Sonett – Wikipedia
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Ein
Sonett
(Plural: Sonette, von
lateinisch
sonare
‚tönen, klingen‘,
sonus
‚Klang, Schall‘ und
italienisch
sonetto
) ist eine
Gedichtform
aus 14
metrisch
gegliederten
Verszeilen
, die in unterschiedlich lange Abschnitte eingeteilt ist. Der Name bedeutet „kleines Tonstück“ (vgl. „
Sonate
“) und wurde im deutschen
Barock
als „Klinggedicht“ übersetzt.
Aufbau und Varianten
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Die 14 Zeilen eines Sonetts gliedern sich in der italienischen Originalform in vier kurze Abschnitte: zwei
Quartette
und zwei sich daran anschließende
Terzette
, die auch zu einem
Oktett
und einem
Sextett
zusammentreten können. Die einzelnen Verse (Zeilen) des
italienischen Sonetts
sind
Endecasillabi
(Elfsilbler) mit meist
weiblicher Kadenz
. Die Sonettform geht auf die mittelalterliche
Kanzonenstrophe
zurück, die sich ebenfalls in mehrere Abschnitte gliedert: den Aufgesang mit zwei Stollen, die den Quartetten des Sonetts entsprechen, und den Abgesang, der im Sonett in den Terzetten oder dem Sextett wiederkehrt.
In der
spanischen
und
portugiesischen
Lyrik wurde das Sonett im Ganzen nach italienischem Vorbild übernommen.
In der
französischen
Klassik war das bevorzugte
Versmaß
der
Alexandriner
, ein
jambischer Sechsheber
mit
Zäsur
in der Mitte, der Dramenvers der französischen Klassik. Diese Form des Sonetts wird nach
Pierre de Ronsard
auch
Ronsard-Sonett
genannt.
In der
deutschen
Dichtung der
Barockzeit
, der ersten
Rezeptionsphase
des Sonetts, war ebenfalls der Alexandriner dessen bevorzugtes Versmaß. Seit
A.
W. Schlegel
gilt aber, wie in Italien, der jambische Fünfheber als Idealform. Dessen
Kadenz
kann weiblich (11
Silben) oder männlich (10
Silben) sein und weist folgendes
Reimschema
auf:
[abba abba cdc dcd]
oder
[abba cddc eef ggf]
In den beiden Terzetten kamen jedoch zu allen Zeiten viele Varianten vor, beispielsweise
[abba abba ccd eed]
[abba abba cde cde]
[abba abba ccd dee]
[abba abba cde ecd]
In die
englische
Literatur hielt das Sonett im 16. Jahrhundert Einzug. Sehr schnell wurde die Form geändert: Auf drei Quartette folgt ein zweizeiliges
heroic couplet
. Das Versmaß ist wiederum der
jambische Fünfheber
, seltener mit weiblicher, häufiger mit männlicher Kadenz. Das englische Sonett wird nach dem bedeutendsten Dichter auch als
Shakespeare-Sonett
oder nach der ersten Blütezeit dieser lyrischen Form als
Elisabethanisches Sonett
bezeichnet. Sein Reimschema lautet
[abab cdcd efef gg]
Sonettzyklen
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Oft werden mehrere Sonette zu größeren
Zyklen
zusammengestellt:
Tenzone
: Streitgespräch zwischen zwei Dichtern, wobei in einer strengen Form die Reim-Endungen des vorangehenden Sonetts aufgegriffen werden.
Sonett(en)kranz
: Der Sonettenkranz ist gefügt aus 14
1 Einzelsonetten, wobei jedes Sonett in der Anfangszeile die Schlusszeile des vorangehenden aufnimmt. Aus den 14 Schlusszeilen ergibt sich in unveränderter Reihenfolge das 15. oder Meistersonett.
