie führt an, dass nur mehr 50 Musiker übriggeblieben seien. Wieviele davon tatsächlich ein professionelles Musikerdasein führen, bleibt unerwähnt. Die Studie von Islam (2009: 72) bezifert die berulich tätigen Musiker mit 1,3% und die 2006 durchgeführte Studie der Gemeinde mit 3%. Für die sich in der Plattform zusammenindenden Aktivisten aus der säkularen Mit- telschicht, die westliche Werte teilen und sich eine westliche Lebensweise angeeignet haben, erscheinen Musik und Unterhaltungshäuser als gemeinsame Basis für und als adäquate Mittel im Kampf gegen das Erneuerungsprojekt. Dass die Unterhaltungs- häuser ins Zentrum des Kampfes gestellt und die Lokalität über sie deiniert wur- den, hat zwar dazu geführt, dass einerseits die Mittelschicht selbst mobilisiert werden konnte, andererseits ein transnationales Netzwerk entstanden ist und der Widerstand eine transnationale Öfentlichkeit gefunden hat – hingegen hat es die Mobilisierung im Viertel selbst aber verhindert. (Vgl. Islam 2009: 152; Yolaçan 2008: 50)Gegen den sich auf die „osmanische Architektur“ berufenden Entwurf der Gemeinde für die Zukunt Sulukules ist die Gegenstrategie der säkularen Mittelschicht, die auf Unter- haltungshäusern aubaute, ein Schlachtfeld für einen größeren Kampf geworden. Die Unterhaltungshäuser Die Plattform sieht in der Schließung der Unterhaltungshäuser den Grund für die Verarmung des Viertels. Darauf aubauend entwarf sie eine Strategie, in der zur ökonomischen Rehabilitierung des Viertels das Revival der Unterhaltungshäuser vorgesehen war. Doch diese Sicht der Dinge wurde noch nicht einmal von den sich als Roma deinierenden Teil der Bevölkerung gänzlich geteilt und belebte zwischen ihnen ein länger bestehendes hema. Der ablehnende Teil der Roma sieht in den Unterhaltungshäusern nämlich die Ursache dafür, dass das Viertel mit Prostitution in Verbindung gebracht und stigmatisiert wird. Die Ablehnung ist strategisch gegen diese Art von Assoziationen gerichtet; daneben gibt es aber auch noch einen Teil der Roma, der in diesen Unterhaltungshäusern nur den „dekadenten“ Teil der Ro- ma-Kultur sieht. (Islam 2009: 100) Beide Standpunkte verwenden eine sehr selektive Auswahl der Geschichte der Un- 5 E I N E U M K Ä M P F T E G E G E N S T R AT E G I E – S U L U K U L E 69 Abb.33: (links) terhaltungshäuser zur jeweiligen Untermauerung ihrer Argumentation: Während Mitglieder der Sulukule der Roma-Verein und sein aktivistisches Umfeld die glorreiche Phase hervorhebt, in Plattform bei der Vorbereitung ihrer der die Unterhaltungshäuser unmittelbar oder indirekt vielen Viertelbewohnern ein Rede zur Eröfnung der ökonomisches Einkommen sicherte, bezieht sich der andere Teil auf die Phase des Ausstelung „Sulukule Verfalls, in der die Unterhaltungshäuser nur mehr mit Prostitution in Verbindung haben sie genommen, meine Darbuka haben sie gebracht und schließlich geschlossen wurden. zerbrochen.“ Die Unterhaltungshäuser88 waren eine zeitlang direkte und indirekte Einkommens- H AF R I YAT, 6 . MA I 20 0 9 quelle des Viertels. Neben Musikern, Tänzern, Sängern und der Gastronomie gab es Abb.34: (rechts) auch noch Händler und Dienstleister für die Gäste dieses Viertels. Das eigentlich his- Musik mit Darbuka und torische Sulukule, dass man mit den Roma und den Unterhaltungshäusern assoziiert, Bauchtanz bei der selben Eröfnung. wurde zwischen den Jahren 1958 und 1966 während der Errichtung der Boulevards H TT P: //SU LU KULEG UN LUG U. Vatan Caddesi und Millet Caddesi niedergerissen, was die Bevölkerung von dort ver- BLOG SP OT.CO.AT trieben hat. Die bessergestellten Bewohner haben sich in anderen Vierteln Istanbuls niedergelassen, während die ärmere Bevölkerungsschicht an die städtische Peripherie (Sarigöl und Taşoluk) oder in die Umgebung des historischen Sulukule umgezogen ist. (Somersan and Kırca-Schroeder 2007: 101)Diese Umgebung wurde damals als Sultan-Viertel bezeichnet und ist heute unter den Namen Neslisah und Hatice-Sul- tan bekannt. (Yolaçan 2008: 25) Die alten Bewohner des historischen Sulukule, die selbstständige Unternehmer waren und in das Sultan-Viertel umgezogen sind, haben dort neue Unterhaltungshäuser errichtet. (Somersan and Kırca-Schroeder 2007: 101) Hier werden dann auch die ersten Spannungen rund um die Unterhaltungshäuser aukommen und in den Jahren 1966 und 1982 werden diese Unterhaltungshäuser schließlich abgerissen. (Somersan 2007: 726) Roma versus Muslim? Während auf der einen Seite sich seit dem Ende der 1980er Jahre eine islamische Lebensweise zwischen den Bewohnern verbreitet, siedeln sich Ende der 1980er und Anfang der 1990er Jahre Binnenlüchtlinge aus der östlichen Türkei an. Im Viertel gibt es dann auch am Ende der 1980er Jahre und am Anfang der 1990er Jahre die wirkungsreiche Erzählung, dass die Unterhaltungslokale ihre „ursprüngliche“ Natur verloren hätten und einem „Verfall“ ausgesetzt wären, also mit Prostitution durchzo- 70 UMKÄMPFTE INTERVENTIONEN. EINE KRIEGSTOPOGRAPHIE. gen worden seien. (Islam 2009: 99) In dieser Phase entwickelten sich die Unterhal- tungshäuser zu einem ernsthaten Konliktpunkt; ein Teil der Bevölkerung sammelt sogar Unterschriten für deren Schließung. (Yolaçan 2008: 26) Die Versionen der Erzählungen vom Verfall des Viertels i.a. sind sich auch uneins über die Gründe des Verfalls: Während eine Version die durch Zwangsmigration „von außen“ gekommenen Kurden als Grund anführt, macht die andere Version die Schließung der Unterhaltungshäuser, und den damit zusammenhängenden Wegfall der Einkommensgrundlage, für den Verfall verantwortlich. (Vgl. Islam 2009: 143 und Somersan und Kırca-Schoeder 2007: 101) Eine geraume Zeit nach der Proklamation des Erneuerungsprojekt im Oktober 2007 wird ein zweiter mit der Gemeinde kooperierender Verein gegründet, des Hilfs-, Solidaritäts- und Entwicklungsverein Neslisah und Hatice Sultan (Neslişah ve Hatice Sultan Yardımlaşma, Dayanışma ve Geliştirme Derneği). Es gibt einen „nicht zu un- terschätzenden“ Teil der Bevölkerung, die mit der Konstruktion der Roma-Identi- tät rund um die Unterhaltungshäuser nicht einverstanden war und die das Erneue- rungsprojekt als „eine Gelegenheit gesehen hat, dem Viertel zu entkommen“. (Islam 2009: 143) Dieser zweite Verein fordert das Bild von Sulukule heraus, das die Suluku- le-Plattform vertritt, und sieht seinen eigentlichen Zweck darin, mit der Gemeinde über hemen wie die Zahlungsmodalitäten, den Wert der Häuser u.ä. zu verhandeln. Als die Unterhaltungshäuser zum hema beim Erneuerungsprojekt der Gemeinde werden, wehrt sich diese Gruppe dagegen, weil sie davon ausgeht, dass ihre Häuser an Wert verlieren werden. (Yolaçan 2008: 29) Während das speziische Sulukule-Bild – v.a. durch die eigenen Netzwerke der Ak- tivisten in der Plattform – in der nationalen und transnationalen Öfentlichkeit im- mer mehr zum hema wird, schreitet im Viertel der Wechsel der Eigentümer immer schneller voran. Den berechtigten Mietern werden im Dezember 2007 die Wohnun- gen in Taşoluk gezeigt, die Lose gezogen und Umzugshilfe erteilt. 5 . 2 . Z E R S T Ö RU N G D E S L E B E N SR AUM S U N D TA K T I K E N D E S Ü B E R L E B E N S Auch wenn das Erneuerungsprojekt in erster Linie die Eigentümer als Ansprechpartner sieht, sind die Mieter im gesamten Prozess doch mehr oder weniger die Hauptakteure. Sulukule hat im Vergleich zum Rest von Istanbul einen hohen Anteil an Mietern: 620 im Grundbuch eingetragene Immobilien haben 227 Besitzer und von diesen Eigentü- mern leben nur 60 im Gebiet. (Pündük 2009) Neben 42,5% Mietern gibt es noch ei- nen Anteil von 9% der Bevölkerung, die als „unentgeltliche Benutzer“ geführt werden und Wohnungen ohne Entgelt benutzen. (Islam 2009: 75) Auch wenn in einem ersten Schritt sich die Besitzer gewechselt, bzw. die Eigentümer sich mit der Gemeinde arran- 5 E I N E U M K Ä M P F T E G E G E N S T R AT E G I E – S U L U K U L E 71 Abb.35: giert haben, sind die Mieter geblieben. Den Mietern wurde das Recht zugestanden, mit Die Verlosung der Ratenzahlungen zwischen 275-450 TL Eigentümer von Wohnungen zu werden, die die Wohnungen in Taşoluk für die Mieter in Sulukule TOKI in Taşoluk errichtet hatte. Das hat die Viertelbewohner nicht sehr überzeugt, WWW. FAT I H . B EL.T R worauhin die Gemeinde – um diese Einstellung zu verändern und den Prozess zu be- schleunigen – im Dezember 2007 die Mieter mit Bussen nach Taşoluk gebracht, ihnen die Wohnhausanlage gezeigt und zwischen ihnen die Wohnungen verlost hat. Doch auch danach gab es unerwartete Entwicklungen: 200 von den Mietern, denen bei der ersten Auslosung eine Wohnung in Taşoluk bewilligt wurde, verkauten ihre Rechte informell an andere Personen, obwohl die Weitergabe der Wohnungen un- tersagt war. (Foggo 2009) Zwischen ihnen gab es zwar auch welche, die die neuen Wohnungen als Gelegenheit sahen, aus dem Viertel auszuziehen und versuchten, dort Fuß zu fassen. (İslam 2009) Aber andere verkauten ihre Rechte, nachdem sie umgezogen waren und nicht mehr bleiben konnten; wieder andere verkauten ihre Rechte ohne umzuziehen. (Ozan 2009c) Von den Hausbesitzern, die ihr Eigentum an Dritte verkauten, haben ein Teil genügend Geld erhalten, um woanders neu an- zufangen. Aber aufgrund einiger Mechanismen im Viertel zeitigte die Armut auch für sie bestimmte Risiken und Folgen. Es gibt eine Reihe von Gründen, die diese Entwicklungen verständlich machen können: Unregelmäßiges Einkommen/Regelmäßige Ausgaben: Sulukule war ein Raum mit ei- nem Baubestand, der die annähernd höchste Armut der Stadt beherbegte. Die Mieten in Sulukule waren fast dreimal so niedrig wie im restlichen Istanbul. (İslam 2009: 33) Woanders ließen sich solche Mieten nicht inden. 40% der Mieter hatten Mieten, die weniger als 100 TL ausmachten. (İslam 2009: 77)Deshalb waren die monatlichen Ra- tenzahlungen von 275-400 TL in Taşoluk viel zu hoch bzw. unmöglich zu begleichen. Auch für „besserverdienende“ Familien in Neslisah, die auch nur ein unregelmäßiges Familieneinkommen von durchschnittlich 600-700 TL aufwiesen (Pündük 2009) war es unmöglich die ixen monatlichen Ratenzahlungen und die Betriebs- und Heizkosten aufzubringen. Durch ein zentrales Heizsystem war es auch unmöglich, z.B. die Heiz- kosten unter Kontrolle zu halten oder alternative Heizmöglichkeiten zu nutzen. 72 UMKÄMPFTE INTERVENTIONEN. EINE KRIEGSTOPOGRAPHIE. Zugang und Informalität: Ein weiterer wichtiger Punkt ist die Lage von Taşoluk an der städtischen Peripherie. Die Bewohner von Sulukule waren meist in informellen Sekto- ren in zentralen Gebieten der Stadt beschätigt. In der zentralen Lage von Sulukule wa- ren Transportkosten und Wegzeit kein hema. Jetzt musste das auch noch einberechnet werden. Schließlich kam noch dazu, dass öfentliche Verkehrsmittel nur bis 20.00 Uhr zur Verfügung standen, was ein Arbeiten nach dieser Zeit ausschloß. (Ozan 2009c) Die schwierige Erreichbarkeit hat auch dazu geführt, dass die Viertelbewohner von vielen Vorteilen und Dienstleistungen, die im Zentrum vorzuinden waren, nun ausgeschlos- sen sein würden und ihr gesellschatliches Leben darunter leiden würde. Zusammenge- nommen lief also alles auf den Ausschluss von Mobilität und Zugang hinaus. Taktische Ökonomien: Wie in vielen armen Vierteln gab es auch in Sulukule eine Ökonomie, die es z.B. ermöglichte, „veresiye“ einzukaufen – also jetzt zu kaufen, aber zu bezahlen, wenn man Geld hatte. Im Unterschied zu anderen Viertel gab es in Su- lukule eine aus marginalisierten und prekären Lebensumständen heraus entstandene Praxis, die man als taktische Ökonomie bezeichnen könnte: Eine ordentliche Arbeit und ein daraus resultierendes regelmäßiges Einkommen ist in Sulukule eher die Aus- nahme gewesen. Ein Tagelöhner-Dasein hat die Lebensumstände und die Konsum- gewohnheiten vieler Familien im Viertel geprägt. Die Läden im Viertel mussten sich ebenfalls darauf einstellen. Es wurden keine wöchentlichen oder monatlichen großen Einkäufe getätigt, vielmehr wurde, sobald man Geld hat, täglich in kleinen Mengen eingekaut. Die Läden richteten sich danach, brachen Originalverpackungen auf und verkauten nicht in Einheiten wie Kilogramm, sondern in Einheiten, die sie der Men- ge des vorhanden Geldes anpassten. „Wie ich schon gesagt habe, hier leben und arbeiten die Menschen von Tag zu Tag. Es gibt welche, die gehen zum Laden und kaufen Weißkäse für eine Million [entspricht 1TL]. Tursil [Waschmittel] für 500.000 [entspricht 50 kurus] oder Oliven für eine Million. Menschen eben, die sich über den Tag retten.“89 Kulturelle und räumliche Praktiken: In Sulukule, v.a. in Neslisah, indet – mit der Ausnahme einiger alltäglicher Praktiken – das Leben v.a. auf der Strasse statt. (Somer- san and Kırca-Schroeder 2007: 99) Öfentliche und private Bereiche sind nur durch unscharfe Grenzen getrennt bzw. gehen ineinander über. Die Gassen und öfentlichen Räume werden in einer für die Mittelschicht-Viertel unbekannten Art und Weise für alltäglich private oder kollektive Praktiken wie Hochzeiten und Beschneidungsfeiern genutzt. So wie die räumlichen Trennungen ihre Grenzen stetig überschreiten, gehen auch die Grenzen der Standardzeit ineinander über; das Leben geht auf der Strasse auch in der Nacht weiter, und es gibt auch lautstarke Aktivitäten zu später Zeit, etc. Auch wenn das für manche Bewohner eine normale Situation ist und die Akteure von außen diesen Aspekt regelrecht zelebriert haben, ist das für einen anderen Teil des Viertels ein Grund für das Verlassen des Viertels geworden. Jene, die das Viertel 5 E I N E U M K Ä M P F T E G E G E N S T R AT E G I E – S U L U K U L E 73 unfreiwillig verlassen mussten, hatten sich erst daran zu gewöhnen, diese alltäglichen Praktiken in ein gänzlich anderes Raum-Zeit-Gefüge einzuordnen. Für sie wurden die TOKI-Wohnanlagen zu Räumen der Disziplin. Für viele in diesem disziplinären Raum dominierte das Gefühl der „Langeweile“. (İslam 2009: 107) (Un)Sicherheit der Verwundbarsten: Die aktive und stetige Nutzung des öfentli- chen Raumes durch die Einwohner schat einen kontrollierten Raum und erhöht zugleich das Gefühl der Sicherheit. Das gilt v.a. für die ironischerweise von außen als „gefährlich“ und „vertrauensunwürdig“ betrachteten Bewohner von Neslisah. Die Sicherheit, die sie in ihrem eigenen Viertel spürten und die es ihnen ermöglichten sogar zu sehr später Stunde noch draußen zu bleiben, rührt eben von der räumlichen und zeitlichen Verteilung der erwähnten Praktiken her. Obwohl die Einwohner mehr oder weniger geschlossen nach Taşoluk umgesiedelt wurden, haben sich diese Prak- tiken dort nicht entwickeln können. Zusammen mit der ohnehin menschenleeren Umgebung in Taşoluk hat es schließlich dazu geführt, dass sich bei den Einwohner das Gefühl von Angst und Unsicherheit verstärkt hat. (İslam 2009: 134) 5 . 2 . 1 . D I E TA K T I K D E R M I E T E R : L IQU I D I E RU N G D E R „ S O Z IA L“ WO H N U N G E N I N TA Ş O LU K Auch wenn die Wohnanlagen von Taşoluk für einen Teil der Bevölkerung von Sulukule einer Errettung aus ihrem alten Viertel gleichkam, gab es nur einen kleinen Teil, der in Taşoluk blieb. Im Zeitraum meiner Feldstudie (Mai 2009) gab es nur mehr ungefähr ein Dutzend Familien in Taşoluk. (Pündük 2009) Wie schon erwähnt, begannen viele Mie- ter ohne erst umzuziehen damit, die Rechte für ihre Wohnungen, die sie eigentlich zwei Jahre lang nicht weitergeben durten, am informellen Markt zu verkaufen. Dieser infor- melle Markt, den de facto die Menschen aus Sulukule initiiert hatten, führte dazu, dass die Gemeinde erkannte wie unrealistisch es war, davon auszugehen, dass die Mieter in Taşoluk bleiben würden. Deshalb erteilte die Gemeinde den Mietern schließlich die Möglichkeit die Wohnungen zu übergeben. Vor der Erteilung dieses Rechts wurden die Wohnungen mit Beträgen zwischen 3.000 – 5.000 TL übergeben. Nach der Erteilung des Rechts zur Übergabe und der Einführung einer oiziell geregelten Vertragsüber- nahme erreichten die Preise je nach Lage, Größe und Dauer des bereits bestehenden Vertrags zwischen 20.000 – 40.000 TL. (İslam 2009: 60) Die Gemeinde änderte also der faktischen Lage entsprechend ihre Taktik, was für die Mieter zu einem Kompensationsmechanismus für den verlorenen Lebensbereich und den neu entstandenen Risiken wurde. Neben den oben erwähnten Ursachen war das sicherlich auch mit ein Grund, weshalb die Wohnanlagen in Taşoluk immer leerer wur- den. Bargeld, dass sie sofort erhalten würden, erschien als eine viel bessere Option als eine Wohnung, bei deren Ratenzahlung sie sich schwer tun würden. Harvey spricht in diesem Zusammenhang davon, dass „[...] the poor, beset with insecurity of income and 74 UMKÄMPFTE INTERVENTIONEN. EINE KRIEGSTOPOGRAPHIE. frequent inancial diiculties, can easily be persuaded to trade in that asset for a cash payment at a relatively low price [...]“(2012: 20) Da nun der Ausgleich für die Zerstörung ihrer bisherigen lebensnotwendigen takti- schen Ökonomie im Recht für diese Wohnungen gesehen wurde, haben sie die Taktik der Umwandlung dieses Rechts in Bargeld gewählt. Der „Fehler“, den das System selbst produziert hat, haben die Menschen aus Sulukule neu interpretiert und damit die An- wender des Systems regelrecht dazu gezwungen, diese „Neuinterpretation“ als neuen Kompensationsmechanismus zu implementieren. Jene, die ihre Wohnungen erfolgreich übergeben hatten, siedelten sich zumeist in Kara- gümrük an, das sich wiederum in unmittelbarer Nachbarschat von Sulukule beindet. Andere zogen in Vierteln wie Balat und Carsamba um, wo Roma-Gemeinden leben und schließlich einige wenige siedelten sich außerhalb der historischen Halbinsel an. Während sich die meisten wieder in Mietwohnungen einrichteten, haben es ganz we- nige von jenen, die ihre Wohnungen später übergeben haben, geschat, ein kleines Geschät aufzumachen oder eine Wohnung zu kaufen. (Ozan 2009c) Auch wenn bis- her keine Studie dazu vorliegt, ist es absehbar, dass dieses einmal erhaltene Geld kei- ne nachhaltige Verbesserung ermöglichen wird. Vielmehr wird durch die Zerstörung der Mechanismen, in denen sie ihre Lebensgrundlage hatten, sich ihr Lebensstandard wahrscheinlich noch weiter verschlechtern. (Ozan 2009c) Dass die aus dem Gebiet „Vertriebenen“ wieder zurück in die Umgebung ihres alten Viertels kommen, deutet auf einen weiteren wichtigen Punkt hin: Die Armen von Sulu- kule sind – in den Worten von Zygmunt Bauman (2004) - der „Abfall“ einer geplanten, ästhetisch konzipierten Neuschafung des Stadtzentrums und werden in eigens geschaf- fene disziplinäre Räume in der städtischen Peripherie angesiedelt. Die Mehrwertpro- duktion als „Überluss“ wird mit dem Abfall als „Überschuss“ erkaut. Während der Wertsteigerung werden die „Gründe“ des Werteverfalls zu Abfall umgewandelt. Die Neuschafung des Raumes in Sulukule hat „Abfall“ erzeugt, und damit gleichzeitig einen Kundenstock für die neue Raumproduktion in Taşoluk geschafen. Aber diese Armen haben die räumlichen wie auch die durch Schulden geschafenen disziplinären Mechanismen abgelehnt bzw. konnten sich nicht in sie integrieren. Es ist unmöglich, dass dieser Produktionsabfall, der nicht im vorgezeigten Gebiet ixiert werden konn- te und – entweder unter schlechteren Konditionen oder mit ein wenig Bargeld – ins Stadtzentrum zurückkehrte, nicht diesen neu angeeigneten Raum verändern wird. 5 . 3 . D I E TA K T I S C H E N U T Z U N G E I N E S ST R AT E G I S C H E N M I T T E L S : D E R A B R I S S Wie bereits erwähnt ist der Abriß ein durchaus strategisches Mittel. Der auch in der Stadterneuerung als strategisches Mittel zur „Flächenbereinigung“ eingesetzte Abriß 5 E I N E U M K Ä M P F T E G E G E N S T R AT E G I E – S U L U K U L E 75 Abb.36: kommt eigentlich erst nach einer bestimmten Phase zum Einsatz. In der Verwirkli- Sulukule, Mai 2009 chung des Sulukule-Projekts hingegen hat der Abriß bereits die Funktion der Räu- mung der Bevölkerung aus dem Gebiet übernommen: Das Gerücht um Abrissarbei- ten hat Panik ausgelöst und den Verkauf beschleunigt. Wie bereits erwähnt hat das Gerücht, dass zum Abriß nur mehr 40 Tage bleiben würden, auch die Opposition in Bewegung gebracht. Der Abriß ist also hier eine Botschat. Nachdem in Sulukule ein Haus fälschlicherweise abgerissen wurde90, hat man die abzureißenden Häuser gekennzeichnet, was den Efekt der Botschat nocheinmal verstärkt hat. Die Abrissarbeiten haben in Sulukule schon vor der Genehmigung des Projekts be- gonnen. Nachdem einige Mieter das Recht auf eine Wohnung in Taşoluk erhalten hatten und ihre Häuser verließen, begannen im Februar 2008 die ersten Abrissarbei- ten. Diese Arbeiten wurden dann etappenweise aber stetig fortgesetzt, ohne darauf zu warten, dass das Gebiet geräumt ist. Die Abrissarbeiten waren nämlich selbst ein Mittel zur Räumung des Gebiets. Neben der Panik und der vermittelten Botschat, hat der Umstand, dass nach den Abrissarbeiten die Trümmer nicht beseitigt wur- den, dazu geführt, dass die Umweltbedingungen wie auch die Sicherheit des Viertels immer schlechter geworden sind. Jenen, „die im Viertel geblieben sind, hat man ein Umfeld hinterlassen, das einem Erdbebengebiet ähnlich war.“ (İngin 2009b) Eine weitere Bedeutung des Abrisses liegt darin, dass mit der Zerstörung eines Gebäudes ein unwiderrulicher Schritt gesetzt wird. Vier Häuser wurden z.B. abgerissen, noch be- vor der Antrag auf einen Grundbucheintragung abgeschlossen war. In der Praxis war das „Problem“ für die Projektumsetzung aus der Welt. Das ist im Grunde die Quelle für ein Problem, das sich bereits im rechtlichem Kampf stellt. Der Abriß schat einen irrepara- blen Schaden noch bevor das Verfahren abgeschlossen werden kann. Deswegen setzen viele Gerichte für die Dauer des Verfahrens einen Baustopp durch, was für die Bewohner ungemein wichtig ist. Mit dem 2012 eingeführten Katastrophengesetz mit der Nr.6036 ist eine Regelung eingeführt worden, nach der ein Baustopp für Erneuerungsprojekte, die im Rahmen dieses Gesetzes durchgeführt werden, nicht erwirkt werden kann – diese Re- gelung wurde später durch den Verfassungsgerichtshof außer Krat gesetzt. Während also der Abriss eines der wichtigsten strategischen Schritte in der Durchführung des Projektes darstellt, wurde es innerhalb des Prozesses in unterschiedlicher Weise taktisch eingesetzt. 76 UMKÄMPFTE INTERVENTIONEN. EINE KRIEGSTOPOGRAPHIE. 5 . 4 . A R C HÄO L O G I E U N D H I S T O R I S C H E S E R B E Z W I S C H E N ST R AT E G I E U N D TA K T I K Nach den Abrissarbeiten wurde 2009 die Baustelle in Sulukule errichtet. Während der Bauarbeiten stieß man – ähnlich wie beim Bau der Yenikapi-Station der Marmaray-Un- tergrundbahn – auf archäologische Funde im Baubereich. Darauhin ist der Baubereich zu einer Ausgrabungsstätte zur „Rettung archäologischer Funde“ geworden, deren Daten durch das Archäologische Museum Istanbul ausgewertet werden sollten. „Die Funde deuteten auf den archäologischen Reichtum dieses Gebiets hin“ (Akın und Cen- gizkan 2010), was der Sulukule-Plattform ein neues Mittel in die Hand gab, um den auf dem historischen Erbe aufgebauten strategischen Diskurs weiterzuführen. Der Diskurs um das historische Erbe wie auch die Bedeutung des Gebiets wurde durch dieses Mittel enorm gestärkt. Es iel zusammen mit einer beliebten Aussage von Asim Hallac: „Wenn man fünf Meter tief gräbt, bekommt man das Osmanische Reich; wenn man zehn Meter tief gräbt das byzantinische und wenn man fünfzehn Meter tief gräbt das römische Reich.“ Die Betonung des historischen Erbes hat hier natürlich nicht nur die Funktion, den „Ort“ zu gründen. In den Aussagen von Sükrü Pündük wird schnell deutlich, dass man damit auch eine translokale Öfentlichkeit ansprechen, Verantwortung einfordern und auf die Notwendigkeit der Begrenzung der Interventionen hinweisen kann: „Seit 550 Jahren lebt meine Verwandschat in Sulukule. Wir sind eine Gemeinschat, die mit den Osmanen hierhergekommen ist. Alle unsere Häuser haben Grundbucheinträge, osmanische Grundbucheinträge. Als dann in der Republik neue Grundbücher geführt wurden, haben wir un- sere osmanischen Grundbucheintragungen mit jenen der Republik eingetauscht. Manche haben ihre osmanischen Grundbucheinträge so belassen. Das ist ein historischer Ort, ein Ort auf der his- torischen Halbinsel, ein denkmalgeschützer Ort. Außerdem ist es ein Ort, der drei große Zivilisa- tionen beherbergt hat. Eines davon ist Rom, eines davon Byzanz und eines davon das Osmanische Reich. Also wenn Sie hier ein Stadterneuerungsprojekt durchführen wollen und dabei graben, dann heißt das, dass die gesamte Menschheitsgeschichte dabei verloren geht.“ (Pündük 2009) Auf der anderen Seite haben die Arbeiten an der Ausgrabungsstätte als Mittel zur Verhinderung oder wenigstens Verzögerung des Erneuerungsprojektes eine ernst- hate Bedeutung erlangt. In den Verträgen der TOKI wurde der schon bereits ver- schobene Termin der Übergabe mit dem Jahr 2011 angegeben. Das hat zur Befürch- tung geführt, dass die Ausgrabungen oberlächlich und schnell erledigt werden würden. Die TOKI und die anspruchsberechtigten Bewohner machten Druck für einen schnellen Baubeginn. Die Opposition hingegen wies darauf hin, dass die Lage der Ausgrabungsstätte an den historischen Stadtmauern Funde zutage fördern könn- te, die in der Innenstadt nicht möglich wären. Außerdem sei es aufgrund der Struktur des Ausgrabungsbereiches nicht ausreichend, nur die obersten Schichten abzutra- gen; das Gebiet sei ein Flußbett gewesen und leere Schichten dazwischen könnten durch Schwemmland entstanden sein. Schließlich könne das Ausgrabungsgebiet 5 E I N E U M K Ä M P F T E G E G E N S T R AT E G I E – S U L U K U L E 77 prähistorische Funde zutage fördern; die Ausgrabungen müssten deshalb auf einen längeren Zeitraum ausgelegt werden. Mit diesen Argumenten, unterstützt durch na- tionale Experten und transnationale Institutionen, versuchte die Opposition Druck aufzubauen. Die Plattform hat bei dieser Gelegenheit versucht, das Projekt wieder zur Diskussion zu stellen. Das Projekt konnte zwar in diesem Prozess nicht verhin- dert werden, der Baubeginn verzögerte sich jedoch soweit, dass es erst im Juli 2010 begonnen werden konnte – also in dem Jahr, in dem es ursprünglich fertiggestellt sein sollte. Trotz der Überbetonung des historischen Erbes als Rechtfertigung der Stadterneuerung und trotz der übernommenen Rolle als Retter dieses Erbes, hat die Zentralregierung, die TOKI und die Gemeinde das archäologische Erbe „unter den Tisch gekehrt“. (Akın und Cengizkan 2010) 5 . 5 . P L A N U N G V E R SU S P L A N U N G Die Sulukule-Plattform hat wiederholt die Gemeinde dazu aufgerufen, dass Projekt neu zu überarbeiten. Die Vorarbeiten zu einer Überarbeitung des Projekts hat die Platt- form versucht, selbst durchzuführen. Eine Gruppe von Akademikern und Studenten der Development Planning Unit des University College of London (UCL/DPU) haben gemeinsam mit der Plattform Sulukule und der Technischen Universität Istanbul un- ter der Schirmherrschat der Agentur Kulturhauptstadt 2010 ein Projekt mit dem Titel „Placing Sulukule: Towards an alternative proposal to conserve the living heritage of Romani Culture“ gestaltet. Das Projekt wurde in einer Multi-Stakeholder-Versamm- lung in den Räumlichkeiten der Agentur Kulturhauptstadt 2010 mit dem Titel „Visions of Sulukule 2010“ präsentiert, bei der auch die Gemeinde anwesend war. (UCL-DPU 2007a)91 In dieser Phase wurde diskutiert, ob nicht eine Protokoll-Vereinbarung mit der Gemeinde gemacht, eine Kommission aus mehreren Akteuren gebildet und die Abrissarbeiten und Verkäufe gestoppt werden sollten. (İngin 2007) Diese Arbeit, die die Planungskriterien bestimmt hat, fand ihre Fortsetzung in dem EU-Projekt zur Ent- wicklung der Roma-Viertel, das schließlich auch abgelehnt wurde. Das Erneuerungsprojekt, das im Juni 2007 beginnen sollte, hat in Sulukule einen alter- nativen lokalen Entwicklungsplan hervorgebracht, in der die Abriss und Erneuerungs- arbeiten gestoppt und stattdessen unter Beteiligung verschiedener Akteure das Gebiet wirtschatlich entwickelt werden sollte. Das Projekt platzierte Sulukule in ein von der EU geprägtes hemenfeld, das von Multikulturalität bis zu partizipativer Demokratie reichte. Es war zugleich auch der Versuch, Governance-Modelle für Erneuerungspro- jekte zu inden, die auch in anderen Roma-Vierteln mit ähnlichen Problemen kämpf- ten – die Erfahrungen in Sulukule sollten auch diesen Vierteln zugute kommen. In diesem Zusammenhang sollte schließlich am Ende des Prozesses mit verschiedenen Organen wie dem Technischen Unterstützungsteam Sulukule eine Richtlinie für parti- 78 UMKÄMPFTE INTERVENTIONEN. EINE KRIEGSTOPOGRAPHIE. zipative Planung und ein Konzeptplan für Gesellschatsvisionen in Sulukule entwickelt werden. Der alternative lokale Entwicklungsplan sah vor, die Häuser zu rehabilitieren, die Gemeinschat in Sulukule auf Grundlage des aus traditioneller Musik und Tanz ge- speisten kulturellen Erbes zu entwickeln und das Gebiet neu zu beleben. 92 Das Projekt wurde aber aus vorwiegend technischen Gründen abgelehnt. (Yolaçan 2008: 36) All diesen „Anstrengungen für das Viertel“ zum Trotz haben die Arbeiten der Su- lukule Plattform in anderen ebenfalls unter der Bedrohung der Stadterneuerung stehenden Vierteln eine Reaktion gegen den NGO-Aktivismus hervorgerufen und einen Relex entwickelt, ihr „Viertel selbst zu verteidigen“. Das mag widersprüchlich erscheinen, sollte aber nicht vorschnell abgetan werden. Die Reaktion stand – wie eben erwähnt – unter dem Motto, dass das Viertel nur durch ihre Bewohner vertei- digt werden könne und ist deshalb entstanden, weil sie die oberlächlich nicht als sol- che erkennbare Komplizenschat zwischen den Akteuren des Stadterneuerungspro- jekts und der Sulukule-Plattform – deren Gegenstandpunkt allzu schnell als gegeben angesehen war – erkannt hatten. Darauf deutet einiges hin: Neben dem Umstand, dass beide Seiten – die Stadterneu- erung wie auch das Gegenmodell der Plattform – auf den selben strategischen Bah- nen fortschritten, waren beide „diferent sides of the same coin from the vantage point of post-Fordist urban restructuring of metropolises.“(Yolaçan 2008: 38) In die- sem Zusammenhang kann man durchaus sagen, dass bei neuen Führungstechniken NGOs eine Schlüsselrolle spielen. Während sie verschiedene Institutionen rund um Projekte mit vermuteten gesellschatlichen Nutzen versammelt, ist ihre Existenz von der Kooperation öfentlicher und privater Institutionen abhängig; in diesem Sinne „übersetzt sie die Bedürfnisse des öfentlichen und des privaten Sektors je füreinan- der.“ (Yardımcı 2005: 115) Yardımcı zufolge sind NGOs „weder außerhalb des Einlusses des öfentlichen noch des privaten Sektors“; darüber hinaus sind sie Teil gouvernementaler Techniken. In diesem Sinne versucht die NGO nicht eine grundsätzliche politische Kritik zu for- mulieren und eine Alternative zu entwickeln; ihr Handeln verbleibt vielmehr auf der gleichen Linie wie das Erneuerungsprojekt. Die NGO stützt sich auf die gleichen Vorannahmen und stellt Erwartungen an das historische Erbe für touristische Wie- derverwertung. Nur so, mit der Entwicklung neuer Governance-Techniken unter Einbeziehung unterschiedlicher Akteure, erscheint es ihr möglich, das Displacement der Bewohner zu verhindern. (Yolaçan 2008: 38) Das STOP-Projekt Nachdem dieses Projekt nicht verwirklicht werden konnte und die Abrissarbeiten im Gebiet fortgesetzt wurden, haben im August 2008 an die 40 Künstler, Akademiker und Aktivisten auf Freiwilligenbasis mit Planungsarbeiten begonnen, die sie unter dem Titel STOP (Sinir Tanimayan Otonom Plancılar – Autonome Planer ohne Grenzen) einen Monat lang intensiv fortsetzten und in die sie vorherige Arbeiten miteinbezogen haben. 5 E I N E U M K Ä M P F T E G E G E N S T R AT E G I E – S U L U K U L E 79 80 UMKÄMPFTE INTERVENTIONEN. EINE KRIEGSTOPOGRAPHIE. Abb.37: (linke Seite oben) „Comparison of the Existing Situation, the Municipality Draft Plan and the Alternative Plan“ STO P, SE PTE M B E R 2 0 0 8 Abb.38: (linke Seite unten) „The Share Holders at Sulukule“ STO P, SE PTE MB E R 2 0 0 8 Diese Planungsarbeit, die zugleich den Höhepunkt der Arbeiten der Plattform Su- lukule darstellte (Ozan 2009c), hatte sich einen Ansatz zum Ziel gesetzt, in dem die Mieter im Viertel bleiben konnten, die Kosten für die lokale Bevölkerung erschwing- lich blieben und der partizipativ, lebenswert und nachhaltig ausgerichtet war. Alle früheren Vorschläge und Arbeiten, das Erneuerungsprojekt mit eingeschlossen, wurden berücksichtigt, die fehlenden Daten ergänzt und die Planungsarbeiten nach sechs planerischen Prinzipien entwickelt: Lebenswert, Partizipation, Gebrauchswert, Verteilungsgerechtigkeit, Lebensweise, Schutz und Entwicklung. Das Erneuerungsprojekt der Gemeinde sah die Veränderung der Gassenstruktur des Viertels vor. Während die historische Raumstruktur 12 Blöcke und 13 Gassen auf- wies, plante die Gemeinde 24 Blöcke und 30 Gassen. Der STOP-Plan sah vor, die Gassenstruktur unverändert zu belassen, die renovierbaren Gebäude zu erneuern und nicht zu rettende Gebäude und leere Parzellen mit neuen Bauten zu verdichten. So wurde es sogar möglich, viel mehr Wohnungen zu schafen und Bewohner zu beherbergen, als es das Erneuerungsprojekt vorgesehen hatte. Das wichtigste Ziel des Projekts war, die weggezogenen Bewohner von Sulukule wieder anzusiedeln. All das war möglich, ohne den Bebauungsplan zu verändern. Die Kaleboyu Caddesi wurde als touristische Achse geplant, in der Musik- und Kuntsateliers Platz inden wür- den. Der „Bostan“, der zuvor von den Viertelbewohnern für Veranstaltung im Freien genutzt wurde und im Erneuerungsprojekt zur Bebauung freigegeben war, wurde im STOP-Plan derart neu geplant, dass es als öfentlicher Raum weiterbestehen und gleichzeitig auch das Viertelzentrum beherbergen konnte. Man versuchte die transnationale Bekanntheit und Unterstützung zu nutzen, um den „negativen Prozess ins Positive umzukehren“. Es wurde auf den speziischen Cha- rakter des Ortes hingewiesen. Es wurde versucht, die historische Struktur und die Roma-Kultur zu schützen und das touristische Potential auszuschöpfen, um Arbeits- plätze zu schafen. Die Verantwortlichen der Gemeinde Fatih wurden zur Präsen- tation des Projekts in die Technische Universität Yildiz geladen. Die Abrissarbeiten wurden unterdessen weitergeführt. Im In- und Ausland wurden Unterschritenakti- onen begonnen. Der Plan wurde bei der Regionalkommission für Denkmal- und Na- turschutz in Erneuerungsgebieten vorgestellt. (İngin 2009a) Die UNESCO-Delegation nahm an der Informationsveranstaltung des STOP-Projektes teil und empfahl der Verwaltung, den Plan zu berücksichtigen. Darauhin trat Mitte 2009 Erdoğan Bayraktar, der Vorsitzende der TOKI, mit STOP in Kontakt und wollte die Um- setzbarkeit des alternativen Projekts besprechen. In der Zwischenzeit wurde der alternati- ve Plan mit den Viertelbewohner diskutiert. Nach beidseitigen Besprechungen und einer Weiterentwicklung der Arbeiten durch ein nahezu 60 Köpfe zählendes Team, das sich unter dem Namen Sulukule-Werkstatt zusammengefunden hatte, wurde beschlossen, dass man sich neu zusammensetzen müsse. Doch auch diese Neuverhandlungen konn- ten keine Ergebnisse liefern und keine Übereinkunt zustande bringen. Auch die im al- ternativen Plan zur Renovierung vorgesehenen Gebäude wurden schließlich abgerissen. 5 E I N E U M K Ä M P F T E G E G E N S T R AT E G I E – S U L U K U L E 81 Auch wenn die vorherigen Kritiken im Zusammenhang mit dem EU-Projekt auf- recht bleiben, müssen mit dem alternativen Projekt des STOP doch weitere Punkte zur Diskussion gestellt werden: Kann die Praxis der Planung eine Alternative schaf- fen? Und wenn es denn möglich ist, wo in der Produktionsphase dieser Alternative werden die Bewohner des Gebiets plaziert? Das STOP-Projekt hat in kurzer Zeit ein in anderen Vierteln nicht zu beobachtendes Aufgebot an qualiizierter Arbeitskrat wie professionelle Stadtplaner, Stadtplanungsstudenten, Juristen, etc. für das alterna- tive Projekt zusammenbringen können. Bevor man kritisch an dieses Projekt heran- geht, muss man fairerweise hinzufügen, dass dieses Projekt innerhalb ihrer eigenen Agenda und Herangehensweise ein großer strategischer Erfolg war. Planung: Die Planung ist eines der wichtigsten strategischen Instrumente kapitalisti- scher Gesellschaten. Die Natur strategischer Bewegungen verlangt einen festen Glau- ben daran, dass die Praktiken zielführend sein werden. In diesem Sinne wird die Pla- nung für die Opposition der Stadterneuerung zum Instrument für einen „Kampf, der keine Niederlage ins Auge fasst.“ (Şen 2010: 337) Eine strategische Bewegung sieht eine Vorgangsweise vor, in der die Risiken auf ein Minimum reduziert sind. Der alternative Plan für Sulukule verbleibt in diesem Rahmen und versucht, ein lokales Entwicklungs- modell zu entwickeln. Da es bestimmten sozial-räumlichen Grenzen verhatet bleibt und ein Entwicklungsmodell für eine bestimmte kulturelle Gemeinschat darstellt, dient es, trotz gegenteiliger Vorannahmen, doch der Vervollständigung kapitalisti- scher Dynamiken. (Vgl. Gündoğdu 2010: 361) Es wird aber angeführt, dass ihr eigener Kampf für die Lösung der Probleme und die Gewinne der lokalen Community „nicht revolutionär, sondern revisionistisch sei.“ (Çavuşoğlu and Yalçıntan 2009: 3) In diesem Zusammenhang wird die Erstellung von alternativen Plänen zum Erneuerungsprojekt zum hema; die Praxis der Planung selbst wird nicht infrage gestellt. Es ist also keine alternative Praxis zur kapitalistischen Planung, es ist nur ein alternativer Plan. Beteiligung: An diesem Punkt ist ein alternatives Beteiligungsmodell im Planungs- prozess genauso wichtig wie das Ergebnis des Plans selbst. Eines der bedeutendsten Diskussionspunkte im Rahmen der Stadterneuerung waren die Mängel in der Betei- ligung. (Özdemir 2011: 1108) Auch wenn in der Umsetzung der Stadterneuerungs- projekte auf Diskursebene ot betont wird, dass man Wert auf Beteiligung lege, ist die Deinition der Beteiligung in den Richtlinien des Erneuerungsgesetzes93 gänzlich der Initiative der Projektleitung überlassen worden. Es ist eher darauf ausgerichtet, le- diglich die Ergebnisse der Planung und Projektierung – die so angelegt sind, dass sie in Entscheidungsprozessen von Fachleuten verwirklicht werden sollen – betrofenen Personen mitzuteilen (Dinçer 2009) und deren Zustimmung einzuholen.94 Die Be- teiligung der lokalen Bevölkerung ist für den Erfolg formeller und informeller Seiten von Viertelerneuerungsprojekten von Bedeutung. (Atkinson 2010: 55) Die Stadtbevölkerung wird in den für sie wichtigsten Punkten von Entscheidungsme- 82 UMKÄMPFTE INTERVENTIONEN. EINE KRIEGSTOPOGRAPHIE. chanismen ausgeschlossen. Die für ihre Zukunt bedeutsamen Entscheidungen wer- den hingegen „weit entfernt von öfentlichen Befragungen, von einer ausgewählten Gruppe aus der zentralen und lokalen Führung, aus Fachpersonal und Investoren“ gefällt. (Türkün 2010) Die Beteiligung beginnt aber eigentlich schon bei der Feststel- lung der Probleme des Lebensraumes – wenn es diese Probleme denn überhaupt gibt. Die für die Rechtfertigung der Stadterneuerung vorgeschobenen Probleme sind im besten Fall durch Experten festgestellt worden; und später haben die Probleme, die die Experten erst geschafen haben, eine legitimierende Funktion in der Stadterneue- rung gespielt. Laut zwei wichtigen Beteiligten der Sulukule-Werkstatt, Yalcintan und Erbatur, haben von der öfentlichen Autorität strukturierte Beteiligungsprozesse kei- ne Chance; für eine erfolgreiche Beteiligung müssen die Menschen Druck ausüben und sich an der Planung beteiligen. (Yalçıntan and Çavuşoğlu 2013: 91) Die Beteilig- ten am Planungsprozess bestanden aus durchaus unterschiedlichen Berufsgruppen, trotzdem wurde aus dem Viertel selbst – bis auf einige wenige im Umfeld des Vereins – niemand einbezogen. Es hat sich ohnehin statt einem konliktbehateten Prozess der breiten Beteiligung eher ein Konsens aus großteils viertelfremden, aus einem be- stimmten Milieu kommenden Menschen gebildet. Dass der prinzipielle Plan nach seiner Entwicklung auch im Viertel zur Diskussion gestellt worden ist, scheint für die Sicherstellung einer Beteiligung eher zu spät gewesen zu sein. Aber auch im Schafensprozess des alternativen Plans für Sulukule konnte keine Be- teiligung der lokalen Bevölkerung zustande gebracht werden: “he members of the Sulukule Platform who were involved in the local community were in- vited to the plan-making process, representatives of the local community were consulted con- tinuously and all the academic studies on Sulukule were considered. he local community at Sulukule was not eager to and eicient in the planning process for various reasons including poverty, lack of education, indiference, respect to public authority or hopelessness. hus, only representatives of the community were consulted continuously and a meeting was