Hunderttausend Milliarden Gedichte
von
Raymond Queneau
, 1961 (literarischer
Hypertext
avant la lettre)
Sonettennetz
: Das Sonettennetz ist eine von
Thomas Krüger
erstmals im Gedichtband „Im Grübelschilf“
entwickelte Gedicht-Form, die die Form des Sonettenkranzes weiterentwickelt, wobei allerdings die 14 Basissonette nicht durch wieder aufgenommene Zeilen verbunden sind. Bei einem Sonettennetz werden 14 Sonette gegeben, deren parallele Verse im Sinne eines Geflechtes wiederum 14 neue Sonette ergeben. Der Reiz dabei ist, dass aus den 14 Basis-Sonetten 14 neue Sonette abgeleitet werden, ohne dass neue Zeilen hinzugefügt werden. Wie beim Sonettenkranz aus den 14 Schlusszeilen ein neues 15. Sonett entsteht, so entstehen beim Sonettennetz aus den ersten Zeilen, in unveränderter Reihenfolge aneinandergefügt, ein weiteres Sonett, desgleichen gilt für alle zweiten Zeilen und für alle dritten Zeilen usw. Das Reimschema
[abba abba ccd eed]
wird auch bei den 14 abgeleiteten Sonetten beibehalten. Man erhält in der Summe schließlich 28 Sonette.
Poetischer Inhalt
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Ideale inhaltliche Strukturierungen sind:
im italienischen Sonett:
These
im 1. Quartett
Antithese
im 2. Quartett
Synthese
in den Terzetten
alternativ ebenfalls im italienischen Sonett:
These in den Quartetten
Antithese in den Terzetten
im englischen Sonett:
These in den ersten beiden Quartetten
Antithese im dritten Quartett
aphorismusartige Synthese im Couplet.
Geschichte
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Beginn in Italien im 13. Jahrhundert
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Illuminierte Handschrift mit dem ersten Sonett des
Canzoniere
von Petrarca
Der Ursprung des Sonetts liegt in
Italien
, in der ersten Hälfte des
13. Jahrhunderts
Es wurde im Umfeld des staufischen Kaisers
Friedrich
II.
vor 1250 durch die
Sizilianische Dichterschule
aus der
Kanzonenstrophe
entwickelt. Vermutlich war der Notar
Giacomo da Lentini
der „Erfinder“ des Sonetts.
Gelegentlich wird auch eine Verwandtschaft mit bestimmten Formen der arabischen Lyrik vermutet. (Arabisch, obwohl im Lauf des 13. Jhs. sukzessive zurückgedrängt, war neben sizilianischem Italienisch Verkehrssprache in Palermo.
Die Gedichte aus der ersten Hälfte des 13. Jahrhunderts wiesen alle das gleiche Muster auf, das später von den Meistern der Sonettkunst, Petrarca und seinen Nachfolgern, übernommen wurde: Sonette bestanden stets aus vierzehn elfsilbigen Versen, die in eine Oktave bzw. ein Oktett und ein Sextett aufgeteilt waren.
Die Oktave unterlag einer Zweizeilerstruktur aus alternierenden Reimen (
[abababab]
). Die beiden Quartette (oder das Oktett) und die nachfolgenden Terzette (oder das Sextett) trennte ein rhetorischer Neuansatz. Das Reimschema der beiden Terzette war unterschiedlich, meist
[cde cde]
, aber es gab auch Varianten.
Diese Gruppe der ältesten bekannten Sonette umfasst 19 Gedichte. Fünfzehn von
Giacomo da Lentini
, je eines von
Jacopo Mostacci
und
Pier delle Vigne
(auch
Petrus de Vinea
) und zwei weitere vom Abt des Klosters Tivoli. Eine genauere Datierung der überlieferten Texte des Dichterkreises um Friedrich
II. (auch der Kaiser selbst dichtete, wenn auch keine Sonette) ist nicht möglich.
Auch die Dichter des
Dolce stil novo
wie
Dante
verwendeten unter anderem die Sonettform. Die wichtigste lyrische Gattung ist sie im
Canzoniere
von
Francesco Petrarca
(1304–1374), einer durchstrukturierten Gedichtsammlung in der Volkssprache, an der er von 1338 bis kurz vor seinem Tode arbeitete.