organised at the neighbourhood. In this regard, the alternative plan can be called anadvocacy plan rather than a participatory or a self-organisation one.” (Çavuşoğlu und Yalçıntan 2009: 4) Wenn aber eine Beteiligung nicht zustande gebracht werden konnte, wie alternativ konnte der Plan dann denn sein? Hat das Nicht-Zustandebringen der Beteiligung nichts mit der Organisation des Planungsprozesses selbst zu tun gehabt? Ist es aus- reichend, dass statt der staatlichen Elite und Fachpersonal freiwillige Kultureliten aus der Mittelschicht, NGO-Aktivisten und Fachleute den Plan entworfen haben? Die Frage ist nicht nur ob es ausreicht; es stellt sich vielmehr die Frage nach dem Risiko, das dabei die gleichen Ergebnisse geschafen werden. Schließlich ist das alternative Entwicklungsmodell für Sulukule eine Folge dessen: Es stützt sich auf eine vermarktbare und konsumierbare Lokalität, die entstanden ist durch die Hervorhebung speziischer kultureller Formen und Identitäten. Der Planungsprozess hatte sich auf die Unterscheidungen gestützt, die aus dem Erneue- 5 E I N E U M K Ä M P F T E G E G E N S T R AT E G I E – S U L U K U L E 83 rungsprojekt und der Opposition dagegen entstanden sind; das hat bestimmte Grup- pen von vornherein ausgeschlossen: Wie wir schon oben erwähnt haben, war die Musik und der Unterhaltungssektor schon lange nicht mehr die vornehmliche Ein- kommensquelle des Viertels und die infrage kommenden Unterhaltungshäuser wa- ren im Viertel erheblich umstritten; das hier nun eben diese Elemente ins Zentrum der alternativen Planung gestellt wurden, hat sie zu einem Mechanismus gemacht, der die Partizipation von vornherein verhindern musste. Das alles ist einem Begrif von Partizipation geschuldet, in der ein gouvernementales Modell mitgedacht ist, das den Ort als eine Fläche und die lokale Bevölkerung als ei- nen von ihr unabhängigen Akteur sieht. Wenn auch hier das STOP-Plan unter Betei- ligung vieler verschiedener, freiwilliger Akteure zustandegekommen ist, kann es doch das gleiche Ergebnis wie das Erneuerungsprojekt hervorbringen. Außerdem muss man hier aber Partizipation in einem breiteren Rahmen verstehen: auch wenn bestimmte Akteure durch bestimmte strategische Mechanismen ausgeschlossen erscheinen, kann ihre Partizipation doch nicht verhindert werden. Wie wir bereits erwähnt haben, hat der andere Verein im Viertel sich gegen die Aufnahme der Unterhaltungslokale in das Erneuerungsprojekt gewehrt und Druck auf die Gemeinde ausgeübt. Partizipation ist hier also ein intensiver und konliktreicher Prozess, indem jeder nicht unbedingt die erwartete Rolle spielt – und nicht nur ein gouvernementales Modell, das auf einem bestimmten Konsens basiert. (siehe Laclau und Moufe 2006) 5.6. DENKMALSCHUTZ A L S TA K T I S C H E S M I T T E L ? Sulukule beherbergt viele Beispiele der osmanischen Zivilarchitektur, von denen die meisten vorwiegend in der Kücük Cesme Sokagi zu inden sind. Es wurde gefordert, dass diese Gasse als Ganzes geschützt und der Plan dementsprechend geändert wer- den sollte. Die Plattform hat der Regionalkommission für Kulturdenkmal- und Na- turschutz 85 Bauten für die Registrierung vorgeschlagen; die Kommission befand 25 davon als schutzwürdig. Aber bevor das noch oiziell bestätigt werden konnte, ist die Zuständigkeit zur neu gegründeten Regionalkommission für Kulturdenkmal- und Naturschutz in Erneuerungsgebieten übergegangen. Diese Kommission hat hingegen nur neun Bauten für schutzwürdig befunden. Bis die Entscheidung endgültig gefällt wurde, waren vier von diesen Bauten bereits abgerissen. Das STOP-Projekt entwickelte zwar für denkmalgeschützte Gebäude einen eigenen Ansatz, da man das Projekt aber nicht berücksichtigte, wurde nun probiert, die Ge- bäude einzeln zu retten, indem man Lücken in der Gesetzgebung nutzte. Das Erneu- erungsgesetz bietet die Möglichkeit für Eigentümer, ihre Häuser selbst zu renovieren, sofern es nicht aus dem Gesamtkonzept des Projekts fällt: 84 UMKÄMPFTE INTERVENTIONEN. EINE KRIEGSTOPOGRAPHIE. „Arbeiten bei zu erneuernden Gebäude in Parzellen im Erneuerungsgebiet können vom Par- Abb.39: (links) Taktische Renovierung: zelleneigentümer durchgeführt werden, sofern die Parzelle und das Gebäude unverändert Pembe Ev („Das Rosa bleiben, das Gesamtkonzept des Projektes nicht gestört wird, dem von der Gemeinde ent- Haus“), Mai 2009. wickelten Projekt Folge geleistet wird und den von der Sonderprovinzverwaltung und der Abb.40: (rechts) Gemeinde bestimmten Zwecken entsprechend genutzt wird. In solchen Fällen ist vorgese- Taktische Renovierung, Mai 2009. hen, dass die Arbeiten zeitgleich mit dem Projekt beginnen und abgeschlossen werden. In entgegengesetzten Fällen wird durch die Sonderprovinzverwaltung und der Gemeinde dieses Gesetz zur Anwendung gebracht.“95 Diese Möglichkeit wurde von der Gemeinde nie als Option den Eigentümer ange- boten. Die Plattform hat hingegen versucht, dieses Gesetz zu nutzen. Der Verein In- san Yerlesimleri Dernegi und die Eigentümer haben die Möglichkeiten geprüt und versucht inanzielle Quellen aufzustellen. KUDEB, eine normalerweise nur für Prüf- und Bewilligungsverfahren zuständige Institution, die an die Großstadtgemeinde Istanbul angeschlossen ist, hat – aufgrund der wirtschatlich schlechten Situation der Einwohner von Sulukule – eine Finanzierung ermöglicht, die Pläne erstellt, die Er- laubnis für die Renovierung eingeholt und mithilfe von Tischlereien in Süleymaniye und Zeyrek das Projekt umgesetzt. Sieben Häuser wurden auf diese Weise renoviert. (Deniz 2009) Diese Möglichkeit, die die Gemeinde aus strategischen Gründen ver- heimlicht hat, ist dahingehend verwendet worden, keine komplette sondern lediglich taktische Restaurationen durchzuführen – also auf die Hausfassade beschränkte ein- fache Ausbesserungsarbeiten zu machen. 5 . 7 . DA S B IO TA K T I S C H E : B EW E I SE Z UM O RT D E S KÖ R P E R S Aus verschiedenen Gründen hat eine Gruppe von Mietern keinen Rechtsanspruch auf Wohnungen in Taşoluk erhalten. Entweder waren sie nicht anwesend, als die Gemeindebediensteten die Bewohnerbefragungen durchführten, oder sie haben aus 5 E I N E U M K Ä M P F T E G E G E N S T R AT E G I E – S U L U K U L E 85 Abb.41: Mangel an Vertrauen die Befragung verweigert oder sie konnten keine Dokumente „Achtung nachreichen, die die Gemeinde als Nachweis für die Befragung verlangt hat. Diese Gemeindepolizei. Dieses Haus ist bewohnt. Die Gruppe von Mietern wurden von der Plattform entdeckt. (Ozan 2009c) Im Viertel, alten Mieter sind hier wo die Anzahl der Mieter sehr hoch ist, haben 55% der Mieter keine Belege für ihre wohnhaft.“ („Dikkat. Mieterschat, die für die Gemeinde ausreichend gewesen wären. (Güzey 2009) Belege Zabita memuru. Bu hanede oturanlar var. in diesem Sinne sind nicht nur ein Mietvertrag oder ein Meldezettel, die in Sulukule Eski kiracilar ikamet ohnehin kaum vorzuinden waren, sondern auch Stromrechnungen und ähnliches. etmekte.“). Sulukule, Mai 2009. Man versuchte Lösungen für diesen Teil der Mieter zu inden, die ja im Grunde ei- nen Rechtsanspruch hatten. Unter Inanspruchnahme des Rechts auf Information versuchte man andere Nachweise für den Verbleib in diesem Viertel zu inden: Jeder Antrag in diesem Zusammenhang beinhaltete einen, mit dem Raum verwobenen Rückblick auf die persönliche Biographie: Informationen zur Schule, die man selbst oder die Kinder besucht haben, zu Häusern, die man im Viertel bewohnt hat, zu Bestattungen von nahen Verwandten und zu Zeiten, in denen man seine Stimme bei Wahlen abgegeben hat. Jede diese je besonderen Geschichten sind in Anwesenheit von zwei Zeugen unterschrieben worden. Die erste Gruppe von Anträgen werden gesammelt im Juli 2008 abgegeben. Später kamen auch jene Viertelbewohner für einen Antrag, die zunächst gezögert hatten – sogar jene, deren Häuser abgerissen waren und die das Viertel bereits verlassen hatten. In einigen Monaten werden mehr als 400 Anträge eingereicht. Im Dezember kommen die ersten Antwortschreiben. In der Zwischenzeit brachten sie an ihre Fens- ter vervielfältigte Blätter an, auf denen geschrieben steht: „Wir warten auf Antworten auf unsere Anträge“. Sie versuchten damit, Zeit zu gewinnen und etwaige Abrissar- beiten vorerst zu stoppen. Diese Anträge haben auch dazu geführt, dass inmitten abgerissener Gebäude und einer verschärten Sicherheitssituation viele Mieter trotz- dem im Viertel ausharrten. Ein kleiner Teil (ca.10%) erhielt die Antwort, dass sie unter Nachweis einer Strom-, Wasser- oder Gasrechnung aus den Monaten Mai bis Juli 2005 einen Rechtsanspruch erhalten würden. Ein weiteres Zehntel erhielten Absagen, weil behauptete wurde, dass sie Eigentum in anderen Vierteln besitzen würden. Die große Mehrheit hingegen erhielt die Antwort, dass sie keinen Rechtsanspruch hätten, weil sie nicht im Viertel 86 UMKÄMPFTE INTERVENTIONEN. EINE KRIEGSTOPOGRAPHIE. wohnen würden. Während die letztere Gruppe verärgert war, weil ihnen unterstellt Abb.42: wurde, dass sie nicht dort wohnen würden, hatte die andere Gruppe, die Nachweise Baracke eines ehemaligen Mieters, dessen Haus ab- bringen sollte, alle Hofnung verloren, da sie keine derartigen Belege hatte. Diese gerissen wurde und der im Hofnungslosigkeit führte dazu, dass einige von ihnen schließlich tatsächlich das Viertel geblieben ist. Sulukule, Mai 2009. Viertel verließen. Bei der Gruppe, denen unterstellt wurde, dass sie Eigentum in an- deren Viertel besitzen würden, gab es nur große Verwunderung, da sich im Grund- buch bei den meisten keine Eintragungen zu Grundstückseigentum inden ließen. Die nächstfolgende bürokratische Taktik sollte sein, für den von der Gemeinde ver- langten Beleg in Form einer Rechnung einen alternativen Beleg mit Adressenangabe zu inden. Den Leuten, die die Plattform erreichte, half sie, die letzten fünf Jahre ihres Lebens detailliert zu durchforsten und einen Beleg zu inden, der eine Adressenan- gabe enthält: Eine Grüne Karte (eine Art Versicherungskarte für sozial Bedürtige), Hilfeleistungen vom Landrat, Antrag auf Altersgeld, Exekutionen, Operationen, Ge- richtsverfahren, Festnahmen, die in diese Zeit fallen oder irgendein Schreiben von einer staatlichen Stelle, die eine Adressenangabe enthielt. Falls für den Zeitraum kei- ne Dokumente vorlagen, hat man versucht andere Dokumente zu inden, die aus einem vorhergehenden und nachfolgenden Zeitraum stammten und die Anwesen- heit dazwischen belegen sollten. Für alle, die keine derartigen Dokumente auinden konnte, wurde es zum ersten Mal zum Nachteil, dass sie keine Sozialhilfe erhalten haben, keine Exekution bei ihnen durchgeführt wurde oder sie nicht inhatiert gewe- sen waren. Indessen hatten von jenen, die auf ihren Antrag die Antwort bekommen hatten, dass sie nicht im Viertel leben würden, im nachhinein viele einen Rechtsan- spruch erhalten – von fast 400 erfassten Personen wurden bei knapp 120 ein Rechts- anspruch gewährt. Die Beziehung mit dem Staat ist nie unmittelbaren, vielmehr ergeben die durch den Staat geschafenen Institutionen und bürokratischen Mittel erst den Weg für die Be- ziehung zwischen Staat und Bürger. Während der Staat über disziplinäre Institutionen Mechanismen der Disziplin und Kontrolle anwendet, sichert er über die Schafung von bürokratischen Wegen die Möglichkeiten der Bürger, ihre Arbeiten mit dem Staat zu erledigen. Bürokratische Instrumente und deren Sprache bedürfen einer Vertrautheit mit ihnen und erfordern zumindest einen minimalen Bildungsstandard. 5 E I N E U M K Ä M P F T E G E G E N S T R AT E G I E – S U L U K U L E 87 Zu der Schwierigkeit, Beamte davon zu überzeugen, ein Dokument aus dem Archiv hervorzuholen oder neu erstellen zu lassen, gesellt sich das Problem dazu, das „die Sprache der öfentlichen Hand und die Sprache der Armen große Unterschiede auf- weisen.“ (Ozan 2009c) Bei den Mietern von Sulukule hat das dazu geführt, dass viele von ihnen mit leeren Händen zurückgekehrt sind. „Sie hatten es noch nicht einmal geschat, den zuständigen Beamten zu erklären, was sie wollten. Wir haben es ihnen noch einmal erklärt, es ihnen schritlich in die Hand gegeben und sie gebeten, erneut einen Antrag zu stellen. Als wir gesehen haben, dass es nicht funkti- oniert, dass es wieder nicht funktioniert, sind wir schließlich selbst hingegangen, haben mit den Verantwortlichen der betrofenen Institutionen gesprochen und in den meisten Fällen das Problem gelöst.“ (Ozan 2009a) „Sie [die Beamten, Anm.d.Verf.] haben uns gesagt‚ dass wir kommen sollen, nicht sie.“ (Foggo 2009) Man muss dabei den breiteren Kontext berücksichtigen: In der neoliberalen Phase hat sich die Beziehung von Staat und Bürger verändert, und mit ihr natürlich auch die Art der Kommunikation. Der Staat zieht sich von seinen klassischen Aufgabenbe- reichen zurück und gibt diese an andere Gebilde ab. Neben öfentlichen Institutionen als klassische Vermittler zwischen dem Bürger und dem abstrakten Staat treten im- mer häuiger drittparteiliche Gebilde in Form von Hilfsorganisationen, NGOs, u.ä. auf, die mittlerweile in den meisten Fällen die Kommunikation übernehmen. Diese dritten Parteien übernehmen, wie das in Sulukule der Fall war, manchmal sogar nicht nur die Kommunikation zwischen Staat und Bürger, sondern intervenieren auch in die Kommunikation beider mit transnationalen Organisationen und schließen so die Klut in diesen Beziehungen. Außerhalb dieser Beziehung sind sie weniger als Akteu- re anzusehen; vielmehr geben diese „Members of the new ‚International Civil Socie- ty’ of collaborative non-governmental organizations“ Rückhalt für „this secessionist network, busily producing its human face.“ (Spivak 2000: 9) Der Grund dafür, dass man Belege wie Rechnungen oiziell anerkennt – es also keine streng deinierten bürokratischen Instrumente und Prozeduren gibt – liegt in den Lösungen für Situationen, in denen die gegebene gouvernementale Taktik mit dem Informellen konfrontiert wird. Der Mangel an streng festgelegten bürokratischen Kategorien, wie sie im Westen vorzuinden sind, hat hier also einen Handlungsspiel- raum eröfnet. Die Institutionen, die sich mit dem Informellen konfrontiert sehen, können ihre Prozeduren diesen neuen Situationen und quasi-formellen Mitteln ent- sprechend lexibel adaptieren. Die Bürokratie kann entweder selbst kreativ werden oder ofen für kreative Lösungen bleiben, bzw. sich schnell dementsprechend ein- stellen. Die Unterlagen, die die Mieter von Sulukule gebracht hatten, wie z.B. die Grüne Karte, Sozialhilfenachweise, Einkommensnachweise, etc., die nie als formelle Nachweise in diesem Sinne gedacht waren, sind in späteren Verfahren in einer gewis- sen Weise als Standardunterlagen akzeptiert worden. Mittelbare Nachweise für die Anwesenheit als Mieter in den Monaten von Mai bis Juli 2005 wurden also schließ- 88 UMKÄMPFTE INTERVENTIONEN. EINE KRIEGSTOPOGRAPHIE. lich akzeptiert – wobei nicht ganz klar war, wieso dieser Zeitraum so streng begrenzt wurde, auch wenn man davon ausging, dass es den Befragungszeitraum der Gemein- de zur Grundlage hatte. (Ozan 2009b) Hier drängt sich eine grundsätzliche Frage auf: Gibt es hier nicht doch mehr, als den Charakter der türkischen Bürokratie, die für taktische Vorgehensweise ofen ist? Geht hier nicht ein Gespenst herum? Die Mieter, die ohnehin eine Niederlage erlitten hatten, haben die Wahrscheinlich- keit, dass sie in ihren alltäglichen Praktiken und Biographien durch oizielle Stellen erfasst sein könnten, in ein bürokratisches Instrument verwandelt. Um den Nachweis zu bringen, dass sie im genannten Zeitraum Mieter waren, haben sie die Beziehung eines ihnen fremden „oiziellen“ Bereiches mit ihrem Leben genutzt. Das hat die Form und den Inhalt dieser Beziehung zutage gefördert. Betrachten wir das ganze über die verwendeten neuen Instrumente. Diese Instru- mente scheinen äußerst taktisch zu sein, da sie bestimmte oizielle Dokumente miss- brauchen. Die Grüne Karte oder der Nachweis einer Inhatierung hat normalerweise nichts mit dem Wohnort zu tun; sie sind vielmehr dazu gedacht in ganz speziischen Bereichen zur Anwendung zu kommen, und nicht zum Nachweis der Mieterschat. Aber enthüllt die Gebrauchsform dieser Dokumente nicht ihre eigentliche Form und Funktion? Die von diesem Dokument erfasste Sache ist im Grunde der jeweilige Körper, bzw. wann und wo sich dieser Körper befunden hat. Ein Dokument, dass Gültigkeit besitzen soll, muss drei Dinge beinhalten: Eine oiziell ausstellende Stelle, ein Ausstellungsda- tum und die Meldeadresse. Dementsprechend sprechen wir hier also von einem bio- logischen Körper, der durch eine oizielle Stelle in einer Zeit-Raum-Achse physisch ixiert worden ist. Verweist das nicht, über die einfache oizielle Angelegenheit hinaus, gleichzeitig auf die Beziehung zwischen dem Recht und dem biologischen Körper? Ist denn die Konstruktion von staatsbürgerlichen Rechten nicht genauso geartet? Eben aus diesem Grunde zeigt sich, dass jenseits eines Gebrauch der Mittel/Instrumente des Souveräns oder der Bewegung im Raum desselben, sich all das eigentlich an den Grenzen der Souveränität selbst abspielt und auf diese Grenzen verweist. Indem alle biopolitischen Beziehungen und Möglichkeiten entzogen worden sind, ist genau diese Enthüllung als Potential ermöglicht worden. 5 E I N E U M K Ä M P F T E G E G E N S T R AT E G I E – S U L U K U L E 89 90 UMKÄMPFTE INTERVENTIONEN. EINE KRIEGSTOPOGRAPHIE. Abb.43: (linke Seite oben) Die Baustelle in Sulukule kurz vor ihrer Fertigstellung, Kadir Kir, Juli 2014. ISTANBULUCUYORUM.BLOGSPOT.CO.AT Abb.44: (linke Seite mitte) Eingangstore mit Stacheldrahtzäunen versehen, die das Strassengelecht unvermittelt unterbrechen. An manchen dieser Eingangstore gibt es zusätzlich Wachkabinen und Sicherheitspersonal. Sulukule, Juli 2015. Abb.45: (linke Seite unten) Die von der Gemeinde Fatih für die Viertelbevölkerung später ins Projekt aufgenommene „Kunstakademie Sulukule“. Die Jugendlichen von Sulukle hatten aber bereits längst das Viertel verlassen. Sulukule, Juli 2015. 5 E I N E U M K Ä M P F T E G E G E N S T R AT E G I E – S U L U K U L E 91 Abb. 46: Webseite des neugebauten Projekts in Tarlabaşı. TA R LA BASI 3 60.CO M 92 UMKÄMPFTE INTERVENTIONEN. EINE KRIEGSTOPOGRAPHIE. 6 . E I N E N E U E S T R AT E G I E D E S E R N E U E R N S – TA R L A B AŞ I Im Juli 2005 organisierte die UIA den 22. Architektur-Weltkongress in Istanbul. Die teilnehmenden Architekten wurden von den Kongressräumlichkeiten im „Kon- gress-Tal“ Istanbuls gleich zum benachbarten Tarlabaşı für einen Rundgang ge- bracht, um anschließend an einer Podiumsveranstaltung an der Bilgi-Universität mit dem Titel „Tarlabaşı: Das unsichtbare Zentrum Istanbuls“ teilzunehmen. Alper Ünlü, der seit 1977 Forschungsarbeiten in Tarlabaşı durchführt, hat zunächst das Viertel als „baufälligen Bereich“ deiniert96, um anschließend das Projekt „Rehabilitierung der baufälligen Gebiet in Beyoğlu“ darzustellen, dass er und sein Team für die Di- rektion für Stadterneuerung und neue Siedlungsgebiete der Großstadtgemeinde Istan- bul entwickelt hatten. Diese „wissenschatlichen“ Informationen, die Ünlü „nur mit seinen Berufskollegen geteilt hat“ (Ünlü 2005), haben nicht dafür ausgereicht, um in Tarlabaşı ein Rehabilitationsprojekt zu starten. Die Zuhörer und Beobachter, die das Rehabilitationsprojekt als Gefahr für die „sehr bunte und sehr schöne“ Kultur des Zusammenlebens im Viertel erachteten (Atmaca 2005)97, werden – sofern sie das weiter verfolgt haben – gemerkt haben, dass die ersten Schritte zur kompletten Auf- lösung des ehemaligen Zustandes des Viertels schon damals gesetzt wurden und dass sich darin gegenüber Tarlabaşı und allen anderen historischen Stadtteilen ein neuer gouvernementaler Ansatz verkörpert hat. (Vgl. Aksoy 2008: 1) Tarlabaşı, das in der akademischen Literatur als „verfallenes Gebiet“ eingestut wird, liegt an beiden Seiten des Tarlabaşı Boulevards, das wiederum parallel zur Istiklal Caddesi verläut. Es besteht aus sechs98 der insgesamt 45 Mahalle, die an die Gemein- 6 E I N E N E U E S T R AT E G I E D E S E R N E U E R N S – TA R L A B A Ş I 93 Abb.47: de Beyoğlu gebunden sind, es hat eine heterogene Bevölkerungsstruktur, einen phy- Tarlabasi vom Taksim- sisch verfallenen historischen Baubestand und wird in der Öfentlichkeit und in den platz aus betrachtet. Vom zentralen Platz zur linken Medien als Seitengassen von Beyoğlu mit Kriminalität assoziiert. Im Osten grenzt es oberen Ecke verläuft der an Talimhane an, im Süden an den Tarlabaşı-Boulevard. Noch weiter südlich wird es Tarlabasi Boulevard. Die durch die Istiklal Caddesi begrenzt, das als Zentrum von Beyoğlu angesehen werden links im Bild dazu parallel verlaufende Straße ist kann und zugleich Handels- und Unterhaltungszentrum ist. Im Westen grenzt es an die weithin berühmte Kasımpaşa und im Norden schließlich an Dolapdere an. Fußgängerzone Istiklal- straße. In der Mitte des Die Stadterneuerung in Tarlabaşı wurde vom Bürgermeister im Jahre 2005 in den Me- Tarlabasi Boulevards auf dien angekündigt. Ähnlich wie in Talimhane sollte die Renovierung von Gebäuden ge- der rechten Seite liegt fördert, Kreditmöglichkeiten gefunden oder bei der Vermittlung an Bauirmen geholfen das Projektgebiet. werden, die im Gegenzug zur Renovierung der Häuser Wohnungen an die Eigentümer TA R LABASI 36 0.COM abgeben würden. Die Gemeinde präsentiert sich hier in der Funktion als Organisator. Schon damals wird in den Aussagen des Bürgermeister die Erneuerung in Tarlabaşı als Notwendigkeit ausgegeben.