Das Werk findet vom Anfang des 16. bis zum Beginn des 17. Jahrhunderts zahlreiche Nachahmer, auch in anderen Sprachen (
Shakespeares Sonette
). Man spricht vom
Petrarkismus
bzw. vom
Petrarca-Sonett
Petrarcas Zeitgenosse
Antonio da Tempo
beschrieb in seinem Buch „Summa artis rithmici“ schon 16 Reimvarianten des Sonetts. Vier dieser Formen wurden später zur hohen Sonettdichtung gezählt, die vier Arten, die Petrarca in seinem
Canzoniere
nutzte: die umschlingenden (
[abba abba]
) und die alternierenden Reime für die Oktave, die dreireimige Form (
[cde cde]
) und die alternierende Form (
[cdc dcd]
) für das Sextett.
Ausbreitung über Europa bis zum deutschen Barock
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Michelangelo Buonarroti: Sonett an Giovanni da Pistoia sowie eine Selbstkarikatur bei der Arbeit an der
Sixtinischen Kapelle
. Feder und braune Tinte.
Casa Buonarroti
, Florenz
Nach einer ersten Blüte bei
Petrarca
und
Dante
– ein berühmter Petrarkist und Sonettdichter war später auch
Michelangelo
(1475–1564) – und der sofortigen Rezeption in hebräischer Sprache durch
Immanuel ha-Romi
verbreitete sich das Sonett im ganzen romanischen Kulturraum, im 16. Jahrhundert auch in England und Deutschland, wenig später dann in den Niederlanden und Skandinavien. Der älteste bekannte deutsche Sonettzyklus stammt von
Johann Fischart
. Mit der
Romantik
wurde das Sonett auch in den slawischen Ländern populär.
Um 1450 gelangte das petrarkistische Sonett nach Spanien (
Íñigo López de Mendoza
) und in der ersten Hälfte des 16. Jahrhunderts nach Portugal (
Francisco de Sá de Miranda
später
Luís de Camões
). In der Mitte des Jahrhunderts kam es nach Frankreich (
Louise Labé
Joachim du Bellay
Pierre de Ronsard
) sowie gegen Ende desselben nach Holland und Deutschland.
In Frankreich, wie später in Deutschland, erfuhr der Sprachrhythmus eine wesentliche Änderung. Das von den Italienern bevorzugte elfsilbige Versmaß fand im Französischen nicht immer eine Entsprechung. Viele französische Dichter verwendeten daher den
Alexandriner
, den klassischen Dramenvers, ein zwölf- bzw. dreizehnsilbiges Maß mit Zäsur nach Silbe 6 oder 7. Diese metrische Besonderheit wurde von den deutschen Dichtern des
Barock
als
jambischer Sechsheber
mit einer Mittelzäsur adaptiert.
William Shakespeare
hat mit
Shake Speare's Sonnets
(1609) den nach Petrarcas
Canzoniere
wohl berühmtesten Sonettenzyklus aller Zeiten geschaffen. Viele Lyriker haben sich an der Übersetzung seiner Sonette erprobt und geschult.
Sonnet 1 aus Shakespeares Sonetten, Erstdruck 1609
In England gab es eine bedeutende Sonettkultur unter den Dichtern der elisabethanischen Epoche (
Philip Sidney
Edmund Spenser
Michael Drayton
Samuel Daniel
u.
v.
a.). Vor allem
William Shakespeare
(1564–1616) brachte das petrarkistische Liebessonett in der besonderen Form des elisabethanischen Sonetts (drei Quartette und abschließendes Couplet, hier wie im Italienischen stets im
jambischen Fünfheber
) 1609 zu einer letzten Blüte.
Bedeutend für die Einführung des Sonetts in Deutschland waren
Georg Rudolf Weckherlin
und die Poetik von
Martin Opitz
. Als eigenständige aussagekräftige Form gewinnt das Sonett allerdings erst Bedeutung bei
Andreas Gryphius
, wenn auch in der Alexandriner-Form Frankreichs. Der Petrarkismus war bei Gryphius aber längst verlassen. Gryphius vereinte das Sonett mit den Zielen religiöser Dichtung (etwa dem
Vanitas
gedanken der Zeit) und verarbeitete im Sonett die Schrecken des
Dreißigjährigen Krieges
Eine Besonderheit im Ursprungsland der Form stellen die „sonetti romaneschi“ des römischen Volksdichters
Giuseppe Gioacchino Belli
(1791–1863) dar. Belli bediente sich meisterhaft der alten Form zum Zweck einer realistischen Berichterstattung über seine römische Umwelt in weit über 2000 Sonetten.
Das Sonett in Deutschland seit dem späten 18. Jahrhundert
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Sonett vom 3.
April 1816 „zum 67.
Geburtstag“ von einem unbekannten Autor
Nach dieser Blütezeit folgte eine Zeit, in der die überbeanspruchte Form von den Dichtern gemieden oder die Regeln bewusst gebrochen wurden, bis die Form zaghaft im späten 18. Jahrhundert wiederentdeckt wurde.
An ernsthafter Bedeutung gewann das Sonett wieder mit
Gottfried August Bürgers
Gedichtsammlung von 1789. Bürger nutzte für seine Sonette den zu dieser Zeit durch die Shakespeare-Rezeption modern gewordenen jambischen Fünfheber.
Sein Schüler
August Wilhelm Schlegel
machte das Sonett mit seiner Poetik und seinen Gedichten zu einem hervorgehobenen Paradigma der deutschen Romantik. Die Themen des Sonetts wendeten sich der Kunstphilosophie zu. Es entstanden Sonette auf Gemälde oder Musikstücke.
Wie zuvor rief die angesehene Form aber auch steten Spott hervor. Sonett-Liebhaber und Sonett-Gegner führten einen regelrechten Krieg gegeneinander. Unter diesen Bedingungen bezog auch
Johann Wolfgang von Goethe
Position und versuchte sich sehr erfolgreich an Sonetten. Während der antinapoleonischen Befreiungskämpfe wurde das Sonett zum politischen Sonett (vgl.
Friedrich Rückerts
„Geharnischte Sonette“, 1814).
Durch das
Junge Deutschland
und den
Vormärz
wurde das Sonett zu der am häufigsten verwendeten lyrischen Form der Zeit. Für diese Epoche steht u.
a.
August von Platen-Hallermünde
, vor allem mit den berühmten
Sonetten aus Venedig
Im
Symbolismus
fand das Sonett neue Bewertung durch
Stefan George
(vor allem in dessen Übersetzungen),
Hugo von Hofmannsthal
und
Rainer Maria Rilke
. Auch in der Lyrik des
Expressionismus
trat es auf; es hatte dort den Untergang der alten Werte oder Groteskes und Komisches widerzuspiegeln. Unter den expressionistischen Dichtern bedienten sich
Georg Heym
Georg Trakl
Jakob van Hoddis
Theodor Däubler
Paul Zech
und
Alfred Wolfenstein
der Form des Sonetts.
Der verbrecherischen Gewalt des nationalsozialistischen Staates stellte
Reinhold Schneider
christliche Gesinnung in der streng geordneten Sprache seiner Sonette entgegen. Sie wurden damals in einer Art
Samisdat
verbreitet und konnten erst nach dem Ende des Krieges gedruckt werden (vgl. die
Olympischen Sonette
Jochen Kleppers
von 1936, veröffentlicht 1947; jetzt in: ders.:
Ziel der Zeit
). In und nach dem Zweiten Weltkrieg klammerten sich Verfolgte und Eingekerkerte (
Albrecht Haushofers
Moabiter Sonette
“, 1946), Emigranten und Überlebende an die strenge Form des Sonetts.
Das Sonett wurde in den 1950er bis 1970er Jahren in der BRD wenig gepflegt (
Christoph Meckel
Volker von Törne
Robert Wohlleben
Klaus M. Rarisch
). Die Sonette, die geschrieben wurden, zeigen nicht selten die Sonettform als eine sinnentleerte Form vor. Dagegen richtet sich
Robert Gernhardts
bekanntestes neueres komisches Sonett
Materialien zu einer Kritik der bekanntesten Gedichtform italienischen Ursprungs
aus dem Jahr 1979, in der das
lyrische Ich
wortreich und
ironisch
erklärt, Sonette „beschissen“ zu finden.