(Pamir 2005) Es gab noch kein speziisches Projekt. Mit den Befugnissen, die der Bürgermeister mit dem Erneuerungsgesetz – an dessen Entstehung er erheblich beteiligt war – erhält, wird er verlautbaren, dass noch im Juli des selben Jahres die Parzellen auf Blockbasis zusammengefasst projektiert und die historischen Fassaden geschützt werden. (Sezer 2005) In der gleichen Verlaut- barung wird der vorherige Zustand von Tarlabaşı mit der Metapher „Wundbrand“ umschrieben und die mit neuen Methoden durchzuführende Erneuerung als eine Win-win-Situation für Eigentümer, Gemeinde und Investoren beschrieben. Das Viertel, das aus insgesamt 21 Blöcken besteht, wurde im Februar 2006 zum Stadter- neuerungsgebiet deklariert.99 Die in neun Blöcken begonnene Erneuerung sollte in einem „Domino-Efekt“ die Erneuerung in ganz Tarlabaşı vorantreiben.100 6 . 1 . G E / S C H IC H T E N VO N TA R L A BA ŞI Der Unterschied zwischen Tarlabaşı und Pera (das heutige Beyoğlu) hat einen ge- schichtlichen Hintergrund. Die Besiedlung beginnt 1455 mit der Gründung der 94 UMKÄMPFTE INTERVENTIONEN. EINE KRIEGSTOPOGRAPHIE. Wert in Kasımpaşa, wobei die Wertarbeiter sich in Kasımpaşa, im Dolapdere-Tal und in Tarlabaşı niederließen. (Aksoy 2008: 11) Schon sehr früh hatten diese Gebiete also den Charakter eines Wohngebiets für Menschen mit niedrigem Einkommen. Später, als Pera zu einem Bezirk für die Oberschicht wurde, gab es in diesen Gebieten eine mittlere und untere Mittelschicht griechischer und armenischer Herkunt, die in den Arbeitsplätzen und Häusern der Oberschicht tätig waren. Damit zusammenhän- gend iel auch die Architektur bescheidener aus als in Pera, die Häuser wurden auf viel kleineren Parzellen nahtlos aneinandergereiht. Mitte des 19.Jahrhunderts wurde mit den „Enbiye Nizamnameleri“ das Bauen von Mauerwerkshäuser gefördert. Das hat die in Tarlabaşı verbreiteten Holzbauten mit eigenem Garten durch die heutigen Bauten ersetzt, die im Zuge des nach dem Brand von Pera 1870 begonnenen Stadt- projekts errichtet wurden. (Türkün and Sarıoğlu 2014: 275) Mit den weiter oben beschriebenen demographischen Veränderungen ist der Bau- bestand langsam entleert worden und wurde entweder sehr billig gekaut oder “as a consequence of the problematic ownership structure” (Sakızlıoğlu 2007: 148) be- setzt, in kleineren Einheiten unterteilt und an Migranten aus Anatolien weiterver- mietet. Für Migranten war Tarlabaşı aufgrund seiner zentralen Lage und niedrigen Mieten besonders vorteilhat. Da die Migration in Wellen vor sich ging, waren die vorübergehenden Bewohner von Tarlabaşı entweder Junggesellen oder kinderlo- se Familien. Nachdem diese Gruppen Arbeit und einen Grund für ein Gecekondu gefunden hatten, und für dessen Bau die nötigen Beziehungen in den speziischen Netzwerken ausgebaut hatten, zogen sie in Gecekondu-Viertel um. Tarlabaşı wurde in dieser Phase der erste Kontaktpunkt zur Stadt und ein Sprungbrett; das prägende Merkmal war damals die Unbeständigkeit ihrer Bevölkerung. (Vgl. Danış and Kay- aalp 2005: 291f; Türkün and Sarıoğlu 2014: 276f) Die Veränderungen in Beyoğlu haben die Veränderungen in Tarlabaşı immer beein- lusst. Mit der Verschiebung des Zentrums Richtung Norden in den 1930er Jahren, hat Tarlabaşı gemeinsam mit Beyoğlu an Ansehen verloren. Als mit einer Reihe von Veränderungen in den 1980er Jahren Beyoğlu immer mehr als ein Ort des Konsums, des Tourismus und der Unterhaltung angesehen wird, nimmt Tarlabaşı die von dort vertriebenen Menschen und Aktivitäten vermehrt auf und wird in der gesellschatli- chen Imagination zu einer „Seitengasse“ Beyoğlus. Die Tarlabaşı Caddesi, die 1986 noch eine kleine Straße war, wurde durch den Abriss von 370 Gebäuden, von denen 167 denkmalgeschützt waren, zu einem achtspurigen Boulevard ausgebaut. Der Boulevard, der die historische Halbinsel über Unkapani mit dem nach Norden verschobenen Gewerbegebiet verbindet, hat seinen vormali- gen Aubau dadurch verloren und ist durch einen starkes Verkehrsaukommen do- miniert worden. Der Teil dieser Verkehrsachse, der auf der historischen Halbinsel liegt und durch die Erweiterung des Atatürk Boulevards ausgebaut wurde, hat zwei Viertel, die sich ursprünglich gemeinsam entwickelt hatten, Süleymaniye und Zey- rek, schließlich gänzlich voneinander geschieden. In ähnlicher Weise wurde auch 6 E I N E N E U E S T R AT E G I E D E S E R N E U E R N S – TA R L A B A Ş I 95 Tarlabaşı selbst von Beyoğlu getrennt, und hat das Viertel noch weiter isoliert (Tür- kün and Sarıoğlu 2014: 276) und als ein Faktor die weitere Entwicklung mitbestimmt. (Vgl. Aksoy 2008: 11) In meinen Gesprächen mit dem Vereinssprecher Erdal Aybek (2009), hat er diese Verkehrsachse mit dem „Bau der Berliner Mauer“ umschrieben; diese Trennung ist sogar in der Strukturierung des physischen Raums ofen erkenn- bar. Tarlabaşı erhält außerdem im Vergleich zur anderen Seite der „Mauer“ nur un- regelmäßig öfentliche Dienstleistungen: Die Straßen sind seit 40 Jahren nicht saniert worden, die Müllabfuhr kommt nur alle drei Wochen ins Viertel. Während mit den Veränderungen in Beyoğlu die Bereiche mit Ausblick auf den Bosporus gentriiziert werden, wird Tarlabaşı parallel dazu immer mehr von Armut geprägt. Die Menschen, die in den gentriizierten Gebieten nicht mehr wohnen kön- nen und in anderen Teilen der Stadt ohnehin nicht aufgenommen werden – Roma, Trans- und Homosexuelle, Prostituierte (Saybaşılı 2006 zitiert in Sakızlıoğlu 2007: 175)– und Transitmigranten siedeln sich in Tarlabaşı an. Zu diesen Schichten kom- men schließlich durch Zwangsmigration vertriebene Menschen hinzu.101 Zur räum- lichen Stigmatisierung von Tarlabaşı fügt sich also in dieser Zeit auch die ethnische Stigmatisierung der Kurden hinzu. Diese letzte Phase ist geprägt dadurch, dass die Unbeständigkeit der Viertelbevölkerung ins genaue Gegenteil, zu einer Phase der „Beständigkeit“ (Enlil and Dinçer 2002: 2) umschlägt, ja es sogar zu ihrer „Verewi- gung“ (Yılmaz 2008) kommt. 6 . 2 . M U LT I K U LT U R E L L E NAC H BA R S C HA F T VS . ST R AT E G I S C H E R KO SM O P O L I TA N I SM U S 6 . 2 . 1 . ST R AT E G I S C H E R KO SM O P O L I TA N I SM U S U N D V I SU E L L E T E C H N O L O G I E N A L S ST R AT E G I S C H E M I T T E L Das Präsentationsvideo102 für das Stadterneuerungsprojekt in Tarlabaşı, bringt das Bild von Tarlabaşı, dass dieses Projekt produziert hat, auf den Punkt. Die Gegenwart und die Vergangenheit Tarlabaşıs werden als Gegensätze konstruiert: „Was können Sie über Tarlabaşı sagen? Es ist einsam, verlassen und abgetrennt vom Leben? Es ist dunkel, gefährlich und gar ohne jegliche Zukunt? Man ist nicht ganz im Unrecht, wenn man behauptet, dass dort wo Beyoğlu auhört Tarlabaşı beginnt und Tarlabaşı damit zum Waisenkind der Stadt erklärt. Allerdings war früher Tarlabaşı allein ein kleines Beyoğlu. Mit der ihr eigenen Architektur, mit warmen und aufrichtigen Nachbarschatsbeziehungen, mit ihrer Buntheit und mit ihren vielen verschiedenen Identitäten war es der Liebling Istanbuls. Die Antwort auf die Frage: ‚ Was können Sie über Tarlabaşı sagen’ war damals ganz anders: Charmant, friedlich und voller Leben, hell, sicher, ja sogar der Stolz der Stadt.“ Dazwischen kommen immer wieder Viertelbewohner zu Wort, die das Projekt un- terstützen, oder Vertreter von nichtmuslimischen Stitungen. Und während man da- 96 UMKÄMPFTE INTERVENTIONEN. EINE KRIEGSTOPOGRAPHIE. von spricht, wie gut denn die alten Zeiten waren, betont man wie wenig lebenswert Abb.48: Eine visualisierte Gegen- es heute im Viertel ist. Von hier aus wird die Prognose für die Gegenwart Tarlabaşıs überstellung aus dem gestellt: Sehnsucht nach der Vergangenheit. frühen Projektkatalog „Und die wahre Geschichte von Tarlabaşı liegt genau hier: in der Sehnsucht nach der guten „Tarlabasi360 Oice“ alten Zeit.“ Aussagen wie „Tarlabaşı Leben einhauchen“, „Das der Vergangenheit verhatet ge- bliebene Tarlabaşı ins Heute tragen“ werden wiederholt betont. Das Erneuerungsprojekt in Tarlabaşı sei nicht nur wichtig für Beyoğlu oder Istan- bul, es sei „ ein wichtiges Projekt für die gesamte Welt.“ Von den nichtmuslimischen Minderheiten aus der Vergangenheit zu den „global persona“ (Rofe 2003: 2521) als potentiellen Bewohner der Zukunt Tarlabaşıs wird eine kosmopolitische Brücke ge- schlagen – unter Umgehung der gegenwärtigen ungewollten multikulturellen Bevöl- kerungsstruktur: „Mit dem Erneuerungsprojekt in Tarlabaşı werden sich natürlich nicht nur die Gebäude und Straßen verändern. Dieser große Wandel, der den Menschen ins Zentrum rückt, wird die Gegenwart und die Zukunt der Bevölkerung Tarlabaşıs verändern. Im Viertel tritt Hofnung anstelle von Ausweglosigkeit, Eleganz anstelle von Chaos , Gewinn anstelle von Verlust, Ver- trauen anstelle von Sorge. Die vergitete Prinzessin kehrt ins Leben zurück. In Tarlabaşı öfnen sich die Türen für einen atemberaubenden Tag, öfnen sich Fenster in eine hofnungsvolle Zukunt. Beyoğlu und Tarlabaşı, Vater und Sohn versöhnen sich und bleiben für immer zusam- men. Das Tarlabaşı Erneuerungsprojekt – ein Viertel wird erneuert für Istanbul; Leben erneu- ern sich mit dem Viertel für eine bessere Zukunt. Sie sind nun auch Teil dieses unermesslichen Wertes.“ In den Aussagen des Bürgermeisters im Präsentationsvideo, die Tarlabaşı als „vergif- tete Prinzessin“ und die Gegenwart Tarlabaşıs als „Wundbrand“ beschreiben, wird die herapie Tarlabaşıs im Stadterneuerungsprojekt gesehen: „An das architektonische und kulturelle Erbe wird mit der Sensibilität eines Chirurgen heran- gegangen und es wird geschützt.“ Die bereits mit dem Diskurs der gentriizierenden Klasse etablierte Nostalgie zur kos- mopolitischen Vergangenheit, wird hier einerseits zum Erlangen öfentlicher Unter- 6 E I N E N E U E S T R AT E G I E D E S E R N E U E R N S – TA R L A B A Ş I 97 Abb.49: stützung genutzt, andererseits wird es aktiv verwendet, um das Image als globale Stadt TAR LABASI 36 0.COM zu begründen. Diese Image wendet sich zugleich auch an die potentiellen Kunden. Bei der Umsetzung wurden visuelle Techniken als strategische Mittel eingesetzt und sehr efektiv genutzt. Das Tarlabaşı-Projekt wurde zur Bühne einer professionellen Präsentation und Vermarktung, so wie sie keinem der anderen Viertel durchgeführt wurde. Im gesamten Prozess wurden mediale Mittel, Fotos, Bilder, Videos, 3D-Simula- tionen und eine in drei Sprachen gehaltene, professionell aubereitete Webseite103 inten- siv genutzt. In 2008 eröfnete die Bauirma GAP Insaat, die die Ausschreibung für das Viertel gewonnen hatte, in der Kunstgalerie der Gemeinde Beyoğlu eine Ausstellung mit dem Titel „Tarlabaşı teilt seine Zukunt.“ (Kömür 2008) Zum ersten Mal wurde ein Stadterneuerungsprojekt in einer Kunstgalerie der Öfentlichkeit präsentiert. Das das Projekt wie ein Kunstwerk präsentiert wurde, hat auch etwas mit der angestrebten Zielgruppe zu tun. Schließlich richten sich solche Präsentationsformen an höhere Ein- kommensgruppen(Aksoy 2008: 15), die die Codes des Kunstkonsums kennen. Sehen wir uns mit einigen Beispielen an, wie visuelle Technologien strategische Funktionen übernehmen können. Es ist wichtig zu sehen, welches Bild die Fotos zeichnen, die auf der Projekthomepage zu sehen sind und zur Legitimierung des Tar- labaşı Erneuerungsprojekts dienen sollen: Von 15 Fotos sind alle Nahaufnahmen von Gebäuden leerstehende, überaus verfallene, kurz vor dem Zusammenbruch stehen- de historische Bauten. Auf diesem Wege wurde versucht, das Bild eines verlassenen Stadtteils zu zeichnen. In den präsentierten Strassenbilder sieht man eine einsame, depressive, düstere Atmossphäre, die das Viertelleben in Tarlabaşı wiedergeben soll. Die einizigen Personen in Nahaufnahme hingegen sind drei Jungen, mit einem har- ten und düsteren Gesichtsausdruck, wobei einer von ihnen eine ausgerichtete Spiel- zeugewafe in der Hand hält.104 Die Fotos bilden nicht nur Objekte ab, sondern vermitteln über Farb- und Kontrast- modiikationen ein jeweils bestimmtes Gefühl – hier v.a. eine depressive Grundstim- mung. Mit dieser strategischen Nutzung des Fotos wird aus der Erzählung über einen Ort ein Faktum generiert, und so ein verortetes Wissen produziert. Während die architektonischen Präsentationsmittel und –techniken den Investoren und der Gemeinde Bilder mit den neuen Einwohner brachten, (Tonbul 2011: 3) ver- 98 UMKÄMPFTE INTERVENTIONEN. EINE KRIEGSTOPOGRAPHIE. schaten sie ihnen gleichzeitig über in den Simulationen dargestellte „einkaufende, photoshop-gesäuberte, falsche Blondinen und weiße Gesichter“, die nichts mit der „Schicht um Schicht sedimentierten eigenen Geschichte des Raums“ zu tun hatten (Pérouse 2013b: 53), zugleich auch die Mittel der Kommunikation für die angestrebte Schicht. Wer in Tarlabaşı seine eigene Zukunt sehen soll, wird mit diesen Mitteln auf Baustellentafeln, Internetseiten, Zeitungsanzeigen, oder in Nachrichten und Zei- tungsinterviews kommuniziert. Die gleiche strategische Nutzung von Fotos sieht man in nebeneinander gestellten Fotos von dem (damals) gegenwärtigen Tarlabaşı und der 3D-Simulation der Zu- kunt dieses Viertels. Zwei gegenpolige Erzählungen sollen – nebeneinander ausge- stellt – ihre jeweilige Botschat gegenseitig verstärken und einen starken Antagonis- mus von Gegenwart und Zukunt aubauen. Die Repräsentation und die Realität wird deckungsgleich übereinander geschoben, eine Art Realität wird erneut konstruiert, aber als Hyperrealität, als ein Fake, das „realer ist als die Realität“ (Baudrillard 1994: 81), als „ein Text im Text.“ (Urry 2002: 77) Die Realität des Ortes verändert und wandelt sich ohnehin stetig durch viele alltägliche Praktiken, politische Ideologien und Diskurse und gouvernementale Technologien. Diese, vom Erneuerungsprojekt geschafene Realität, haben die Bewohner von Tarlabaşı herausgefordert, indem sie selber Wahrheiten über den Ort produziert haben. 6.2.2. MULTIKULTURELLE NACHBARSCHAFT DER ARMEN ALS GEGENSTRATEGIE UND EIGENPRODUKTION DER WAHRHEIT ÜBER SICH SELBST Die Informationsstrategie der Gemeinde, Ausschreibungen zu beginnen, ohne die Be- wohner darüber zu informieren, hat zum Vertrauensverlust bei den Einwohnern ge- führt. Während die Eigentümer noch von den Ausschreibungen nichts wußten, haben sie bei den Trefen mit der Gemeinde erfahren, dass die Firma, die die Ausschreibung gewonnen hatte, alle Informationen zu Eigentum und Eigentümer bereits hatte. Dar- auhin haben sie im Februar 2008 den Entwicklungs- und Solidaritätsverein der Eigentü- mer und Mieter in Tarlabaşı gegründet. Im Mai desselben Jahres führte die Firma, die die Ausschreibung gewonnen hatte, eine Studie im Gebiet durch. Der Verein, der den erhobenen Daten der Firma nicht vertraute, führte selbst eine Studie durch, in der Da- ten zu fast allen Haushalten im Gebiet erhoben wurden. Dafür arbeitete sie einerseits mit Faruk Göksu zusammen, den die Gemeinde zur Schlichtung dazwischen geschaltet hatte, andererseits waren in der Studie auch die Gemeinde selbst und die Bauirma in- volviert. Die Studie sollte der Entwicklung eines „sozialen strategischen Plans“ dienen. Bei den Interviews wird in sehr strukturierter Form ein von der sozioökonomischen Struktur der Eigentumsbeziehungen bis zum Erneuerungsprozess reichendes weit ge- fächertes Wissen vermittelt. Außerdem hat der Verein den gesamten oiziellen Infor- mationsluß dokumentiert und mediale Berichterstattungen detailliert archiviert. Der 6 E I N E N E U E S T R AT E G I E D E S E R N E U E R N S – TA R L A B A Ş I 99 Abb.50: (links) Verein hat es interessierten Personen auch ermöglicht, Kopien von dem so entstande- Vom Viertelverein gestal- nen Archiv anzufertigen, sofern eine Kopie dem Verein überlassen wurde – das sollte tete Plakate. Inhalt des ersten Plakats: „Gestern v.a. dazu dienen, Kopien zur Verbreitung oder sonstigen Verwendung des Materials zu waren wir die Besitzer, erhalten, ohne die sehr begrenzten inanziellen Mittel des Vereins zu strapazieren. heute ist es die GAP. Mit dem so geschafenen eigenen Wissensbestand konnten der Verein viele Behaup- Dieses Projekt ist keine Erneuerung oder Restau- tungen der Gemeinde erfolgreich anfechten. Z.B. konnte gegenüber der Behauptung, ration, es ist ein Abriss- dass im Gebiet viel öfentliches Eigentum vorhanden sei, der Vereinssprecher vor- und Vertreibungsprojekt. Unsere Häuser wird die bringen, dass der Anteil an öfentlichem Eigentum im Gebiet tatsächlich sehr gering Gemeinde abreissen war; dass weiters die Flächen, die nicht im privaten Besitz waren großteils im Besitz und die GAP wird reich von Stitungen gewesen sind, wobei der Sprecher dann auch noch detailliert anfüh- werden.“ Inhalt des zweiten Pla- ren konnte, welche Stitungen das jeweils waren. kats: „Unsere Arbeitsplät- In der Informationsvermitllung konstruiert der Verein Tarlabaşı als ein Gebiet, in ze werden zerstört, alle werden arbeitslos. 1 Stock dem arme Bevölkerungsschichten ums Überleben kämpfen; die Stadterneuerung für uns, 14 Stöcke für wird hingegen als ein Projekt dargestellt, in dem die arme Bevölkerung vertrieben die GAP. Nein zu milden und die daraus entstehenden spekulativen Gewinne durch Beziehung zwischen Poli- Gaben, Ja zu Recht und Gerechtigkeit. Tarlabasi tik und Kapital an bestimmte Gruppen kanalisiert werden.105 gehört uns, Manhattan „Sie sind durch Einwanderung gekommen und haben sich angesiedelt; sie haben versucht, gehört euch. Wir haben sich am Leben zu halten, sich einzurichten. Dieses Projekt zwingt sie nochmals zur Auswan- die Geschichte geschaf- fen, ihr zerstört sie.“ derung.“ Mai 2009. Armut ist tatsächlich das dominante Merkmal von Tarlabaşı. Von den knapp 3.500 Abb.51: (rechts) Bewohnern des Erneuerungsprojektgebiets leben 66% unter der Armuts-, 15% sogar Tarlabasi vor der Räu- unter der Hungergrenze. (Enlil and Dinçer 2002: 6) 74% der Bewohner verfügen über mung. keine soziale Absicherung. 