In der DDR wurde das Sonett von der
Sächsischen Dichterschule
Karl Mickel
Rainer Kirsch
und andere) häufig aufgegriffen und produktiv weiterentwickelt. Seit Ende der 1970er Jahre werden wieder mehr Sonette geschrieben, zum Beispiel von
Andreas Altmann
Achim Amme
Ernst-Jürgen Dreyer
Eugen Gomringer
Durs Grünbein
Ulla Hahn
und
Stefan Heyer
. In der jüngeren Generation ist diese Gedichtform unter anderem bei
Jan Wagner
zu finden.
Weitere bedeutende Sonettdichter
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Stéphane Mallarmé
Le Tombeau d’Edgar Poe
, Sonett auf
Edgar Allan Poe
aus dem Jahre 1876.
Im Englischen wurde das Sonett um 1800 von
William Wordsworth
und anderen romantischen Dichtern wiederaufgenommen und etablierte sich als eine der beliebtesten Gedichtformen des 19. Jahrhunderts. Berühmt wurden
Elizabeth Barrett Brownings
Sonnets from the Portuguese
von 1850. Erste experimentelle Ansätze finden sich in
George Merediths
Sequenz
Modern Love
(1862), die das Scheitern seiner Ehe in auf 16 Zeilen erweiterten Sonetten darstellt, und radikaler in den lautmalerischen Sonetten von
Gerard Manley Hopkins
. Im frühen 20. Jahrhundert tritt der Amerikaner
Robert Frost
mit existentialistisch aufgeladenen Naturbetrachtungen als bedeutendster Sonettdichter seines Landes hervor. Die Postmoderne um
Robert Lowell
und
John Berryman
entdeckt das Sonett für ihre dekonstruktivistische Poetik und macht es damit für experimentelle Ansätze bis in die Gegenwart interessant. Auch afroamerikanische Dichter eignen sich die europäische Form an, um ihren Anspruch auf Teilhabe an der literarischen Tradition zu untermauern.
Ein bedeutender französischer Sonettdichter war in der Mitte des 19. Jahrhunderts
Charles Baudelaire
. In seinem Hauptwerk „
Les Fleurs du Mal
“ sind etwa die Hälfte der Gedichte in Form von Sonetten geschrieben. Auch
Stéphane Mallarmé
und
Arthur Rimbaud
schrieben formvollendete Sonette. Bei äußerlich eingehaltener Strenge sind bei den Letztgenannten zugleich innere Auflösungstendenzen des Sonetts hin zu einer mehr gleitenden, freieren Verwendung der Form zu erkennen. Während die Sonette des Expressionismus an die Rauheit der Sonette Rimbauds anknüpfen, wird der schwebend-luftige Ton der Sonette Mallarmés am ehesten von Rilke in den
Sonetten an Orpheus
dem Deutschen anverwandelt und weitergeführt.
Beispiele
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Francesco Petrarca
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Io canterei d'amor sí novamente
ch'al duro fiancho il dí mille sospiri
trarrei per forza, et mille alti desiri
raccenderei ne la gelata mente;
e 'l bel viso vedrei cangiar sovente,
et bagnar gli occhi, et piú pietosi giri
far, come suol chi de gli altrui martiri
et del suo error quando non val si pente;
et le rose vermiglie in fra le neve
mover da l'òra, et discovrir l'avorio
che fa di marmo chi da presso 'l guarda;
e tutto quel per che nel viver breve
non rincresco a me stesso, anzi mi glorio
d'esser servato a la stagion piú tarda.
Francesco Petrarca
Sonett 131
10
So neuer Art wollt’ ich von Liebe künden,
Daß harter Bruſt ich tauſendfaches Stöhnen
Täglich entpreßt’ und tauſendfältig Sehnen
In kaltem Herzen drin ſich müßt entzünden;
Verfärbt würd’ oft ich ſchönes Antlitz finden,
Mitleidiger den Blick, getaucht in Thränen,
Wie Solche pflegen, die ob eignem Wähnen
Und fremder Schmach vergebens Reu’ empfinden;
Säh’ rothe Roſen, die in Schneen weben,
Vom Hauch bewegt das Elfenbein enthüllen,
Das den von Marmor macht, der’s nah gewahret,
Und alles das, warum im kurzen Leben
Ich nicht verzweifle, ja um deſſentwillen
Ich ſtolz mich ſeh’ für letzte Zeit geſparet.