98% der Erwerbstätigen legen zwischen ihrem Wohnort Mai 2009. und ihrem Arbeitsplatz lediglich 300 m zurück. (Aybek 2009) Sie arbeiten meist in benachbarten Gebieten, v.a. in der Umgebung der Istiklal Caddesi. Die Arbeitsberei- che konzentrieren sich dabei v.a. auf den Niedriglohnsektor mit vorübergehenden Tätigkeiten wie Reinigungsarbeiten, Gastronomie, Sicherheitsdienst, etc. Außerdem arbeiten die Bewohner von Tarlabaşı in Bereichen wie Möbel-, Kassen-, Schaufens- terpuppen- oder Külgeräteherstellung und im Metallsektor; desweiteren als Müll- sammler, Strassenverkäufer (Gebäck, Muscheln, etc.) oder Heimarbeiter in der Tex- tilbranche. Kinderarbeit ist ebenfalls vorzuinden. Das Arbeitsleben der Bewohner 100 UMKÄMPFTE INTERVENTIONEN. EINE KRIEGSTOPOGRAPHIE. ist geprägt durch seinen prekären, informellen und unbeständigen Charakter, dabei Abb.52: (links) wird betont, dass die zentrale Lage des Viertels für diese Art von vorübergehend an- Ein Spaziergang durch das Tarlabasi vor der fallenden Tätigkeiten mit niedrigen Einkommen lebensnotwendig ist. Räumung, im Zuge des Von 296 Gebäuden hat ein Teil anteilig mehrere Eigentümer gleichzeitig, dabei gibt Vernetzungstrefens von Novox mit den Viertelver- es insgesamt 500 Eigentums-Anteile im Viertel. Von einem anderen Teil sind die Ei- einen. gentümer unbekannt, die sind v.a. von der nichtmuslimischen Bevölkerung geblie- Mai 2009. ben, die liehen mussten, bevor sie ihre Häuser verkaufen konnten. Schließlich gibt Abb.53: (rechts) es noch einen Teil der Gebäude, die Stitungen gehören. (Aybek 2009) Die Hausei- Bewohner von Tarlabasi, gentümer machen jedoch nicht den Hauptteil des Viertels aus: Neben 71% Mietern, die unbedingt fotograiert gibt es Bewohner ohne Dokumente, wie Hausbesetzer, illegale Migranten, etc. Dieser werden wollten, und die Farben ihrer T-Shirts in Prozentsatz, zusammengedacht mit der hohen Bevölkerungsdichte im Gebiet, zeigt dieser Reihenfolge stolz uns folgendes: Die Anzahl der Personen pro Haushalt ist sehr groß. Außerdem unter- präsentierten (Die Farben ergeben die Farben der teilen die Eigentümer, die im eigenen Gebäude wohnen, ihre Häuser in kleinere Ein- PKK-Flagge). heiten und vermieten sie weiter. Den größten Schaden haben die Mieter bei diesem Mai 2009. Projekt. Auch wenn der Verein behauptet, die Interessen auch der Mieter zu vertre- ten, scheint das im Rahmen des Projekts sehr schwierig zu sein, da nur die Eigentü- mer als Ansprechpartner angesehen werden. Die angebotene Option der Gemeinde, die Mieter zwar ohne Auslosung aber mit Verschuldung Wohnungseigentümer in Kayabaşı zu machen – also in einem Gebiet, das sehr weit vom Stadtzentrum entfernt liegt – ist für Menschen, die in zentralen Stadtteilen arbeiten, sehr unrealistisch. Für die Infragestellung des von der Gemeinde und den Medien lancierten Bild des Viertels als eines halb verlassenen, baufälligen Bereichs reicht auch der Umstand, dass es eines der Viertel ist, die den höchsten Anteil an Jugendlichen und Kindern aufweist: Dem Verein zufolge ist – entgegen der Aussagen der Gemeinde –  nicht etwa 40% des Viertels leerstehend, vielmehr gibt es insgesamt nur acht Gebäude, die tatsächlich verlassen sind. Die Medien zeigen aber immer und immer wieder die Bilder eben dieser acht Häuser, um einerseits das Projektgebiet als leerstehend und verlassen darzustellen und um andererseits eine Öfentlichkeit zu schafen, die das Projekt unterstützt. Tatsächlich ist der Unterschied zwischen der Hauptstrasse und den Wohngegenden in den Seitengassen groß. Die Nutzung des öfentlichen Raumes unterscheidet sich auch wesentlich danach, ob es Tag ist oder Nacht. So werden die 6 E I N E N E U E S T R AT E G I E D E S E R N E U E R N S – TA R L A B A Ş I 101 Seitengassen tagsüber vorwiegend von Frauen und Kinder intensiv genutzt. Obwohl die durch Zwangsmigration hinzugekommen Menschen einen großen An- teil an der Viertelbevölkerung ausmachen, ist der Verein sich der ethnischen Stigma- tisierung bewußt und besonders vorsichtig gegenüber dem Stadterneuerungsprojekt: Wenngleich es eine breite Basis für eine kurdische Politik gibt, versucht man das von der Position zur Stadterneuerung penibel zu trennen. Man versucht, das Viertel allgemein als ein Gebiet darzustellen, in dem ein multikulturelles Miteinander statt- indet: „Im Projektgebiet leben Transvestiten, Christen, Muslime, Assyrer, Griechen und Armenier. Es leben hier Türken und Kurden.“ (Aybek 2009) Das Viertel hat tatsächlich eine heterogene Struktur, aber es muss auch dazu gesagt werden, dass die vom Vereinssprecher erstgenannten Gruppen den kleinsten Anteil des Viertels ausmachen. Tarlabaşı, in dem die unterschiedlichsten Gruppen zusam- menleben, ist natürlich kein spannungsfreier Raum: Es gibt innerhalb des Viertels ethnisch und kulturell konzentrierte Gebiete, und damit zusammenhängend lassen sich auch Konlikte beobachten.106 All das hat wenig Ähnlichkeit mit dem Aubau der Kampagne in Sulukule. Man kann es zwischen den Zeilen des strategischen Bildes in Tarlabaşı erkennen, das haupt- sächlich auf Armut und Ausgrenzung aufgebaut ist. 107 Dieses Bild von Tarlabaşı wur- de in manchen Kunstprojekten fast zu einer Show verwandelt und barg das Risiko, das Viertel in ein verlorengehendes Paradies einer exotischen Marginalität, in ein heterotopes Gebiet umzuformen. Nachdem das Projekt die spekulativen Gewinner- wartungen in die Höhe getrieben und die Kunst, die in das Viertel nach dem Abriss eingezogen ist, das Viertel zu einem „coolen“ Ort gemacht hat, hat das bereits dazu geführt, dass in benachbarten Teilen des Projektbereichs bereits Ansätze zur Gen- trifzierung beobachtet werden können und der Immobilientransfer angestiegen ist. 6 . 3 . DA S Z U S A M M E N G E SE T Z T E P R O B L E M TA R L A BA ŞI ? P R O DU K T IO N E I N E R ST R AT E G I S C H E N P R O B L E M S T E L LU N G „So zusammengesetzt das Problem ist, so zusammengesetzt muss auch die Lösung sein. Das ist keine Frage der Entscheidung mehr, es ist eine Notwendigkeit. In Tarlabaşı war ‚die komplette und zusam- mengesetzte Lösung’ nötig.“108 Die anfängliche Strategie, nach der Tarlabaşı mit der Restaurierung einzelner Ge- bäude Funktionen übernehmen sollte, die die Entwicklung Beyoğlus in Richtung des Tourismus- und Unterhaltungssektors unterstützen sollte, wurde mit dem Erneue- rungsgesetz gänzlich geändert. Eine neue Strategie wurde entwickelt, die ihren Aus- 102 UMKÄMPFTE INTERVENTIONEN. EINE KRIEGSTOPOGRAPHIE. druck in der „zusammengesetzten Lösung“ für ein „zusammengesetztes Problem“ im obigen Zitat indet. Was das „zusammengesetzte Problem“ hier bedeutet, möchte ich im Folgenden kurz ausführen. Die Komponenten des Problemkomplexes, das die Gemeinde als „zusammengesetz- tes Problem“ bezeichnet, sind folgende: Kriminalität, Sicherheitsprobleme (Ortsbild), Armut und ethnische Prägung, Soziale Probleme (Nutzerbild), physischer Verfall, Dichte, kleine Parzellenstruktur, die Schwierigkeiten beim Schutz des historischen Erbes, (Strukturelle Probleme), schlechte Lichtverhältnisse, Mangel an ofenem Ge- lände und Grünlächen, Erdbebenrisiko (ungesunde/risikoreiche Umweltbedingun- gen), bürokratische Hürden, problematische Eigentumsstrukturen, besetzte Gebäu- de, etc. In diesem Teil geht es weniger darum, einzeln die Existenz dieser Pronbleme zu bestreiten. Es geht vielmehr darum, nach der Funktion eines strategischen Diskur- ses zu fragen, der behauptet, dass diese Probleme eine Gesamtheit darstellen würden, um darauhin eine ebenso gesamtheitliche Intervention als notwendig zu erachten. Diese Probleme hängen tatsächlich miteinander zusammen, und können weder als voneinander noch als vom Raum unabhängig betrachtet werden. Der hier wichtige Punkt wird aber sein, dass dieses „zusammengesetzte“ Problem nicht vor der „zu- sammengesetzten“ Lösung bestanden hat – wie wir noch sehen werden. Aber sehen wir uns zunächst die zwei wichtigen Elemente der architektonischen Prä- missen des Erneuerungsprojektes genauer an: Das erste ist die Kriminalität, die dazu geführt hat, dass das architektonische Projekt wie eine geschlossener Block konzi- piert wurde. Das zweite ist der architektonische Aubau und die Umweltstruktur, die es notwendig gemacht haben, die Parzellenstruktur komplett zusammenzulegen und jeden Block geschlossen zu bauen. Die Konstruktion Tarlabaşıs als Raum der Kriminalität: Tarlabaşı wird stets mit Drogenhandel, Prostitution und Raubüberfällen assoziiert. Kriminalität ist weder „Teil der Identität“ Tarlabaşıs, (Ünlü 2005)noch ein „urbanes Klischees“, das der Beschreibung des Viertels als „gefährlich und unsicher“ dienen soll (Tan 2009). Es wäre naiv zu behaupten, dass diese Identiikation von außen herangetragen ist. Der Ruhm des Viertels für seinen illegalen Unterhaltungssektor geht auf die 1970er Jahre zurück. Der Ausbau des Tarlabaşı Boulevards war nicht nur ein Verkehrsprojekt, es sollte auch als Mittel dienen, Tarlabaşı unter Kontrolle zu bringen und Beyoğlu „zu säubern.“ Heute ist die Prostitution ein sichtbarer Teil des Nachtlebens v.a. auf dem Tarlabaşı Boulevard. (Sakızlıoğlu 2007: 164)109 Ünlü et al. (2000: 82) zufolge gibt es einen räumlichen und eine zeitlichen Aspekt der Kriminalität. Die Kriminalität ist im Gebiet auf die Nacht und auf die Hauptachsen beschränkt. Ünlü sieht als wichtigste Gründe dafür, dass es Erdgeschosse, in man- chen Achsen sogar obere Stockwerke keine Wohnfunktion haben und es verlassene Gebäude gibt. Die Wohnfunktion ist wichtig, da die Community Kontrolle ausüben 6 E I N E N E U E S T R AT E G I E D E S E R N E U E R N S – TA R L A B A Ş I 103 kann. Das in manchen Gassen die Kriminalitätsrate niedriger ausfällt, hängt Ünlü zufolge damit zusammen, dass im Gebiet ein „Viertelbewusstsein“ soziale Kontrolle gegenüber Kriminalität ausübt. Dass v.a. Frauen und Kinder tagsüber die Gassen als Erweiterung ihrer Wohnzimmer intensiv nutzen (2000: 99f), ist diesbezüglich ein wichtiger Mechanismus. Die zentrale Polizeistation Beyoğlus liegt im Viertel auf dem Tarlabaşı Boulevard im Bereich des Erneuerungsprojektes. Der Tarlabaşı-Verein sieht die Verantwortung in der zentralen und kommunalen Verwaltung, da sie die Kriminalität einfach zulässt. (Aybek 2009) Multuer führt auch an, dass v.a. die zwangsmigrierten Menschen davon ausgehen, dass die Polizei die Augen verschleißt, bzw. sogar Teil dieser kriminellen Umgebung ist: „Wenn die Polizei mit dem Schmiergeld unzufrieden ist, haben wir Ruhe. Denn dann sind die auf den Gassen herumlungernden Typen im Knast.“ (Ein Einwohner zitiert in Mutluer o.J.) Dass die Sicherheitskräte Teil der Kriminalität sind, ist eine Vorstellung, die weiter zurückreicht. (Mutluer 2011: 200) Während aber Menschen, die gemeine Strataten begehen, weiter in den Gassen blei- ben, können politisch aktive Kurden in Untersuchungshat gesteckt werden. Mutluer zufolge führt das dazu, dass die kurdische Jugend gemeine Strataten politischem Ak- tivismus vorziehen. (Mutluer o.J.) Der Blick auf Tarlabaşı und Kriminalität hat eine ethnische und räumliche Dimensionen: Räumlich werden die Bewohner abgestem- pelt, insofern wer „in Tarlabaşı lebt, anfällig ist für Kriminalität und Sittenlosigkeit.“ Ethnisch wird die Bevölkerung abgestempelt, insofern „die Kurden Terroristen, die Roma einfache Kriminelle, die Afrikaner Drogenhändler“ sind. (Yılmaz 2006: 37) In ähnlicher Weise führt aber die Anhäufung dieser abgestempelten Körper im Vier- tel wieder zur Abstempelung des Viertels selbst: In Tarlabaşı konstituieren sich also Körper und Raum gegenseitig – derart, dass sie nicht voneinander isoliert werden können. Die Problematisierung der zu schützenden historisch architektonischen Struktur: Die meisten Gebäude sind nach dem Brand in 1870 auf billigen, 40-50 m2 großen Parzellen als Mauerwerke errichtet worden. Sie sind nach drei Seiten hin geschlossen aneinandergereiht und 10-15 m tief. Sie haben drei bis fünf Stockwerke und keine Fenster zur Rückseite. Mit der Zeit wurden auch eingefallene Gebäude durch billig produzierte Betonhäuser ersetzt. Ein Infrastrukturproblem gibt es im Grunde nicht. (Ünlü et al. 2000) Es gibt sehr kleine Wohnungen, die daraus entstanden sind, dass die Hausbesitzer in der frühen Phase der Migration für Junggesellen und kinderlose Familien die Woh- nungen unterteilt haben. Außerdem gibt es zugebaute Stockwerke, die v.a. in Wohn- häusern zu inden sind. (Ünlü et al. 2003: 98) Später werden die Gebäude durch den Anstieg der Bevölkerung stark beeinlusst und machen funktionelle Veränderungen durch: Keller werden zu Lagerräumen, Erdgeschoße zu Produktionswerkstätten, etc. 104 UMKÄMPFTE INTERVENTIONEN. EINE KRIEGSTOPOGRAPHIE. (Vgl. Ünlü et al. 2003: 100f) Abb.54: Zu diesem Wandel kommt noch hinzu, dass 1993 das gesamte Tarlabaşı zu einem Die „zusammengesetzte Lösung.“ Jeder Block mit denkmalgeschützten Gebiet erklärt wurde. Da jedoch eine dementsprechende Denk- dutzenden Parzellen wird malschutzpolitik ausblieb, wird das als ein wichtiger Faktor für den Verfall des Ge- im Projekt zu einer Parzel- le zusammengefasst. biets angesehen. Nach der Erklärung zum Denkmalschutzgebiet wurden jegliche Ab- rissarbeiten und Neubauten verboten, jede Restaurierung und Renovierung an die Erlaubnis durch die Hohe Kommission für Denkmalschutz gebunden. Für die groß- teils als Mieter lebende arme Bevölkerung wurden Renovierungen in größeren Aus- maß nicht nur durch ökonomische, sondern jetzt auch durch bürokratische Hürden erschwert, was die physische Abnutzung vergrößerte.110 6 . 3 . 1 . D I E Z U S A M M E N G E SE T Z T E L Ö SU N G : E I N E N E U E ST R AT E G I E Aber diese Probleme werden nicht nur als zu lösende Probleme gesehen, sondern viele davon auch als Grund, weshalb das Privatkapital hier nicht tätig werden will. Dass an einer ernsthaten Lösung der Lage von Tarlabaşı – an ihrer komplexen So- zialstruktur, an den Gründen oder Wirkungen dieser Lage – gearbeitet werden wür- de, ist kaum zu erkennen. Man geht vielmehr davon aus, dass die Erneuerung der physischen Umwelt andere Probleme lösen wird und eigentlich die Veränderung des Bevölkerungsproils die wirkliche Lösung ist. Diese Faktoren müssen gemeinsam mit der Strategie verstanden werden, das Pri- vatkapital und einen neue Bevölkerungsschicht hierher zu locken: Das zusammen- gesetzte Problem sind eigentlich Faktoren, die für das Privatkapital die spekulativen Gewinnerwartungen senken und das Risiko erhöhen. Die Investoren handeln einer Marktlogik entsprechend, und „benötigen“ für eine Investitionsentscheidungen in ihrer Meinung nach risikoreichen Gebieten „eine Absicherung für die strategischen Absichten der Regierung.“(Turok 2010: 39) Die Funktion der Gemeinde Beyoğlu und der Regierung tritt hier auf den Plan. Die kleine Parzellen würden die Bedürf- nisse der neuen Mittelschicht nicht gerecht werden; außerdem wäre die Erneuerung schwieriger und die Gewinnerwartung niedriger – das führte zur „zusammengesetz- 6 E I N E N E U E S T R AT E G I E D E S E R N E U E R N S – TA R L A B A Ş I 105 ten“ Lösung: Der Denkmalschutz wurde auf die Fassaden beschränkt, innerhalb des Blocks wurden die Parzellen zusammengelegt. Jeder Block wurde im „Verfallbereich“ in einen zur Gasse und zur Umwelt hin geschlossenen, kleinen, sicheren Insel ver- wandelt. Dass das Erneuerungsprojekt auf einem derartigen Hintergrund entwickelt worden ist, ist leicht feststellbar. Das Erneuerungsgesetz erlaubt der öfentlichen Hand Er- neuerungsprojekte sowohl selbst in public-public-parnerships als auch unter Betei- ligung in public-private-parnerships durchzuführen. Daneben kann die Gemeinde Steuer- und Gebührenbefreiungen aussprechen, bürokratische Hürden auheben, die Verstaatlichung erleichtern bzw. sogar eine dringliche Verstaatlichung einleiten. Die- se ganzen Möglichkeiten, die den Gemeinden nun ofen stehen, stehen im Zeichen der Erleichterung des Zugangs zu und der Erhöhung des Interesses an den Erneue- rungsprojekten für das Privatkapital. Das zeigt auch, dass die Beteiligung des Privat- kapitals vorrangig gewollt wird. Der Unterschied zwischen Sulukule und Tarlabaşı tritt genau hier ganz deutlich zu Tage: Im Beispiel von Tarlabaşı wird versucht, statt staatlicher Stellen private Unternehmer für die Durchführung des Erneuerungspro- jekts zu gewinnen, wohin sich schließlich auch alle anderen Erneuerungsprojekte hin entwickeln sollen. Das zeigt auch die neue Rolle von kommunaler Verwaltung und Staat im allgemeinen auf. Die Gemeinde entwickelt eine Idee, sichert den Ausbau der nötigen Infrastruk- tur durch den Staat, fungiert als Mediator zwischen Eigentümer und Privatkapital, versucht Risiken für das Privatkapital zu minimieren oder selbst zu übernehmen. Trotz alledem hat in Tarlabaşı das Privatkapital das Erneuerungsprojekt als zu riskant empfunden. Weil es zu schwierig war und nicht klar genug kommuniziert wurde, hat es nicht die nötige Aufmerksamkeit erhalten. (Demirdizen 2009) Die Gemeinde Beyoğlu hat einen „der wichtigsten und komplexesten Lebensberei- che der Stadt wie eine leerstehende Bauläche behandelt und die Stadterneuerung auf ein kommerzielles Immobilienentwicklungsprojekt reduziert.“(Aksoy 2008: 14) Diese Aussage kann man auch vom anderen Ende her denken: Von einer Immobili- enentwicklung ausgehend hat die Gemeinde versucht, Privatkapital anzulocken, mit Wertsteigerungsmodellen die Eigentümer zu überzeugen versucht, um auf diesem Weg diesen „komplexen Lebensbereich“ nicht nur physisch, sondern auch von der Bevölkerung zu „säubern“ – das zeigt sich dann auch, wenn man die Details des Projekts studiert. Neun der 59 Blöcke111 Tarlabaşıs wurden im März 2007 ausgeschrieben. Die Ge- meinde hat „die Ausschreibung ohne die Erlaubnis der Hauseigentümer durchge- führt“(Aybek 2009) und die private Bauirma „an dem Eigentum der Hausbesitzer beteiligt.“(Dinçer 2009) Die 100 Millionen Dollar teure Ausschreibung hat die Firma GAP Bau, die der Calik Holding gehört, mit 42% zugeschlagen bekommen. (Öztürk 2007) 106 UMKÄMPFTE INTERVENTIONEN. EINE KRIEGSTOPOGRAPHIE. Abb.55: Präsentationsmaterial von 6 . 3 . 2 . DA S N E U E BAU P R OJ E K T der Webseite. U N D D I E A R C H I T E K T U R A L S ST R AT E G I S C H E S M I T T E L Block Nr. 360, Oice, „Mit einer 220m langen Front kündigt es heute schon die frohe Botschat an, dass es zu einem unter- Strassenseitig zum Tarla- basi Boulevard. scheidenden Kennzeichen Istanbuls werden wird.“112 TA R LA BASI 36 0.CO M Das Projekt besteht zu 52% aus Wohneinheiten, zu 17% aus Tourismuseinrichtun- gen, zu 14% aus Büroeinheiten. Der Verkehr-Masterplan hat bei der Planung die un- terirdischen Parkeinheiten wie auch die Fußgänger berücksichtigt, so wurden zwei Gassen113 als Fußgängerzone konzipiert. Jede Einheit wurde von einem anderen Ar- chitektenbüro geplant. Im Erneuerungsprojekt, das in seiner neuesten Fassung den Namen Tarlabaşı360 an- genommen hat, wurden die Fassaden neu aufgebaut und mit neuen Material- und Designtechniken ineinander greifend gestaltet. Damit mehr Hof- und Balkonlächen, ofene Flächen im allgemeinen und mehr Licht für die Rückseiten der Gebäude ge- wonnen werden konnten, wurde die Gebäudetiefe reduziert. Die dadurch verlorenen Geschosslächen wurden durch den Bau von zusätzlichen Stockwerken wiederge- wonnen. Wenn man dabei auch beobachten kann, dass man mit baulichen Elemen- ten wie Terassen versucht hat, den Druck, der in manchen Blöcken durch die Erhö- hung der Gebäude auf die „historischen“ Fassaden ausgeübt wurde, zu lindern, ist Tonbul zufolge „this adjustment of ‚respect’ to history [...] almost immoral.“(Tonbul 2011: 12) Die „Cumba“, also enge Vorsprünge, die meist mittig angelegt im ersten Stock begin- nen, bis zum zweiten Stock gehen und oben mit einem Balkon abschließen, sind die charakteristischen Elemente der historischen Gebäudefassaden in Tarlabaşı.(Kotas 2000 zitiert in Ünlü et al. 2003: 135) In manchen Blöcken gibt es mit modernen Mate- rialien interpretierte Referenzen auf diese Cumba. Aber die Cumba waren nicht nur Fassadenschmuck, vielmehr waren sie ein wichtiges Element, dass es ermöglichte, von drei Seiten die Gasse zu beobachten und damit funktionell eine Schnittstelle zwi- schen der Privatsphäre des Hauses und der Öfentlichkeit der Strasse bildete. Wäh- rend das Erneuerungsprojekt, dass aus der „Ruine“ ein „Wunder“ hervorgebracht hat, 6 E I N E N E U E S T R AT E G I E D E S E R N E U E R N S – TA R L A B A Ş I 107 Abb.56: (links) sich selbst zu einer Show verwandelt, werden die rekonstruierten Gebäudefassaden Tarlabasi zu einzelnen Bühnenelementen. Zusammenfassend kann man sagen, dass das histo- vor der Räumung. PHOTOGRAFIERT VON ALI ÖZ. rische Erbe auf die Fassaden reduziert und wie ein Blickfang behandelt wird (Aksoy 2008: 13), die lediglich den Wert des neuen Projekts erhöhen soll. Abb.57 + 58: (rechts, Dass die Architekten soviel Anstrengung in die Entwicklung der Fassaden gesteckt, nächste Seite links) Untersuchung der aber die Beziehung der Gebäude zu der Straße kaum Beachtung geschenkt haben, Wirkungen der „zusam- deutet darauf hin, dass die Sicherheit und Erschließung durch private Automobile im mengesetzten Lösung“ Vordergrund steht. Tarlabaşı wurde im ganzen zum Denkmalschutzgebiet erklärt, was auf die Nachbarschafts- beziehungen anhand des auch die Straßenstruktur mit einschließt. Außer zwei Gassen, die zu Fußgängerzonen Blocks Nr.387 gemacht wurden, blieben zwar die meisten Gassen im Großen und Ganzen gleich, was aber nicht bedeutet, dass die Straßenstruktur damit geschützt sei. Die Beziehung zwi- schen den Gassen und den Häusern ist komplett aufgehoben worden – wobei noch gar nicht von der früheren Erweiterung der Privatsphäre in die öfentliche die Rede ist. 114 Die Blöcke, die nur von der Parkgarage oder von einem zentralen, kontrollierten Eingang erreicht werden können, sind mehrheitlich wie in sich geschlossene Burgen konzipiert worden. Durch die Schafung einer in ganz Tarlabaşı alleinstehenden „Oase“ wurde Tarlabaşı eigentlich umgangen. Das Projekt, das mit dem Anspruch aufgetreten ist, das „zusammengesetzte“ Problem zu lösen, hat das Sicherheitsproblem nicht gelöst, sondern es vielmehr nur in die nicht erneuerten Gebiete verschoben. In Tarlabaşı gibt es kaum Automobileigentümer. Im neuen Projekt hingegen ist für jede Wohneinheit ein Parkplatz eingeplant worden. 115 Im Projekt, das die sehr hohe Bevölke- rungsdichte radikal reduziert116, wird aus den Plänen ersichtlich, dass nicht einmal die Hausbesitzer, die ihr Haus nicht verkaut haben sondern am Projekt beteiligt wurden, hier bleiben werden können. Während die neuen Einwohner dieses Viertels schon aus den simulierten Visualisierungen des Projekts deutlich erkennbar ist, bestätigt die Ge- staltung der Wohneinheiten nocheinmal diese Ansicht: Sie sind im allgemeinen für Sing- les und junge, kinderlose, „urbane“ Familien aus der gehobenen Mittelschicht gedacht. Die Wohnungen sind zumeist mit nur einem Schlafzimmer, aber im ganzen großlä- chig angelegt. Wohnungen mit zwei oder mehr Schlafzimmer sind in der Minderheit. Im Erdgeschoss sind Räumlichkeiten für Cafes und Kunstgalerien vorgesehen, die nicht nur mit einer bestimmten sozialen Schicht, sondern auch mit einem bestimm- 108 UMKÄMPFTE INTERVENTIONEN. EINE KRIEGSTOPOGRAPHIE. ten Lebensstil und kulturellen Konsumcode auf eine Ausgrenzung hindeuten. Es Abb.59: (mitte) wurden 4.000m2 gemeinsam genutzte ofene Flächen geplant, die zumeist nach außen Simulierte Darstellung des Innenhofes von Block geschlossen sind und elegant gestaltet wurden. Sie entsprechen dem neue Trend, und Nr.387 sind „als untrennbarer Teil des heutigen zivilisierten Stadtlebens gedacht.“ (Aksoy A R C HI TE KTEN E R GI NO GLU & C A L I S LA R 2008: 12) Sie ersetzen die vormalige Funktion der Straße als gemeinsam genutzte öfentliche Fläche. Die Funktion des auf die Fassade reduzierten historischen Erbes Abb.60: (rechts) wird hier erkennbar: Für Beyoğlu ein Image-Element für die touristische Vermark- Plakat der Bauirma GAP Insaat. Rechts unten steht tung, für die investierende Firma ein wertsteigerndes Gestaltungsdetail, für die neu- der Werbespruch „In der en Nutzer ein Zeichen für ihren kulturellen Konsum. Atmosphäre eines Viertels. Lebendige Gassen mit Die Empfehlung von Dinçer, man müsse „die über Jahre übereinander gelagerten Gefühl.“ Spuren relektierend mitbedenken, sonst hat das Ganze keinen Wert“(Dinçer 2009), muss als Anti-hese zu der obigen Herangehensweise gesehen werden. Es scheint nämlich das oberste Ziel des Tarlabaşı Erneuerungsprojektes zu sein, die jahrelang angesammelten Spuren möglichst gründlich wegzubekommen – unter Inkaufnah- me der kompletten Beseitigung der zu schützenden Fläche: „Die Stadt von jeglicher Form der Informalität und Schattenwirtschat zu retten“ (Şen 2008 zitiert in Aksoy 2008: 14), ist eines der wichtigen Aspekte des Projekts. Der Architekt als Stratege? Eyal Weizman und Rai Segal haben “the responsibility and culpability of Israeli ar- chitects and planners within the context of the conlict” problematisiert und gefragt, ob die Behauptung haltbar ist, dass Architekten und Planer einfach nur „innocent professional[s]“ sind. (Segal and Weizman 2003: 16) Die Frage ist auch im Zusam- menhang mit der Rolle der Architekten und Planer in Stadterneuerungsprojekten legitim: Sind die Architekten nur unschuldige Dienstleister, oder vielmehr Experten für architektonische Technologien der Ausgrenzung?117 „We associate retailers with snake oil salesmen and pretend to be uninvolved in the ‚evils’ of consumerism.“ (Kelley 2005: 48) Was Kelley hier zu der Einstellung von Designern sagt, ist auch in einer gewissen Weise für die Architekten der Stadterneuerung gültig. Die Architekten sehen die Stadterneu- erung als beruliche Gelegenheit, da die seit Jahrzehnten nur informell aufgebaute bau- 6 E I N E N E U E S T R AT E G I E D E S E R N E U E R N S – TA R L A B A Ş I 109 liche Umwelt keiner Architekten bedurte. Die Architektur schat es am Ende! Neben dieser Gelegenheit, ihren Beruf auszuüben, muss man auch noch bedenken, dass sie vom Milieu her betrachtet nicht den Vertriebenen, sondern den neu Anzusiedelnden weitaus näher stehen. Eine Anekdote von Emre Arolat zeigt sehr deutlich auf, wo sich ein Teil der Architekten positioniert: Arolat wurde als Teil einer Gruppe von Architek- ten zum Fener-Balat-Erneuerungsprojekt hinzugezogen. Als er feststellte, dass das Pro- jekt einen Bevölkerungsaustausch impliziert, fordert er seine Kollegen zur Diskussion auf. Die Antwort lautet: „Wir werden hier nur über Architektur sprechen.“ Weil keiner das Projekt an sich zur Diskussion stellte, verließ Arolat die Projektgruppe. Ohne benachrichtigt worden zu sein, wurden die Häuser der Bewohner und ihr Viertel in eben dieser Weise geplant. Bei dem Vortrag, wo er diese Anekdote erzählt, führt er auch noch an, wieso er es schließlich aufgegeben hatte, mit seinen Freunden dieses Projekt kri- tisch herauszufordern: Einer der Projektberater, ein befreundeter, erfahrener Architekt, hatte ihm gesagt: „Emre, bist du dir im klaren, dass diese Leute nicht einmal fähig sind, sich an einem Tisch zu sitzen und mit Gabeln und Messern zu essen!“ (Arolat 2008) Architekten sind nicht nur Dienstleister, die ohne viel zu fragen ihre Arbeit tun wür- den – sie sind sich der strategischen Bedeutung ihrer Arbeit und ihres Berufes sehr wohl bewusst. Die Vespa-fahrenden, modernen, säkularen, „weißen“ Mittelschich- ten, die in den Visualisierungen des Projekts platziert worden sind, können nicht mit Zufall oder Unausweichlichkeit erklärt werden. Sie zeigen vielmehr, wie gut die Architekten die ihnen zugetragene Aufgabe verstanden haben und wie sehr das jede ihrer Entscheidungen im Gestaltungsprozess bestimmt. Architektonische Projekte, die ein ganzes Viertel neu aubauen und mit neuen Funkti- onen versehen, erschafen diese Viertel von neuem. (Tonbul 2011: 13) Türen, Schein- türen, Wände, Stiegen, Höfe, Terrassen und im Grunde alle Mittel der Gestaltung und Visualisierung sind strategische Mittel zum Zweck in den Händen von Architekten. Wenn auch die Hauptaufgaben des Projekts noch vor der Gestaltung durch Architek- ten festgelegt werden, ist es trotzdem wichtig, wie der Architekt diesen Arbeitsautrag und die Erwartungen auslegt, ob er sie herausfordert oder versucht sie zu durchbrechen, oder nicht. Schließlich sind die Mittel selbst per se weder befreiend noch unterdrückend. 6 . 3 . 3 . BÜ R O K R AT I S C H E TA K T I K E N Wie wir bereits erwähnt haben, sind alle Bauarbeiten in Tarlabaşı an die Entschei- dungen der Hohen Kommission für Denkmalschutz gebunden, weil es zum Denk- malschutzgebiet erklärt wurde. Mit dem Erneuerungsgesetz wurde zwar die Hohe Kommission für Denkmalschutz nicht abgeschat, ihre Kompetenzen im Rahmen der Stadterneuerung wurden aber de facto abgeschat und an die Erneuerungsräte übertragen. Außerdem wurde in den Plänen zu der Umsetzung von Denkmalschutz Beyoğlus und im Bebauungsplan von Beyoğlu Tarlabaşı nicht als Denkmalschutz- gebiet sondern als Sonderprojektgebiet eingetragen. Außerdem entstand durch den 110 UMKÄMPFTE INTERVENTIONEN. EINE KRIEGSTOPOGRAPHIE. bereits erwähnten Tabula-Rasa-Zugang zum Viertel eine Klut zwischen architekto- nischer Praxis und dem Diskurs des „Denkmalschutzes“. Weil die Bauten unter Denkmalschutz standen118, konnten die Toiletten, die ur- sprünglich in der Nähe des Küchenbereichs gebaut waren, nicht voneinander getrennt werden, wodurch Krankheiten autraten, die nicht verhindert werden konnten. Au- ßerdem beschleunigte der Denkmalschutz den Verfall der Gebäude. Die kleinsten Renovierungsarbeiten mussten illegal durchgeführt werden. Das wurde gegenüber Bewohnern, die zu Zugeständnissen nicht bereit waren, als taktisches Druckmittel verwendet: Die Gemeinde verschickte aufgrund einer Verordnung, an die sie sich selbst nicht hielt, an die Bewohner Strafen in der Höhe von bis zu 3.000 TL. (Aybek 2009) Die Denkmalschutzverordnungen, die in diesem Prozess zu reinen Instru- menten verkommen waren, wurden einerseits aufgehoben und andererseits bei den Hauseigentümer angewendet, dessen Häuser man ohnehin abreißen wollte. In Sulukule konnten durch eine „taktische Restauration“ und den Möglichkeiten des Erneuerungsgesetzes einige Häuser gerettet werden. Diese Gelegenheit wollten auch die Bewohner von Tarlabaşı nutzen und haben entsprechende Anträge gestellt. Aber diese Möglichkeit wurde nur unter der Bedingung gewährt, dass die Restaurierungs- arbeiten mit dem Projekt gleichzeitig anfangen und beendet werden würden. Da die Parzellen auch zusammengelegt waren, wurde ihr Ansuchen schließlich abgelehnt. Die „zusammengesetzte Lösung“ hatte so also ein Recht der Anwohner gänzlich ver- nichtet. Der Vereinssprecher Erdal Aybek (2009) beschreibt das wie folgt: „Ein Recht, das durch ein Gesetz gegeben wird, kann durch ein anderes wieder genommen werden. Wir nennen sowas Legalitätsprinzip. Die Gemeinde hat uns mit dieser List unser Recht entzogen. [...] Alle Parzellen in jedem Block wurden zusammengelegt und zu einer einzigen Parzelle verwandelt. Weil es eine einzige Parzelle geworden ist, kann ich mein Haus nicht mehr individuell selbst machen. In diesem Fall wurde uns also ein Recht auf ungesetz- liche Weise genommen.“ 6 . 4 . V E R HA N D E L N M I T D E R BAU F I R M A Die ersten Trefen wurden – gleich nach der Bestätigung des Erneuerungsgebiets durch den Ministerrat im Jahr 2006 – in den Monaten April bis August durchgeführt, um die Eigentümer zu informieren. Die Informationsvermittlung wurde sehr strate- gisch angelegt: Einerseits wurde weiter mit potentiellen Investoren verhandelt, und über die an die Medien vermittelten Informationen weiter eine positiv gestimmte Öfentlichkeit zu erreichen versucht. Andererseits wurden die Mieter gänzlich ausge- schlossen und die Eigentümer, nach den Trefen in der ersten Phase bis zur „Verein- barung“ nicht wieder kontaktiert. In der Zwischenzeit sind die Ausschreibung, die Planung und die bürokratischen 6 E I N E N E U E S T R AT E G I E D E S E R N E U E R N S – TA R L A B A Ş I 111 Phasen des Projekts119 abgeschlossen, und das Projekt im Januar 2008 im Gemeinde- rat Beyoğlu beschlossen worden. Nachdem die Details des Projekts – wie wir schon erwähnt haben – bei einer Ausstellung präsentiert wurden, ging man zur Verhand- lungsphase über und eröfnete in der Nähe des Viertels ein Büro. Die Hausbesitzer wurden als Ansprechpersonen ausgewählt120 und ihnen folgende Optionen vorge- schlagen: - Mit einem Prozentsatz von 42% am Projekt beteiligt werden, also 42% von ihrer ursprünglichen Wohnläche im neuen Projekt erhalten. Wenn sie eine 100m2 Wohnung besessen hatten, sollten sie Eigentümer einer Wohnläche von 42m2 im neuen Projekt werden. - Ihr Eigentum an die die Firma GAP Insaat verkaufen. Für Wohnungen in den Gassen im Inneren des Viertels wurden 100.000 TL, für Wohnungen am Tarlabaşı Boulevard 200.000 TL angeboten. - Falls keine dieser Angebote angenommen werden sollten, war eine Verstaat- lichung vorgesehen Die Firma GAP Bau hat zuvor eine Feldstudie durchführen lassen, in der sie die Be- wohner wie folgt kategorisiert: „Hausbesitzer, die im Projektgebiet leben“, „Haus- besitzer, die nicht im Projektgebiet leben“, „Mieter“, „Menschen, die ohne Miete zu zahlen im Projektgebiet leben.“ 121 Das die Eigentümer nach ihrem Aufenthaltsort unterschieden worden sind, deutet auf die Annahme hin, dass sie sich in der Ver- handlungsphase dementsprechend unterschiedlich verhalten werden, was wiederum unterschiedliche Strategien erfordern wird. Bei den Eigentümern außerhalb des Pro- jektgebiets geht man davon aus, dass sie in ihrer Arbeit und Solidaritätsstrukturen durch den Verkauf weniger betrofen sein werden. Außerdem stellt es für sie kei- ne Lebenswelt, sondern nur ein eher dürtiges bis problematisches Mieteinkommen dar. Deswegen ging man davon aus, schnell zu einer Vereinbarung zu kommen. Das zeigt, dass man die Eigentümer entweder als zu überwindendes Problem, oder „als zu überzeugende“ (Aksoy 2008: 15) Menschen angesehen hat. In diesem Zusammen- hang vertraute man auf zwei strategische Instrumente: die Wertsteigerung als Über- zeugungsgrund, und die dringliche Verstaatlichung als Drohung. Aber der Unterschied zwischen dem „potentiellen“ und dem aktuellen spekulati- ven Gewinn wurde durch eine Reihe von Strategien, die wir bereits beschrieben ha- ben, um ein Vielfaches gesteigert. 122 Außerdem wurden im Erneuerungsbereich die Wohnlächen deutlich gesteigert: In der ersten Etappe waren für die Erneuerung 45 Parzellen in neun Blöcken vorgesehen. Diese hatten ursprünglich auf einer Fläche von 20.000 m2 eine Gesamtgeschossläche von 64.000 m2 beherbergt. Das Erneu- erungsprojekt hingegen hat eine Fläche von 150.000 m2 bebaut, wovon 94.000m2 verkäuliche Geschosslächen ausmachten123 – den ehemaligen Eigentümern wurde jedoch nur 42% ihrer ursprünglichen Wohnläche angeboten. 112 UMKÄMPFTE INTERVENTIONEN. EINE KRIEGSTOPOGRAPHIE. „Uns geben sie 42% von drei Stockwerken, während sie 14 Stockwerke bauen. [...] Wir haben Abb.61: sie gefragt, wie sie den Wert unseres Eigentums feststellen. Sie haben gesagt, dass sie dass einer Schnitte und Ansichten, Firma durchführen lassen, die bei der türkischen Kapitalmarktbehörde (SPK - Sermaye Piya- die die Aufstockung der Gebäude zeigen. sasi Kurulu) registriert sei... Nun gut, aber wir haben diese Firma nie zu Gesicht bekommen; Die Gebäude sind der sie sind nie gekommen und haben sich das mal angeschaut. [...] In unserem Grundbuchein- Reihe nach von links trag steht Mauerwerksbau; das bedeutet billigste Gebäudeart. [...] Als sie den Wert festgelegt beginnend: Block Nr.385 (Architekturbüro haben, haben sie nur darauf geschaut, ob das Grundstück an der Hauptstraße oder in den TECE Mimarlik), Block Seitengassen liegt. [...] Das war ihr einziges Kriterium. Ob das Gebäude aktiv oder verfallen Nr.360 (Architekturbüro MTM Mimarlik), ist, ob es bewohnt ist oder nicht, dafür haben sie sich nicht interessiert.“ (Aybek 2009) Block Nr.393/394 Der Tarlabaşı-Verein, der sich dieser ganzen Wertsteigerung bewusst war, hat ver- (Architekturbüro Sepin sucht, verschiedene Strategien zu entwickeln: Im Gebiet, das noch nicht „in der ver- Mimarlik) fahrenen Situation von Sulukule“ war, haben von 541 anteiligen Eigentümern 250 eine Vollmacht, mit welcher der Verein 180 der 278 Gebäude unter seine Kontrol- le bringen und damit den Eigentümeraustausch auf Eis legen konnte. (Aybek 2009) Damit wurde der Vereinbarungsprozess in eine ernstzunehmende Verhandlung ver- wandelt. Darauhin wurde Faruk Göksu, der seine Tätigkeit als „Vereinbarungsregime“ dei- nierte, als professioneller Vermittler durch die Gemeinde hinzugezogen. Göksu ent- wickelte einen strategischen, sozialen Plan, der auf der Analyse der wirtschatlichen und sozialen Struktur basierte. (Göksu 2010) Aber der sechs Monate andauernde Prozess führte zu keinem Erfolg. Nach Göksus eigenen Aussagen, lagen die Faktoren für den Misserfolg darin, dass das Projekt bereits drei Jahre zuvor begonnen hatte, es bereits ausgeschrieben war, die Menschen nicht von Anfang an informiert worden waren, der zu zahlende Preis bereits bestimmt und die Erwartungen zu hoch waren. (Göksu 2009) Der Verein hat es trotzdem geschat, die vorgeschlagenen Angebote ein Stück weit zu erhöhen. Beispielsweise haben sie kleinen Unternehmen mehr Platz im Projektgebiet verschat und die Bauirma GAP Insaat hat sich verplichtet, vorü- bergehend Finanzhilfe für Mieter anzubieten, die sich entschieden hatten, eine von der TOKI gebaute Wohnung in Kayabaşı zu kaufen. (Kuyucu and Unsal 2010: 1492f) Dieser Prozess hat die Durchführung des Projekts verzögert. Die Firma hat versucht mit einer Reihe von Strategien und Taktiken den Prozess zu beschleunigen. In den 6 E I N E N E U E S T R AT E G I E D E S E R N E U E R N S – TA R L A B A Ş I 113 angeworbenen oder der Gemeinde gehörenden Häusern wurden die Mieten bis zu 300% erhöht und damit versucht, die Mieter zur Räumung zu bewegen. Außerdem wurde durch den sehr frühen Abriss von vier Gebäuden124 versucht, im Viertel ei- nerseits eine Panik auszulösen und andererseits die ersten Signale für den Beginn des bereits verspäteten Projekts zu geben. In dieser Phase ließ sich eine ernsthate Entleerung der Gebäude beobachten. Der Hauptakteur dieser unternehmerischen Strategie ist die Gemeinde Beyoğlu, die mittlerweile eine unternehmerisch geprägte Rolle übernommen hatte. Im Un- terschied zur Vorgehensweise der Gemeinde Fatih in Sulukule hat die Gemeinde Beyoğlu die Viertelbewohner mit der ausführenden Bauirma konfrontieren lassen. (Aksoy 2008: 15) Auch wenn die Gemeinde behauptete, eine Vermittlerrolle zu über- nehmen, hat sie in dieser Konfrontation mit der ausführenden Firma früher Kontakt aufgenommen, und hat mit dem zur Verfügung gestellten, strategischen Wissen und den strategischen Instrumenten, die Konfrontation uneben gestaltet. Im Tarlabaşı Erneuerungsprojekt, das ein Modell für alle folgenden Erneuerungsprojekte werden sollte, zeigen sich ein neuer Governance-Ansatz und neue Herrschatstechniken, in denen die Unterschiede zwischen öfentlichen und privaten Sektor fast verschwin- den. Obwohl der Weg der Ausschreibung gewählt wurde und es keine direkte öfent- liche Beteiligung gab, wurden der Öfentlichkeit der Ausbau der Infrastruktur und die Verstaatlichungskosten übertragen. In diesem Sinne weisen die Verstaatlichungs- akte Widersprüche auf. Die Gemeinde verstaatlicht Grundstücke im Namen einer privaten Firma, was den Begrif des „öfentlichen Nutzens“ schwammig werden lässt und auch das Verfahren der Verstaatlichung für das Projektgebiet wie auch die aus- führenden Parteien undurchsichtig werden lässt. Ein anderer problematischer Punkt hingegen ist, dass öfentliche Stellen sich immer mehr die Marktlogik aneignen und unternehmerische Formen annehmen. Obwohl die Beziehung zwischen Eigentümer und Gemeinde normalerweise die Form von „Gemeinde und Staatsbürger“ haben sollte, nimmt es jetzt mehr und mehr die Form von „Unternehmen und Kunde“ an. (Aksoy 2008: 15) 6 . 5 . DA S R E C H T A L S S C H L AC H T F E L D Im Aushandlungsprozess wurden von beiden Seiten das Recht und dessen Instru- mente intensiv eingesetzt. Zunächst einmal hat sich der Verein an das von der Architektenkammer eingebrachte Klage zur Beendigung des Projekts beteiligt. Die „dringliche Verstaatlichung“, die in der ersten Verhandlungsphase als Drohung fungiert hatte, wurde darauhin durchgeführt. Schließlich haben 164 Bewohner von Tarlabaşı eine Klage zur Auhebung der Ver- staatlichung eingereicht.125 In Tarlabaşı konnte das Projekt erst im August 2010 be- 114 UMKÄMPFTE INTERVENTIONEN. EINE KRIEGSTOPOGRAPHIE. gonnen werden. Obwohl die ersten Wegzüge aus dem Viertel bereits 2008 begonnen Abb.62: (links) hatten, konnte das Gebiet erst im Dezember 2011 vollends geräumt werden. Um die Die Baustelle in Tarlabaşı. Juli 2015. Verstaatlichungen zu stoppen hat der Tarlabaşı-Verein im April 2010 einen Antrag beim Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte eingebracht und ein dringliches Abb.63: (rechts) Die Baustelle in Tarlabaşı. Trefen verlangt.126 In der Zwischenzeit hat Amnesty International eine Mitteilung Auf der großen Werbetafel zur Beendigung der Wohnungsräumungen veröfentlicht.127 rechts im Bild steht mittig In den Verfahren zur Verstaatlichung hatte der regionale Gerichtshof eine Entschei- der Werbespruch: „Nicht nur in Istanbul leben, dung zugunsten der Verstaatlichung getrofen. 2014 jedoch wurde dieses Urteil Istanbul erleben.“ durch den Staatsrat aufgehoben und befunden, dass die Verstaatlichung nicht dem Juli 2015. Gemeinwohl diene.(İnce 2014) Ein Antrag der Gemeinde Beyoğlu auf Berichtigung dieses Urteils wurde im Juni 2015 abgelehnt. Der Staatsrat kam zu dem Schluss, das alle Verstaatlichungen Verletzungen des Eigentumsrechts waren und begründete dies folgendermaßen: Die Trefen auf Blockbasis im Jahr 2008 könnten nicht als Versuch einer Vereinbarung gewertet werden; die Verwaltung habe keine objektiven Kriterien entwickeln können, damit die Eigentümer das Projekt selbst an ihrem Eigentum um- setzen könnten; die Verstaatlichung von Eigentum, das nicht für die öfentliche Nut- zung vorgesehen war. Dem Anwalt des Vereins zufolge, hat diese Entscheidung für Verfahren im Zusammenhang mit der Stadterneuerung im allgemeinen bestimmte Kriterien eingeführt. (siehe Şen 2015) Auch das von der Architektenkammer angestrengte Verfahren zur Auhebung des Projekts wurde 2010 zunächst vom Verwaltungsgericht abgelehnt. Im August 2015 wurde aber dieses Urteil durch den Staatsrat wieder aufgehoben – mit der Begrün- dung, dass das „Tarlabaşı Projekt im städtischen Denkmalschutzgebiet Beyoğlu liegt und deshalb nach einem, dem Denkmalschutz entsprechenden Bebauungsplan kon- zipiert werden muss.