Übersetzung:
Karl August Förster
11
William Shakespeare
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Hauptartikel
Shakespeares Sonette
Let me not to the marriage of true minds
Admit impediments. Love is not love
Which alters when it alteration finds,
Or bends with the remover to remove:
O, no! it is an ever-fixed mark,
That looks on tempests and is never shaken;
It is the star to every wandering bark,
Whose worth’s unknown, although his height be taken.
Love’s not Time’s fool, though rosy lips and cheeks
Within his bending sickle’s compass come;
Love alters not with his brief hours and weeks,
But bears it out even to the edge of doom.
If this be error and upon me proved,
I never writ, nor no man ever loved.
William Shakespeare
Sonnet CXVI
12
Nichts kann den Bund zwei treuer Herzen hindern,
Die wahrhaft gleichgestimmt. Lieb’ ist nicht Liebe,
Die Trennung oder Wechsel könnte mindern,
Die nicht unwandelbar im Wandel bliebe.
O nein! Sie ist ein ewig festes Ziel,
Das unerschüttert bleibt in Sturm und Wogen,
Ein Stern für jeder irren Barke Kiel, –
Kein Höhenmaß hat seinen Werth erwogen.
Lieb’ ist kein Narr der Zeit, ob Rosenmunde
Und Wangen auch verblühn im Lauf der Zeit –
Sie aber wechselt nicht mit Tag und Stunde,
Ihr Ziel ist endlos, wie die Ewigkeit.
Wenn dies bei mir als Irrthum sich ergiebt,
So schrieb ich nie, hat nie ein Mann geliebt.
Übersetzung:
Friedrich von Bodenstedt
13
Nichts löst die Bande, die die Liebe bindet.
Sie wäre keine, könnte hin sie schwinden,
weil, was sie liebt, ihr einmal doch entschwindet;
und wäre sie nicht Grund, sich selbst zu gründen.
Sie steht und leuchtet wie der hohe Turm,
der Schiffe lenkt und leitet durch die Wetter,
der Schirmende, und ungebeugt vom Sturm,
der immer wartend unbedankte Retter.
Lieb' ist nicht Spott der Zeit, sei auch der Lippe,
die küssen konnte, Lieblichkeit dahin;
nicht endet sie durch jene Todeshippe.
Sie währt und wartet auf den Anbeginn.
Ist Wahrheit nicht, was hier durch mich wird kund,
dann schrieb ich nie, schwur Liebe nie ein Mund.
Übersetzung:
Karl Kraus
14
(Diese und 9 weitere Nachdichtungen des 116. Sonetts auf deutsche-liebeslyrik.de
15
; insgesamt gibt es mehr als 80 Übersetzungen des Gedichts ins Deutsche.)
Andreas Gryphius
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Wir sindt doch nuhnmer gantz, ja mehr den gantz verheret!
Der frechen völcker schaar, die rasende posaun
Das vom blutt fette schwerdt, die donnernde Carthaun
Hatt aller schweis vnd fleiß vnd vorrath auff gezehret.
Die türme stehn in glutt, die Kirch ist vmgekehret.
Das Rahthaus ligt im grauß, die starcken sind zerhawn,
Die Jungfrawn sind geschändt, vnd wo wir hin nur schawn,
Ist fewer, pest, vnd todt, der hertz vndt geist durchfehret.
Hier durch die schantz vnd Stadt rint alzeit frisches blutt.
Dreymall sindt schon sechs jahr, als vnser ströme flutt,
Von so viel leichen schwer, sich langsam fortgedrungen.
Doch schweig ich noch von dem, was ärger als der todt,
Was grimmer den die pest vndt glutt vndt hungers noth,
Das nun der Selen schatz so vielen abgezwungen.