“ (siehe Kundakçı 2015) Nicht nur die Viertel selbst, auch das Recht wird in der Stadterneuerung zu einem umkämpten Gebiet. Das Recht erweitert den Spielraum der Gemeinden und führt wichtige Instrumente ein. Die Opposition überlässt diese Instrumente nicht einfach kamplos der Stadterneuerung, sondern nimmt den Kampf mit adäquaten Mitteln auf, verwendet also Lücken und inhaltliche Widersprüche in den Gesetzen. Türkün und Yapici (2008: 49) zufolge ergibt sich in der Stadterneuerung eine tau- 6 E I N E N E U E S T R AT E G I E D E S E R N E U E R N S – TA R L A B A Ş I 115 tologische Situation, in der für die geplanten Projekte Gesetze erlassen werden, die dann diese Projekte wiederum rechtlich legitimieren sollen. Diese Feststellung ver- dient eine etwas tiefer greifende Betrachtung: Das Recht ist weder in ihrer Schafung noch in ihrer Anwendung frei von Herrschatsverhältnissen, vielmehr ist sie selbst eines dieser Verhältnisse. (Vgl. Foucault 1977: 287) Das Recht legitimiert die Stadter- neuerung nicht, sie legalisiert sie eher nur – das ist ein lediglich strategisches Mittel. Die Legitimität ergibt sich vielmehr aus anderen Mechanismen: So z.B. aus – nicht nur von der Herrschat produzierten – Diskursen, wie die des Städteverfalls oder des Schutzes des historischen Erbes. Diese Diskurse inden auch schließlich ihren Platz in den Gesetzen. Das moderne Recht ist so gesehen eigentlich weniger ein selbst-re- ferentielles System, als vielmehr ein mit „außerjuristischen Elementen und Perso- nen“ aufgeladener Bereich. (Foucault 1977: 32) 116 UMKÄMPFTE INTERVENTIONEN. EINE KRIEGSTOPOGRAPHIE. 7 . FA Z I T Alle Städte in der gesamten Türkei sind einer Reihe von urbanen Restrukturierun- gen ausgesetzt. Diese Transformationen laufen aber nicht einfach reibungslos ab, sondern sind mehr oder weniger umkämpt. Im Rahmen dieser Arbeit wurden zwei Beispiele untersucht, die Viertel Sulukule und Tarlabaşı in Istanbul, und mithilfe der Metapher des Krieges theoretisch zu erfassen versucht. Diese Metapher bildete ei- nerseits die theoretische Basis der Arbeit, die es ermöglichte, Gesellschat als ein aus Kräteverhältnissen bestehendes Gefüge zu betrachten statt als einen einheitlichen, monolithisch aufgebauten Block. Andererseits lieferte die Metapher des Krieges uns methodologische Instrumente wie die der „Strategie“ und der „Taktik“, um die Prak- tiken rund um diese urbanen Restrukturierungen besser zu verstehen. Die umkämpten Fälle Zunächst einmal haben beide Projektgebiete eine physisch verfallene historische Umgebung und fallen in das Anwendungsgebiet des Erneuerungsgesetzes. Beide Projekte haben im Endefekt die Bewohnerstruktur des Viertels vollkommen verän- dert. Zwischen den Praktiken und Maßnahmen, die von den Projektentwürfen bis zu den Finanzierungsgrundlagen reichen, inden sich viele Beweise dafür, dass eine Ver- änderung des Viertelbewohnerproils mehr oder weniger gewünscht war. In ihrem heterogenen Bevölkerungsaubau, ihrer Armut, ihren informellen sozialen Struktu- ren und Solidaritätsnetzwerken, ihren informellen Sektoren, ihrer Nähe zu Arbeits- plätzen im Zentrum, ihrer Verwendung der physischen Umwelt im Viertelleben und 7 FA Z I T 117 in vielen anderen Punkten sind die beiden Vierteln Sulukule und Tarlabaşı wenn nicht gleich, so doch sehr ähnlich. Die Mieter in beiden Vierteln, deren Anteil an der Gesamtbewohneranzahl sehr hoch war, wurden weit weg vom Zentrum in die städ- tische Peripherie, nach Taşoluk und Kayabaşı, in Sozialbauten umgesiedelt, unter der Bedingungen, langfristige Ratenzahlungen anzunehmen. Die ähnliche Situation der beiden Vierteln ergab auch ähnliche Bedrohungsszenarien für die Stadterneuerungs- projekte. Aber auch wenn die Ausgangslage ähnlich ist, unterscheiden sich die zwei Projekte in wesentlichen Punkten voneinander. Der erste grundlegende Unterschied sind die jeweiligen Projektpartner. Beide Gebiete sind für das Privatkapital uninte- ressante, als riskant betrachtete Bereiche. Während aber in Sulukule das Projekt in einer public-public-partnership umgesetzt wurde, wurde in Tarlabaşı die Partner- schat mit dem Privatkapital zur fast wichtigsten Seite des Projekts. Die Umsetzung wurde in Sulukule durch die staatliche TOKI ohne Gewinnerwartung durchgeführt: die beteiligten öfentlichen Stellen hatten am Projekt keine Anteile erhalten. In Tarla- başı hingegen wurde das Projekt in einer Ausschreibung an ein Privatunternehmen übergeben. Der gesamte Prozess in Tarlabaşı wurde deshalb fast ausschließlich dar- auf reduziert, das Projekt für das Privatkapital attraktiv zu gestalten. Diese Strategie sollte später auch im Fener-Balat-Erneuerungsprojekts zur Anwendung kommen und wird sich wahrscheinlich in Folge als Hauptstrategie durchsetzen. Von der Stadterneuerung wurden jeweils ähnliche strategische Diskurse über die Viertel mobilisiert, die die Erneuerungsprojekte rechtfertigen sollten. Beide Gemein- den haben in öfentlichen Kampagnen die Rolle des Erretters übernommen, aber während die Gemeinde Fatih das Image des Wohlfahrtsstaates verwendet hat, über- nahm die Gemeinde Beyoğlu eine stark unternehmerisch geprägte Rolle. Während das Projekt in Sulukule überwiegend Bauten mit Wohnfunktion vorsieht, wurden im Tarlabaşı-Projekt für viele geplante Gebäude wirtschatliche Funktionen bestimmt, wie z.B. Büros, Einkaufszentren, Hotels etc. Im Projekt in Sulukule wur- de die Parzellenstruktur mehr oder weniger erhalten. Die Neubauten haben zwar auch eine Beziehung zu den Gassen bewahrt, aber da die gesamte Anlage durch Tore mit Security-Personal ausgestattet ist, ist sie klar von ihrer Umgebung abgegrenzt. In Tarlabaşı dagegen wurden die Parzellen zusammengelegt und jeder Block als eine abgeschlossene Insel mit Innenhöfen geplant. Sicherheit war vom Anfang an eine Entwurfsgrundlage in Tarlabaşı. Obwohl die Gassen erhalten bleiben, verlieren sie ihren bestehende Funktion und ihren Charakter. Vereinsbildungen, Rechtsstreit und Instrumentalisierung des öfentliches Interesses sind zwar in beiden Projekten als gemeinsame strategische Mittel angewendet wor- den, in der allgemeinen Oppositionsstrategie gab es jedoch wesentliche Unterschie- de: In Sulukule haben der Roma-Verein und die „von außen“ hinzugekommenen 118 UMKÄMPFTE INTERVENTIONEN. EINE KRIEGSTOPOGRAPHIE. Akteure die Gegenstrategie auf kulturellen Elementen aufgebaut, den Unterhaltungs- häusern und der Musik, und eine darüber konstituierte speziische Roma-Identität ins Zentrum des Kampfes gestellt, dessen lokale und translokale Wirkungen unter- schiedlich ausgefallen sind. Die Bewohner und der Verein von Tarlabaşı hingegen haben – obwohl sie auch mit vielen gebietsfremden Akteure kooperierten, wenn es ihrer Handlungsfähigkeit verstärken sollte – sehr früh die spekulativen Gewinnmöglichkeiten des Erneue- rungsprojekts erkannt und ihre Strategie auf Verhandlungen über Beteiligungen am Projekt aufgebaut. Trotz einer hohen ethnischen Konzentration von zwangsmigrier- ten Kurden vermied der Viertelverein auf einen ethnisierten oder kulturalisierten Kampf. Stattdessen wurde die von den Initiatoren der Stadterneuerung absichtlich ausgeblendete aktuelle Multikulturalität und die Armut im Viertel in den Vorder- grund gestellt. In Sulukule, haben die Gemeinde Fatih und die Plattform ihren jeweiligen Kampf an gleichen strategischen Strängen geführt. In manchen Punkten stimmten sie sogar großteils überein, wie z.B. darin, dass die Wahl Istanbuls zur Kulturhauptstadt 2010 für die Erneuerung Sulukules wie auch für die Öfnung des Gebiets für den Touris- mus eine gute Gelegenheit war. Also im Gegensatz zur allgemeinen Annahme, dass die Akteure der Stadterneuerung und der Opposition gänzlich voneinander getrennt und mit völlig unterschiedlichen Mitteln und Wegen operieren, zeigt sich, dass sie sowohl aus Sicht der Mittel als auch der Methoden nicht auf vollkommen unter- schiedlichen Ebenen agieren. Manchmal kamen die gleichen Praktiken und Diskurse sowohl durch die Initiatoren als auch durch die Opposition zum Einsatz: z.B. ein äußerst selektiver und nostal- gisch verklärter Blick auf die Vergangenheit und deren strategische Nutzung, um eine vermeintliche Restaurierung dieser „prachtvollen“ Vergangenheit zu legitimieren. In Tarlabaşı wurde ein sehr bestimmter Ausschnitt der Geschichte durch die Gemeinde und die involvierten Privatunternehmen als verlorene Identität des Ortes als kosmo- politisches Viertel dargestellt – einerseits um das Projekt zu rechtfertigen, anderer- seits um den Marktwert des Projektes zu erhöhen, die Interesse bei den potenziellen Kunden zu wecken und dem Bezirk und der Stadt eine kosmopolitische Identität zu verleihen. Dabei wurden andere Phasen der Vergangenheit, die das heute bestehende kulturelle und soziale Gefüge geschafen hatten, ausgeblendet. In Sulukule dagegen wurde durch die Plattform Sulukule eine Erzählung aus der „guten alten Zeit “ der Unterhaltungshäuser ins Zentrum der Strategie gestellt. Von der Stadterneuerung wurden einige Taktiken eingesetzt, also die eigenen stra- tegischen Mitteln missbraucht, um die Räumung der Vierteln durchzusetzen. In Sulukule wurden aufgekaute Häuser etappenweise abgerissen, während die Men- 7 FA Z I T 119 schen noch im Viertel lebten. Der dadurch deutlich erschwerte Alltag, die Schafung einer unsicheren Umgebung, eine unhygienische Umwelt, etc. haben den Wegzug der Bewohner beschleunigt. In Tarlabaşı wurden den Besitzern wegen unbewillig- ter Renovierungsarbeiten an denkmalgeschützten Baubeständen Strafen für Gebäu- de zugestellt, die für den Neubau ohnehin abgerissen werden sollten. Dafür wurde eine mit dem Erneuerungsgesetz eigentlich „aufgehobene“ Institution eingesetzt. Der Denkmalschutz wurde andererseits aber auch in Sulukule durch die Plattform taktisch ausgenutzt: die historischen Beispiele der Zivilarchitektur wurden registriert und durch eine taktische Restaurierung, also durch einfache Renovierung der Fassa- den, vor dem Abriss bewahrt. Strategie und Taktik Wir haben die Metapher des Krieges als Paradigma genutzt, aber aus dem Grund der verschwommenen Grenzen zwischen dem Kriegszustand und dem Alltag mussten wir uns auch mit dem heorien des Alltags beschätigen – aber nicht als säuberlich getrennte Untersuchungsgegenstände, sondern als einen überlappenden/ ineinan- der übergehenden Zustand. Wir entlehnen daher die beiden Begrife der Taktik und Strategie, wie sie in den Studien sowohl zum Krieg als auch zum Alltag in Einsatz kommen, versuchen sie aber im Lichte unserer Vorarbeiten zur Stadterneuerung neu zu denken und miteinander in Beziehung zu setzen. Aus der theoretischen Diskussion anhand unserer Beispiele haben sich einige Punkte ergeben, die von Clausewitz’ und de Certeaus Aufassungen abwichen: - Erstens können beide Begrife weder hierarchisch angeordnet noch als sich gegensätzlich konstituierend angesehen werden. Sie sind vielmehr verschie- dene Arten von Praktiken. - Zweitens haben diese zwei Arten des Handelns nicht unbedingt voneinander klar getrennte Akteure (wie bei de Certeau Staat, Firma, Institution/Stadt- bewohner, Konsument getrennt sind). Sie können/müssen in den meisten Fällen kombiniert werden. - Drittens ist weder die eine per se oppositionell, noch die andere per se re- pressiv. Im Gegensatz zu der seit den 1980er/1990er Jahren weit verbreiteten Annahmen, dass Taktiken Gegen-Praktiken seien, agiert die „Macht“ immer öter auch taktisch, ohne ihre Strategie dabei aufzugeben. Also können Tak- tiken sehr wohl auch repressiv sein. Für die Praktiken, die in dieser Arbeit geschildert wurden, gelten im allgemeinen die Charakteristiken von Strategie und Taktik, wie sie von de Certeau beschrieben wurden. Einige Ausnahmen gibt es aber auch hier: die Strategie ist nach de Certeau die Beherrschung des Ortes durch Sicht. Sie muss einen Überblick haben und ist pan- optisch. Dagegen sind die Taktiken blind für größere Maßstäbe. Die Arbeit wider- spricht dieser Aussage insofern, dass je mehr die Strategie versucht, einen Überblick zu erhalten, desto mehr wird sie blind für die „Realität“. Sie wird „von der Ferne“ 120 UMKÄMPFTE INTERVENTIONEN. EINE KRIEGSTOPOGRAPHIE. vorbereitet, sie geht dem realen Ort voraus: das ist es dann auch, was sie blind macht. Das kommt ans Tageslicht, sobald sie mit dem „realen“ Ort konfrontiert wird. Sie wird durch menschliche und nicht-menschliche Akteure herausgefordert. Die Taktik kann aus dieser Konfrontation entstandene Gelegenheiten inden und nutzen. Des- wegen erfordern taktische Praktiken ein scharfes Sehvermögen und schnelle Relexe. Nutzer dieser Gelegenheit kann der Schöpfer der Strategie selbst sein, wie auch jener, der dieser Strategie ausgesetzt ist. Ein Quasi-Begrif: Das Biotaktische Der Begrif des Biotaktischen versucht hier, die Praktiken zu beschreiben, die... - ... wie Taktiken erscheinen. - … aber nicht durch Missbrauch der Mitteln entstehen, sondern in ihrer An- wendung ihre „eigentliche“ Form und ihren „eigentlichen“ Inhalt zeigen. - … über eine genutzte Gelegenheit – und sei es als taktische Praxis – hinaus- gehen, aus der Erschöpfung aller sonstigen Möglichkeiten entstehen und in einer biopolitischen Beziehung begründet sind. - … dort beginnen, wo gedacht wird, dass Widerstand und Handlungsmacht enden. Sie inden nicht mit den Mitteln oder im Feld des Souveräns statt, sondern geschehen vielmehr an den konstituierenden Grenzen des Souver- äns und enthüllen damit die gegenwärtige biopolitische Topographie. - … auf die Potenzialität der „Handlungsmacht“ hinweisen, die aber auch ge- nau dort entsteht, wo die Biomacht sich zeigt. Die „Handlungsmacht“ be- ginnt im gleichen biopolitischen Raum, also im biologischen Körper und im Alltag, der mit dem Ausnahmezustand zur Deckung kommt. Dieser Begrif ist ein ungeplanter Output dieser Studie und bedarf noch einer weite- ren Ausarbeitung, u.zw. indem man die Spuren solcher Praktiken nachgeht und alle obengenannten Punkte ausführlich diskutiert. Das überschreitet aber den Umfang dieser Arbeit bei weitem. Solch eine weiterführende Untersuchung würde sich auch lohnen, weil sie es erlauben würde, den Spuren der Potenzialität der Handlungs- macht zu folgen. 7 FA Z I T 121 ANMERKUNGEN 1 Paradigmen werden als methodologische Mitteln eingesetzt, um dabei zu helfen, das Beziehungsnetzwerk eines Problems intelligibel zu machen und zu problematisieren. Aristoteles folgend behauptet Agamben, dass ein Paradigma keine Bewegung vom Partikularen zum Universellen oder vom Universellen zum Partikularen darstellt, sondern dass es sich vom Partikularen zum Partikularen bewegt und damit einen neuen Kontext schat, in dem es sich zeigt. Es ist also singulär. Es ist eine Erkenntnisform, die weder deduktiv noch induktiv, sondern analogisch ist. Es arbeitet nicht mit Antagonismen wie generell und partiell, sondern mit einer bi- polaren Logik. (Vgl. Agamben 2009: 19, 22, 31) 2 Hüseyin Kaya, der Leiter der Wohnbau- und Gecekondu-Abteilung der Großstadtgemeinde İstanbul, zitiert in İBB (2004) 3 Die Viertel der Feldstudie sind Sulukule, Tarlabaşı, Karanilköy, Derbent, Ayazma, Tozkoparan, Yakacık, Gülsuyu-Gülensu, Başıbüyük. 4 Der Begrif Gecekondu beschreibt eine Bautypologie, die durch eine selbstorganisierte Lösung auf besetztem öfentlichen Grund für die Wohnungsnot in Städten aufgrund starker Migrationsströme entstanden ist. Es ist das wichtigste Phänomen der Urbanisierungsgeschichte türkischer Städte. Die Bedeutung von Gecekondu (“über Nacht gebaut”) ist fast wörtlich zu verstehen: die barackenähnlichen Häuser mussten, meist gemein- schatlich mit Nachbarn, etc., in kürzester Zeit aufgebaut und sogleich bewohnt werden, da bewohnte Häuser selten oder gar nicht abgerissen wurden. Einer der wichtigsten Charakterzüge der frühen Gecekondus ist, dass der Bauer und der Nutzer identisch sind. Damit ist das Gecekondu eine Lösung außerhalb des Woh- nungsmarktes. Diese Häuser wurden später meistens umgebaut, Teile zugebaut oder von neuem errichtet. Der Begrif wird auch für die Viertel verwendet, auf denen sich Gecekondus beinden, oder befunden haben, da sie heute kaum mehr zu inden sind. Charakteristisch für die Gecekondus ist, dass sie an die Topographie angepasst gebaute, ein- bis zweigeschossige Häuser mit großen Gärten sind. (Vgl. Esen 2005 und Işık und Pınarcıoğlu 2011: 112f) 5 Während Kriege eine territoriale Neuordnung bezwecken, setzen sich urbane Interventionen soziale und räumliche Umordnungen zum Ziel. Die beiden letzteren sind relevant für den Begrif „Urbizid“, der zuerst durch oppositionelle Urbanisten gegen den Bau des World Trade Centre verwendet wurde. Mit dem Jugo- slawienkrieg (Balkankrieg) und dem Terroranschlag auf die Twin Towers kam der Begrif wieder in Umlauf. Zusammengesetzt aus “urban” und “Genozid” beschreibt der Begrif die Zerstörung urbaner Bausubstanz und Infrastruktur. (Vgl. Campbell et al. 2007) Abujidi zeigt, dass ein Urbizid nicht nur durch Destruktion entstehen muss, sondern auch – wie in den besetzten palästinensischen Gebieten – durch Konstruktion und Kontrolle herbeigeführt werden kann. (Abujidi 2014: 143) 6 Er operiert hier gegen eine Idee, die am Besten bei Hobbes artikuliert wurde: Die Konstruktion eines Antago- nismus zwischen dem Naturzustand als einem Krieg aller gegen alle und dem Commonwealth legitimiert die Souveränität des Staates. (Vgl. Hobbes 1651) 7 Den Begrif „Ununterscheidbarkeitszone“ entlehne ich von Agamben, der es mit der Metapher der Schwelle sehr gut umschreibt. Die Schwelle ist ein Ort, wo Innen und Außen ineinander übergehen. Sie gehört weder dem Innen noch dem Außen an. (Vgl. Agamben 1998) 8 Natürlich ist Clausewitz nicht der erste Kriegstheoretiker, der diese beiden Begrife aufeinander bezogen hat. Bülow, der Strategie und Taktik in geometrischen Formeln beschreibt, liefert beispielsweise auch eine klare Unterscheidung zwischen Strategie und Taktik. Siehe Bülow (2013) 9 Siehe Laclau und Moufe (2006) 10 In Anlehnung an den Foucaultschen Begrif der „Heterotopie“, siehe dazu Foucault (2005) 11 Semra Somersan und ihre Kollegin, eine Anthropologin, haben ihre Mitwirkung bei der Gründung des Sulu- kule Roma-Vereins in ihrem Aufsatz beschrieben. Der Verein 1 Umut, die die Opfer von Ayazma unterstützt hat, oder die Solidarische Planungswerkstatt, sind erwähnenswerte Initiativen in diesem Zusammenhang. 12 In Projekten, die von Faruk Göksu beraten wurden, hatte man Vereine gegründet. (Göksu 2002) In Sulukule wurde von Bewohnern, die sich durch den Roma-Verein nicht vertreten fühlten, ein alternativer Viertelverein gegründet, der indirekt durch die Gemeinde unterstützt und als Partner gesehen wurde. 122 UMKÄMPFTE INTERVENTIONEN. EINE KRIEGSTOPOGRAPHIE. 13 de Certeaus Ansatz hingegen geht davon aus, dass die Strategie panoptisch agiert und im Vergleich zur Taktik einen besseren Überblick hat. 14 Nach Bülow ist die Strategie „the science of the movements [...] out of the visual circle of each other“ und die Taktik „within sight of the enemy, and within reach of his artillery.“ (Bülow 2013: 86f) 15 Insbesondere die Erfahrungen der Bewohner von Karanilköy aus den 90erJahren zeigen, dass die heutige Vorgehensweise bereits früher herangereit ist. In Karanilköy, das ins heutige Stadtgebiet und in unmittel- barer Nachbarschat der Achse mit den teuersten Grundstücken in Istanbul fällt, wurde in den 90er Jahren die Baubewilligungen erhöht und den ehemaligen Bewohnern Wohnungen in Başakşehir angeboten. Die Bewohner von Karanilköy haben noch bevor das Wort “Mortgage” in Umlauf gekommen war, bereits ein Konzept vorgeschlagen bekommen, in dem sie statt Miete zu bezahlen durch Ratenzahlung Wohnungseigen- tümer werden sollten. (İşeri 2009) 16 In diesen Projekten in Ankara wurden zum ersten Mal Modelle der Zusammenlegung und Wertsteigerung verwirklicht. Parzellen wurden zusammengefasst und Projekte mit mehr Grün- und Leerlächen entwickelt. Die Grundstückseigentümer, die mit den erwarteten Baubewilligungen mehr Wohnungen hätten errichten können, wurden derart überzeugt, dass sie mit den neuen, wertgesteigerten Projekten sich zwar mit weniger, aber dafür wertvolleren Wohnungen zufriedengeben konnten. Außerdem wurden für diese Projekte neue Leitungs- und Beteiligungsmodelle entwickelt. 17 Insbesondere in Karanilköy und in allen Vierteln von Sarıyer kann man das beobachten. Aber in letzter Zeit gibt es auch in Başıbüyük und in der Umgebung von Gülsuyu-Gülensu ähnliche Entwicklungen, die darauf schließen lassen, dass diese Bereiche für den privaten Sektor ebenfalls attraktiv geworden sind. 18 Diese Vierteln sind laut dem Istanbuler Erneuerungsgeographie-Projekt wie folgt: İmrahor (Arnavutköy); Güneşli, Bağlar, Mahmutbey Merkez (Bağcılar); Altınşehir, Bayramtepe, Şahin Tepesi (Başakşehir); Karanil- köy, Çarşıiçi (Beşiktaş); Rüzgarlıbahçe, Soğuksu (Beykoz); Ayazma, Gümüşsuyu, Ortaçeşme, Paşabahçe, Çu- buklu, Çiğdem (Tokatköy); Tarlabaşı, Okmeydanı (Kulaksız, Piyalepaşa, Piripaşa, Örnektepe), Hacıcıhüsrev (Beyoğlu); Çırçır, Akşemsettin, Karadolap, Yeşilpınar, Alibeyköy (Eyüp); Sulukule, Ayvansaray, Fener, Balat, Mollaaşki, Süleymaniye, Samatya, Yedikule, Yenikapı, Tokludede (Fatih); Sarıgöl, Gazi, die Umgebung des Bayrampaşa-Gefängnisses (Gaziosmanpaşa); Tozkoparan (Güngören); Merdivenköy, Dumlupınar, Fikirtepe, Yel değirmeni, Rasimpaşa (Kadıköy); Sanayi, Güzeltepe, Nurtepe, Gültepe, Çeliktepe (Kağıthane); Hürriyet, Yakacık, Kurfalı ve Gümüşpınar (Kartal); Cennet, Kanarya, İnönü, Aytaç, Yeşilova, Tevikbey, Sultanmurat, Yarımburgaz, Soğuksu, Cumhuriyet, Ayazma, Kartaltepe, İç-Dış Kumsal (Küçükçekmece); Gülensu-Gülsuyu, Başıbüyük (Maltepe); Ertuğrulgazi, Kavakpınar, Sülüntepe, Aydos, Sapanbağları, Yayalar, Taşlıbayır, Şehli (Pendik); Kazım Karabekir, Kocataş, Sarıdağ, Cumhuriyet, İstinye, Poligon, Derbent, Ferahevler, Reşitpaşa, PTT Evleri, Rumelihisarüstü, Armutlu – FSM – Baltalimanı, Maden (Sarıyer); Kuştepe (Şişli); Aydınlı (Tuz- la); Alle Viertel des Bezirks Zeytinburnu. 19 Mein eigentliches Projekt versucht die Stadterneuerung als einen Ausnahmezustand zu fassen, der mit dem Normalzustand überlappt und untersucht weiters die Rolle von afective politics bei der Herbeiführung eben dieses Ausnahmezustandes. Dieses Projekt ist noch nicht abgeschlossen. 20 Die Aufgaben der Wohnbaubehörde, wie sie bei ihrer Gründung mit dem Gesetz Nr.2985 deiniert wurden, sind wie folgt: Kredite im In- und Ausland aufzunehmen, die Beteiligung von Banken an der Wohnungs- inanzierungen zu sichern, bei Bedarf Banken Kredite gewähren, die im Wohnbaubereich tätige Industrie unterstützen, in für die Entwicklung wichtigen Gebieten sich an im Baubereich tätigen Firmen beteiligen. 21 http://www.toki.gov.tr/ptext.asp?id=2 22 „Dar gelirliye her yıl 60 bin konut“, Aksam, 09.Juli 2015. Abgerufen von: http://www.aksam.com.tr 23 Mantelgesetz Nr. 5162 24 Paragraph 4 von Gesetz Nr.2985 wurde durch Paragraph 7 von Gesetz Nr.5793 ergänzt. 25 Mit Paragraph 10 von Gesetz Nr.5793 wurde dem Paragraphen 7 von Gesetz Nr. 2985 ein Absatz hinzugefügt. 26 Mantelgesetz Nr.5793/ §11 27 Gemeindegesetz Nr.5393/ §73 und Großstadtgemeindegesetz Nr.5216/ §7/ Absatz 1 28 Katastrophenschutzgesetz Nr.6306 29 Als Ergebnis des eingeladenen Wettbewerbes wurde Zaha Hadid für die Planung der zentralen Gewerbeberei- che im Industriegebiet Kartal und Kean Yeang für die Stadterneuerungsprojekte in Kücükçekmece ausgewählt. 123 30 Gesetz Nr.5582 31 Gesetz Nr.5104 32 Gesetz Nr.5366 33 Der Name dieses Gesetz wird im folgenden als Erneuerungsgesetz abgekürzt. 34 Gesetz Nr. 5393 35 Gesetz Nr. 5793 36 Gesetz Nr. 6306 37 6306/§2/ç. 38 Das Gesetz Nr.5793/2008 wurde mit dem Gesetz Nr.6306/2012 verändert. 39 5366/ §1 40 Diese Bestimmung wurde 2012 durch den Paragraphen 15 des Gesetzes Nr.6306 verändert und ergänzt insofern, als nun der Antrag durch das Ministerium für Umwelt und Stadtplanung an den Ministerrat ergeht. 41 Gesetz Nr. 2863. Im folgenden: Schutzgesetz 42 Gesetz Nr.5366/ §3 43 Gesetz Nr.5366: Paragraph 3 44 Gesetz Nr.2942 45 Der Ministerrat hat in den 1990er Jahren nur vier, in den 2000er Jahren hingegen 105 dringliche Verstaat- lichungen beschlossen. Diese Verstaatlichungen waren für Energie-, Verkehrs- und Erneuerungsprojekte bestimmt. (Kaya 2011: 200) 46 “he rent gap is the disparity between the potential ground rent level and the actual ground rent capitalized under the present land use”. (Smith 1979: 545) Für weiterführende Diskussionen siehe Smith (1996: 69-71) 47 Für das osmanische Millet-System siehe İnalcık (1991) 48 Während Ankara Schauplatz einer enorm großen Planungstätigkeit wurde und spezielle Gesetze für Ankara erlassen wurden, ist für Istanbul die 1848 erlassene Ebeniye Nizamnamesi, ein Gesetz für die Ordnung der Bebauung der Stadt, noch immer gültig geblieben. Erst 1957 wurde ein allgemeines Bebauungsgrundlagenge- setz erlassen. (Kahraman 2013:28) 49 Die von Orhan Esen als „Nord-Istanbuler“ bezeichnete „Klasse“ ist parallel zur Bewegung des Kapitals Rich- tung Norden auch nach Norden gezogen und hat die Wohngebiete der Mittel- und Oberschicht geschafen. Siehe Esen (2008) 50 Sie mussten nachweisen, dass sie vor dem Krieg in der Stadt ansässig waren. (Keyder 2000a: 18) 51 Siehe Akar (1998) und Aktar (2014) 52 Zwischen 1923 und 1970 sind vorwiegend aus Jugoslawien, Bulgarien und Griechenland 1.250.000 Men- schen hauptsächlich in der Marmara-Region angesiedelt worden. (Keleş 1978: 160) 53 In einer gewissen Weise war der Architekt Cengiz Bektas, der 1978 ein Haus restauriert hat, ein Vorreiter. Seine Motivation war aber weniger rein architektonischer Natur; vielmehr interessierte ihn an Kuzguncuk die religiöse und ethnische Vielfalt, in der eine Kirche und eine Moschee nebeneinander Platz fanden. In gewis- ser Weise waren diese Viertel die kosmopolitische Seite Istanbuls. Dem Architekten sollten später Künstler, Intellektuelle und Linke mittleren Alters in andere Häuser entlang der Uryanizade-Strasse folgen. (Mills 2005: 450) Für eine detaillierte Studie zu Kuzguncuk siehe Mills (2006) 54 Es wird v.a. mit der Restaurierung der Villen am Bosporus begonnen. 55 Zwischen Bewohnern, die sich in unterschiedlichen Phasen angesiedelt haben, entstehen zeitweise Spannun- gen. Für das Beispiel Galata siehe Can (2013:100f) 56 Ergun (2004) schildert ausführlich, wie der Gentriizierungsprozess in den einzelnen Vierteln (Kuzguncuk, Ortaköy, Tünel, Cihangir, Galata und Balat) angefangen hat. 57 Ein Beispiel dafür ist das Oda-Projekt in Galata. Von einem Büro, das sie 2000 im Viertel gegründet hatten, wurden sie 2005 ausquartiert. Ähnliche Prozesse in Karaköy und Tophane, die zu beliebten Orten der Kultu- rindustrie geworden sind, schafen auch ähnlich gelagerte Bedrohungsszenarien. 58 Die aus dem Südosten der Türkei stammenden Binnenlüchtlinge, die vor dem Krieg zwischen der PKK und dem Staat gelohen sind oder deren Heimatdörfer in diesem Zusammenhang zwangsgeräumt wurden, unter- scheiden sich in verschiedenen Hinsichten von anderen Migrationsströmen. Zunächst fand diese Migration unvorbereitet und unfreiwillig statt. Es mussten ganze Familien migrieren, die zudem ihr ganzes Hab und 124 UMKÄMPFTE INTERVENTIONEN. EINE KRIEGSTOPOGRAPHIE. Gut verloren hatten – die Migration ging also einher mit einer gleichzeitigen Verarmung. Außerdem waren ganze Ortschaten zur Migration gezwungen, was im Vergleich zu anderen Migranten auch die bestehenden Solidaritätsnetzwerke im Heimatort zerstörte. (Erder 2002: 177f) Die in früheren Wellen angekommenen Migranten, die sich Gecekondus erbauen konnten, haben ihre Armut dieser Migrationswelle überlassen. Siehe Işık and Pınarcıoğlu (2011) 59 Beispielsweise İslam (2009) und Ergun (2004) 60 Auch wenn sie aus Sicht der bebauten Umwelt, der Wertsteigerung und des Bevölkerungsproils einer Gen- triizierung ähnelt, muss sie wegen ihrer Dynamik und den darin involvierten Akteuren unterschiedlich bewertet werden. Wenn der Begrif der Gentriizierung für Projekte verwendet wird, die sehr groß angelegt sind, wird sie ihren ursprünglichen Sinn verlieren und unbrauchbar werden. In Istanbul ist das bereits der Fall: Der Begrif der Gentriizierung wird schon für Gecekondu-Gebiete eingesetzt und ist fast zu einem universalen Begrif geworden, der nur mehr die Ersetzung eines verarmten Bevölkerungsproils durch eine Mittelschicht ausdrückt. 61 „Neslisah ve Hatice Sultan (Sulukule) Mahalleleri Yenileme Projesi“, Fatih Belediyesi, o.D. Abgerufen von: http://www.fatih.bel.tr/icerik/1155/neslisah-ve-hatice-sultan-sulukule-mahalleleri-yenileme-projesi/ 62 Ein Beispiel aus der akademischen Literatur: „Die soziokulturellen und wirtschatlichen Eigenschaten der neuen Bevölkerung führt dazu, dass diese Gebiete aufgrund der Ignoranz im Umgang mit ihr verwahrlosten und immer mehr verielen.“ (Özden 2008: 26) 63 Stadterneuerungsprojekte werden ot dahingehend kritisiert, dass sie sich nur auf die physische Erneuerung konzentrieren, soziale und wirtschatliche Probleme außen vor lassen und annehmen, dass die physische Erneuerung dieser Gebiete eine sozioökonomische Verbesserung einfach mit sich bringen wird. Meiner Meinung nach übersieht diese Kritik, dass Stadterneuerungsprojekte nicht nur eine physische Erneuerung bezwecken, sondern auch die Erneuerung des Bevölkerungsproils bezwecken. 64 Smith schreibt in diesem Zusammenhang von einer „rediscovery of enemies within.“ (Smith 1996: 207) 65 Beispielsweise Işık and Pınarcıoğlu (2011); Enlil und Dinçer (2002); Yılmaz (2008) 66 Für das Präsentationsvideo des Erneuerungsprojekts siehe http://www.fatih.bel.tr/icerik/6866/ayvansa- ray-yenileme-projesi/ 67 Es wird behauptet, dass es ein Verfallsgebiet ist, was von z.B. Özgüner (2010:395) aber bestritten wird. 68 „Yenikapı’daki Osmanlı mahalleleri canlanacak“, Haber Türk Gazete, 8. Februar 2015. Abgerufen von: http:// www.haberturk.com 69 „Talimhane’ye Nato Öpücüğü“, Sabah, 27.06.2004. Abgerufen von: http://arsiv.sabah.com.tr 70 Spannungen im Viertel haben sich seit 2010 in gewalttätigen Angrifen auf Galerien ausgedrückt. Zur Dis- kussionen dazu siehe Genç (2010) 71 2013 wurde es vom Verwaltungsgericht aufgehoben. 2015 wurde wiederum dieser Beschluss vom Verwal- tungsgerichtshof aufgehoben. (Çapa 2015) 72 Die Werten am Halic wurden 1455 unter dem Namen Tersane-i Amire errichtet. 73 Es gibt einen starken Widerstand gegen dieses Projekt, dass sich unter dem Namen Halic-Solidarität als Plattform organisiert hat. 74 Im folgen wird der Vereinsname als Roma-Verein abgekürzt 75 So z.B. die Aussage vom Bürgermeister der Gemeinde Fatih, Mustafa Demir: „Das Projekt hat nicht vor, die hier lebenden Menschen woanders hinzubringen. Die Familien mit Rechtsanspruch werden wieder Rechts- anspruch haben.“ (İBB 2006) Aber Sükrü Pündük zweifelt schon damals an den Worten des Bürgermeisters, wie „Verkaut eure Häuser nicht, wir werden euch nicht zu Opfern machen.“ Oder „Ihr werdet sogar für eine geplanzten Baum entschädigt werden.“ (Pündük 2009) 76 Ungefähr die Hälte des Eigentums im Viertel hat mehrere anteilige Besitzer. Auf der anderen Seite haben 620 eingetragene Immobilien 227 Besitzer. Also während einige Immobilien mehrere Besitzer haben, haben manche Besitzer mehrere Immobilien. Es gab 60 Familien, deren Eigentum nicht anteilig war. (Pündük 2009) 77 Es gab noch größere Wertsteigerungen: Bei einem Beispiel wurde die Wohnung 1997 um 3.500 Tl gekaut und 2007 um 135.000 TL wieder verkaut. (İslam 2009: 114) 78 Heute liegt der Verkaufswert dieser Wohnungen zwischen 375.000 und 600.000 TL. 79 Die meisten davon sind Eigentümer, die nicht im Gebiet gewohnt haben. (Pündük 2009) 125 80 Für die Veranstaltungen in diesem Rahmen, die von der Bemalung der Häuser in Sulukule bis zu Konzerten im Mittelschichtsgebieten reichten, siehe Sulukule Platform (2007a) 81 Die Wirkungsbereiche von individuellen und kollektiven Akteuren gehen zeitweise ineinander über. So ist z.B. Korhan Gümüs der Gründer der Insan Yerlesimleri Dernegi, die von Anfang an in Sulukule aktiv war, und war gleichzeitig am aktivsten mit der Wahl Istanbuls zur Kulturhauptstadt Europas beschätigt. Er war auch in der Agentur Istanbul 2010 beteiligt. Bei der Aufnahme von Sulukule in die Agenda der Agentur Istanbul 2010 spielte er eine Schlüsselrolle. 82 Sultan Mahalle ist eine weiter verbreitete Bezeichnung. 83 Die “Treaty of Preservation of Intangible Cultural Heritage”, unterzeichnet von der UNESCO in 2003. Am 21 Januar 2006 wird Türkei auch zu einer Partei. 84 Dabei haben die Initiativen der ersten Phase, die ersten Veranstaltungen und die Komponenten der Platt- form eine große Wirkung gehabt. 85 Weltgeschichtlich wird es als erstes Siedlungsgebiet der Roma angesehen. (Esin, N. ve D. Yıldız 2007 zitiert in Güzey 2009) 86 Somersan, die im Gebiet war, als das Projekt verlautbart wurde, hat einige im Viertel gebliebene Musiker dem Rest des Viertels vorgezogen. (Yolaçan 2008: 45) 87 Gofmans „fatefull moments“ sind entscheidende Momente, die Konsequenzen haben, (Gofman 1967: 164) aber auch riskant sind. Sie passieren nicht nur, sondern werden auch „quite commonly engineered.“ (Giddens 1991: 112f) 88 Die Viertelbewohner nennen sie „devriye evleri“, was wahrscheinlich soviel bedeutet wie „Patrouillenhäu- ser“; auf jeden Fall haben sie eine eigene Bezeichnung für sie. 89 Die Aussage eines Bewohners von Sulukule, Ender, zitiert in İslam (2009: 107) 90 „Belediye evi yıktı, ‚Pardon‘ dedi“, Radikal, 24. Februar 2007. Abgerufen von. http://www.radikal.com.tr 91 Für die Details dieses Projekts siehe UCL DPU (2007b) und (2008) 92 „Sulukule Mahallesini Geliştirme Projesi“, 26.Juni 2007. Erreichbar unter: http://v3.arkitera.com/h17866-su- lukule--mahallesini-gelistirme-projesi.html 93 Erneuerungsgesetz Nr.5366 / §10 94 Beispielsweise die Aussage des TOKI-Leiters: „In den laufenden Projekten, in Erneuerungsgebieten, wird darauf geachtet, dass alle sozialen Akteure eingebunden werden, der Bürger überzeugt wird und eine freiwil- lige Teilnahme am Projekt gesichert ist.“ (Bayraktar 2007: 54 zitiert in Ergun 2011:265) 95 Erneuerungsgesetz Nr.5366/§3 96 Ünlü spricht von fünf Dynamiken, die Tarlabaşı bestimmen: Armut, Migration, Integration, Marginalität und Kriminalität. (Ünlü 2005) 97 Die Aussagen ausländischer Architekten über Tarlabaşı, ihr exotisierender Blick und die negativen Reprä- sentationen in den Medien sind wie zwei Seiten einer Medaille. Der Titel des damaligen Kongresses, „Cities: Grand Bazaar of Architectures“ mit seinem „point of reference – the legendary oriental bazaar that leaves no desires unfulilled“ (Mörtenböck and Mooshammer 2008:145), fällt mit diesen Aussagen perfekt zusammen. 98 Bostan, Bülbül, Çukur, Hüseyin Ağa, Kalyoncu Kulluğu, Kamer Hatun, Sururi, Şehit Muhtar 99 Mit der Entscheidung des Ministerrates vom 20.02.2006 mit der Nummer 2006/10172 wurde es als Erneue- rungsgebiet deklariert. 100 „Tarlabaşı‘nın dönüşümü domino etkisi yaratacak!“, Vatan. 26. August 2012. Abgerufen von. http://emlakkulisi.com 101 46% der „Migranten“ von Tarlabaşı sind Binnenlüchtlinge. (Enlil and Dinçer 2002) Aybek (2009) zufolge sind 52% der Bewohner aus dem Osten und dem Südosten der Türkei. 102 Abgerufen von: https://www.youtube.com/watch?v=N8V_ZlVR-7Y Das Video wurde neulich entfernt. Fragmente des Films inden sich auf der Webseite des Projekts. Der Bedarf für den ganzen Film dürte nicht mehr gegeben sein, da die Überzeugung der Öfentlichkeit nicht mehr nötig ist und das Projektgebiet bereits geräumt wurde. Jetzt beindet sich ein Animationsvideo des neuen Projekts auf der Webseite. Abgerufen von: http://www.beyoglubuyukdonusum.com/tarlabasi/anasayfa/Tarlabasi/2/0/0 103 http://www.tarlabasi360.com/ Die Webseite, die in Türkisch, Arabisch und Englisch abrubar ist, richtet sich augenscheinlich nicht nur an die Oberschicht in Istanbul, sondern auch an eine globale Elite, und hier v.a. an besserverdienende Gruppen aus den Golfstaaten. 104 Erreichbar unter: http://www.tarlabasi360.com/en/tarlabasi-today/gallery 126 UMKÄMPFTE INTERVENTIONEN. EINE KRIEGSTOPOGRAPHIE. 105 Der Vereinssprecher Erdal Aybek argumentiert damit, dass es in der Firma, die die Ausschreibung erhalten hat, Verwandtschatsverhältnisse zu Politikern gibt; außerdem argumentiert er, dass nur zwei Firmen in die Ausschrei- bung einbezogen wurden und dass diese Firmen nicht zwischen den 100 größten Firmen der Türkei rangierten. 106 Während in der Bülbül Mahalle Menschen aus den Bezirksstädten Sivas, Erzurum, Kastamonu und die Gruppe der Roma dominieren ist in der Cukur Mahalle die kurdische Dominanz und Sichtbarkeit größer, auch wenn Roma im Viertel vertreten sind. In der Sehit Muhtar gibt es v.a. Migranten aus Inneranatolien, während in manchen Gassen Menschen aus den Bezirkstädten Mardin und Siirt wohnen. So sehen in der Bostan Mahalle die Roma die Kurden als Hauptverantwortliche dafür, dass die Mahalle mit Terrorismus, Drogenhandel und Kriminalität in Verbindung gebracht wird. (Sakızlıoğlu 2007:151) 107 Beispielsweise wurde bei einem Vernetzungsbesuch des Solidaritätsnetzwerk No-vox eine Führung durch das Gebiet organisiert. Unser Führer hat bei einem Haus mit Transitmigranten mit Nachdruck gerufen, denn der unsichtbarste Teil des Gebiets, die Transitmigranten, mussten den Repräsentanten von No-vox „gezeigt“ werden. 108 http://www.tarlabasi360.com/tr/tarlabasinda-bugun/50soru-50cevap 109 Die wichtigsten Gründe dafür sind, dass legale und illegale Prostitutionshäuser geschlossen wurden, die vormals dort arbeitenden Menschen, Vertriebene von gentriizierten Gebieten wie Cihangir und die Nähe von Beyoğlu als Unterhaltungszentrum. 110 In ganz Tarlabaşı sind 58% der Gebäude in schlechtem Zustand, 1,5% der Gebäude eingestürzt. (Ünlü et al. 2003: 155) 111 Die Verteilung der Blöcke ist wie folgt: Die Blöcke mit den Nummern 360, 361, 362 und 363 sind in der Çukur Mahalle, die Blöcke mit den Nummern 385, 386, 387 in der Şehit Muhtar Mahalle, die Blöcke mit den Nummern 593, 594 in der Bülbül Mahalle, der Block mit der Nummer 338 in Hüseyinağa Mahalle. 112 http://www.tarlabasi360.com/tr/tarlabasinda-yarin/proje-hakkinda 113 Die Eski Çesme Gasse und die Fıçıcı Abdi Gasse 114 Beispielsweise hat der Block Nr.360 nur einen Haupteingang vom Boulevard, der Block Nr.361 ist über einen Gehsteig verbunden und der Block Nr.363 hat nur einen hervorgehobenen Eingang. 115 Im Bereich, wo heute kein einziger Parkplatz zu inden ist, sind Parkplätze für 1.200 Autos vorgesehen. 116 Während im Projektbereich vorher 3.500 Menschen wohnten, sind im Projekt nur Wohnungen für 1867 Personen vorgesehen. 117 Natürlich kann der letztere Teil der Frage Agamben zufolge auch so artikuliert werden: „sondern vielmehr die Experten der Ausnahme sind“ 118 Die Registrierung der Bauten als denkmalgeschützt wurde in Tarlabaşı eigentlich nicht fertiggestellt. Ünlü behauptet, dass während seiner Arbeiten im Feld nur 26% der Bauten, deren Registrierung empfohlen wur- den, auch wirklich registriert werden konnten. Einige von diesen zur Registrierung empfohlenen Bauten stürzten ein. (Ünlü et al. 2003) 119 Die Erneuerungskommission wurde im Mai 2007 gegründet. Hier wurden die Einreichpläne vom Juli bis Dezember diskutiert und Ende November schließlich bewilligt. 120 Im Erneuerungsprojekt wurde den Mietern das vorrangige Recht auf Erwerb einer Eigentumswohnung in Kaya- başı gewährt, ohne an einer Verlosung teilzunehmen. Im heute zu Başakşehir gehörenden Kayabaşı, das ursprüng- lich ein kleines Dorf in Waldnähe war, wurde von der TOKI eine Satellitenstadt mit 250.000 Einwohnern erbaut. 121 „Tarlabaşı‘nın tek rakibi Champs-Elysées“, Hürriyet, 1. September 2010. Erreichbar unter: http://v3.arkitera. com/h56327-tarlabasinin-tek-rakibi-champs-elys%C3%A9es.html 122 Das trat noch deutlicher zutage, als die Büros zum Verkauf freigegeben wurden: „Während ein fünfstöckiges Gebäude am Boulevard, das noch dazu als ‚Kulturobjekt’ angesehen wurde, um 761.000 TL verstaatlicht wurde, wird im ‚360ois’-Projekt ein Büro mit 100m2 um 800.000 Dollar verkaut.“ (İnce 2012) 123 http://www.tarlabasi360.com/tr/tarlabasinda-yarin/proje-hakkinda 124 „Tarlabaşı‘nda tahliye ve sökümler başladı“, Radikal, 27.August 2010. Abgerufen von. http://www.radikal.com.tr 125 „Danıştay‘dan laş ‚Tarlabaşı‘ kararı!“, Gazete Haber Türk, 18. Juli 2014. Abgerufen von. http://www.haberturk.com 126 „Tarlabaşı sakinleri AİHM‘ye başvurdu“, Gazete Haber Türk, 30. April 2010. Abgerufen von. http://www. haberturk.com 127 „Uluslararası Af Örgütü‘nden ‚Tarlabaşı‘ uyarısı“, Radikal, 18. Juli 2011. 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