Andreas Gryphius
Thränen deß Vaterlandes anno 1636
16
Johann Wolfgang von Goethe
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Natur und Kunst, sie scheinen sich zu fliehen
Und haben sich, eh’ man es denkt, gefunden;
Der Widerwille ist auch mir verschwunden,
Und beide scheinen gleich mich anzuziehen.
Es gilt wohl nur ein redliches Bemühen!
Und wenn wir erst, in abgemessnen Stunden,
Mit Geist und Fleiß uns an die Kunst gebunden,
Mag frei Natur im Herzen wieder glühen.
So ist’s mit aller Bildung auch beschaffen.
Vergebens werden ungebundne Geister
Nach der Vollendung reiner Höhe streben.
Wer Großes will, muss sich zusammenraffen.
In der Beschränkung zeigt sich erst der Meister,
Und das Gesetz nur kann uns Freiheit geben.
Johann Wolfgang von Goethe
Natur und Kunst
17
18
Heinrich Heine
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Im tollen Wahn hatt’ ich dich einst verlassen,
Ich wollte gehn die ganze Welt zu Ende,
Und wollte sehn ob ich die Liebe fände,
Um liebevoll die Liebe zu umfassen.
Die Liebe suchte ich auf allen Gassen,
Vor jeder Thüre streckt’ ich aus die Hände,
Und bettelte um gringe Liebesspende, –
Doch lachend gab man mir nur kaltes Hassen.
Und immer irrte ich nach Liebe, immer
Nach Liebe, doch die Liebe fand ich nimmer,
Und kehrte um nach Hause, krank und trübe.
Doch da bist du entgegen mir gekommen,
Und ach! was da in deinem Aug’ geschwommen,
Das war die süße, langgesuchte Liebe.
Heinrich Heine
Im tollen Wahn hatt’ ich dich einst verlassen
19
Georg Trakl
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Verhallend eines Gongs braungoldne Klänge –
Ein Liebender erwacht in schwarzen Zimmern
Die Wang’ an Flammen, die im Fenster flimmern.
Am Strome blitzen Segel, Masten, Stränge.
Ein Mönch, ein schwangres Weib dort im Gedränge.
Guitarren klimpern, rote Kittel schimmern.
Kastanien schwül in goldnem Glanz verkümmern;
Schwarz ragt der Kirchen trauriges Gepränge.
Aus bleichen Masken schaut der Geist des Bösen.
Ein Platz verdämmert grauenvoll und düster;
Am Abend regt auf Inseln sich Geflüster.
Des Vogelfluges wirre Zeichen lesen
Aussätzige, die zur Nacht vielleicht verwesen.
Im Park erblicken zitternd sich Geschwister.
Georg Trakl
Traum des Bösen
20
August Wilhelm Schlegel
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Zwei Reime heiß’ ich viermal kehren wieder,
Und stelle sie, getheilt, in gleiche Reihen,
Daß hier und dort zwei eingefaßt von zweien
Im Doppelchore schweben auf und nieder.
Dann schlingt des Gleichlauts Kette durch zwei Glieder
Sich freier wechselnd, jegliches von dreien.
In solcher Ordnung, solcher Zahl gedeihen
Die zartesten und stolzesten der Lieder.
Den werd’ ich nie mit meinen Zeilen kränzen,
Dem eitle Spielerei mein Wesen dünket,
Und Eigensinn die künstlichen Gesetze.
Doch, wem in mir geheimer Zauber winket,
Dem leih’ ich Hoheit, Füll’ in engen Gränzen.
Und reines Ebenmaß der Gegensätze.
August Wilhelm Schlegel
Das Sonett
21
Quantitative Untersuchungen
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Auch die
Quantitative Literaturwissenschaft
hat sich mit Sonetten unter sehr verschiedenen Aspekten befasst. Einen neuen Überblick am Beispiel von Sonetten aus einigen Sprachen findet man bei Andreev, Místecký und Altmann (2018).
22
Literatur
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Andreas Böhn
Das zeitgenössische deutschsprachige Sonett. Vielfalt und Aktualität einer literarischen Form
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Thomas Borgstedt
Topik des Sonetts. Gattungstheorie und Gattungsgeschichte
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Tradition und Avantgarde. Das Sonett im Expressionismus
. Baden-Baden 2022,
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Jörg-Ulrich Fechner (Hrsg.):
Das Deutsche Sonett. Dichtungen – Gattungspoetik – Dokumente
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John Fuller
The Sonnet.
London 1972.
Erika Greber
Evi Zemanek
(Hrsg.):
Sonett-Künste: Mediale Transformationen einer klassischen Gattung.
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Ursula Hennigfeld
Der ruinierte Körper. Petrarkistische Sonette in transkultureller Perspektive
. Würzburg 2008.
Max Jasinski:
Histoire du Sonnet en France.
Douai 1903 (Nachdr. Genève 1970).
Friedhelm Kemp
Das europäische Sonett
. 2 Bände. Göttingen 2006.
Michael Mertes
experimenta sonettologica - laborversuche mit der bekanntesten gedichtform italienischen ursprungs.
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ISBN 978-3-9816420-9-4
Heinz Mitlacher:
Moderne Sonettgestaltung.
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Walter Mönch
Das Sonett. Gestalt und Geschichte.
Heidelberg 1955.
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Theorien des Sonetts
. In:
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Zwischen Tradition und Innovation. Das Sonett in der amerikanischen Literatur des zwanzigsten Jahrhunderts.
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Dirk Schindelbeck
& >Alexander Rosner:
Tropfenfänger & Kreisende Kolben. Deutsche Markensonette 2.0.15.
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Hans Jürgen Schlütter:
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Jochen Vogt
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3., durchgesehene und aktualisierte Auflage. München 2002.
Heinrich Welti
Geschichte des Sonettes in der deutschen Dichtung. Mit einer Einleitung über Heimat, Entstehung und Wesen der Sonettform.
Leipzig 1884.
Weblinks
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Commons
: Sonett
– Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien
Wiktionary: Sonett
– Bedeutungserklärungen, Wortherkunft, Synonyme, Übersetzungen
Martin Opitz:
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. Breslau 1624
beim
Projekt Gutenberg-DE
Online-Fachlexikon der Kinder- und Jugendmedien:
Sonett
Zehn schottische Sonette
(en)
Anmerkungen
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Volker Kapp (Hrsg.):
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Obras Completas. Texto fixado, notas e prefácio pelo Prof. M. Rodrigues Lapa.
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Erniedrigen – um zu erhöhen. Sonettistische Sonettkritik bei Robert Gernhardt und einigen seiner Vorläufer.
In: Klaus H. Kiefer, Armin Schäfer, Hans-Walter Schmidt-Hannisa (Hrsg.):
Das Gedichtete behauptet sein Recht. Festschrift für Walter Gebhard zum 65. Geburtstag.
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Robert Gernhardt: Theorie und Lyrik. Erfolgreiche komische Literatur in ihrem gesellschaftlichen und medialen Kontext
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. Jackson 2018.
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bei Google Books), Bd.
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Zitiert nach:
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Verlag der Königlichen Geheimen Ober-Hofbuchdruckerei, Berlin 1866, S.
171 (hier 142. Sonett;
Digitalisat
im
Internet Archive
Shakespeares Sonette. Nachdichtung von Karl Kraus.
Verlag Die Fackel, Wien / Leipzig 1933, unpaginiert.
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abgerufen am 11.
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Andreas Gryphius
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Was wir bringen
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Info:
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@1
@2
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Heinrich Heine
Buch der Lieder
. Hoffmann & Campe, Hamburg 1827,
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Volltext
in der Google-Buchsuche).
Die Dichtungen von Georg Trakl.
Kurt Wolff Verlag, Leipzig o.
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August Wilhelm von Schlegel:
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(online)
Sergey Andreev, Michal Místecký,
Gabriel Altmann
Sonnets: Quantitative Inquiries
. RAM-Verlag, Lüdenscheid 2018.
ISBN 978-3-942303-71-2
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